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Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754.

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II. Theil 15. Hauptstück.
man in seiner oder einer gemeinschaftlichen
Wand Fenster machen darf, die in des an-
dern Hof gehen, um Licht in seinem Gebäu-
de zu haben; die Servitut der Aussicht
(servitus prospiciendi, seu prospectus),
wenn der Nachbar leiden muß, daß wir Fen-
ster in unserem Gebäude haben, daraus man
in seines sehen kann. Man nennt aber er-
leuchtende Fenster
(fenestrae luciferae),
wodurch das Licht in unsere Gebäude fällt;
hingegen Fenster zur Aussicht (fenestrae
prospectivae),
wodurch wir eine Aussicht in
Oerter haben, die einem andern zugehören,
z. E. in seinen Hof, oder Garten. Die Ser-
vitut das Licht nicht zu benehmen
(ser-
vitus ne officiatur luminibus)
nennt man,
wenn einer in seinem Gut nichts machen
darf, wodurch einiges Licht, was wir in un-
serm Gebäude haben, verdunckelt oder ver-
mindert wird; die Servitut aber die
Aussicht nicht zu hindern
(servitus ne
prospectui officiatur),
wenn man nichts ma-
chen darf, wodurch die freye Aussicht auf
alle Oerter, die dem Nachbar angenehm und
zu seinem Vergnügen dienen, auf einige Wei-
se verhindert wird. Die Servitut die
Traufe abzuwenden,
oder herzuleiten
(servitus stillicidii avertendi, vel recipiendi),
wenn einer gehalten ist zu leiden, daß der
Nachbar das Regenwasser, welches von sei-
nem Dache tröpfelt, oder durch Rinnen her-
abfließt, auf sein Dach, seinen Grund und

Boden,

II. Theil 15. Hauptſtuͤck.
man in ſeiner oder einer gemeinſchaftlichen
Wand Fenſter machen darf, die in des an-
dern Hof gehen, um Licht in ſeinem Gebaͤu-
de zu haben; die Servitut der Ausſicht
(ſervitus proſpiciendi, ſeu proſpectus),
wenn der Nachbar leiden muß, daß wir Fen-
ſter in unſerem Gebaͤude haben, daraus man
in ſeines ſehen kann. Man nennt aber er-
leuchtende Fenſter
(feneſtræ luciferæ),
wodurch das Licht in unſere Gebaͤude faͤllt;
hingegen Fenſter zur Ausſicht (feneſtræ
proſpectivæ),
wodurch wir eine Ausſicht in
Oerter haben, die einem andern zugehoͤren,
z. E. in ſeinen Hof, oder Garten. Die Ser-
vitut das Licht nicht zu benehmen
(ſer-
vitus ne officiatur luminibus)
nennt man,
wenn einer in ſeinem Gut nichts machen
darf, wodurch einiges Licht, was wir in un-
ſerm Gebaͤude haben, verdunckelt oder ver-
mindert wird; die Servitut aber die
Ausſicht nicht zu hindern
(ſervitus ne
proſpectui officiatur),
wenn man nichts ma-
chen darf, wodurch die freye Ausſicht auf
alle Oerter, die dem Nachbar angenehm und
zu ſeinem Vergnuͤgen dienen, auf einige Wei-
ſe verhindert wird. Die Servitut die
Traufe abzuwenden,
oder herzuleiten
(ſervitus ſtillicidii avertendi, vel recipiendi),
wenn einer gehalten iſt zu leiden, daß der
Nachbar das Regenwaſſer, welches von ſei-
nem Dache troͤpfelt, oder durch Rinnen her-
abfließt, auf ſein Dach, ſeinen Grund und

Boden,
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[494/0530] II. Theil 15. Hauptſtuͤck. man in ſeiner oder einer gemeinſchaftlichen Wand Fenſter machen darf, die in des an- dern Hof gehen, um Licht in ſeinem Gebaͤu- de zu haben; die Servitut der Ausſicht (ſervitus proſpiciendi, ſeu proſpectus), wenn der Nachbar leiden muß, daß wir Fen- ſter in unſerem Gebaͤude haben, daraus man in ſeines ſehen kann. Man nennt aber er- leuchtende Fenſter (feneſtræ luciferæ), wodurch das Licht in unſere Gebaͤude faͤllt; hingegen Fenſter zur Ausſicht (feneſtræ proſpectivæ), wodurch wir eine Ausſicht in Oerter haben, die einem andern zugehoͤren, z. E. in ſeinen Hof, oder Garten. Die Ser- vitut das Licht nicht zu benehmen (ſer- vitus ne officiatur luminibus) nennt man, wenn einer in ſeinem Gut nichts machen darf, wodurch einiges Licht, was wir in un- ſerm Gebaͤude haben, verdunckelt oder ver- mindert wird; die Servitut aber die Ausſicht nicht zu hindern (ſervitus ne proſpectui officiatur), wenn man nichts ma- chen darf, wodurch die freye Ausſicht auf alle Oerter, die dem Nachbar angenehm und zu ſeinem Vergnuͤgen dienen, auf einige Wei- ſe verhindert wird. Die Servitut die Traufe abzuwenden, oder herzuleiten (ſervitus ſtillicidii avertendi, vel recipiendi), wenn einer gehalten iſt zu leiden, daß der Nachbar das Regenwaſſer, welches von ſei- nem Dache troͤpfelt, oder durch Rinnen her- abfließt, auf ſein Dach, ſeinen Grund und Boden,

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Zitationshilfe: Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754, S. 494. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754/530>, abgerufen am 16.10.2019.