Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754.

Bild:
<< vorherige Seite

III. Th. 1. A. 1. H. Von der Herrschaft
ungehorsam zu seyn. Es erhellet aber
leicht, daß wer einem andern unterthä-
nig ist, in Ansehung der Handlungen,
worauf jener ein Recht hat, nicht frey
sey
(§. 77.); folglich daß wer sich dem
andern freywillig unterwirft, auf sei-
ne natürliche Freyheit in Ansehung der
Handlungen Verzicht thue, worauf er
dem andern ein Recht einräumet
(§.
340.).

§. 836.
Von der
Gesell-
schaft u.
dem dar-
aus ent-
springen-
den Rech-
te nebst
der Ver-
bindlich-
keit.

Die Gesellschaft (societas) überhaupt
ist ein Vertrag, oder gleichsam ein Vertrag
mit gemeinschaftlichen Kräften eine gewisse
Absicht zu erhalten. Die Menge der Men-
schen selbst, welche um eine gewisse Absicht
zu erhalten in eine Gesellschaft treten, pflegt
auch eine Gesellschaft (societas) genannt
zu werden. Die Gesellschaften sind also
nach den Absichten, welche man zu er-
langen trachtet, oder um deren wil-
len man sich darein begiebet, unter-
schieden.
Die welche sich zusammen in eine
Gesellschaft begeben, werden Mitglieder
(membra societatis, socii) genannt. Ein
jedes Mitglied der Gesellschaft ist
also
das zu thun verbunden, was es zur
Erhaltung der Absicht thun kann, und
was insbesondere verabredet worden,
daß es geschehen soll
(§. 438.); folglich
haben die Mitglieder der Gesellschaft
das Recht einen, der ein Mitglied ist,

anzu-

III. Th. 1. A. 1. H. Von der Herrſchaft
ungehorſam zu ſeyn. Es erhellet aber
leicht, daß wer einem andern unterthaͤ-
nig iſt, in Anſehung der Handlungen,
worauf jener ein Recht hat, nicht frey
ſey
(§. 77.); folglich daß wer ſich dem
andern freywillig unterwirft, auf ſei-
ne natuͤrliche Freyheit in Anſehung der
Handlungen Verzicht thue, worauf er
dem andern ein Recht einraͤumet
(§.
340.).

§. 836.
Von der
Geſell-
ſchaft u.
dem dar-
aus ent-
ſpringen-
den Rech-
te nebſt
der Ver-
bindlich-
keit.

Die Geſellſchaft (ſocietas) uͤberhaupt
iſt ein Vertrag, oder gleichſam ein Vertrag
mit gemeinſchaftlichen Kraͤften eine gewiſſe
Abſicht zu erhalten. Die Menge der Men-
ſchen ſelbſt, welche um eine gewiſſe Abſicht
zu erhalten in eine Geſellſchaft treten, pflegt
auch eine Geſellſchaft (ſocietas) genannt
zu werden. Die Geſellſchaften ſind alſo
nach den Abſichten, welche man zu er-
langen trachtet, oder um deren wil-
len man ſich darein begiebet, unter-
ſchieden.
Die welche ſich zuſammen in eine
Geſellſchaft begeben, werden Mitglieder
(membra ſocietatis, ſocii) genannt. Ein
jedes Mitglied der Geſellſchaft iſt
alſo
das zu thun verbunden, was es zur
Erhaltung der Abſicht thun kann, und
was insbeſondere verabredet worden,
daß es geſchehen ſoll
(§. 438.); folglich
haben die Mitglieder der Geſellſchaft
das Recht einen, der ein Mitglied iſt,

anzu-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p><pb facs="#f0650" n="614"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#aq">III.</hi><hi rendition="#b">Th. 1. A. 1. H. Von der Herr&#x017F;chaft</hi></fw><lb/><hi rendition="#fr">ungehor&#x017F;am zu &#x017F;eyn.</hi> Es erhellet aber<lb/>
leicht, <hi rendition="#fr">daß wer einem andern untertha&#x0364;-<lb/>
nig i&#x017F;t, in An&#x017F;ehung der Handlungen,<lb/>
worauf jener ein Recht hat, nicht frey<lb/>
&#x017F;ey</hi> (§. 77.); folglich <hi rendition="#fr">daß wer &#x017F;ich dem<lb/>
andern freywillig unterwirft, auf &#x017F;ei-<lb/>
ne natu&#x0364;rliche Freyheit in An&#x017F;ehung der<lb/>
Handlungen Verzicht thue, worauf er<lb/>
dem andern ein Recht einra&#x0364;umet</hi> (§.<lb/>
340.).</p>
              </div><lb/>
              <div n="5">
                <head>§. 836.</head><lb/>
                <note place="left">Von der<lb/>
Ge&#x017F;ell-<lb/>
&#x017F;chaft u.<lb/>
dem dar-<lb/>
aus ent-<lb/>
&#x017F;pringen-<lb/>
den Rech-<lb/>
te neb&#x017F;t<lb/>
der Ver-<lb/>
bindlich-<lb/>
keit.</note>
                <p>Die <hi rendition="#fr">Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft</hi> <hi rendition="#aq">(&#x017F;ocietas)</hi> u&#x0364;berhaupt<lb/>
i&#x017F;t ein Vertrag, oder gleich&#x017F;am ein Vertrag<lb/>
mit gemein&#x017F;chaftlichen Kra&#x0364;ften eine gewi&#x017F;&#x017F;e<lb/>
Ab&#x017F;icht zu erhalten. Die Menge der Men-<lb/>
&#x017F;chen &#x017F;elb&#x017F;t, welche um eine gewi&#x017F;&#x017F;e Ab&#x017F;icht<lb/>
zu erhalten in eine Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft treten, pflegt<lb/>
auch eine <hi rendition="#fr">Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft</hi> <hi rendition="#aq">(&#x017F;ocietas)</hi> genannt<lb/>
zu werden. <hi rendition="#fr">Die Ge&#x017F;ell&#x017F;chaften &#x017F;ind</hi> al&#x017F;o<lb/><hi rendition="#fr">nach den Ab&#x017F;ichten, welche man zu er-<lb/>
langen trachtet, oder um deren wil-<lb/>
len man &#x017F;ich darein begiebet, unter-<lb/>
&#x017F;chieden.</hi> Die welche &#x017F;ich zu&#x017F;ammen in eine<lb/>
Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft begeben, werden <hi rendition="#fr">Mitglieder</hi><lb/><hi rendition="#aq">(membra &#x017F;ocietatis, &#x017F;ocii)</hi> genannt. <hi rendition="#fr">Ein<lb/>
jedes Mitglied der Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft i&#x017F;t</hi> al&#x017F;o<lb/><hi rendition="#fr">das zu thun verbunden, was es zur<lb/>
Erhaltung der Ab&#x017F;icht thun kann, und<lb/>
was insbe&#x017F;ondere verabredet worden,<lb/>
daß es ge&#x017F;chehen &#x017F;oll</hi> (§. 438.); folglich<lb/><hi rendition="#fr">haben die Mitglieder der Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft<lb/>
das Recht einen, der ein Mitglied i&#x017F;t,</hi><lb/>
<fw place="bottom" type="catch"><hi rendition="#fr">anzu-</hi></fw><lb/></p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[614/0650] III. Th. 1. A. 1. H. Von der Herrſchaft ungehorſam zu ſeyn. Es erhellet aber leicht, daß wer einem andern unterthaͤ- nig iſt, in Anſehung der Handlungen, worauf jener ein Recht hat, nicht frey ſey (§. 77.); folglich daß wer ſich dem andern freywillig unterwirft, auf ſei- ne natuͤrliche Freyheit in Anſehung der Handlungen Verzicht thue, worauf er dem andern ein Recht einraͤumet (§. 340.). §. 836. Die Geſellſchaft (ſocietas) uͤberhaupt iſt ein Vertrag, oder gleichſam ein Vertrag mit gemeinſchaftlichen Kraͤften eine gewiſſe Abſicht zu erhalten. Die Menge der Men- ſchen ſelbſt, welche um eine gewiſſe Abſicht zu erhalten in eine Geſellſchaft treten, pflegt auch eine Geſellſchaft (ſocietas) genannt zu werden. Die Geſellſchaften ſind alſo nach den Abſichten, welche man zu er- langen trachtet, oder um deren wil- len man ſich darein begiebet, unter- ſchieden. Die welche ſich zuſammen in eine Geſellſchaft begeben, werden Mitglieder (membra ſocietatis, ſocii) genannt. Ein jedes Mitglied der Geſellſchaft iſt alſo das zu thun verbunden, was es zur Erhaltung der Abſicht thun kann, und was insbeſondere verabredet worden, daß es geſchehen ſoll (§. 438.); folglich haben die Mitglieder der Geſellſchaft das Recht einen, der ein Mitglied iſt, anzu-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754/650
Zitationshilfe: Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754, S. 614. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754/650>, abgerufen am 21.08.2019.