Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867.

Bild:
<< vorherige Seite
Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren.
Achtes Capitel.
Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren.

Jedes flüssige Theilchen fällt in Folge der Einwirkung der77
Ausströmen aus
Gefässen.
Toricelli'sches
Theorem.

Schwere auf dieselbe Weise wie ein fester Körper zur Erde. Wenn
aber eine ganze Flüssigkeitsmasse in Fallbewegung geräth, so werden
die einzelnen Molecüle derselben wegen ihrer geringen Cohäsion leicht
von einander getrennt. Jede Flüssigkeit hat daher beim freien Fall
die Neigung sich in einzelne Tropfen aufzulösen. Man kann diese
Trennung verhindern, indem man entweder die Fallbewegung beträcht-
lich verlangsamt, dadurch z. B. dass man die Flüssigkeit auf einer
schiefen Ebene von mässiger Neigung herabfliessen lässt, oder indem
man die Flüssigkeit sich innerhalb eines Gefässes bewegen lässt, wo,
wenn die einzelnen Theilchen derselben sich von einander trennen
sollten, ein luftleerer Raum entstehen müsste, und wo daher der Luft-
druck die Cohäsion der Flüssigkeitstheilchen unterstützt. Diese Fälle,
in welchen sich die Flüssigkeit in einem zusammenhängenden Strome
bewegt, unterscheiden sich nun aber dadurch von der Bewegung fester
Körper, dass jedes Theilchen der Flüssigkeit nicht bloss durch seine
eigene Schwere, sondern auch, wie dies aus dem Princip der Fort-
pflanzung des Drucks hervorgeht, durch die Schwere aller der Theil-
chen bewegt wird, die sich über ihm befinden.

Diese verschiedenen Fälle der Bewegung einer Flüssigkeit kann
man an einem Cylinder, wie in Fig. 44, zur Anschauung bringen, der

[Abbildung] Fig. 44.
in seinem Boden eine Oeffnung o s besitzt und
bis zum Niveau m n mit Flüssigkeit gefüllt ist.
Der Flüssigkeitsstrahl, der aus der Oeffnung o s
herausstürzt, befindet sich von hier an im freien
Fall. Die Flüssigkeit innerhalb des Gefässes be-
findet sich dagegen in einer continuirlichen Be-
wegung nach der Oeffnung hin, an der, weil der
Druck nach allen Richtungen gleichmässig sich
fortpflanzt, die ganze im Gefäss befindliche Flüs-
sigkeit Theil nimmt. Denken wir uns, statt des
mittleren der Oeffnung entsprechenden Flüssig-
keitscylinders o s l r befände sich ein fester
Körper in dem Gefäss, so würde dieser in dem Moment, in welchem
o s geöffnet wird, in Fallbewegung kommen, seine Geschwindigkeit
würde von null anfangend gemäss dem Fallgesetz beschleunigt wer-
den. Da nun aber o s l r eine Flüssigkeitssäule ist, so wirkt, schon
bevor das Gefäss geöffnet wird, auf die Flüssigkeitsschichte o s der
Druck des ganzen Flüssigkeitscylinders o s l r. Wird nun o s geöff-
net, so bewegt sich daher die unterste Flüssigkeitsschichte nicht bloss

Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren.
Achtes Capitel.
Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren.

Jedes flüssige Theilchen fällt in Folge der Einwirkung der77
Ausströmen aus
Gefässen.
Toricelli’sches
Theorem.

Schwere auf dieselbe Weise wie ein fester Körper zur Erde. Wenn
aber eine ganze Flüssigkeitsmasse in Fallbewegung geräth, so werden
die einzelnen Molecüle derselben wegen ihrer geringen Cohäsion leicht
von einander getrennt. Jede Flüssigkeit hat daher beim freien Fall
die Neigung sich in einzelne Tropfen aufzulösen. Man kann diese
Trennung verhindern, indem man entweder die Fallbewegung beträcht-
lich verlangsamt, dadurch z. B. dass man die Flüssigkeit auf einer
schiefen Ebene von mässiger Neigung herabfliessen lässt, oder indem
man die Flüssigkeit sich innerhalb eines Gefässes bewegen lässt, wo,
wenn die einzelnen Theilchen derselben sich von einander trennen
sollten, ein luftleerer Raum entstehen müsste, und wo daher der Luft-
druck die Cohäsion der Flüssigkeitstheilchen unterstützt. Diese Fälle,
in welchen sich die Flüssigkeit in einem zusammenhängenden Strome
bewegt, unterscheiden sich nun aber dadurch von der Bewegung fester
Körper, dass jedes Theilchen der Flüssigkeit nicht bloss durch seine
eigene Schwere, sondern auch, wie dies aus dem Princip der Fort-
pflanzung des Drucks hervorgeht, durch die Schwere aller der Theil-
chen bewegt wird, die sich über ihm befinden.

Diese verschiedenen Fälle der Bewegung einer Flüssigkeit kann
man an einem Cylinder, wie in Fig. 44, zur Anschauung bringen, der

[Abbildung] Fig. 44.
in seinem Boden eine Oeffnung o s besitzt und
bis zum Niveau m n mit Flüssigkeit gefüllt ist.
Der Flüssigkeitsstrahl, der aus der Oeffnung o s
herausstürzt, befindet sich von hier an im freien
Fall. Die Flüssigkeit innerhalb des Gefässes be-
findet sich dagegen in einer continuirlichen Be-
wegung nach der Oeffnung hin, an der, weil der
Druck nach allen Richtungen gleichmässig sich
fortpflanzt, die ganze im Gefäss befindliche Flüs-
sigkeit Theil nimmt. Denken wir uns, statt des
mittleren der Oeffnung entsprechenden Flüssig-
keitscylinders o s l r befände sich ein fester
Körper in dem Gefäss, so würde dieser in dem Moment, in welchem
o s geöffnet wird, in Fallbewegung kommen, seine Geschwindigkeit
würde von null anfangend gemäss dem Fallgesetz beschleunigt wer-
den. Da nun aber o s l r eine Flüssigkeitssäule ist, so wirkt, schon
bevor das Gefäss geöffnet wird, auf die Flüssigkeitsschichte o s der
Druck des ganzen Flüssigkeitscylinders o s l r. Wird nun o s geöff-
net, so bewegt sich daher die unterste Flüssigkeitsschichte nicht bloss

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0129" n="107"/>
          <fw place="top" type="header">Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren.</fw><lb/>
          <div n="3">
            <head><hi rendition="#g">Achtes Capitel</hi>.<lb/>
Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren.</head><lb/>
            <p>Jedes flüssige Theilchen fällt in Folge der Einwirkung der<note place="right">77<lb/>
Ausströmen aus<lb/>
Gefässen.<lb/>
Toricelli&#x2019;sches<lb/>
Theorem.</note><lb/>
Schwere auf dieselbe Weise wie ein fester Körper zur Erde. Wenn<lb/>
aber eine ganze Flüssigkeitsmasse in Fallbewegung geräth, so werden<lb/>
die einzelnen Molecüle derselben wegen ihrer geringen Cohäsion leicht<lb/>
von einander getrennt. Jede Flüssigkeit hat daher beim freien Fall<lb/>
die Neigung sich in einzelne Tropfen aufzulösen. Man kann diese<lb/>
Trennung verhindern, indem man entweder die Fallbewegung beträcht-<lb/>
lich verlangsamt, dadurch z. B. dass man die Flüssigkeit auf einer<lb/>
schiefen Ebene von mässiger Neigung herabfliessen lässt, oder indem<lb/>
man die Flüssigkeit sich innerhalb eines Gefässes bewegen lässt, wo,<lb/>
wenn die einzelnen Theilchen derselben sich von einander trennen<lb/>
sollten, ein luftleerer Raum entstehen müsste, und wo daher der Luft-<lb/>
druck die Cohäsion der Flüssigkeitstheilchen unterstützt. Diese Fälle,<lb/>
in welchen sich die Flüssigkeit in einem zusammenhängenden Strome<lb/>
bewegt, unterscheiden sich nun aber dadurch von der Bewegung fester<lb/>
Körper, dass jedes Theilchen der Flüssigkeit nicht bloss durch seine<lb/>
eigene Schwere, sondern auch, wie dies aus dem Princip der Fort-<lb/>
pflanzung des Drucks hervorgeht, durch die Schwere aller der Theil-<lb/>
chen bewegt wird, die sich über ihm befinden.</p><lb/>
            <p>Diese verschiedenen Fälle der Bewegung einer Flüssigkeit kann<lb/>
man an einem Cylinder, wie in Fig. 44, zur Anschauung bringen, der<lb/><figure><head>Fig. 44.</head></figure><lb/>
in seinem Boden eine Oeffnung o s besitzt und<lb/>
bis zum Niveau m n mit Flüssigkeit gefüllt ist.<lb/>
Der Flüssigkeitsstrahl, der aus der Oeffnung o s<lb/>
herausstürzt, befindet sich von hier an im freien<lb/>
Fall. Die Flüssigkeit innerhalb des Gefässes be-<lb/>
findet sich dagegen in einer continuirlichen Be-<lb/>
wegung nach der Oeffnung hin, an der, weil der<lb/>
Druck nach allen Richtungen gleichmässig sich<lb/>
fortpflanzt, die ganze im Gefäss befindliche Flüs-<lb/>
sigkeit Theil nimmt. Denken wir uns, statt des<lb/>
mittleren der Oeffnung entsprechenden Flüssig-<lb/>
keitscylinders o s l r befände sich ein fester<lb/>
Körper in dem Gefäss, so würde dieser in dem Moment, in welchem<lb/>
o s geöffnet wird, in Fallbewegung kommen, seine Geschwindigkeit<lb/>
würde von null anfangend gemäss dem Fallgesetz beschleunigt wer-<lb/>
den. Da nun aber o s l r eine Flüssigkeitssäule ist, so wirkt, schon<lb/>
bevor das Gefäss geöffnet wird, auf die Flüssigkeitsschichte o s der<lb/>
Druck des ganzen Flüssigkeitscylinders o s l r. Wird nun o s geöff-<lb/>
net, so bewegt sich daher die unterste Flüssigkeitsschichte nicht bloss<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[107/0129] Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren. Achtes Capitel. Das Ausströmen aus Gefässen und der Stromlauf in starren Röhren. Jedes flüssige Theilchen fällt in Folge der Einwirkung der Schwere auf dieselbe Weise wie ein fester Körper zur Erde. Wenn aber eine ganze Flüssigkeitsmasse in Fallbewegung geräth, so werden die einzelnen Molecüle derselben wegen ihrer geringen Cohäsion leicht von einander getrennt. Jede Flüssigkeit hat daher beim freien Fall die Neigung sich in einzelne Tropfen aufzulösen. Man kann diese Trennung verhindern, indem man entweder die Fallbewegung beträcht- lich verlangsamt, dadurch z. B. dass man die Flüssigkeit auf einer schiefen Ebene von mässiger Neigung herabfliessen lässt, oder indem man die Flüssigkeit sich innerhalb eines Gefässes bewegen lässt, wo, wenn die einzelnen Theilchen derselben sich von einander trennen sollten, ein luftleerer Raum entstehen müsste, und wo daher der Luft- druck die Cohäsion der Flüssigkeitstheilchen unterstützt. Diese Fälle, in welchen sich die Flüssigkeit in einem zusammenhängenden Strome bewegt, unterscheiden sich nun aber dadurch von der Bewegung fester Körper, dass jedes Theilchen der Flüssigkeit nicht bloss durch seine eigene Schwere, sondern auch, wie dies aus dem Princip der Fort- pflanzung des Drucks hervorgeht, durch die Schwere aller der Theil- chen bewegt wird, die sich über ihm befinden. 77 Ausströmen aus Gefässen. Toricelli’sches Theorem. Diese verschiedenen Fälle der Bewegung einer Flüssigkeit kann man an einem Cylinder, wie in Fig. 44, zur Anschauung bringen, der [Abbildung Fig. 44.] in seinem Boden eine Oeffnung o s besitzt und bis zum Niveau m n mit Flüssigkeit gefüllt ist. Der Flüssigkeitsstrahl, der aus der Oeffnung o s herausstürzt, befindet sich von hier an im freien Fall. Die Flüssigkeit innerhalb des Gefässes be- findet sich dagegen in einer continuirlichen Be- wegung nach der Oeffnung hin, an der, weil der Druck nach allen Richtungen gleichmässig sich fortpflanzt, die ganze im Gefäss befindliche Flüs- sigkeit Theil nimmt. Denken wir uns, statt des mittleren der Oeffnung entsprechenden Flüssig- keitscylinders o s l r befände sich ein fester Körper in dem Gefäss, so würde dieser in dem Moment, in welchem o s geöffnet wird, in Fallbewegung kommen, seine Geschwindigkeit würde von null anfangend gemäss dem Fallgesetz beschleunigt wer- den. Da nun aber o s l r eine Flüssigkeitssäule ist, so wirkt, schon bevor das Gefäss geöffnet wird, auf die Flüssigkeitsschichte o s der Druck des ganzen Flüssigkeitscylinders o s l r. Wird nun o s geöff- net, so bewegt sich daher die unterste Flüssigkeitsschichte nicht bloss

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867/129
Zitationshilfe: Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867, S. 107. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867/129>, abgerufen am 03.08.2020.