Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867.

Bild:
<< vorherige Seite

Von der Schwere.
vorgehoben, dass die Einflüsse, welche eine Verzweigung in eine
grössere Anzahl von Collateralgefässen auf den Seitendruck im An-
fang des Systems ausübt, immer zum Theil sich compensiren, indem
Vergrösserung des Gesammtquerschnitts und Vergrösserung der be-
rührenden Fläche einander entgegenwirken. Wird nun ein Collateral-
gefäss plötzlich unwegsam gemacht (z. B. durch Unterbindung), so
wird hierdurch ein bedeutender Widerstand eingeführt, und der Sei-
tendruck muss daher steigen. Wenn sich ein Gefäss in mehrere Col-
lateraläste von verschiedener Weite und Länge verzweigt, so gelten
hierfür die in §. 82 entwickelten Gesetze, nach welchen im Allge-
meinen die Verzweigung begünstigend wirkt für die Blutgeschwin-
digkeit.

Neuntes Capitel.
Von der Wellenbewegung der Flüssigkeiten.

85
Entstehung der
Flüssigkeits-
wellen.

Wir haben uns bisher ausschliesslich mit der geradlinigen
Fortbewegung
der Flüssigkeiten beschäftigt, und nur jene an die-
selbe unmittelbar sich anschliessenden Fälle einer krummlinigen Be-
wegung mit in Rücksicht gezogen, die durch Einwirkung der Schwere
auf eine durch einen horizontal gerichteten Stoss in Bewegung ge-
setzte Flüssigkeit entstehen und vollständig den Wurfbewegungen
fester Körper entsprechen (S. den Schluss von §. 77). Nun bieten
aber die Flüssigkeiten vermöge der Beschaffenheit ihres Aggregatzu-
standes das besondere Verhalten dar, dass sehr häufig die geradlinige
Fortbewegung einer Flüssigkeitsmasse mit einer Wellenbewegung
sich combinirt. So bildet eine in einer Rinne abfliessende Flüssigkeit,
sobald ihr Zufluss nicht völlig gleichförmig geschieht, Wellen auf ihrer
Oberfläche. Ein Fluss bildet Wellen, wenn in seinem Strombett be-
trächtliche Unebenheiten vorhanden sind, oder wenn die Oberfläche
des Wassers durch Winde in Bewegung gesetzt wird. Stets liegt die
Ursache einer solchen Wellenbewegung darin, dass die Theilchen einer
Flüssigkeit in jeder Richtung gegen einander verschiebbar sind. So-
bald daher, neben der Ursache, welche die geradlinige Fortbewegung
der Flüssigkeitsmasse erzeugt, noch andere Ursachen einwirken, die
das Gleichgewicht der einzelnen Flüssigkeitstheilchen stören, so folgt
ein jedes Theilchen beiderlei Impulsen. Zugleich schwingen hierbei
die Flüssigkeitstheilchen vermöge der Geschwindigkeit, die sie durch
die Gleichgewichtsstörung erfahren haben, noch einige Zeit nach dem
Aufhören derselben im gleichen Sinne fort, bevor sie wieder in eine
vollkommen geradlinige Fortbewegung übergehen oder zur Ruhe kom-
men. Um das complicirte Phänomen der Bewegung solcher in Wellen-
schwingungen befindlicher Flüssigkeiten zu verstehen, müssen wir zu-

Von der Schwere.
vorgehoben, dass die Einflüsse, welche eine Verzweigung in eine
grössere Anzahl von Collateralgefässen auf den Seitendruck im An-
fang des Systems ausübt, immer zum Theil sich compensiren, indem
Vergrösserung des Gesammtquerschnitts und Vergrösserung der be-
rührenden Fläche einander entgegenwirken. Wird nun ein Collateral-
gefäss plötzlich unwegsam gemacht (z. B. durch Unterbindung), so
wird hierdurch ein bedeutender Widerstand eingeführt, und der Sei-
tendruck muss daher steigen. Wenn sich ein Gefäss in mehrere Col-
lateraläste von verschiedener Weite und Länge verzweigt, so gelten
hierfür die in §. 82 entwickelten Gesetze, nach welchen im Allge-
meinen die Verzweigung begünstigend wirkt für die Blutgeschwin-
digkeit.

Neuntes Capitel.
Von der Wellenbewegung der Flüssigkeiten.

85
Entstehung der
Flüssigkeits-
wellen.

Wir haben uns bisher ausschliesslich mit der geradlinigen
Fortbewegung
der Flüssigkeiten beschäftigt, und nur jene an die-
selbe unmittelbar sich anschliessenden Fälle einer krummlinigen Be-
wegung mit in Rücksicht gezogen, die durch Einwirkung der Schwere
auf eine durch einen horizontal gerichteten Stoss in Bewegung ge-
setzte Flüssigkeit entstehen und vollständig den Wurfbewegungen
fester Körper entsprechen (S. den Schluss von §. 77). Nun bieten
aber die Flüssigkeiten vermöge der Beschaffenheit ihres Aggregatzu-
standes das besondere Verhalten dar, dass sehr häufig die geradlinige
Fortbewegung einer Flüssigkeitsmasse mit einer Wellenbewegung
sich combinirt. So bildet eine in einer Rinne abfliessende Flüssigkeit,
sobald ihr Zufluss nicht völlig gleichförmig geschieht, Wellen auf ihrer
Oberfläche. Ein Fluss bildet Wellen, wenn in seinem Strombett be-
trächtliche Unebenheiten vorhanden sind, oder wenn die Oberfläche
des Wassers durch Winde in Bewegung gesetzt wird. Stets liegt die
Ursache einer solchen Wellenbewegung darin, dass die Theilchen einer
Flüssigkeit in jeder Richtung gegen einander verschiebbar sind. So-
bald daher, neben der Ursache, welche die geradlinige Fortbewegung
der Flüssigkeitsmasse erzeugt, noch andere Ursachen einwirken, die
das Gleichgewicht der einzelnen Flüssigkeitstheilchen stören, so folgt
ein jedes Theilchen beiderlei Impulsen. Zugleich schwingen hierbei
die Flüssigkeitstheilchen vermöge der Geschwindigkeit, die sie durch
die Gleichgewichtsstörung erfahren haben, noch einige Zeit nach dem
Aufhören derselben im gleichen Sinne fort, bevor sie wieder in eine
vollkommen geradlinige Fortbewegung übergehen oder zur Ruhe kom-
men. Um das complicirte Phänomen der Bewegung solcher in Wellen-
schwingungen befindlicher Flüssigkeiten zu verstehen, müssen wir zu-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0142" n="120"/><fw place="top" type="header">Von der Schwere.</fw><lb/>
vorgehoben, dass die Einflüsse, welche eine Verzweigung in eine<lb/>
grössere Anzahl von Collateralgefässen auf den Seitendruck im An-<lb/>
fang des Systems ausübt, immer zum Theil sich compensiren, indem<lb/>
Vergrösserung des Gesammtquerschnitts und Vergrösserung der be-<lb/>
rührenden Fläche einander entgegenwirken. Wird nun ein Collateral-<lb/>
gefäss plötzlich unwegsam gemacht (z. B. durch Unterbindung), so<lb/>
wird hierdurch ein bedeutender Widerstand eingeführt, und der Sei-<lb/>
tendruck muss daher steigen. Wenn sich ein Gefäss in mehrere Col-<lb/>
lateraläste von verschiedener Weite und Länge verzweigt, so gelten<lb/>
hierfür die in §. 82 entwickelten Gesetze, nach welchen im Allge-<lb/>
meinen die Verzweigung begünstigend wirkt für die Blutgeschwin-<lb/>
digkeit.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head><hi rendition="#g">Neuntes Capitel</hi>.<lb/>
Von der Wellenbewegung der Flüssigkeiten.</head><lb/>
            <note place="left">85<lb/>
Entstehung der<lb/>
Flüssigkeits-<lb/>
wellen.</note>
            <p>Wir haben uns bisher ausschliesslich mit der <hi rendition="#g">geradlinigen<lb/>
Fortbewegung</hi> der Flüssigkeiten beschäftigt, und nur jene an die-<lb/>
selbe unmittelbar sich anschliessenden Fälle einer krummlinigen Be-<lb/>
wegung mit in Rücksicht gezogen, die durch Einwirkung der Schwere<lb/>
auf eine durch einen horizontal gerichteten Stoss in Bewegung ge-<lb/>
setzte Flüssigkeit entstehen und vollständig den Wurfbewegungen<lb/>
fester Körper entsprechen (S. den Schluss von §. 77). Nun bieten<lb/>
aber die Flüssigkeiten vermöge der Beschaffenheit ihres Aggregatzu-<lb/>
standes das besondere Verhalten dar, dass sehr häufig die geradlinige<lb/>
Fortbewegung einer Flüssigkeitsmasse mit einer <hi rendition="#g">Wellenbewegung</hi><lb/>
sich combinirt. So bildet eine in einer Rinne abfliessende Flüssigkeit,<lb/>
sobald ihr Zufluss nicht völlig gleichförmig geschieht, Wellen auf ihrer<lb/>
Oberfläche. Ein Fluss bildet Wellen, wenn in seinem Strombett be-<lb/>
trächtliche Unebenheiten vorhanden sind, oder wenn die Oberfläche<lb/>
des Wassers durch Winde in Bewegung gesetzt wird. Stets liegt die<lb/>
Ursache einer solchen Wellenbewegung darin, dass die Theilchen einer<lb/>
Flüssigkeit in jeder Richtung gegen einander verschiebbar sind. So-<lb/>
bald daher, neben der Ursache, welche die geradlinige Fortbewegung<lb/>
der Flüssigkeitsmasse erzeugt, noch andere Ursachen einwirken, die<lb/>
das Gleichgewicht der einzelnen Flüssigkeitstheilchen stören, so folgt<lb/>
ein jedes Theilchen beiderlei Impulsen. Zugleich schwingen hierbei<lb/>
die Flüssigkeitstheilchen vermöge der Geschwindigkeit, die sie durch<lb/>
die Gleichgewichtsstörung erfahren haben, noch einige Zeit nach dem<lb/>
Aufhören derselben im gleichen Sinne fort, bevor sie wieder in eine<lb/>
vollkommen geradlinige Fortbewegung übergehen oder zur Ruhe kom-<lb/>
men. Um das complicirte Phänomen der Bewegung solcher in Wellen-<lb/>
schwingungen befindlicher Flüssigkeiten zu verstehen, müssen wir zu-<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[120/0142] Von der Schwere. vorgehoben, dass die Einflüsse, welche eine Verzweigung in eine grössere Anzahl von Collateralgefässen auf den Seitendruck im An- fang des Systems ausübt, immer zum Theil sich compensiren, indem Vergrösserung des Gesammtquerschnitts und Vergrösserung der be- rührenden Fläche einander entgegenwirken. Wird nun ein Collateral- gefäss plötzlich unwegsam gemacht (z. B. durch Unterbindung), so wird hierdurch ein bedeutender Widerstand eingeführt, und der Sei- tendruck muss daher steigen. Wenn sich ein Gefäss in mehrere Col- lateraläste von verschiedener Weite und Länge verzweigt, so gelten hierfür die in §. 82 entwickelten Gesetze, nach welchen im Allge- meinen die Verzweigung begünstigend wirkt für die Blutgeschwin- digkeit. Neuntes Capitel. Von der Wellenbewegung der Flüssigkeiten. Wir haben uns bisher ausschliesslich mit der geradlinigen Fortbewegung der Flüssigkeiten beschäftigt, und nur jene an die- selbe unmittelbar sich anschliessenden Fälle einer krummlinigen Be- wegung mit in Rücksicht gezogen, die durch Einwirkung der Schwere auf eine durch einen horizontal gerichteten Stoss in Bewegung ge- setzte Flüssigkeit entstehen und vollständig den Wurfbewegungen fester Körper entsprechen (S. den Schluss von §. 77). Nun bieten aber die Flüssigkeiten vermöge der Beschaffenheit ihres Aggregatzu- standes das besondere Verhalten dar, dass sehr häufig die geradlinige Fortbewegung einer Flüssigkeitsmasse mit einer Wellenbewegung sich combinirt. So bildet eine in einer Rinne abfliessende Flüssigkeit, sobald ihr Zufluss nicht völlig gleichförmig geschieht, Wellen auf ihrer Oberfläche. Ein Fluss bildet Wellen, wenn in seinem Strombett be- trächtliche Unebenheiten vorhanden sind, oder wenn die Oberfläche des Wassers durch Winde in Bewegung gesetzt wird. Stets liegt die Ursache einer solchen Wellenbewegung darin, dass die Theilchen einer Flüssigkeit in jeder Richtung gegen einander verschiebbar sind. So- bald daher, neben der Ursache, welche die geradlinige Fortbewegung der Flüssigkeitsmasse erzeugt, noch andere Ursachen einwirken, die das Gleichgewicht der einzelnen Flüssigkeitstheilchen stören, so folgt ein jedes Theilchen beiderlei Impulsen. Zugleich schwingen hierbei die Flüssigkeitstheilchen vermöge der Geschwindigkeit, die sie durch die Gleichgewichtsstörung erfahren haben, noch einige Zeit nach dem Aufhören derselben im gleichen Sinne fort, bevor sie wieder in eine vollkommen geradlinige Fortbewegung übergehen oder zur Ruhe kom- men. Um das complicirte Phänomen der Bewegung solcher in Wellen- schwingungen befindlicher Flüssigkeiten zu verstehen, müssen wir zu-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867/142
Zitationshilfe: Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867, S. 120. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867/142>, abgerufen am 03.08.2020.