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Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867.

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des Bildes diente ihm das Ophthalmometer, dessen Theorie und Anwendung wir spä-
ter (in §. 197) kennen lernen werden.

Zehntes Capitel.
Verhältniss von Brechungs- und Dispersionskraft.

164
Maass der Dis-
persionskraft.
Mittleres Bre-
chungsvermö-
gen.

Wollte man statt der gewöhnlich für die Bestimmung des Bre-
chungsexponenten benützten Linie E des Spektrums (Fig. 119) irgend
eine andere Linie desselben, etwa eine solche die im Roth oder im
Violett liegt, anwenden, so würde man völlig abweichende Werthe er-
halten; von zwei Prismen, welche denselben brechenden Winkel ha-
ben, lenkt nämlich offenbar dasjenige mit dem stärkeren Brechungs-
exponenten die brechbarsten Strahlen verhältnissmässig stärker ab als
die minder brechbaren, es legt also das ganze Spektrum weiter aus-
einander. Denn diejenigen Strahlen, welche an der ersten Fläche
stärker gebrochen werden, fallen eben desshalb auf die zweite Fläche
unter einem schieferen Winkel auf. Man kann den Unterschied der
Brechungsexponenten der rothen und der violetten Strahlen, die wir mit
nr und nv bezeichnen wollen, als das Maass der durch ein Prisma aus
bestimmter Substanz erzeugten Dispersion ansehen. Man wählt für
nv gewöhnlich die Linie H, für nr die Linie B im Spektrum (s. Fig.
119). Die genannte Differenz beträgt z. B. für Flintglas 0,0433, für
Kronglas 0,0207, während der Brechungsexponent für die Linie E be-
stimmt für das erstere 1,642, für das letztere 1,533 ist. Hat man die
Länge des ganzen Spektrums, die als die totale Dispersion bezeich-
net wird, ermittelt, so ist damit jedoch nicht die Länge irgend eines
Theils derselben, also der Abstand irgend zweier näher bei einander
gelegener dunkler Linien gegeben, sondern diese partielle Dispersion
kann für die einzelnen Theile des Spektrums eine sehr verschiedene sein.
Hieraus resultirt aber eine grosse Mannigfaltigkeit der durch Prismen
aus verschiedenen Substanzen gewonnenen Spektren, da mit der Länge
des Spektrums immer auch die Breite der einzelnen farbigen Streifen
desselben bedeutend variirt. Substanzen von nahezu gleichem mitt-
lerem Brechungsvermögen (d. h. für eine mittlere dunkle Linie E)
können ferner doch schon eine ziemlich verschiedene zerstreuende
Kraft haben. Um die optischen Eigenschaften einer Substanz genü-
gend festzustellen, ist es daher zweckmässig neben dem mittleren
Brechungsexponenten n noch die Dispersionskraft, d. h. die Differenz
nv -- nr, anzugeben.


165
Achromatische
Prismen.

Die Thatsache, dass die Brechungs- und Dispersionskraft ver-
schiedener Substanzen nicht in gleichem Verhältniss zu- oder abneh-
men, giebt uns ein Mittel an die Hand, das in §. 157 angegebene
Verfahren der Brechung in zwei hinter einander gelegenen Prismen,

Von dem Lichte.
des Bildes diente ihm das Ophthalmometer, dessen Theorie und Anwendung wir spä-
ter (in §. 197) kennen lernen werden.

Zehntes Capitel.
Verhältniss von Brechungs- und Dispersionskraft.

164
Maass der Dis-
persionskraft.
Mittleres Bre-
chungsvermö-
gen.

Wollte man statt der gewöhnlich für die Bestimmung des Bre-
chungsexponenten benützten Linie E des Spektrums (Fig. 119) irgend
eine andere Linie desselben, etwa eine solche die im Roth oder im
Violett liegt, anwenden, so würde man völlig abweichende Werthe er-
halten; von zwei Prismen, welche denselben brechenden Winkel ha-
ben, lenkt nämlich offenbar dasjenige mit dem stärkeren Brechungs-
exponenten die brechbarsten Strahlen verhältnissmässig stärker ab als
die minder brechbaren, es legt also das ganze Spektrum weiter aus-
einander. Denn diejenigen Strahlen, welche an der ersten Fläche
stärker gebrochen werden, fallen eben desshalb auf die zweite Fläche
unter einem schieferen Winkel auf. Man kann den Unterschied der
Brechungsexponenten der rothen und der violetten Strahlen, die wir mit
nr und nv bezeichnen wollen, als das Maass der durch ein Prisma aus
bestimmter Substanz erzeugten Dispersion ansehen. Man wählt für
nv gewöhnlich die Linie H, für nr die Linie B im Spektrum (s. Fig.
119). Die genannte Differenz beträgt z. B. für Flintglas 0,0433, für
Kronglas 0,0207, während der Brechungsexponent für die Linie E be-
stimmt für das erstere 1,642, für das letztere 1,533 ist. Hat man die
Länge des ganzen Spektrums, die als die totale Dispersion bezeich-
net wird, ermittelt, so ist damit jedoch nicht die Länge irgend eines
Theils derselben, also der Abstand irgend zweier näher bei einander
gelegener dunkler Linien gegeben, sondern diese partielle Dispersion
kann für die einzelnen Theile des Spektrums eine sehr verschiedene sein.
Hieraus resultirt aber eine grosse Mannigfaltigkeit der durch Prismen
aus verschiedenen Substanzen gewonnenen Spektren, da mit der Länge
des Spektrums immer auch die Breite der einzelnen farbigen Streifen
desselben bedeutend variirt. Substanzen von nahezu gleichem mitt-
lerem Brechungsvermögen (d. h. für eine mittlere dunkle Linie E)
können ferner doch schon eine ziemlich verschiedene zerstreuende
Kraft haben. Um die optischen Eigenschaften einer Substanz genü-
gend festzustellen, ist es daher zweckmässig neben dem mittleren
Brechungsexponenten n noch die Dispersionskraft, d. h. die Differenz
nv — nr, anzugeben.


165
Achromatische
Prismen.

Die Thatsache, dass die Brechungs- und Dispersionskraft ver-
schiedener Substanzen nicht in gleichem Verhältniss zu- oder abneh-
men, giebt uns ein Mittel an die Hand, das in §. 157 angegebene
Verfahren der Brechung in zwei hinter einander gelegenen Prismen,

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[246/0268] Von dem Lichte. des Bildes diente ihm das Ophthalmometer, dessen Theorie und Anwendung wir spä- ter (in §. 197) kennen lernen werden. Zehntes Capitel. Verhältniss von Brechungs- und Dispersionskraft. Wollte man statt der gewöhnlich für die Bestimmung des Bre- chungsexponenten benützten Linie E des Spektrums (Fig. 119) irgend eine andere Linie desselben, etwa eine solche die im Roth oder im Violett liegt, anwenden, so würde man völlig abweichende Werthe er- halten; von zwei Prismen, welche denselben brechenden Winkel ha- ben, lenkt nämlich offenbar dasjenige mit dem stärkeren Brechungs- exponenten die brechbarsten Strahlen verhältnissmässig stärker ab als die minder brechbaren, es legt also das ganze Spektrum weiter aus- einander. Denn diejenigen Strahlen, welche an der ersten Fläche stärker gebrochen werden, fallen eben desshalb auf die zweite Fläche unter einem schieferen Winkel auf. Man kann den Unterschied der Brechungsexponenten der rothen und der violetten Strahlen, die wir mit nr und nv bezeichnen wollen, als das Maass der durch ein Prisma aus bestimmter Substanz erzeugten Dispersion ansehen. Man wählt für nv gewöhnlich die Linie H, für nr die Linie B im Spektrum (s. Fig. 119). Die genannte Differenz beträgt z. B. für Flintglas 0,0433, für Kronglas 0,0207, während der Brechungsexponent für die Linie E be- stimmt für das erstere 1,642, für das letztere 1,533 ist. Hat man die Länge des ganzen Spektrums, die als die totale Dispersion bezeich- net wird, ermittelt, so ist damit jedoch nicht die Länge irgend eines Theils derselben, also der Abstand irgend zweier näher bei einander gelegener dunkler Linien gegeben, sondern diese partielle Dispersion kann für die einzelnen Theile des Spektrums eine sehr verschiedene sein. Hieraus resultirt aber eine grosse Mannigfaltigkeit der durch Prismen aus verschiedenen Substanzen gewonnenen Spektren, da mit der Länge des Spektrums immer auch die Breite der einzelnen farbigen Streifen desselben bedeutend variirt. Substanzen von nahezu gleichem mitt- lerem Brechungsvermögen (d. h. für eine mittlere dunkle Linie E) können ferner doch schon eine ziemlich verschiedene zerstreuende Kraft haben. Um die optischen Eigenschaften einer Substanz genü- gend festzustellen, ist es daher zweckmässig neben dem mittleren Brechungsexponenten n noch die Dispersionskraft, d. h. die Differenz nv — nr, anzugeben. Die Thatsache, dass die Brechungs- und Dispersionskraft ver- schiedener Substanzen nicht in gleichem Verhältniss zu- oder abneh- men, giebt uns ein Mittel an die Hand, das in §. 157 angegebene Verfahren der Brechung in zwei hinter einander gelegenen Prismen,

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Zitationshilfe: Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867, S. 246. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867/268>, abgerufen am 21.04.2019.