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Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867.

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der Schwingungsbewegung derjenige Strahl, der vorhin stärker ge-
brochen wurde, langsamer schwingen als der schwächer gebrochene.
Denken wir uns jedoch, wie in Fig. 181, eine lineare Schwingung
wieder aus circularen zusammengesetzt, die übrigens beide eine ver-
schiedene Geschwindigkeit besitzen, so wird aus der Interferenz bei-
der nunmehr eine lineare Schwingung resultiren, aber keine in der
Richtung a b, sondern eine, die, wie f g, im Sinne der Bewegung
der rascheren Schwingung, im Verhältniss zu a b gedreht ist. Diese
Richtung der resultirenden Schwingung f g wird sich zugleich conti-
nuirlich ändern: sie wird, wenn die beiden circularen Componenten
den doppelten Weg zurückgelegt haben, eine Richtung f' g' einneh-
men, die mit a b einen doppelt so grossen Winkel bildet als f g. Ist
also das auf die Quarzplatte fallende Licht nach einer bestimmten
Ebene polarisirt, so wird eine Drehung der Polarisationsebene
erfolgen, ganz so wie wir dies in §. 234 als in der That stattfindend
geschildert haben.

Dreiundzwanzigstes Capitel.
Polarisationsapparate und ihre Anwendung.

Die dargelegten Principien finden eine wichtige Anwendung bei236
Zweck der Un-
tersuchung. Das
Polarisations-
mikroskop.

der Untersuchung durchsichtiger flüssiger oder fester Körper auf ihre
doppelbrechenden und polarisirenden Eigenschaften. Diese Unter-
suchung kann entweder ihren Zweck in sich selber tragen: dies ge-
schieht namentlich bei der Anwendung der Polarisationsapparate zum
Studium der innern Textur fester Körper; oder sie kann bloss ein
Hülfsmittel im Dienste der quantitativen Analyse sein: dies findet vor-
zugsweise bei der Untersuchung der Lösungen solcher Substanzen
statt, welche nach den in §. 234 und 235 erörterten Gesetzen die Ei-
genschaft besitzen die Polarisationsebene nach rechts oder links zu
drehen, und welche auch in ihren Lösungen diese Eigenschaft noch
in geringem Grade beibehalten.

Für den zuerst angeführten Zweck sind mehrere sogenannte Po-
larisationsapparate construirt worden. Alle derartige Apparate be-
stehen aus zwei polarisirenden Vorrichtungen, einer ersten, durch
welche das Licht gelenkt wird, bevor es den zu untersuchenden Kör-
per durchsetzt, und einer zweiten, durch welche das Licht hindurch-
tritt, nachdem es den zu untersuchenden Körper verlassen hat. Man
bezeichnet die erste dieser Vorrichtungen allgemein als den Polari-
sator
, die zweite als den Analysator. Bringt man den zu unter-
suchenden Körper zwischen zwei Turmalinplatten, so ist dies der ein-
fachste Polarisationsapparat: die dem aufgefangenen Licht zugekehrte
Platte ist in diesem Fall der Polarisator, die dem Auge zugekehrte

Wundt, medicin. Physik. 23

Polarisationsapparate und ihre Anwendung.
der Schwingungsbewegung derjenige Strahl, der vorhin stärker ge-
brochen wurde, langsamer schwingen als der schwächer gebrochene.
Denken wir uns jedoch, wie in Fig. 181, eine lineare Schwingung
wieder aus circularen zusammengesetzt, die übrigens beide eine ver-
schiedene Geschwindigkeit besitzen, so wird aus der Interferenz bei-
der nunmehr eine lineare Schwingung resultiren, aber keine in der
Richtung a b, sondern eine, die, wie f g, im Sinne der Bewegung
der rascheren Schwingung, im Verhältniss zu a b gedreht ist. Diese
Richtung der resultirenden Schwingung f g wird sich zugleich conti-
nuirlich ändern: sie wird, wenn die beiden circularen Componenten
den doppelten Weg zurückgelegt haben, eine Richtung f' g' einneh-
men, die mit a b einen doppelt so grossen Winkel bildet als f g. Ist
also das auf die Quarzplatte fallende Licht nach einer bestimmten
Ebene polarisirt, so wird eine Drehung der Polarisationsebene
erfolgen, ganz so wie wir dies in §. 234 als in der That stattfindend
geschildert haben.

Dreiundzwanzigstes Capitel.
Polarisationsapparate und ihre Anwendung.

Die dargelegten Principien finden eine wichtige Anwendung bei236
Zweck der Un-
tersuchung. Das
Polarisations-
mikroskop.

der Untersuchung durchsichtiger flüssiger oder fester Körper auf ihre
doppelbrechenden und polarisirenden Eigenschaften. Diese Unter-
suchung kann entweder ihren Zweck in sich selber tragen: dies ge-
schieht namentlich bei der Anwendung der Polarisationsapparate zum
Studium der innern Textur fester Körper; oder sie kann bloss ein
Hülfsmittel im Dienste der quantitativen Analyse sein: dies findet vor-
zugsweise bei der Untersuchung der Lösungen solcher Substanzen
statt, welche nach den in §. 234 und 235 erörterten Gesetzen die Ei-
genschaft besitzen die Polarisationsebene nach rechts oder links zu
drehen, und welche auch in ihren Lösungen diese Eigenschaft noch
in geringem Grade beibehalten.

Für den zuerst angeführten Zweck sind mehrere sogenannte Po-
larisationsapparate construirt worden. Alle derartige Apparate be-
stehen aus zwei polarisirenden Vorrichtungen, einer ersten, durch
welche das Licht gelenkt wird, bevor es den zu untersuchenden Kör-
per durchsetzt, und einer zweiten, durch welche das Licht hindurch-
tritt, nachdem es den zu untersuchenden Körper verlassen hat. Man
bezeichnet die erste dieser Vorrichtungen allgemein als den Polari-
sator
, die zweite als den Analysator. Bringt man den zu unter-
suchenden Körper zwischen zwei Turmalinplatten, so ist dies der ein-
fachste Polarisationsapparat: die dem aufgefangenen Licht zugekehrte
Platte ist in diesem Fall der Polarisator, die dem Auge zugekehrte

Wundt, medicin. Physik. 23
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[353/0375] Polarisationsapparate und ihre Anwendung. der Schwingungsbewegung derjenige Strahl, der vorhin stärker ge- brochen wurde, langsamer schwingen als der schwächer gebrochene. Denken wir uns jedoch, wie in Fig. 181, eine lineare Schwingung wieder aus circularen zusammengesetzt, die übrigens beide eine ver- schiedene Geschwindigkeit besitzen, so wird aus der Interferenz bei- der nunmehr eine lineare Schwingung resultiren, aber keine in der Richtung a b, sondern eine, die, wie f g, im Sinne der Bewegung der rascheren Schwingung, im Verhältniss zu a b gedreht ist. Diese Richtung der resultirenden Schwingung f g wird sich zugleich conti- nuirlich ändern: sie wird, wenn die beiden circularen Componenten den doppelten Weg zurückgelegt haben, eine Richtung f' g' einneh- men, die mit a b einen doppelt so grossen Winkel bildet als f g. Ist also das auf die Quarzplatte fallende Licht nach einer bestimmten Ebene polarisirt, so wird eine Drehung der Polarisationsebene erfolgen, ganz so wie wir dies in §. 234 als in der That stattfindend geschildert haben. Dreiundzwanzigstes Capitel. Polarisationsapparate und ihre Anwendung. Die dargelegten Principien finden eine wichtige Anwendung bei der Untersuchung durchsichtiger flüssiger oder fester Körper auf ihre doppelbrechenden und polarisirenden Eigenschaften. Diese Unter- suchung kann entweder ihren Zweck in sich selber tragen: dies ge- schieht namentlich bei der Anwendung der Polarisationsapparate zum Studium der innern Textur fester Körper; oder sie kann bloss ein Hülfsmittel im Dienste der quantitativen Analyse sein: dies findet vor- zugsweise bei der Untersuchung der Lösungen solcher Substanzen statt, welche nach den in §. 234 und 235 erörterten Gesetzen die Ei- genschaft besitzen die Polarisationsebene nach rechts oder links zu drehen, und welche auch in ihren Lösungen diese Eigenschaft noch in geringem Grade beibehalten. 236 Zweck der Un- tersuchung. Das Polarisations- mikroskop. Für den zuerst angeführten Zweck sind mehrere sogenannte Po- larisationsapparate construirt worden. Alle derartige Apparate be- stehen aus zwei polarisirenden Vorrichtungen, einer ersten, durch welche das Licht gelenkt wird, bevor es den zu untersuchenden Kör- per durchsetzt, und einer zweiten, durch welche das Licht hindurch- tritt, nachdem es den zu untersuchenden Körper verlassen hat. Man bezeichnet die erste dieser Vorrichtungen allgemein als den Polari- sator, die zweite als den Analysator. Bringt man den zu unter- suchenden Körper zwischen zwei Turmalinplatten, so ist dies der ein- fachste Polarisationsapparat: die dem aufgefangenen Licht zugekehrte Platte ist in diesem Fall der Polarisator, die dem Auge zugekehrte Wundt, medicin. Physik. 23

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Zitationshilfe: Wundt, Wilhelm: Handbuch der medicinischen Physik. Erlangen, 1867, S. 353. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wundt_medizinische_1867/375>, abgerufen am 21.04.2019.