Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Zöckler, Otto: Die Lehre vom Urstand des Menschen. Gütersloh, 1879.

Bild:
<< vorherige Seite
IV.
Die Opposition des modernen Naturalismus.

Es währte ziemlich lange, ehe das neubelebte classische Heiden-
thum des Humanismus sich mit der kirchlichen Urstandslehre zu
entzweien begann. Das goldne Zeitalter der antiken Mythologie
und Poesie erschien den meisten Jüngern dieser Geistesrichtung als
ein hinreichendes Aequivalent des biblischen Paradieses. Der in
ihren Kreisen meist vorherrschende Platonismus nöthigte nicht gerade
dazu, diese ideale Vorstellung von den Anfängen der menschlichen
Entwicklung aufzugeben. Der strengeren Aristoteliker aber oder der
Anhänger Epikurs und Lukrez's gab es verhältnißmäßig nur wenige,
und insbesondere den Ersteren lag es nahe, ihren Zwiespalt mit
der Kirchenlehre in der vorsichtigen Weise eines Pomponazzo durch
Unterscheidung des philosophisch- vom theologisch-Wahren zu ver-
bergen.

Der französische Skeptiker und freigeistige Politiker Jean Bodin
(+ 1597) ist einer der frühesten Repräsentanten des modernen Heiden-
thums, die das Dogma vom heiligen Urstande der Menschheit direct
angriffen und über Bord warfen. Jn seiner 1566 geschriebnen
Einleitung in die Geschichtswissenschaft 1) verwirft er die altherkömm-
liche degradationistische Behandlung der Weltgeschichte nach dem
Schema der Danielischen vier Monarchien als einen "eingewurzelten
Jrrthum". Es gebe kein goldnes Zeitalter; je weiter man in der
menschlichen Geschichte zurückgehe, desto geringer erscheine die Cultur,

1) Methodus ad facilem historiarum cognitionem, Par. 1566.
Zöckler, Urstand. 8
IV.
Die Oppoſition des modernen Naturalismus.

Es währte ziemlich lange, ehe das neubelebte claſſiſche Heiden-
thum des Humanismus ſich mit der kirchlichen Urſtandslehre zu
entzweien begann. Das goldne Zeitalter der antiken Mythologie
und Poeſie erſchien den meiſten Jüngern dieſer Geiſtesrichtung als
ein hinreichendes Aequivalent des bibliſchen Paradieſes. Der in
ihren Kreiſen meiſt vorherrſchende Platonismus nöthigte nicht gerade
dazu, dieſe ideale Vorſtellung von den Anfängen der menſchlichen
Entwicklung aufzugeben. Der ſtrengeren Ariſtoteliker aber oder der
Anhänger Epikurs und Lukrez’s gab es verhältnißmäßig nur wenige,
und insbeſondere den Erſteren lag es nahe, ihren Zwieſpalt mit
der Kirchenlehre in der vorſichtigen Weiſe eines Pomponazzo durch
Unterſcheidung des philoſophiſch- vom theologiſch-Wahren zu ver-
bergen.

Der franzöſiſche Skeptiker und freigeiſtige Politiker Jean Bodin
(† 1597) iſt einer der früheſten Repräſentanten des modernen Heiden-
thums, die das Dogma vom heiligen Urſtande der Menſchheit direct
angriffen und über Bord warfen. Jn ſeiner 1566 geſchriebnen
Einleitung in die Geſchichtswiſſenſchaft 1) verwirft er die altherkömm-
liche degradationiſtiſche Behandlung der Weltgeſchichte nach dem
Schema der Danieliſchen vier Monarchien als einen „eingewurzelten
Jrrthum‟. Es gebe kein goldnes Zeitalter; je weiter man in der
menſchlichen Geſchichte zurückgehe, deſto geringer erſcheine die Cultur,

1) Methodus ad facilem historiarum cognitionem, Par. 1566.
Zöckler, Urſtand. 8
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0123" n="[113]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">IV.</hi><lb/>
Die Oppo&#x017F;ition des modernen Naturalismus.</hi> </head><lb/>
        <p>Es währte ziemlich lange, ehe das neubelebte cla&#x017F;&#x017F;i&#x017F;che Heiden-<lb/>
thum des Humanismus &#x017F;ich mit der kirchlichen Ur&#x017F;tandslehre zu<lb/>
entzweien begann. Das goldne Zeitalter der antiken Mythologie<lb/>
und Poe&#x017F;ie er&#x017F;chien den mei&#x017F;ten Jüngern die&#x017F;er Gei&#x017F;tesrichtung als<lb/>
ein hinreichendes Aequivalent des bibli&#x017F;chen Paradie&#x017F;es. Der in<lb/>
ihren Krei&#x017F;en mei&#x017F;t vorherr&#x017F;chende Platonismus nöthigte nicht gerade<lb/>
dazu, die&#x017F;e ideale Vor&#x017F;tellung von den Anfängen der men&#x017F;chlichen<lb/>
Entwicklung aufzugeben. Der &#x017F;trengeren Ari&#x017F;toteliker aber oder der<lb/>
Anhänger Epikurs und Lukrez&#x2019;s gab es verhältnißmäßig nur wenige,<lb/>
und insbe&#x017F;ondere den Er&#x017F;teren lag es nahe, ihren Zwie&#x017F;palt mit<lb/>
der Kirchenlehre in der vor&#x017F;ichtigen Wei&#x017F;e eines Pomponazzo durch<lb/>
Unter&#x017F;cheidung des philo&#x017F;ophi&#x017F;ch- vom theologi&#x017F;ch-Wahren zu ver-<lb/>
bergen.</p><lb/>
        <p>Der franzö&#x017F;i&#x017F;che Skeptiker und freigei&#x017F;tige Politiker Jean <hi rendition="#g">Bodin</hi><lb/>
(&#x2020; 1597) i&#x017F;t einer der frühe&#x017F;ten Reprä&#x017F;entanten des modernen Heiden-<lb/>
thums, die das Dogma vom heiligen Ur&#x017F;tande der Men&#x017F;chheit direct<lb/>
angriffen und über Bord warfen. Jn &#x017F;einer 1566 ge&#x017F;chriebnen<lb/>
Einleitung in die Ge&#x017F;chichtswi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#aq">Methodus ad facilem historiarum cognitionem, Par.</hi> 1566.</note> verwirft er die altherkömm-<lb/>
liche degradationi&#x017F;ti&#x017F;che Behandlung der Weltge&#x017F;chichte nach dem<lb/>
Schema der Danieli&#x017F;chen vier Monarchien als einen &#x201E;eingewurzelten<lb/>
Jrrthum&#x201F;. Es gebe kein goldnes Zeitalter; je weiter man in der<lb/>
men&#x017F;chlichen Ge&#x017F;chichte zurückgehe, de&#x017F;to geringer er&#x017F;cheine die Cultur,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#g">Zöckler,</hi> Ur&#x017F;tand. 8</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[113]/0123] IV. Die Oppoſition des modernen Naturalismus. Es währte ziemlich lange, ehe das neubelebte claſſiſche Heiden- thum des Humanismus ſich mit der kirchlichen Urſtandslehre zu entzweien begann. Das goldne Zeitalter der antiken Mythologie und Poeſie erſchien den meiſten Jüngern dieſer Geiſtesrichtung als ein hinreichendes Aequivalent des bibliſchen Paradieſes. Der in ihren Kreiſen meiſt vorherrſchende Platonismus nöthigte nicht gerade dazu, dieſe ideale Vorſtellung von den Anfängen der menſchlichen Entwicklung aufzugeben. Der ſtrengeren Ariſtoteliker aber oder der Anhänger Epikurs und Lukrez’s gab es verhältnißmäßig nur wenige, und insbeſondere den Erſteren lag es nahe, ihren Zwieſpalt mit der Kirchenlehre in der vorſichtigen Weiſe eines Pomponazzo durch Unterſcheidung des philoſophiſch- vom theologiſch-Wahren zu ver- bergen. Der franzöſiſche Skeptiker und freigeiſtige Politiker Jean Bodin († 1597) iſt einer der früheſten Repräſentanten des modernen Heiden- thums, die das Dogma vom heiligen Urſtande der Menſchheit direct angriffen und über Bord warfen. Jn ſeiner 1566 geſchriebnen Einleitung in die Geſchichtswiſſenſchaft 1) verwirft er die altherkömm- liche degradationiſtiſche Behandlung der Weltgeſchichte nach dem Schema der Danieliſchen vier Monarchien als einen „eingewurzelten Jrrthum‟. Es gebe kein goldnes Zeitalter; je weiter man in der menſchlichen Geſchichte zurückgehe, deſto geringer erſcheine die Cultur, 1) Methodus ad facilem historiarum cognitionem, Par. 1566. Zöckler, Urſtand. 8

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/zoeckler_lehre_1879
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/zoeckler_lehre_1879/123
Zitationshilfe: Zöckler, Otto: Die Lehre vom Urstand des Menschen. Gütersloh, 1879, S. [113]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/zoeckler_lehre_1879/123>, abgerufen am 18.03.2019.