[0061]
Neue Rheinische Zeitung.
Organ der Demokratie.
No. 15. Köln, Donnerstag 15. Juni 1848.
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Die „Neue Rheinische Zeitung“ erscheint vom 1. Juni an täglich. Der Raum des Blattes wird so oft es nöthig durch Beilagen erweitert. Der Abonnementspreis beträgt: Für das mit dem 1. Juli beginnende Vierteljahr in Köln 1 Thlr. 15 Sgr.; für alle übrigen Orte Preußens 2 Thlr 3 Sgr. 9 Pf. Außerhalb Preußens mit Zuschlag des fremden Zeitungsporto's. Das Abonnement für den Monat Juni kann nur unter gleichzeitiger Bestellung des nächsten Quartals (Juli, August, September) geschehen. Der Preis dieses viermonatlichen Abonnements beträgt: Für Köln 2 Thlr.; auswärts 2 Thlr. 25 Sgr. Man abonnirt bei allen Postanstalten und Buchhandlungen des In- und Auslandes; ‒ für Köln in der Expedition der Zeitung bei Hrn. W. Clouth, St. Agatha 12, Köln, woselbst auch fernere Aktienzeichnungen entgegen genommen werden. Briefe und Zusendungen an die Redaktion sowie die Expedition werden von unbekannten Absendern nur frankirt angenommen. ‒ Insertionsgebühren. Für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.
Die Expedition der „Neuen Rheinischen Zeitung.“
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Vereinbarungsdebatte über die Anerkennung der Revolution). Heidelberg. (Der Kommissions-Antrag auf Bildung einer österreichisch-preußisch-baierisch-provisorischen Central-Gewalt). Frankfurt. (Auftritt in Offenbach). Berlin. (Die Exminister. ‒ Erlaß des Magistrats. ‒ Erklärung der Mitglieder der Linken. ‒ Erklärung der Mitglieder der Rechten. ‒ Namensverzeichniß). Breslau. (Nachrichten aus Rußland). Breslau. (Erklärung der Regierung an den Magistrat. ‒ Beschluß wegen der Verwerfung des Behrends'schen Antrags. ‒ Mittheilung Reichenbachs). Leipzig. (Anklage gegen das Ministerium Oberländer).
Polen. Lemberg. (Aufwiegelung).
Schweiz. Bern. (Die Zurückberufung der Berner Truppen aus Neapel unwahrscheinlich).
Italien. Turin. (Keine Vereinbarungs-Versammlung zu Turin). Verona. (Rückzug der Oesterreicher).
Französische Republik. Paris. (Die neuen Journale. ‒ In den Tuilerien aufgefundene Briefe. ‒ Dupin. ‒ Brief der Prinzessin Clementine. Resultat des Auflaufs an d. P. St. Denis. ‒ Erklärung von Armand Marrast. ‒ Vermischtes).
Großbritannien. London. (Ruhe). Dublin. (John O'Connell. ‒ Nachrichten aus Lahore).
Deutschland.
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Edition: [Friedrich Engels: Die Berliner Debatte über die Revolution. In: MEGA2 I/7. S. 109.]
[**]Köln, 14. Juni.
Die Berliner Debatte über die Revolution.
(Fortsetzung.)
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[19] Heidelberg, 12 Juni.
Es war vorauszusehen, daß der Kommissionsantrag auf Bildung einer östreichisch-bairisch-preußischen provisorischen Centralgewalt, da derselbe ein Kind der Dahlmann'schen Weisheit ist, alsbald auch den Segen des Onkel Gervinus erhalten würde. Dieser feierliche Akt ist erfolgt; die Stimme des Herrn Gervinus hat sein Wohlgefallen an dem „starken und festen“ Neugeborenen erklärt; sie verkündet, daß derselbe sogar alle Anlagen zeige, sich zum dereinstigen Heiland der Deutschen zu entwickeln. Sein Stolz ist, daß nur die Fürsten allein das Triumvirat ernennen würden, daß das Direktorium nur die „ihm genehmen“ Beschlüsse der Nationalversammlung auszuführen hätte; weil also, sagt der Prophet, in diesem Provisorium schon alles „Wesentliche“, was später zur Centralregierung gehörte, „Prinzip und Formen“ fertig stünden, so könnten sich die Regierungen (denn das Volk hat nicht drein zu reden,) den Versuch einer interimistischen Anordnung schon gefallen lassen, der für den Eintritt der definitiven Verfassung ein „wesentliches“ Stück Experiment sein würde. Nur Eine schwere Frage bekümmert den „wesentlichen“ Herrn Gervinus um das Gedeihen seines Heiland-Embryo's, das sind die Sirenengesänge der falschen Propheten, der Baalskinder der Republik, es ist der Sonderantrag der zwei Minoritätsglieder aus der Kommission, Robert Blum und Trützschler. Ein von der Nationalversammlung ernannter und von ihr absetzbarer Vorsitzender des Vollziehungsausschusses, der sich selbst nach freier Wahl vier Mitglieder beigesellt, sollte als „blindes Werkzeug des Volkswillens“ alle Beschlüsse der Versammlung ausführen? Hütet euch, ruft die Stimme der Wüste, das ist der Weg der Revolution, das ist eine dem „Ehrgefühl“ der Fürsten und „Einzelstaaten“ unerträgliche Zumuthung! Es ist klar, das Vaterland ist in Gefahr; greifen wir zu den Waffen für das heilige Triumvirat, für den Uebergang in ein erbliches Kaiserthums, in welchem Herr Gervinus als Erzieher der Prinzen für wahrhaft constitutionelle Musterfürsten sorgen wird! Doch Herr Gervinus beruhigt uns selbst wieder, er erklärt ja sofort, daß die „Partei“ an das Durchdringen ihres Antrages selbst nicht glaube. Der unheilverkündende Unkenruf war nur die Warnungsstimme eines wachsamen patriotischen Gemüthes, die Gefahren, welche dem Seher Gervinus erschienen, sind von ihm selbst ebenso schnell zerstreut, wie die zwölf Kerle in Steifleinen von dem Heldenschwert des ehrenwerthen Sir John.
[Feuilleton]
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Lied eines irischen Emigranten.
Nach M. Blackwood.
Nun sitz' ich auf der Bank, Anna,
Auf der wir saßen traut
An dem schönen Morgen im Monat Mai,
Als einst du meine Braut.
Es sproßte frisch und grün das Korn
Und die Lerche sang so weit ‒
Dein Mund war rosaroth, Anna,
Dein Auge voll Lieblichkeit.
Die Bank ist ganz wie sonst, Anna;
Schön ist des Morgens Glüh'n.
Wie damals steigt die Lerche auf
Und das Korn ist wieder grün;
Nur du bist ach, verschwunden, Anna,
Mein Stolz und meine Lust;
Und Alles, ach, verlor ich, Anna,
Als sterben du gemußt.
Mit deinem treuen, guten Herzen[#]
Wie hofftest du so lang,
Als mit dem alten Gottvertrauen
Mein Arm ermattet sank.
Trost sprachst du mir in meine Seele
Und sahst mich bittend an ‒
Und Dank sei, Anna, dir für Alles,
Was du mir Liebes gethan!
Dank dir für dein geduldig Lächeln,
Als du vom Hunger geplagt,
Deine Qual verbargst um meinetwillen
Und nicht ein Wort gesagt;
Und Dank dir für dein letztes Grüßen,
Als ach, dein Herze brach ‒
Und o, es freut mich, daß du weilest,
Wo nichts nun kränken dich mag!
Ade! von dannen nun muß ich ziehen,
Muß lassen der Heimath Strand;
Doch wird' ich auch dein gedenken, Anna,
In dem fernen, fremden Land.
Man sagt, dort gibt es Brod genug,
Und die Sonne geht nimmer zur Ruh' ‒
Doch nimmer vergeß' ich, Alt-Irland dich,
Wär's auch dreimal schöner, als du!
In jenen alten großen Wäldern
Will ich sitzen, ein einsamer Mann,
Und zurück nach dem Orte, wo Anna ruht,
Wird reisen mein Herze dann.
Bis ich meine, ich sähe die kleine Bank,
Wo zusammen wir saßen traut
An dem schönen Morgen im Monat Mai,
Als einst du meine Braut.
[G. W.]
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Barbès.
(Schluß.)
In dem was ich sage liegt weder böse Absicht, noch irgend eine versteckte Ironie. Ich glaube sogar, daß in dem ersten Ausbruch einer verwirrten und unerfaßbaren Revolution es die Pflicht eines Republikaners vom „National“ sein würde, die Zügel nicht aus der Hand zu geben, sondern an der Spitze der Bewegung zu bleiben, damit dieselbe nicht zum Vortheil eines „angestammten Königs“ ausgebeutet werde; steht es ihm doch frei, sich am Abend oder in der Frühe des andern Morgens zurückzuziehen, sobald sich für ihn die Unmöglichkeit einer solchen Rettung der Republik herausgestellt hat
Die Möglichkeit war vorhanden, daß es am 24. Februar ungefähr ebenso geschehen konnte. Wir wissen nicht, ob dem „National“ viel daran lag, sich Odilon Barrot beizugesellen. Aber auch wenn dem so wäre, so wäre dabei nichts Unlogisches oder Entsetzliches. Damals glaubte nun einmal der National nicht an eine soziale Revolution, und was uns anbetrifft, so müssen wir offen gestehen, daß, wenn auch unsere Wünsche für eine soziale Revolution lauter waren, doch viele von uns keine große Zuversicht darauf setzten. Indeß kommt es nicht darauf an, ob man mehr oder weniger Zuversicht auf den Erfolg hatte; das „Verbrechen“ bei politischen Ereignissen besteht nicht in der Würdigung des Faktums. Das Uebel ist anderswo: ein altes Sprichwort sagt, daß man „leicht an das glaube, was man wünscht.“ Und der Gegensatz desselben ist nicht minder wahr: „was man fürchtet, glaubt man überall kommen zusehn.“
Ein ähnliches Ereigniß wie am 24. Februar, nur mit andern Personen, mit einem andern Sujet, mit einem andern Erfolg, ist am 15. Mai vorgefallen. Ich will nichts von den Hauptakteurs sagen, Einen ausgenommen. Ich kenne die Uebrigen nicht, ich habe sie nie gesehen; ich habe auch keine Aufschlüsse über ihren Charakter, ihre Zwecke, ihren Plan. Einzig ist aus der Zusammensetzung ihrer verschiedenen Listen zu erkennen, daß noch eine Stunde vorher weder ein Plan, noch Beschlüsse, noch bestimmte Absicht vorhanden waren. Es war Ein Mann, der nichts, gar nichts von dem wußte, was geschehen sollte; er hatte den Tag vorher noch geschworen, daß Nichts [0062] durch ihn und seine Freunde geschehen werde. Er besaß einen heftigen Widerwillen gegen einen Mann, Blanqui. dessen Name während des Sturms mehrmals in den Vordergrund geschoben wurde; Jedermann weiß das. Vielleicht hatte er auch kein Zutrauen in die Einsicht und die Reinheit der Uebrigen. Was soll ich weiter sagen? Er fand sich unter den Andern, wie ein vom Sturwind erfaßtes Blatt sich unter andern Blättern findet, ‒ auf einer Höhe oder in einem Abgrund. Er fand sich bei ihnen wie Arago oder Lamartine sich auf dem Stadthaus neben Cabet oder neben Thiers hätten finden können, wenn Cabet oder Thiers den glücklichen Gedanken gehabt hätten, am 24. Februar dahinzugehen.
Was wollte Barbès? Wollte er die Republick ersticken unter einer Faktion? Wahrlich, Niemand kann das ernsthaft behaupten. Wollte er sich vergreifen an der Souveränetät des allgemeinen Stimmrechts? Man erinnere sich, daß er acht Jahre in den Kerkern des Königthums geschmachtet, daß er zum Tode verurtheilt gewesen war, weil er es gewagt hatte, das Recht der allgemeinen Abstimmung laut zu bekennen. Wollte er die Geschicke Frankreichs in die Hände derjenigen legen, welche man auf dem Stadthaus zu Diktatoren ausrief? Nein, er war auf dem Stadthaus, um gegen mehrere dieser Namen zu protestiren. Wollte er Paris mit Feuer und Blut überziehen? Er schickte sich in die Nothwendigkeit eine neue Regierung zu verkünden, weil er da, wo er sich fortgerissen fand, den Zustand von Paris während dieser Stunde finsterer Verwirrung nicht zu schätzen vermochte. Er that was jeder Mann von Selbstverläugnung und Aufopferung in einer revolutionären Krisis thut. Er wagte sein Leben, um das Volk in einem dieser Momente der unbeschreiblichsten Anarchie nicht betrügen zu lassen, wo das Blut über dem Pflaster von Paris fließt, bevor die Gedanken und der Wille sich klar geworden sind. Wollte er die Macht an sich reißen, um sich zu bereichern?
Es ist ein Einwurf, den man gewöhnlich hört, und der auch der natürlichste scheint. Aber unter allen Männern der Bewegung, welche ihr Leben in der Begeisterung des Edlen in die Schanze schlagen, war dieser Mann einer der Edelsten. Er war geboren zur Aufopferung, zur Hingebung, zum Märtyrerthum; unter allen, die jetzt den Stein der Verdammniß auf ihn werfen, ist kein Mensch von Gefühl, der ihn nicht bei näherer Bekanntschaft geliebt und bewundert haben würde.
Aber wer kennt ihn nicht? Barbès, der in der Tiefe seines Kerkers keinen andern Gedanken, keine andere Sorge hatte, als die Furcht, einen Unschuldigen in seine Sache verwickelt zu sehen? Wer, der die Briefe von Barbès an den Obristen Rey und Louis Blanc gelesen, hat nicht gefühlt, wie hier eine große Seele traurig gegen eine furchtbare Bestimmung ankämpft? Ein einziges, einfaches Wort des Obristen Rey hat die Herzen aller Franzosen mit einem elektrischen Schlage durchzuckt: „Dank, mein Ehrenmann!“ Ja, „Ehrenmann!“ Dieser Titel ist groß wie die Welt; welchen größeren gäbe es in unserer Zeit? Der Ruhm durchläuft die Straßen, die Eitelkeit hat das Wort des Ruhmes in Mißkredit gebracht. Aber die Zukunft wird nicht mehr der genialen Persönlichkeit gehören; sie gehört der Ehre, und der Napoleon der künftigen Zeit wird nur der Mann von Ehre sein.
Du aber, Barbès, in deiner düstern Gefangenschaft, erinnere dich des Wortes der Hölle in Faust:
„Weil du geliebt hast, wirst du sterben.“
Es könnte sein, daß das Messer der Guillotine doch nicht auf immer für die politischen Verbrechen gebrochen wäre. Du aber hast es schon nahe vor dir gehabt, und sein Blitzen würde dein Auge nicht zucken machen. Die Kerker der Monarchie haben die Kräfte deines Lebens zuerst gebrochen, und jetzt setzest du deinen Todeskampf in den Gefängnissen der Bourgeoisrepublik fort, Demokrat! Selbst wenn sie die Thüren dir öffneten, würde dein Leben nur ein ewiger Kampf sein. Aber sei getrost! Dein Herz schlug nur für das Volk, für die Sache des Volks wähltest du Leiden, Gefangenschaft, Verbannung und Tod, und wenn die Feinde des Volks auch immer einen Stein nach dir werfen, so wird das Volk bis in die spätesten Tage an deinem Grabe stehen und rufen:
„Dank, du Ehrenmann!“

Nohant, 7. Juni 1848. George Sand.
[Deutschland]
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Frankfurt, 12. Juni.
In verflossener Nacht fanden in Offenbach, in Folge der Befreiung mehrerer Militär-Arrestanten, unruhige Auftritte statt, bei welchen von Seiten des Militärs Feuer gegeben und etwa 10 Personen, worunter einige lebensgefährlich, verwundet wurden. Näheren bestimmten Angaben hierüber sehen wir entgegen. Heute Morgen sind zwei Schwadronen Reiterei, mit zwei Geschützen reitender und zwei Geschützen Fuß-Artillerie zur Verstärkung der Garnison nach Offenbach von Darmstadt abmarschirt, wie denn auch das zu Langen etc. stationirte Bataillon des 2. Infanterie-Regiments gleichfalls gegen Offenbach vorgerückt ist.
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Berlin, 11. Juni.
Die früheren Minister Eichhorn, Thile und Graf Stolberg sind jetzt in Potsdam und häufig bei der Königl. Tafel. Graf Stolberg wurde in der Begleitung des Prinzen von Preußen gesehen, als derselbe in Potsdam ankam. Die Herren Exminister sollen sich keineswegs der Zurückgezogenheit und einem Privatleben hingeben. ‒ Warum sollten sie auch? Wie die Dinge laufen, ist es keine Unmöglichkeit, daß alle jene Herren recht bald wieder an die Spitze der Geschäfte treten.
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Berlin, 9. Juni.
An ein hohes Präsidium der preußischen Nationalversammlung.
In Erwägung:
daß während der heutigen Kammersitzung eine Volksdeputation bereits bis in das Vorzimmer gedrungen;
der Herr Minister von Arnim beim Heraustreten aus dem Ständesaal durch das Volk insultirt worden;
mehrere Abgeordnete sich durch eine Hinterthür in Sicherheit bringen mußten;
erklären wir die Nationalversammlung im Zustande der Unfreiheit, und tragen darauf an, daß deren Sitz sofort nach einer andern Stadt verlegt werde.
(gez.) Harfort. Hambloch. Müllensieffen. Kehl. Windhorst. Reyger. Dr. Funke. Diesterweg. Ritz. v. Brünneck. v. Loë. Dr. Sommer. Groos. Upmeyer und Andere.
An unsere Mitbürger. Je freier der Staat, um so strenger muß die Handhabung der Gesetze sein. Die staatliche Freiheit und die Zeit der gesetzlichen Ordnung sind unter der Bürgschaft einer von dem ganzen Volke gewählten Nationalversammlung für uns erreicht worden. Die Freiheit des Volkes liegt aber auch zunächst in der Unverletzlichkeit seiner Vertreter. Dessenungeachtet ist gestern nach dem Schlusse der Sitzung der Nationalversammlung von einzelnen, vor dem Sitzungsgebäude versammelten Individuen auf Personen, welche die Versammlung verließen, ein thätlicher Angriff vollführt worden. Durch dieses Verbrechen ist nicht nur im Allgemeinen das heilige Recht der persönlichen Freiheit und Sicherheit, sondern auch zugleich das Recht der freien Meinungsäußerung, die Würde der Versammlung der Vertreter der Nation und die Ehre des ganzen preußischen Volkes, und unserer Stadt insbesondere, auf das Unverantwortlichste verletzt worden. In der festen Ueberzeugung, daß unsere ganze Einwohnerschaft unsere gerechte Entrüstung hierüber theilt, machen wir bekannt, daß zur gesetzlichen Verfolgung der Strafbaren die nöthigen Schritte gethan worden sind, und wir zugleich der Nationalversammlung den Schmerz, den alle redlich gesinnten Einwohner Berlins über diesen höchst betrübenden Vorfall mit uns empfinden müssen, ausgedrückt haben. Wir hegen zu unseren Mitbürgern die Erwartung, daß sie, ein Jeder an seiner Stelle und Alle insgesammt in ihrer Organisation als Bürgerwehr fortan solchem Attentat auf Ehre und Freiheit mit Entschlossenheit entgegentreten und jeden etwaigen Versuch dazu schon im ersten Entstehen vereiteln werden.
Berlin, 10. Juni 1248.
Der Magistrat und die Stadtverordneten.
‒ Mehrere Mitglieder der Linken veröffentlichen eine Erklärung gegen den Bericht, welchen der Pastor Uhlich über den Beschluß vom Freitage hat drucken lassen. Sie machen darauf aufmerksam, daß Uhlich, der in seinem Bericht bedauere, daß der Berends'sche Antrag nicht einstimmig angenommen sei, selbst gegen denselben gestimmt habe. Unterzeichnet sind: Reichenbach, Dr. Stein. Dr. Elsner. d'Ester.
Abstimmung über den Antrag des Abgeordneten Zachariä in der 14. Sitzung der Vereinbarungs-Versammlung. Der Antrag lautete auf motivirte Tagesordnung gegenüber der Anerkennung der Revolution im Berends'schen Antrag. Diejenigen also, welche für Ja stimmten, haben die Revolution desavouirt und die Vereinbarungstheorie anerkannt; die, welche für Nein stimmten, haben die Revolution anerkannt.
Für Ja haben gestimmt:
Althaus, Bürgermeister. Arntz, Dr. juris. v. Auerswald, Minister des Innern.
Ballnuß, Pastor. Goswin Bartmann, Pfarrer. Bauer, Landrath. Bauer, Geh. Revisions-Rath. Bauer, Mühlenbesitzer. Bauerband, Professor. Baumstark, Direktor. Bigge, Pfarrer. Binterim, Pfarrer. Bliesner, Salarienkassen-Rendant. Blockhagen, Erzpriester. Bormann, Senator. v. Borries, Landrath. Dr. Brehmer, Oberlehrer. v. Brünneck, Ob. Burggraf. Bumbke, Kuratus. Burckhardt, Orts-Richter. Bußmann, Ritterguts-Besitzer. v. Brüninghaus, Gutsbesitzer.
Camphausen, Minister-Präsident. Chrustz, Fleischer. Claußen, Gymnasial-Lehrer. Conditt, Land- und Stadtgerichts-Rath. Contzen, Regierungs-Assessor. Cösling, Kämmerer.
Karl August Dahmen. Dallmann, Kolon. Dane, Dr. Daniels, Geh. Ober-Regierungsrath. Dethloff, Kreis-Justizrath. Diesterweg, Justizrath. Diethold, Bürgermeister. Dobberkau, Mühlenbesitzer. Franz Drepper, Bischof.
Eichhorn, Professor. v. Enckevort, Kreis-Deputirter. Christian Eschmann. Esser I., Justizrath. Esser II., Justizrath. Evelt, Land- u. Stadtgerichts-Direktor.
Feierabend, Bürgermeister. Fischer, Bürgermeister. Fischer, O. L. G. Referendar. Fleischer, Kreisgerichts-Assessor. Fließbach, Bürgermeister. Frencken, Regierungs-, geistlicher und Land-Schulrath. Fretzdorff, Kaufmann. Funke, P. A., Dr. med. Feldhans, Schullehrer. Flemming, Kaufmann.
Gellern, Justizrath. Gelshorn, Kaplan. von Gerlach, Regierung-Präsident a. D. Geßler, Land- und Stadtgerichts-Direktor. Gorzolka, Frei-Bauer, Grabow, Ober-Bürgermeister. Ibe Graach, Gutsbesitzer. Grooß, Gutsbesitzer. Groos, Geh. Regierungs-Rath. von Geissel, Erzbischof.
Harkort, Kaufmann. Hahn, Land- und Stadtrichter. Hahnrieder, Gutsbesitzer. Hambloch, Jakob, Gewerks-Verwalter. Hànel, Bauer. Hanisch, Bauer. Hansemann, Finanz-Minister. Harrassowitz, Kammerger.-Rath. Haußmann, Bauerguts-Besitzer. Hentrich, Land- und Stadtgerichts-Direktor. Herbertz, Gutsbesitzer. Herholz, Erzpriester. Herrmann, Kommis. Hesse, Geheimer Finanz-Rath. Hofer, Bauer. Huchzermeyer, Pastor. Hüffer, Ober-Bürgermeister, Geh. Regierungs-Rath.
Jahr, Justitarius. Jonas, Pastor. Jansink, Kolonist.
Keferstein, Rektor, Pastor. Kehl, Justiz-Kommissarius. Keiser, Kolonist und Kleinhändler. Kette, Geheimer Ober-Regierungs-Rath. Kirstein, Bürgermeister. Kochs, Landgerichts-Rath. Konietzko, Kreis-Secretair. Dr. Krabbe, Domkapitular. Krüger, Kaufmann. Dr. Kruhl, Gymnasial-Direktor. Kühnemann, Land- u. Stadtgerichts-Direktor. Kunth, Bürgermeister. Dr. Kunz, praktischer Arzt. Kutzen, Bürgermeister. Küpfer.
v. Leipziger, Gutsbesitzer. Lensing, Kanonikus. Frhr. v. Loë, Gutsbesitzer. Lohff, Kossäthenhoffbesitzer. Luckhaus, Kaufmann. Lüdecke, Justizrath.
Maager, Stadtverordneten-Vorsteher Mätzke, Geheimer Ober-Regierungs-Rath. Marczynowski, Domainen-Intendant. Mebes, Ober-Regierungs-Rath. v. Meusebach, Regierungs-Assessor. Meyer, Kaufmann. Moritz, Justiz-Kommissarius. Mros, Freigärtner. Mrozik, Postor. Theodor Müllensiefen, Kaufmann. Müller, Ackerer.
von Netzow, Landschafts-Rath. Neubarth, Ortsrichter. Neuenburg, Ober-Landesgerichts-Rath. Dr. Niemeyer.
Ostermann, Ober-Landesgerichts-Assessor.
Pauckert, Apotheker. Pauls, Pfarrer, Land-Dechant. Peltzer, Friedensrichter. Peterek, Schulze. Petersen, Gutsbesitzer. Pieper, Fleischermeister. Plönnis, Ober-Landesgerichts-Assessor. Pohle, Justiz-Kommissarius. Pruß, Dekan. v. Puttkammer, Landrath.
Quaßnick, Brau-Krüger.
Radtke, Brauer und Gerichtsmann. Reichensperger II., Landgerichts-Rath. Rettig, Tischlermeister. Reygers, Ober-Landesgericht-Assessor. Riebe, Bauer. Riedel, Geheimer Archiv-Rath und Professor. Ritz, Regierungs-Rath. Roeder, Rittergutsbesitzer. Rybnitzki, Schulze. Reichensperger I., Landgerichts-Rath.
Salis, Färbermeister. Sames, Friedensrichter. Schadt, Justiz-Amtmann. Scheele, Land- und Stadtgerichts-Direktor. Schiller, Gerichtsschreiber. Schlegel, Land- und Stadtgerichts-Rath. Schlitte, Ober-Landesgerichts-Rath. Schmidt, Rektor. Schmidt, Amtmann. Schmidt, Eigenkäthner. Schmöle, Fabrikbesitzer. Schneider, Bürgermeister. v. Schön, Geheimer Staats-Minister. Schön, Ober-Landesgerichts-Assessor. Scholz, Kreis-Sekretär. Schüty, Informat. phil. Schütze, Justiz-Kommissarius. H. Schulte, Pfarr-Dechant. Schulz, Pastor. Schwonder, Oekonomie-Kommissarius. Semrau, Freischulze. Simons, Geheimer Justiz-Rath. Sohrweide, Büdner. Dr. Sommer, Justiz-Rath. Sperling, Land- und Stadtgerichts-Rath. Sperling, Justiz-Sekretär. Stachelscheidt, Amtmann. Dr. Steinbeck, Stadt-Physikus. Stephany Tischler. Sydow, Pastor. Heinrich Sümmermann, genannt Schulze-Korten, Landwirth. Schlink, Apellations-Rath.
Tamnau, Justiz-Kommissar. Thederahn, Schulze. Thümmel I., Ober-L.-G.-Assessor. Tietze, Erbscholtisei-Besitzer. Türschaus, Ober-Landesgerichts-Rath.
Uhlich, Prediger. Ullrich, Geheimer Ober-Tribunals-Rath. Upmeyer, Oekonom. Uttech, Justiz-Kommissarius
Vogelsang, Land- und Stadtgerichts-Direktor. Voigt, Gutsbesitzer. Vennewitz.
Walter, Professor. v. Wangenheim, Ober-Landesgerichts-Rath. Wegener, Apotheker. Wenger, Pastor. Westermann, Justiz-Rath. Westhoff, Elbert Wilh., Dr. theol., Pfarrer. Windthorst, Justiz-Kommissarius. Winterfeld, Kreis-Deputirter. Wolff, Ober-Landesgerichts-Assessor.
Zachariä, Justiz-Kommissarius. Zweiffel, Ober-Prokurator.
Für Nein haben gestimmt:
Abegg, Geh. Reg.-Rath. Alff, Pfarrer, Anwandter, Apotheker. Arnold Maurermeister.
Bading, Kammergerichts-Assessor. Baltzer, Pastor. Joh. Nik. Baur, Kaufmann. Nik. Bauer, Handelsmann. Bazynski, Probst. Dr. Beeck, Kreisphysikus. Dr. Behnsch. Dr. Beisert, Gymnasial-Oberlehrer. Berends, Buchdruckereibesitzer. von Berg, Kaplan. von Besser, Landrath. Blöm, Adv-Anw. Karl Boost, Dr. med. Born, Geometer. Bredt, Reg.-Assessor. Brendel, Gastwirth. Brill, Schriftsetzer. von Brodowski, Gen.-Landschafts-Direktor. Broich, Friedensrichter. Bucher, Assessor. Graf Cieszowski, Gutsbesitzer.
von Damnitz, Justizkommissar. Dehnel, Brauer. Dierschke, Justizkommissar. Dittrich, Schulze. Doerk, Land- und Stadtgerichtsrath. Duncker, Stadtrath. Dziadek, Bauer.
Ebel, Erbscholtiseibesitzer. Eichner, Gerichtsscholz. Elsner, Doktor. Nees von Esenbeck, Professor. D'Ester, Dr. med.
Franke, Bürgerm. Friedrich, Gastwirth. Funke, Oekonom.
Gierke, Syndikus. Gladbach, A., Lehrer. Gottlieb, Rathmann. Grebel, Friedensrichter. Guittienne, Gutsbes.
Hagen, Laurens. Hannow, Waisenhausdirektor. Hansen, Pfarrer und Schulinspektor. Haußmann, Oberkaplan. Heisig, Pfarrer. Hepche, Pastor. Herrmann. Hesse, Landrath. Hildenhagen, Pastor. Hiller, Buchbinderm. Hofferichter, Kaufm. Hammer, Friedensrichter. Herhold, Rektor.
Jander, Pastor. Jentzsch, Fleischerm Igel, Lehrer. Jonas, Geh. Revisionsrath. Jung, Landger.-Assessor. Jwand, Müllermeister. Jacoby, Dr.
Kämpf, Lehrer. Kaul, Friedensrichter. Von Kirchmann, Staatsanwalt. Klatte, Schulze. Klemm, Schmied. Klingenberg, Dechant. Knaut, Dr. med. Köhler, Landgerichtsrath. Körfgen, Friedensrichter. Kosch, Dr. med. Krackrügge, Kaufm. Ant. von Kraszewski, Gutsbesitzer. Krause, Erbscholtiseibesitzer. Krause, Bürgerm. Kuhr, Gutsbes. und Rittmeister a. D. Kutzner, Gerichtsscholz. Klinghammer, Referendar.
Larraß, Gastwirth von Lipski, Gutsbesitzer. Ludwig, Stadtrath. Loos, Justizkommissarius. Lisiecki.
Maaß, Justizkommissarius. Mätze, Rektor. Milde, Kaufmann. Mildner, Bauer. Moldenhauer, Lehrer. Müller, Land- und Stadtger.-Rath. Müller, Pastor. Müller, Lehnschulze. Heinr Müller, Gemeindeverordneter.
Nenstiel, Kaufmann. Nethe, Bürgermeister. Nickel, Schulze.
Otto, Prediger.
Packhäuser, Eigenkäthner. Pankow, Tagelöhner. Pape, Kandidat. Pax, Professor. Peters, Ober-Landesgerichts-Rath. Pfahl, Notar. Philipps, Ober-Bürgermeister. Pilet, Kammergerichts-Assessor. Pinder, Ober-Präsident. Plath, Bürgermeister. v. Pokrzywnicki, bischöflicher Syndikus, Ober-Landesgerichts-Assessor. v. Potworowski, Ritterguts-Besitzer. Pomieczynski, Pfarrer. Piegsa, Dr.
Quandt, Oekonom.
Rahn, Mühlenbesitzer. Reichenbach, Graf. Reinicke, Braueigner. Repel, Brettschneider. Reuter, Landrath. Richter, Dr., Kanonikus. Riel, Ober-Landesgerichts-Assessor. Riemann, Gutspächter. Rodbertus, Gen-Landschafts-Rath. Ruszkiewicz, Martin, Schulze. Richter, Kölmer.
Salut, Kaufmann. Schadebrodt, Pastor. Schaffraneck, Pastor. Schell, Professor. Schöne, Pastor. Scholtissek, Schulze. Scholz, Krämer. Scholz, Bauergutsbesitzer. Schornbaum, Staats-Prokurator. Dr. Schramm, Konrektor. Schruff, Dr. med. Schulze, Ober-Landesgerichts-Assessor. Schulz, Häusler. Schulze, Lehrer. Schultz, Justiz-Kommissarius. J. Bapt. Schwickerath. Schwieger, Justiz Kommissarius. Seidel, Geheimer Finanzrath Siebert, Buchdrucker. Siegert, Erbscholze. Specht, Mühlenbesitzer. Spitzel, Lehnschulze. Steffanowicz, Dekan. Steimmig, Fabrikant. Dr. Stein. Stiller, Kreis-Taxator. Strybel, Probst. Szumann, Regierungs-Rath a. D. Stalling, Pastor
Alfons v Taczanowsky, Gutsbesitzer. Taczarski, Kolleg. Probst. Teichmann, Justiz-Kommissar. Temme, Staats-Anwalt. Teske, Gutspächter. Thüm, Distrikts-Kommissarius. Toebe, Pastor. v. Trapczynski, Justiz-Kommissar. Treiber, Kanzleirath.
v. Unruh, Regierungs-Rath.
Wachsmuth, Stadt-Richter. Waldeck, Geheimer Ober-Tribunals-Rath. Wander, Pastor. Weichsel, Justiz-Kommissarius. Dr. Wencelius. Willerberg, Scholtisei-Besitzer, Witt, Oberlehrer.
Zacharias, Kaufmann. Zenker, Stadt-Richter. Zimmermann, Lederhändler. v. Zoltowski, Ritterguts-Besitzer. Zorn, Rektor.
Fehlende Mitglieder: Abegg, Kommerzien-Rath. Andersch, Gutsbesitzer. Arnold, Gutsbesitzer. Arnold, Gutsbesitzer. Bergmann, Papier-Fabrikant. Euler, Notar. Forstmann, Kaufmann. Hartmann, Justiz-Rath. Jungbluth, Advokat-Anwalt. Kiolbassa, Frei-Gärtner. Krüger, Krug-Gutsbesitzer Marschhausen, Papier-Fabrikant. Rehse, Erbpächter. Neumann, Land- und Stadtgerichts-Rath. Parrisius, Ober-Landgerichts-Assessor. Rehfeld, Diakonus. Riedel, Schulze. Rißmann, ehem. Gutsbesitzer. Rötscher, Rentier. Schade, Erbscholz. Schön, Gerichtsmann. Schönborn, Lehrer. Simon, Stadtgerichtsrath a. D. Skiba, Pastor. Stockmann, Dr. med. Stupp, Justizrath. Von Zettwitz, Freigutsbesitzer.
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Breslau, 10. Juni.
So eben geht uns aus Warschau die Nachricht zu, es sei daselbst auf öffentlicher Straße verkündigt worden, der Kaiser werde dieser Tage eine Erklärung erlassen, die selbst die kühnsten Hoffnungen und Pläne der Polen übertreffen würde. Ebenso erzählt man als gewiß, gegen den 16. d. M. würden die Russen in 3 Armeekorps gegen Westen vorrücken. Das Centrum, unter den Befehlen des Kaisers, würde in der Richtung nach Wien marschiren, der rechte Flügel unter Orlow gegen Berlin vorrücken, und der linke unter Paszkiewicz Krakau und die schlesische Gränze besetzen. Wir dürften also in diesen Tagen bedeutenden Ereignissen entgegengehen und es sich doch bewahrheiten, was von mancher Seite, freilich bis jetzt tauben Ohren, gepredigt worden ist.
[(A. O.-Z.)]
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@facs0062
[**] Breslau, 10. Juni.
Besonders auf dem Lande fängt man an einzusehen, daß die liberalen Herren doch nur ihre eigenen Zwecke verfolgen, und ihren Geldbeutel nach wie vor füllen wollen. Daß bei diesem Umsichgreifen der „Anarchie“ die Reaktion nicht gering ist, läßt sich denken. Nur ein Pröbchen. In der letzten Zeit haben wie überall so auch hier einzelne Tumulte stattgefunden, eine Katzenmusik und Aehnliches. Da kommt auf einmal die Regierung, die Regierung die bis jetzt stumm und still froh war, daß man sich nicht um sie kümmerte, die Regierung, die in diesem Augenblick nur von Anhängern des todtgemachten Systems verwaltet wird, diese Regierung kommt jetzt mit einem Rescript an den Magistrat, worin sie ihm droht, daß sie die Polizei ermächtigen werde, mit Uebergehung der Bürgerwehr das Militär herbeizuziehen, wenn sich die Bürgerwehr nicht verpflichten wolle, dem verwerflichen und gesetzlosen Treiben dieser Stadt ein Ende zu machen. Das nennt man Volksbewaffnung.
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@facs0062
[14] Breslau, 11. Juni.
Als die Nachricht in Breslau ankam, die Majorität der Nationalversammlung sei zur motivirten Tagesordnung übergegangen, war im ersten Augenblicke die Aufregung allgemein, bald jedoch milderte sie sich, da man erwog, daß ein Ministerium mit 19 Stimmen sich doch nicht halten könne. Dieß bildete zugleich am gestrigen Abend die Besprechung im demokratisch-konstitutionellen Klub, der den demokratischen Verein durch eine Deputation aufforderte, sich mit zu betheiligen an einer Demonstration, welche den Berends'schen Antrag anerkennen und dadurch den Beschluß der Majorität desavouiren sollte. Mit allgemeinem Applaus wurde dieser Antrag aufgenommen, die Ausführung jedoch einer Kommission übertragen. Die Kommission sprach sich heute Morgen dahin aus: 1) Eine Adresse an die Nationalversammlung zu erlassen, in der die Anerkennung der Revolution ausgesprochen, und die gedruckt jedem Mitgliede übergeben werden soll. 2) Eine Proklamation an die Berliner Bürger, in der ausgesprochen werden soll, daß sie im günstigen Augenblick nicht allein stehen und handeln werden. Beide Aktenstücke werden natürlich durch eine Volksversammlung genehmigt werden.
In der Kommission waren zugegen Brill, Behnsch und Reichenbach. Letzterer machte zugleich die wichtige Mittheilung, daß das Ministerium jetzt nach dem Schluß der Sitzung eifrig mit einigen Deputirten (z. B. Rodbertus) unterhandle, die Sitzungen zu verlegen nach ‒ ‒ ‒ Potsdam. Dann ist der Augenblick zum Handeln gekommen, dann in den Kampf.
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@facs0062
[103] Leipzig, 12. Juni.
Nicht Camphausen allein ist es, der die Revolution zu seinen Gunsten ausbeutet; es sind alle in deutsche Minister und Staatsräthe verwandelte Liberale von gestern und in dem 39spaltigen Deutschland bot sich den Liberalen ein ganz anderer Spielraum als 1830 in dem einigen untheilbaren Frankreich. Werfen wir einen Blick auf das sächsische Ministerium, das Ministerium Oberländer.
Zuerst beruft es den alten Landtag außerordentlich zusammen, um ein neues Wahlgesetz zu berathen, einen Landtag, der nur aus dem Adel, dem Grundbesitz, aus den begüterten Gewerbtreibenden, [0063] aus städtischen Beamten gewählt und dessen erste Kammer, auch bei günstigerer Zusammensetzung der zweiten, jedem vernünftigen Fortschritt widerstrebt. Auf diesen Landtag, den nicht das Volk wählte, stützt sich das Ministerium! Die zweite Kammer vertheidigt das Zweikammersystem, also das Interesse des Adels, sie versuchte nicht die vom Ministerium angeordneten indirekten Wahlen zum Parlament in Frankfurt anzufechten, sie verlangte nicht Rechenschaft über die vom Ministerium verausgabten Gelder.
Was that das Ministerium ferner? Nicht genug, daß es durch die indirekten Wahlen die Meinung des Volkes verfälschte (denn das Volk weiß eher Einen zu wählen als dreißig!); es ließ eine Untersuchung einleiten gegen die Waldenburger Bürger, welche die Anmaßung ihres Duodezfürsten gezüchtigt hatten, und ließ jene Bürger, statt der volksfeindlichen Beamten, ins Gefängniß werfen. Der Minister verwies den Drechslergesellen Büttner aus Chemnitz, er verhaftete in der Person des Leipziger Kriminalamts den Arbeiter Leonhardt, weil er an Soldaten einen „Soldatenkatechismus“ vertheilt hatte, auf Antrag des Kriegskommando. Als der demokratische Verein zu Leipzig dagegen Protest erhob, beschuldigte ihn der Minister Oberländer in der zweiten Kammer eines „anarchischen Strebens.“ Und fördert der Minister die Anarchie nicht, wenn er durch Verhaftungen das Volk aufregt? Durch den Beifall, den ein großer Theil der Ständemitglieder dem Minister zollte, hat sich die Kammer zum Polizei-Institut herabgewürdigt, wie ein Abgeordneter richtig bemerkte. Am 8. Juni erschien ein Erlaß, der jeder Willkür, jeder polizeilichen Scheußlichkeit Thor und Thür öffnete. Dennoch darf kein Verein Dinge besprechen, die gegen das Kriminalgesetzbuch verstoßen ‒ wo wäre hier die Gränze? Das alte Kriminalgesetzbuch ist ja die Legitimation aller gegenrevolutionären Handlungsweise. Nur die Besitzer des Ehrenbürgerrechts dürfen Vereine gründen, und muß davon bis aufs Kleinste Anzeige bei der Behörde vorher gemacht werden. Am 4. Juni erläßt der Justizminister eine Verordnung, wonach die Presse ganz in die Gewalt des heimlichen Gerichts gegeben und die Behörden zu Verfolgungen gegen die Presse förmlich angehetzt werden. Hat das Volk den Minister erhoben, um die Vereinsfreiheit, die Preßfreiheit uns zu verkümmern, die allgemeine Volkswahl zu hintertreiben?
Doch das liberale Ministerium macht durch weise administrative ökonomische Maßregeln wieder gut, was es in politicis versündigt.
Seine eigenen hohen Gehalte hat es ungeschmälert erhalten, aber die Gewerbsteuer hat es verdoppelt. Verdoppelt der Staat nicht die Fruchtbarkeit der Industrie, indem er doppelt so viel goldene Aepfel von ihr abschüttelt, wie früher?
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@facs0063
Lemberg, 6. Mai.
Den Aufhetzern, die sehr gern die Polen hier zu einem Aufstande verleiten möchten, scheint man auf der Spur zu sein. Die schändlichen Umtriebe dieser Menschen dürften wohl bald aufgedeckt werden. Man scheint es hauptsächlich auf die hier weilenden Emigranten, die erst vor Kurzem aus Frankreich zurückgekehrt sind, abgesehen zu haben. Man möchte ebenso, wie in Krakau am 26. April, irgend eine Veranlassung haben, um sich ihrer zu entledigen. In dem vom Gouverneur Stadion errichteten Beirath, einer Art Comité, bestehend aus unpopulären Polen und Beamten, welches gegen den hiesigen Nationalrath ein Gegengewicht bilden soll, hat, wie bestimmt versichert wird, einer von jenen unverbesserlichen Aristokraten, der Fürst Karl Jablonowski, den Vorschlag gemacht, die Emigranten aus dem Lande zu schaffen. ‒ Dieselben haben nun in Bezug auf die von dem hiesigen Nationalrathe erlassene Warnung, es solle sich Niemand von den böswilligen Menschen, die alles aufbieten, um es zu einem Zusammenstoß zwischen den Polen und dem Militär zu bringen, verführen lassen, an die Redaktion der Gazeta Narodowa, dem Organe des Nationalrathes, ein Schreiben erlassen, worin sie erklären, daß sie in Bezug auf die Bewegung, die man hier provociren wollte, der Ansicht des Nationalrathes beitreten, und betrachten diese Provocirung als eine Fortsetzung der die Menschheit schändenden Krakauer Scenen vom 26. April als ein Werk der Moskowiter, welches besonders gegen sie, die Emigranten, gerichtet ist. ‒ Von welcher Seite die Aufhetzungen ausgehen, davon gibt nachfolgendes Faktum einen Beweis. Am 25. Mai ergriffen hiesige Studenten einen gewissen Maler Julius Seher, ehemaligen Militär, wie er eben russinische Bauern zur Ermordung ihrer Herren aufreizte. Trotzdem daß dieser Mensch dies eingestanden und zu Protokoll gegeben, daß er einige Namen, die bald veröffentlicht werden sollen, genannt hat, daß man ihn dem Magistrate überliefert hat, zweifelt man, ob er bestraft werden wird, denn der Gouverneur Stadion hat seine Unzufriedenheit darüber laut zu erkennen gegeben, daß man dieses Subjekt arretirt hat, und daß sich die Studenten in Sachen mischen, die sie nichts angehen. ‒ Unter den russinischen Bauern scheint ein guter Geist erweckt zu sein. Auch sie scheinen von nun an es mit den Polen halten zu wollen. So erschienen vor mehreren Tagen im hiesigen russinischen Nationalrathe zwei Bauern. Einige Mitglieder des Rathes sprachen zu ihnen, unter Anderem Kaspar Cieglewicz, der erst kürzlich vom Spielberge zurückgekehrt ist. (Er ist der Verfasser einiger trefflicher russinischer Lieder, die er dem Volke vorsang, und welche auf diese Weise zu Volksliedern wurden. Dieser Lieder halber ist er zu 15 Jahre Gefängniß verurtheilt worden.) Ein Mitglied trug einige Strophen einer Dumka (Elegie) vor. Das Auge der Bauern erglühte vor Begeisterung. „Oh, wir kennen den Namen des Dichters,“ sagte einer von ihnen, Hrye Holowatz, indem er auf Cieglewicz wies ‒ „wir kennen ihn aus seinen Liedern, wenn Trauer unser Herz erfüllt. Du warst unser Märtyrer, für uns hast Du im Gefängnisse Thränen vergossen, Gott möge Dich dafür belohnen! Wir freuen uns, daß wir Dich sehen, und daß wir Dir dies sagen können. Doch unser Märtyrer Theophil Wiszniowski, wird uns nicht mehr sehen. Wir wollen morgen zu seinem Grabe gehen, seine Ruhestätte mit unseren Thränen benetzen. Vielleicht wird dies seine Seele im Himmel sehen und sich darob freuen. Es waren unter uns Menschen, die uns in Freunde und Feinde getrennt haben; aber (hier stand er auf und hob die Hände gen Himmel) so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr muß hier auf Erden Eintracht zwischen Polen und Russinen herrschen.“
[(Schles. Z.)]
Schweiz.
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@facs0063
Zürich, 8. Juni.
Der Vorschlag des Hrn. Ochsenbein, das Berner Regiment aus Neapel zurückzurufen und damit die Verpflichtungen des Königs zu übernehmen, wird an dem Finanzpunkt scheitern, da hiezu jährlich 200,000 Fr. nöthig wären, worüber jetzt Bern gewiß nicht verfügen kann.
[(Sch. M.)]
Italien.
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@facs0063
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 15. Juni 1848. In: MEGA2 I/7. S. 125.]
[*]
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
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@typejArticle
@facs0063
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 15. Juni 1848. In: MEGA2 I/7. S. 125.]
Verona, 7 Juni.
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@typejArticle
@facs0063
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 15. Juni 1848. In: MEGA2 I/7. S. 125.]
[*] Turin, 7. Juni.
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Französische Republik.
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@facs0063
[12] Paris, 12. Juni.
Depuis que nous sommes en republique, rien ne va. So heißt es allgemein in der Sprache der ehrlichen Bourgeois, der ehrlichen Republikaner, der Leute vom National sowohl als der von der Reforme. „Es will nichts vorwärts gehen, seit wir in die Republik hineingefahren sind.“ „Depuis que nous sommes en republique.“ Keinem Menschen würde es eingefallen sein zu sagen : on est en monarchie, d. h. die Monarchie als etwas Passives zu nehmen, das Einen sanft umwebt. Aber man sagt : on est en robe de chambre, man ist im Schlafrocke, warum sollte man nicht auch sagen können : on est en republique. Die Republik, meinten die Leute vom National, sei der Schlafrock, den man nur anzuziehen brauche, um sich wohl gemüthlich und behaglich zu finden. Diesen Schlafrock haben sie denn auch angezogen, und jetzt stehn sie da und können nicht vorwärts. Nun gehen sie hin und holen die ganze alte republikanische Toilette hervor, die weißen Westen mit den breiten Ueberschlägen à la Robespierre, die Gardemarine-Uniform mit rothem Revers, den republikanischen Hut mit den rothen Federn , und wenn man so einen Garde-Republikaner zu Pferde durch die Straßen von Paris reiten sieht, dann mag man sich wohl einen Augenblick träumen lassen: on est en republique : die Republick reitet mitten durch Paris. Sie haben Alles, was sie wünschen. Die Leute des National sind Siegelbewahrer, Bürgermeister der Republik, bis später, wo sie die Konsuln und Senatoren werden, und die Republik geht nicht von Statten. Das Zutrauen, der Kredit will nicht wiederkommen, die Legetimisten rücken mit ihrem Heinrich V. hervor, die Royalisten mit ihrem Joinville, und die Bonapartisten gar mit ihrem Napoleon dem Zweiten, um ihn als den zweiten Napoleon in petto zu halten. Welch Aergerniß für die republikanische Partei des National. Aber sie will die Republik nicht fahren lassen, und um die Prätendenten fern vom französischen Boden zu halten, sich wohl sein zu lassen im hôtel de ville, und den Kredit und das Vertrauen herzustellen, wären sie im Stande, alles Leben in den Straßen zu tödten, und die republikanische Ruhe auf Kosten aller republikanischen Freiheiten herzustellen.
Wir haben die rechte, die wahre Republik nicht, schreien die andern, und um die wahre, rechte Republik herauszufinden, um sie aus dem Worte, aus dem Begriffe Republique herauszupressen, überladen sie die arme Republik mit den reichsten Epitheten. Und jedes Mal wenn Einer so ein neues Wort findet, so schafft er gleich ein Journal, um die neue Republik zu lehren und zu verbreiten, so haben wir la vraie republique, la republique sociale, la republique socialiste u. s. w. Die Menge der Journale, die auf solche Weise entstanden sind, übersteigt alle Grenzen. Man fühlt, daß Etwas fehlt, das hinter dem Republikaner, sei er von gestern oder von heute, von der Reforme oder von dem National, noch etwas anderes stecken muß, und man möchte diesem Etwas auf die Spur kommen. Jeden Tag entsteht ein neues Journal, eine neue Republik, eine neue Lehre; jeden Tag werden die alten Ideale auf's neue aus den alten republikanischen Zeiten hervorgeholt, und immer genügt es nicht, immer bleibt etwas auszusprechen übrig. Die Journal-Verkäufer schreien die seltsamsten Namen aus, empfehlen den Vorübergehenden ihr Journal mit der liebenswürdigsten Zudringlichkeit an, und ehe man 10 Schritte vom palais national entfernt ist, hat man schon über 30 bis 40 der entschiedensten republikanischen Journale in den Händen.
„Le Journal dela Canaille! l'aimable faubourien.“ Schon der Titel des Journals zeigt auf seinen Ursprung hin. Diese feinen Herrn, wie Marrast und Lamartine, mit ihrer feinen Sprache, können uns nicht helfen. Wir Republikaner brauchen kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und wir wollen in unserer Weise und in unverblümter Sprache sagen, was wir denken. Ihr Volksrepräsentanten, ihr seid weiter nichts als die Schreiber, die Kommis, die Ladenschwengel des Volkes; wir haben den Teufel von Eurer hochweisen Konstitution, die uns die alten Verhältnisse wieder fest konstituiren will, wenn Ihr nicht vorher diese alten Verhältnisse auflöst, wenn Ihr nicht vorher entbindet, was gebunden ist. Laßt Politik, Konstitution sammt Ehebruchs-Gesetzen und Republikaner-Trachten aus dem Auge, und seht vorher auf die Lage der Proletarier herab.“
‒ So die Canaille! ‒
Ein Schritt weiter steht ein Schreier und schreit aus voller Kehle:
„Le Sans-culotte.“ Par le citoyen Constant Hilbey. Hier seht Ihr die Wahrheit in ihrer ganzen Nacktheit, das Elend ohne Glacé-Handschuhe. Hat Lamartine nicht selbst gesagt: die Republik ist nicht immer die Freiheit, sie ist nur ein Instrument? Nun gut, warum befindet sich dieses Instrument in den Händen einer Versammlung, die nicht mehr taugt als die, welche ehedem Boissyd'Anglas präsidirte, und in welche das Volk mit den Worten eindrang:
„Brod, Elende, Brod! Was habt Ihr mit unserm Gelde an, gefangen? Hebt Euch fort von hinnen, wir, Volk, wir wollen den National-Konvent bilden.“
Das ist die Sprache des sans-culottes, und diese Sprache kann man an jedem Hause, an jeder Ecke für einen Sou kaufen, und sie wird so lange gekauft werden, als den Franzosen der zwanzigste Sou von dem ihnen täglich bewilligten Franken zu ihren menus-plaisirs, zu ihren kleinen Unterhaltungen übrig bleibt.
„La Carmagnole,“ tönt weiter eine tiefe Baßstimme dem Vorübergehenden in die Ohren, und man glaubt einen Augenblick den son du canon zu hören, diesen unheilverkündenden Donner: Dansons la Carmagnole, vive le son, vive le son du canon!
Aber gleich darauf setzt der Schreier hinzu: un sou, messieurs, la Carmagnole, journal des enfants de Paris.
Dieses Journal erscheint zwei mal die Woche, und hat als Motto das bekannte Lied:
Ah, ça ira! ça ira, ça ira, ça ira t'y bien? ca n'ira-t'y pas?
„Ja, die Carmagnole wollen wir tanzen, bei Gott, sie allein wollen wir tanzen; denn seht jeder Franzose tanzt, und das Menuette, und der Galopp sind ausgetanzt.
„Spreche mir Niemand von Kontretanz; jede Revolution ist ein Tanz, aber der schrecklichste der Tänze, das ist der Kontre-Tanz, die Kontrerevolution.
„Laßt uns tanzen die Carmagnole, die alte, gute Carmagnole, wie sie getanzt wurde vor Zeit unserer Väter, die Carmagnole in wilden, bachantischen Sprüngen.
„Wir wollen sie tanzen, mitten im Elende, mitten im Hunger, Euch zum Trotze, Ihr Diener von gestern, und Diener von heute, die ihr ausruht auf Euren goldstrotzenden Coffern!
Dansons la carmagnole,
dansons la carmagnole
vive le son du canon.
„L'apôtre du peuple, schreit neben dem Carmagnole-Verkäufer ein Mädchen mit blitzenden, schlauen Augen, und sie bietet Einem den apotre du peuple mit solcher Liebenswürdigkeit an, daß man nicht umhin kann, den Volksapostel für einen Sou aus ihrer schönen Hand zu empfangen.
Der Apostel des Volkes, der wird uns wohl Aufschluß geben können über die wahre, ächte Republik. Seht seine Devise ist nicht mehr das bekannte liberté, fraternité et égalité, sondern liberté, justice et vérité pour tous. ‒ „Das Volk, sagt er ist souverän, und seine Souveränität kommt von Gott.“ Wenn das Volk der göttliche Souverän ist, schließt der Apostel, so wollen wir keinen ausgehungerten, in Lumpen gehüllten Souverän, wir wollen weniger von Brüderlichkeit sprechen, und es brüderlicher meinen u. s. w.
Der Apostel hat ein großes Herz aber einen kleinen Verstand. Der Verwirklichung seiner Glückseligkeitslehre steht weiter nichts im Wege als die sogenannten Bönhasen, die Zwischenhändler ‒ dem Louis Blanc weiß er keinen andern Vorwurf zu machen, als daß er in der Organisation der Arbeit nicht auch an die Arbeit der Arbeiterinnen gedacht habe u. s. w. ‒ Dann kommen die allgemeinen Maßregeln von Abschaffung des Monopols, der Privilegien u. s. w. ‒ Von ökonomischer Entwickelung keine Ahndung! Die Ohnmächtigkeit aller dieser Journale hat ein anderes Journal ins Leben gerufen, das endlich den wahren Punkt, die wahre Republik entdeckt haben will.
La colère d'un vieux republicain contre tout le monde: der Zorn eines alten Republikaners auf alle Welt: „Es lebe die Republik!“
Dieses Journal, das ebenfalls nur einen Sou kostet, fängt damit an, einzugestehen, daß er seit 89 im Zorn ist, und endigt mit der Frage: Wann werde ich zufrieden gestellt sterben?
‒ National-Versammlung vom 12. Juni. Napoleon Bonaparte erscheint in der Versammlung und sucht sich gegen die über sein Haus cirkulirenden Gerüchte zu rechtfertigen. Der Artikel 1 des Dekret-Entwurfs bezüglich der fonds secrets wird angenommen trotz der lebhaftesten Opposition.
‒ Aus einem Briefe der Prinzessin Clementine an den Prinzen von Joinville, datirt den 14. Februar 1838, geht deutlich hervor, daß man in den Tuilerien den Herrn Dupin außerordentlich gut zu beurtheilen verstand. ‒ Denselben Herr Dupin, der sich so bereitwillig zu dem Echo aller gegen die Arbeiter der National-Werkstätten erfundenen Verläumdungen machte. Es heißt in diesem Schreiben: „Die Kammer scheint mir nicht besonders zu sein; sie ist noch engherziger und jämmerlicher wie die frühere. Sie hat gezeigt, was sie ist, indem sie von der Pension der Frau von Damrémont, der Witwe des in der Batterie gefallenen Generals, 4000 Francs abzwackte. Dies ist unwürdig und gemein! Das Ministerium hält sich und wird sich hoffentlich noch lange Zeit halten; aber es ist schwach. Es führt die Kammer nicht, im Gegentheil, es folgt ihr. Mit der Dotation unsres armen Tan (irgend ein Mitglied der königlichen Familie) geht es nicht zum besten. Dupin hat sich feige dabei benommen, elendig und wankelmüthig, wie wir ihn schon so oft gesehen haben. Alles geht indeß u. s. w. In Paris, in Brix und in Gotha befinden sich Alle wohl.“
‒ Einer der Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung fand wenige Tage nach der Februarrevolution im Kothe des Tuilerienhofes mehrere an die Mitglieder der Familie Orleans und anderen Umgebung gerichtete Briefe. Diese Original-Schreiben liegen vor uns und wir übersetzen davon die Folgenden, zu Nutz und Frommen unsrer verehrten Leser.
Florenz, 10. Febr. 1838.
Dieser ganz im Vertrauen geschriebene Brief, hat einzig zum Zweck, Ihre Meinung in Betreff eines Heirathsprojektes zwischen Sr. königl. Hoheit, dem Herzog von Nemours und Ihrer königl. Hoheit, der Prinzessin Sophie von Würtemberg, in Erfahrung zu bringen.
Ich habe Grund zu glauben, daß, wenn diese Verbindung durch Se. Majestät den König der Franzosen gewünscht würde, durchaus keine Schwierigkeiten im Wege liegen würden. Sie wissen, mein Herr, daß ich eine solche Alliance zwischen dem Herzog von Orleans und der Prinzessin Marie, seiner Zeit lebhaft wünschte und daß ich demzufolge gehandelt hatte, indem ich alle Vortheile für den Würtemberger auseinandersetzte. Wenn alle diese Vortheile damals nicht recht begriffen wurden, so denke ich doch, daß sie heute begriffen werden.
Ich vertraue den Inhalt dieses Briefes ganz Ihrem, mir so wohl bekannten Charakter als Ehren - und Biedermann an und ich bin davon überzeugt, daß Sie in jedem Fall nur einen neuen Beweis jener Gefühle darin sehen werden, die ich Ihnen seiner Zeit zu erkennen gab. Glauben Sie, mein Herr, an die Aufrichtigkeit dieser Gefühle der Achtung, der Werthschätzung und wahrer Anhänglichkeit, mit denen ich bin Ihr sehr affectionirter.
Jerome.(Fortsetzung folgt.)
‒ Das gestern mitgetheilte Einschreiten der bewaffneten Gewalt gegen die Volksaufläufe an der Port St. Denis verlief sich wie folgt:
Bis um 1 Uhr Nachts waren achthundert Individuen verhaftet. Sie wurden unter starker Bedeckung nach der Polizeipräfektur gebracht, wo sie die Nacht über in den Höfen bivouakiren mußten. Bei den Chargen büßte, wie man hört, Niemand das Leben ein; doch kamen mehrere Verwundungen vor. Unter den Verhafteten sind zwei Deputirte.
‒ Der (Prinz) Louis N. Bonaparte ist in Autenit eingetroffen. Das Abendblatt „Patrie“ zeigte diese Ankunft mit folgender Note an: „Wir erfahren im Augenblicke, wo wir unter Presse gehen, daß die Vollziehungsgewalt unter Beistand sämmtlicher Glieder der verschiedenen Ministerien sich diesen Vormittag im Luxembourg in außerordentlicher Sitzung versammelt und beschlossen hat, in der Montagssitzung der Nationalversammlung eine Dringlichkeitsmaßregel (mesure d'urgence) gegen den Bürger Napoleon Louis Bonaparte vorzulegen.
‒ Armand Marrast erklärt heute im National, daß der Artikel der Liberte und der Assemblee nationale, Lamartines und Ledru-Rollins Mitschuld an dem Complotte des 15. Mai be- [0064] reffend, ein Gewebe von Lügen und Unrichtigkeiten sei und deßhalb keiner speziellen Entgegnung bedürfe.
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@facs0064
Paris, 12. Juni.
Die Mitglieder der Klubs der Union haben der National-Versammlung eine Petition eingereicht, worin sie auf Annulirung der Wahl von Louis Bonaparte antragen.
Diesen Morgen hat man in der Nähe des Porte St. Denis ein Individuum arretirt, welches aufrührerische Maueranschläge anklebte und schrie : es lebe Heinrich der Fünfte!
Am Ende des Monats April überschritt die Zahl der Häuser, die ihre Zahlungen einstellten, 1500. Heute erhebt sie sich fast auf 6000.
Man liest in der Presse: „Der Finanzplan Duclercs ist kein Geheimnis mehr. Der Staat befindet sich in einem Rückstand von 1 Milliard und die Regierung braucht außerdem 500 Millionen. Um diese Summe von 15 Millionen, die man durch Steuern nicht beibringen kann, zu decken, will die Regierung der Bank eine Summe von 400 Millionen abverlangen und auf Hypotheke die Eisenbahnen geben. Außerdem nimmt sie sich vor, für 11 Millionen Bankbillets auszugeben. Bleibt übrig zu wissen, ob die Ausgabe von 1100 Millionen Banknoten die Genehmigung der Bank und der National-Versammlung erhält.“ Der Messager seinerseits versichert, die Bank von Frankreich habe sich mit der Regierung über die Ausführung des Systems von Duclerc verständigt.
Der Pariser Arbeiterklub, der früher schon gegen die bewaffnete Expedition nach Deutschland energisch aufgetreten war, hat der Reforme einen neuen Protest zugesandt, woraus wir folgendes entnehmen:
„Mit großer Entrüstung haben wir einen in französischer und deutscher Sprache abgefaßten Maueranschlag gelesen, herrührend von einem sogenannten demokratischen deutschen Comite, das für die Freiheit der Völker gebildet zu sein vorgibt, und den deutschen Proletarier von Paris auffordert, sich in Freikorps einzuschreiben, um unter Mailands und Karl Alberts Fahnen dienen zu gehen. Der Maueranschlag wendet sich an die deutschen Arbeiter, indem er ihnen zuruft: Was findet ihr heute in größeren industiellen Städten? Elend. Was werdet Ihr in Italien finden? Ruhm! Diese Phrase ist lügenhaft. Der demokratische Arbeiter hat heut zu Tage in allen großen und industriellen Städten mitzuarbeiten an der Befreiung des Proletariats. Dies scheint uns glorreicher als unser Blut zu vergießen in der Lombardei, im Dienste seiner Majestät, Karl Alberts, Königs von Sardinien, Cypern und Jerusalem. Wir verwarnen unsere Brüder, die deutschen Proletarier, dieser Aufforderung zu trauen, die von einem Comite herrührt ohne moralische und materiellen Garantien, trotz seines prunkenden Titels.“ Im Namen des deutschen Arbeiterklubs: Everbeck, Präsident. Schneeberger, Richard, Küster, Wagener, Arbeiter.
Rasvail hat aus Vicennes eine Dankadresse an die Wähler gerichtet, die ihm ihre Stimmen gegeben.
Die exekutive Kommission hat einen Schock neuer Präfekten ernannt, worunter wir die Namen von Hektor Carnot und Pereira bemerken.
Das Bien public, Journal Lamartine's, enhält einen heftigen Artikel gegen Louis Napoleon.
Armand Marrast ist einstimmig zum Berichterstatter von dem mit dem Konstitutionsentwurf beschäftigten Ausschuß ernannt worden.
‒ Der Polizeipräfekt hat ein Dekret gegen die öffentlichen Ausrufer erlassen, dessen Hauptinhalt folgt:
Art. 1. Gemäß Art. 3 des Gesetzes vom 10. Dezember 1830, darf nur der Titel von Journalen, täglichen oder periodischen Blättern, „Urtheilen,“ und andren „Akten“ einer konstituirten Behörde in den Straßen, Plätzen und anderen öffentlichen Orten ausgerufen werden. Jede andere Schrift, Drucksache, Litographie u.s.w. darf nur ausgerufen werden, wenn der Ausrufer oder Vertheiler den Titel angezeigt hat, worunter er sie ankündigen will, und ein Exemplar der Schrift u. s. w. dem Polizeikommissariat im Viertel des Justizpalastes eingehändigt hat.
Großbritannien.
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@facs0064
[*] London, 12. Juni.
Gestern wurde die Ruhe in und um die Stadt nicht gestört. Für heute Abend sind indeß viele Chartisten-Versammlungen verabredet. Das beabsichtigte Meeting auf Bischof Bonner's Feld wurde von der Behörde untersagt. Die bis zu diesem Augenblick (5 Uhr Nachmittags) aus den Provinzen eingetroffenen Nachrichten zeigen, daß auch in Manchester, Liverpool u. s. w. nichts außerordentliches vorgefallen war.
‒ Die wegen Hr. Ernest Jones durch Feargus O'Connor angebotene Bürgschafchaft wurde nicht angenommen, da letzterer Mitglied des Parlaments ist.
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@facs0064
London, 12. Juni.
Aus Indien trafen weitere Mittheilungen über den Aufstand in Lahore ein, welche die über Marseille erhaltenen Nachrichten bestätigen. Zwei englische Kommissionäre fanden ihren Tod und ein Theil der Truppen befand sich in großer Gefahr. Bei den trefflichen, durch Lord Hardinge früher getroffenen militärischen Maßregeln, glaubte man indeß die Sache schnell zu Ende bringen zu können und dadurch den Rest der Unzufriedenen im Punjaub zu vernichten.
‒ 12. Juni, 3. Uhr. Konsols 843/4 und 7/8.
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@facs0064
Dublin, 10. Juni.
Herr John O'Connell, der, wie der Korrespondent der Times sagt, eine ungemeine Abneigung gegen Pulverdampf hat, erklärt in einem Briefe an den Herausgeber des „Evening Freeman,“ daß er nicht in die alle Alt- und Jungirländer umfassende League eintreten könne und sich an die durch Daniel O'Connell gegründete Repeal-Association halten werde.
Die League hat inzwischen eine Proklamation erlassen, in der sie ihre innere Einrichtung auseinandersetzt. Die Bewaffnung ihrer Mitglieder nimmt guten Fortgang.
‒ Der „Baumwollheiland“ Richard Cobden, der sich dieser Tage etwas zweideutig über die Chartisten ausdrückte, ist von Hrn. Feargus O'Connor wieder aufgefordert worden, sich nächstens in der Westriding vor Yorkshire mit ihm einzufinden, um die 6 Punkte der Volks-Charte vor allem Volke zu debattiren, damit man sehe, ob das Gewäsch der Freihandelsmänner tiefer in's Volk gedrungen sei, als die Agitation der Chartisten.
[Leserbrief]
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@facs0064
Nachwahl der Stadt Köln.
Als Stellvertreter nach Frankfurt:
Pelmann, Appell.-Gerichtsrath in Köln.
Herrn Frenken, Abgeordneten von Heinsberg.
In der Sitzung vom 31. Mai haben Sie, auf eine bereits am vorigen Tage geschlossene Debatte zurückkommend, Veranlassung genommen, über die Unruhen in Aachen zu sprechen. Hätten Sie nur Ihre Meinung geäußert, so würden wir, in Berücksichtigung, daß ein Deputirter wegen seiner Ansichten nicht zur Verantwortung gezogen werden darf, die Sache nicht weiter berühren, Sie haben aber Thatsachen berichtet, die unwahr sind; Sie haben im Namen einer Stadt gesprochen, von welcher Sie kein Mandat haben und so sind wir berechtigt und verpflichtet, Ihre Aeusserungen und Ihre angenommene Qualität öffentlich zu desavouiren.
Sie behaupten, H. Abgeordneter, daß es sich nicht erwiesen habe, daß sich die Kriegs-Reservisten Ordnungswidrigkeiten hätten zu Schulden kommen lassen. Sie sagen da eine unverzeihliche Unwahrheit; denn, obgleich die gemischte Commission, welche die von den Reservisten begangenen Ungebührlichkeiten untersuchen sollte, leider nie in's Leben getreten ist, wahrscheinlich weil die Reservisten bereits Aachen hatten verlassen müßen, so ist doch in der Untersuchung gegen die Civil-Tumultuanten nebenbei gerichtlich constatirt worden, daß die Reservisten durch Angriffe auf Frauenzimmer, durch Abreißen von deutschen Cocarden, die Veranlassung zu dem ganzen Aufruhr gewesen sind.
Wenn Ihnen hierüber noch Zweifel bleiben, so können wir Ihnen die Aussage von 100 glaubwürdigen Zeugen verschaffen, so können wir Ihnen Beweise anderer Städte liefern, wo die nämlichen Reservisten Spuren desselben frechen Benehmens bei ihrem Durchmarsche zurückgelassen haben.
Wie dürfen Sie nun aber H. Abgeordneter, da Sie in einer dunkeln Unwissenheit über das ganze Sachverhältniß zu sein scheinen, solche Thatsachen wegläugnen, wie dürfen Sie, da Sie doch nur Abgeordneter von Heinsberg sind, das Recht usurpiren, Namens der Stadt Aachen einen Dank auszusprechen?
Wir fordern Sie auf, öffentlich zu erklären, von wem Sie hierzu Vollmacht hatten; protestiren inzwischen aber entschieden gegen Ihre wahrheitswidrigen Angaben und noch nachdrücklicher gegen Ihre Anmaßung im Namen der Stadt Aachen zu sprechen.
Schließlich können wir nicht umhin, zu bemerken, daß die Bürgerschaft von Aachen mit dem hier stationirenden 34 Infanterie Regiment und mit der damals hier anwesenden Dragoner Abtheilung nie in Conflict gerathen ist, sondern mit diesen Truppen stets im besten Einverständnisse gelebt hat und noch lebt.
Aachen, 10. Juni 1848.
Mehrere Aachener Bürger.
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@facs0064
Hamm, den 11. Juni 1848.
An die Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung:
Der Arbeiterverein zu Hamm hat nachstehende Adresse, in Betreff der Ausweisung der Herrn Essellen, Löwenstein und Pelz an die Nationalversammlung zu Frankfurt erlassen:
„An den Präsidenten der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt. die Angelegenheit, in welcher wir uns an Sie als Präsidenten der Nationalversammlung wenden, ist eine menschliche. In einer Zeit wie die jetzige, wo kein geschriebenes Gesetz mehr existirt, müssen die ewigen Rechte der Menschheit um so höher geschätzt werden. Wenn diese Rechte aber von der Obrigkeit, welche kein Gefühl für uns, sondern nur Macht über uns hat, mit Füßen getreten werden, wenn die Vertreter der deutschen Nation diesen Frevel an der Menschheit unter ihren Augen ungehindert ausüben lassen, wenn sie, von wahren Freunden und Vertretern des Volkes auf diesen Frevel wiederholt aufmerksam gemacht, dennoch darüber hinweg sehen: dann hört auch der Geduldigste auf, zu vertrauen und Jeder, der wahres Gefühl für Menschenrecht im Herzen trägt, hält es für seine Pflicht, selbst für seine gekränkten Brüder aufzutreten. In einer Person kann das sittliche Gefühl der gesammten Menschheit verletzt werden. Die deutsche Nationalversammlung soll die ganze Nation vertreten, die Nation ist aber aus einzelnen zusammengesetzt und wird der einzelne in seinen Menschenrechten verletzt, so ist es Pflicht der Versammlung, ihn darin zu schützen, ja es ist um so mehr ihre Pflicht, als er grade jetzt in dieser gesetzlosen Zeit seine vereinzelte Stellung um so schmerzlicher empfinden muß ‒ Die verschiedenen Ausweisungen der Herrn Essellen, Löwenstein und Pelz waren Akte der Gewalt, unzeitgemäße Nachahmungen veralteter Polizeimaßregeln. Die Bürger von Höchst haben die Ungerechtigkeit einer solchen Gewaltthat eingesehen und den Beleidigten die gebührende Genugthuung erwiesen, die freie Stadt Frankfurt hat dies bis jetzt nicht gethan. Wir tragen darauf an, daß diese Angelegenheit, nachdem die Herrn Schlöffel und Jordan bereits wiederholt vergebens ihre Stimmen dafür erhoben, dennoch in der Nationalversammlung zur Sprache gebracht werde und erwarten von dem Rechtlichkeitsgefühl unserer Vertreter, daß sie den tief Beleidigten diejenige Genugthuung auswirken werden, die einer so unrechtmäßigen Kränkung entspricht.
Hamm, den 11. Juni 1848.
Folgen die Unterschriften von 221 Mitgliedern
des Arbeitervereins.
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Civilstand der Stadt Köln.
Geburten.
10 u. 11. Juni. Peter Joh., S v. Franz Oedekoven, Lithograph, Burgmauer. ‒ Bertram, S. v. Joh. Iltgen, Maurer, Entenpfuhl. ‒ Marg. Doroth., T. v. Heinrich Jos. Hackenbruch, Sattler, Peterstr. ‒ Anna Maria Kath, T. v. Franz Ant. Helnerus, Schneider, Salzmagazin. ‒ Agnes, T. von Gerhard Schwarz, Taglöhner, Hühnerg. ‒ Wilhelm. Louise, T. v. Wilh. Schneider, Regier.-Diätar, Hämmerg. ‒ Joh. Gustav, S. v. Franz Hub. Hartkopf, Regenschirmfabrik., Breitstraße. ‒ Heinr. Napoleon Joh. Bern., S. v. Peter Bernard Tousin, Kleidermacher, gr. Griechenm.
Anna, T. v. Eberhard Nießer, Rothgerber, kl. Griechenm. ‒ Peter, S. v. Kaspar Brambach, Seiler, Mühlenbach. ‒ Gudula, T. von Heinrich Gehlen, Schreiner, gr. Witschg. ‒ Friedr. Egon, S. v. Otto Falk, Anstr., Kostg. ‒ Gertr., T. v. Friedr. Lohner, Schmid, Stavenhof. ‒ Kath., T. v. Franz Arnold Proenen, Kaufm., Mühleng. ‒ Hubertina Adelh., T. v. Johann Neunzig, Tischler, Gereonskloster. ‒ Joh Hubertina, T. v. Jos. Maria Großi, Glaser, Kammachergasse. ‒ Ther. Adelh., T. v. Friedr. Wilh. Jacquemien, Bleiarbeiter vor St. Martin. ‒ Laurenz, S v. Laurenz Blum, Taglöhner, vor den 7 Burgen. ‒ Christian, S. v. Christian Exleben, Schreiner, Entenpfuhl. ‒ Anna Christina, T. v. Kaspar Kolfenbach, Tagl., Glockenring.
Sterbefälle.
10. u. 11. Juni. Nikol. Breuer, Schuster, 54 J. alt, verh., Weidengasse. ‒ Joh. Heinr. Harrnherm, Pförtner, 28 J. alt, unverh., gr. Budeng. ‒ Kath. Frank, 10 M. alt, Columbastr. ‒ Franziska Klauer, 1 J. 8 M. alt, Schafenstr. ‒ Gertr. Bachem geb. Winter, 32 J alt, Kostg. ‒ Math. Faßbender, 13 T. alt, Kranenbaumerhof.
Kath. Berisch, 8 M alt, Thieboldsg. ‒ Ant. Odendahl, 5 J. alt, Weideng. ‒ Stephan Siebenaller, Cigarrenmacher, 23 J. alt, unverh., Ketteng. ‒ Math. Decker, Ziegelarbeiter, 45 J. alt, verh., Klingelpütz.
Heirathen.
9. Juni. Serv. Eick, Angestellter bei der Armenverwaltung, und Walb. Eleon. Maria Jos. Reifferscheid von Wadenheim.
10. Juni Peter Cüster, Kellner, und Kath. Jammel von Hoeningen. ‒ Bern. Maro, Spezereih., Wittwer, und Anna Sibilla Bey, von Schwerfen.
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Schiffahrts-Anzeige. Köln, 14. Juni 1848.
In Ladung: Nach Ruhrort b. Emmerich H. Lübbers; Nach Düsseldorf bis Mühlheim an der Ruhr Joh. Budberg; H. Schumacher nach Koblenz und der Mosel und Saar L. Tillmann; nach der Mosel, nach Trier und der Saar N. Pisbach; nach Bingen J. B. Mundschenk; nach Mainz Anton Bender; nach dem Niedermain Fr. Schulz; nach dem Mittel- und Obermain C. W. Müller; nach Heilbronn H. Bechert; nach Kannstadt und Stuttgart Peter Kühnle; nach Worms und Mannheim M. Oberbahn.
Ferner: Nach Rotterdam Kapt. Peer, Köln Nr. 10.
Ferner: Nach Amsterdam Kapt. Coesen, Köln Nr. 2.
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Wasserstand.
Köln, am 14. Juni. Rheinhöhe 8′ 8″.
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Eine Wohnung, mit oder ohne Möbeln, Aussicht nach dem Rheine bietend, steht zu vermiethen, Holzmarkt Nro. 71.
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Da Herr Ritz aus Aachen, Abgeordneter des Kreises Gladbach, unsere Gesinnungen am Landtag in Berlin nach Wunsch vertritt, so können wir nicht umhin, demjenigen, der Herrn Ritz zur Wahl vorschlug, so wie auch den Wahlmännern, die ihn wählten, unsern wärmsten Dank abzustatten.
Mehrere liberal gesinnte Urwähler des Kreises.
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„Neue Rheinische Zeitung.“
General-Versammlung der Herren Aktionäre zur Berathung und Feststellung des Statuts und Abschluß des Gesellschafts-Vertrages auf:
Sonntag, den 18. Juni d. J., Morgens 10 Uhr,
bei Drimborn, Glockengasse Nro. 13 und 15.
Auswärtige können sich durch Bevollmächtigte vertreten lassen. Die Interims-Quittungen dienen als Eintrittskarten.
Köln, den 2. Juni 1848.
Das provisorische Comité.
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Die geschlossenen Gesellschaften und der allgemeine brüderliche Gesellschaftsverkehr.
Es liegt außer allem Zweifel, daß die Bewegung unserer Zeit sich durch das Streben nach Verbreitung der Humanität charakterisirt. Nichts aber ist diesem Streben entgegengesetzter, als das Bestehen der geschlossenen Gesellschaften, welche der Humanität schnurstraks widersprechen und in die jetzige Zeit nimmer hineinpassen. Man beklagt sich über die Rohheit und Unwissenheit der sogenannten niedern Volksklassen und über ihren Mangel an Freiheitsgefühl; aber man thut nichts, was ihre geistige Hebung fördern könnte. Man hält sich für zu gut und für zu gebildet, mit dem geringen Manne gesellschaftlichen Umgang zu pflegen; man übersieht es aber, daß man sich dreist in jede Gesellschaft mischen kann, ohne sich etwas zu vergeben, wenn man sich selbst nur würdig beträgt. Es ist etwas Anderes, sich mit Jemanden gemein machen, und etwas Anderes, mit ihm gesellschaftlich umgehen und ihm liebreich begegnen. Die geschlossenen Gesellschaften tragen so etwas Zurückstoßendes und Geringschätziges für diejenigen in sich, welchen man den Zutritt in sie verwehrt; dagegen ist der allgemeine brüderliche Gesellschaftsverkehr für den Augenblick, abgesehen von aller Humanität, ein weit wichtigeres Volksbildungsmittel, als die Volksschule selbst, deren Wirksamkeit nicht auf die Gegenwart, sondern lediglich auf die Zukunft gerichtet ist. Der allgemeine brüderliche Gesellschaftsverkehr kann nur den Hochmuth, das Vorurtheil und die Lieblosigkeit unangenehm berühren, sonst kostet er Niemanden ein Opfer und bringt Vielen Gewinn; ohne ihn ist alles Gerede ron Liberalität ein eitles, ohne ihn wird das Streben nach wahrer Freiheit immerhin ein vergebliches bleiben.
Ich bitte die Redaktionen aller Zeitungen und Lokalblätter, diese Zeilen aufzunehmen; alle diejenigen aber, welche meine Ansicht theilen, mögen sich öffentlich darüber aussprechen, damit diese vielleicht wichtigste Aufgabe unserer Zeit nicht wieder in Vergessenheit gerathe.
Meurs, den 11. Juni 1847.
Alex. Wormovius
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15 à 1600 Thlr. gegen dreifachen Werth auf erste Hypotheke gesucht. Die Expedition sagt wo.
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Messingene, bleierne und eiserne Saug- und Druckpumpen werden auf jede Brunnentiefe unter Garantie angefertigt, auch findet man in meinem Lager eine große Auswahl derselben vorräthig bei Aug. Hönig,
Altenmarkt Nro. 56 in Köln.
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Banner und Compagnie-Fahnen mit dem Reichsadler und Stadt-Wappen, Benennung der Compagnie oder jeder sonstigen Inschrift, in Wolle und Seide, sind zu haben bei Gebr. Seligmann.
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Die so beliebten
Kirschen-Torten
sind täglich frisch zu 10 und 1 Sgr. das Stück zu haben, Schildergasse Nr. 49 und in meinen Nebengeschäften, Blindgasse und Cattenbug Nr. 12.
Franz Stollwerck, Hoflieferant.
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Eis
täglich in und außer dem Hause à Portion 4 Sgr. bei
Franz Stollwerck, Hoflieferant.
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Es befinden sich mehrere Regenschirme bei mir, deren Eigenthümer mir entfallen sind; ich ersuche deshalb jeden, der mir Schirme zur Reparatur etc. etc. übergeben, solche Eulengartengasse Nro. 5 in Emfang zu nehmen.
Viktor Jansen,
Regenschirmfabrikant,
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Es wünscht Jemand sich mit Abschreiben zu beschäftigen. Weingartengasse Nr. 6.
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Heute Donnerstag, den 15. Juni 1848,
Abends 6 Uhr,
Großes Vokal- und Instrumental-
Konzert
vom Kölner Bürgerwehr-Musikchor
des 4. und 5. Banners,
unter Leitung des Lehrers Herrn Herr und gefälliger Mitwirkung der Dilletanten und des Bürger-Handwerker-Gesang-Vereines
im Marienbildchen bei Hrn. Rener in Deutz.
(Die Einnahme ist zur Anschaffung der nöthigsten Instrumente und Musikalien für das Bürgerwehr-Musikchor bestimmt.)
    Programm.
    • I. Abtheilung.
    • 1. Festklänge. Marsch von F. Kreinecker.
    • 2. Ouvertüre aus der Oper „Gustav Adolph“ von Auber.
    • 3. Scene, Arie und Cavatine „aus Moses“ von Rossini.
    • 4. Introduction und Walzer über Themas aus Oberon von K. M. v. Weber.
    • 5. Bürgerwehrlied mit Chorgesang. ged. von Sternau, in Musik gesetzt von unserem wackern Landsmanne J. Offenbach aus Paris.
    • II. Abtheilung.
    • 6. Neuer Bürgerwehr-Marsch über ein beliebtes rheinisches Volkslied von W. Herr.
    • 7. Ouvertüre zur Oper „Die Königin für einen Tag“ von Adam.
    • 8. Große Polonaise, arrangirt von Schönau.
    • 9. Albert-Walzer von Labytzky.
    • 10. Marsch mit Chorgesang über Reichardts und Arndts deutsches Vaterland, arrangirt von Herr.
    • III. Abtheilung.
    • 11. Potpourri aus „Graf Ory“ von Rossini.
    • 12. Polka-Lese von verschiedenen Komponisten.
    • 13. Scene und Duett aus „Rebucadnezar“ von Verdi.
    • 14. Galopade aus „Teufels-Antheil“ von Auber, arrangirt von Canthal.
    • 15. Marsch über die Schleswig-Holsteiner-National-Hymne mit Chorgesang, arrangirt von Herr.
Karten sind bei sämmtlichen Zugführern à 5 Sgr. und Abends an der Kasse 71/2 Sgr. zu haben.
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Ein Mädchen, welches im Nähen und Stricken erfahren ist, und mit Kindern gut umzugehen weiß, sucht einen Dienst. Nähere Auskunft in der Expedition d. Bl.
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Gründlicher Unterricht in der italienischen Sprache, und für Kaufleute mit besonderer Hinweisung auf die Handelskorrespondenz, Kupfergasse 1 A.
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Der Gerant, Korff.
Druck von W. Clouth, St. Agatha Nro. 12.