[0071]
Neue Rheinische Zeitung.
Organ der Demokratie.
No. 17. Köln, Samstag 17. Juni 1848.
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Die „Neue Rheinische Zeitung“ erscheint vom 1. Juni an täglich. Bestellungen für das nächste Quartal, Juli bis September, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.
Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 2 Thlr. 3 Sgr. 9 Pf. Außerhalb Preußens mit Zuschlag des fremden Zeitungsportos. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Die Berliner Vereinbarungsdebatte über Revolution). (Schluß). Berlin. (Unruhen. ‒ Bekanntmachungen Blessons. ‒ Geheimrath Bauer. ‒ Vereinbarungsdebatten). Breslau. (Die Demokraten und die Reaktionäre in Schlesien). Posen. (Russisches Lager in der Nähe von Kalisch). Dortmund. (Höfken und Harkort). Frankfurt. (Apostelfahrt. ‒ National-Versammlung). Karlsruhe. (Anklage des Regierungsdirektor Peter). Wien. (Wiener Adresse an das deutsche Parlament). Saatz. (Industrieller Kongreß). Triest. (Die Blokade). Rendsburg. (Wahlgesetz für die konstituirende Versammlung).
Dänemark. Kopenhagen. (Schweden in Nyborg gelandet. ‒ Kriegsanleihe. ‒ Kondemnirungen). Nyborg. (Kondemnirungen).
Schweden. Gothenburg. (Truppeneinschiffungen). Malmö. (Rüstungen).
Schweiz. Zürich. (Casus belli. ‒ Beschluß des Raths von St. Gallen).
Italien. Turin. (Anträge Bixius in der Deputirtenkammer wegen der Jesuiten. ‒ Arbeitereinstellung der Schneidergesellen. ‒ Brief aus Neapel über Ferdinand und seine Truppen. ‒ Radetzki. ‒ Nahe Ankunft von Mitgliedern der provisorischen Regierung in Mailand). Rom. (Kammer). Neapel. (Rüstungen gegen den Aufstand).
Französische Republik. Paris (Duclercs Finanzplan. ‒ Lamartines Rede vom 12. Juni. ‒ Truppenaufstellungen in Paris. ‒ Sitzung der Nationalversammlung vom 14. Juni).
Großbritannien. Manchester (Manöver der Baumwollenlords zur Umgehung der Zehnstundenbill). Liverpool (ein Chartistenmeeting). London (Chartistenmeetings im Norden). Dublin (Repealassociation).
Amerika. (Der Mexikanische Congress. ‒ Yucatan. ‒ Präsidentschaftskandidaten. ‒ Handelsnachrichten. ‒ Fortdauer des Morden auf Hayiti. ‒ Indianerkrieg im Oregon).
Handelsnachrichten.
Deutschland.
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Edition: [Friedrich Engels: Die Berliner Debatte über die Revolution. In: MEGA2 I/7. S. 109.]
[**] Köln, 14. Juni.
(Die Berliner Debatte über die Revolution. Schluß).
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[7] Berlin, 14. Juni.
Abends 9 Uhr. Die Sitzung der Nationalversammlung war heute Morgen von großer Masse bewaffneter Bürgerwachen umstellt.
Die Bevölkerung Berlins war über die Absperrung der Versammlung höchst erbittert. Heute um vier Uhr fielen Reibungen am Zeughause vor, aus dem man das Militär, das sich noch immer darin befindet, herausholen wollte. Eine Deputation, größtentheils von Arbeitern, begab sich zum Kriegsminister, um den Abzug des Militärs aus dem Zeughause und die Bewaffnung der Arbeiter zu verlangen. Die Deputation ward am Palais desKriegsministers von Bürgerwehr empfangen und verhaftet. Sogleich ward daselbst der Versuch einer Barrikade gemacht, aber durch eine Bajonetattake vereitelt; mehrere Verwundungen fielen dabei vor. Die unbewaffnete Masse stürzte erbittert fort. Eine große Menge sammelte sich um das Zeughaus, die Bürgerwehr rückte in großer Zahl heran. So eben, 81/2 Uhr, ist im Kastanienwalde und Zeughause Feuer gegeben worden, ganz Berlin ist in großer Aufregung, Alles stürzt nach Waffen; unter den Linden wird ein Trupp Bürgerwehr ganz friedlich entwaffnet. Der Generalmarsch der Bürgerwehr wird durch die ganze Stadt geschlagen. Man fürchtet heftige Zusammenstöße für die Nacht, die bei den aufgeregten Massen kaum zu vermeiden sind. Die Erbitterung, welche durch Verwerfung des Behrends'schen Antrags entstand, macht sich jetzt allgemein Luft.
‒ Die „Berliner Zeitungshalle“ bringt über die Ereignisse vom 14. Juni nur die nachstehende kurze Notiz:
Nachmittags 1 Uhr. So eben begegnet mir ein großer Zug von Arbeitern, welche ins Schloß gedrungen und nach vergeblichem Widerstand der dort aufgestellten Bürgerwehr, die in den letzten Tagen an mehrern innern Zugängen des Schlosses angebrachten eisernen Gitter herausgerissen haben; mit großem Jubel ziehen sie mit einem Theil derselben nach der Universität und übergeben sie den mit dreimaligem Hoch begrüßten Studenten zur Aufbewahrung.
I. Kameraden! Unsere Stellung hat sich verändert! Zum ersten Male werden wir durch das Gesetz aufgerufen unsere Freiheiten und politischen Rechte zu beschützen. Ein Attentat auf diese hat stattgefunden; denn welche größere Gefahr kann ihnen drohen, als wenn die Erwählten der ganzen Nation nicht mehr mit vollkommenster Unabhängigkeit, sondern unter dem Druck des Schrecks berathen müssen?! Die Freiheit der Discussion, in den für das ganze edle Preußen geheiligten Räumen, in welchen sich die Repräsentanten desselben versammelten, die Sicherheit und Unverletzlichkeit ihrer Personen innerhalb unserer Mauern aufrecht zu erhalten, das ist die Aufgabe die uns jetzt gestellt ist. Das ganze Vaterland hat uns seine Erwählten anvertraut, und erwartet von uns seine Erwählten anvertraut, und erwartet von uns ihre Beschirmung in allen Hinsichten; 16 Millionen haben ihre Augen auf uns gerichtet und werden Rechenschaft von uns verlangen, wenn sie die gesetzliche Freiheit verletzt glauben. Wir haben jetzt mithin die höchsten Pflichten zu erfüllen, welche der Bürgerwehr obliegen! Ich werde genöthigt werden, auf einige Zeit größere Anstrengungen als bisher zu fordern, um dem Zwecke, wolle Gott ohne Anwendung von Gewalt, zu entsprechen. Von dem klaren Erfassen und tüchtigen Sinn meiner Kameraden, bin ich aber zu überzeugt, um einen Augenblick daran zu zweifeln, daß ich auf ihre ganze Unterstützung rechnen kann, sowie auf die Willfährigkeit aller Vaterlandsfreunde, sich den nöthigen Anordnungen zu unterwerfen, und füge daher nur die Bitte hinzu, mich mit ihrem ehrenden Vertrauen zu umgeben, das nach besten Kräften und Einsichten zu erwerben mein einziges Bestreben sein soll, und worin meine Herren Beirather mit mir vollkommen übereinstimmen.
Berlin, 13. Juni 1848.
Blesson.
II. Zum Tagesbefehle am 13. Juni. Um die Sicherstellung des National-Versammlungs-Gebäudes zu bewirken und den Anstand in der Umgegend desselben aufrecht zu erhalten, giebt morgen den 14. d. M. Vormittag 11 Uhr das 19. Bataillon 200 Mann, geführt von 4 Hauptleuten und dem Bataillons-Commandeur. Die Aufstellung wird folgende sein: An der gewöhnlichen Stelle vor dem Hause rechts und links 25 Mann, hinter dem Gebäude 20 Mann. Der Platz zwischen dem Finanz-Ministerium, der Königswache und der Fruchthandlung wird nach allen Seiten so abgesperrt, daß eine freie Passage nur zwischen der Fruchthandlung und der Universität bleibt, die in gerader Richtung nach dem Bauhofe führt. Zwei Pikets von 10 Mann werden vorgeschoben, das eine nach der Ecke des Finanz-Ministeriums, das andere bis zur Statue von Scharnhorst, um die Passanten anzuweisen, während der Sitzung nicht durch das Wäldchen, sondern um dasselbe herumzugehen. ‒ Das 8. Bataillon sorgt für die Freihaltung des Kastanienwaldes hinter der Universität, und ist bereit wenn es nöthig, das Brandenburger Thor zu besetzen. Das 11. Bataillon ist ebenso zur Besetzung des Potsdamer Thores bereit. ‒ Das 7. Bataillon hält sich in Bereitschaft, die Königswache zu verstärken oder nach Umständen die Besatzung des National-Versammlungs-Gebäudes zu unterstützen. ‒ Das 5. Bataillon ist bereit zur Besetzung des Schlosses. ‒ Alle übrigen Bataillone werden veranlaßt, etwanige zusammentretende Versammlungen durch starke Patrouillen zu zerstreuen.
Ich mache im Voraus darauf aufmerksam, daß der Patrouillendienst wahrscheinlich in den nächsten Tagen lebhaft wird unterhalten werden müssen, worüber ich mir nach der Erfahrung des ersten Tages das Nähere vorbehalte, halte mich aber verpflichtet, die Herren Bataillonskommandeure zu bitten, ihre Aufmerksamkeit auf dergleichen Versammlungen, nicht auf die bloße Dauer der Sitzung der Repräsentanten zu beschränken.
Wenn es gleich nicht in der Unmöglichkeit liegt, daß wir von den Waffen hierbei Gebrauch machen müssen, so bitte ich stets eingedenk zu sein, daß es das letzte Mittel ist und es immer unser Zweck sein muß, den Unordnungen durch Aufforderung im Namen des Gesetzes abzuhelfen. Mit großer Ueberlegung wollen daher die Herren Kommandeurs, nicht übereilt, einschreiten und zufällige Aufläufe von solchen unterscheiden, welche eine Besorgniß erregen können.
Die Aufforderung zum Auseinandergehen muß laut und fest ausgesprochen werden, ohne deshalb etwas Barsches und Verletzendes hineinzulegen. Wo der Tambour bei der Hand ist, muß vor jedesmaliger Aufforderung ein dreimaliger Wirbel geschlagen werden und der Gebrauch der Waffen, im langsamen Schritte vorgehend, nur dann eintreten, wenn man hartnäckigen Widerstand findet. ‒ Zeigt sich aber die Neigung zum Auseinandergehen, so muß der Marsch so eingerichtet werden, daß die Leute Zeit haben sich zu entfernen.
Blesson.
‒ Die Bekanntmachung, durch welche die Urwähler und Wahlmänner des 3. Bezirks zu einer Versammlung in der Geheimrath-Bauerschen Sache eingeladen werden und welche gestern an den Mauern zu lesen war, ist folgendermaßen formulirt :
In der am 10. d. M. stattgefundenen Versammlung der Urwähler und Wahlmänner des hiesigen dritten größern Wahlbezirks, ist es zur Sprache gekommen, daß der in demselben gewählte Abgeordnete Geh. Revisionsrath Bauer,
an dem Zuge nach den Gräbern der am 18. und 19. März gefallenen Freiheitshelden nicht Theil genommen und dem [0072] Berends'schen Antrage auf Anerkennung der Revolution seine Zustimmung nicht gegeben hat.
Es wurde angenommen, daß ein Abgeordneter Berlins, der die Revolution und die dadurch zur Geltung gekommene Souveränität des Volkes nicht anerkenne, auch das Vertrauen seiner Wähler nicht besitzen könne. Demzufolge ist fast einstimmig beschlossen worden, den Abgeordneten Bauer über die Gründe seines Verhaltens zu hören. Da derselbe gegen eine zu diesem Zwecke an ihn abgesendete Deputation eine sofortige Erklärung hierüber vor dem Vereine ablehnte, für den Fall aber, daß er das Vertrauen seiner Mandanten verloren habe, sein Mandat niederzulegen sich bereit erklärt hat, ist zur Erledigung dieser wichtigen Angelegenheit eine neue Versammlung auf Mittwoch, den 14. Juni, Abends 6 Uhr, im Konzertsaale des Schauspielhauses angesetzt worden, zu welcher die gesammten Urwähler und Wahlmänner des dritten größeren Wahlbezirks (der Wahlbezirke Nr. 39 bis incl. 63, 68 und 69) hiermit zu recht zahlreichem Erscheinen eingeladen werden. Berlin, den 11. Juni 1848. Das Vereins-Comité des 3. Wahlbezirks.
Die preußische konstituirende Versammlung. (15. Sitzung vom 14. Juni.) Die Sitzung wird Mittags 12 Uhr vom Präs. Milde eröffnet. Gegen das Protokoll der 14. Sitzung findet sich kein erheblicher Widerspruch. Der Präsident läßt ein von ihm an das Staatsministerium unterm 10. Juni gerichtetes Schreiben verlesen, dessen Inhalt sich auf die Vorfälle vom Freitag bezieht. Der Präsident berichtet in demselben über die Deputation, welche die vor der Singakademie versammelte Menge in Betreff der Abstimmung über den Berends'schen Antrag an dem erwähnten Tage an ihn gesandt, die Antwort, die er der Deputation ertheilt, die gegen die Herren v. Arnim und Sydow geschehenen Thätlichkeiten, das Benehmen der in der Nähe aufgestellten Bürgerwehr, welche, wie er aus guter Quelle wisse, sich des Ministers v. Arnim anzunehmen geweigert habe. Am Schlusse des Schreibens wird das Ministerium um strenge Untersuchung und gerichtliche Verfolgung der Urheber und Vollstrecker jener Insulten, sowie um Schutz gegen größere Zusammenrottungen in der Umgegend des Sitzungs-Gebäudes der National-Versammlung ersucht. Abg. Temme beklagt die bedauerlichen Vorgänge, würde jedoch einem Antrage auf Verlegung der National-Versammlung, eben so wie einem kürzlich in Paris erlassenen Gesetz gegen Attroupements nicht beistimmen. Das Gesetz vom 6. April reiche in letzterer Beziehung vollkommen aus; man könne der Bürgerwehr fest vertrauen. Indeß wäre es nothwendig, daß zum Zweck der Sicherstellung der National-Versammlung und ihrer einzelnen Mitglieder ein aus folgenden 4 §§. bestehendes Gesetz erlassen würde: 1) Die Versammlung zur Vereinbarung der preußischen Staats-Verfassung ist während der Dauer ihrer Sitzungen unverletzlich; 2) ebenso jedes einzelne Mitglied der Versammlung auch außerhalb derselben; 3) jede gegen die Versammlung oder einzelne Mitglieder begangene Thätlichkeit und Beleidigung ist als Hochverrath anzusehen, und wird 4) schon als solche, abgesehen von anderen Strafbestimmungen, mit einer Gefängnißstrafe von 3 Monaten bis 3 Jahren belegt. ‒ Minister-Präsident Camphausen: Die vorgefallenen Ereignisse seien im höchsten Grade beklagenswerth, und man müsse ähnlichen Vorkommnissen für die Zukunft steuern, weil sonst in der Provinz die Ansicht Raum gewinnen könnte, daß die National-Versammlung nicht frei handle. „Da aber der Vorwurf die Regierung treffen könnte, daß sie nicht die nöthigen Mittel angewendet, um solchen Ausschweifungen zu begegnen, so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen darzulegen, von welchen Grundsätzen wir in dieser Beziehung geleitet werden. Als ich in das Ministerium trat, war das Land noch von einem großen Sturme bewegt, zu dessen Beilegung sich 2 Mittel darboten. Nach dem einem mußten wir gewissermaßen als revolutionäre Regierung auftreten, die Begründung unserer Zustände lediglich in den letzten Zeitereignissen suchen, und von diesem Gesichtspunkte aus bei der Handhabung der Gesetze und der Herstellung der Ordnung ausgehen. Der zweite Weg bot sich uns dadurch dar, daß wir mit den gesetzlichen Mitteln, welche übrig geblieben waren, einstweilen fortregierten, bis die Vereinigung mit der Nationalvertretung uns weitere Mittel in die Hände geben würde. Den ersten Weg, den der revolutionären Diktatur, hat das Ministerium, wenn es ihn einschlagen konnte, nicht einschlagen wollen. Wir haben den zweiten betreten, und dieser Weg war nicht leicht. Wir mußten, so weit uns der feste Halt fehlte, mit der öffentlichen Meinung regieren, unsere Stärke häufig in der Passivität suchen, wir mußten oft auf die Anwendung stärkerer Maßregeln Verzicht leisten, weil daraus der Verdacht der Reaktion hätte entstehen können. Zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung mußten wir uns auf die Bürgerwehr, auf ihre Bereitwilligkeit und Gesinnung verlassen. Es ist uns gelungen, diese Schwierigkeit zu überwinden; wir haben diesen Weg zurückgelegt bis zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt, wo aus unserer Vereinigung mit den Vertretern der Nation eine starke und kräftige Regierung hervorgehen wird, deren Beschlüsse das ganze Land und Berlin selbst wird anerkennen müssen, sollte diese Versammlung auch als reaktionär verschrieen werden. Was die Sicherstellung ihrer Berathungen anbetrifft, so würde ich eine Verlegung der Versammlung weder für an der Zeit, noch für politisch halten.“ An der Tagesordnung ist eine Interpellation des Abgeordneten Contzen an den Minister der auswärtigen Angelegenheiten über dessen, dem Gerüchte nach unter den Augen der Bürgerwehr erlittene Mißhandlung; da indeß Hr. v. Arnim nicht gegenwärtig ist, so wird zu dem Antrage des Abg. Reichensperger übergegangen : Die hohe Nationalversammlung wolle sofort eine Kommission mit der Aufgabe ernennen, durch Vernehmung der betreffenden Abgeordneten diejenigen Thatsachen festzustellen, durch welche an den letzten Sitzungstagen die Würde die Nationalversammlung und die Sicherheit ihrer Mitglieder verletzt oder bedroht worden ist; ‒ demnächst aber zu berichten, welche Maßregeln zur Verhütung jeder Wiederkehr derartiger Vorkommnisse ergriffen worden sind.
Reichensperger motivirt seinen Antrag. Es fordere die Würde der Versammlung, daß sie ihre Unverletzlichkeit ausspreche. Er selbst wünsche keine „draconischen“ Strafbestimmungen, aber es trage zur Ruhe bei, wenn die Versammlung über die Märzrevolution und die letzten „Störungen“ ein Votum erlasse.
Philipps beantragt Uebergehen zur Tagesordnung. „Ich halte es für unnöthig und unpassend, daß sich die Versammlung auf polizeiliche Bestimmungen einlasse.“ (Beifallsruf.)
Auerswald, Minister des Innern: Das Staatsministerium habe das Schreiben des Präsidenten Milde nicht erst abgewartet, sondern bereits früher den Berliner Magistrat auf die nöthigen Schritte bei Vorfällen solcher Art aufmerksam gemacht.
v. Berg. Die Versammlung hat nicht das Recht den Pflichten der Behörden vorzugreifen. Die Bürgerwehr ist nicht dazu da, an schönen Tagen mit Federhüten einherzustolziren, es muß Ehrensache für sie sein, die Vertreter des Volkes zu schützen. Ich verlange statt der einfachen, eine motivirte Tagesordnung; die Versammlung möge erklären: „in Erwartung, daß die Behörden für die Sicherheit der Versammlung pflichtmäßig Sorge tragen werden, geht sie zur Tagesordnung über.“ Dann haben die Behörden für die nöthig scheinenden Maßregeln, sei es eine Aufruhrakte (Gelächter) oder sonst etwas, selbst Sorge zu tragen. (Der Antrag wird unterstützt.)
Jung. Der Berg'sche Antrag stehe mit der Veranlassung in keinem Verhältniß. Auch er, der Redner, habe einen Antrag auf motivirte Tagesordnung eingereicht, nehme aber jetzt denselben zurück und trage auf einfache Tagesordnung an. In England und Frankreich wisse man sich über kleine Unbill erhaben. Vollends aber hier sei das Ereigniß zu unbedeutend, um zu solch großartigen Mitteln zu schreiten. (Lärm in verschiedenem Sinne.)
Ein anderer Redner gegen Reichensperger: es sei der Würde der Versammlung nicht angemessen, der Polizei ins Handwerk zu greifen. Die Versammlung möge dem Volk ein treuer Hüter sein, so werde sie auch am Volk einen treuen Hüter haben. (Stürmischer Beifall der Linken.)
Baumstock erklärt unter großem Lärm und Gelächter, er wolle sich auf den „welthistorischen Standpunkt“ stellen, er wolle Gesetze, die ihn schützen; der Finanzminister Hansemann versichert, daß er keine Furcht habe, daß er im Gegentheil aus Muth der Gewalt des Volkes durch Gesetze entgegentreten wolle; die Versammlung wird immer unruhiger und lärmt zur Abstimmung.
Dierschke. Man wolle gegen die kleinen Unbillen des Volks die großartigsten Vorkehrungen treffen, die schändlichsten reaktionären Umtriebe lasse man unberücksichtigt. In Schlesien cirkulirten Adressen, worin gedroht werde, daß die pommer'schen Junker gen Berlin ziehen würden … (Tobender Sturm in der Versammlung.)
Minister Auerswald. Anzeigen dieser Art sollten in bestimmter Fassung nur niedergelegt werden.
Reichenbach. Hier haben Sie die Adresse. (Gelächter. Lärm. Stürmischer Ruf zur Abstimmung.)
Noch zwei Redner und der Antragsteller erhalten das Wort. Bei der Abstimmung wird zuerst der Antrag von Philipps auf einfache Tagesordnung verworfen; ebenso die von Berg beantragte motivirte Tagesordnung; endlich aber erhält auch der Antrag von Reichensperger nicht die Majorität.
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[103] Breslau, 17. Juni.
Voriges Jahr noch sagte man den Schlesiern Allerhöchste Schmeicheleien; „von Gottes Gnaden“ wurde ihnen versichert: ihre Provinz sei und bleibe die schönste Perle in der Krone Preußens. Solch' abgegriffene Redensarten gelten als geistreich bei Denen, die mittelst jener „schönsten Perle“ gar angenehme Geschäfte trieben. Die Uebrigen, das heißt 7/8 der ganzen Bevölkerung, verbissen einstweilen ihren Ingrimm über jene Verhöhnung. Sie warteten des Tages, der bald hereinbrechen mußte, um dann frei und bündig ihre Gegenerklärung abzugeben.
Schlesiens Zustände sind seit den Märztagen in ihrem wahren Lichte hervorgetreten; über die Gesinnung unter der Mehrzahl seiner Bewohner kann nicht länger ein Zweifel bestehen.
Der vorherrschende Geist ist revolutionär. Er wird es so lange bleiben, bis einerseits der mittelalterliche Unrath gänzlich hinweggefegt und andererseits die moderne Beamten-, Polizei- und Bourgeois-Wirthschaft zu Grabe getragen ist, mit Einem Wort, bis die Volkssouveränetät ungeschmälerte Anerkennung und Verwirklichung gefunden.
Vor 3 Monaten war ein starkes politisches Bewußtsein hauptsächlich nur in Breslau und einigen andern Städten vorhanden. Selbst in diesen gab es noch gar viele Anhänger der Monarchie, gemüthliche Seelen, denen die Gewohnheit zum Naturgesetz geworden. Noch größer war ihre Zahl in andern Theilen der Provinz.
Seitdem hat sich die Stimmung, trotz der kurzen Zeit, mächtig geändert. Zu dieser Umänderung hat allerdings der demokratische Central-Verein zu Breslau in Verbindung mit seinen Zweig- und Bruder-Vereinen hier und in der Provinz kräftig beigetragen. Allein viel wirksamer war jedenfalls die von der reaktionären Partei ausgehende Propaganda. Durch die schamlosen Angriffe, die sie namentlich gegen die hiesigen Demokraten richtete, durch ihre wüthigen Aufforderungen, nach Breslau zu ziehen und die dortigen Revolutionäre mit Stumpf und Stiel auszurotten, nöthigenfalls die Stadt dem Boden gleich zu machen, durch ihre Drohungen, bald mit 20, bald mit 40 Tausend Mann gegen das Demokraten-Nest zu marschiren, durch ihre Intriguen, den diesjährigen Breslauer Wollmarkt zu verhindern, durch ihre Geldaustheilungen an Breslauer Arbeiter, um während des dennoch zu Stande gekommenen Wollmarktes eine Emeute hervorzurufen, hat sie vielen den Staar gestochen.
Sodann kam der saubere Verfassungsentwurf. Er fiel wie eine Bombe in Schlesien hinein. Selbst die Herren Konstitutionellen, wenigstens der biedermännische Theil derselben, schämte sich und ließ sein früheres Geschrei gegen die Demokraten verstummen. Und nun gar die Aussicht auf eine gezwungene Anleihe! Nein, das war doch zu stark! Seldst Gutsbesitzer, die zuvor jeden Republikaner mit Haut und Haaren zum Frühstück verspeisen wollten, standen plötzlich da und machten eine Miene, wie die Katzen, wenn's donnert. In ihren Augen hatte jetzt die demokratische Partei doch so Unrecht nicht.
Auf dem platten Lande bilden die gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse eine selbstredende Propaganda. Nebstdem ist „Kilian Raschke“ („Inhaber vum eisern Kreitze und Mitglied des demokratischen Klubs“) mit seinen 3 Proklamationen an das Landvolk von unberechenbaren Einfluß gewesen. Sein „Pauern, ufgepußt!“ hat z. B. in mehr als 100,000 Exemplaren gedruckt werden müssen, um der Nachfrage zu entsprechen.
Ist nun zwar die demokratische Partei durch ihre Zahl stark, so sind es die Reaktionäre durch ihre Geldmittel und durch das Beamtenthum. Letzteres ist bis auf wenige Ausnahmen unverändert geblieben und bietet alle Kräfte auf, um sich die geliebten Fleischtöpfe nicht enreißen zu lassen. An diesem Beamtenthum findet eben der hohe und niedere Adel in Schlesien, von dem es wohl nirgens sonst in dem Grade wie bei uns wimmelt, seine beste Stütze. Namentlich sind die Landräthe, sehr wenige ausgenommen, und in den Städten die Magistrate die heftigsten Gegner der neuen Bewegung. Auch die Stadtverordneten sind an vielen Arten nichts weiter, als ein Ausschuß von Reaktionären.
Bei solchen widerstrebenden Elementen ist an ein Aufhören des Kampfes nicht zu denken. Für die Einen handelt es sich um Beibehaltung ihrer Vorrechte, für die Andern um Vernichtung derselben. Gutwillig geben die Ersteren nicht nach. Drum wird die Gewalt entscheiden müssen.
Schließlich ist nicht zu übersehen, daß wir uns in einer geographischen Lage befinden, die eine scharfe Sonderung der Parteien und einen heftigen wechselseitigen Kampf bedingt.
Nicht weit von der russischen Gränze setzen die Reaktionäre ihre Hoffnung auf Hülfe von Osten. An der russischen Gränze häufen sich täglich größere Truppenmassen auf und binnen ein paar Wochen ist Alles zu einem nachdrücklichen Schlage vorbereitet. Daß die russische Politik mit den preußischen Reaktionären von Potsdam, Pommern, Posen und Schlesien Hand in Hand geht, daran zweifelt hier schon lange Niemand mehr. Die Unentschiedenen sind dadurch genöthigt, Partei zu ergreifen und die Verhältnisse zwingen sie meist, sich zur demokratischen Fahne zu schlagen.
Aber selbst wenn die Russen wider allen Anschein nicht so schnell in Deutschland einbrechen sollten, so ist doch in Schlesien ein baldiger Kampf zwischen den Anhängern und denen des Alten und Neuen unvermeidlich. Die gesammte Landbevölkerung ist in der höchsten Aufregung. Sie erwartete, daß die Deputirten in Berlin sofort alle mittelalterlichen Lasten ohne Entschädigung aufheben würden. Dies ist bis jetzt nicht geschehen und die Erbittrung wächst mit jedem Tage. Sie wird noch vermehrt durch die Last militärischer Einquartirung, durch das Herumziehen mobiler Kolonnen. Der Faden der Geduld droht bald zu reißen. Dazu kommt das Elend in Oberschlesien und das noch größere unter den Webern und Spinnern, nicht blos des Eulen-, sondern des ganzen übrigen Gebirges.
Bestände die Berliner Nationalversammlung aus Männern, welche die Zeit begriffen, sie würde durch energisches Auftreten, durch radikale Maßregeln, durch schnelle Entscheidung dem bedrohlichen Zustande ein Ende machen. Wie es jetzt steht, wird das Volk immer mehr zur Beherzigung des Spruches hingedrängt: „Hilf dir selbst, so wird dir der Himmel helfen!“
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Posen, 11. Juni.
Seit gestern ist die bestimmte Kunde hier, daß im Königreich Polen, und zwar unmittelbar an unserer Gränze, in der Nähe der Stadt Kalisch, auf das schleunigste ein Lager für 100,000 Mann Russen errichtet wird ; die Truppen werden in Eilmärschen aus Litthauen und den angränzenden Gouvernements herangezogen.
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[8] Dortmund, 15. Juni.
Die Grafschaft Mark ist in Frankfurt wie in Berlin ausgezeichnet vertreten. Von dem Ritter Vincke nicht zu sprechen, dem in's Westphälische übersetzten Schwerin, haben wir Herrn Höfken, und Herrn Harkort.
Herr Höfken, Dr. phil., Ex-Offizier, früher in königl. spanischen Diensten, jetzt Privatdozent in Heidelberg, ist ein Hattinger von Geburt. Als die Wahlen zur Nationalversammlung ausgeschrieben wurden, erschien Herr Höfken in Dortmund und Bochum und stellte sich als Kandidat. Er wurde zweimal gewählt, einmal als Stellvertreter und das zweitemal, als Ritter Vincke abgelehnt, auch als Abgeordneter nach Frankfurt.
Seelenvergnügt reist der Dr. Höfken nach Hause, setzt sich hin und schreibt ein „tiefergebenstes“ Danksagungsschreiben an die hochgeehrtesten Herren Wahlmänner des Wahlkreises. ‒ Der deutsche Briefstyl ist großer Dinge fähig; aber diese überschwengliche in hochpoetischen Schwulst eingehüllte Speichelleckerei des Dr. Höfken konnten selbst die „Hochgeehrtesten“ der Kreise Bochum und Dortmund nicht ganz verdauen. Seine parlamentarische Stellung bezeichnet Herr Höfken ebenfalls in diesem Schreiben, indem er in ein begeistertes Lob des Ritters Vincke, des „Glanzpunktes der Grafschaft Mark“ ausbricht und desgleichen des hochverehrten Herrn Vaters dieses Glanzpunktes rühmlichst gedenkt. Seitdem hat der Dr. Höfken über Limburg und Böhmen gesprochen, sich aber nicht verständlich machen können. Es ist das leider nur zu oft das Loos der großen Männer unserer Gegend.
Herr Harkort, Abgeordneter des Kreises Hagen in Berlin ist eine ächte märkische Lokalcelebrität. Jeder Markaner kennt den verehrten Herrn Friedrich Harkort, den Menschenfreund, den Biedermann, den Volksschriftsteller. Herr Fr. Harkort ist Gewerbsmann, Fabrikant, Kaufmann und Krieger von 1815. Hr. Harkort hat einiges Weniges über Industrie und Schulwesen geschrieben. Er war Vorstand des Dortmunder Gewerbvereins. Als solcher trat er vor zwei Jahren mit seiner Lieblingsidee auf, nämlich der Wiedereinführung des Zunftwesens. Hr. Harkort verabsäumte nicht die reaktionäre Taktik und schmückte das Zopfthum seines Zunftwesens mit den Bändern moderner Schlagwörter als Association, Organisation der Arbeit u. s. w. aus. ‒ Nach diesem verschwand Hr. Harkort plötzlich wegen Vermögenszerrüttung. Kurz vor den Wahlen erschien Fr. Harkort wieder in verschiedenen westphälischen Wochenblättern mit einem Briefe an die Meister und Arbeiter der Grafschaft Mark. In diesen Briefen suchte sich Herr Fr. Harkort durch einen sogenannten populären, d. h. ungehobelten und von Plattheiten strotzenden Bollerwagen-Styl zum märkischen Paul Louis Courrier aufzuschwingen. Herr Fr. Harkort „kam auch von Paris“, und hatte daher den besten Grund, seinen Markanern mitzutheilen, daß „dort die Tauben auch nicht gebraten herumfliegen.“ Daran knüpfte Herr Harkort dann eine Schilderung der französischen Republik, die nicht von Paris, sondern aus der Heulerphantasie des Herrn Harkort kam. Ein so unverschämtes Lügengewebe ist nie gemacht worden. Selbst nach den entstellten Berichten der deutschen Zeitungen über Paris kann man ihm zwei Dutzend der handgreiflichsten Lügen nachweisen. Aber diese Verdächtigungen der französischen Republik waren gerade, was die märkischen und bergischen Fabrikanten für ihre Arbeiter bedurften. Tausende und abermals tausende von Exemplaren wurden für Rechnung der Fabrikanten in Elberfeld, Krefeld und der Mark gedruckt und gratis verbreitet. Ein solcher Erfolg sicherte die Wahl des Hrn. Harkort, der nun in Berlin sitzt und darauf anträgt, die Versammlung möge nach Potsdam verlegt werden.
Im Kreise Dortmund wurde nach Berlin Herr Ostermann, Jurist, gewählt, der auch gegen die Anerkennung der Revolutioon stimmte. Ueberhaupt sitzt die ganze Grafschaft Mark, wenn nicht auf der Rechten, so doch im rechten Centrum.
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[[#]] Frankfurt, 12. Juni.
Die Apostel der deutschen Hofrathszeitung, nachdem sie im Wahlkampfe trotz aufgewendeter klingender Mittel unterlegen, sind jetzt auf eine andere sinnreiche Taktik verfallen. Sie haben einen Missionsverein gegründet und am heiligen Pfingstfeste das fromme Werk begonnen. Gervinus, Häusser und noch einige Schildknappen der „Evolution“ fuhren gestern, sabbatlich vergnügt gen Frankfurt zu und suchten die Aufmerksamkeit der Mitreisenden auf ein Flugblatt zu lenken, das die verführerische Ueberschrift trug : „Republik oder nicht, ein Wort an das deutsche Volk,“ und dessen Inhalt aus einem Gemisch der bekannten konstitutionellen Musterphrasen und plumpen persönlichen Ausfälle bestand. Unterwegs stieg die Bruderschaft in verschiedenen Gruppen an verschiedenen Stationen aus und hat, da der gefürchtete Pfingstmontag vor der Thür war, dies ihr Oelblatt überall, namentlich in Weinheim, in zahlreichen Exemplaren verbreitet.
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Frankfurt, 14. Juni.
(16. Sitzung der konstituirenden Nationalversammlung.) Nach Verlesung des Protokolls zeigte der Präsident an, daß die Abgeordneten Meyer von Lüneburg und Arnim von Boitzenburg ausgetreten seien und Camphausen in der Versammlung nicht erscheinen könne. An der Tagesordnung war die Berathung über den Bericht des Verfassungs-Ausschusses in Betreff der luxemburger Frage. Auf den Wunsch der luxemburger Abgeordneten wurde jedoch die Berathung ausgesetzt. ‒ Berathung über den Bericht des Marine-Ausschusses: v Möring empfiehlt das System der Amerikaner, kleinere Schiffe zum Kriegsdienst brauchbar zu machen, zur Nachahmung; erklärt sich für Fregatten und gegen Corvetten, wünscht statt 4 Dampfschiffen zu 350 Pferdekraft, 10 zu 250 Pferdekraft, und will die 200 Kanonenboote ganz beseitigt wissen. Wartensleben empfiehlt im Namen von Millionen Küstenbewohnern die Annahme des Vorschlags. Es sei der erste Akt, wo das Prinzip der Volkssouveränität sich durch die That aussprechen könne. Wiesner gibt zu bedenkrn, daß die Versammlung heute zum ersten Mal eine Steuer auferlegen solle. Das Volk seufze aber nach Steuererleichterung. Jedenfalls dürfe man keine neue Steuer auferlegen, ehe die Aussicht auf Abgabenverminderung dem Volke eröffnet sei. Der Redner stimmt für Zurückweisung der Sache an den Ausschuß. Tellkampf macht die Vortheile einer Flotte geltend. Kaiser vertheidigt die Anwendung von Kanonenböten (welche der Redner vor ihm „bewaffnete Nußschaalen“ genannt hatte) besonders für die flachen Ufer der Ostsee. Von Ersparnissen am Landheer könne unter jetzigen Umständen keine Rede sein. Schlöffel: Deutschland besitzt wohl einen Brunnen aus dem es die 6 Mill. Thlr. schöpfen könne: es handle sich nur darum, ihn aufzufinden. Deutschland habe seit Jahren viel Blut verloren; man möge Die aufsuchen, die das Blut bewahren. Die darbenden Weber in Schlesien und die Handwerker und Industriellen in den meisten übrigen Theilen Deutschlands seien außer Stande, neue Steuern zu zahlen; ihre Vertreter könnten sie daher unmöglich bewilligen. Man möge sich an die Großmuth der Privelegirten wenden. Wenn man das Volk mit neuen Steuern belaste und den socialen Uebelständen nicht abhelfe, könnte der politischen Revolution eine Hunger-Revolution folgen. v. Reden bemerkt, daß bereits Hülfssteuern ausgeschrieben seien, von denen auch die Flotte bestritten werden könne. Allerdings würden sie vom Volke erhoben, aber natürlich nur vom besitzenden Theile. Deutschland zähle jetzt schon 40,000 tüchtige Matrosen, die im Ausland vor allen andern gesucht würden. Ferner empfiehlt er die Bildung von Matrosen-Gemeinden wie in Rußland und die Vertheilung von Prämien für die Armirung von Dampf- und Kauffartheischiffen. Er stimmt für sofortige Bewilligung der ganzen Summe. Wedekind erläutert, daß es sich nicht darum handle, neue Steuern aufzulegen, sondern nur Ausgaben zu bewilligen, und in den meisten Staaten werde hierzu keine neue Steuer erforderlich sein. Jedenfalls würden die Schiffe reiche Zinsen tragen durch Kräftigung der politischen Stellung Deutschlunds und durch Schutz des Privateigenthums. Der Redner schlägt vor, die österr. Marine als Anfang der deutschen Flotte zu benutzen, und kommt dann auch auf die preußische „Amazone“ zu sprechen, bricht aber diesen Gegenstand ab, da die Versammlung einige Ungeduld zu erkennen gibt. Bally aus Oberschlesien glaubt, daß Jeder gern seinen Beitrag zur Flotte geben werde; findet es aber bedenklich, einer Steuer auszuschreiben, ehe eine entsprechende Einnahme nachgewiesen. Man solle daher den Antrag ruhen lassen, bis eine Marine-Einnahme ausgemittelt sei. Ostendorf schildert die trostlose Lage des Danziger Handels in Folge des Krieges mit Dänemark. Roß zeigt die Correspondenz des Ausschusses vor, um zu beweisen, daß der Ausschuß allerdings die Sache näher geprüft habe. In nähere Details könne der Ausschuß nicht eingehen, wenn man nicht Gefahr laufen solle, die eingeleiteten Unterhandlungen zu vereiteln. Grobert aus Breslau findet die beabsichtigte Marine zu klein und die Geldausgabe zu groß. Er will dem [0073] Bundestag keine Einwirkung zugestehen; wenn das Volk und die Nationalversammlung souverän sei, so habe diese die Steuer auszuschreiben. Eine Zwangssteuer durch ganz Deutschland für die Flotte würde große Aufregung hervorrufen. Das Volk werde nichts bezahlen, so lange nicht seine Vertreter in dieser Versammlung ihm seine Freiheiten garantirt haben würden. Zimmermann aus Stuttgart schlägt eine Nationalsubscription vor, Eisenmann eine Einkommensteuer, bei welcher das geringere Vermögen außer Anschlag bliebe, Wesendonck eine progressive Einkommensteuer. Eisenstuck: „Wenn ich“ sagte er „in die Tasche des Volkes greifen soll, will ich eine verbriefte und versiegelte Garantie dafür haben, daß das von der Souveränität bewilligte Geld von einer wirklich der Souveränität verantwortlichen Behörde zu Nutzen und im Sinne des Volks verwendet wird; es muß erst eine Centralgewalt bestehen, die lediglich die Beschlüsse der Nationalversammlung zu vollziehen hat.“ Eisenmann: Die 6 Millionen Thaler würden nicht so schnell eingehen; auch könne ja die Versammlung sich die Controle nicht nehmen lassen. Die Versammlung möge einen thatkräftigen Beschluß fassen. Es verstehe sich von selbst, daß man den Armen nicht belasten dürfe. Jordan aus Brandenburg: Auch er habe keine Sympathie für den Bundestag und wünsche, daß er baldmöglichst verschwinde; allein er sei leider noch da, und man könne nicht umhin, sich dieses einzigen jetzt vorhandenen Organs zu bedienen. Radowitz, Berichterstatter der Kommission, erklärt, die Verwendung der Gelder werde derjenigen Behörde zufallen, welche die Land- und Seemacht zu leiten haben werde. Präsident v. Gagern: Es seien nur Wenige in dieser Versammlung, die keine Marine wollen. Die Ansicht, daß eine verantwortliche Behörde bestehen müsse, habe allerdings vielen Grund; dafür werde aber in nächster Zeit gesorgt werden. Es werde weder ein Ausschlag noch eine Verwendung der Gelder anders geschehen, als durch diese verantwortliche Behörde. Was den Ausschlag betreffe, so könne derselbe in Ermangelung einer gemeinschaftlichen Vollzugsbehörde nur durch die Staaten geschehen; der Bundestag sei lediglich die Vermittlungsbehörde. Eisenstuck nimmt unter der Bedingung, daß die Verwendung der Gelder und die Verantwortlichkeit dafür lediglich der künftigen provisorischen Centralgewalt anheimfalle, seinen Antrag auf Vertagung zurück; Radowitz tritt der obigen Erklärung bei, und der Ausschußantrag wird in dieser modifizirten Fassung fast einstimmig und unter lebhaftem Beifall angenommen.
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@facs0073
[*] Karlsruhe, 13. Juni.
In der, nach langer Unterbrechung heute zum Erstenmal wieder versammelten zweiten Kammer, stellte die Regierung das Verlangen, die Kammer möge ihre Zustimmung zu der Verhaftung des Abgeordneten Peter geben, welcher als Regierungsdirektor in den Seekreis gesendet, die Statthalterschaft unter Hecker annahm. Die Kammer wird an einem der nächsten Tage über diesen Gegenstand berathen.
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@facs0073
Saatz, 6. Jun.
Auf Ansuchen des Vereins der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien zu Wien, wurde hier eine Versammlung von Industriellen aller Art sowohl aus unserer Stadt als auch Umgebung, wobei sich auch aus dem Rumburger Bezirke viele Fabrikanten einfanden, veranstaltet, und über die materielle Anschlußfrage an Deutschland berathschlagt. Durchgehends entschied man sich für den Anschluß an den Zollverein.
[(A. Oest. Z.)]
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@facs0073
Rendsburg, 11. Juni.
Den zum 14. d. M. einberufenen schleswig-holsteinischen Landständen wird von der provisorischen Regierung ein „Wahlgesetz für die zur Feststellung der schleswig-holsteinischen Staatsverfassung zu berufende Versammlung“ zur Berathung vorgelegt werden. Nach dem Entwurf dieses Wahlgesetzes werden die Herzogthümer in 59 Wahldistrikte eingetheilt. Jeder Distrikt wählt Einen Abgeordneten, mit Ausnahme des ersten Wahldistrikts (Stadt Altona), welcher zwei Abgeordnete zu wählen hat. Stellvertreter werden nicht gewählt. Wahlberechtigt sind alle Schleswig-Holsteiner, alle in einem beim Deutschen Bunde vertretenen Staate Geborene, welche 3 Jahre, so wie alle Ausländer, welche 6 Jahre in den Herzogthümern ihren Wohnort gehabt, sofern dieselben ihr 25 Lebensjahr vollendet haben, nicht wegen eines in der allgemeinen Meinung entehrenden Verbrechens verurtheilt oder wegen eines solchen Verbrechens in gerichtlicher Untersuchung befindlich sind und nicht im Laufe des letzten Jahres eine Armen-Unterstützung erhalten haben. Das Religionsbekenntniß hat auf die Wahlberechtigung keinen Einfluß. Wählbar sind alle Wahlberechtigten, auch die Wahlbeamten in ihrem Distrikt. Die Wahl ist eine direkte. Einfache Stimmenmehrheit ist bei derselben entscheidend. Das Wahlrecht muß in Person ausgeübt werden.
Die demokratische Grundlage dieses Wahlgesetzes wird indeß stark erschüttert durch die Bestimmung, daß jeder Wähler seine Stimme laut und öffentlich abgeben soll. Dadurch wird die Freiheit der Wahlen zur Illusion, denn wahre freie Wahlen können nur gedacht werden, wenn durch Stimmzettel gewählt wird.
Auch ein Gesetz über allgemeine Wehrpflicht wird den Ständen vorgelegt werden. Alles, was nicht Bezug hat auf das Wahlgesetz für die konstituirende Versammlung, dürfte auch nicht zur Kompetenz der gegenwärtigen, nicht aus Volkswahlen hervorgegangenen Stände gehören.
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@facs0073
Triest, 9. Juni.
Um 11/2 Uhr Nachts ertönte wieder vom Hafen das Alarmzeichen, und sofort war die Bürgerwehr, die Territorialmiliz wie das Militär auf ihren Posten. Um 2 Uhr fuhren zwei feindliche Dampfer sehr nahe an die Batterien, von welchen sogleich auf dieselben gefeuert wurde. Die Kugeln trafen gut, eines der Dampfboote verlor den Mastbaum (?) und mehrere der Mannschaft sollen getödtet worden sein (!). Nach etwa 17 Schüssen trat wieder Stille ein, die weiter nicht unterbrochen wurde.
[(A. A. Z.)]
(Siehe den Verfolg auf der vierten Seite.)
Schweiz.
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@facs0073
Zürich, 11. Juni.
Die den italienischen Ausreißern vom östreichischen Regiment Este abgenommenen Waffen werden der lombardischen Regierung herausgegeben, da der Vorort glaubt, die Neutralität werde dadurch nicht beeinträchtigt. ‒ Der große Rath von St. Gallen hat dem katholischen Administrationsrath die schärfste Waffe aus den Händen gewunden, nämlich das Kollaturrecht auf die meisten katholischen Pfründen. Die Gemeinden sollen künftig ihre Pfarrer selbst ernennen und zwar ohne Entschädigung an den katholischen Fond; wo Privaten das Kollaturrecht besaßen, müssen sie mit der Hälfte des Pfründeinkommens entschädigt werden. Das Kloster Einsiedeln verliert dadurch einige Pfründen und büßt so an Einfluß ein.
Italien.
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@facs0073
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 17. Juni 1848. In: MEGA2 I/7. S. 127.]
Rom, 5. Juni.
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@facs0073
[104] Turin, 8. Juni.
In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer begründete Advokat Bixio seinen Vorschlag, durch ein Gesetz die Gesellschaft Jesu für immer aus den Gränzen des Staates auszuschließen und ihre Güter zum öffentlichen Besten zu verkaufen oder zu verwenden. Seine Rede wurde wiederholt vom lebhaftesten Beifall unterbrochen. Die Kammer beschloß, den Antrag in Betracht zu ziehen.
‒ Die Schneidergesellen in Turin haben sämmtlich ihre Werkstätten verlassen und wollen nicht eher dahin zurückkehren, bis ihnen eine beträchtliche Erhöhung des Arbeitslohnes zugestanden worden.
‒ Einem Briefe, den „La Concordia“ aus Neapel vom 6. Juni mittheilt, entnehmen wir Folgendes :
„..... Die beiden Calabrien sind im Aufstande; sie denken nicht daran, hieher zu marschiren, sondern haben die Verwaltung in ihre eigene Hand genommen; sie ziehen die Steuern ein, bewaffnen sich, schaffen Kanonen an etc. Inzwischen sind die Truppen der Hauptstadt durch die während der Plünderung gemachte Beute auf den höchsten Gipfel des Uebermuths gelangt. In Karossen fahren sie durch die Straßen, an ihrer Seite Maitressen, lauter Lazzaroni-Mädchen. Käme es zu einem abermaligen Zusammenstoß, er wäre noch fürchterlicher, als der vorige. Der König, der keine andere Stütze hat, als die der Truppen, sucht ihnen auf alle Art zu schmeicheln und sie an sich zu ketten. Er verlangte, daß Allen, die bei der Metzelei und der Plünderung am 15. Mai zugegen und thätig gewesen, ein doppelter Sold für jenen Tag ausgezahlt würde. Allein die Minister hatten doch vor der Volksmeinung zu große Furcht, weigerten sich deshalb, auf den königlichen Wunsch einzugehen und drohten andernfalls mit Einreichung ihres Entlassungsgesuchs. Inzwischen sind 2 Dampffregatten, die vor Venedig lagen, zurückgekehrt und wahrscheinlich wird dies die ganze Flotte thun, denn auf dem Meere gibt es keine Bologneser, welche die Anführer bedrohten und von der Rückkehr abhielten.“
Die Flucht Radetzky's aus seinem Hauptquartier Rivalta geschah in solcher Hast, daß er eine Menge Pläne, Karten und andere Dokumente zurückließ, die sich jetzt in den Händen des Generalstabs der italienischen Armee befinden. Unter diesen Papieren ist bemerkenswerth ein Plan zur Errichtung von Forts in Mailand, das er schon sicher in Händen zu haben geglaubt. Die neuen Befestigungswerke sollten ebensosehr gegen die Piemontesen, wie zur Vernichtung der Revolutionäre im Innern der Stadt dienen. Sodann ein Plan, wie künftig die österreichischen Truppen und in welcher Zahl in die einzelnen Städte und Dörfer des lombardisch-venetianischen Königreichs zu vertheilen wären. Radetzky hatte blos das Sprüchwort vergessen : „Man kann keinen hängen, man habe ihn denn.“
‒ Wie es heißt, werden heute die Mitglieder der provisorischen Regierung hier eintreffen und das Dokument überreichen, durch welches die Vereinigung der Lombardei mit Sardinien ausgesprochen wird.
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@facs0073
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 17. Juni 1848 , Nr. I7_031_7. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe, Bd. XXX, Ort, Jahr.]
Neapel, 4. Juni.
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Französische Republik.
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@facs0073
[*] Paris, 14. Juni.
In der Sitzung der Nationalversammlung vom 12. erschlich die Regierung ein Vertrauensvotum unter dem Einfluß einer von Lamartine künstlich drappirten Winkel-Emeute. In der Sitzung vom 13. nahm die zur Besinnung gekommene Versammlung das Vertrauensvotum zurück. Den Abend vorher fast bereit, die Ausschließung der Napoleoniden durch Akklamation zu votiren, hat sie in der Sitzung vom 13. die Ausschließung der jetzigen Pentarchen von der Regierung votirt, indem sie Louis Napoleon in ihren mütterlichen Schooß aufnahm. Diese ohnmächtige und haltungslose Regierung, unpopulär aus Furcht vor der Nationalversammlung, unparlamentarisch aus Furcht vor dem Volk, hat die schlimmste der Konspirationen gegen sich, die Konspiration des Aergers. Nicht vor der Schneide des Schwertes fällt sie, sondern vor der Spitze der Nadel. Die Nationalversammlung scheute sich, sie direkt zu stürzen, weil große contrerevolutionäre Maßregeln wie das Tumultgesetz u. s. w. der Contresignatur der Februarrevolution, der Lamartine, Ledru-Rollin und Arago bedurften. Die Regierung repräsentirt das genre ennuyeux an der Regierung und die Regierung der Langweile ist in Frankreich unmöglich. Und darum schrie das Volk nach gloire.
In der Sitzung vom 12. Juni enthüllte der Finanzminister Duclerc sein großes „Geheimniß“, seinen Finanzplan.
Und welchen Finanzplan?
Seine Hülfsquellen sind die Staatswaldungen und Staatsrenten.
Der Staat verkauft seine Waldungen. Er veräußert sein Kapital. Der Verkauf geschieht unter der Form eines Pfandvertrags mit der Bank, die in 2 Jahren 150 Millionen auf die Renten der Amortissementskasse und 75 Millionen auf Waldungen vorschießt. Sie wird ihre Papierzettel, die ihr nichts kosten, in Staatswälder verwandeln.
Wozu war überhaupt die Autorisation der Bank nöthig, um Papier auszugeben? Die Bank erhält vom Staat die Erlaubniß, Papier in Geld zu verwandeln und zum Dank für diese Erlaubniß wird der Staat ihr Schuldner. Aber die Regierung will das alte Kreditsystem wieder herstellen und in dem alten Kreditsystem wächst der Kredit des Staats in demselben Verhältniß, worin die Exploitation des Staats durch die Bank und die Börse wächst.
Die neuen Hülfsquellen, die der Finanzminister ankündigt, sind außerordentliche Holzgefälle für 25 Millionen, mit gleichzeitiger Reduktion der Ausgangsrechte des Holzes, weil der französische Markt zu klein für diese außerordentliche Holzzufuhr wäre. Es kömmt nämlich noch hinzu der Holzverkauf von Seiten der der Bank verpfändeten Wälder und der außerordentlichen Holzfälle auf den exköniglichen Forsten, als Entschädigung für die berüchtigten Holzfällungen, die Louis Philippe sich auf den Staatsdomänen erlaubte. Bei der gänzlichen Verwahrlosung der französischen Forstwirthschaft, konnte man eine bessere Kombination finden, um die Wälder des Auslands zu konserviren und die Frankreichs auszurotten?
Endlich hat der Minister ein neues Kreditmittel entdeckt. Es besteht darin, den Departementen direkt Staatsrenten zu verkaufen, statt ihre Nachfrage auf der Börse abzuwarten. Es ist dies nichts weiter als eine versteckte Anleihe. Der Finanzminister glaubt annehmen zu dürfen, daß auf diese Weise 100 Millionen für 1848 und 1849 eingehen werden. Aber der Staat findet sich so belastet mit einem Zuwachs der konsolidirten Schuld von 6 bis 7 Millionen Renten.
Die Verlesung dieses dürftigen Finanzplans war nur die Vorbereitung zu einer praktischen Maßregel, die Frankreich retten wird. Die Nationalversammlung wurde ersucht, monatlich 25,000 Frs. für Bureaukosten und monatliche 15,000 Frs. für Polizeiausgaben zu bewilligen. Und die Nationalversammlung hat sie bewilligt.
Nach der Prosa die Poesie, nach Duclerc Lamartine. Mit großem Kostenaufwand, in gespreizter Rede, mit ungeheuren theatralischen Zurüstungen entwickelte er das langweilige Thema, die Regierung sei einig, aber die Verläumdung schulde sie der Uneinigkeit an, sie sei stark, aber die Verläumdung bezüchtige sie der Schwäche, sie sei thätig, aber die Verläumdung murre über ihre Thatlosigkeit. Mit einem Wort: Die Regierung ist zufrieden mit sich selbst, Volk und Nationalversammlung sind unzufrieden mit ihr.
Die erste Revolution war ein Kampf, die zweite ist eine Institution, die erste ein Drama, die zweite eine Idylle. Lamartine war eben beschäftigt, diese Antithese rhetorisch auszubeuten, als draußen auf der Straße Tumult und Musketenschüsse den Faden seiner Phrase abschneiden. Draußen auf der Straße protestirt die Februarrevolution thatsächlich gegen die Antithese des Idyllen-Dichters. Und plötzlich wird aus dem Idyllen-Dichter ein Komödiendichter. Er hat die Emeute gefunden, die so nöthige Emeute, um sich und die Nationalversammlung zu heitzen, um den Geängsteten ein Vertrauensvotum für die ordnungsliebende Regierung der „stillen“ und hoffähigen Republik abzupressen.
„Als ich Euch von unsern Bemühungen zur Wiederherstellung der Ordnung sprach, zielten draußen Flintenschüsse auf den Generalkommandanten der Nationalgarde unter dem Geschrei: Es lebe der Kaiser. Es ist dies der erste Blutstropfen, der vergossen worden ist.“ Die Kartätschen zu Limoges und Rouen haben allerdings nicht Tropfen, sondern Ströme von Blut vergossen! Aber es waren proletarische Blutströme, und hier handelt es sich um fashionables Blut, um den Blutstropfen des nicht verwundeten Generalkommandanten Clement Thomas, eines Mannes von der Familie des National!
Lamartine sah, daß die Kammer ‒ er glaubt sich in der alten Deputirtenkammer zu befinden, und spricht daher von einer Kammer ‒, er sah also, daß die Kammer gerührt war, und er ward über sich selbst gerührt und klagte noch einmal über den Schlangenbiß der Verläumdung. „Ich habe“, ruft er aus, „konspirirt mit Blanqui, mit Raspail, mit Sobrier, mit Cabet … Ich habe mit ihnen konspirirt, wie der Blitzableiter mit den Wolken gegen den Blitz konspirirt.“
Den andern Tag zeigte es sich zwar, daß Lamartine nur einmal mit Raspail zusammenkam und mit ihm über Naturwissenschaften und dgl. geplaudert hatte. Durfte er aber die prächtige Situation vorübergehen lassen, auf Kosten der in Vincennes Vergrabenen, dieser gehezten Löwen der rothen Republik sich als Franklin der Revolution zu proklamiren?
In dem Abgrund der poetischen Phrase lag zwar eine Lüge, eine Verläumdung, eine Prahlerei und eine Feigheit, aber noch tiefer lag die monatliche Bewilligung von 25,000 Fr. für Bureaukosten und von 75,000 Fr. monatlichen für geheime Polizei.
Lamartine hat sich selbst als agent provocateur denuncirt.
‒ Sitzung der Nation.-Verf. v. 14. Juni. In und außerhalb der Versammlung herrscht Ruhe und Langweile. Diskutirt wird die Frage der Incompatibilitäten. Herr Coquerel hält hierüber eine Predigt, würdig des protestantischen Predigers von der rue St. Honoré, zu Gunsten der Beamtengehalte. Uebrigens war die Versammlung weniger mit der Frage der Incompatibilitäten beschäftigt, als mit der gestern Abend gestellten Kabinetsfrage. Bis 3 Uhr blieben die Ministerbänke leer. Das Gerücht läuft, daß das Kabinet sich in voller Auflösung befinde. Es erscheint um 3 Uhr. Nur Garnier-Pagés sitzt nicht an der Seite seiner Collegen. Der Vorschlag über die Incompabilitäten wird angenommen. Felloux interpellirt am Schluß der Sitzung den Minister Trélat wegen Emile Thomas.
‒ Die Patrie von gestern Abend berichtet : „Nach dem Zulassungsvotum der Nationalversammlung für Louis Napoleon Bonaparte hat Ledru-Rollin seine Entlassung als Mitglied der exekutiven Kommission gegeben.
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@facs0073
Paris, 14. Juni.
In Folge der Unruhen, welche gestern ausgebrochen, waren eine Unmasse von Truppen in der Umgegend der National-Versammlung aufgestellt worden. Der Platz der Konkordia ist heute noch der Sammelplatz neugieriger Zuschauer, die jedoch in bescheidener Entfernung vor der Brücke der Konkordia gehalten werden. Der Tuilerieen Garten, der gestern wieder dem Publikum geöffnet worden, bietet einen überraschenden Anblick dar. Die ganze Terrasse, dem Seine-Ufer entlang, ist mit Menschen angefüllt, die auf eine Erneuerung der Scenen von gestern zu warten schienen. Die verschiedenen Hofräume und Gärten der Deputirten-Kammer sind voll von Truppen, die strengen Befehl erhalten haben, Niemanden in's Innere des Palastes einzulassen, der nicht mit einer Karte versehen ist.
Dragoner- und Uhlanen-Abtheilungen sind die Länge des Orsay-Quais aufgestellt; zwischen jeder Kavalerie-Abtheilung befindet sich ein Infanterie-Piquet.
Obgleich die National-Garde schon diesen Morgen in aller Frühe zusammen berufen worden ist, so bemerken wir doch nur einen kleinen Theil der zweiten Legion.
Gegen 2 Uhr brach eine dichte Masse von dem äußersten Ende der Rivolistraße hervor, und schleppte einen Menschen mit, der als Karlist verdächtig war. Ein Polizist, von den sogenannten „Hütern der Stadt Paris“ wollte sich hineinlegen, und ihn den Mißhandlungen der Masse entziehen. Aber die Wuth des Volkes warf sich auf den Polizisten, und nur seiner Geistesgegenwart hatte er es zu danken nicht entwaffnet zu werden. Aber in diesem Augenblick that er einen Fehltritt; das Volk fiel wie wahnsinnig auf ihn her, entriß ihm seine Waffe, zerriß seine Uniform, und mißhandelte ihn auf die entsetzlichste Weise. Ein National-Gardist legte sich in's Mittel und war so glücklich, ihn der Volkswuth zu entziehen. Eine Dragoner-Abtheilung galoppirte heran und reinigte den Platz.
Die dem Polizisten entrissene Waffe ist später in dem Saale der „Pas perdus“ wieder gefunden worden, und wir haben mit eigenen Augen sehen können, wie sie ganz ringelförmig, wie ein Propfenzieher, gedreht war: sie ist gleich darauf bei dem Polizeikommissär der Versammlung deponirt worden.
3 Uhr. Eine Kavalerie-Charge reinigte den Platz der Konkordia, alle Zugänge werden sogleich besetzt.
[(Rèpublique.)]
Großbritannien.
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@facs0073
London, 14. Juni.
Abends. Telegraphische Nachricht :
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@facs0073
Liverpool, 14 Juni.
Die Caledonia ist aus New-York angekommen mit 18,000 Dollars.
Der Mexikanische Kongreß ist zu Queretaro versammelt und beräth den Friedenstraktat.
In Yucatan dauert das Blutvergießen fort.
Der demokratische Konvent in Baltimore hat General Caß zum Präsidenten und General Butler zum Vizepräsidenten vorgeschlagen.
In Hayti geht das Morden ärger fort, als je; die Rache der Schwarzen wüthet insbesondere gegen die Mulatten.
In Oregon ist ein Indianerkrieg ausgebrochen. Er begann mit Ermordung eines engl. Missionärs und seiner Familie. Die Hudson's Bai Kompagnie hat Hülfe zugesagt und der Gouverneur ein Truppenkorps aufgeboten. Auch der Präsident Polk hat dem Kongreß Absendung von Hülfstruppen empfohlen.
Handelsnachrichten zufriedenstellend. Baumwolle eine Kleinigkeit höher. Brodstoffe sinkend.
Liverpooler Baumwollenmarkt, 4000 Ballen verkauft. Markt flau.
‒ In Manchester, Birmingham, Topshaw, Moor bei Bradford, Sheffield, Newcastle upon Tyne und Bolton sind Chartisten-Meetings gehalten worden. Sehr entschiedne Beschlüsse wurden gefaßt. Alles ging ruhig vorüber.
3proc. Consols: 843/8 ‒ 1/2.
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@facs0073
Dublin, 13. Juni.
Die Repeal-Association beschloß in ihrer gestrigen Sitzung, die schließliche Beschlußnahme über die Vereinigung mit dem jungen Irland auf 14 Tage auszusetzen.
Den Organisationsplan der zu vereinigenden Gesellschaften geben wir morgen.
[0074]
[Deutschland]
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@facs0074
Adresse der gesammten Einwohner Wiens an das souveräne Parlament zu Frankfurt:
Vertreter des deutschen Volkes! Mit dem unendlichen Jubel eines freiheitsbegeisterten Gemüthes, mit dem erhebenden Bewußtsein freier Männer, begrüßen wir Euch, die edelsten unseres Volkes, denen die heilige Aufgabe geworden, den Bau unserer Freiheit zu beginnen, ihn zu begründen und gedeihlich zu vollenden. Als wir in den Märztagen die Sclavenketten gebrochen, und unsere Unterdrücker verjagt, war ein großes einiges Deutschland unser heißester Wunsch; als wir im Mai unsere Freiheit zweimal errungen und bewahrt, war Deutschland unsere Loosung, war innigster brüderlicher Anschluß unser Wahlspruch. Von den Zinnen unseres Domes glänzen die deutschen Farben, und in der alten Burg seiner Ahnen, wo Joseph, der deutsche Kaiser, der Unvergeßliche, ewig thront, pflanzte Kaiser Ferdinand die deutsche Fahne auf. Da man nun nicht mehr fragen kann, ob Oestereich frei, ob es deutsch ist, da wir nicht bloß eieinige Institutionen, einige Gesetze gemeinschaftlich mit unsern deutschen Brüdern haben wollen, nicht bloß gemeinsame Elle und gemeinsames Pfund, sondern Eine Gesinnung, Einen Geist, Einen Willen, Eine Thatkraft, ein Einiges zu einem Ganzen verschmolzenes Deutschland, so hoffen und erwarten wir, daß Ihr Männer des Volkes, nicht zurückbleiben werdet hinter den Bewegungen der Zeit, hinter den Fortschritten der einzelnen deutschen Stämme, die fortan keine Schranke, kein Sonderinteresse und keine Familien-Politik mehr trennen darf. Wir Oesterreicher haben am 18. Mai diejenige Bahn betreten, welche zur besten Regierungsform, zur konstitutionellen Monarchie auf volksthümlicher Grundlage führt. Soll die Einheit Deutschlands zur Wahrheit werden, so kann sein Parlament nicht minder freisinnig sein, als wir es waren. Vorwärts! ist die ernste Mahnung; ist der Ruf der Zeit. Wir haben ihn verstanden und stehen auf dem Standpunkte, auf welchem wir alle unsere deutschen Brüder zu sehen wünschen. ‒ Es hatte uns mit freudigem Muthe beseelt, als die Männer, die zu Frankfurt tagen, an der Ostsee unsere Gränzen entschieden zu wahren beschlossen, und um so tiefer und bitterer war unser Schmerz, als wir jüngst vernommen, daß eine den Deutschen von jeher feindliche Macht mit allen Diplomaten-Kniffen unser heiliges Recht zu beschränken sich bemüht, ‒ ja, daß sogar eine deutsche Regierung sich nicht geschämt, mit den Feinden des Vaterlandes Separatverträge zu schliesten. ‒ Vertreter des deutschen Volks! Wisset, so lange die Sonne der Freiheit Wiens Mauern bescheint, werden seine Bewohner nicht aufhören, für deutsches Volksthum, deutsches Recht und deutsche Freiheit zu leben und zu sterben. Es lebe Deutschland! Gott mit Euch! Wien, am 8. Juni 1848. Im Namen der ganzen Bevölkerung Wiens: Der Ausschuß der Bürger, Nationalgarden und Studenten für Ruhe, Ordnung, Sicherheit und Wahrung der Rechte des Volkes.
Dänemark.
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@facs0074
Kopenhagen, 10. Juni.
Die Dampfschiffe „Skirner“ und „Hertha“ sind, wie die Berling'sche Zeitung meldet, heute mit schwedischen Truppen von Gothenburg in Nyborg angekommen.
Der König ist von Frederiksborg über Kronborg nach Malmö mit dem „Aegyr“ abgereist, wo er den König Oscar und die Prinzen Carl Gustav und Oscar traf und eine Revue gehalten wurde; dann reiste der König über Landscrona, wo die beiden Könige die Artillerie und andere Truppen inspicirten, über Helsingör nach Frederiksborg zurück.
Aus Odensee sind 20,000 Rbthr. zur Disposition des Kriegsministers gestellt.
Eine schwedische Heeresabtheilung ist in Nyburg gelandet; Dänemark hat zur Auflegung einer Kriegsanleihe schreiten müssen. Die im Sundewittschen erlittene Schlappe wird in den Berichten des General Hedemann beinahe als ein Sieg dargestellt; er hat einen lobenden Tagesbefehl an sein Heer erlassen, welches, wie er behauptet, allen verlorenen Boden wieder gewonnen habe. Die dänischen Blätter beharren bei ihrem trotzigen Tone; „Kjobenhauspost“ eifert gegen jede Theilung Schleswigs, weil Dänemark wie Herr des Sundes, so auch Herr des schleswig-holsteinischen Kanals bleiben müsse.
[(W. Z.)]
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@facs0074
‒ Unterm 5. Juni ist eine Verordnung erschienen über die Ausstellung zinstragender Kreditbons und Auflegung einer Kriegessteuer: Trotz der zahlreichen und patriotischen Beiträge nöthigen die starken Kriegsanstrengungen und die bedeutenden Ausgaben die Regierung, an außerordentliche Einkünfte zu denken. Da aber die den Ständen der Inselstifte zur Bewilligung vorgelegte Kriegssteuer von 4 Mill. Reichsbankthaler, um nicht gar zu drückend zu werden, nur allmälig eingezogen werden kann und die dringenden Bedürfnisse des Krieges keinen Aufschub gestatten, so sei den Inselständen die Ausstellung von zinstragenden Kreditbons, die mit Hülfe der Kriegssteuer eingelöst würden und obgleich kein gezwungenes Zahlmittel, doch wegen ihrer sichern Fundirung und der kurzen Zeit- für welche sie ausgegeben, und bei dem patriotischen Eifer Däne,marks gerne genommen werden würden, erlaubt. Da der Staat zum Junitermin unumgänglich dieses Hülfsmittel benutzen müsse, könne man nicht die Gutachten der jütischen Staate abwarten und habe die Verordnung unter Vorbehalt der in Folge des jütschen Bedenkens etwa nothwendig werdenden Veränderung erlassen müssen. Es werden 4 Mill. Reichsbankthaler in Kreditbons von 100, 50 und 5 Rbthlr. ausgegeben, die vom 11. Juni an täglich 1 Rbß. von 100 Rbthlr. oder 377/98 pCt. jährliche Zinsen tragen, und für welche dem aus den Provinzialständen erwählten Comité ein gleicher Belauf von dem Staat gehörenden Pfand-Obligationen und anderen guten Verschreibungen übergeben werden. Sie werden jedes Mal mit 1/3, am 11. Juni und 11. Dec. 1849 und 11. Juni 1850 eingelöst und bei Bezahlung der Kriegssteuer in Zahlung genommen. Die Kriegssteuer beträgt von jeder Tonne Acker- und Wiesen-Hartkorn 6 Rbthlr. 48 ß, von jeder Tonne Wald- und Mahl-Hartkorn 3 Rbthlr. 24 ß.
[(W. Z.)]
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@facs0074
Kopenhagen, 10. Juni.
Am 7. sind in hiesigem Admiralitätsgebäude 10 deutsche Schiffe (9 preußische und 1 mecklenburg.), meist mit der Ladung kondemnirt. Ein hannoversches Schiff wurde frei gegeben. Heute wurden dagegen 2 hannoversche Schiffe kondemnirt.
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@facs0074
Nyborg, 7. Juni.
Heute wurde auch hier ein hannöversches Schiff kondemnirt.
Schweden.
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@typejArticle
@facs0074
Gothenburg, 7. Juni.
Diesen Morgen um 1 Uhr fing die Einschiffung der vier Regimenter Infanterie in dänischen Schiffen an und dauerte bis 9 Uhr Vormittags, worauf sie von dänischen Dampfern bugsirt, mit starkem kontrairen Winde in die See gingen, wie man sagt, nach Nyborg, wo sie morgen ankommen sollen. Der Schiffsraum war so beschränkt, daß, obschon man die Mannschaft sehr zusammenstaute, dennoch 300 Mann zurückbleiben mußten. Es erregte ein eigenes Gefühl, diese braven schwedischen Truppen an Bord dänischer Schiffe gehen zu sehen. Man fängt nachgerade an, die Folgen des Krieges bedeutend im Handel und in den Kreditverhältnissen zu spüren, und erfolgt nicht bald eine Beilegung und eine völlige Rückkehr zum Frieden, so dürften bedeutende Bankerotte nicht ausbleiben. ‒ Welche vortreffliche Vorkehrung die Dänen zur Abholung unserer Truppen getroffen, können Sie daraus schließen, daß die Schiffe in der See umwenden und wieder einlaufen und wiederum ‒ als überstautet ‒ 500 Mann ans Land setzen mußten, was außerordentlich böses Blut verursacht hat. Schlimmer wird es wohl, wenn man hört, wie es den andern gegangen ist. (‒ Nach dem Berichte eines von Nyborg in Hamburg eingetroffenen Reisenden waren dort bereits 4400 Mann schwedischer Truppen gelandet.)
[(B.-H.)]
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Malmö, 6. Juni.
Auf unserer Küste stehen jetzt circa 15,000 Mann mit 60 - 70 Kanonen, und auf der Rhede liegen mehrere große Kriegsschiffe, andere werden erwartet, so wie 12‒16 große russische. Der König ist heute angekommen, und man sagt, er gehe morgen nach Kopenhagen, die Truppen erst später.
[(B.-H.)]
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Verhandlungen des Gemeinderathes zu Köln.
Sitzung vom 14. Juni 1848, Abends 6 Uhr.
Der Gemeinderath genehmigte die Ueberlassung des Saales Gürzenich an den hiesigen Kunstverein zur diesjährigen, mit dem 20. August beginnenden Kunstausstellung; so wie auch, daß der neu errichteten Darlehnskasse gestattet werde, die von derselben beliehenen Unterpfänder in gewissen Quantitäten gegen ermäßigte Gebühren im Lagerhause Uhren niederzulegen; zugleich ward diesem Institute ein Gewölbe in den städtischen Gebäulichkeiten zur Disposition gestellt. ‒ Ferner ward die Pflasterung des Ursulakloster mit neuen Steinen, unter Annahme eines von den Anwohnern desselben dazu angebotenen Beitrages von 75 Thalern genehmigt.
Desgleichen die sofortige Anfertigung von fünfzig Stück Thüren und Fenster zu den in Aussicht stehenden neuen Schulbauten, Behufs Beschäftigung von arbeitslosen Tischlern und Schlossern. ‒ Ueber die Eröffnung neuer Stadtthore an der Blümchensgasse und an der Rosengasse ward Beschluß gefaßt, und in specie hinsichtlich jenes an letzterer festgesetzt, daß die dabe betheiligten anschließenden Grundbesitzer zu den deßfallsigen Kosten einen baaren Zuschuß von 800 Thlr. zu leisten und außerdem das zur Erbreitung der Rosengasse bis auf 36 Fuß erforderlich Terrain unentgeltlich an die Stadt abzutreten hatten. ‒ Sodann wurde ein Baugesuch am Römerthurm erledigt, und die Anlage eines Balkons an einem Hause in einer der neuen Straßen im vormaligen Klostergute Sion gestattet. ‒ Demnächst wurden die Kosten zur Einrichtung des Lokals für die öffentlichen Gemeinderaths-Sitzungen im Betrage von prptr. 400 Thlr. bewilligt und einem städtischen Miethschuldner ein Jahr Zahlungsausstand ertheilt. ‒
Nachdem hierauf noch acht Niederlassungsgesuche erledigt worden, wurde der Kommissionsbericht über die Revision der Rechnung von der Speise-Anstalt des Vereins zur Abhülfe augenblicklicher Noth erstattet und vom Gemeinderathe beschlossen, die Revisionsverhandlung zur Erledigung der Monita dem vorgedachten Vereine zugehen zu lassen.
[Leserbrief]
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Aus der Postwelt.
Bei der so höchst traurigen, drückenden Lage der subalternen Post-Beamten werden alle Kollegen den Artikel in Nro. 9 des in Erfurt erscheinenden Post-Journals freudig begrüßt haben, in welchem die Mittel angegeben werden, wie uns bei einer gleichmäßigen Vertheilung der dem Post-Departement zustehenden Fonds zu helfen ist.
Der Zweck dieser Zeilen ist der dem § 51 desselben, worin das Gehalt eines Ober-Post-Direktors von 2000 bis 2500 Thlr. mit Recht als ein zu hohes bezeichnet wird, noch mehr Nachdruck zu verschaffen.
Der Vorsteher des Ober-Post-Amtes an der Belgischen Grenze bezieht nach dem Kassenbuche ein fixirtes Gehalt von 4000 Thlr.; außerdem für verschiedene nicht postalische Leistungen einer Sonstzeit, wozu sich die Gränze ganz besonders zu eignen schien, und welche die Stadt selbst kennt und würdigt, persönliche Zulagen, so daß Verleumder sich erdreisten, demselben eine jährliche Einnahme von 6000 Thlr. zuschreiben zu wollen; außerdem fließen ihm die Einkünfte einer nicht unbedeutenden Posthalterei an der holländischen Gränze zu. (Ein verwandtschaftliches oder Freundschafts-Verzeichniß derjenigen Post-Amts-Vorsteher, welche gegen die bestehenden Vorschriften zugleich Posthalter sind, mit den hochstehenden Beamten des General-Post-Amtes in Berlin dürfte, beiläufig gesagt, nicht ohne Interesse für den Kenner sein.) Doch Ehre, dem Ehre gebührt. Diesem Manne von 6000 Thlr. jahrlichem Gewichte (es fehlen ihm nur noch 2000 Thlr., um Mitglied der ersten Kammer zu werden) wohnt eine solche Fernsicht bei, daß er bereits vor geraumer Zeit seinem „Geheimen“ Sekretär die am Schlusse des besagten Artikels für jeden bedürftigen Beamten beanspruchte Zulage von 200 Thlrn. ex propriis zu Theil werden ließ. Daß denn die Amtsführung eines solchen 6000 Thlr-Mannes, bei den dadurch bedingten Talenten und Fähigkeiten, eine in ihrer Art einzig dastehende ist, wird einleuchten; doch dies defectet si omnia relim enomerare.
Ein rheinischer Postbeamter.
Handels-Nachrichten.
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Frucht- und Fourage-Preise vom 1. bis 15. Juni 1848.
gap: insignificant
[Anzeigen]
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Civilstand der Stadt Köln.
Geburten.
13. Juni. Anna Maria, T. v. Joh. Schlösser, Porzellanmaler, Salzgasse. ‒ Elise Josephina, T v. Damian Hamm, Musiklehrer, Andreaskloster. ‒ Zwei uneheliche Knaben und zwei uneheliche Mädchen.
Sterbefälle.
13. Juni. Ludwig Karl Siepermann, 8. M. alt, Hochstraße.
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Schiffahrts-Anzeige. Köln, 16. Juni 1848.
Angekommen: C Nees vom Niedermain; H. Staab von Heilbron; J. Linkewitz von Wesel.
Abgefahren: C. W. Müller nach dem Obermain.
In Ladung: Nach Ruhrort b. Emmerich H. Lübbers; Nach Düsseldorf bis Mühlheim an der Ruhr Joh. Budberg, H. Schumacher und B. Schilowski; nach Koblenz und der Mosel und Saar L. Tillmann; nach der Mosel, nach Trier und der Saar N. Pisbach; nach Bingen J. B. Mundschenk; nach Mainz Anton Bender; nach dem Niedermain Fr. Schulz; nach dem Mittel- und Obermain B. Krans; nach Heilbronn H. Bechert; nach Kannstadt und Stuttgart Peter Kühnle; nach Worms und Mannheim M. Oberdahn.
Ferner: Nach Rotterdam Kapt. Peer, Köln Nr. 10.
Ferner: Nach Amsterdam Kapt. Coesen Köln Nr. 2.
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Wasserstand.
Köln, am 16. Juni. Rheinhöhe 8′ 7″.
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Bekanntmachung.
Bei dem Ablaufe des 2. Quartals werden die betreffenden Zeitungs-Interessenten darauf aufmerksam gemacht, daß die Bestellungen auf auswärtige Zeitschriften pro 3. Quartal resp. 2. Semester c. bis zum 22. d. M. bei der hiesigen Ober-Postamts-Zeitungsexpedition gemacht sein müssen, wenn eine rechtzeitige und vollständige Lieferung der Zeitungen erfolgen soll, und daß nur solche Bestellungen berücksichtigt werden können, für welche die Vorausbezahlung des Betrages stattgefunden hat.
Köln, den 14. Juni 1845.
Ober-Postamt.
Rehfeldt.
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„Neue Rheinische Zeitung.“
General-Versammlung der Herren Aktionäre zur Berathung und Feststellung des Statuts und Abschluß des Gesellschafts-Vertrages auf:
Sonntag, den 18. Juni d. J., Morgens 10 Uhr,
bei Drimborn, Glockengasse Nro. 13 und 15.
Auswärtige können sich durch Bevollmächtigte vertreten lassen. Die Interims-Quittungen dienen als Eintrittskarten.
Köln, den 2. Juni 1848.
Das provisorische Comité.
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Empfehlung.
Meine Tuchhandlung und großes Kleidermagazin ist reichlich assortirt in den modernsten Stoffen und Herrnanzügen, Sommerröcken, Palletots, Frack und Oberröcken, Beinkleider und Westen, Halsbinden und seidne Schlips, etc. und empfehle solches zu äußerst billigen Preisen.
Auch auf Bestellungen werden alle Anzüge in kürzester Frist, nach Maas bei mir angefertigt.
Wilh. Steckemesser, Hoflieferant.
Schildergassen-Ecke.
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Die so beliebten
Kirschen-Torten
sind täglich frisch zu 10 und 1 Sgr. das Stück zu haben, Schildergasse Nr. 49 und in meinen Nebengeschäften, Blindgasse und Cattenbug Nr. 12.
Franz Stollwerck, Hoflieferant
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Eis
täglich in und außer dem Hause à Portion 4 Sgr. bei
Franz Stollwerck, Hoflieferant.
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Die Eröffnung meiner Gastwirthschaft zeige ich hiermit ergebenst an und indem ich mich dem Wohlwollen meiner Freunden und Bekannten bestens empfehle, bemerke ich gleichzeitig, daß ich von heute an Mittagessen portionenweise à 4 Sgr. verabreichen werde.
M. Richarz,
Domhof Nro. 5.
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Ein Omnibus und andere Wagen für Landpartien zu vermiethen, kleine Sandkaul Nr. 2 bei L. J. Küpper.
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Wir beehren uns hiermit ergebenst anzuzeigen, daß wir den hiesigen Markt mit einer großen Auswahl
Pariser Galanterie- und Bijouterie-Waaren
bezogen haben, bestehend in den schönsten auf Porzellan gemalten Brochen, so wie deren in Camee und Achat zu den billigsten Preisen von 5 Sgr. bis 4 Thlr.; kleinen Muschelkästchen, von den Galeerensclaven verfertigt, und den schönsten dieses Fach einschlagenden Artikeln.
Um geneigten Zuspruch bittet
Roso Viger de Paris.
Die Bude befindet sich rechts am Ende der ersten Reihe.
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English newspapers in Brussels.
The Brussels Herald, established in 1827, is the only English newspaper in Belgium. It is published every Saturday. Price per quarter 5 francs, exclusive of postage out of Belgium. The Brussels Herald is an excellent medium for all advertisements addressed to English residents on the continent and English travellers. Office: ‒ 13 Rue des Boiteux, Brussels.
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Bei Gelegenheit der St. Apostel-Kirmes,
Sonntag, Montag und Dienstag,
von Nachmittags 3 Uhr,
große Harmonie
von dem Musikchor des Königl. Preußischen
8. Husaren-Regiments
in dem am städtischen Garten gelegenen elegant dekorirten
Kölner Zelte.
Franz Stollwerck
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Die Bürgerwehrmänner
der
16. Bürger-Compagnie
werden eingeladen, am Sonntag den 18. d. M., Morgens 6 Uhr, im Standquartiere mit den Waffen zu erscheinen, indem 71/2 Uhr Banner-Inspektion ist. Vorher soll noch exerzirt werden.
Der Hauptmann.
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Es wünscht Jemand sich mit Abschreiben zu beschäftigen. Weingartengasse Nr. 6.
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Theater.
Sonntag den 18. Juni,
Die Stumme von Portici,
große heroische Oper in 5 Akten nach Scribe u. Delavingne, Musik von Auber.
  • Masaniello ‒ Hr. Eitel,
  • Fenella ‒ Fräul. Seebach,
  • Alphons ‒ Hr. Grevenberg,
  • Elvira ‒ Fräul. Weixelbaum,
  • Pietro ‒ Hr. Beck,
  • als Gäste.
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Der Gerant, Korff.
Druck von W. Clouth, St. Agatha Nro. 12.