[0153]
Beilage zu Nr. 31 der Neuen Rheinisch. Zeitung.
Samstag, 1. Juli. 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln (die „Kölnische Zeitung“ über die Junirevolution.) Berlin. (Vereinbarungsdebatten. ‒ Betrachtung Rimplers. ‒ Minister Hansemann. ‒ Arbeiterparlament. ‒ Rückkehr des Tann'schen Freicorps. ‒ Berliner Scharfsinn. ‒ Vermischtes.) Breslau. (Milde ‒ Pinder.) Hannover. (Aufhebung der Adelsbank bei den Gerichten.) Dresden. (Polizeiwirthschaft.) München. (Fanatismus der Toleranz.) Wien. (Proklamation des Erzherzogs Johann.)
Französische Republik. Paris. (Die Junirevolution. ‒ Schluß der Sitzung der Nationalversammlung v. 27. Juni. ‒ Sitzung der Nationalversammlung v. 28. Juni. ‒ Brutalität der Bourgeoisie und ihrer Journale. ‒ Vermischtes. ‒ Erklärung des National über Italien. ‒ Cavaignac's Großmuth. ‒ Neue Beispiele der bürgerlichen Fraternität.)
Großbritannien. London. (Lord John Russel. ‒ Der „Telegraph“ und die „Times“ über die Pariser Junirevolution. ‒ Privatkorrespondenz der Times aus dem piomontesischen Hauptquartier.) Manchester. (Handelsaussichten.
[Neueste Nachrichten]
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Die 5., 8. und 12. Legion der Nationalgarde sollen aufgelöst werden. In der 12. Legion haben nur 50 Mann auf den Appell geantwortet.
Zahlreiche Gefangene sind gestern Nacht wieder im Luxembourg und auf dem Champ de Mars todt geschossen worden.
„Ich war gestern,“ schreibt selbst der Korrespondent der „Independance,“ „in der Nationalversammlung gewesen. Ich sage es mit Bedauern, aber die Repräsentanten sind von der schweren Bedeutung der jetzigen Lage gar nicht durchdrungen. Sie meinen, es sei Alles aus, und es handle sich jetzt um weiter nichts mehr, als um Repressions-Maßregeln. Gott wolle, sie hätten Recht.
Eine Kommission ist beauftragt worden, sich mit der exekutiven Gewalt über die Leichenceremonien und die Organisirung einer Revue der Nationalgarde und der Armee zu verständigen.
Der Belagerungszustand soll noch 10 bis 15 Tage fortgesetzt werden.
Die Untersuchungskommission ist sehr beschäftigt, viele Repräsentanten sollen kompromittirt sein.
So viel kann ich Sie aus direkten, um nicht grade zu sagen aus persönlichen Renseignements versichern, daß drei Repräsentanten Samstag um Mittag an der Barriere Pigale von Nationalgardisten von Montmartre arretirt worden sind.
Sie sind auf die Mairie des zweiten Arrondissements geführt worden; ich habe dieses von dem Offizier, der sie auf die Wache geführt, vernommen.
Man spricht immer noch davon, Caussidiere, Louis Blanc und Lagrange zu verhaften.
Zwei Korrespondenzen bestätigen, daß der Erzbischof, so wie der General Negrier durch die Kugeln der Mobilgarde getroffen niedergesunken sind, nicht durch die der Insurgenten.
‒ Die ganze Bevölkerung strömt seit gestern, wo wir wieder etwas freier athmen, nach den Schauplätzen der Revolution (City, Rue St. Jacques, Faubourg St. Antoine und dem Kanale). In der City und am Pantheon sind die Verwüstungen viel weniger sichtbar als im Faubourg St. Antoine, wo Held Lamoriciere vier Tage lang mit Feuer und Schwert wüthete.
‒ Die gefangenen Insurgenten sind sämmtlich in die Aussenwerke unserer Festungswälle gesperrt, wo sie ihrem Schicksale entgegensehen. Die Leiter des Aufstandes werden erschossen, die anderen in die aussereuropäischen Kolonien verbannt. Ganz wie nach dem Fruktidor, Nivose und der Rückkehr der Bourbonen.
‒ Heute früh fand eine Revue der aus den Departements herbeigeeilten Bürgerwehren an der Eintrachtsbrücke im Beisein der National-Versammlung statt.
‒ Cabet, das bekannte Haupt der ikarischen Kommunisten, protestirt in allen Blättern gegen die Behauptung mehrerer Bürgerwehren, die ihn mit eignen Augen an der Spitze des Aufstandes gesehen haben wollten.
‒ Der National enthält folgenden, für die italienischen Verhältnisse wichtigen Artikel: „Im Auslande, namentlich in Italien und der Schweiz, verbreitet sich die Nachricht, daß sich die Regierung der französischen Republik zu einer Vermittelung im italienischen Kriege geneigt zeige, deren Grundlage die Abzweigung Venedigs wäre. Wir hoffen, daß so etwas noch nicht beschlossen worden und ein ähnlicher Fehler nicht begangen werden wird. Dies hieße, den Frieden von Campo Formio erneuern und in eine Theilung Italiens willigen. Dies wollen aber weder die Italiäner, noch kann es Frankreich wünschen. 1799 opferte der General Bonaparte Venedig auf, weil er nach blutigen Kämpfen den Frieden erstrebte. Der errungene Frieden war aber nur ein ephemerer, und Venedig wurde wieder von Oesterreich losgerissen und an Italien gefügt, zu dessen König sich Napoleon proklamirt hatte. Will man heute ernstlich etwas Dauerhaftes, so muß Oestreich definitiv Italien verlassen, und die italienische Nation darf Niemand als sich selbst angehören. Jede andere Kombination wäre ein unhaltbares Werk für die Völker, eine Schande für das insurgirte Italien und eine feige Desertion von der französischen Politik.
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[ * ] Paris, 28. Juni.
General Cavaignac und die Nationalversammlung ließen diesen Morgen über 50,000 Nationalgarden des Seine-Departements Revue passiren. Aus Bordeaux und Tonlouse langten heute Morgen ebenfalls Bataillons an. Gestern wurden in den Faubourgs St. Jacques und St. Marceau 1,700 Gefallene beerdigt. Die Zahl der bis jetzt gefangen genommenen Insurgenten beträgt 5 ‒ 6000, die Zahl der in der Umgegend von Paris befindlichen Insurgenten schätzt man auf 20,000 Mann.
‒ Nach dem 24. Februar allgemeiner Ruf: Es giebt keine Sieger, keine Besiegten, es giebt nur Franzosen! II n'ya pas des vaincqueurs, il n'ya pas des vaincus, il n'y a que des francais.
Heute muß die „Reforme“ selbst Cavaignae's Großmuth preisen, womit er an die National-Versammlung schreibt: Ich sehe zu Paris Sieger und Besiegte! mein Name bliebe mit Fluch bedeckt, wenn ich zugebe, daß man hier Schlachtopfer sieht! Und wie zweideutig ist noch die Großmuth!
Kersausie und Napoleon Lebon sind gestern arretirt worden.
Nationalversammlung. Sitzung vom 28. Juni. Senard eröffnet sie um 121/2 Uhr Mittags. General Changarnier, so eben aus Algier angekommen, ist anwesend. Es herrscht eine außerordentliche Spannung im Saale, Vorläuferin wichtiger parlamentarischer Ereignisse. Man weiß, daß Cavaignac und sämmtliche Minister ihr Amt niederlegen wollen. Unter lebhaften Gesprächen liest der Präsident einen Brief des Bischofs von Calzedonien (in partibus) vor, worin derselbe der Versammlung anzeigt, daß die religiöse Kongregation von Picpus (Frauenkloster bei Paris) die nach den Marquisen-Inseln zu transportirenden Insurgenten zu begleiten wünscht. Dann liest derselbe den Entwurf einer Proklamation vor, die wir ihrer prinzipiellen Merkwürdigkeit halber hier fast wörtlich mittheilen. „An das französische Volk Franzosen! Die Anarchie ist besiegt; Paris steht aufrecht und die Gerechtigkeit wird ihren Lauf haben Ehre der Bürgerwehr der Hauptstadt und Departements, Ehre der Armee, der Mobilgarde, den Schulen, der republikanischen Garde und allen Freiwilligen, die herbeieilten, um gegen die Barrikaden Ordnung und Freiheit zu vertheidigen. Alle haben beigetragen, mit Nichtachtung ihres Lebens und mit übermenschlichem Muthe die Unternehmung von Rasenden zu unterdrücken. Alle haben von Barrikade zu Barrikade und selbst bis in ihre letzten Schlupfwinkel jene Rasenden zurückgestoßen, die ohne Grundsätze, ohne Fahne, sich nur für Mord und Plünderung bewaffnet zu haben scheinen. (Ja, ja). Familie, gesellschaftliche Einrichtungen, Freiheit, Vaterland, Alles sollte von diesen neuen Barbaren zerstört werden. Die Civilisation des 19. Jahrhundert war mit Untergang bedroht. Doch nein; die Civilisation soll nicht untergehen! Die Republik, Werk Gottes, lebendiges Gesetz der Menschheit, wird nicht untergehen! Wir schwören es beim gesammten Frankreich, das mit Entsetzen jene wilden Lehren zurückstößt (Bravos), laut welchen die Familie nur ein leerer Name und das Eigenthum nur Diebstahl. (Bravo, bravo!). Wir schwören es beim Blute so vieler edler Opfer, die unter den brudermörderischen Kugeln fielen. Alle Feinde der Republik hatten sich gegen sie in gewaltsamer und verzweifelter Anstrengung vereint. Sie sind überwunden und Keiner von ihnen kann es wagen, uns zu neuen blutigen Kämpfen herauszufordern. Sagt uns der erhabene Aufschwung, der so viele Tausende bewaffneter Bürger in die Hauptstadt trieb, um für sie zu kämpfen, nicht klar genug, daß das größte aller Verbrechen darin besteht, sich gegen die aus dem allgemeinen und direkten Stimmrecht hervorgegangene Volkssouveränetät zu empören? (Ja, ja.) Und beweisen die Dekrete der Nationalversammlung nicht klar genug, daß es in unserer Republik keine Klassen, keine Privilegien mehr gibt, daß die Arbeiter unsere Brüder sind, daß ihr Interesse für uns das heiligste ist, und daß wir nach Herstellung der Ordnung und Erfüllung strenger Gerechtigkeit bereit sind, unsere Arme und Herzen allen Denen zu öffnen, die da unter uns leiden? Franzosen! Einigen wir uns in der heiligen Vaterlandsliebe, vertilgen wir die letzte Spur unseres inneren Zwiespalts und halten wir alle Eroberungen der Freiheit und Demokratie aufrecht. Möge uns nichts von den Grundsätzen der Revolution abführen! Aber vergessen wir nicht, daß die Gesellschafft geleitet sein will, daß die Gleichheit und Brüderschaft sich nur in der Eintracht und in Frieden entwickeln können, und daß die Freiheit der Ordnung bedarf um sich zu befestigen und sich gegen ihre eignen Uebergriffe zu schützen. Auf diese Weise wollen wir die Dauer unserer jungen Republik begründen und sie von Tag zu Tag größer und glücklicher einer Zukunft entgegenführen, für welche die eben bestandenen Prüfungen neue Bürgschaften sind.“
Diese Proklamation erntete stürmischen Beifall. Man wollte ihren Verfasser wissen, der Präsident aber verschwieg seinen Namen.
Cavaignac bestieg demnächst die Tribüne und legte sein hohes Amt nieder. Flocon folgte ihm, um im Namen seiner sämmtlichen Kollegen die Entlassung des Ministeriums zu überreichen. Der Präsident schlug vor, dem General den Dank des Vaterlandes zu votiren, das mit großem Enthusiasmus geschah. Die Versammlung schritt dann zur Wahl eines neuen Vollziehungsausschusses, der in einem Ministerrathe bestehe, als dessen Präsident Cavaignac vorgeschlagen wurde. Senard brachte den diesfälligen Gesetzentwurf zur Abstimmung. Dieselbe erfolgte par Division und bestätigte den gemachten Vorschlag vollständig. Cavaignac ist also provisorischer Präsident der Regierung bis zur Verfassungsannahme. Die Versammlung ist damit beschäftigt, die Minister zu wählen.
Kurz vor der Abstimmung erklärte Cavaignac, daß es nothwendig, den Belagerungszustand von Paris noch für einige Tage beizubehalten.
Man erfährt gleichzeitig, daß die große Begräbnißfeier der Gefallenen für Freitag, den 30. Juni, angeordnet ist.
So eben hören wir folgendes Resultat:
Cavaignac, Präsident; Senard, Inneres; Recurt, Staatsbauten; Lamoriciere, Krieg; Thouret (aus Allier), Handel (?); Bethmont, Justiz; Bastide, Auswärtiges; Changarnier, Obergeneral der Nationalgarde; Verninac, Marine.
Die Börse zwar offen, aber keine Geschäfte.
Schluß der Nationalversammlung vom 27. Juni. 1/4 vor 9 Uhr.
Der Präsident zeigt den Tod Charbonnels und des Erzbischofs von Paris an.
Bürger Sarrans hat das Wort. (Nein, nein!) Mehre Stimmen: Keine Diskussion. (Lärm.)
Sarrans: Ich habe die erste Huldigung dem Dienst der Nationalgarde dargebracht und ich habe von ihr die Ehre verlangt, in ihren Reihen zu marschiren. Ich erhebe mich nicht gegen das Prinzip des Dekrets, aber ich glaube, daß man sich hüten muß vor massenhaften Proscriptionen. auch am 13. Nivose hatte man massenhaft geschlagen und man hatte die Republikaner getroffen, während man die Royalisten verschont hatte. (Genügt. Zur Abstimmung!)
Sarrans: Die Versammlung will mich nicht hören, ich verzichte auf's Wort.
Ein Mitglied hatte das Wort verlangt, es sagt: Zeuge dessen, was so eben unserm Kollegen passirt, verzichte ich auf's Wort. (Bewegung.)
Der Präsident: Bürger Sarrans hat das Wort.
Sarrans: Ich verzichte darauf.
Pierre Leroux. (Zeichen der Spannung.) Seit drei Tagen leben wir in einer Sphäre von Agitationen. Kein Wort von Religion, nichts als Leidenschaften! Als ich mich um die Kandidatur bewarb, glaubte ich nicht, in eine Versammlung einzutreten, die so leidenschaftlich ist, sondern in ein Concil.
Eine Stimme: Sprecht nicht von Euch! Eine andere Stimme: Warum nicht? (Agitation.)
Pierre Leroux: Nicht so kann eine Versammlung berathschlagen. Die menschliche Seele erträgt solche Aufregungen nicht. Fragt die Aerzte, sie werden euch sagen, daß das unmöglich ist. Es sind hier Prediger des Evangeliums. Warum, sagen sie es nicht? Ist es möglich!
Coquerel: Ich verlange das Wort.
Pierre Leroux: Ihr wollt überstürzte Revolutionen machen. Ihr studirt die Fragen nicht. (Unterbrechung.) Erlaubt mir, es euch zu sagen, man kann hier nur schwatzen, nicht sprechen, in einer solchen Versammlung, die so wenig Ueberlegung in ihren Berathschlagungen zeigt. (Neuer Skandal.) Verschiedene Stimmen: Zur Ordnung!
Der Präsident: Ich kann nicht dulden, daß der Redner die der Versammlung geschuldete Achtung verletzt, ich rufe ihn zur Ordnung.
Pierre Leroux: Wenn Ihr dem menschlichen Gewissen nicht erlauben wollt, sich frei auf dieser Tribüne zu äußern, so werde ich gezwungen sein, meine Entlassung zu geben. (Ein Mitglied unterbricht dem Redner so skandalös, daß der Präsident es zur Ordnung ruft.) Kommen wir zur Frage! Es wäre logischer gewesen, daß die Untersuchungskommission vor der Präsentation des Dekrets ihren Bericht eingereicht. Man hat gesprochen von Bonapartisten, von Legitimisten, von vielen andern noch und wir sind verpflichtet zu entscheiden, ohne die Gründe dieser fürchterlichen Insurrektion zu kennen. Aber, sagt man, die Sache drängt. Es sei! Aber bitten wir Gott, in Ermangelung der Logik, uns zu leiten. Wir müssen berathschlagen, ohne die Gründe kennen. Bedenkt es, bedenkt es! Seht, wie verwickelt die Fragen sind. Es handelt sich davon, zu richten, ohne zu urtheilen, zu sprechen, ohne zu wissen; so urtheilen wir wenigstens so mild, so menschlich wie möglich. Ich habe in dem Konferenz-Saal schon Worte eines seinem Volke milden Königs gelesen: Das Evangelium lehrt mich die Milde. Man ruft die Nothwendigkeit an; es bedarf einer Maßregel, welche die Gesellschaft beschützt, aber sie sei ein Heilmittel, kein Gift. Wenn wir auf den Grund der Dinge gehen, können wir nicht läugnen, daß eine Art von Fatalität den menschlichen Geist trübt. Seht Europa. Diese Fatalität drückt auf alle Geister, auf alle Parteien. Die Lösung weiß man voraus, kein Denker, der sie nicht wüßte; seht den Zustand von Deutschland, von England, diese Fatalität existirt überall.
Noch einmal, erhebt eure Seelen, Bürger, erheben wir sie dahin, wo auch wir fallen werden wie Sklaven unter dem Joch dieser Fatalität. Seit lange kenne ich die Situation des 24. Februar; man hat sich einer Regierungsform entledigt, die man Monarchie nannte. Ich erinnere nicht an die Korruption dieses Regimes: man fragt sich, wie man in einer solchen Infamie leben konnte. Diese politische Form ist verschwunden. Nun wohl! Sprechen wir offenherzig: die Republik, ist sie dauerhaft, wird sie dauern? Ja, sonst müßte man ins Chaos zurückkehren.
(Hier wird der Redner mit solcher Heftigkeit unterbrochen, daß es unmöglich ist, seine Stimme zu vernehmen durch das Messergeklapper auf den Pulten).
Präsident. Hört den Redner.
Pierre Leroux verläßt die Tribüne und kündet an, daß er Amendements stellen werde.
Labordie unterstützt den Dekretentwurf und verlangt den Schluß der allgemeinen Diskussion.
Der Schluß wird ausgesprochen. Man geht über zur Diskussion des Artikels 1: „Im Interesse der allgemeinen Sicherheit werden die jetzt verhafteten Individuen, die am Gefecht des 22. Juni und der folgenden Tage Theil genommen haben, in die überseeischen französischen Besitzungen mit Ausnahme deren des Mittelmeeres gesandt werden.“
Caussidière. Ich bin demokratischer und socialistischer Republikaner, unterbrecht mich nicht von vorn herein. Rothe Republik, weiße Republik, Bonapartism, Regentism, mit allem hat man sich beschäftigt, nur nicht mit dem öffentlichen Wohl. Es herrscht ein Schwindel; werden wir fortfahren, uns von ihm hinreißen zu lassen? Nein, Bürger, vergessen wir unsre traurigen Zwiste. Ich hatte einen Bruder zu Lyon, durchbohrt von 34 Bajonnettstichen; kürzlich ist auch mein Vater gestorben, von Verfolgungen und vom Schmerze erschöpft. Machen wir kein Gesetz der Strenge. Ich appelire an Paris, an alle Provinzen, respektiren wir die Gerechtigkeit. Jeder Mann vor diesem Tribunal gestehe, daß auch er Fehler begehen konnte.
Unter den Insurgenten gab es viele, die der Schwindel fortgerissen.
Eine Stimme. Und die vergifteten Kugeln? (Vereinendes Murren).
Caussidière. Man erinnere sich, daß vor vier Monaten das Volk allmächtig war, daß es viel Rache auszuüben hatte, daß es alles in den Sack der Vergessenheit gesteckt und seine grollenden Empfindungen in das Wasser des Styx geschleudert hat. Wandeln wir eben so in den gegenwärtigen Umständen… Heute ist der erste Tag, daß ich wieder aufathme… Eine ganz natürliche Betrachtung drängt sich auf nach einem Siege, der davongetragen in Folge eines Bürgerkrieges, der verursacht wurde durch Unglücksfälle, durch Mißverständnisse (Lärm). Durch Irrthümer. . . . Glaubt nicht, daß alle die, welche die Muskete abgefeuert, Verbrecher waren. Es fand hier Irrthum Statt.
Mehre Stimmen. Wie? Ihr nennt den Meuchelmord Irrthum?
Caussidière. Der Irrthum fand Statt beim Beginn. Den 25. Februar begründete man die Republik nicht sofort auf ihre wahre Grundlage. Konservirt einen Gefangnen, protegirt sie, wenn ihr die Septembriseurs fürchtet. (Zur Ordnung! Zur Ordnung!) Ihr unterbrecht mich nur mitten in der Phrase, ohne sie mich vollenden zu lassen. Nach der Hitze des Kampfes behauptet die Humanität wieder ihre Rechte. ‒ Ich verlange, daß man der Gerechtigkeit ihren gewöhnlichen Lauf läßt, daß man Kommissionen ernennt, die untersuchen, ob dies oder jenes Individuum hinreichende Ursache giebt, es zu deportiren. ‒ Caussidière wird mit Lärm, Ordnungsruf, Drohungen u. s. w. unterbrochen.
Um Mitternacht schließt die Versammlung ihre Sitzung, sie adoptirt fast einstimmig das Dekret der Deportation. Der Präsident findet die Sache so amüsant, daß er von einem Paket von Amendements spricht, die zur Abstimmung vorlägen. Nur zwei oder drei von diesen Amendements sind angenommen worden, eins, welches den Familien erlaubt, auf Regierungskosten ihren deportirten Verwandten zu folgen, ein andres, welches die Angeklagten selbst nach Aufhebung des Belagerungszustandes der Jurisdiktion der Kriegsgerichte anheimstellt.
Nachschrift. Um 4 Uhr Nachmittags wird die Sitzung der Nationalversammlung wieder eröffnet. Der Präsident berichtet, daß der Zustand ihres Kollegen Dornés sehr befriedigend ist und verliest hierauf das kurz zuvor beschlossene Dekret in Betreff des Erzbischofs von Paris. Es lautet:
„Die Nationalversammlung betrachtet es als ihre Pflicht, für den heilig-heroischen Tod des Erzbischofs von Paris ihre andächtige Erkenntlichkeit und tiefen Schmerz auszusprechen.“
Die Fassung des Dekrets wird einstimmig angenommen.
Remilly macht hierauf eine Reihe Vorschläge:
1. Erlassung eines Dekrets gegen geheime Gesellschaften; ein gleiches in Betreff der Klubs; wegen Bau's der Barrikaden; über Affichiren und Kolportiren; über die Polizei der Presse; über Auflösung der National-Werkstätten (eine Stimme: das ist vollbracht); die Nichtbewaffnung der Nationalgarden, welche ihren Dienst nicht verrichten; und endlich 8. wegen sofortiger Errichtung eines Lagers auf dem Marsfelde von Paris. Die Sitzung wird bis um 8 Uhr Abends vertagt.
Es heißt, daß Herr Dufaure Präsident der National-Versammlung werden wird.
Großbritannien.
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[ * ] London, 27. Juni.
Nachdem „The London Telegraph“ in seiner heutigen Nr. Stellen aus der „Post“, dem „Chronicle“, den „Times“ in Betreff der Juni-Revolution zitirt hat: fährt er weiter fort: „Das Alles zeigt so klar, wie nur irgend möglich, daß die Revolution des 24. Februar die unausweichliche Folge von der unter der großen Masse herrschenden Noth und Armuth war; und dergleichen Uebel werden nicht durch Artillerie und Dragoner kurirt. Ja, grade unter einer solchen humanen Kanonen-und Säbel-Verwaltung gedeihen jene Uebel noch viel herrlicher.“ Was wird nun der aufgeklärte Theil des Publikums zur „Times“ sagen, die jene unausbleiblichen Folgen des allbeherrschenden unterdrückerischen Systems von Guizot und Louis Philippe als einen „frischen Beweis von der Natur der demokratischen Gewalt und den Gefahren sozialer Insubordination“ hinstellt! Den Schluß, den die Times ziehen, ist weder für unsere Regierung sehr schmeichelhaft, noch auch für die Freunde des Fortschritts sehr ermunternd. Der Schluß lautet: „Wie volksthümlich eine Regierungsform auch immer sein mag, die Aufrechterhaltung der Ordnung und der Gewalt des Gesetzes beruhen zuletzt doch nur auf einer festen und selbst rücksichtslosen Ausübung militärischer Gewalt.“ Ein hübsches Dilemma für die Sozietät. Die Times bezeichnet Revolution und Insurrektion als die unausbleiblichen Folgen des früheren Systems militärischer Herrschaft, und andererseits „selbst die rücksichtslose Ausübung der Militärgewalt“ [0154] als das einzige Mittel, Ordnung in der Gesellschaft zu erhalten. Wahrlich die Philosophie englischer Publizisten ist wenig geeignet, in diesen stürmischen Zeiten das Gesellschaftsschiff aus der Brandung, den Untiefen und Felsenriffen zu befreien, wohin es, von den John Russell's, R. Peel's, Metternich's, Grafen Bülow's, den Guizot's, Louis Philipp's etc. bugsirt worden und dem Scheitern nahe ist. . . . Ist die Ordnung nur durch die rücksichtslose Ausübung der Militärgewalt aufrecht zu erhalten, so thäte letztere am Besten, sie versorgte unsere Märkte, regulirte unsern Handel, vertheilte die Arbeit, sicherte die Abhängigkeit des Webers vom Spinner, des Spinners vom Kaufmann, des Kaufmanns vom Baumwollproduzenten und die Abhängigkeit Aller von den Konsumenten und einigte, wenn rücksichtslose Ausübung militärischer Gewalt dies vermag, sie Alle, ob auch unter verschiedenen Regierungen lebend, durch Bande der Freundschaft und des Friedens. Diese Einigung ist sonst allgemein als die wahre soziale Ordnung dargestellt worden, die durch militärische Gewalt wohl vernichtet, aber nicht geschaffen oder erhöht werden kann. Ein Blick auf unsere Geschichte wird wohl, denken wir, zeigen, daß Ordnung unter uns entstanden und erhalten worden, vielmehr trotz als mittelst der Militärgewalt und daß in jenen Ländern, wo die Militärgewalt unbeschränkt geherrscht und rücksichtslos ausgeübt worden, fortwährend Unordnung, Verwirrung und Anarchie vorgekommen ist. So der „Telegraph“ versus „Times“ Hören wir nun die „Times“ selbst einen Augenblick an. Der Sieg der jetzigen Regierung kann ihrer Meinung nach keinen andern Frieden bringen, als den der finstern Eroberung, die sich auf eine unverantwortliche Macht stützt. Den jetzigen Aufstand nennt sie „den Ausbruch tiefen und unversöhnlichen Hasses zwischen den beiden großen Klassen der Gesellschaft, der Bourgeoisie und dem Volke.“ Es folgen dann die Stellen, gegen welche der „Telegraph“ auftritt. Hierauf heißt es weiter:
„Diese große Schlacht der republikanischen Streitkräfte und des Pariser Pöbels (?) zeigen indeß von einer Masse Geschicklichkeit, Vorbereitung und Hülfsquellen auf Seite Derer, welche die Revolution leiteten, wie sie nur irgend beim General Cavaignac an der Spitze des Staates und der Armee zu finden war. Nach den besten Regeln der Kriegskunst hatten die Leiter der Rebellion ihre Stellungen eingenommen.“ Das Journal weist dies im Einzelnen nach. „Die Autorität, welche alle Bewegungen der Insurgenten lenkte, war absolut; mit rücksichtsloser Tapferkeit wurde ihr gehorcht, mit Aufopferung von Tausenden von Leben. Und doch ‒ nicht Ein Namen von Denen, welche diese erstaunlichen Operationen kommandirten, ist ruchbar geworden. Eine solche Vertheidigung inmitten einer Hauptstadt hätte, von einer regulären Armee ausgeführt, als große Kriegsthat gegolten. Wie sollen wir uns das erklären, wenn die Anführer dieser verzweifelten Kämpfer anonym, wenn ihr Ziel in Dunkel gehüllt (?) und ihre Hülfsquellen anscheinend keine andern sind, als die einer verarmten und dem Hunger preisgegebenen Bevölkerung?“ Das kann sich die Times nicht erklären; sie wünscht, daß die Montagnards in der National-Versammlung ihr diese Aufklärung verschaffen ‒ nebenbei ein Wink für letztere, daß sie ihre radikalen Mitglieder doch bald vor Gericht stellen möge. „Scheinen sie gleich bei dieser Gelegenheit nicht offenen Theil an der politischen Verantwortlichkeit oder den physischen Gefahren der Insurrektion Theil genommen zu haben, so sind sie es doch, auf welche Frankreich wegen Aufklärung über die Ursachen eines Unglücks blickt, aus dem sie allein Nutzen zu ziehen hoffen konnten.“ Man sieht, wie die Times sich nach und nach in ganz allerliebster Weise selbst etwas Licht zu schaffen weiß, einen Schimmer wenigstens, der sehr nahe an Persidie streift. Am Ende des Artikels wird es der Times ganz hell. Sie schließt ihn mit der Nachricht: daß Cavaignac den Hrn. Thiers in seinen Rath berufen hat, und daß die neue Regierung wahrscheinlich unter seine Leitung gestellt werden wird!
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@facs0154
London, 28. Juni.
Nach den grandiosen Ereignissen der letzten vier Monate ist es in etwa zu verwundern daß die Whigs noch immer am Ruder sind. Lord John Russel eroberte das Ministerium nicht als ein tapferer Gladiator, der den Fuß keck auf den Nacken seines Gegners setzt, er erlangte es auch nicht als Feldherr an der Spitze eines starken, unwiderstehlichen Heeres treuer Anhänger, welches alle Hindernisse aus dem Wege räumte, nein, er voltigirte in's Amt, weil grade kein Besserer vorhanden war, man hob ihn auf den Schild, weil man keinen Andern darauf haben wollte, der kleine Lord John wurde Minister durch die Laune seiner Feinde.
Früher war es natürlich, daß einem Tory stets ein Whig vom reinsten Wasser folgte; es gab nur diese beiden Parteien, die sich den Kampfplatz streitig machen konnten; man hatte keine Wahl und deshalb Qual, ein Lord John Russell ohne Portefeuille war der Mann, der für zwei oder drei Jahre Urlaub oder Ferien bekommen hatte und der dann seinen alten Platz wieder einnahm. Seit der Korndebatte war indeß Grund genug vorhanden, daß diese regelmäßige Reihenfolge endlich aufhören werde.
Die alt hergebrachten Parteien waren so sehr durcheinandergeworfen, daß ein Freund den andern kaum mehr wieder erkannte; Leute die seit dreißig Jahren auf ein und derselben Bank des Parlamentes gesessen und stets für oder gegen denselben Gegenstand gestimmt hatten, waren plötzlich als wenn die Manchester Baumwoll-Lords mit dem letzten Rest altehrwürdiger Institutionen auch die Anhänglichkeit der verschiedenen Individuen untereinander vernichtet hätten. Einen Sir Robert Peel, der ein viertel Jahrhundert lang mit den alten Tory's Hand in Hand gegangen war, sah man, wie Disraeli es richtig darstellte, jenem türkischen Admirale gleich, die Flotte des Sultan's in den Hafen des Pascha's führen. Die Tory's gingen zu den Radikalen über, die Whigs brannten im gestreckten Galopp durch und nur die knorrigen, murrenden Landbesitzer mit dem Jockei Lord George Ben[#]rck blieben auf ihren Sitzen und steckten die Fäuste in die Taschen, nur zu halten was sie hatten.
Die alten Parteien waren zerrissen; statt der Tory's und der Whigs gab es nur Protektionisten und Freetrader und als Sir Robert über die irische Zwangsbill strauchelte, da hätte man wirklich fast glauben sollen, daß bei dem siegreichen Fortschreiten der Freihandelsmänner wohl der Vater der Bewegung, in Person eines Cobden, eines Bright, aber nicht der Schüler in der winzigen Gestalt eines Lord John Russell den Vordergrund einnehmen würde.
Grade wie man den ritterlichen Lord George aber nicht wollte, eben weil er entschieden das Land und den Ackerbau vertrat, so wollte man auch einen Richard Cobden nicht, eben weil er entschieden die Stadt und das Fabrikwesen vertheidigte und nolens volens mußte man wieder zu Lord John, wie zu einem Mitteldinge greifen, das zwar Niemand gern wollte, das aber für den Augenblick wenigstens unentbehrlich war.
Mancher Monat ist seitdem geschwunden; und es ist wahrhaft belustigend wie der kleine Lord John noch immer der erste Diener der Königin ist.
Mogte die kommerzielle Krisis einen niegekannten Umfang erreichen, mogte das irische Elend die furchtbarsten Anstrengungen fordern, mogten die westindischen Kolonieen den Raum des Parlementes mit ihren Klagen erfüllen, mogte der unruhige Palmerston bald vor Montevideo bald in Griechenland bald in Portugal hundert und abermals hundert Verwicklungen herbeiführen, mogte er sich bald vor Krakau blamiren und bald dem Duc de Montpensier den Lorbeer jener berüchtigten Heirathsgeschichte überlassen müssen: ‒ der kleine Lord John purzelte dennoch nicht aus dem Sattel, es war wirklich, als ob er reiten könne, es war, als wenn er sich wirklich mit einem Male zu einem großen Manne emporgeschwungen hätte.
Wie gesagt, existirte er aber nur, weil eben kein Andrer da war, der Allen gleichgültiger gewesen, der weniger beneidet worden wäre. Da kam der 24. Februar, es kam die Revolution. Die ehrenwerthen Mitglieder des Parlamentes waren grade sehr zahlreich versammelt, als der Donner des großes Ereignisses die Londoner Gassen durchdröhnte. Sir Robert Peel, der noch wenige Wochen vorher eine stundenlange Rede zum Lobe Louis Philippe's gehalten hatte, war außer sich. Wüthend stürzte er auf die Minister der Königin zu und es war nicht anders, als ob er dem kleinen Lord John das Ruder des Staates plötzlich aus den Händen hätte winden wollen, um den alten Brander England mit der eignen kräftigen Faust an der Klippe aller Gefahren vorbeizulenken.
Lord John Russell mag in jenem Augenblicke wie gewöhnlich gestottert haben:
„Gent ‒ Gent ‒ Gentlemen ‒ hem ‒ Gent ‒ “ jedenfalls war er konsternirt und wie ein anderer Mann vielleicht sehr viel in jenem Momente gethan haben würde, so that Lord John Russell nichts ‒ es war vielleicht sein Glück.
Der furchtbarsten Aufregung folgte bald das bleiche, stille Entsetzen der englischen Bevölkerung. Kaufleute und Fabrikanten verkrochen sich in ihre Häuser wie die Hamster in ihre Löcher. Jeder freute sich, daß zwischen Dover und Boulogne noch ein Streifchen Meer fließt, und keinem fiel es ein, an den Ereignissen jenseits des Kanals auch nur in anderer Weise als in herzinnigen Flüchen und Verwünschungen Theil zu nehmen. Der kleine Lord John war konsternirt, und das ganze Land war konsternirt. Das steife, betrübte Antlitz des Helden der Reform-Bill spiegelte die Stimmung des ganzen Landes wieder. Armer John!
Die ganze englische Politik der letzten vier Monate lag in Lord John Russell's steif traurigem Gesicht; es war die Politik des Stachelschweines, das seinen Kopf zwischen die Beine steckt und in völliger Passivität die spitzen Borsten rings um sich herumstarren läßt. Lord John Russell, der vor dem 24. Februar die Erlaubniß hatte, Alles zu thun, er hatte später die Erlaubniß, Nichts zu thun; Nichts, mit einer Ausnahme: er durfte die Bewegung der Chartisten momentan unterdrücken. ‒ ‒ In allen übrigen Fällen konnte er „Noli me tangere!“ ausrufen. „Rührt mich nicht an, ich bin der kleine Lord John Russell, das politische Stachelschwein. Bleibt mir drei Schritt vom Leibe; ich thue Euch nichts, thut Ihr auch mir nichts.“ Das war die ganze Politik des kleinen Mannes. Zuerst erhebt sich Disraeli im Unterhause und stellt Lord Palmerston, der alle auswärtigen Sünden für den kleinen John zu besorgen hat, wegen der preußisch-dänischen Angelegenheit zu Rede. Der edle Lord versichert, daß seine Vermittelungen auf rein freundschaftlichem Fuße geschehen. ‒ Eine zweite Interpellation erfolgt in Betreff der polnischen Streitigkeiten. Ein Mitglied des Ministeriums bemerkt, daß man ungemeinen Antheil an den Leiden der armen Polen nehme, daß man sich aber nicht weiter in diese Sache einmischen könne. Am 6. Juni bringt Herr Munt die italienische Revolution zur Sprache, und Lord Palmerston erklärt, daß das britische Gouvernement, trotz seiner alten, freundschaftlichen Beziehungen zu dem Kaiser von Oestereich, die lebendigste Sympathie für die hoffentlich erfolgreichen konstitutionellen Bestrebungen der Italiäner fühle, daß es indeß nicht die Absicht habe, irgend wie bei den Ereignissen Italiens zu interveniren. Eine ähnliche Erklärung geschieht in Betreff der Sicilianer und der Neapolitaner und als endlich wegen der spanischen Streitigkeiten ein wahrer Tumult im Unterhause beginnt, da hält Lord Palmerston das Kreuzfeuer seiner Freunde wie seiner Feinde aufs gelassenste aus und begnügt sich schließlich damit, die geschehene Beleidigung sehr ruhig einzustecken.
Nie hat sich die egoistische Politik der Whigs in besserm Glanze gezeigt, als gerade jetzt. Der zitternde Lord John und der alte Dandy Palmerston! wer könnte ein schöneres Paar sehen?
Während ganz Europa im Sturme der Revolution emporrauscht, suchen die großen Briten ihren süßen Handel zu retten. Sie haben recht. England wird nur von Belgien übertroffen.
‒ Ein Privatkorrespondent der „Times“ schreibt diesem Blatt aus dem piemontesischen Hauptquartier (Valleggio) unterm 19. Juni: „Seit unserer absurden Promenade am 14. in die Nähe von Verona ist die Armee in ihren früheren Stellungen, von Goito bis Rivoli, verblieben. Die Folge dieser Unthätigkeit war, daß die Truppen über ihre Offiziere zu klagen anfingen und daß die ebenfalls unbeschäftigten Offiziere die Zeit damit verbringen, die Pläne derer, welche Zufall und nicht Verdienst an die Spitze gestellt, zu verdammen. Da keine dieser Klagen ungegründet war, so wurde damit der Grund zu einer schnellen Demoralisation der Armee gelegt und ich weiß nicht, wohin es kommen könnte, wenn die frühere Indolenz fortdauerte. Wahrscheinlich wurde auch deshalb gestern ein Kriegsrath gehalten und diesen Morgen alle Truppen in Bewegung gesetzt. Es wurde von einem neuen Angriffe auf Verona geredet. Heute Nachmittag soll ein zweiter Kriegsrath in Peschiera gehalten werden. Darf ich den mir gemachten Mittheilungen glauben, so werden wir morgen die obere Etsch überschreiten und die Forts oberhalb Verona angreifen. Gelingt dies, so besetzen wir die Stadt; wenn nicht, so sollen wir sofort ins Venetianische aufbrechen und Vicenza und Padua von den Oestreichern befreien. Ich fürchte, daß Radetzki jetzt so stark ist als Karl Albert und daß Letzterer durch den Uebergang über die Etsch seine Armee blos stellt. Die vortrefflichen Gelegenheiten, diese Operation gefahrlos zu unternehmen und die Oestreicher nach allen Winden hin aus einander zu jagen, hat er unbenutzt gelassen. Es zeigt sich jetzt, daß die Bürger von Verona ganz bestimmt zugesagt, Karl Albert, während Radetzki's Abwesenheit in Vicenza, die Porta Nova zu öffnen. Deßhalb marschirten auch am 13. die Truppen bis 2 Meilen vor die Stadt. Wäre das 12 Stunden früher geschehen, so war ein glücklicher Erfolg gesichert. Allein der König hatte gezögert bis Radetzky Zeit hatte, von Vicenza mit 10,000 Mann zurückzukehren. Um 2 Uhr früh am 14. Juni, als der Angriff beginnen sollte, langte ein Bote in Alpo an ‒ damaligem Hauptquartier, mit der Meldung: es sei zu spät und das Volk hätte wohl gegen eine Garnison von 3000 Mann es versucht, nicht aber jetzt, wo sie 13,000 Mann stark sei. Seitdem großes Mißvergnügen in der Armee. . . . Die Niederlage der 2000 Oestreicher oberhalb Rivoli hat den Muth der Soldaten wieder gehoben. Ueberhaupt sind die Piemontesen, so oft sie mit dem Feinde zusammentrafen, siegreich gewesen. Sie haben aber kein Zutrauen zum kommandirenden General, dessen Unfähigkeit vor Augen liegt; sie haben auch keins zu den strategischen Talenten irgend eines der anderen Generäle … Unsere Reserven langen von Turin hier an. Mehrere mailänder Bataillone sind unterwegs. Am Ende dieser Woche sollen wir, wie es heißt, 27,000 Mann frische Truppen bei uns haben, welche die Mincio-Linie bewachen können, während die Operationsarmee vorrückt.“
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Manchester, 28. Juni.
Trotz der günstigen Berichte von Indien, günstiger als wir sie seit einem Jahre erhalten haben, und ungeachtet der Ratifizirung des mexikanischen Vertrages, der uns den Frieden in jenen Gegenden sichert, bleibt unser Markt in Folge der verschiedenen europäischen Ereignisse dennoch fortwährend sehr traurig. Bestellungen treffen zwar genug ein, aber Niemand sendet das Geld, womit sie bezahlt werden sollen. Die beklagenswerthe Lage Frankreichs hängt gleich einer finstern Wolke über unserm kommerziellen Horizonte, und die Nachrichten aus Italien erregen nur zu große Besorgniß. Wir müssen warten bis bessere Zeiten kommen. Der Handel wird brillant werden, sobald die Ruhe da draußen wieder hergestellt ist. In unserm eigenen Lande begünstigt uns Alles. Wir haben Aussicht für eine gute und reichliche Aernte, Baumwolle in Menge, Korn täglich zu niedrigern Preisen, kleine Vorräthe unserer Waaren im Auslande, niedriger Diskonto. ‒ Alles das ist geeignet uns emporzuhelfen.
[Leserbrief]
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Offene Abschiedsadresse an alle Kameraden.
des v. Tann'schen Freicorps.
Gemeinsam mit Euch haben wir bei unserer Reorganisation in Rendsburg der provisorischen Regierung einen Entwurf derjenigen Grundsätze vorgelegt, welche wir als die einzig haltbare Basis des Freischaarenthums erachteten und deren Aufrechthaltung wir als die Bedingung unseres ferneren Verbleibens ansehen mußten. Bereits haben wir in unserer Mitte den Aufbau unserer jenen Grundsätzen entsprechenden Organisation vollendet und Gelegenheit gehabt, ihre Folgen in's Leben sowohl im offenen Gefechte wie in allen andern Verhältnissen unseres Wirkens fruchtbringend zu finden. Kaum aber haben wir Zeit gehabt, die Früchte unserer Einrichtungen zu genießen, so hat man geringfügige Ursachen als Mittel benutzt uns von dem selbst geschaffenen Boden zu verdrängen und auf einen andern zu leiten auf welchem es dem freien Manne nimmer wohl sein kann. Man hat Kleinigkeiten vor das Forum eines Kriegsgerichtes oder Standgerichtes gezogen, obwohl man wußte, daß wir diese Gerichtsformen, nur für das Vorurtheil eines privilegirten Standesunterschiedes geschaffen, weder anerkennen noch uns demselben stellen würden.
Die Versuche, eine gewünschte Einigung herbeizuführen, scheiterten an der Consequenz, womit man den Unterschied zwischen Freischaaren und den Soldaten des alten Systems verwischen will.
So treten wir denn, Kameraden, aus Euerm Verbande aus, so opfern wir denn die begeisterte Lust und den für das Vaterland und seine Freiheit glühend thatkräftigen Willen, für Schleswig-Holstein zu stehen und zu streiten und ziehen, nicht freudig, als freie Männer, wie wir gekommen, von hinnen.
Gewiß verlangt das Vaterland auch anderswo unsern Muth und unsere Gesinnungen.
Lebet wohl, Kameraden! Mit Euch haben wir die Schicksale des, Feldzuges getheilt, mit Euch die Gefahren des Kampfes; theilet auch Ihr nun mit uns die nie verlöschende wohlthuende Erinnerung an die Tage, die wir zusammen verlebten.
Apenrade, den 15. Juni 1848. Die VI. Kompagnie.
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An eine hohe provisor. Regierung zu Rendsburg.
Einer hohen provisor. Regierung beehre ich mich die ergebenste Anzeige zu machen, daß die 6. Kompagnie meines Korps aufgelöst und auf dem Rückmarsche nach Rendsburg begriffen ist. Das Festhalten an kommunistischen Prinzipien drohte meiner Ueberzeugung nach die vor dem Feinde so nothwendige Einheit der Führung zu gefährden und ließ daher das Ausscheiden genannter Kompagnie als wünschenswerth erscheinen. Ich verliere die Kompagnie ungern, glaube aber im Interesse des mir anvertrauten Korps auf die herrschend gewordenen Prinzipien nicht eingehen zu dürfen; im Uebrigen kann ich der Kompagnie das beste Zeugniß für ihr Betragen in den Quartieren und im Gefechte ertheilen und ersuche daher eine hohe provis. Regierung den Mitgliedern derselben eine anderweitige Verwendung oder einen ehrenvollen Abschied ertheilen zu wollen, so wie alle jene Vortheile zu gewähren, welche den sich auflösenden Korps zugestanden werden. An dem Gefechte bei Hadersleben nahmen 104 Mitglieder der Kompagnie bei einer Stärke des Korps von 434 Mann Antheil, wonach der Beute-Anspruch sich berechnet.
v. d. Tann.
Handels-Nachrichten.
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[Anzeigen]
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Schiffahrts-Anzeige. Köln, 30. Juni 1848.
Angekommen: Chr. Königsfeld von Duisburg.
In Ladung: Nach Ruhrort bis Emmerich Joh. Linkewitz; nach Düsseldorf bis Mühlheim an der Ruhr L. Ducoffre; nach Andernach und Neuwied M. Wiebel; nach Koblenz und der Mosel und Saar Joseph Zeiler; nach der Mosel, nach Trier und der Saar M. J. Deis; nach Bingen Wb. Jonas; nach Mainz J. Hirschmann; nach dem Niedermain Ph. Würges; nach dem Mittel- und Obermain Seb. Seelig; nach Heilbronn Fr. Kühnle; nach Kannstadt und Stuttgart Peter Kühnle; nach Worms und Mannheim J. B. X. Sommer; nach Antwerpen M. Lamers.
Ferner: Nach Rotterdam Kapt. Willemsen, Köln Nr. 6. Ferner: Nach Amsterdam Kapt. Wilson, Köln Nr. 30.
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Wasserstand.
Köln, am 30 Juni. Rheinhöhe 8′ 11″.
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Bekanntmachung.
Vom 1. Juli a. c. ab wird zur Herstellung einer täglichen Korrespondenz-Verbindung zwischen Eitorf und Uckerath, neben der schon bestehenden wöchentlich viermaligen Kariolpost, noch eine dreimalige Botenpost und zwar am Montage, Mittwoch und Freitage in Gang kommen. Die Abfertigung der Botenpost erfolgt, gleich wie die Kariolpost, aus Eitorf um 5 Uhr früh und aus Uckerath um 8 Uhr Morgens.
Köln, den 28. Juni 1848.
Ober-Postamt Rehfeldt.
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Revolution in Köln!!!
Wie macht man in Köln Revolution?
Man bringt Ständchen, läßt Generalmarsch schlagen, damit die Proletarier herankommen.
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Ist es wahr, daß die Bürgerkavallerie gestern Abend zwei Kinder übergeritten hat?
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Wer hat gestern die Revolution gemacht? Die Proletarier oder die 5. Legion?
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Verloren!!!
zwei Pferde der Bürgerkavallerie! Der redliche Finder erhält Futtervergütung.
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Da das Theater geschlossen, wäre es wünschenswerth, daß die Bürgerwehr auch ferner für Abendunterhaltung sorgte.
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Heute Abend abermals Trommel-Konzert der 5. Legion.
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Hat der Bannerführer mit der Bierbasstimme noch keinen Orden bekommen? Da er so freundlich ist, jeden Abend einen 8/4tels Takt blasen zu lassen.
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Ein Mädchen, welches die Küche, so wie sein Nähen versteht, und mehrjährige gute Zeugnisse hat, sucht Dienst als Köchin oder zweite Magd. Bescheid gr. Neugasse 18.
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Bürgerwehr der Stadt Köln.
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