[0167]
Neue Rheinische Zeitung.
Organ der Demokratie.
No. 34. Köln, Dienstag 4. Juli 1848.
@typejExpedition
@facs0167
Die „Neue Rheinische Zeitung“ erscheint vom 1. Juni an täglich. Bestellungen für das nächste Quartal, Juli bis September, wolle man baldigst machen.
Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an.
Für Frankreich übernehmen Abonnements Herr G. A. Alexandre, Nr. 28, Brandgasse in Straßburg, und 23, rue Notre Dame de Nazareth in Paris; so wie das königliche Ober-Post-Amt in Aachen. Für England die HH. J. J. Ewer & Comp. 72, Newgate Street in London. Für Belgien und Holland die respekt. königlichen Briefpost-Aemter und das Postbüreau zu Lüttich.
Abonnementspreis in Köln vierteljährlich 1 Thlr. 15 Sgr., in allen übrigen Orten Preußens 2 Thlr. 3 Sgr. 9 Pf. Außerhalb Preußens mit Zuschlag des fremden Zeitungsportos. Inserate: die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.
Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen der Zeitung die weiteste Verbreitung.
Amtliche Nachrichten.
Se. Maj. der König haben Allergnädigst geruht: An Stelle des abgegangenen Polizei-Präsidenten v. Minutoli den bisherigen Landrath bernkasteler Kreises, Heinrich Moritz Albert v. Bardeleben zum Polizei-Präsidenten von Berlin zu ernennen.
Deutschland.
@xml:id#ar034_001_c
@typejArticle
@facs0167
Edition: [Friedrich Engels: Vereinbarungsdebatten vom 26. Juni 1848. In: MEGA2 I/7. S. 244.]
[**] Köln, 2. Juli.
Nach der Tragödie die Idylle,
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
@xml:id#ar034_002_c
@typejArticle
@facs0167
Edition: [Karl Marx/Friedrich Engels: Verhaftungen. In: MEGA2 I/7. S. 250.]
[*] Köln, 3. Juli.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
@xml:id#ar034_003
@typejArticle
@facs0167
[19] Frankfurt, 30. Juni.
Als Nachtrag zu den Debatten über die provisorische Centralgewalt, theile ich Ihnen in kurzer Uebersicht folgende Stimmzettel der rheinischen und westphälischen Abgeordneten mit. Die Wähler mögen sich daraus selbst ein Urtheil bilden, in wie weit die Stimmen derselben wirklich die Ueberzeugung und den Willen ihrer Abordner „vertreten“ haben.
Bei der Frage, ob die provisorische Centralgewalt auch die Beschlüsse der Nationalversammlung zu verkünden und zu vollziehen habe, handelte es sich darum, ob die Nationalversammlung überhaupt noch „Beschlüsse“ fassen sollte, oder ob das einfache Veto der Centralgewalt den Willen der Nation und ihrer Vertreter umstoßen darf. Für das Recht der Nationalversammlung stimmten in allen Banken, selbst bekannte Herren der Rechten und der Centren, wie von Auersperg, Biedermann, Minister Lindenau, Leue, Mittermaier, Fürst Waldburg-Zeil-Trauchburg. Dagegen, also für die vollständige Entäußerung der Volkssouverainität an die fürstliche Centralgewalt stimmten von Rheinländern und Westphalen:
Adams aus Coblenz, Arndt aus Bonn, Beckerath, Blömer, Braun aus Bonn, Bresgen aus Ahrweiler, Dahlmann, Deiters, Ebmeier, Flottwell, Hülsmann, Knoodt, Melchers, Bischof Müller, Pagenstecher, Reichensperger, Schlüter, Scholten, Schreiber, Smets, Stedtmann aus Coblenz, Versen, Vincke.
Es folgte die Frage, ob die Centralgewalt bei Beschlüssen über Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten sich des Einverständnisses der Nationalversammlung zu versichern habe. Diese Frage ist bejaht worden, da auch viele Mitglieder der Rechten dafür stimmen, wie Andrian aus Wien, Beckerath, Dahlmann, Knoodt, Mevissen, Raumer, Saucken-Tarputschen und Fürst Walburg-Zeil-Trauchburg. Bei der Abstimmung haben dagegen von Rheinländern und Westphalen auf Nein geantwortet, und also auch hier für vollständige Entäußerung der Volkssouveränität an die fürstliche Centraldiktatur gestimmt:
Adams aus Coblenz, Arndt, Blömer, Böcking aus Trarbach, Deiters, Ebmeier, Flottwell, Hülsmann, Bischof Müller, Schlüter, Schreiber von Bielefeld, Versen, Vincke.
Bei der Frage, ob die provisorische Centralgewalt einem Präsidenten oder einem Reichsverweser übertragen werden solle, stimmten für die Wahl eines Präsidenten wiederum zahlreiche Mitglieder der Rechten und der Centren, wie v. Auersperg, Biederman, Oberst v. Blumröder, Hildebrand von Marburg, Fürst Waldburg-Zeil-Trauchburg, und sogar der Hofrath und Bundestagstagsgesandte Welcker. Für einen Reichsverweser, den provisorischen Uebergang zu einem erblichen Kaiser, dessen Diktatur die vollständige Entäußerung der Volkssouverainität bedingt, stimmten von Rheinländern und Westphalen:
Adams aus Coblenz, Arndt, Beckerath, Blömer, Bresgen, Breuning von Aachen, Breusing, Bürgers, Clemens aus Bonn, Compes, Dahlmann, Deiters, Dieringer, Ebmeier, Flottwell, Hülsmann, Junckmann, Knoodt, Melchers, Mevissen, Bischof Müller, Reichensperger, Schlüter, Scholten, Schreiber, Smets, Stedtmann aus Coblenz, Versen, v. Vincke, Werner aus Coblenz, Widenmann, Ziegert.
Ueberall also finden wir in den ersten Reihen der Reaktion den alten deutschen Freiheitssänger und Nationalfranzosenfresser Arndt, den schönrednerischen Banquier Beckerath, die Liberalen des „gestrigen Abends“ Stedtmann, Mevissen, Compes, und den Kern des volksfreundlichen Ultramontanismus und juristischen Ka- [0168] maschendienstes, Adams und Reichensperger nebst Consorten. Der „freie deutsche Rhein“ wird unter dem Schutz solcher Männer keinen Einfall der Russen zu fürchten haben.
@xml:id#ar034_004
@typejArticle
@facs0168
[S] Frankfurt, 1. Juli.
Ueber den Inhalt der heutigen Debatten schwiege ich lieber. Der alte E. M. Arndt gab redselige Mittheilungen aus seinem Leben und wäre ein liebenswürdiger alter Schwätzer gewesen, hätte er nicht auf der Rednerbühne der Paulskirche gestanden. Ueber die Wahl des Abg. für Thiengen geriethen einige Herrn in Hitze. Obgleich die überwiegende Mehrheit daselbst Fr. Hecker gewählt, will ihn die badische Regierung doch nicht über die Gränze zurückkehren lassen, beschuldigt sogar außer ihm die sämmtlichen Urwähler des Hochverraths. Einer nach dem andern betritt die Tribüne, man möge die Sache an den Legitimationsausschuß geben, eine Separat-Kommission mit der Untersuchung beauftragen, die Aktenstücke vorher drucken lassen, die Formalien gehörig ins Auge fassen etc. Der Fürst Lichnowski, der edle Ritter, erklärte, es sei viel zu viel „Ehre“ für einen Hochverräther, wenn eine Separat-Kommission um ihn gewählt werde. Ein Sturm des Unwillens unterbrach seine Worte und rauschte von der Linken empor über die Gallerien. Das fürstliche Bewußtsein, mit den Händen in der Hose, schwieg großartig, nur als der Abg. Zitz entgegnete, Hecker sei kein Hochverräther, wie der Fürst Lichnowski behaupte, da er nur gegen Fürstenwillkühr, nicht gegen die Volkssouveränität in den Waffen gestanden habe, empörte sich der moderne Carabella und sandte dem Bürger Zitz seine ‒ Karte. Durch den Berliner Abg. Nauwerk wurde der Streit von dem rechten Gesichtspunkte beleuchtet, die Entscheidung sei wichtig genug, um einer besondern Kommission übergeben zu werden, die Wahlfreiheit des deutschen Volkes dürfe nicht durch das Ermessen einer Separatregierung in Frage gestellt werden und übrigens sei auch durch eine faktische Revolution in ganz Deutschland der Begriff des Wortes „Hochverrath“ faktisch ein anderer geworden. W. Jordan erklärte sich mit ihm einverstanden, Lichnowski sei voreilig gewesen. Hr. Lichtfreund Schwetschke benutzte die Gelegenheit, mit dem Herrn Fürsten übereinzustimmen, um vor allen Augen kräftiglichst die Rechte des Fürsten drücken zu können. Viele lächelten über diesen schwachen Versuch. ‒ Die folgende Debatte über die slawische Frage wurde in bekannter Weise breitgetreten statt gelöst zu werden. Wir bemerken nur, daß Hr. Giskra, um ein großer Redner zu sein, nicht so vieler Worte bedurft hätte. Hartmann beantragte am Schluß, Ungarn möge wegen seiner Vorpostenstellung gegen Rußland der Exekutiv-Centralgewalt besonders empfohlen werden. Mag es. Diese Empfehlung wird Ungarn eben so wenig retten, wie das ganze Parlament Deutschland.
@xml:id#ar034_005
@typejArticle
@facs0168
[103] Berlin, 1. Juli.
Der demokratische Klub will folgende Petition, welche bereits mit vielen tausend Unterschriften versehen ist, an die Vereinbarer-Versammlung abgehen lassen.
Hohe Versammlung! Die Unterzeichneten, in Erwägung: daß trotz des 19. Märzes häufig, namentlich in neuerer Zeit, Verhaftungen vorgekommen sind, ohne daß gegen die Angeklagten eine bestimmte Anklage vorlag; in Erwägung, daß Staatsbürger sechs Wochen und länger in Haft gehalten wurden, ohne daß gegen sie eine bestimmte Anklage erhoben wurde: ersuchen Eine hohe Versammlung, dieselbe möge schleunigst eine provisorische Habeas-Corpus-Akte erlassen, des Inhalts, daß kein Staatsbürger anders verhaftet werden darf, als wenn eine bestimmte Anklage gegen ihn vorliegt.
In Folge des Beschlusses der Plenarversammlung vom 26. Juni, daß der Adreßentwurf an die Adreßkommission zurückzuweisen sei, sind dieser Kommission vom Staatsministerium verschiedene Erklärungen, namentlich in Betreff der äußern Politik, gegeben worden. Dessenungeachtet hat die Kommission einstimmig beschlossen, einer hohen Versammlung vorzuschlagen: „von der Berathung einer Adresse abzustehen.“ Die Umstände, unter denen gegenwärtig in dieselbe eingetreten werden würde, sind wesentlich verschieden von denen, unter welchen früher der Erlaß einer Adresse beliebt wurde. Das vorige Kabinet wollte die Erlassung einer Adresse, um das Urtheil der Versammlung über seine Verwaltung zu vernehmen; es wollte in der Adreßdebatte die Prinzipien entwickeln, von denen aus es die Geschäfte geleitet hatte. Für das gegenwärtige Ministerium liegt ein solches Bedürfniß nicht vor. Seine Verwaltung hat so eben erst begonnen, die Versammlung hat daher ein Vergangenes nicht zu beurtheilen.
Wie das neue Ministerium die Geschäfte leitet, das wird die Versammlung beurtheilen können aus den Vorlagen, die derselben in Aussicht gestellt sind. Auf die bloße Ankündigung derselben bei einer Adreßdebatte Rücksicht zu nehmen, scheint weder an und für sich thunlich noch nothwendig, wenn die Berathung der Vorlagen, selbst in kürzester Frist, bevorsteht, noch angemessen in Erwiderung auf eine Thronrede, welche von dem gegenwärtigen Ministerio nicht abgefaßt ist. ‒ Diesen Gründen wird wohl auch die Mehrheit der Versammlung beistimmen; wie wird sich aber das Ministerium alsdann aus der Klemme herausziehen, da es doch durchaus auf einer Adreßdebatte bestand? Es wird schwerlich diesmal eine Kabinetsfrage daraus machen, das wäre zu gefährlich.
In der heutigen Sitzung nahm die Vereinbarungsversammlung den Antrag des Abgeordneten Windhorft fast einstimmig an, „daß diejenigen Abgeordnete, welche einen besoldeten Staatsdienst oder eine Beförderung auf eine höhere Stelle annehmen, sich einer Neuwahl unterwerfen müssen.“ ‒ Der Antragsteller hatte seinen Antrag sehr gut motivirt und hob besonders hervor, daß die Versammlung namentlich dazu gewählt sei, um eine freie Verfassung zu entwerfen, daß die Wähler glauben, frcie Männer gewählt zu haben, welche aber durch die Annahme eines besoldeten Amtes oder einer Beförderung nicht mehr für frei und ungebunden anzusehen seien. Deshalb erfordere es die Nothwendigkeit, daß sich solche Abgeordnete einer Neuwahl unterwerfen, um zu sehen, ob sie das Vertrauen ihrer Wähler noch besitzen.
Vor dem Sitzungssaale der Versammlung, der Sing-Akademie, waren heute viele hundert Arbeiter versammelt, welche vorgestern von ihren Arbeiten entlassen worden und nun beschäftigungslos den Minister des Handels und der Arbeiten abwarteten, um Beschäftigung von ihm zu erbitten. Der Minister wurde darüber in heutiger Sitzung interpellirt und erklärte: Bei den Arbeiten zur Herstellung eines Kanals zwischen Berlin und Spandau, am Plötzensee, haben sich seit einigen Wochen viele Arbeiter, über die ursprünglich festgestellte Anzahl von 1600 bis 1800, hinzugedrängt. Die Arbeiten sind dort zweierlei. Erstens die Ausgrabung des Bettes zum Kanal, welche den Arbeitern in Akkord gegeben wird, wobei über 1400 beschäftigt sind, welche einen besondern Arbeiterverein gebildet und bisher 18, 20-24 Silbergroschen täglich verdient haben. ‒ Zweitens bestehen die Arbeiten in Ausrodungen von Bäumen, wofür ein Tagelohn von 15 Silbergroschen gezahlt wurde. Diese Tagelohn-Arbeiter schritten aber langsam vorwärts, und die Arbeiter leisteten so wenig, daß man diesem Unfug steuern mußte, denn man kann die Gelder des Staats nicht auf solche Weise vergeuden. Es wurde daher beschlossen, diesen 1200 Tagelohn-Arbeitern ihre bisherigen Arbeiten zu kündigen, den Verheiratheten davon freizustellen, in den Verein der Akkordarbeiter einzutreten, die jungen und ledigen Arbeiter aber zu den Arbeiten nach der Ostbahn zu senden, da sie nicht alle am Kanalbau beschäftigt werden könnten. Noch bevor den Arbeitern dieser Beschluß publicirt wurde, mußten sie davon auf anderm Wege Nachricht erhalten haben. Da sie nun die Schuld ihrer Entlassung dem Aufseher zuschrieben, so mißhandelten sie denselben, und geriethen mit den Akkordarbeitern in Streit. ‒ Das Staatsministerium kann übrigens nicht anerkennen, daß es verpflichtet sei, für alle Arbeitslosen in den großen Städten zu sorgen, indem dies vielmehr den Kommunalbehörden zusteht, da die Staatsgelder nicht allein für die Arbeiter in den Städten ausgegeben werden können.
Der Abgeordnete Rehnsch, dessen Wahl für ungültig wurde, ist in seinem Kreise Neu-Stettin, Regierungsbezirk Küstrin, zum zweiten Mal gewählt worden. Er gehört zur demokratischen Partei und deshalb wurde vom Wahlkommissarius, dem dortigen Landrath, gegen seine Wahl bedeutend agitirt. Dieser Landrath schlug sogar mit seinem, mit Eisen beschlagenen Stock auf Hrn. Rehnsch, welcher nun in heutiger Versammlung das ganze reaktionäre Verfahren des Landraths, den er auch des versuchten Todtschlags beschuldigt, mittheilte. Der Justiz-Minister verspricht die Untersuchung einzuleiten. Es ist derselbe Landrath, welcher in der von ihm geleiteten Schullehrer-Konferenz, die Aeßerung machte, daß es in der Berliner Versammlung eine anarchische Partei gäbe, die man mit Kartätschen niederschießen müsse.
Unter dem Vorsitz solcher Landräthe mußten sich die preußischen Volks-Schullehrer im ganzen Lande versammeln, um ihre Wünsche zu erkennen zu geben. Da nun heute der Antrag gestellt wurde, daß, da die Lehrer unter dem Vorsitz der Landräthe und geistlichen Schulinspektoren ihre Gesinnungen und Wünsche nicht frei aussprechen könnten, die Kreisversammlungen der Lehrer ohne alle Bevormundung nochmals stattfinden sollte, erklärte sich der neue Kultus-Minister Rodbertus dagegen und billigte die Anordnungen seines Vorgängers. Der Antrag fiel auch wirklich durch.
Man sieht hier jetzt täglich dem Friedensabschluß mit Dänemark entgegen. An eine Abschaffung des Sundzolls, dieses mittelalterlichen Ueberrestes des Raubstaatensystems, ist nicht zu denken. Unsere Ostseehäfen werden noch ferner unter diesem Drucke leiden müssen. Das starke Preußen muß dem kleinen Dänemark jährlich Millionen Tribut entrichten; dies Dänemark sperrt seit Monaten unsere Häfen und dabei thut das Ministerium nichts: es zieht sogar die Truppen von Jütland aus „strategischen“ Rücksichten zurück. Die Folgen einer solchen Politik liegen auf der Hand.
@xml:id#ar034_006
@typejArticle
@facs0168
Berlin, 2. Juli.
Die Sache wird gut. Kaum, daß Hr. Monecke verurtheilt ist, oder vielmehr noch vorher, wird schon ein Anderer unter ähnlicher Anschuldigung eingekerkert. Heute früh um 7 Uhr ist Hr. Fernbach früher Student in Heidelberg, wie wir hören, wegen des ihm zugeschriebenen republikanischen Katechismus, in seiner Wohnung verhaftet, 500 daselbst vorgefundene Exemplare dieser Flugschrift eingezogen, und er selbst nach der Stadtvogtei gebracht worden.
[(B. Z. H.)]
@xml:id#ar034_007
@typejArticle
@facs0168
[*] Berlin, 1. Juli.
Die Polizei des Hrn. Bardeleben hat das öffentliche Feilhalten von Schnaps und Viktualien verboten, wie es heißt, um dadurch „Zusammenrottirungen“ vor der Singakademie zu verhindern. Die s. g. Revolution ist demnach auf ihre wahre Bedeutung zurückgeführt; es ist offenbar, daß die „Zusammenrottungen“ des Volks lediglich den Zweck hatten, auf offner Straße statt in dumpfigen Kellern Schnaps zu trinken, und die Einsicht der Polizei hat durch diese Maßregel alle bedenklichen „Menschenanhäufungen“ für die Zukunft zerstreut. Den Bürgern, welche den Posten an der „Neuen Börse“ beziehen, ist der Auftrag ertheilt, die menschenanhäufenden Marketenderinnen zu verjagen. Bereits haben hier und in Spandau wegen dieser Maßregel kolossale Prügeleien stattgefunden.
@xml:id#ar034_008
@typejArticle
@facs0168
Berlin, 1. Juli.
Die Kommission zur Ausarbeitung des Verfassungsentwurfs hat in Betreff der Presse den Beschluß gefaßt, daß dieselbe künftig unter dem allgemeinen Gesetz, also Preßvergehen unter den gewöhnlichen strafrechtlichen Bestimmungen stehen sollten. Da dies aber eine besondere Berücksichtigung im Strafrecht nöthig macht, so soll bis zu der bevorstehenden Revision desselben ein transitorisches Preßgesetz erlassen werden. Mit der Ausarbeitung desselben ist der Abg. Geh. Finanzrath Hesse beauftragt, derselbe, der schon früher mit der Preßgesetzgebung viel beschäftigt war und ein bekanntes Werk darüber schrieb.
[(Voss. Ztg.)]
@xml:id#ar034_009
@typejArticle
@facs0168
‒ Nachfolgenden Artikel hat die Redaktion der Vossischen Zeitung auch gegen Insertionsgebühren nicht annehmen wollen:
Die Gazeta Polska Nr. 76 enthält Folgendes: In dem, dem Hrn. Mosczenski gehörigen, im Wongrowiecer Kreise belegenen Dorfe Stempuchowo wurde das Wohnhaus des benannten Herrn dreimal geplündert, auf fliehende Menschen geschossen, Mehrere geprügelt, Alles, was irgend von Werth war, geraubt und endlich, da nichts mehr zu rauben war ‒ Frauen geschändet. ‒ So ergriff man ein 17jähriges, unschuldiges Mädchen, Marianna Sagodzinska, und während dieselbe von 4 Soldaten festgehalten wurde, befriedigten andere sieben an ihr der Reihe nach ihre thierische Lust! ‒ Der hinzugekommene Offizier, welcher die Arme blutbefleckt sah, gab ihr, um sie zu beruhigen, einen Thaler (!), sie warf ihn natürlich dem Offizier in's Gesicht, die Welt verfluchend. ‒ In Folge dieser mehr wie thierischen Behandlung ist das arme Opfer erkrankt. Zeugen des Vorfalls waren: der Wirth Joseph Galewicz und der Vogt Andreas Lipinski, die die Wahrheit des Erzählten eidlich bestätigen können. ‒ Obigen Vorfall bestätigt außerdem noch ein anderer Brief, unter Namhaftmachung mehrerer Zeugen.
@xml:id#ar034_010
@typejArticle
@facs0168
[27] Breslau, 30. Juni.
Mehrere Soldaten des 10. Infant. Reg. hatten vor mehreren Wochen in der hiesigen Oderzeitung erklärt: Sie könnten Addressen, welche die Offiziere fertig in der Tasche auf den Appel brächten, nicht unterschreiben, wie andere Regimenter es thun, da ihnen ja das Versammlungsrecht entzogen sei. Sie wüßten ebenfalls was ihre Pflicht sei, sie wüßten aber auch, daß sie aus dem Volke stammen.
Auf diesen Artikel hin ließ der Lieut. Baron von Kottwitz die in Breslau befindlichen Soldaten des 10. Regiments darauf vereidigen, daß sie jene Erklärung nicht abgegeben hätten, sondern daß sie die Erklärung der andern Regimenter billigten. Dieses Faktum wurde dem Deputirten Nees v. Esenbeck zur Interpellation an den Kriegsminister mitgetheilt. Auf seine am 2. d. M. in sehr energischen Worten gestellte schriftliche Anfrage erhielt er am 22. d. M. vom Kriegsminister v. Schreckenstein folgendes Rescript:
„Daß auf Grund einer Requisition des Kommandeurs des 10. Infanterie Regiments, Obersten Kunkel v. Löwenstein, der untersuchungsführende Offizier des 11. Infanterie Regiments, Lieutn. Baron v. Kottwitz beauftragt worden ist, die in Breslau als kommandirt und krank zurückgebliebnen Mannschaften des Regiments darüber protokollarisch zu vernehmen,
ob der anliegende Zeitungsartikel wirklich von Soldaten des 10. Infanterie Regiments ausgegangen sei, und, wenn dieß der Fall gewesen, ob die Vorgesetzten darum gewußt haben.
Der v. Kottwitz hat sich indeß in Folge einer unrichtigen Auffassung des ihm ertheilten Auftrages nicht darauf beschränkt, die Antworten der Mannschaften auf jene Frage zu Protokoll zu nehmen, sondern die Vernommenen auch über ihre Zustimmung zu der Adresse des 11. Inf. Reg. befragt und dieselben sodann auf ihre Erklärungen vereidigt.
Diese Ueberschreitung des dem v. Kottwitz ertheilten Auftrages kann ich nur mißbilligen und habe deshalb das königl. General Kommando des 6. Armee Corps ersucht, bei der competenten Behörde die Bestrafung des v. Kottwitz zu veranlassen.
Ich selbst aber habe weder die Einleitung einer Untersuchung noch die disziplinarische Bestrafung dieses Offiziers anordnen können, weil dies nach den bestehenden Gesetzen nicht zu meinen Befugnissen gehört.“
@xml:id#ar034_011
@typejArticle
@facs0168
[**] Breslau, 29. Juni.
Binnen 4 Wochen sollen die unbeschäftigten Arbeiter aus unserer Stadt entfernt werden. Wohin? Das weiß man nicht. Ob und wie man sie etwa in der hiesigen oder in einer andern Provinz zu beschäftigen gedenkt; darüber verlautet eben so wenig. Wird die Maaßregel ausgeführt, so wird sie große Erbitterung und Aufregung zur Folge haben. Im demokratischen Klub giebt es jetzt lebhafte Debatten. Es handelt sich um ein Manifest an die slavischen Völkerstämme, in welchem die gleiche Berechtigung der deutschen wie der Slaven ausgesprochen werden soll. Die Demokraten beabsichtigen damit zu gleicher Zeit, den unaufhörlich von den Reaktionärs gegen die Czechen und Polen verbreiteten Lügen und Verleumdungen und der unablässigen Hetzerei entgegen zu treten. Die Beschlußnahme ist auf nächste Sitzung vertagt. Es ist erfreulich, wie zahlreich auch Damen an den Verhandlungen des Klubs die oft bis spät in die Nacht hinein dauern, mit gespannter Aufmerksamkeit Theil nehmen. In Oberschlesien macht die Demokratie unerwartete Fortschritte. Der konstitutionelle Central-Verein strengt sich vergeblich an, durch Austheilung von Kartoffeln Propaganda zu machen. Am 15. d. M. tritt ein Kongreß von Abgeordneten sämmtlicher Demokraten Schlesiens zusammen, um die Parthei fest zu organisiren.
@xml:id#ar034_012
@typejArticle
@facs0168
[*] Königsberg, 27. Juni.
Der hiesige Arbeiterverein, der täglich an Zahl wächst, verhandelte gestern den Antrag: es möge sich der Verein bewaffnen und ein abgesondertes fliegendes Korps bilden. Die Beschlußnahme darüber wurde auf die nächste Sitzung vertagt. Es machten sich dann von allen Seiten Klagen laut, daß das königl. Haus so wenig zur freiwilligen Staatsanleihe beigesteuert. Das Land, meinte man, habe mit Recht erwarten dürfen, daß der hohe Patriotismus der königl. Prinzen einige Millionen baar und nächstdem ihr sämmtliches Silbergeschirr auf den Altar des Vaterlandes niederlegen würden. Auch wurde ein Antrag an Stadtverordnete und Magistrat auf Abschaffung der jetzt ganz unnützen und müßigen königlichen Polizei und Einrichtung einer rein städtischen beschlossen.
@xml:id#ar034_013
@typejArticle
@facs0168
[X] Aus dem schlesischen Mittelgebirge, 28. Juni.
I den jüngsten Tagen hat der Oberpräsident der Provinz, Herr Pinder, eine Inspektionsreise durch unsere Gebirgskreise gemacht, wo in Wiese, Feld und Wald der Segen der Natur in reichster Fülle prangt, in den zahlreichen Weberhütten an den kargen Berglehnen aber der nachhaltige Fluch des alten Systems sich in der erschreckendsten Elendsfülle offenbart. Der Oberpräsident hat die leeren Webstühle, die reinlichen leeren Schüsseln, die nackten großen Kinder gesehen, denen ihr einziges Hemde gewaschen wurde. Er hat endlich die hohläugigen verhungerten Männer und Weiber dieses geistig und leiblich verkommenen Webergeschlechts selbst kennen gelernt, die vorzugsweise die Kreuzträger unserer verrotteten gewerblichen Zustände, die Sündenböcke des alten selbstsüchtigen Verwaltungssystems geworden sind, wobei kein anderes Prinzip als das der Steuererhebung mit eiserner Konsequenz und göttlicher Sorglosigkeit befolgt wurde. Pinder hat versichert, daß eine Kommission diese tiefgewurzelten Elendszustände zu untersuchen bereits beauftragt sei und die Seehandlung ausländische längst verlorene Absatzmärkte für die schlesischen Leinenwaaren wieder zu gewinnen suchen werde, wie es bei dem Ministerio Hansemann und Patow durch eine Weberdeputation vor einigen Wochen beantragt worden. Die längst versprochene Hülfe wird „in Aussicht gestellt.“ In den Fabrikdörfern am Eulengebirge ist die Hungerpest ausgebrochen.
@xml:id#ar034_014
@typejArticle
@facs0168
[19] Mannheim, 28. Juni.
Ueber die Behandlung der verhafteten Freischärler in dem Zellengefängniß zu Bruchsal vernimmt man fortwährend die lautesten Klagen. Die Gefangenen liegen in kleinen, dumpfigen Zellen, deren Athmosphäre in der nachtheiligsten Weise auf ihre Gesundheit wirkt; bereits zählt man eine Menge Kranke, darunter besonders an der Brust Leidende. Zu freier Bewegung vergönnt man ihnen alle 1 oder 2 Tage zehn Minuten lang im Hofe spazieren zu gehen. Die Kost ist über alle Maßen dürftig zugemessen, und mitunter so ekelhaft, daß selbst die Hungrigsten dieselbe nicht berühren. Hr. v. Bornstedt, den man für den Fall einer nochmaligen öffentlichen Erklärung über seine Behandlung mit Entziehung von Schreibmaterialien und Einsperrung in eine dunkle Strafzelle (Cachot) bedrohte, veröffentlicht in der hiesigen Abendzeitung weitere Beschwerden, und klagt namentlich, daß die Gefangenen, die kein Geld besitzen, nicht einmal ein Reinigungsbad erhalten, was doch in allen „wohlorganisirten Gefängnissen“ gleich beim Eintritt geschehe. Alles Geld, welches für die Gefangenen ankömmt, bleibt bei der Verwaltung deponirt, und es währt oft 3 bis 4 Tage, bis sie Auszahlungen für die nothwendigsten Bedürfnisse erhalten. Beim Spaziergang ist es den Gefangenen streng untersagt, sich miteinander zu unterhalten; Besuche werden nur ausnahmsweise und höchst spärlich zugelassen, dagegen aber erlaubt die Gefängnißverwaltung einer Menge von Beamten, Offizieren, Fähndrichs u. s. w. mit Weibern und Kindern den Einlaß, um die Gefangenen beim Spaziergang gleich einer interessanten Menagerie zu besichtigen, und ihre Glossen dazu zu machen. ‒ Unter den Gefangenen selbst befinden sich zahlreiche Familienväter, Geschäftsleute, Bauern, Arbeiter, Advokaten, deren Verhältnisse durch die lange Haft gänzlich ruinirt werden, und die man trotz aller Reklamationen weder verhört noch in Freiheit setzt. Wo ist nun die Versicherung des Ministers Bekk geblieben, der in der Mitte des vorigen Monats in der Kammer erklärte, daß alle die, welche nicht Anführer oder besonders gravirt seien, alsbald aus der Untersuchungshaft entlassen werden sollten? Aber die christlich-germanische Staatspolizei kann kein besseres Mittel zur Vernichtung der „Mißliebigen“ und „Rebellen“ finden, als dieselben in die Käfige der Gerechtigkeit zu sperren, bis ihre Körperkräfte gebrochen und ihre Familien an den Bettelstab gebracht sind!
@xml:id#ar034_015
@typejArticle
@facs0168
Ulm, 28. Juni.
Unsere heutige „Schnellpost“ berichtet: ‒ Herr Schiffterling hatte auf gestern Abend in die Wirthschaft „zum Schiff“ eine Versammlung ausgeschrieben, in welcher im Beisein des Polizei-Kommissärs und Oberamtsaktuars die Gründung eines demokratischen Vereins in größter Ruhe und Ordnung besprochen wurde. Die Versammlung war kaum beendet und man wollte eben zu der Unterzeichnung schreiten, als eine Anzahl Cavalleristen, (wie man sagt Unteroffiziere), in den Saal stürzte und ohne alle Veranlassung mit scharfer Waffe über die Anwesenden herfiel. Die wehrlosen Bürger mußten aus den Fenstern flüchten, aber auch außerhalb des Gebäudes wurden sie wieder überfallen und Viele mehr oder weniger bedeutend verwundet. Der Bäcker Haag, Sohn, welchem durch einen Hieb der Schädel zerhauen wurde, liegt ohne Hoffnung darnieder. Die blinde Wuth, mit welcher die wilde Horde in dem Saal gehaust und unter den Anwesenden gemetzelt, steht beinahe ohne Beispiel da.
@xml:id#ar034_016
@typejArticle
@facs0168
[*] Dresden, 28. Juni.
Heute begann in der 2. Kammer die Berathung des Wahlgesetzes. Der Kommissionsantrag stellt den Satz auf: „ohne Einkammersystem keine wahre Volksvertretung.
@xml:id#ar034_017
@typejArticle
@facs0168
[*] Kassel, 30. Juni.
In der Kammer stellte gestern Hr. Bredemeier die Frage, ob der seit der Revolution verschwundene Staatsrath Scheffer seine Entlassung erhalten habe oder sein Gehalt fortbeziehe. Der Landtagskommissar erwiederte, daß er von einer Entlassung Scheffer's „nichts wisse“; und daß Scheffer seinen Gehalt fortwährend erhalte. Einige Mitglieder wollten wissen, ob Hr. Scheffer, der bekanntlich in Betten versteckt aus Kassel entfloh, mit oder ohne Urlaub sich entfernt habe, und verlangten, daß im letztern Fall die Gehaltsauszahlung aufhöre; Herr Henkel aber bat die Versammlung den Gegenstand mit Stillschweigen zu übergehen, und die Kammer sprach sich für die Bemerkung Pfeiffers aus: „Man möge in Gottes Namen Hrn. Scheffer seinen Gehalt im Ausland verzehren lassen.“ ‒ In der heutigen Sitzung diskutirte die Kammer die Frage wegen Verfolgung der Civilansprüche des Staats gegen den früheren Finanzministers Motz, wobei vornehmlich das mit Rothschild negocirte Lotterieanlehen zur Sprache kam. Der Ausschuß hatte die Ansicht ausgesprochen, daß eine kriminalrechtliche Verfolgung durch das Amnestiegesetz abgeschnitten sei und der Civilrechtsweg ohne Erfolg sein würde, weshalb man diese „traurige Geschichte“ der Vergessenheit anheim geben solle. Die Versammlung beschloß jedoch auf den Antrag Lederers, den Rechtsausschuß mit einer Begutachtung zu beauftragen.
@xml:id#ar034_018
@typejArticle
@facs0168
Hamburg, 28. Juni.
Als ich am letzten Sonntag, 25. J [#], per Eisenbahn von Hannover nach Harburg fuhr, traf ich im Waggon mit einem reisenden Handwerker zusammen, dessen Na- [0169] men ich vorläufig verschweige und der mir allen Ernstes erzählte daß ihm das Wandern in die Schweiz verboten sei. Ich glaubte anfänglich, einen Menschen vor mir zu haben, der von dem Sturm der Revolution nichts verspürt und in Gedanken noch auf dem alten Rechtsboden stehe. Als ich ihm dies jedoch zu verstehen gab, holte er sein Wanderbuch hervor, und, wie groß war mein Erstaunen, da ich in demselben Folgendes las:
Im Auftrage Königl. Hochlöbl. Regierung hier ausgefertigt. Dem Inhaber ist das Auswandern nach der Schweiz und der Aufenthalt in derselben bei Vermeidung einer Gefängnißstrafe bis zu 6 Wochen, oder einer Geldbuße bis zu 50 Thlrn. untersagt. Magdeburg, den 23. Juni 1848.
Bodelschwingh.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen und war genöthigt, um mich von der Wirklichkeit zu überzeugen, das Ding noch einmal zu lesen; darauf schrieb ich es buchstäblich ab, und doch vermochte ich noch nicht, es zu glauben und ich sah mir noch ein paar Mal das Datum genau an; aber es half nichts, es blieb dabei: diese Verfügung war ganz neu gebacken, vom 23. Juni, im ersten Jahre der Freiheit, und hatte somit für den Träger volle Gültigkeit.
Die Entwaffnung der aus Holstein rückkehrenden Freischärler, die Preßprozesse, die Beschränkung des Wanderrechtes ‒ o, der edeln Früchte unserer Revolution! o, der herrlichen Freiheit, die ihr uns erkämpft habt, ihr Begrabenen im Friedrichshaine! Nun, wir haben ja verantwortliche Minister. Nur Schade, daß wir kein Volk haben, das sie zur Verantwortung zu ziehen versteht. Wie heißt es in der Schrift? „Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen!“
[(B. Z.-H.)]
@xml:id#ar034_019
@typejArticle
@facs0169
Von der Schlei, 28. Juni.
Die Bundeskontingente des 10. Armeekorps ziehen seit der vorigen Woche nach dem Norden durch unsere Stadt. Mecklenburger meherer Waffengattungen, Braunschweiger mit dem Liede Schleswig-Holstein meerumschlungen, zogen in Schleswig ein und verließen es eben so wieder. Am Sonntag Abend traf plötzlich Marschordre an das hier seit 4 Wochen garnisonirende dritte schleswig-holsteinische Linienbataillon ein, das uns am Montag Morgen verließ. Am Nachmittage begrüßten uns sofort die Hanseaten, die, nachdem sie mehrere Wochen in Rendsburg gelegen, den lebendigen Wunsch geäußert haben sollen, an dem bevorstehenden Kampfe mit Theil zu nehmen. Heute trifft die Division des Generals Bonin in Apenrade ein, das von den Freischaaren nach Hadersleben hin überall aufs Vortrefflichste barrikadirt ist. Wir können also jetzt mit Gewißheit den ernsten kriegerischen Ereignissen in den nächsten Tagen entgegensehen, da die Dänen hinter Hadersleben mit einer bedeutenden Truppenmacht (17,000 Mann sagt man) feste Position eingenommen haben sollen.
[(Brm. Ztg.)]
@xml:id#ar034_020
@typejArticle
@facs0169
Kiel, 1. Juli.
Wir schweben hier zwischen Krieg und Frieden Gerüchte über beides durchkreuzen sich und wenn man auch mit Gewißheit annehmen darf, daß nach langer, langer Waffenruhe die deutsche Armee endlich vorzurücken anfängt, so fragt es sich doch noch sehr, ob sie diesseits der Königsau noch Feinde treffen und, wo nicht, dieselbe überschreiten wird. Auch die Gerüchte von einer Ministerialveränderung in Kopenhagen lassen eine vorläufige Anknüpfung von Unterhandlungen vermuthen, wenn auch die Persönlichkeit Algreen Ussing's, der an Orla Lehmann's Stelle getreten sein soll, uns noch nicht viel Nachgiebigkeit von dänischer Seite in Aussicht stellt. Das scheint aber gewiß zu sein, daß wenigstens das Herzogthum Lauenburg an dem etwa noch zu hoffenden Ruhm deutscher Waffen keinen Theil haben wird, da das lauenburgische Kontingent den Gehorsam verweigert und nach Rendsburg remittirt ist.
Ein zuverlässiges Schreiben aus Apenrade vom 30. Juni meldet Folgendes: Bei Hadersleben hat eine Rencontre zwischen dem v. d. Tann'schen Corps und dänischen Truppen stattgehabt, worin Letztere geschlagen worden sind. Das v. d. Tann'sche Corps ist am 30. Morgens in Hadersleben eingerückt, die Dänen sind auf dem Marsch nach Fünen.
[(B. H.)]
@xml:id#ar034_021
@typejArticle
@facs0169
Wien.
Das k. k. Hauptzollamt hat eine geheime Korrespondenz zwischen dem Fürsten Metternich in London und einer Reihe hiesiger Aristokraten entdeckt, welche durch Hrn. Herz, Associé des Bankhauses Arnstein und Eskeles, vermittelt ward. Das Hauptzollamt faßte die Sache lediglich als eine Beeinträchtigung des Postgefälls auf und folgte die mit Beschlag belegten Briefe nach Erlegung der Strafgelder unbedenklich aus.
@xml:id#ar034_022
@typejArticle
@facs0169
Prag, 26. Juni.
Ruhig ist es jetzt überall in der Stadt; aber sie ist menschenleer, denn außer dem Adel, der vor dem blutigen Drama floh, sind viele reiche oder bemittelte Familien während und nach demselben geflohen; Gewerbe und Handel stocken. ‒ Auf dem Flachlande soll die Bewegung hier und da außerordentlich sein; in Jungbunzlau ist das Standrecht proklamirt worden und alle Kreischefs haben den Auftrag erhalten, dasselbe bei den geringsten Anlässen in ihren Kreisen zu publiziren. So eben langt aus Schlan die Nachricht ein, daß es dort zu Aufständen gekommen.
[(F. O. Z)]
@xml:id#ar034_023
@typejArticle
@facs0169
Innsbruck, 26. Juni.
Unser Gouverneur hat die Tiroler Akademiker, die von der Wiener Hochschule zur Vertheidigung ihres gefährdeten Vaterlandes herbeieilten, und mit rühmlichen Zeugnissen über ihre bewiesene Tapferkeit und sittliche Haltung nunmehr nach Hause kehrten, durch Präsidialerlaß unter Polizeiaufsicht gestellt. Es werden ihnen darin wühlerische Ideen Schuld gegeben, und außer den politischen Behörden auch die Seelsorger zu ihrer Ueberwachung aufgefordert. „Wühlerisch“ ist ein vom Grafen Brandis öfters beliebter Ausdruck, was dessen Verständniß namhaft erleichtert. So warnte er jüngst unsern schüchternen Tiroler Boten aus Anlaß eines sehr mäßig gehaltenen Aufsatzes über unsern neuen Congreß vor der Aufnahme ähnlicher „wühlerischer Artikel,“ und befahl der Redaktion dagegen eine Erwiederung in reaktionärer Tendenz aufzunehmen. „Wühlerisch“ scheint daher dem Herrn Grafen namentlich das zu sein, was dem Fortschritt, d. i. der Entwickelung des konstitutionellen Systems huldigt, gemäßigt hingegen allenfalls die vom katholischkonstitutionellen Verein, dem auch er angehört, ausgegangene Petition gegen Glaubens- und Kultusfreiheit, wodurch man das Volk gegen die Regierung aufhetzt. Sie sehen Graf Brandis gouvernirt uns noch im besten Geiste Sedlnitzky's, der jeden freisinnigen Menschen als gefährlich überwachen ließ, und das Wohl des Staates durch ein Heer von Auflaurern geborgen hielt, wozu sein würdiger Nachfolger aus besonderer Vorliebe den Klerus erkor. Wenn die Verantwortlichkeit der Beamten im konstitutionellen Oestreich nicht blos leerer Schall ist, dürfte sich der Sicherheitsausschuß in Wien veranlaßt finden, den Gouverneur von Tirol über ein solches Vergehen gegen die Akademiker der Wiener Hochschule zur Rede zu setzen.
@xml:id#ar034_024
@typejArticle
@facs0169
Von der galizischen Grenze, 24. Juni.
Soeben fangen die Abgeordneten zum wiener Reichstag aus der Bukowina und den fernsten Kreisen Galiziens nach Wien durchzureisen an; es sind dies zumeist Bauern in der Kleidung, wie wir solche gewöhnlich an den Ochsentreibern sehen. Ein runder Strohhut mit einem schwarzen Band, ein leinenes Hemd und derlei Hose und über den Rücken eine Gunia, das ist ein brauner grobwollener Ueberwurf. Wie man auf dem Reichstage mit diesen Abgeordneten, die blos polnisch und dazu noch in verschiedenen schwer zu verstehenden Dialecten sprechen, auskommen wird, weiß der Himmel. Doch auch in Schlesien sind die Wahlen nicht sehr entsprechend ausgefallen; die Wähler, zumeist Bauern, da die Städte zu wenig volkreich sind, um eigne Abgeordnete zu wählen, äußerten ganz unumwunden, von Beamten, Adeligen, ja selbst von Städtern nichts wissen zu wollen, und waren überhaupt voll des größten Mißtrauens. Das sind die fürchterlichen Nachwehen der frühern Bedrückungen, der systematisch betriebenen Verknechtung. Von Unterschriften, Protokollen, Patenten wollen die Landleute nichts wissen.
[(D. A. Z.)]
@xml:id#ar034_025
@typejArticle
@facs0169
Aus Mähren.
Zum Präsidenten des mährischen Landtags, der in Brünn seine Sitzungen hält, ist der Magistratsrath Streit, ein noch junger Mann, der nicht allein der slawischen Landessprache und des Deutschen vollkommen mächtig ist, sondern auch eine genaue Kenntniß der Rechts- und politischen Verhältnisse des Landes besitzt, Eigenschaften, welche die Stellung eines mährischen Landtagspräsidenten durchaus erheischt. Außerdem ist Streit slawischer Patriot, und hat am 14. April, als über die Antwort auf die Petition der Prager, betreffend einen vereinigten Landtag Böhmens und Mährens, debattirt wurde, mit dem Grafen Taroucca auf das Ersprießliche einer solchen Vereinigung hingewiesen. Der Landtag soll aus 300 Mitgliedern bestehen, doch fehlen noch mehrere Mitglieder, da an manchen Orten die Wahlen nicht zu Stande kamen, weil man über Hals und Kopf das Wahlgeschäft vornahm. Es befinden sich gegen 80 slawische Landleute unter den Mitgliedern des Landtages. Diese erklärten sich gleich bei Eröffnung des Landtages, gegen das pedantische Formwesen und unnütze Zeitverlieren. Die Robotfrage wird verhandelt. Da giebt es einen harten Kampf zwischen Gutsherrn und Bauern. Letztere wollen Aufhebung der Robot ohne jegliche Entschädigung, die Gutsherrn hingegen wollrn, daß man ihnen eine mäßige Entschädigung gebe. Die Bauern verlangen, daß die Robot mit Anfang Juli aufhöre. Auch auf der Tribüne befanden sich viele Landleute, die den Verhandlungen über die Robot mit vieler Aufmerksamkeit zuhörten. Da die Landleute, des Deutschen unkundig, in ihrer slawischen Muttersprache reden und ihnen auch die deutschen Reden nicht verständlich sind, so nimmt das Verdollmetschen, zumal, da kein tüchtiger Translateur angestellt ist, viel Zeit weg. Im Allgemeinen wird eben so viel Deutsch als Slawisch auf dem Landtage gesprochen.
[(A. O.-Z).]
Französische Republik.
@xml:id#ar034_026
@typejArticle
@facs0169
Paris, 30. Juni.
Daß so viele Bürgerbataillone von außen her nach Paris zusammenströmten, hat hauptsächlich ein Erlaß des Chefs der Vollziehungsgewalt bewirkt, der folgenden Inhalts war: „25. Juni 41/2 Uhr. Die Sache der Ordnung und der Republik triumphirt. Die Ankunft zahlreicher Nationalgarden aus den Departements ist von einem ungeheuren Einfluß gewesen. Der Zuzug in Paris darf in keiner Weise eingehalten werden.“ ‒ So langten denn jetzt noch ohne Unterlaß zahlreiche Abtheilungen Nationalgarden aus allen Theilen von Frankreich an. Man giebt die Zahl derselben, denen heute auf Befehl des Präsidenten der National-Versammlung Rationen ausgetheilt wurden, auf 91,000 an.
‒ Die Opferstöcke, die in fast allen Hauptstraßen für die Verwundeten und die Familien der Gefallenen ‒ aus der Nationalgarde ‒ aufgestellt sind, liefern keinen Ertrag; man schreibt dies der übeln Lage aller Börsen und der Abwesenheit der Reichen zu. (!)
‒ Ein schweres Unglück ist gestern auf dem Konkordiaplatz vorgefallen. Hr. Lemansois-Duprey, Sekretär bei der Quästur der N-.V., kehrte gegen Mitternacht zum Pallast der Gesetzgeber zurück, als auf dem Konkordiaplatz ein Dragoner auf Posten, der auf seinen Zuruf keine Antwort vernahm, seine Waffe auf Lemansois abfeuerte; er ist gefährlich am Schenkel verwundet.
‒ Nach der Einnahme der Barrikade an der Estrapade, wo ein Bataillon Linie und die Nationalgarde so viel Menschen verloren haben, ist Gornet, der ehemalige Maire, Arzt und Freund von Barbes, durch dessen Einfluß er einige Tage lang nach der Februarrevolution an der Spitze der Verwaltung stand, militärisch hingerichtet worden. Gornet hatte die 12. Legion errichtet, ihre Bewaffnung und ihre Wahlen geleitet und war hierin von Bocquet, der seit dem 15. Mai in Vincennes gefangen sitzt, unterstützt worden.
‒ Thoré, der Hauptredakteur der „Vraie Republique“, ist in Verhaft genommen worden.
‒ Fünf Maßregeln, die bereits in Vollzug gesetzt worden, sind von dem Klub der Thiersparthei ausgegangen. Es versteht sich, daß sie durchaus im Sinne der „Ordnung“ sind. 1. Anwesenheit einer Militärmacht von wenigstens 60,000 Mann in Paris mit 100 Kanonen. 2. Unnachsichtliche Entwaffnung jedes Nationalgardisten, der in den letzten Tagen nicht zur Vertheidigung des Landes beigetragen hat. 3. Unverzügliche Auflösung der Nationalwerkstätten. 4. Schließung aller Klubs bis die Konstitution das Associationsrecht geregelt hat. 5. Zeitweilige Beschränkung der Preßfreiheit.
‒ Einzelne Züge schildern die Stimmung der Geister unter den Siegern. Nationalgardisten der 2. Legion hatten beschlossen, heute einen Besuch in den Bureaux der „Demokratie pacifique“ zu machen, eines Journals, dessen Redaktion ihnen nicht gefällt. Die Redakteure der Demokratie mußten beim General Cavaignac Hülfe nachsuchen, der ihnen ein Piquet Soldaten zu ihrem Schutze sandte.
‒ Gemäß Dekret des Chefs der vollziehenden Gewalt, welches die Insurrektion von 23-27. Juni an die Militärgerichtsbarkeit verweist, hat der Kommandant der ersten Division den Kommandanten Courtois d'Hurbal, Berichterstatter beim ersten Kriegsgericht von Paris, beauftragt, unmittelbar zur Instruktion gegen alle Beschuldigte zu schreiten, deren Zahl sich auf nahe an 6000 beläuft. Der Berichterstatter hat das Verhör begonnen mit den Gefangenen, die in den Kellern der Tuilerien und dem Souterrain, welches sich bis zum Konkordiaplatz hinzieht, eingesperrt sind. Ungefähr 1000 Gefangene befanden sich in den Kellern; es war dringend sich zunächst mit ihnen zu beschäftigen; denn man hatte zu fürchten daß der Typhes unter ihnen ausbreche und sich in die obern Räume verbreite welche die Nationalgarde einnimmt. Derselbe Tagesbefehl, der den Berichterstatter ernennt, hat zu Substituten desselben die Eskadronschefs vom Generalsstab Bourguignoe, Constantin und Tissenil bestimmt. Ebenso sind ihm 3 Substitute vom Kapitainsgarde beigegeben. Von Civilrichtern sind mit der Instruktion, die gemeinschaftlich mit der Militärbehörde geführt wird, Broussais und Berriat-Saint-Prix beauftragt. Beigegeben ist diesen Beiden der Substitut des Prokurators der Republik, Isambert.
Heute um fünf Uhr waren nur noch ungefähr hundert Gefangne in den Kellern. Sobald ein Hundert derselben von den Berichterstattern und Instruktionsrichtern vernommen war, wurden sie, die Hände auf den Rücken gebunden, einer starken Abtheilung Infantrie und Kavallerie übergeben, die zur Hälfte aus Linie, zur Hälfte aus Nationalgarde bestand. Die Eskorte, der eine Avantgarde mit dem Karabiner in der Hand voraufzog, brachte die Gefangnen in die Militärschule auf dem Marsfeld, wo sie einstweilen verbleiben, bis die Justiz über jeden Einzelen nähere Untersuchung angestellt hat.
‒ In Lyon liegen 20,000 Arbeiter auf dem Pflaster. Um tnun einen ähnlichen fürchterlichen Zusammenstoß zwischen Arbeiterthum und Bürgerthum, wie er in Paris statt fand, zu verhüten, wird heute die Nationalversammlung in aller Eile 6,000,000 Fr. votiren, welche jene brodlose Arbeiterarmee an der von Lyon nach Paris führenden Eisenbahn beschäftigen soll. Deslongrais will diesen neuen Kredit zwar bekämpfen, weil er es für unlogisch hält, sich für irgend eine Linie früher zu interessiren, als die große Frage der Expropriation entschieden ist.
‒ Der Moniteur brachte gestern die langen Zolltabellen über Ein- und Ausfuhr. Daraus ergibt sich, daß der Verlust der Staatskassen nicht so groß ist, als es die ernsten Ereignisse während der ersten fünf Monate voraussetzen ließen. Während der Monate Januar, Februar, März, April und Mai 1848 betrug die Einnahme 32,260,220 Fr., während sie in der gleichen Periode von 1847 allerdings 54,776,512 Fr. und 1846 sogar 62,064,171 Fr. erreichte.
@xml:id#ar034_027
@typejArticle
@facs0169
[*] Paris.
Wir finden in der „Ere nouvelle“ folgende interessante Nachweisungen über die Schilderhebung der Thierspartei. Im 11. Bureau erhob sich ein lebhafter Streit zwischen Herrn Thiers und Herrn Martin von Straßburg über den für die Untersuchungskommission zu ernennenden Kommissär, der die Ursachen und Urheber der Insurrektion vom 23. Juni zu erforschen und dabei bis zum 15. Mai zurückzugehn hat. Man ließ den Namen des Herrn Bauchard circuliren, den Namen eines gemäßigten Republikaners, dessen Republikanismus ein älteres Dasein hat als die Februarrevolution. Er sollte eben ernannt werden ohne weitere Diskussion, als Thiers und einige seiner Freunde hereintraten. Herr Thiers sagte mit lauter Stimme in seiner Gruppe, aber in der Weise der Conversation, man verfahre nicht in dem Sinne von Frankreich. Diese Worte, die auf die schon halb beschlossene Ernennung sich bezogen, denn die Mehrzahl der Mitglieder hatte gestimmt, wurden von verschiedenen Repräsentanten aufgenommen. Thiers sprach von Kommunismus. Man antwortete ihm, man sei auf der Spur schuldiger Umtriebe, worin man die Hand von Prätendenten und ihrer Freunde erblicke. Martin von Straßburg nahm das Wort und verlangte die Eröffnung der Diskussion, damit laut gesagt werden könne, was so eben ganz leise an seiner Seite gemurmelt worden. Thiers antwortete, er habe nicht die Gewohnheit, seine Ansichten zu verbergen und trotz der Arroganz gewisser Parteien, werde er die ganze Wahrheit dem Lande sagen. Es ist dieß das erstemal, daß er das Wort im Bureau ergriff. Bauchard wurde trotzdem zum Kommissär ernannt. Er hatte 31 Stimmen, Thiers 4, Nachet 4 und Dufaure 4.
Der von dem General Baragnay-d'Hilliers in der Straße Poitiers präsidirte Klub, aus ungefähr 250 Mitgliedern der Nationalversammlung bestehend, vertritt die Partei Thiers und Barrot. Wir haben gestern unsern Lesern gesagt, daß die Stimmen, die Dufaure gegen Marie bei der Präsidentenwahl erhalten, der erste Versuch der Thierspartei ist, ihre Kräfte gegen die Partei des National zu messen. Diese Partei selbst hat das Votum verstanden, wie wir es verstanden haben. Das Ministerium hat sich bei den „dynastischen“ Herrn nach dem Sinn dieser feindseligen Demonstration erkundigt, und diese Herrn, für die offenbar die Februarrevolution gemacht worden ist, ‒ das Ministerium Thiers Barrot, dem man am 24. Februar zu spät zurief, kömmt im Juni nur etwas zu früh, ‒ diese Herrn erklärten, die Ernennung Carnots zum Minister schiene ihnen unschicklich, gegen sie gemünzt u. s. w., sicherten übrigens huldvoll dem Minister des Innern, Senard, ihre Unterstützung zu, so weit er einen ihnen wohlgefälligen Wandel führe. Kurz nach der Februarrevolution hatte Thiers wie einst Reinecke erklärt, er wolle sich ins Kloster zurückziehen, ein beschauliches Leben führen, dem eitlen Weltwesen entsagen und ‒ Geschichten schreiben.
@xml:id#ar034_028
@typejArticle
@facs0169
Lyon, 30. Juni.
Die große Angelegenheit, die seit mehreren Tagen Lyon beschäftigte, war die Entwaffnung von Croix Rousse. Es handelte sich darum die Kanonen dort wegzunehmen, deren die Arbeiter sich bemächtigt hatten. ‒ Die Kanonen wurden ohne Widerstand von Seiten der Arbeiter dem Militär ausgeliefert. Uebrigens waren für den Fall einer Weigerung die größten Vorkehrungen getroffen. Mehr als 30 000 Mann umgaben Croix-Rousse. Die Zugänge zu allen Brücken waren von Kavalerie besetzt, während die Nationalgarde in den Stadtkasernen aufgestellt war. Es handelt sich jetzt noch darum die Gewehre wieder aus den Händen der Arbeiter zu nehmen, die nicht Nationalgardisten sind. Diese Entwaffnung wird indeß mehr Schwierigkeiten darbieten als die eben erfolgte.
(Siehe den Verfolg in der Beilage.)
Großbritannien.
@xml:id#ar034_029
@typejArticle
@facs0169
London, 1. Juli.
In der gestrigen Sitzung der Gemeinden ging das Haus in's Comité über die Zuckerzölle. Herr Bright ergriff das Wort. Der große Freihandelsquäcker stimmte seinen wehmüthigsten Ton an, um das Interesse der armen, gedrückten englischen Arbeiter gegenüber dem Interesse der Kolonien geltend zu machen. Das Parlament habe den Pflanzern 20 Mill. für die Sklaven-Emancipation und 30 Mill. durch elfjährigen Zollschutz gegeben. Und jetzt wolle man noch 2-3 Mill. jährlich aus der Tasche des Verhungernden Volks ziehen, zur Bereicherung der Pflanzer? Das Ministerium solle sich in Acht nehmen. Gerade an dieser Zollschutzfrage sei Lord J. Russel's Kabinet 1841, Sir R. Peel's Kabinet 1846 zu Grunde gegangen, und letzte Nacht habe das Ministerium ebenfalls schon mit dem Tode gerungen, kaum noch erhalten durch 15, in andren Hauptfragen sonst abweichende Stimmen. Er kritisirte Lord J. Russell's gestrige Rede sehr scharf und schlug vor, an den bestehenden Zuckerzöllen Nichts zu ändern.
Herr H. Berkelay und Herr Tollemache wimmerten dagegen im angeblichen Interesse der emancipirten Sklaven; Herr Berkelay vergaß übrigens nicht zu bemerken, daß er außerdem persönlich dabei betheiligt sei.
(Es versteht sich übrigens von selbst, daß es sich weder um Sklaven noch um Proletarier handelt, sondern blos um englische Fabrikanten und westindische Grundbesitzer. Ob Erstere durch Herabdrückung der Preise aller Lebensmittel und namentlich des in England zu einem Hauptkonsumtionsartikel der arbeitenden Klasse gewordenen Zuckers, in den Stand gesetzt werden sollen, auch den Lohn ihrer Arbeiter zu drücken, oder ob die westindischen Grundbesitzer durch erhöhte Zuckerpreise in den Stand gesetzt werden, hohe Grundrenten zu beziehen, das ist Alles, worum es sich handelt. Arbeiter und Sklaven sind blos sentimentale Arabesken.)
Sir Ch. Wood, Schatzkanzler, antwortete Herrn Bright in sehr langweiliger Weise und brachte sehr schlau, zu Gunsten des ministeriellen Vorschlags, einige Details über sein revidirtes Budget vor, wonach 1 1/2 Million von den 2 Millionen Defizit gedeckt werden.
Nach Hrn. Cardwell und Hrn. Wilson für, sprach Lord Nugent gegen den ministeriellen Vorschlag. Er erklärte ihn für schwach, treulos und gottlos, sprach von früheren Verpflichtungen gegen die westindischen Grundbesitzer und vom verfluchten Sklavenhandel, erklärte sich aber auch gegen Herrn Brights Vorschlag.
Herr Brights Vorschlag wurde dann von 302 gegen 36 Stimmen verworfen.
‒ Die Times hat die mit dem Dampfboot Lion von Hamburg und Hull angekommene Nachricht, daß der Friede zwischen Deutschland und Dänemark so gut wie abgeschlossen sei (a settleck thing).
3 proz. Stocks um 4 Uhr 837/8 à 841/8 für Rechnung.
[0170]
@xml:id#ar034_030
@typejArticle
@facs0170
London, 30. Juni.
George Julian Harney, der Redakteur des Northern Star, des Organs der englischen Chartisten, schickt der „Neuen rheinischen Zeitung“ folgenden Bericht, den wir uns beeilen, unsern Lesern mitzutheilen.
„Da den Lesern der „Neuen Rheinischen Zeitung“ eine kurze Schilderung des gegenwärtigen Standes der englischen Volksbewegung vielleicht nicht unwillkommen ist, so will ich Ihnen die Umrisse der jüngsten Ereignisse geben, ‒ Umrisse freilich nur, denn vielfache Beschäftigungen machen es mir unmöglich, auf Einzelheiten einzugehen. Es wird nicht nöthig sein, Ihren Lesern noch zu erzählen, wer die Chartisten sind und was der Chartismus ist. Um indeß meine Darstellung desto verständlicher zu machen, will ich dem Bericht der Tagesereignisse eine Schilderung der Vergangenheit vorhergehen zu lassen.
Die Chartisten sind die Nachfolger der Radikal-Reformer, diezuerst unter aristokratischem und später unter dem Einfluß der Mittelklasse, von der Zeit des amerikanischen Krieges, bis zum Jahre 1830 jene große Agitation für eine radikale Reform des Parlamentes, aufrecht zu erhalten wußten.
Damals, nämlich im Jahre 1780, publizirten die Reformer unter der unmittelbaren Leitung von Charles James Fox, Richard Brinsley, Sheridan und anderer Häupter der Whigs, einen Plan allgemeiner Volkswahl, der von dem Geiste der heutigen Volks-Charte nicht im geringsten verschieden ist. Leute wie der Herzog von Richmond und Earl Stanhope, waren damals Vertheidiger des Systems der Charte. Selbst der später so tyrannische Pitt gehörte zu den feurigsten Radikalen. Wie er später ein Tory wurde, an dem selbst Georg III. keinen Fehler zu finden wußte, so war er in seiner Jugend ein Demokrat, dem selbst ein Horne Tooke das vollste Vertrauen schenkte.
Alle diese Aristokraten und ministeriellen Kandidaten zogen sich aber erschreckt zurück, als plötzlich die französische Revolution ausbrach und von den Reformern von 1780 war Major Cartwright, „der treu unter den Treulosen erfunden“, fast der einzige, der nach wie vor der alte blieb. Pitt wurde damals Premier von England. Die Aristokratie und die Mittelklasse war für ihn und getrost hätte er sofort den Krieg gegen die junge französische Republik beginnen können, wenn nicht, trotz des Desertirens fast aller Führer, eine ziemlich kompakte demokratische Partei zurückgeblieben wäre, welche mit großer Sympathie für die französische Bewegung, die Reform Agitation fortgesetzt hätte. Um sich den Rücken frei zu halten, mußte dieser ein Ende gemacht werden und kühn streckte Pitt seine Faust nach den Leitern jener Klubs und jener korrespondirenden Gesellschaften aus, welche die Demokraten aller Orte des Landes bisher in ununterbrochenem Verkehr hielten. Die infame Deportation Muir's, Palmer's, Gerald's, Skirving's und Margarot's, welche Mitglieder des in Edinbourgh gehaltenen britischen Konvent's waren und der Triumpf Hardy's, Thelwal's und mancher Anderer über den Renegaten Pitt, alles ist einem Jeden bekannt, der sich mit der neuern Geschichte Englands nur in etwa befaßte. Ein Parlaments-Akt machte dann sämmtlichen politischen Verbindungen ein Ende und die Aufhebung der Habeas-Corpus-Akte trug nicht wenig dazu bei, die ohnehin noch nicht recht unter die Masse der Arbeiter gedrungene Reform-Agitation in ihrem Entstehen zu erdrücken.
Der lange Krieg gegen Napoleon, der den Engländern die Herrschaft zur See und das Monopol für den Absatz britischer Fabrikate auf allen asiatischen und amerikanischen Märkten sicherte und eine kolossale Entwicklung der industriellen Thätigkeit Englands nach sich zog, lenkte außerdem die Gemüther von der innern Politik des Landes ab, so daß ein mehrjähriges Darniederliegen der revolutionären Partei unausbleiblich war.
Der Frieden änderte indeß Alles. Das Monopol des englischen Handels fiel und Zehntausende außer Beschäftigung geworfener hungernder Arbeiter, vereinigten sich mit nicht weniger drohenden Massen verabschiedeter Soldaten und Matrosen:„The broken tools whom tyrants cast away.“ (Zerbrochne Werkzeuge, fortgeworfen von Tyrannen) und erhuben den Schrei der Reform.
Burdett und Hunt, erstrer als Leiter der radikalen Mittelklasse, letztrer als Haupt der proletarischen Phalanx, wurden jetzt die Führer der neuen Bewegung.
William Cobbett, der zu gleicher Zeit auftrat und als Redner und Schriftsteller den ungetheiltesten Enthusiasmus des Volkes hervorrief, kann eigentlich nicht als Parteichef betrachtet werden. Dieser wunderbare Mann, auf den die Engländer, trotz aller seiner Fehler, wohl Ursache haben, stolz zu sein, hatte nicht die Eigenschaften eines jederzeit wirksamen Demagogen; sein ungemeiner Egoismus ließ ihn auch nie mit irgend einem andern populären Manne sechs Monate lang übereinstimmen.
Was nun die Arbeiter angeht, so übten sie, obgleich sie die Masse der radikalen Partei ausmachten, doch noch nicht den Einfluß aus, mit dem sie später in der Chartisten-Bewegung so charakteristisch hervortreten. Selbst die Leiter der „ultra physical force men“, jener Leute welche ihre Zwecke durch physische Gewalt durchzusetzen sich nicht scheuten, gehörten in jener Zeit nicht in die Reihe der Arbeiter. Thistlewood war Soldat; seine Freunde, die beiden Watsons stammten aus der Mittelklasse.
Die nach dem Frieden auf's Neue begonnene Agitation, welche von Burdett und Hunt geleitet und von dem alten Cartwright und Cobbet unterstützt wurde, sollte indeß nicht lange dauern. Die aristokratische Mittelklasse sah sich in zu großer Gefahr, als daß sie sich nicht gern mit dem Gouvernement vereinigt hätte, um einem aus der Entwicklung der Industrie hervorgegangenen Proletariate und den momentan damit verbündeten Kleinbürgern kühn die Stirn zu bieten. Auf dem sogenannten Petersfeld in Manchester sollte sie ihre Sporen verdienen.
Hunt hatte eine Versammlung angekündigt. Sechszigtausend Menschen, Männer, Weiber und Kinder kamen auf dem engen, von Häusern umgebenen Raume zusammen, um den Rednern der radikalen Partei zuzuhören, und eine Adresse an den Regenten zu votiren, in der man die, namentlich der schlechten Volksvertretung entsprungene Noth der Massen auseinander zu setzen beabsichtigte. Hunt besteigt die Tribüne, kaum hat er einige Worte gesprochen, da entsteht von dem einen Zugang des Platzes her, ein wildes Getöse, ein Trupp reitende Yeomanry, die aus der aristokratischen Bourgeoisie gebildete Stadt-Soldateska, sprengt mit verhängten Zügeln in die wehrlose Menge, die Säbel schwingend und rechts und links Alles niedermetzelnd, bis der Platz von Lebenden gereinigt. Das Volk nannte dieses Gemetzel auf dem Petersfelde, das Peterloo-Massakre, als Anspielung auf die kurz vorhergegangene Schlacht von Waterloo.
Die schrecklichste Wuth bemächtigte sich der Menge nach diesem Ereignisse und wenn das Gouvernement bisher mit der hohen Mittelklasse Hand in Hand gegangen war, so mußte es jetzt erst recht zu energischen Maßregeln greifen um die Agitation der Reformer auf's Neue zu unterdrücken. Männer wie Sidmouth, Canning und Castlereagh, welchen letztern Byron in seinem Don Juan „den Halspulsader abschneidenden Castlereagh“ oder „die Blut- und Spautze-Spritze“ nannte, liehen natürlich ihre Hände zu Allem, was die Brutalität der Mittelklasse forderte; vergebens zuckte Thistlewood den Dolch auf die Lords in Horrowby Haus ‒ ehe sein Kopf auf dem Schaffote fiel, erklärte er, das Massakre auf dem Petersfelde habe rächen zu wollen.
Eine wahre Schreckenszeit begann jetzt für die Reform-Partei. Sir Francis Burdett hatte genug zu thun, um sich die Hände frei zu halten; Cobbett flüchtete nach Amerika, Hunt, in Untersuchungen verwickelt, konnte sich nur von Zeit zu Zeit sehen lassen. Fast während zwei Jahren blieb die Habeas-Corpus-Akte aufgehoben; gehetztem Wilde gleich, jagten die Leiter der Reformer von einem Orte zum andern und wenn ihre Agitation auch nie ganz aufhörte, so hatten sie doch viel von ihrem Einfluß auf eine Bevölkerung verloren, die durch den Verrath der Mittelklasse hoffnungslos in ihrem Elende zu vergehen schien.
Da kam die Revolution von 1830 und erschütterte Europa bis in seinen letzten Winkel.
(Schluß des ersten Artikels folgt.)
@xml:id#ar034_031
@typejArticle
@facs0170
[*] Dublin, 28 Juni.
Die sterblichen Ueberreste Tom Steele's wurden gestern auf dem Dämpfer Cornwall hierher gebracht und in der „Versöhnungshalle“ niedergelegt. Sie bleiben dort so lange, bis die Vorbereitungen zu einem feierlichen Begräbniß getroffen sind. Tom Steele starb im Elend; mit der Hälfte des Geldes, das man jetzt für den Todten verwenden wird, hätte der Lebende seine Tage sorgenlos beschließen können.
Donaufürstenthümer.
@xml:id#ar034_032
@typejArticle
@facs0170
Bukarest, 15. Juni.
Wir befinden uns hier in einer erwartungsvollen Lage, die nichts Gutes zu verheißen scheint. Rußlands Bestreben enthüllt sich mehr und mehr dahin, das Land völlig von der türkischen Oberherrschaft loszuziehen und sich zinsbar zu machen. Vorläufig sucht man den Fürsten und die Nation dahin zu bewegen, daß wegen der Dringlichkeit der politischen Zustände eine russische Besatzung herbeigerufen werde. Eine derartige in Umlauf gesetzte Bittschrift zählt auch bereits zahlreiche Unterschriften. Inzwischen zögert und mißtraut Bibesko und sucht dieser Gefahr durch Errichtung eines freiwilligen Corps im Lande vorzubeugen. Auch die Bojaren zeigen sich wenig geneigt, den Einflüsterungen des russischen Generals Duchamel Gehör zu geben. Die beabsichtigte Zusammenberufung der Stände macht leider die immer mehr überhand nehmende Cholera unmöglich. Man weiß in unserer Stadt die Zahl der Todten und Erkrankten nicht mehr. Viele Menschen sterben auf den Straßen während der Behandlung der Aerzte. Auch in Braila wüthet die Krankheit neuerdings stärker. ‒ In Jassy scheinen wichtige Ereignisse vorgegangen zu sein oder sich vorzubereiten. Die moldauischen Zeitungen sind mehrere Tage hier ausgeblieben, und der russische Konsul hat sich eiligst nach jener Hauptstadt verfügt. Die Privatnachrichten widersprechen sich zum Theil. Es heißt, der Fürst Sturdza habe sich nach Rußland geflüchtet oder auf die Regierung Verzicht geleistet, nachdem ihn der hohe Klerus in den Bann gesetzt. Gewiß ist, daß derselbe vor 14 Jahren nicht mehr als 12,000 Dukaten jährliches Einkommen hatte, während dasselbe durch Wucher und Erpressungen aller Art nun auf 200,000 Dukaten gestiegen ist. An unseren südlichen Ufern der Donau bereitet sich eine ernste Zukunft vor; möge dies von Deutschland und namentlich Oesterreich nicht unbeachtet bleiben.
[(A. O. Z.)]
Afrika.
@xml:id#ar034_033
@typejArticle
@facs0170
Algier, 20. Juni.
Achmet-Bey, der ehemalige Beherrscher von Konstantine, der stete Feind Frankreichs, hat sich unterworfen. Die „Afrique Francaise“ berichtet über dies für Algerien wichtige Ereigniß wie folgt: Die Kolonne des Obersten Canrobert, welche das schwierige, in den kalten, regnerischen Tagen vom Ende Mai doppelt mühselige Geschäft hatte, in den Gebirgen der Aurés, diesem äußersten Theile von Algerien, die Steuern zu erheben, erfuhr, nachdem sie die Landschaft nach allen Richtungen durchzogen hatte, daß der alte Achmet-Bey sich in die Berge an der Gränze der Wüste zurückgezogen habe, daß er dort die Bevölkerung zum Aufstand zu bewegen suche und beständig mit Konstantine unserer Besitzung feindliche Verbindungen unterhalte. Oberst Canrobert, obgleich mehrere Tagemärsche von dem muthmaßlichen Aufenthalt des Ex-Bey entfernt, beschloß einen Handstreich auszuführen, um sich unseres unermüdlichen Feindes zu bemächtigen. Er trennte seine Kolonne, ließ den einen Theil mit dem Gepäck, den Lebensmitteln und Feldlazarethen in einem Thale des Oued-Abdi zurück und rückte mit dem andern, der aus Kavallerie und nur 400 Mann auserlesener Infanterie bestand, am 4. Juni in Eilmärschen, unter den größten Schwierigkeiten, mit Uebersteigung von Felsen und Bergen, die noch von Schnee bedeckt waren, auf sein Ziel los. Am 3. Morgens, nachdem die ganze Nacht marschirt worden, erschien, während die Kolonne am Oued-el-Abied einen Augenblick Rast machte, ein Abgesandter Achmets bei dem Obersten, um ihn zu benachrichtigen, daß der Bey, der wisse daß er im Rücken von unserm Goum abgeschnitten sei und unsrer Kolonne nicht mehr entgehen könne, bereit sei sich Frankreich zu unterwerfen und nach Europa zu gehen, um dort in Frieden zu leben. Zu spät. ‒ Unser Goum setzte seinen Marsch fort und nahm ihn mit seinem Zelt, Waffen und Bagage gefangen. Dies geschah im Dorfe Kebech, im Augenblick der Ankunft der französischen Kolonne. Von dort führte ihn die Kolonne mit sich, die am 7. in Biskara eintraf, nachdem sie von neuem und fast gleichzeitig Kälte und Hitze im höchsten Grade ausgestanden hatte. Die eingebornen Plänkler haben mehrere Menschen verloren, aber unsre Infanterie hat keinen Verlust zu beklagen und vollzählig, obwohl mehr oder minder erkrankt, Biskara erreicht. Hier wurde mehrere Tage Rast gemacht, und am 15. sollte der Oberst in Bathea, dem augenblicklichen Hauptquartier eintreffen. Biskara liegt mitten in der Wüste; es ist eine ungeheure Palmenoase, die Zahl der Palmbäume soll sich auf mehr als hunderttausend belaufen, sie werden mittelst Kanälen, die besonders zu diesem Zwecke angelegt sind, vollständig bewässert.
[Leserbrief]
@xml:id#ar034_034
@typejArticle
@facs0170
Hohes Staatsministerium!
Einem hohen Staatsministerium bin ich nothgedrungen, Folgendes ehrerbietigst vorzutragen:
In meiner Abwesenheit am 22. Mai a. c. erschien der Lieutenant Petersdorf mit einer Abtheilung der 3. Kompagnie 14. Linien-Infanterie-Regiments und der Gensd'arm Waschmannsdorf aus Gollancz, und hielten bei mir wegen Waffen Haussuchung ab, wobei dieselben meine letzte Waffe, ein Jagdgewehr, in Beschlag genommen: hierbei hat sich der etc. Petersdorf anständig und dem Zwecke gemäß, benommen. Ich war nun gewiß, daß der Art Haussuchung bei mir nicht mehr stattfinden würde, hatte mich hierin aber getäuscht. Denn am 27. desselben Monats Morgens 5 Uhr ‒ wo ich nur grade mit einem Schlafrocke bekleidet war ‒ traf der Premier-Lieutenant Liebach mit der 11. Kompagnie 14. Landw.-Reg. und der Lieutenant Schmidt mit einem Zuge des 4. Ulanen-Reg., wobei sich noch der Gensd'arm Schulz befand, aus Chodziesen hier ein. Außerdem hatte sich diesem Zuge noch mit angeschlossen, der Kommunalbote des königlichen Distriktskommissarius aus Margonin, Namens Klatt, welche Letztere sich bei der zweiten Haussuchung als Häscher besonders auszeichneten.
Bei ihrem Erscheinen eröffnete ich denselben, daß bei mir bereits wegen Waffen eine Haussuchung stattgefunden habe, und versicherte auf meine Ehre, daß ich keine Waffe mehr besitze, überhaupt bei keinem Aufstande betheiligt gewesen und stets mich ruhig verhalten hätte. Ganz besonders hob ich noch hervor, daß in dieser Gegend keine Konflikte vorgekommen wären. Hr. etc. Liebach begnügte sich aber damit nicht, sondern beauftragte den etc. S., eine strenge Hausvisitation vorzunehmen, die dann auch mit allen Chikanen und Grausamkeiten ausgeführt wurde.
Ein Keller, worin verpfändeter Spiritus unter Steuer-Verschluß lagerte, und wozu ich die vom Ober-Steuer-Kontrolleur versiegelten und bezeichneten Schlüssel dem etc. S. vorlegte, wurde, da man hierauf nicht reflektirte, durch gewaltsame Erbrechung der Thüre mittelst Aexte geöffnet, indem die qu. Schlüssel (so gab man jetzt vor) verschwunden sein sollten. Vielleicht hat Jemand gedacht, daß die mit 5 Siegeln bezeichneten Schlüssel ein Päckchen Geld seien.
Die Haussuchung blieb bei der größten Strenge bei mir, mit Ausnahme einiger Kupferhütchen und zweier alten Epaulett, erfolglos. Die vorgenannten Epaulett's sind nicht mein Eigenthum, sondern gehören meinem jüngern Bruder Ignatz an, welcher die Revolution von 1830 mitgemacht und später von Sr. Majestät dem Könige begnadigt worden ist.
Bei meinem Gärtner Derszikowski wurde eine Doppelflinte vorgefunden, von der ich aber nichts wußte, und wovon der eine Lauf mit Schrot Nr. 9 geladen war, bei meinem Schreiber Bokin wurden zwei Rehposten gefunden, ‒ dieses nun war das Ergebniß der so streng geführten Haussuchung.
Der etc. Liebach war ins Dorf gegangen ‒ und zwar absichtlich ‒ damit die Soldateska ihre Grausamkeiten an mir ungestörter ausüben konnte. Insbesondere zeichnete sich hierbei der Ulan v. Natzmer aus. ‒ Ich wurde ergriffen und vom Hausflur in den Keller hinabgestürzt, hierauf auf eine empörende Weise maltraitirt und beschimpft; ja ich wurde mit Säbeln, Ladestöcken, Kolben und einigen Stichen mit dem Bajonette, wovon heute noch mein Schlafrock die Spuren an sich trägt, und endlich mit dem Kantschu gemißhandelt, daß dadurch mein Leben der größten Gefahr ausgesetzt wurde, welches das hierbei liegende ärztliche Attest bekundet.
Während dieser Mißhandlung ließ etc. L. in hiesiger Schule mehrere meiner Komorniken und auch meinen eigenen Sohn Sigismund gegen mich vernehmen, welche durch Kolbenstöße, 25 Kantschu-, resp. Säbel- und Ladestockhiebe zur verlangten Aussage gezwungen wurden und endlich ein Protokoll, welches vom Feldwebel Herzel in deutscher Sprache aufgenommen und ihnen somit unverständlich war, unterschreiben resp. unterkreuzen mußten.
Der Zufall fügte es, daß mein Schwager v. Goslinowski nebst Frau und Sohn gerade zu dieser Zeit bei mir zum Besuche waren, desgleichen auch der Brenner Grzybowski, welcher bei mir ein Unterkommen suchte, ‒ auch diese wurden sämmtlich arretirt.
Nachdem dies geschehen, wurden alle meine Hofleute im Hause gemißhandelt, ich und meine Frau aus den Armen der weinenden und schreienden Kinder gerissen und als Verhaftete zum Transport nach Margonin designirt. Der Feldwebel H. erlaubte mir und meiner Frau nicht einmal ein Fuhrwerk zu benutzen, sondern wir sollten zu Fuße gehen, stieß mich noch einigemale mit seinem Gewehrgefäße in den Rücken und bediente sich des wahrlich nicht humanen Ausdrucks: „Du verfluchter polnischer Hund, warte nur, die Soldaten werden Dich schon lehren!“
Ich war also genöthigt, meinen Schwager und Schicksalsgefährten v. G. zu bitten, mich und meine Frau auf sein Kabriolet aufzunehmen, wogegen das Militär meiner sämmtlichen Wagen und Pferde auf dem Gute sich bediente, um ihre Reise nach M. zu beschleunigen, wohin auch ich, meine Frau, mein Schwager nebst Frau und Sohn, so wie auch der Brenner G. transportirt wurden.
Tags darauf wurden wir nach Chodziesen gebracht. Obgleich hier am letztgenannten Orte der Stellvertreter des Landraths, Kreissecretair Vierch, der Ober-Steuer-Controlleur von Neuen und der Kaufmann und Bürger Stahl, so wie mehrere Andere sich dringend für uns verwendeten, so wurden wir dennoch nicht entlassen, sondern am andern Tage mit noch zwei andern Arrestanten und einem Wagen voll Waffen durch 2 Unteroffiziere und 5 M. Gemeine wieder nach Wongrowiec geführt.
Der pfiffigen und schlauen Berechnung des etc. L. zu Folge wäre ich beinahe in W. abermals vom Militär gemißhandelt worden, indem dieses präsumirte, daß ich der rechte Anführer der Insurgenten sein müßte.
In W. angekommen wurde ich vor den Obristen von Chevalerie geführt, und darauf mittelst Zwangspasses entlassen. Dieser achtbare Mann schien sich über meine erlittene Mißhandlung und Arretirung tief zu kränken, und fühlte gewiß sogleich die traurigen Folgen, wodurch immer mehr und mehr die Ehre und Zuverlässigkeit des preußischen Militärs in Frage gestellt wird.
Ich bin nicht Soldat gewesen, habe mich auch bei allen Unruhen und Wirren ruhig verhalten; war in Erfüllung meiner staatsbürgerlichen Pflichten immer pünktlich, treu und gewissenhaft, habe auch in der letzten Zeit nur nach Ruhe und Ordnung in meinen Gütern gestrebt, was mir das königl. Landrathsamt in C., wie auch der Ober-Steuer-Kontrolleur v. N. daselbst, so wie auch der Steuer-Kontrolleur Schreck aus M. bezeugen können.
Dieserhalb glaube ich keine Veranlassung zu einer solchen entehrenden Behandlung gegeben zu haben, und wage also an Ein hohes Staatsministerium nachstehende Fragen allerunterthänigst zu richten:
1) Wer hat die genannten Offiziere veranlaßt und ermächtigt, bei mir Hausrevision abzuhalten?
2) Warum bin ich und meine Leute durch die Soldaten so gräßlich gemißhandelt worden?
3) Weshalb wurde ich und meine Frau arretirt und vier Tage lang herumgeschleppt?
4) Weshalb wurden wir nicht in der Kreisstadt C, wo doch unsere Unschuld erwiesen, entlassen, sondern erst wieder nach W. transportirt?
5) Ist es jetzt erlaubt, daß die Soldaten jeden ruhigen Bürger mit Säbeln, Kolben, Ladestöcken, Bayonetten maltraitiren und mit dem Kantschu schlagen können?
6) Ist ein solches Verfahren wohl geeignet, um das Vertrauen der Polen gegen die Deutschen und die Liebe gegen die preußische Regierung zu erwecken und zu befestigen? und
7) Welche Satisfaktion steht mir jetzt zu Gebote und welche wird für die gehabte Mißhandlung mir gewährt werden?
Ein Hohes Staatsministerium will, daß überall Gerechtigkeit gehandhabt und jeder Staatsbürger geschützt werde, dieserhalb wage ich Hochdasselbe ehrerbietigst anzugehen, eine schleunige und strenge Untersuchung gegen den etc. Liebach, Schmidt und Consorten einleiten lassen zu wollen.
Damit aber meine Nachbaren Kenntniß meiner ergriffenen Schritte zur Wiedererlangung meiner tief gekränkten Ehre erhalten, so werde ich diesen meinen Vortrag in die öffentlichen Blätter aufnehmen lassen.
Mit tiefster Ehrerbietung Eines etc. etc. etc. ergebenster.
Jaktorowo, Kreis Chodziesen, Reg.-Bezirk Bromberg, den 22. Juni 1848.
Der Herr Gutspächter von Seredynski aus Jaktorowo ist von mir heute ärztlich untersucht worden und habe ich gefunden, daß die ganze Fläche des Rückens auf beiden Schulterblättern mit zolldicken blutigen Sugillationen bedeckt ist, eben so ein großer Theil der äußern Fläche der Oberarme. Es sind diese bedeutenden Verletzungen offenbar durch heftige andauernde Mißhandlungen mittelst harter aber stumpfer Instrumente hervorgebracht worden. Es befindet sich außerdem eine bereits verharschte Stichwunde an dem obern Theil des hintern Randes des linken Schulterblattes, welche indessen nicht in die Tiefe zu gehen scheint. Eine fieberhafte Reaktion des Organismus auf die vorhandenen Verletzungen ist bis jetzt nicht eingetreten, und ist dies wahrscheinlich nur der robusten Konstitution des Verletzten zuzuschreiben. ‒ Dies Vorstehende bescheinige meinem besten Wissen gemäß.
Wongrowiec, den 29. Mai 1848.
[(L. S.)]
gez. Dr. Gall.
(Hierzu eine Beilage.)
@typeimprint
@facs0170
Der Gerant, Korff.
Druck von W. Clouth, St. Agatha Nro. 12.