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Neue Rheinische Zeitung.
Organ der Demokratie.
No. 36. Köln, Donnerstag 6. Juli 1848.
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Die „Neue Rheinische Zeitung“ erscheint vom 1. Juni an täglich. Bestellungen für dies Quartal, Juli bis September, wolle man baldigst machen. Alle Postämter Deutschlands nehmen Bestellungen an. Für Frankreich übernehmen Abonnements Herr G. A. Alexander, Nr. 28, Brandgasse in Straßburg, und 23, rue Notre Dame de Nazareth in Paris; so wie das königliche Ober-Post-Amt in Aachen. Für England die HH. J. J. Ewer & Comp. 72, Newgate Street in London. Für Belgien und Holland die respekt. königlichen Briefpost-Aemter und das Postbüreau zu Lüttich.
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Uebersicht.
Deutschland. Berlin. (Die Arbeiter. ‒ Das Ministerium. ‒ Nachrichten aus Ungarn). Frankfurt. (Nationalversammlung). München (die Blokade von Triest aufgehoben). Altona. (Wrangel an der jütländischen Gränze). Wien. (Fort Malghera soll genommen sein).
Polen. Warschau. (Konsiskation).
Rußland. Riga. (Rüstungen. ‒ Das russische Militär).
Ungarn. Pesth. (Die slavische Insurrektion).
Belgien. Brüssel. (Mellinets Verhaftung. ‒ Expulsionen).
Italien. Turin. (Kammerdebatten). ‒ Florenz. (Eröffnung der Kammern). Modena. (Furcht vor drei Kompagnien Freiwilliger).
Franz. Republik. Paris. (Korresp. ‒ Guizot über die Revolution. Die „Reform“ über die Konspiration der Verläumdung. ‒ Bakunin. ‒ Goudchaux. ‒ Nationalversammlung vom 3. Juli. ‒ Präsidenten- und Sekretariatswahl für die Bureaux. ‒ Vermischtes).
Großbritannien. London. (Der „Economist“ über die Junirevolution. ‒ Die Times über die Emigration).
Amerika. Boston. (Die große Wasserstraße durch den nordamerikanischen Kontinent, die Konkurrenz der Eisenbahn. ‒ Die verschiedenen alljährlichen Konventionen. ‒ Neue Erfindung). Southampton (Zustände in Mexiko, Yucatan, Martinique, Venezuela. ‒ Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Neu-Granada. ‒ Handelsbericht).
Ostindien. Bombay. Verwicklungen in Moultan. ‒ Das Pendschab. ‒ Ruhe in Scinde).
Egypten. Alexandria. (Ibrahim. ‒ Mehemet Ali. ‒ Clot Bay).
Handelsnachrichten.
Deutschland.
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[103] Berlin, 2. Juli.
Unsere Regierung folgt ganz dem Beispiel des Bourgeois-Regime in Paris. Die Arbeiter, deren demokratische Gesinnungen man fürchtet, werden auf die Straße gesetzt; man läßt ihnen die Wahl, hier zu verhungern oder sich nach der Provinz Preußen transportiren zu lassen, wo sie für einen Tagelohn von zehn Silbergroschen an der Ostbahn arbeiten. Niemand will sich jedoch zu diesem Letztern verstehen, da die Lage und die Behandlung der dort bereits Angekommenen als eine wahre Sklaverei geschildert wird. Von Morgens 5 bis Abends 7 Uhr müssen sie unter beständiger Aufsicht einer Abtheilung Infanterie und Kavallerie die vorgeschriebenen Erdarbeiten verrichten. Alle Verbindung mit der dortigen Bevölkerung ist ihnen abgeschnitten und sie dürfen ihre Wohnung nicht in den Dörfern nehmen, sondern nur in den dazu eingerichteten Buden auf dem freien Felde. Gleich Pestkranken werden sie einer förmlichen polizeilichen Quarantäne unterworfen ohne Zweifel damit die biedermännische Bevölkerung nicht von den gefürchteten Arbeiterideen angesteckt werde. Tausende von Arbeitern, die sich dieser Militärorganisation nicht fügen, gehen jetzt beschäftigungslos umher. Die Verfolgungen nehmen den großartigsten Fortgang. Es werden jetzt plötzlich Untersuchungen eingeleitet gegen Personen, welche beschuldigt werden im Monat Mai, als die Rückkehr des Prinzen von Preußen angezeigt wurde, Drohungen gegen denselben öffentlich geäußert zu haben. Damals wagte man nicht solche Redensarten für ungesetzlich zu halten, aber das jetzige Ministerium befiehlt alle Denunciationen von jener Zeit aufzunehmen, um sich mit den Mitteln des seligen Tschoppe aller ihrer Gegner auf einmal zu entledigen.
Morgen haben wir in der Vereinbarer-Versammlung lebhafte Debatten zu erwarten, da der Kommissionsbericht über die Vorfälle im Großherzogthum Posen zur Verhandlung kommt. Die polnischen Abgeordneten, die alle zur Linken gehören, werden die Regierungsmaßregeln und das Treiben der ritterlichen Soldateska in Posen ausführlich darlegen. Ein Resultat ist in dieser Versammlung natürlich nicht zu erwarten. Einmal werden die Vorwürfe lediglich auf das abgetretene Ministerium gewälzt werden, und dann ft auch ein Theil der Linken, die nationalen Gesinnungsmüthigen, welche gegen die Polen und für die deutsch-jüdischen Trödelinteressen auftreten.
Der Abgeordnete v. Lisiecki hat den Antrag gestellt: „die Aufhebung der, der Vernunft und dem menschlichen Gefühle widerstreitenden Todesstrafe auszusprechen.“
Der Abgeordnete Wander hat den Antrag gestellt: „daß jeder Beamte, der Jemanden ungerechterweise verhaften läßt, dem Verhafteten völligen Schadenersatz leiste und außerdem mindestens vier Mal so lange verhaftet bleibe, als er einer Person die Freiheit entzogen hat.“
In der großen Versammlung der Berliner Wahlmänner hat man fast einstimmig angenommen, daß nur durch das Einkammersystem den Forderungen des Volkes einigermaßen nachgekommen würde. Es ist dabei die Betreibung einer Monster-Petition beschlossen worden, um die Linke durch eine Demonstration zu unterstützen.
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Berlin, 3. Juli.
Von dem königl. Konsulat zu Gallacz ist so eben folgende Nachricht eingegangen, „Mit dem letzten Dampfbote aus Orsowa ist das Postpaket ausgeblieben. Zwischen Neusatz und Semlin ist der Lauf der Dampfböte gänzlich gehemmt. Die ungarische und illyrische Partei stehen sich auf jenem Terrain feindlich gegenüber; sie haben sich einiger Dampfböte bemächtigt, die sie armiren und zu ihren Zwecken verwenden.“
[(Pr. St. A.)]
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[*] Frankfurt, 3. Juli.
Die heutige 31. Sitzung der konstituirenden Versammlung, für welche die Berathung über die Grundrechte des deutschen Volks auf der Tagesordnung stand, wurde ganz mit Debatten über den Berathungsmodus ausgefüllt. Die Versammlung beschloß unter Anderm, daß über den Entwurf eine zweimalige Berathung und Abstimmung (letztere mit Namensaufruf) stattfinden soll. Die Berathung beginnt morgen, und zwar mit §. 1, da die Einleitung bis zur Erledigung des Ganzen ausgesetzt bleibt. Die heutige Sitzung schloß um 1 Uhr. ‒ Nachstehendes ist die Zusammensetzung der vorgestern von den Abtheilungen gewählten Ausschüsse: 1) Ausschuß für den Entwurf eines Gesetzes über die Verantwortlichkeit der künftigen Minister: Wippermann, Wichmann, v. Wydenbrugk, Schwarzenberg, Naumann, Hermann, Zitz, v. Würth, Tafel aus Zweibrücken, v. Itzstein, Bürgers, v. Linde, Rob. Mohl, Scheller, Mittermaier; 2) Ausschuß für die Wahlen von Thiengen und Konstanz; Zachariä von Göttingen, Fürst Lichnowsky, Edel, Reichensperger, Hollandt, Simpson von Königsberg, Wiest von Tübingen, v. Vincke, v. Würth, Riesser, Freudentheil, v. Sommaruga, Wiedenmann von Düsseldorf, Adams, Dammers.
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München,
Die Neue Münchener Zeitung, die man fortan als halboffizielles Blatt scheint betrachten zu dürfen, sagt in ihrem Blatt vom 1. Juli: „Wir beeilen uns, unsern Lesern eine ebenso wichtige als erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Wie wir aus guter Quelle vernehmen, sind die Einschreitungen des deutschen Bundes und der bayerischen und preußischen Gesandtschaften in Turin zu Gunsten Triest's, wie zu erwarten stand, nicht erfolglos geblieben, und es hat hierauf die sardinische Regierung die Aufhebung der Blokade von Triest bereits verfügt. Der Handel dieser wichtigen deutschen Stadt würde hienach die ihm so nöthige freie Bewegung wieder erlangen und von der sardinischen Flotte lediglich bezüglich der Transporte vom Kriegsmaterial eine Controle geübt werden. (Wird diese Klausel nicht eine weite Ausdehnung erhalten?)
[(A. A. Z.)]
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Altona, 3. Juli.
Ein bei der preußischen Feldpost Angestellter bringt folgende, auch anderweitig bestätigte Nachricht: Das Haupt-Quartier der Preußen steht in Christiansfeld; in der Nähe sind vorgestern 17 Dänen zu Gefangenen gemacht worden. Die Vorposten sind bis auf eine Meile von Kolding vorgerückt, wo die Dänen in großer Anzahl sich befinden. Außerdem sind neuerdings zahlreiche Truppen auf Alsen und die Schiffe bei Arröesund gesehen worden. ‒ Die geflüchteten Haderslebener sind aus Hamburg, Altona, Rendsburg, Flensburg und Apenrade wieder nach Hadersleben zurückgekehrt, die dortigen Dänischgesinnten aber haben Hadersleben mit den dänischen Truppen, die allen Proviant mit sich genommen und vor ihrem Abzuge zwei Häuser in Brand gesteckt hatten, verlassen. ‒ Man vernimmt aus guter Quelle, daß Wrangel für's Erste die Königsau nicht wieder überschreiten werde. Die Stärke des im nördlichen Schleswig liegenden Heeres beträgt 25,000 Mann.
[(Hamb. B.-H.)]
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Edition: [Friedrich Engels: Fort Malghera soll genommen sein. In: MEGA2 I/7. S. 264.]
Wien, 28. Juni.
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Lemberg, 28. Juni.
Die galizischen Abgeordneten zu dem Wiener Reichstag, sollen folgende Punkte daselbst zur Ausführung bringen: 1) Oesterreich wird ein monarchisch-konstitutioneller Förderativstaat sein. 2) Jede Nation, die bis jetzt eine Provinz für sich bildet, wird seine eigene Vertretung und sein eigenes Wahlrecht haben. 3) Die Vertretung und die Wahlen sollen von Abgeordnecen des Reichstages und andern Staatsbürgern, die nach dem bisherigen Wahlmodus gewählt worden, geleitet werden. 4) Von jeder Nationalrepräsentation aus jeglicher Provinz sollen Deputirte als Zeugen zum Central-Reichstage abgeschickt werden. 5) Jede Provinz wird ihre eigene Landesregierung haben, mit eigenem Ministerium. Sie wird aus Männern der Landesrepräsentation zusammengesetzt. 6) Mit Ausnahme der Gouverneure werden alle Beamtenstellen nur mit Landeseingebornen besetzt werden.
[(A. D. Z.)]
Polen.
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Warschau, 25. Juni.
Am 25. Juni ist die Gemahlin und die Tochter des Statthalters von Petersburg hierselbst angelangt. ‒ Im Gegensatz zu den fast täglich im Königreich angeordneten Vermögenskonfiskationen sind neuerdings einige Konfiskationsaufhebungen angeordnet worden, und zwar in Betreff des Stanislaus Chelmski im Gouvernement Kalisch und des Napoleon Otocki aus dem Gouvernement Warschau. ‒ Die Fonds der Sparkasse sind seit 3 Monaten von mehr als einer Million auf auf die Summe von 370,255 polnische Gulden herabgesunken. ‒ Die Regierung erklärt an die Zollkammern der preußischen und österreichischen Grenzen, daß das Verbot der Ausfuhr von Gold- und Silbermünzen sich nur auf die polnischen und russischen bezieht und daß die ausländlischen nach wie vor aus dem Lande gehen dürfen.
[(D. A. Z.)]
Rußland.
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Riga, im Junius.
Man ist hier zum Kampfe gerüstet, und rüstet sich noch immer mehr. An den Festungsarbeiten von Riga wird alle Tage gearbeitet, die Wälle sind mit Kanonen bespickt, die Truppen die noch nicht marschirten haben Befehl bekommen, sich marschfertig zu halten, die beurlaubten Officiere und Soldaten werden aus der weitesten Ferne einberufen. Die Generale, die Offiziere und die Truppen auf Befehl der Offiziere brennen vor Begierde sich mit den Franzosen, denn diese schob man vor, und mit den Deutschen zu messen, die man hinter den Franzosen herschimmern läßt. Alles marschirt nach Polen und auf die deutsche Gränze zu. Auch das aus 800 Mann bestehende Scharfschützenbataillon in Mitau ging gestern dahin ab.
Der russische Soldat im allgemeinen schießt so schlecht wie möglich. Ich habe das selber zu oft erlebt. Die Obersten haben es daher auch nicht gern, wenn man als Fremder ihren Schießübungen zusieht. Mögen die Petersburger Garden ganz stattliche
[Feuilleton]
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Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben
von Georg Weerth.
Das Dasein des Herrn Preisz gewinnt eine welthistorische Bedeutung.
Hastigen Schrittes betrat der Herr Preiß das Komptoir. Er trug eine weiße Halsbinde; die breiten, weißen Vatermörder reichten bis unter das Ohrläppchen. Hemdkrause, Weste und Frack standen ihm vortrefflich. Die Stiefel des Herrn Preiß waren außerordentlich blank.
„Der Herr Preiß geht gewiß auf eine Kindtaufe“ ‒ murmelte der Korrespondent.
„Zum allerwenigsten auf ein Leichenbegängniß“ ‒ erwiederte der Lehrling. Da hatte der geschäftige Handelsherr das Komptoir durchschritten. Ein bedeutungsvoller Wink jagte den Buchhalter Lenz von seiner Arbeit auf und Herr und Diener standen bald im Nebenzimmer des Komptoires, in dem Geheimkabinet des Geschäftes.
Ehe die Konversation begann, hatte der Buchhalter Gelegenheit, seinen Herrn noch einmal von Kopf bis zu Fuß zu beschauen. Der Herr Preiß war in sichtlicher Aufregung. Das Blut war ihm in die Wangen gestiegen, er zitterte. Vergebens suchte er den Sturm seiner Seele unter der feierlichsten Gelassenheit zu verbergen.
„Setzen Sie sich, Lenz“, sprach der Herr Preiß, „ich versichere Ihnen, wir leben in einer sonderbaren Zeit, die Ereignisse überpurzeln sich, die Weltgeschichte jagt mit vier und zwanzig Pferden. ‒ “
„„Mit vier und zwanzig Postpferden ‒ ““ setzte der Buchhalter hinzu. Da saßen Herr und Diener einander gegenüber. Lenz nahm eine Prise. Der Herr Preiß stemmte die Fäuste in die Seite und legte den Kopf zwischen die Vatermörder.
„Hören Sie aufmerksam zu, Lenz!“
„„Ich bin ganz zu Ihrem Wohlgefallen, Herr Preiß.““
„Ich habe ein höchst wichtiges Schreiben bekommen. Ein Schreiben, welches Epoche in meinem Leben macht. Denken Sie sich Lenz ‒ “
„„Ich denke, Herr Preiß. ‒ ““
„Denken Sie sich, daß unser Projekt ‒ “
„„In Hopfen zu spekuliren ‒ ?““
„Halten Sie das Maul, Lenz! Verschonen Sie mich mit diesen trivialen Einwürfen; ich bin wahrhaftig in keiner Hopfenstimmung, die Zeiten sind zu gewitterschwanger, die Weltgeschichte rollt ‒ denken Sie sich, Lenz ‒ “
„„Ich denke, Herr Preiß ‒ ““
„Denken Sie sich, daß unser Plan ‒ “
„„Eine Oelmühle zu bauen ‒ ?““
„Heiliger Schöpfer Himmels und der Erden, fallen Sie mir nicht in's Wort, Lenz. Es ist entsetzlich, Sie machen mich krank mit Ihren wohlgemeinten Bemerkungen. Wenn Sie die Wichtigkeit dieses Augenblicks nicht von vorn herein einsehen können, so warten Sie wenigstens, bis ich fertig bin, bis Ihnen eine Laterne im Schädel aufgeht. ‒ ‒ Denken Sie sich, Lenz ‒ ‒ “
„„Ich denke, Herr Preiß. ‒ ““
„Denken Sie sich, daß unsere Absicht, Shrapnell's zu fabriziren, allerhöchsten Ortes die günstigste Aufnahme gefunden hat.“
„„Was Sie sagen, Herr Preiß!““
„Der General Schwefel von Höllenstein, der Kommandant des tausendvierzigsten Armeekorps, ist entzückt darüber.“
„Der edle von Höllenstein!““
„Der General Schwerenoth von Donnerwetter, Kommandant der berittenen Kameel-Artillerie, ist voll meines Lobes.“
„„Der würdige von Donnerwetter!““
„Der Admiral, Freiherr von der Brandrakete, der sich am meisten in Betreff des Preises, der Qualität und der Lieferzeit unsrer Shrapnell's beschäftigt zu haben scheint, hat indeß dem Entzücken und dem Lobe auch die praktische Berücksichtigung unserer Eingabe folgen lassen, indem er Sr. Heiterkeit bei dem letzten Reichsfrühstück einen sorgfältig ausgearbeiteten Vortrag darüber gehalten hat.“
„„Gott segne den Herrn von der Brandrakete!““
„Ja, ich hatte mich nicht geirrt, die Shrapnell-Fabrikation mußte ziehen. Namentlich hat es Anklang gefunden, daß wir diese mörderischen Dinger: „Pillen gegen das souveräne Volk“ nennen.
„„Und daß wir sie in Rosapapier verpacken?““ „Allerdings, Lenz!“
„„Aber da werden wir wohl gleich eine gute Bestellung bekommen haben?““
Hier entstand eine Pause. Die Lippen des Herrn Preiß umspielte ein mitleidiges Lächeln.
„Aber haben Sie denn wirklich gar keine Ahnung von dem, was ich Ihnen eigentlich erzählen will?“ Der Buchhalter wurde sehr aufmerksam.
„Können Sie nicht begreifen, daß es sich weniger um die Shrapnells selbst als um die loyale Bereitwilligkeit handelt, mit der ich den Staat unterstützen wollte?“ Lenz öffnete den Mund vor Erstaunen.
„O, die Zeiten haben sich geändert! Wir stehen an der Schwelle einer schönen Zukunft.“
Der Buchhalter verlor fast den Verstand. Er war so sehr daran gewöhnt, seinen Herrn über die Noth des Jahrhunderts klagen zu hören, daß ihm die plötzliche Verheißung einer schönen Zukunft wie das blauste Räthsel erscheinen mußte.
„Ja, das Morgenroth der Freiheit ist über uns aufgegangen. Das Vaterland erwacht aus seiner Erstarrung. Die Macht der Tyrannen ist gebrochen und Männer des Volkes sind berufen, die Segnungen einer glorreichen Revolution zum Segen einer ganzen Nation zu machen.“
„„Segnungen einer glorreichen Revolution?““ fragte sich der Buchhalter. Es wurde ihm gelb und grün vor den Augen. Die Ansichten des Hrn. Preiß schienen sich über Nacht bedeutend geändert zu haben.
„Zitternd auf ihren Thronen, schauen die Fürsten hinunter in die
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Reihen ihrer schlichtesten Bürger. Dort stehen die Männer, welche das Wrack des Staates retten, welche es mit kräftiger Faust durch den Schaum des Orkans zurück in den sicher schaukelnden Hafen geleiten können.“ Dem Buchhalter Lenz brach der Angstschweiß aus; noch nie hatte ihn der würdige Herr mit so blumenreichen Redensarten überschüttet.
„Ist es daher ein Wunder, Lenz, daß man auch auf mich sein Auge geworfen? ‒“ Der Buchhalter wollte eine Prise nehmen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst.
„Ist es ein Wunder, daß man auch mich aus dem Dunkel des Geschäftslebens herausreißt, um meinen Fähigkeiten den Platz anzuweisen, der ihnen im Buche des Schicksals bestimmt war?“
„„Sie sind ein großer Mann!““ murmelte der Buchhalter ‒ „„schon durch Ihre Oelspekulationen haben Sie sich weit und breit bekannt gemacht.““
Unangenehm berührte es den Hrn. Preiß, in seinen feierlichsten Momenten immer wieder an Oel und dergleichen erinnert zu werden. Der Buchhalter schien dies aber gar nicht zu merken ‒ „„auch durch Ihre Unternehmungen in Korn, machten Sie sich sehr verdient um die Gesellschaft ‒““ wiederum war es Hrn. Preiß, als schüttete Jemand einen Eimer kaltes Wasser über seinen Kopf ‒ „„wüßten die Leute aber erst, was Sie in Quadratfüßen ‒ ‒““ hier verlor der Hr. Preiß die Geduld ‒ ‒
„Genug, die Shrapnell's haben den Ausschlag gegeben ‒“ rief er; „aus sicherer Quelle weiß ich, daß man mich in der Residenz zur Bildung eines neuen Ministeriums erwartet.
Der Buchhalter Lenz hätte vor Schrecken fast ein Kind gekriegt.
„„Exzellenz!““ stotterte er, seine Nase erblaßte.
Auf das ganz ungegründete Gerücht hin, daß der Hr. Preiß Minister-Präsident werde, warfen ihm rohe Proletarier aber noch selbigen Abends die Fenster ein.
[Rußland]
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@facs0178
[Fortsetzung] und wohldressirte Leute sein, die Garden allein entscheiden die Sache noch nicht. Auf den russischen Soldaten als solchen kommt es an. Mit diesem aber sieht es schlimm genug aus. Wer war jemals in Rußland und fühlte sich nicht überrascht von den Cohorten des Elends! Gelbfahle Gesichter mit eingefallenen Wangen, in denen sich der Hunger eingenistet! Denn die Speisen, die ihnen die Krone zuweist, werden ihnen von den Obersten, den Vätern der Regimenter, sorgsamst aus gewissen Hinterhalten zugetheilt. Soldaten die in den Städten auf dem Posten stehen, flehen den Daherkommenden mit leiser Stimme an: man möge einen Kopeken zur Erde werfen, den sie später nach vielem Umsichblicken vorsichtig aufheben, denn es wäre ja möglich, daß sie theilen müßten. Dann bei diesem Hunger die ungeheuren Märsche, auf welchen sie wie Fliegen sterben, was nur der erfährt, der es selber miterlebte. Aber dennoch ist der russische Soldat tapfer, weil er den Tod nicht fürchtet, der schon in Friedenszeiten mit Hunger, Strapazen und Knuten tüchtig auf ihn einhieb.
Ungarn.
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@facs0178
Pesth, 27. Juni.
Aus Temeswar sind gestern hier neue beunruhigende Nachrichten eingegangen. Unter Anführung von Georg Stanimirovich und Novakovich rückten 700 Aufständische am 23. Juni gegen die Stadt Weißkirchen und foderten den dortigen Oberstlieutenant Dreihahn zur Unterwerfung auf. Dieser übergab ihnen ohne allen Widerstand die Stadt mit 3 Kanonen, 215 Schießgewehren, 30 Ctr. Pulver und einer Kompagnie Soldaten. Der Oberstlieutenant Dreihahn wird des Verraths beschuldigt, indem er auch 1200 Nationalgardisten hätte aufbieten können. Von Weißkirchen rückten die Aufständischen am 24. Juni gegen Werschetz bei Temeswar, wo am 25. Juni ein Treffen erwartet wurde. Georg Stanimirovich ist aus Serbien und in seinem Trupp waren auch die meisten aus Belgrad herübergekommenen Aufwiegler. Schon früher plünderte ein solcher Haufe in Titel im Csaikistenbezirke. Dagegen lauten die Nachrichten aus Karlowitz und Neusatz erfreulicher. Ein sehr großer Theil der csaikistischen, kroatischen und slawonischen Grenzer und Bauern haben in Folge der königl. Proklamationen die Lager bei Karlowitz und in den sogenannten römischen Schanzen verlassen und sind nach Hause gegangen. Der König hat neuerdings eine Proklamation an die Csaikisten gerichtet, in welcher er ihnen streng befiehlt, die in Titel weggenommenen Kanonen und Waffen zurückzustellen und ruhig nach Hause zu gehen. In Neusatz soll die ungarische Fahne wehen. Der Banus von Kroatien, Baron Joseph Jellachich, welcher am 20. Juni Innsbruck verlassen, soll in Agram eingetroffen sein. Der Agitator Dr. L. Gaj dagegen soll die Flucht ergriffen haben.
[(D. A. Z.)]
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@facs0178
Pesth, 26. Juni.
Der türkische Gesandte, welcher aus Innsbruck vorgestern ankam, reiste heute weiter nach Konstantinopel. Er soll in Innsbruck den dringenden Auftrag erhalten haben, bei seiner Regierung die strenge Verwarnung des Fürsten von Serbien gegen jeden feindseligen Schritt zu befürworten, welcher das friedliche Verhältniß der Pforte mit Ungarn resp. Oesterreich stören könnte. ‒ Aus Innsbruck hat das Ministerium günstige Nachrichten erhalten. Die serbische und die kroatische Deputation wurde als solche bei dem König nicht vorgelassen. Den einzelnen Mitgliedern derselben aber erklärte der König in einer Privataudienz, daß die Beschlüsse der agramer Landescongregation und des karlowitzer Kongresses gesetzwidrig gefaßt worden, daß sie ihm ihre Wünsche nur mittels des allgemeinen ungarischen Reichstags und des ungarischen Ministeriums vortragen können. Uebrigens werde er ihre Rechte stets unverletzt aufrecht erhalten. Der Erzherzog Johann ist bekanntlich zum Vermittler zwischen Ungarn und den Illyriern ernannt. Eine Landescongregation in Agram und eine griechische Synode in Temeswar sollen die Wünsche und Foderungen der Illyrier formuliren. Die königl. Proklamation an die Serbianer hat eine gute Wirkung gemacht. Ein großer Theil von ihnen hat die Waffen niedergelegt, ohne jedoch die Ansprüche einer nationalen Selbstständigkeit aufzugeben. In jener Stelle der Proklamation, wo der König den Serbianern ihre Sprache und „Nationalität“ garantirt, sehen sie eben die Zusicherung einer nationalen Selbstständigkeit, indem es außer der Sprache keine andere Nationalität gebe als die Selbstständigkeit.
‒ Die Agramer Zeitung vom 24. Juni bringt unter der Rubrik „Neuestes“ folgende Nachricht: Die Serben haben bei Kikinda einen glänzenden Sieg über ihre Feinde errungen. Sie erbeuteten acht Kanonen und haben nur fünf Czaikisten und drei Serben unter den Todten, während der Feind eine weit größere Anzahl von Todten und Verwundeten hat. Der österreichische Consul in Belgrad hat gegen das Bombardement und die Gewaltthaten einen Protest eingelegt.
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@facs0178
Peterwardein, 21. Juni.
Ich freue mich, melden zu können, daß sowohl die Grenzer als auch die aufgestandene illyrische Bevölkerung in Folge der Publikation des kaiserl. Manifestes sich unserm Landesministerium unterworfen haben und somit die im Lager bei Jarek, Titel und Perlas versammelt gewesenen Csaikisten, Deutschbanater- und Peterwardeiner-Grenzer, zu Pflicht und Gehorsam zurückkehrend, auf dem Wege nach ihrer Heimath sich befinden.
[(Pesth. Z.)]
Belgien.
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@facs0178
Brüssel 5. Juli.
Der greise 81jährige General Mellinet wird so eben arretirt unter dem lächerlichen Vorwand in die Affaire Risquons-Toot verwickelt zu sein. Die liberale Musterregierung fühlt sich erst sicher, sobald sie alle Größen der Septemberrevolution, der sie ihren Ursprung verdankt, unter Schloß und Riegel weiß. Mellinet war der einzige belgische General, der Lorbeeren in dem belgischen Krieg gegen die Holländer gewonnen hat und in seinem Siegeszuge nach Maestricht nur durch die Verrätherei desselben Rogier aufgehalten wurde, der ihn heute einsperren läßt.
Zu Charleroi läßt die Regierung in brutalster Weise Hrn. Delean einen Schriftsteller der Opposition expulsiren ‒ einen an eine belgische Frau verheiratheten Franzosen, der Belgien seit sieben Jahren bewohnt und allgemein geachtet war. Zwei Professoren derselben Stadt empfangen einige Tage später ihre Entlassung wegen zu avancirter politischen Meinungen und die Regierung hört deßwegen nicht auf sich majestätisch liberal, progressiv, tolerant, gerecht und billig zu tituliren. Aber was hätten denn die Herren Rogier und Chazal gesagt, ‒ selbst zwei Franzosen ‒ wenn der König Wilhelm sie vertrieben hätten, an der Gränzscheide des ancien règime, als sie die belgische Gastfreundschaft benutzten, um der nassauischen Dynastie den heftigsten Krieg zu machen?
[(L'Union Konstitutionelle.)]
Italien.
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@facs0178
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 6. Juli 1848. In: MEGA2 I/7. S. 265.]
[*] Turin, 28. Juni.
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@facs0178
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 6. Juli 1848. In: MEGA2 I/7. S. 265.]
[*] Florenz, 24. Juni.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
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@facs0178
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 6. Juli 1848. In: MEGA2 I/7. S. 265.]
[*] Florenz, 27. Juni.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
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@facs0178
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 6. Juli 1848. In: MEGA2 I/7. S. 265.]
[*] Modena, 22. Juni.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Französische Republik.
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[*] Paris, 3. Juli.
Guizot giebt jetzt ein Blatt zu London heraus, den „Spektateur de Londres“. Er zeichnet seine Artikel unter dem Pseudonym „Georges de Klindworth“. Wir geben hier den Schluß seines im „Spektateur“ veröffentlichten Programms:
„Die Fürsten fliehen vom Thron, ohne das Schwerdt zu ziehn, oder verstehn sich zu unmöglichen und schimpflichen Transaktionen. Die Staatsmänner haben weder die Einsicht der Zukunft, noch die Empfindung der Gegenwart, noch den Muth der Vergangenheit. Die Richter bleiben auf ihren Sitzen, nicht mit der stoischen Unempfindlichkeit des Gesetzes, sondern mit der Gleichgültigkeit des Egoismus. Der Priester beugt das Haupt unter eine komödienhafte und höhnische Sympathie, als wenn es ihm erlaubt wäre abzudanken, auch ihm. Die Revolutionäre selbst sind eben so nichtig, eben so ohnmächtig als die blaßen Gegner, die sie bekämpfen. Erbärmliche Parodisten einer andern Epoche umgeben sie mit eitlem Schaugepräng die kindisch gewordene Revolution. Die Ordnungslosigkeit ist heute stationär, zugebraust durch die entgegengesetzten Winde aller Horizonte zugleich. Es ist dies die Stagnation im Sturm.“
Von der Mittelklasse sagt Guizot: „Wenn wir die Mittelklasse betrachten, so begierig überall sich der Gewalt zu bemächtigen, aber zugleich so wenig muthig, so voreingenommen von Privatinteressen und trotz ihrer sogenannten Wissenschaft und dem Schulsystem, so gänzlich entblößt von Urtheilskraft und von politischer Erfahrung, so werden wir nicht verwundert sein, daß sie hier die Macht sich entschlüpfen läßt, daß sie dort nahe daran scheint, sie zu verlieren, und daß sie überall sich überfluthet oder im Schach gehalten fühlt durch den Radikalismus.“
Wie wenig Herr Guizot selbst seine alte Ideologie abgestreift hat, wie wenig er dahin gelangt ist, die politischen Erscheinungen in ihrem Zusammenhang mit den wirklichen Lebensverhältnissen aufzufassen, beweist z. B. folgender Passus:
„Es giebt keine einzige Thatsache, kein einziges Ereigniß, kein einziger politischer Akt, der nicht das Resultat eines Prinzips wäre, eines falschen oder eines wahren Prinzips. So hat z. B. die materialistische Philosophie des 18. Jahrhunderts, lange Zeit geliebkost von allen europäischen Fürsten, den Sturm vorbereitet, in dem die alte französische Konstitution zu Grunde ging und dessen letzte Schläge heute neue Revolutionen im größten Theil des Kontinents hervorbringen.“
Die Times hat einmal mit Recht bemerkt, daß Herr Guizot weder die Industrie, noch den Handel, noch ihre Geschichte kennt. Der ideelle Ausdruck der historischen Bedürfnisse und Bewegungen, ‒ das Prinzip, die Thorie ‒ gelten ihm daher für den Grund dieser Bewegungen und Bedürfnisse. So konnte es kommen, daß dieser Mann lange wähnte, sein System, seine Doktrin, seine Prinzipien ins Werk zu setzen, während er in Wirklichkeit die gegebenen Interessen einer kleiner Fraktion der französischen Bourgeoisie zum Prinzip erhob, und doktrinär verherrlichte.
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@facs0178
[15] Paris, 3. Juli.
Die neuen Thermidorier proskribiren seit acht Tagen und werden noch lange fort proskribiren. So eben ward Grandmenil, der ehemalige Gerant von La Reforme und braver Militärarzt, seit lange in der ersten Reihe der Demokraten, verhaftet; ein reicher Finanzier aus der Rue Hauteville, der das jetzt unterdrückte Blatt „Organisation du Travail“ mit Geld unterstützte, war ihm bereits in den Kerker vorausgegangen; gegen Cabet ist gestern der Verhaftsbefehl unterzeichnet worden, doch hatte Cabet sich wohlweislich auf's Land zurückgezogen, Ribeyrolles Redakteur en chef von La Reforme, sieht täglich einem gleichen entgegen; Lachambaudie, der bekannte Dichter der Demokratie, ist verhaftet. Alle die je mit den Maigefangenen in Berührung gestanden, werden verhaftet. Tag und Nacht ist der lange „Arm der Gerechtigkeit“ in rastloser Bewegung, und er dürfte Personen in diesen Tagen erhaschen, die vor der Mordschlacht in den höchsten Aemtern sich befanden. Unleugbar ist es oft auch persönlicher Haß, der jenen Arm lenkt. ‒ Noch immer erfährt man neue Details über die Heldenthaten der Bourgeois und Mobilgarde. Augenzeugen versichern im vertrauten Gespräche (das Spioniren ist im besten Gange), daß die namenlosesten Ausschweifungen am Sonntage und Montage von den berauschten und aufgehetzten Mobilgarden verübt worden. Im Luxemburger Garten trieben sie 57 Gefangene zusammen, rissen ihnen die Blousen und Hemden in Fetzen zerschlugen ihnen mit Kolben und Fäusten die Gesichter, zerzausten ihnen Haar und Bart, und schossen endlich die Halbnackten und Bluttriefenden in einem Pelotonfeuer an der Mauer nieder; was noch überlebte, verendete unter Bajonettstößen. Wir haben diese 1793ger Exekution nicht gesehen, waren aber Ohrenzeugen des grausigen Geschreis, der dumpfen Schläge und Püffe, und zuletzt der Gewehrsalven; das Ganze mochte dreißig Minuten gedauert haben. Gesehen haben wir mit unsern Augen wie drei Mobile und ein republikanischer Gardist einen blutenden Blousenmann in der im Durchstichsbau begriffenen Straße St. Hyacinth, am Pantheon, bei Armen und Beinen packten, unter Flüchen in ein Loch am Mauerwerk schleuderten und von oben herab todtschossen; chien, va (Hund, geh) schrieen sie ihm nach. Als die kolossale Barrikade im Quartier Latin und XII. Arrondissement, Ecke der Straßen St. Jacques und Mathurins, wo nach Arago's Aussage der Insurgentenhauptmann in einer Unterredung „als Ehrenmann“ sich vorher benommen, gestürmt war, mußten wieder vierzig Ouvriers die Waffen strecken und wurden an der Mauer des gothischen Hotel Cluny erschossen.
So eben erzählt man, auf Frau George Sand werde gefahndet; die Banditenattake der zweiten Legion auf den Volksrepräsentanten Louis Blanc bleibt unbeachtet. In mehrern Hospitälern transportirt das Verwaltungskomite derselben jetzt jeden Blessirten, der des Aufruhrs auch nur verdächtig scheint, in einen besondern Saal, wo ein Wachtposten der Nationalgarde unter einem Oberlieutenant steht; an den Saalthüren paradiren Bourgeois Gewehr im Arm. Wer eine breite Wunde von einem Pflasterstein- und Granatenbruchstück trägt, ist natürlich zum Insurgenten gestempelt. Die Gestalt der Kugeln wird jetzt schriftlich und mündlich bis zum Ekel verhandelt; daß sie oft sehr absonderlich gewesen, bezeugen die Wunden und einzelne Exemplare, z. B. zackig, oder spitzig; aber es ist augenscheinlich daß dies nicht absichtlich geschehen um Todwunden zu verursachen, sondern aus Mangel an Zeit und Kugelgußapparaten. Wenigstens ist so viel klar daß die Wandnägel, die voll Metall gegossenen Fingerhüte, die zusammengerollten Messingdräthe und Ringe von Fenster- und Bettgardinen, die Glaskügelchen aus Halsbändern und die geknäulten Zinn- und Bleistreifen von Dachrinnen aus Nothbehelf verschossen wurden; zumal in den vielen Patronen, die man während des Gefechts unter den Kleidern von Damen und Arbeiterinnen entdeckte, gerade nur gewöhnliche Kugeln waren. Das Gerede endlich von Giftkugeln erweist sich als faktische Lüge; es wird schon durch die materielle Unmöglichkeit entkräftet, Arsenik oder Grünspan in tödtender Dosis auf der Kugel zu befestigen; von Blau- und Schwefelsäure u. dgl. nicht zu sprechen.
Die Geschäfte gehen wieder scheinbar ihren Gang; man sieht weniger Nationalgardenwachen auf der Straße stehen, und das langgedehnte Feldgeschrei: Sentinelle prenez garde à vous, das bisher von Ecke zu Ecke alle 10 Minuten Nachts ertönte, nimmt ab. Unvergeßlich wird aber jedem der Anblick der Stadt in den drei letzten Bluttagen bleiben: kein Wagen, kein Civilreiter, kein Hund, kein Kind auf den Gassen, alle Fenster und Thüren zu, kein Boot auf der Seine, kein Handwerksgeräusch, kein laufendes Brunnenwasser, fast kein Schornsteindampfen. (Die meisten Einwohner mußten wegen Kommunikationsmangel fasten). ‒ So eben kommt die Nachricht, 560 „Räuber“ seien von den Bauern gefangen und hundert auf dem Fleck füsilirt worden; der Rest kommt in die Forts.
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[8] Paris, 3. Juli.
Den Kämpfen der Slawenrace in Böhmen, Ungarn und Polen, folgt man hier trotz unserer innern Gährungen mit sehr aufmerksamem Auge. In Bezug auf die Slawen-Propaganda, versicherte man uns gestern, sei George Sand in den Besitz von Papieren gelangt, welche den von hier verbannten Rus- [0179] sen, M. Bakunin, stark kompromittirten, indem sie ihn als ein Werkzeug oder in jüngster Zeit gewonnenen Agenten Rußlands darstellen, den der größte Theil der Schuld der neuerdings verhafteten unglücklichen polnischen Patrioten treffe. George Sand hat diese Papiere einigen ihrer Vertrauten gezeigt. Wir haben hier nichts gegen ein Slawenreich, aber durch den Verrath der polnischen Patrioten wird es nimmermehr zu Stande kommen.
‒ Flocon, der Exminister, zog bekanntlich am 23. in der Nationalversammlung gegen die Intrigue zu Felde, die im Auslande gegen die Republik gesponnen wurde. Er nannte zwar kein Land, bezeichnete es aber mit den Worten: „á l'étranger“, was lange Zeit mit England gleichlautend hieß. Lord Normanby hat in Folge dessen dem Minister Bastide im Namen Palmerstons eine energische Protestation zugehen lassen, worauf ihm heute unser armer Bastide demüthigst Folgendes antwortet: „Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten an S. Excellenz den Hr. Gesandten von England. Milord. Meine Meinung und diejenige meiner Regierung ist, daß die Regierung J. M. der Königin zu loyal ist, um irgend einen Theil an der Aufwiegelung zu den schrecklichen Ereignissen von Paris genommen zu haben. Ich sehe durchaus nichts Anstössiges darin, daß Sie dieser Erklärung sowohl als Ihrer Note diejenige Veröffentlichung geben, die Sie für passend finden. Ich würde dieß selbst mit um so größerem Vergnügen sehen, als dieß eine neue Probe der gegenseitigen Freundschaftsgefühle wäre, die unsere beiden Regierungen beleben. Ich habe die Ehre zu sein, Milord, Ihr ganz ergebenster
(gez.) Jules Bastide.
‒ Die Theater von Paris haben die Erlaubniß erhalten, ihre Vorstellungen wieder zu beginnen, aber mit der Bedingung, daß der Vorhang um 10 Uhr fällt.
‒ Herr Gornet, der nach der „Gazette des Tribunaur“ fusillirt worden ist, (siehe d. gestr. Ztg.) protestirt heute im „Journal des Dèbats“ gegen diese Verläumdung.
‒ Die „Reforme“ bringt einen Artikel unter der Ueberschrift: „Die Conspiration der Verläumdung.“ Sie zeigt in diesem Artikel vor allem ihre Ohnmacht zu begreifen, wie trotz des allgemeinen Wahlrechts so tragische Konflikte statt haben konnten. Die altrepublikanische Partei ist durch die jüngsten Ereignisse wie vor den Kopf geschlagen; ihre alten Phrasen haben den Sinn verloren; ihre politischen Dogmen zerschellen an den Thatsachen. Wir entfernen aus diesem Artikel alle Stellen, welche nichts als irre Ausdrücke einer über sich selbst erschrockenen Rathlosigkeit sind. Die Reforme beginnt ihren Artikel mit der Auseinansetzung der Gründe, die sie bestimmt haben, seit 10 Tagen schweigend „den Bürgerkrieg mit allen seinen Diktaturen“ an sich vorüberziehen zu lassen. Die freie Sprache war nicht erlaubt; die Polemik konnte überdem die blutende Wunde nur noch weiter aufreißen u. s. w.
„Aber,“ fährt sie fort, „wir wollen nicht, wir dürfen nicht länger die Sache der Gerechtigkeit desertiren, die Rechte des Unglücks und die Pflichten der Presse gegen die Besiegten. Diese schmählichen Saturnalien, die sich vor unsern Augen aufrollen, dieses öffentliche Ausschreien verdächtiger Namen, diese infamen Denunciationen, diese wilden Verläumdungen, die von allen Seiten her zischen, diese wüsten Ausschweifungen der Parteien, die sich zu Lieferanten der Kerker machen, alles das ist traurig und verdient Züchtigung, denn es entehrt, es erniedrigt ein Land: es ist dies die Gemeinheit und die Gewaltsamkeit zusammengekuppelt. Glaubt man der Sache der Civilisation zu dienen, indem man Barrikaden von Verläumdungen aufwirft gegen die Barrikaden der Empörung, indem man ganze Stadtviertel als ein Bagno denuncirt, als ein Lager von Verpesteten, indem man vergiftete Chroniken erfindet, so scheußliche Chroniken, daß sie die Annalen eines Volkes von Menschenfressern besudeln würden? ‒ Wir sind und waren gegen die Junirevolution, ‒ Aber in diesem Hauptpunkt einverstanden, daß es keine legitime Insurrektion gibt, wenn das Recht existirt (das allgemeine Wahlrecht) und sich bethätigen kann, haben wir nur Entrüstung und Verachtung für die Verkäufer der gräulichen Verläumdungen, die da Handel treiben mit abgeschnittenen Köpfen, Wahlsprüchen des Verbrecherargots, brennendem Vitriol, schauerlichen Verstümmlungen, vergifteten Waaren und vor allem mit ewigen Denunciationen gegen die Feinde, welche sie geniren und die sie verderben wollen, indem sie sie dem Henker als Beute hinwerfen. Die Journale der Reaktion, welche Boutique halten mit diesen Schlächtereien und so ihre alten Rachepläne ausführen, haben sie die Thatsachen verificirt durch eine ernsthafte Untersuchung, ehe sie dieselben als Futter hinwarfen dem Haß, der Furcht! Haben sie so viel Ehrgefühl besessen zu kontrolliren, ehe sie denuncirten, ehe sie die öffentliche Meinung, die Justiz, die Leidenschaften des Augenblicks provocirten? Nein, tausend Mal nein! Nicht ein einziges dieser Blätter kann Zeugen beibringen, Beweise liefern und die Regierung selbst hat die Mehrzahl dieser ekelhaften Geschichten Lügen gestraft, welche die Presse der Reaktion erfindet und verbreitet zum Vortheil ihrer Ideen und ihrer Staatsmänner, die unter den Barrikaden des Februars vergraben lagen. Was dem Volk fehlt, ist nicht das Gewissen, es ist das Vertrauen auf die Institutionen, es ist die Ueberzeugung, daß seine Eroberungen ihm nicht gestohlen werden. So oft hat man es betrogen! Die Könige und die Aristokraten haben es so lange beherrscht durch die Gewalt und durch die List, man hat es so oft verdammt, wie Samson, die Säulen des Tempels zu erschüttern, daß in seinen Augen die Gewalt das nothwendige Instrument ist, das fatale Instrument aller socialen und politischen Entwicklungen.“
‒ Pagnerre, Generalsekretär des Vollziehungsausschusses und der provisorischen Regierung, hat sein unbezahltes Amt als Direktor der Nationalwechselbank niedergelegt.
‒ Huber's Verwundung und Arrestation, die wir gestern meldeten, bestätigt sich nicht. Derselbe hat trotz allen emsigen Nachforschungen der Polizei bis heute noch nicht aufgefunden werden können.
‒ Goudchaux, der neue Finanzminister hat heute seine großen Rettungspläne der Nationalversammlung vorgelegt. Sie zertrümmern mit weniger Ausnahme Alles, was die Februar-Revolution geschaffen. (Siehe die Sitzung der Nationalversammlung vom 3. Juli.
Molé will an Thiers Stelle im Departement der Gironde als Kandidat der Nationalversammlung auftreten. Die Mobilgarden werden Paris verlassen und an die französischen Gränzen versetzt werden. 300 neue Arrestationen haben seit zwei Tagen statt gefunden.
Die „Demokratie Pacifique“ ruft dem „Constitutionel“ zu: Schacherer in Feuilletons, wenn der Socialismus so verbrecherisch ist, wie Ihr sagt, schlagt euch selbst am meisten die Brust, denn Ihr habt die erregendsten socialistischen Romane von Eugen Sue veröffentlicht; wenn das Gemälde des Elends das Volk vergiftet, habt Ihr es vergiftet bis auf das Mark der Knochen und dieß ohne Glauben, ohne Ueberzeugung, aus blosem Merkantilismus. Zeigt also mehr Reue oder mehr Klugheit.
Die Thierspartei hat bei der Bildung der Bureaus der Nationalversammlung einen glänzenden Sieg davon getragen. Der Club der Straße von Poitiers, die Reunion des Herrn Baragnay-d'Hillier hat unter den 15 Präsidenten der Bureaus 9 der Ihrigen untergebracht. Von der alten Executivkommission ist nur Arago ernannt worden. Herr Marrast konnte in dem Bureau, dem er angehörte, nicht zur Präsidentschaft gelangen. Er erlag seinem Konkurrenten Vivien, einem Freunde von Thiers. Wir geben nachstehend die Liste der Präsidenten und Sekretäre der Bureaus, es ist dieß eine Statistik der Macht der verschiedenen Parteien in der Nationalversammlung.
Es sind genannt für das erste Büreau Girard und Chauffour, für das zweite Dufaure und Buffet, für das dritte Thiers und Louvet, für das vierte Pagès (de l'Ariége), für das fünfte Billault und Pèrignon, für das 6. G. de Beaumont und Chavoir, für das 7. F. Arago und B. Lafranc, für das 8. Baze und Pigeon, für das 9. Baroche und Aug. Avond, für das 10. Cormenin und Oscar Lafayette, für das 11. Dupin und Barailler, für das 12. Vivien und Guichard, für das 13. de Tracy und Freslon, für das 14. Byrand und Maissiat, für das 15. Berryer und St. Beuve.
‒ Die Nachricht, daß der verhaftete Grandmènil, Hauptredakteur und Gerant der Réforme ist, beruht auf einer von den Herrn des „Constitutionnel“ und des „Droit“ absichtlich ausgestreuten Lüge.
Nationalversammlung. Sitzung vom 3. Juli. Präsident Marie eröffnete dieselbe um 2 1/4 Uhr. Das Gerücht, die Pariser Bürgerwehr unterzeichne eine Petition, welche die Arretirung mehrerer Deputirten und selbst des kürzlich noch so gefeierten Lamartine beantrage und daß derselbe bei Gelegenheit der geheime Kreditdiskussionen das Wort ergreifen werde, hatte die Neugierde doppelt gehoben und die Tribünen frühzeitig gefüllt. Nach Verlesung des Protokolls und Ertheilung mehrerer Urlaube bestieg der Konseilpräsident Cavaignac den Redestuhl. Ich bin, begann er, vorigen Freitag die Verpflichtung Ihnen gegenüber eingegangen, Ihnen die Lage der Nationalwerkstätten am 23. Juni zu schildern. Wohlan, ich erkläre Ihnen, daß ich dieselben genau geprüft habe: die Beschaffenheit dieser Werkstätten im Augenblick des Ausbruchs der Insurrektion war eine furchtbare. Der Gedanke, der diese Anstalten ins Leben rief, mag ein guter, menschenfreundlicher gewesen sein, aber er wurde im Laufe der Zeit gänzlich entartet, indem sich diese Anstalten zu einer der drohendsten Gefahren umwandelten, welche je über der Freiheit schwebten. Wir Alle, die wir uns in Folge Ihres Vertrauens am Staatsruder befinden, waren von dieser Wahrheit durchdrungen. Jeder von uns kennt die Anstrengungen, welche die Versammlung machte, um diese Werkstätten der Staatsgefahr aufzuheben; ich brauche daher wohl nicht in die Einzelnheiten einzutreten, um ihnen das Furchtbare ihrer Organisation zu wiederholen. Das Gute, das sie schufen, wurde bei Weitem von dem Schlechten, das sie bargen, überwogen. Als sie sahen, daß sich die Bürgerwehr zu jedem Preise dieser Gefahr entledigen wollte, brach der Kampf los. Es ist erwiesen, daß die Nationalwerkstätten den thätigsten Theil am Kampfe nahmen. Die Zahl der Theilnehmer erreicht an 40,000. Der Effektivbestand der Werkstätten betrug am 23. Juni 105 bis 106,000 Mann. Die kräftigsten, geschicktesten, tüchtigsten Arbeiter derselben fielen im Kampfe oder wurden gefangen. Diese Thatsache hat die Untersuchungsbehörde amtlich ermittelt. Der Effektivbestand ist bedeutend geschmolzen, die ganze innere Organisation der Werkstätten, die, auf militärischer Grundlage gebaut, eine fortdauernde Staatsgefahr bildeten, ist radikal vernichtet (dissous) und ich kann der Versammlung die Versicherung geben, daß jede Gefahr vorüber ist.
Aber es bleibt uns noch eine gewisse Zahl honetter Arbeiter übrig, die sich keineswegs weigern, in die Privatwerkstätten zurückzukehren! Sie sind ohne Beschäftigung; der Finanzminister wird Ihnen die betreffenden Gesetzentwürfe vorlegen.
Goudhaux folgt dem Redner auf der Tribüne und legt seinen neuen Finanzplan vor. Derselbe besteht: 1) Im Rückzug des Eisenbahn-Expropriationsgesetzes. (Bravos.) 2) Rückzahlung der Sparkassenbeträge, theilweise in Geld, theilweise in Renten. 3) Rückzug der Expropriation der Assekuranzgesellschaft. 4) Beibehaltung des Hypothekar-Gesetzes, aber nur pro 1848. 5) Progressivsteuer auf Erbschaften und Schenkungen u. s. w.
Cavaignac nahm wiederholt das Wort, um die Eile oder Dringlichkeit dieser fünf Gesetzentwürfe zu bevorworten.
Sie wurde angenommen:
Lasteyrie brachte die Todtenfeier in Erwähnung. Sie wurde auf den 6. Juli mit großem Pomp festgesetzt. (4 Uhr.)
(Nach 4 Uhr.) Nach Anhörung des Lasteyrie'schen Antrages rücksichtlich der großen Leichenfeier schritt die Versammlung zu ihrer eigentlichen Tagesordnung zurück, indem sie die am Sonnabend abgebrochene Diskussion der Wahlordnung für die Gemeinde-, Arrondissements- und General- (oder Departements-) Räthe wieder aufnahm. Das neue Gesetz besteht aus 14 Paragraphen, denen unzählige Amendements angehängt wurden und die schon am Sonnabend den größten Theil der Sitzung in Anspruch nahmen. Clement stellte am Schluß der heutigen Debatte noch einen Additional-Paragraphen, welcher also lautet: „Die Sitzungen der Gemeinde-, Arrondissements- und Departementsräthe sind öffentlich, es müßte denn die Mehrheit der Glieder verlangen, daß sich die Versammlung als geheimen Ausschuß konstituire.“
Senard, Minister des Innern bekämpft diesen Additional-Paragraphen. Die Versammlung entschied jedoch die Oeffentlichkeit für die Sitzungen der General- oder Departements-Räthe. Nach dieser kleinen Schlappe für das neue Ministerium, zu der auch dieses Mal Marrast beitrug, indem er sich gegen die ministerielle Bekämpfung erhob, nahm die Versammlung das Gesammtgesetz mit unbedeutendem Mehr an und ging um 6 Uhr auseinander.
‒ Das Wichtigste der heutigen Sitzung sind die Goudchauxschen Finanzdekrets-Entwürfe, deren Text wir uns indeß bisher noch nicht verschaffen konnten. Wir müssen daher auf den Moniteur verweisen.
Großbritannien.
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[*] London, 3. Juli.
Die Times vergleicht heute die französischen mit den englischen Zuständen und bemerkt in Betreff der letztern: „Unsere Bevölkerung vermehrt sich alle 10 Jahre um eine Million. Unsere Armentaxe steigt und wird wahrscheinlich noch mehr steigen. Sollte der jetzige Zustand der Dinge fortdauern, so werden 6 Millionen Pfund nicht hinreichen, um die unproduktiven Paupers des Königreichs zu unterhalten. Unsere Armuth wird uns mehr kosten als unsere Marine. Mit einem Worte, wir werden für die unfruchtbarste Faulheit mehr bezahlen müssen, als für die Bewachung aller unsrer asiatischen, afrikanischen, amerikanischen und australischen Besitzungen. Und wenn alles dies geschehen ist, so wird wahrscheinlich, bei der jetzigen Lage der Bevökerung, noch genug Noth und Unzufriedenheit durchaus unbekannt und unberücksichtigt geblieben sein.“ Dann zu der Auswanderung nach den Kolonien, als dem einzigen Mittel gegen alle Noth übergehend, fährt die Times fort: „Wenn sich das Parlament nicht mit der Auswanderungsfrage beschäftigen will, so hört das englische Volk indeß nicht auf die Sache im Auge zu behalten. Die nationale Bedeutung der Kolonieen wird immer größer und immer besser erkannt. Jede Familie, die ihre Verbindungen in Amerika, in Australien oder am Kap hat, erhält monatliche Berichte über die Ressourcen und Bedürfnisse unserer dortigen Besitzungen. Man vergleicht das was man von dort hört, mit dem was man hier sieht. Man fühlt, daß es absurd ist, Menschen in einem Theile des Reiches hungern zu lassen, während sie in dem andern prosperiren und eben durch diese Prosperität dem Mutterlande wieder von unendlichem Nutzen sein könnten. ‒ In diesem Augenblicke konsumirt Australien mit seinen 280,000 Bewohnern mehr britische Manufaktur-Waaren und beschäftigt mehr britische Hände, als das ganze britische Nordamerika mit einer Population von 2 Millionen im Jahre 1774.
Was ist daher nicht von diesem Australien zu erwarten, wenn seine Bewohnerzahl sich verzehnfacht hat! Man sieht, die Times, die noch eben die Deportation der französischen Insurgenten als etwas kaum ausführbares in Zweifel zog, bleibt nichts destoweniger ihrem Lieblingsprojekt, der Emigration, getreu.
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@facs0179
[*] London, 1. Juli.
Das weitverbreitete Wochenblatt „The Economist,“ ein Organ der Freihandelspartei, spricht sich über die Junirevolution in einer Weise aus, die der deutschen Presse, insoweit sie den bürgerlichen Liberalismus vertritt, zu einigem Licht verhelfen könnte, wenn überhaupt die Bornirtheit dem Licht zugänglich wäre.
„. . . . Die schlimmsten Feinde Frankreichs, wie Diejenigen, welche von dem hastigen und übereilten Verfahren der provisorischen Regierung die schlimmsten Folgen erwarteten, haben ihre düstersten Ahnungen in den schrecklichen Ereignissen des 23., 24., 25. und 26. Juni weit übertroffen gesehen. Brüder im Kampf gegen Brüder unter dem Symbol der „Fraternité;“ Häuser in Festungen verwandelt; Nachbarn gegen Nachbarn aufgestanden; Männer und Frauen von gleicher Wuth erfüllt, unerschrocken in der Schlacht mitkämpfend, oder ihren Gefangenen, die ihre Mitbürger waren, den Hals abschneidend; Diener der Religion mitten in ihrem Friedenswerk erschossen; eine Hauptstadt verbarrikadirt, jede Straße ein Schlachtfeld und dieses mit größerer Hartnäckigkeit vertheidigt, als einst bei Lodi und Waterloo geschah. Kein Beispiel von so blutiger Metzelei in der ganzen neueren Geschichte … Doch begegnen wir Beispielen von Selbstaufopferung in der vergeblichen Hoffnung, den Orkan zu besänftigen. Der Erzbischof von Paris begibt sich, mit einem grünen Zweige in der Hand nach der stärksten Barrikade; bei seiner Erscheinung hört plötzlich das Feuern auf; bald aber fällt er durch eine Kugel, die eine unbekannte Hand entsendet (es ist jetzt erwiesen, daß Einer aus den Reihen der wüthenden Mobilgarde ihn erschoß); die Insurgenten beeifern sich, ihm Beistand zu leisten und verlangen ein Certifikat, daß der unglückliche Schuß nicht von ihrer Seite gekommen. Dieser und ähnliche Züge verbieten uns, zu behaupten, daß der Kampf in Paris ein Krieg von hungrigen, wüthenden, wilden Thiere gewesen sei. Ein schrecklicher Ausbruch von ungezähmter Leidenschaft war es allerdings, aber immer noch von menschlicher Leidenschaft: große Verbrechen mit großen Tugenden untermischt, zu gleicher Zeit Entsetzen und Bewunderung erregend … Es ist eine Krisis und, wir fürchten, nicht die einzige, in Folge einer gewaltigen Lebensstörung; ein Paroxismus, ein Krampf, der eine ungeheuere noch schlecht verstandene gesellschaftliche Krankheit verräth … Von dem Augenblick an, wo Lamartine dem Volk auf seinem Weg nach dem Hotel de Ville, um die provisorische Regierung zu installiren, auseinandersetzte, daß die Revolution diesmal nicht wieder betrogen werden solle, bis zu dem Augenblicke der Abdankung und Uebertragung der Gewalt in Cavaignac's Hände: war das Betragen der Regierung nichts als eine Masse von Irrthümern und Abgeschmacktheiten …
„Die in Paris und in Frankreich an der Tagesordnung befindlichen Theorien, der zwischen Arbeit und Kapital durch ganz Europa beginnende Kampf, das Verlangen nach anderen gesellschaftlichen Einrichtungen in Folge der großen Armuth der Massen, unter denen sich nach Leroux, 8 Millionen Bettler befinden: dies Alles deutete eben so sehr auf eine sociale, als eine politische Revolution hin. In der That, die Feindseligkeit zwischen Arbeitern und „Bourgeoisie“ war kein Geheimniß und sie zu versöhnen oder ihre Interessen friedlich in Einklang zu bringen, war eine der großen Aufgaben, die Louis Philipp und Guizot völlig vernachlässigt hatten und deren Lösung nun der Republik oblag …
„Die eigentliche Ursache des Aufstandes lag darin, daß sich das Volk getäuscht sah. Es hatte schon lange Zeit seine Hoffnung auf eine bessere Gesellschaftseinrichtung gesetzt, die allen Klassen zu dem nämlichen Wohlsein verhelfen sollte, welches bisher die Reichen genossen, die ohne Arbeit ein behagliches Leben führten. Die Revolution sollte die Verwirklichung solcher Hoffnungen sein und letztere wurden von der provisorischen Regierung selbst durch Errichtung der National-Ateliers gehegt und gepflegt. Als Louis Blanc bei Seite geschoben und Emil Thomas entlassen wurde, befürchtete man sofort einen Aufstand. Truppen wurden nach Paris gezogen und die den Arbeitern keineswegs freundliche Nationalgarde schlagfertig gehalten. So wie man nun Maßregeln zur Entlassung der Arbeiter ergriff, brach die Insurrektion aus … Das Mißvergnügen unter der großen Masse der Arbeiter, das aus ihren getäuschten Hoffnungen entsprang, der Unwillen, daß sie nach ihrer Voraussetzung von denen verrathen worden, denen sie selbst die Regierung übertragen und die ihnen schöne Versprechungen gemacht; dies sind die Gefühle, die dem mörderischen Ausbruche in Paris zu Grunde liegen. Daß einige Personen von Intriganten benutzt, andere von Emissären der verschiedenen Prätendenten durch Gold zu Excessen aufgereizt und mit den Mitteln der Kriegsführung ausgerüstet worden sein mögen, wird Niemand läugnen. Allein die Grundlage des Ganzen war das Mißvergnügen der Arbeiter über getäuschte Hoffnungen und ihr Unwille, sich verrathen zu sehen. . . . Es ist leichter, den Hauptgrund dieses beklagenswerthen Ausbruches aufzufinden, als die wahrscheinlichen Folgen desselben anzugeben … Zu dem Gefühl des Unwillens über vorausgesestten Verrath wird sich, fürchten wir, das Gefühl der Rache gesellen. Das Hinschlachten von Kameraden, Verwandten und Freunden muß auf beiden Seiten die vorhandene Stimmung noch verschlimmern. Die Revolution war eine soziale, sie ist jetzt ein Klassenkampf geworden. Die Nationalversammlung, welche die Sieger vertritt, verlangte nach einem Rachedekret, daß ihr siegreicher General ihnen abschlug. Mit dieser einen zu Boden geschlagenen Insurrektion ist der Krieg der Armuth gegen den Reichthum, der Arbeit gegen das Kapital nicht beendigt u. s. w.“
So spricht sich der „Economist“ über die Junirevolution aus. Seine Anschauung als englischer Bourgeois und Freetrader (Freihandelsmann) bringt es mit sich, daß er nur in der Durchführung des Freihandelssystems in allen Ländern das Heilmittel für die gesellschaftlichen Leiden erblickt. Daher erklärt es sich auch, daß so viel Schiefes und Unrichtiges und gradezu Falsches neben vielem Richtigen in seiner Beleuchtung der Pariser Ereignisse neben her läuft. Im Vergleich aber mit den Organen des deutsch-bürgerlichen Liberalismus, insbesondere mit einer „Kölnischen Zeitung“ und Konsorten, steht der „Economist“ da als Heros von Einsicht, als ein Salomo in Beurtheilung von Ereignissen und Zuständen fremder Länder und als ein Nestor in Welterfahrung.
Amerika.
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[*] Boston, 13. Juni.
Die so lang verschobene Unternehmung, „der Illinois-Kanal“, ist nun seit etwa 2 Monaten dem Verkehr übergeben. Jetzt kann man also von Liverpool nach New-Orleans fahren, von da den Missisippi hinauf bis St. Louis; von da den Illinois-Fluß hinauf bis Peru; dann nach Chicago auf dem Kanal; hierauf über die Seen bis Buffalo; nun besteigt man die kleine Jacht, die uns auf dem Kanal bis Albany bringt und jetzt gehts den Hudson-Fluß hinab bis New-York. So bleibt man beständig auf dem Wasser und durchschneidet auch von New-Orleans aus mit Dampfböten den ganzen Kontinent. Möge der Leser einmal die Landkarte zur Hand nehmen und ungefähr die Tausende von englischen Meilen berechnet, die jetzt in ununterbrochener und schneller Fahrt auf dem Wasser zurückgelegt werden. Die Idee zu dem Unternehmen war großartig, die Ausführung noch mehr. Aber noch großartiger ist der Gedanke, daß diese Herumfahrt zu Wasser binnen einigen Jahren durch Eisen- [0180] bahnen überflüssig gemacht und die Reise in einem Zehntel der bisherigen Zeit zu vollenden sein wird. Beim Graben des besagten „Illinois-Kanals“ hat man große Lager von bituminöser Kohle entdeckt. An mehreren Stellen tritt sie weithin zu Tage und es bedarf wenig Arbeit zu ihrer Förderung und Fortschaffung.
Die jährlich stattfindenden religiösen und andern General-Versammlungen oder Konvente haben hier wieder vor Kurzem stattgefunden. Bei allen zeigte sich als hervorragendstes Merkmal der Mangel eines allgemein angenommenen Zweckes und Handelns. In allen diesen Zusammenkünften wurde zwar betheuert, daß den Mitgliedern die moralische und religiöse Förderung der großen Menschenfamilie am Herzen liege. Allein jede einzelne Kongregation widmet sich dem oder jenem Departement der Verbesserung und Reformation, bemüht sich, die mancherlei Leiden des politischen Körpers zu kuriren, ohne die Ursachen der Entstehung zu erforschen und bringt so wenig oder nichts zu Stande. Zuerst hatten wir die Anti-Sklaverei-Konvention; die Mitglieder und Redner zogen mit Sticheleien gegen die Pflanzer und das System zu Felde, thaten aber keinen praktischen Schritt zur Abschaffung desselben. Sie begnügten sich mit Scheltworten, moralischer Ueberredung und Sammlung von mehr und mehr Geld, um „Lekturers“ (herumziehende Redner) und Zeitungsherausgeber zu bezahlen. Das Alles wird ohne Zweifel zur Reformirung und Erweichung der Herzen bei den Männern des Südens eben so wirksam sein, als ein kurzer Regenschauer zur Sommerzeit. Dann kam die „Friedens Konvention“. Sie sprach ihren Abscheu vor Kriegen aus, faßte einige harmlose Resolutionen und deklamirte gegen die Angriffe in Mexiko. Ferner hatten wir „Kongregationisten“-, „Presbyterianer“-, „Unitarier“-, „Universalisten“ und andere Konventionen, in denen sich widersprechend behauptet wurde, daß das Volk moralisch und religiös voranschreite und andererseits, daß es in socialer und physischer Beziehung immer mehr entarte. In den religiösen Assoziationen waren die einheimischen und fremden Missionäre zugegen und unterhielten die Zuhörer mit dem, was sie Gutes gestiftet haben wollen. Diese Freunde von fernen Missionen kennen die Thatsache nicht oder wollen sie nicht kennen, daß, wenn man den Afrikanern für Elephantenzähne und andere ihnen fast werthloste Gegenstände rothen, gelben und bunten Kattun im Austausch bringt, die Heiden ohne Missionskosten. und Leiden 10mal früher civilisirt und christianisirt werden Endlich muß ich noch der Mäßigkeits-Meetings erwähnen, wo in glühender Sprache und mit schrecklichen Anekdoten das ganze Elend der Trunkenheit und die Gottlosigkeit der Grog-Verkäufer, Destillateure und Brauer ausgemalt wurde. Aber von einem Nachdenken darüber, daß doch jede Wirkung ihre Ursache haben muß, und daß der Unmäßigkeit am besten Einhalt gethan wird durch Abschaffung ungerechter, unterdrückerischer Gesetze, Beförderung tüchtiger Bildung und Erziehung und Hebung der socialen, intellektuellen und politischen Lage der großen Volksmasse: davon war keine Spur zu entdecken.
Hr. Joseph Dixon hat ein neues Verfahren zur Verfertigung von Gußstahl entdeckt. Wir zahlen für diesen Artikel jetzt noch viele Millionen jährlich ans Ausland. Das New-Yorker Blatt „The Morning Star“ berichtet darüber, daß bald ein großes Etablissement in Jersey errichtet werden wird, um das Verfahren des etc. Dixon in großem Maßstabe auszubeuten. Das zu verwendende Eisen wird von Adirondack im Staate New-York bezogen werden. Der von Dixon fabrizirte Stahl kommt nach dem Urtheil Sachkundiger dem besten eingeführten Stahle gleich.
[(Korrespondenz des „Economist.“)]
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[*] Southampton, 3. Juli.
Mit dem Dämpfer „Herrmann“ sind Nachrichten aus New-York vom 20. Juni angelangt. Der Friedenstraktat mit Mexiko ist ratifizirt; der Belagerungstrain und die schwere Artillerie wie die Patterson'sche Volontär-Division haben die Stadt Mexiko verlassen. Die andern Generale mit ihren Divisionen werden diesen bald folgen. Die amerikanischen Kommissäre befanden sich nach den letzten Nachrichten noch in Queretaro. Eine Revolution drohte in Aguas Calientes auszubrechen; die beiden an Texas gränzenden Staaten Cohahuila und Tamaulipas bereiten Proteste vor gegen die neue Gränzlinie zwischen Mexiko. Die Deputirten der Opposition betrachten den Friedensvertrag als null und nichtig; sie verlangen, daß erst die Kammern der einzelnen Staaten um ihre Zustimmung befragt werden. Man fürchtet sehr, daß nach dem Abzuge der Amerikaner eine allgemeine Insurrektion unter den Peons und Indianern ausbrechen wird. Mexiko wird sehr bald des Schutzes der Amerikaner bedürfen. Die Kaufleute in Vera Cruz klagen laut über die von den mexikanischen Behörden schon jetzt wieder verübten Erpressungen. Große Massen von amerikanischen Freiwilligen lassen sich im Bureau des „Vera Cruz Star“ enrolliren, um nach Yucatan zu ziehen und den Weißen gegen die Indianer beizustehen. Denn die Nachrichten aus Yucatan lauten allerdings schrecklich. Die Indianer wachsen täglich an Stärke. Sitilpech haben sie mit Sturm genommen. Aus der Stadt Cilan mußten sich die Truppen der Regierung zurückziehen. Jacinto Pat, der Häuptling der Indianer, schrieb am 1. Mai an den Gouverneur Barbanchano und verlangte in sehr entschiedenen und sarkastischen Ausdrücken 1200 Gewehre für seine Leute. In Martinique sind die Schwarzen noch immer im Zustande der Insurrektion. In Venezuela ist es zwischen den Truppen der Regierung und den Insurgenten unter General Paez zum Kampf gekommen, wobei die ersteren eine bedeutende Niederlage erlitten.
Zwischen den Vereinigten-Staaten und der Regierung von Neu-Granada ist so eben ein wichtiger Vertrag abgeschlossen worden. Unter Anderem sichert er Nordamerika das Recht zu, den Weg vom atlantischen zum stillen Meere, über die Landenge von Panama, ungehindert zu benutzen. Der Senator Bagby ist an Ingersoll's Stelle zum Gesandten nach Petersburg ernannt worden. Die Gebote auf die Regierungsanleihe (17 Mill.) betrugen 33,333,195 Dollars zu durchschnittlich 3. 30 pCt. Das größte Angebot Seitens der Herren Corcoran und Riggs belief sich auf 14 Mill. zu 3. 02 pCt. Man sagt, daß dies besonders auf Rechnung englischer Kapitalisten gemacht worden.
Es ist noch die schnelle Fahrt des Dämpfers „Herrmann“ zu bemerken, der von New-York bis Cowes noch nicht 12 Tage brauchte.
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New-York, 20. Juni.
Baumwollpreise ohne Aenderung. Mehlmarkt ruhig. Getraide flau; der Waizen heruntergegangen. Wechselkurs auf London, 110 7/8 - 111; Paris, 5. 20; Amsterdam, 41-42; Hamburg, 36 1/4 - 36 1/2; Bremen, 81 - 82.
Ostindien.
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Die durch außerordentlichen Expreß in England eingetroffenen Berichte aus Bombay reichen bis zum 20 Mai und sind von bedeutendem Interesse. Die Angelegenheiten in Moultau wurden komplizirter. Moulraj, der kürzlich die zwei britischen Kommissäre ermorden ließ, warb Truppen an und befestigte Moultau. Man sagte, daß er 30,000 Mann in's Feld stellen werde. Die Unzufriedenheit unter den Sikh-Truppen nahm zu und einige machten Miene unter Moulraj's Fahne zu treten. Die britische Behörde in Lahore war auf ihrer Hut. Truppen wurden abgesandt um Gorindghur, die bekannte Festung Lahore's, welche den Schatz enthält, zu beschützen. Auch in Betreff des Punjaub waren verschiedene Gerüchte im Umlauf und man fürchtete, daß bei der großen Hitze, welche Truppensendungen dorthin unmöglich macht, Moulraj Zeit gewinnen würde, seine Streitkräfte zu koncentiren und zu ordnen. Scinde war ruhig.
Egypten.
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[*] Alexandria, 19. Juni.
Ibrahim Pascha langte am 14. d. von Aboukir und Rosetta an und empfing am 15. die Konsuln fremder Mächte, um sich über europäische Politik mit ihnen zu unterhalten. Auf die Frage, warum er die von seinem Vater unternommenen Befestigungen so energisch fortsetze, erwiederte er, daß man ihn in Europa gelehrt habe: „Die beste Manier um den Frieden zu erhalten, sei, sich für den Krieg zu rüsten.“
Mehemet Ali befindet sich besser; geistig ist er indeß noch immer sehr angegriffen.
Clot Bey, sein Arzt, der neulich mit ihm frühstückte, empfahl ihm, einige Pfirsiche zu essen, die auf dem Tische standen. Er kehrte sich nicht gleich hieran; nach einigen Augenblicken erhob er sich aber feierlich von seinem Sitze und erwiederte dem Arzte: „Ich befehle Euch davon zu essen!“ der Doktor gehorchte und als er alle Pfirsiche genossen hatte, sagte der alte Pascha lachend zu einem seiner Diener: „Er wollte mich vergiften, aber sieh wie ich ihn angeführt habe.“ Ein anderes Mal erzählte er dem französischen Konsul, daß er China zu überfallen beabsichtige; alle Vorbereitungen seien gemacht und in ein, zwei Tagen werde er aufbrechen.
Amtliche Nachrichten.
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Berlin, 3 Juli.
Das 28. Stück der Gesetzsammlung, welches heute ausgegeben wird, enthält unter
Nr. 2993. Den Allerhöchsten Erlaß vom 29. Mai d. J., betreffend die der Stadt Wittstock in Bezug auf den Bau und die Unterhaltung einer Chaussee von Wittstock nach der Landesgränze in der Richtung auf Wredenhagen bewilligten fiskalischen Vorrechte;
Nr. 2994. desgleichen vom 10. Juni d. J., betreffend die Abänderung der Strafbestimmungen im § 2 des Reglements über das Wasserhalten bei den königl. Werken und Mühlen im Finow-Kanal vom 22. Juni 1747, ferner
Nr. 2995. die provisorische Verordnung vom 18. Juni 1848, die Zoll- und Steuersätze von ausländischen Zucker und Syrup und von inländischem Rübenzucker für den Zeitraum vom 1. Sept. 1848 bis dahin 1850 betreffend; und
Nr. 2996. den Allerhöchsten Erlaß vom 24. Juni d. J., die Verlegung der Gerichtsferien im Bezirke des rheinischen Appellations-Gerichtshofes zu Köln betreffend.
Fruchtpreise.
gap: insignificant
Handels-Nachrichten.
gap: insignificant
[Anzeigen]
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Civilstand der Stadt Köln.
Geburten.
2. Juli. Peter, S. v. Joh. Ockenfels, Dekorationsmaler, Röhrerg. ‒ Sib., T. v. Wilh. Schwermer, Tagl., Schemmerg. ‒ Anna Maria Agnes, T. v. Jos. Itsch, Tagl., Kahlenhausen. ‒ Alex. Joh. Bapt, S. v. Joh. Bapt. Leyendecker, Schreiner, Kattenbug. ‒ Karl, S. von Kaspar Dick, Tagl., Holzm. ‒ Jos., S. v. Christ. Scheer, Gärtner, Friesenstr. ‒ Math. Jos., S. v. Joh. Müller, Faßbinder, Follerstr. ‒ Gertrud, T. v. Gerh. Hülshoff, Tagl., Spitzengasse. ‒ Marg., T. v. Johann Kribben, Seiler, Friesenwall. ‒ Maria Franziska Wilhelmina, T. v. Franz Forsbach, Bildhauer, Gereonstr. ‒ Pet. Jos., S. v. Alois Jos. Maeßen, Oekonom bei der Armenverwaltung, Cäcilienstr.
Sterbefälle.
2. Juli. Kath. Pfeiffhoven, 3 M. alt, Heumarkt. ‒ Peter Jos. Meyer, 3 J. 1 M. alt, Severinstr. ‒ Adelh. Esser, geb. Körtgen, 78 J. alt, Kostg.
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Schiffahrts-Anzeige. Köln, 5. Juli 1848.
Angekommen: Jakob Schaaf von Wesel; Anton Distel von Bingen.
In Ladung: Nach Ruhrort bis Emmerich Joh. Linkewitz; nach Düsseldorf bis Mühlheim an der Ruhr C. Königsfeld; nach Andernach und Neuwied H. Schumacher und P. Gies; nach Koblenz und der Mosel und Saar P. G. Schlägel; nach der Mosel, nach Trier und der Saar M. Zens; nach Bingen Wb. Jonas; nach Mainz Val. Pfaff; nach dem Niedermain Philipp Würges; nach dem Mittel- und Obermain Friedr. Seelig; nach Heilbronn Fr. Kühnle; nach Kannstadt und Stuttgart L. Hermanns; nach Worms und Mannheim A. L. Müller; nach Antwerpen M. Lamers.
Ferner: Nach Rotterdam Kapt. Willemsen, Köln Nr. 6. Ferner: Nach Amsterdam Kapt. Wilson, Köln Nr. 30.
Zur Anfertigung der Auszüge liegt offen die Deklaration des Schiffes Hartmann.
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Wasserstand.
Köln, am 5 Juli. Rheinhöhe 8′ 10″.
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Bekanntmachung.
Durch die allerhöchste Kabinets-Ordre vom 8. April d. J. (Gesetzsmmlung aNr. 14) ist das Porto für Papiergeld (Kassen-Anweisungen etc.) und Staatspapiere bei Versendung mit der Post bedeutend ermäßigt worden. Es ließ sich erwarten, daß sich in Folge dessen die Versendung, namentlich von Kassen-Anweisungen, ohne Deklaration aufhören, oder sich doch vermindern würde, und zwar im eigenen Interesse des Publikums, weil wenn Briefe mit nicht deklarirten Kassen-Anweisungen verloren gehen, gesetzlich kein Ersatz gewährt wird. Jene Erwartung hat sich jedoch nicht erfüllt, im Gegentheil mehren sich die Reklamationen wegen Verlust von dergleichen undeklarirt abgesandten Papieren. Insoweit bei der Versendung undeklarirten Papiergeldes nur eine Porto-Ersparniß beabsichtigt wird, scheint ganz übersehen zu werden, daß der dadurch zu erlangende Vortheil verglichen mit der geringen Mehrausgabe für deklarirte Geldsendungen fast durchgehends ganz unerheblich ist, jedenfalls aber mit der Gefahr, bei unterlassener Deklaration in keinem Verhältnisse steht:
So kostet beispielsweise:
ein Brief von Köln nach Bonn, mit 50 Thlr. Kassen-Anweisungen, 1 1/4 Loth schwer, undeklarirt 2 Sgr., deklarirt 2 1/4 Sgr., mehr 1/4 Sgr.
ein Brief von Köln nach Minden mit 100 Thlr. Kassen-Anweisungen, 2 1/2 Loth schwer, undeklarirt 9 Sgr., deklarirt 10 Sgr., mehr 1 Sgr.
ein Brief von Köln nach Berlin mit 200 Thlr. Kassen-Anweisungen, 2 Loth schwer, undeklarirt 12 1/2 Sgr., deklarirt 16 1/2 Sgr., mehr 4 Sgr.
Das General-Postamt hält sich für verpflichtet, das Publikum hierauf aufmerksam zu machen.
Berlin, den 21. Juni 1848.
General-Postamt. (gez.) v. Schaper.
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Gerichtlicher Verkauf.
Am Samstag, den 8. Juli 1848, Vormittags 11 Uhr, sollen auf dem Markte zu Frechen, 1 Ziege, 2 Schweine, 1 großer schöner Pultschrank und verschiedene Hausmobilien, gegen gleich baare Zahlung versteigert werden.
Der Gerichtsvollzieher, Cloeren.
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Gerichtlicher Verkauf.
Am Samstag, den 8. Juli 1848, Vormittags 11 Uhr, sollen auf dem Markte zu Frechen, 1 fein schwarztuchener Ueberrock, 1 dito Frauenkleid, verschiedene Hausmobilien, als: Tisch, Schrank, Stuhl, Ofen u. s. w., gegen gleich baare Zahlung versteigert werden.
Der Gerichtsvollzieher, Cloeren.
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Gerichtlicher Verkauf.
Am Freitag, den 7. Juli 1848, Vormittags zehn Uhr, wird der Unterzeichnete auf dem Apostelmarkte zu Köln ein Klavier mit Mahagoni-Kasten dem Meistbietenden öffentlich gegen baare Zahlung verkaufen.
Der Gerichtsvollzieher, Gassen.
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Frage.
Weshalb hat der Vorstand des ersten Musikchors der Kölner Bürgerwehr das gestrige Konzert gegen sein eigenes Interesse nicht verschoben?
Durch das kühle zweifelhafte Wetter sind viele Karten unbenutzt geblieben und dürfte gewiß nicht unbescheiden sein, wenn um eine zweite Aufführung bei günstigerer Witterung, wozu jene Karten benutzt werden können, gebeten wird.
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Rheingasse Nr. 10 zweite Etage zu vermiethen.
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Demokratische Gesellschaft. Freitag den 7. Juli, Abends 8 Uhr, Versammlung im Eiser'schen Saale, Komödienstraße. (Ausnahmsweise wegen Reparatur des gewöhnlichen Lokals.) Der Vorstand.
NB. Die eingeschriebenen Mitglieder, welche noch nicht im Besitze ihrer Karten sind, empfangen solche beim Eingange, auch werden daselbst neue Einzeichnungen entgegengenommen.
Der Beachtung demokratischer Vereine empfohlen!
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Der Wächter an der Ostsee. Demokratisches Organ. Herausgegeben von W. Lüders.
Alles für das Volk, Alles durch das Volk! Die Souveränität des Volkes werde eine Wahrheit. Bildung, Freiheit und Wohlstand für Alle durch Humanisirung unseres Staats- und gesellschaftlichen Lebens.
Das Blatt erscheint in Stettin sechsmal wöchentlich, wird durch die Post täglich, durch den Buchhandel einmal wöchentlich versandt. Preis vierteljährlich auf allen preuß. Postämtern 1 Thlr. Probenummern werden durch die Post gratis geliefert, sind auf dem Ober-Postamte in Köln vorräthig.
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Verpachtung der Mineralquelle zu Birresborn.
Diese im Kreise Prüm bei Birresborn gelegene Mineralquelle, deren Wasser in der ganzen Rheinprovinz vortheilhaft bekannt ist, wird sammt dem dazu gehörigen Wohnhause und Oekonomie-Gebäuden, Garten und Bering, am Donnerstag den 20. Juli d. J., des Nachmittags 3 Uhr, in Trier auf dem Stadthause, entweder auf 1 Jahr, oder auf 3, oder auf 3, 6, 9 Jahre, in Folge Verfügung Königlich Hochlöblicher Regierung dahier, vom 28. dieses, öffentlich verpachtet.
Der Pacht beginnt am 11. August 1848. Die Bedingungen sind bei der unterzeichneten Verwaltung einzusehen.
Trier, den 30. Juni 1848.
Die Verwaltungs-Kommission der vereinigten Hospitien.
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Apfelsinen, billig und schön. St. Agatha 25.
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Elegantes Zimmer, Frühstück, Mittag-Essen an der table d'hôte nebst 1 Schoppen guten Wein zu 1 Thaler pr. Tag im Pfälzer Hof bei Friedrich Knipper, Appellhofs-Platz Nro. 17.
Table d'hôte und Abonnements-Tisch um 1 Uhr und zu jeder Stunde vorzügliche der Saison angemessene billige Speisen à la carte, und einen billigen Wein.
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Alle schriftliche Aufsätze werden abgefaßt, Vormittags Kasinostraße Nr. 8, Nachmittags Ulrichgasse Nr. 26.
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Ein starker Aufwartsjunge, eine Köchin und ein zweites Mädchen gesucht, große Neugasse Nr. 36.
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Der Gerant, Korff.
Druck von W. Clouth, St. Agatha Nro. 12.