[0231]
Beilage zu Nr. 46 der Neuen Rheinisch. Zeitung.
Sonntag, 16. Juli.
Uebersicht.
Deutschland. Berlin. (Der Prozeß wegen Stürmung des Zeughauses. Das Gitterthor. Die Auflösung der fliegenden Korps. ‒ Reichensperger). Breslau. (Tumult wegen einer politischen Verhaftung). Posen. (Das Prügeln noch immer im Flor. Amtliche Urkunden). Frankfurt. (National-Versammlung). Mannheim. (Soldatenexzesse). Darmstadt. (Verhaftung). München. (Unruhen in Regensburg). Kassel. (Kammersitzung). Prag. (Lubinski verhaftet. Annehmlichkeiten des Belagerungszustandes. Gerüchte aus Wien. ‒ Bekanntmachung in Betreff der Verhaftung Hawljcek's. ‒ Die Wahlen für den Reichstag. ‒ Manifest des Slawenkongresses). Wien. (Die Ministerialkrisis und das Militär. Truppen nach Italien. Zwei Amerikaner. ‒ Der Sicherheits-Ausschuß. Die Nationalgarde. Die gallizischen Deputirten. Pillersdorf's Papiere). Kiel. (Deklaration der Bürgerschaft). Rendsburg. (Stand der Unterhandlungen).
Ungarn. Pesth. (Johanns Vorschläge. Eingangszölle. ‒ Kämpfe mit den Insurgenten. Rüstungen der Ungarn. Spaltungen im feindlichen Lager).
Polen. Warschau. (Die Cholera).
Rußland. Petersburg. (Die Cholera).
Schweiz. Zürich. (Die Bundes-Verfassung. Repressalien gegen Hannover). Reuenburg. (Die Exregierungs-Behörden). Muttenz. (Hecker).
Italien. Ponteveccchio. (Mantuas Einschließung). Bussalengo. (Infamien der Oestreicher in Vicenzo). Lecco. (Freiwillige nach dem Stelvio). Mailand. (General Zucchi). Mantua. (Die Israeliten). Herzog von Savoyen). Neapel. (Die insurgirten Provinzen. Ein dritter General geschlagen. Die Kamarilla. Ein Manifest der konföderirten Provinzen).
Französische Republik. Paris. (Die Reaktion. ‒ Reklamation der „Presse“. National-Versammlung vom 13. Juni. ‒ Vermischtes).
Großbritannien. London. (Der Waffenstillstand zwischen Dänemark und Deutschland ratifizirt Desfallsige Befehle an Wrangel. ‒ Unterhaussitzung). Dublin. (Meagher und Doheny. Maßregeln gegen die Clubs).
Belgien. Brüssel. (Die Vertheidiger der wegen der Affaire „Risquons-Tout“ Angeklagten. Der Park. König Leopold. Deutscher Arbeiterverein. ‒ Die Sociètè Gènèrale).
Donau-Fürstenthümer. Bucharest. (Vertrauen zur provisorischen Regierung. Die Russen am 1. Juli noch nicht in die Moldau eingerückt).
[Italien]
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[Fortsetzung.]
zu vermischen und zu durchkreuzen, endlich geführt werden? Zu welchem Ausgange kann der Staat dadurch gebracht werden, daß die große Trennung in einer Zeit bewirkt wird, in welcher die Tiara auf dem Haupte eines Papstes sitzt, der ein Abgott der Völker war und den Zauber eines großen Namens noch nicht verloren hat?
Allerdings beginnt die Täuschung abzunehmen, aber im Abnehmen nutzt sie vielmehr den Feinden der Freiheit und Italiens, als den Gutgesinnten. Denn indem der Priester stets die Einheit der Gewalten benutzt, lähmt er die Thätigkeit des Bürgers und solchergestalt wird das Werkzeug der aus Italien noch nicht verschwundenen anti-italiänischen Partei immer mächtiger.
Sizilien hat es für sich im Innern mit der Frage seiner freien Persönlichkeit zu thun; Neapel mit der über Beseitigung eines meineidigen und grausamen Königs; Toskana mit der einer sehr alten Demokratie; Lombardei und Venedig mit der über seine Unabhängigkeit und Einverleibung in Piemont; Piemont mit dem italiänischen Kriege. Jeder Staat Italiens hat seine innere Frage. Aber die schwierigste Frage ist die in Rom. Und so lange nicht der Papst König geworden, wird der römische Staat niemals zur Ruhe kommen. So lange er nicht König ist, wird Italien großen Gefahren ausgesetzt sein, wenn einst der Stern Pius IX. wirklich verlöschen sollte und Italien nicht unabhängig und geordnet dastünde.“
Das nämliche Blatt spricht über einen Antrag des dortigen Klubs, „Il Circolo Politico“ an's toskanische Parlament, durch welchen auf Anerkennung der sizilianischen Regierung de jure wie de facto gedrungen wird. „Wir stimmen,“ sagt L'Alba, ganz damit überein. Nur wünschten wir, daß der Sturz Ferdinands, ehe er faktisch erfolgt, vorher schon de jure ausgesprochen werde.“ Uebrigens hat die sizilianische Regierung an ihren hiesigen diplomatischen Residenten eine prächtige Fahne als Geschenk an die Toskaner übersandt. Die hiesige Regierung hat versprochen, recht bald den Tag und die Form der offiziellen Ueberreichung zu bestimmen. Die Fahne trägt die Aufschrift: „Alla Toscana, Sicilia Independente ed Italiana!“ (An Toskana das unabhängige und italiänische Sizilien).
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[ * ] Neapel, 4. Juli.
Die Provinz Aquila ist in höchster Gährung, seitdem der Gouverneur d'Ayala, der seine Entlassung eingereicht, sich nach dem römischen Gebiet (nach Rieti) flüchten mußte, um nicht verhaftet und eingesperrt zu werden. In den Distrikten von Molise, Avellino und Salerno sind provisorische Regierungen errichtet. Zu den beiden gründlich Geschlagenen (Busacca und Nunziante) ist ein dritter, General Lanza, mit gleichem Lose hinzugekommen. Er sollte dem Busacca Hülfe bringen, erlitt aber von den Calabresen in den bekannten Thälern von S. Martino nahe bei Campotanese eine entscheidende Niederlage. Die Royalisten in hiesiger Hauptstadt überläuft bei der eben eingehenden Nachricht, daß die Nationalgarden von Salerno und andern Orten gegen Neapel zu marschiren gerüstet stehen, ein kalter Schauder. Zwei Regimenter haben sogleich Befehl erhalten, nahe bei den Vorstädten in ein Bivouac zu ziehen und die ganze Garnison hat Befehl, auf's erste Signal nach ihren Sammelplätzen zu eilen. Die Hauptmitglieder der Camarilla sind: Fürst Bisignano, Herzog d'Ascoli, Herzog von S. Cesareo, außerdem die bekannten Generale: Turchiarola, Sabatelli und Filangieri. Die Conföderirten Provinzen: Basilicata, Terra d'Otranto, Bari, Capitanata und Molise haben ein, von ihren Delegirten unterzeichnetes Manifest erlassen, dessen Energie Sr. bombardirenden Majestät Bauchgrimmen verursacht.
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[ * ] Bussolengo, 4. Juli.
Unsere treulosen Feinde haben wieder eine jener Thaten begangen, die den östreichischen Namen auf ewig brandmarken. In Vicenza hat die rohe Soldateska alle Frauen, deren sie habhaft werden konnte, genothzüchtigt und sodann nach Verona geschleppt, wo sie sie an den Meistbietenden verkauften. Sie waren sogar wüthend darüber, daß die Käufer sie nach Hause zurückschicken wollten und würden es nicht einmal geduldet haben, wenn nicht die schmutzigste Habgier ihre vorherrschende Leidenschaft wäre.
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[ * ] Lecco, 5. Juli.
Von hier sind wieder 50 Freiwillige nach dem Stilfser Jachab gegangen, und sechsmal so viel würden folgen wenn nicht die Waffen fehlten. Am 4. frühmorgens schlug man sich am Tonale.
[(Bolletino di Lecco.)]
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[ * ] Mailand.
Der General Zucchi ist von der provisorischen Regierung eingeladen worden hieher zu kommen und seine lange Kriegserfahrung der italiänischen Sache zur Verfügung zu stellen.
[(Ventidue Marzo.)]
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[ * ] Mantua, 19. Jul.
Trotz der ungeheuern Kontributionen, die Radetzky in hiesiger Stadt schon erhoben, hat er wiederum eine neue ausgeschrieben. Diesmal legt er sie speziell den Israeliten Mantuas auf, im Betrage von 300,000 Zwanzigern. Die Israeliten hatten aber auch zu den frühern Kontributionen redlich beigetragen. Hilft Alles nichts. Radetzky hat ihnen die Kontributionen auferlegt in Anbetracht ihrer „besondern intellektuellen und pekuniären Bethätigung bei den im März gegen die legitime Regierung verübten Attentaten.“ Das sind die wörtlichen Ausdrücke seines Dekrets: Wie wir hören, ist die Avantgarde eines vom Herzog von Savoyen befehligten Corps in Cento angekommen, und soll Ordre haben, sich weiter nach Venedig hin zu begeben und dieser Stadt, die nun als Ex-Republik und Theil des oberitalienischen Reiches dem „Schwerte Italiens“ nicht länger ein Dorn im Auge ist, gegen die Oestreicher zu Hilfe zu ziehen.
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[ * ] Pontevecchio, 5. Juli.
Die erste Division unseres ersten Armeekorps bivouakirt in kurzer Entfernung von Mantua; ein Bataillon steht eine Stunde von Marmirolo, wohin der Feind schon mehrere Male gekommen ist. Wir senden häufige Rekognoscirungen hin. Gestern schlossen wir einen Kanal, der dem Feinde 5 Mühlen trieb, und ebenfalls von Bozzolo aus ist ein Trupp an den Mincio gerückt um dem Feind unsere Gegenwart zu beweisen. Die Blokade von Mantua wird bald vollständig sein, und die Garnison (6000 M.) wird sich in der ungesunden Stadt nicht lange halten können. Vor einigen Tagen noch gingen 2000 Kroaten von Mantua nach Verona, die man aus Gesundheitsrücksichten fortschickte. Die Zahl der Erkrankungen in der Stadt soll sich täglich auf 70-80 belaufen. Sobald die zur Deckung der zweiten Linie nöthigen Verstärkungen eingetroffen sind, werden wir die Stadt eng einschließen. ‒ Gestern Nacht wurde der in der ganzen Gegend berüchtigte Cursore di Boucole, zwei Miglien von Mantua, aufgehoben und ins Hauptquatrier spedirt. Dieses schlechtberufene Subjekt war der Hauptspion der österreichischen Besatzung. ‒ Am 2. bestanden unsere Truppen bei Boucole ein siegreiches Gefecht. Von 200 Oesterreichern entkamen nur 60. Die Räubereien der Oesterreicher auf der Route nach Ostiglia dauern fort. Das Gerücht geht, die Oesterreicher seien aus Schio geschlagen.
Belgien.
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[ * ] Brüssel, 13. Juli.
Die Herren Joltrand, Faider, Alairz werden die Vertheidigung der gegen die Affaire bei Risqons-Tout Angeklagten übernehmen.
General Mellinet ist jetzt aus seinem Kerker entlassen und hat jetzt Stubenarrest mit Aufsicht eines Gensdarmen. Er wird durch Gendebien vertheidigt werden.
Die Brüsseler Bourgeoisie hat eine Adresse an die Pariser erlassen, worin sie schreibt:. Brüder auch wir in demselben Sinne handeln wie Ihr u. s. w
Man befürchtet Unruhen bei dem Beginn des Prozesses, weil das Palais de Justice sehr gut zur Insurrektion gelegen ist. Es fanden einige Gruppirungen von 3-400 Arbeitern im Quartier Leopold Statt. Maskirte Polizisten hatten sich eingeschlichen. In der Nacht wurden mehrere Arbeiter verhaftet.
Die Blousenmänner im Park molestiren die promenirende Bougeoisie durch ihr bloses Vorhandensein. Leopold Rex läßt die Arbeiter, die ihn auf seinen Fahrten von Laeken hierher mit Bittschriften oder mit Gesuchen um Arbeit belästigen, von den Gensdarmen sogleich in Haft nehmen.
Der deutsche Arbeiterverein wird von neuem mit gehässigen Denunciationen verfolgt. In öffentlichen Blättern las man: die deutschen Kommunisten versammeln sich wieder da und da, Straße und Hausnummer angegeben.
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Brüssel, 15. Juli.
Das tiefste Mysterium herrscht über die Operationen der Société genérale. Als es sich darum handelte, ihr 40 Millionen vorzuschießen unter der Form von durch den Staat garantirten Billetten mit Zwangskurs (ausgenommen für den Steuereinnehmer), sah man sich gezwungen, den Schleier ein wenig zu lüften, der diesen ungeheuren Morast von Agiotage und Spekulationsschwindelei verbarg, woraus die Schuldforderungen dieser Gesellschaft bestehn, welche am meisten die Nationalindustrie kompromittirt hat, die sie begünstigen sollte.
Die Ausgabe von kleinen Bankscheinen haben fast alles gemünzte Gold und Silber aus der Cirkulation vertrieben; nichts ist heute schwieriger, als einige Tausend Francs in Silber zusammen zu treiben. Der Arbeiter wird am Ende der Woche bald nichts mehr empfangen als werthlose Fünffrankenscheine im Austausch für eine positive, materielle Arbeit, für einen Theil seines Lebens, seiner Existenz. Vor einigen Jahren, als die Whigregierungen die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer solchen Masse Papiergeld überschwemmt hatten, daß das Silber fast gänzlich verschwunden war, wußten die Regierungsblätter von Europa keinen Namen zu finden, schlecht genug für diesen Zustand der Dinge: heute, wo ihre Patrone Europa in eine unendlich gefahrvollere Lage gestürzt haben, weil hinter dieser Papiercirkulation noch eine ungeheure Staatsschuld steht, finden sie alles vortrefflich in der besten aller möglichen Regierungsformen.
Wo ist die Liquidation der Aktiva und Passiva der Bank? Wo die Baarzahlung der Spaarkassenbücher, die diese ganze Emission von Papiergeld motivirt hat?
[(La Nation.)]
Französische Republik.
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@facs0231
[ 12 ] Paris, 13. Juli.
Wenn man tagtäglich mehr sieht, wie nahe die Bourgeoisie Frankreich's ihrem Untergange war, und wie sie ihr Heil dem bloßen Zufalle nur verdankt, dann versteht man erst ihre raffinirte Rache, wie sie ordentlich ärgerlich ist, daß es nur ein Zufall war, der sie rettete, und wie sie bestrebt ist, sich gegen alle Zufälligkeiten der Art zu schützen, indem sie neben jedem Ouvrier eine Schildwache aufstellt. Alle mißfälligen Arbeiter werden aus den Ateliers entlassen, und so hat jetzt die nördliche Eisenbahn's Compagnie von 1300 Ouvriers 1100 verabschiedet, um andere an ihre Stelle zu setzen. Es ist dies die Rothschild'sche Bahn, jene Bahn, die schon so viel Unheil angerichtet durch ihre erbärmlichen Knickereien, und deren Chef, Rothschild, ein zweiter Cavaignac, sich jetzt ein neues Regiment bildet von treuen, ihm ergebenen Angestellten und Arbeitern.
Der Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie tritt in seiner ganzen Nacktheit auf. „Unsere Kapitalisten,“ sagt der Volksrepräsentant Joigneaux in einem Briefe an die Reforme, „verlangen im Einverständnisse mit den Advokaten, gerade das Gegentheil von dem, was unsern Bauern und Arbeitern zuträglich wäre. Diese letztern, welche auf Ankauf der Eisenbahnen vom Staate, und auf Abschaffung der Steuer von 45 Centimes dringen, gelten für Kommunisten. Die Republik hat zwischen den Geldmännern und den Arbeitsmännern zu wählen.“
„Sie rettet sich, wenn sie das Glück von 30 Millionen Seelen machen will.
Sie geht unter, wenn sie länger sich zum unterthänigsten Diener der Juden unserer Zeit macht.“
Um nun auf die nahe Gefahr zurückzukommen, in welcher die Aktien, Wechsel, Fonds etc. der Rothschilde und seiner Genossen schwebten, so giebt uns darüber das Journal de Rouen, das Organ des frühern Präsidenten der Nationalkammer, Hrn. Senard, merkwürdige Aufschlüsse. Im Maße nämlich, als die Truppen vor der siegreichen Insurrektion zurückwichen, sollten sie sich zusammenziehn um die Nationalversammlung, und derselben zur Eskorte dienen bei der projectirten Auswanderung in eine Provinzialstadt. Diese Maßregeln waren von der schon athemlos gewordenen Versammlung gebilligt. Die Macht der exekutiven Gewalt war dadurch schon bereits sehr geschwächt, während die des Generals Cavaignac, dem Senard als Präsident, das Oberkommando übergeben hatte, in demselben Maße zunahm. Zudem erklärte Letzterer, daß er in diesem seinem Kommando in keiner Weise genirt sein wolle, und so war es natürlich, daß mit zunehmender Gefahr der General zur Diktatur gelangen mußte, wie dieses den andern Tag Statt hatte.
Das neue Preßgesetz über die Kaution der Journale, welches die Presse in die Hände der Bourgeoisie spielt, mußte natürlich den Beifall aller sogenannten konstitutionellen Journale haben, d. h. der Partei des Hrn. Thiers. Der National protestirt dagegen, ebenso wie die Reform.
‒ Der durch den Tod Chateaubriand's erledigte Sitz in der Akademie soll einstimmig dem Volksdichter Béranger angeboten werden.
‒ Hr. Demidoff ist bekanntlich einer der reichsten Minenbesitzer Rußlands. Während der Juni-Ereignisse nun war eine Menge Gold von London aus nach Paris an seine Adresse expedirt worden, und die französischen Journale kommentirten verschiedentlich den Umstand, daß, während französisches Blut in den Straßen floß, moskowitisches Gold massenhaft in den Bureaus und Comptoirs cirkulirte. Herr Demidoff protestirt heute von San Donato, bei Florenz, gegen eine etwaige Verdächtigung.
‒ Die Eigenthümer der „Presse“ haben folgende Protestation gegen die Unterdrückung des Journals erlassen:
1) Die Eigenthümer der „Presse“ weisen von sich die Gleichstellung dieses Journals mit elf andern Journalen, wie es im Moniteur vom 27. Juni geschehen.
2) Alle diese Journale erscheinen mit Uebertretung derjenigen Preßgesetze, welche als nicht abgeschafft, im Moniteur vom 23. Juni und 7. Juli aufgeführt sind. Die „Presse“ dagegen hatte, den Bestimmungen des Gesetzes gemäß, eine Kaution in den öffentlichen Schatz niedergelegt.
Die Eigenthümer der „Presse“ protestiren daher laut und formel gegen diese Analogie; sie protestiren ebenfalls gegen die Anlegung der Siegel auf das Druckmaterial, welche Maaßregel am 25 Juni vorgenommen wurde, und noch heute, am 8 Juli, fortbesteht.
3. Die von dem Chef der exekutiven Gewalt verordnete Untedrückung kann durch keinen Text des Gesetzes gerechtfertigt werden.
„Weder von der Restaurationszeit her noch unter den Gesetzen von den Jahren 1819, 1822 und 1828 findet sich eine einzige Bestimmung, weiche die Unterdrückung eines Journals autorisirt, sollte dieses Journal sogar von der Justiz verurtheilt worden sein.
„Die Septembergesetze, welche die Republik als mit der Preßfreiheit und dem republikanischen Prinzip im Widerspruche stehend, abgeschafft hat, diese Septembergesetze selbst geben keinem Tribunale das Recht, die Unterdrückung eines Journals auszusprechen. Sie gestehn nur dem Gerichte das Recht zu, ein Journal auf höchstens 4 Monate zu suspendiren, und dann nur, wenn selbst der Gerant eine Verurtheilung wegen Verbrechen erlitten hat.
4) Die von der exekutiven Gewalt getroffene Maßregel fügt der „Presse“ den größten Schaden zu.
Von den 70,000 Abonnenten der Presse, haben wenigstens 15,000 schon, deren Abonnement den 30. Juni zu Ende ging, sich auf andere Journale abonniren müssen.
Unter den 6 bis 7000 Abonnenten, deren Abonnement den 15. Juli zu Ende geht, findet sich eine große Anzahl, die sich bereits auf andere Journale abonnirt hat oder noch abonniren wird, um mit den Tagesbegebenheiten nicht zurückzubleiben.
30,000 Abonnenten sind wenigstens der „Presse“ durch die Maßregel der provisorischen Regierung entrissen worden. Von diesen 30,000 Abonnenten hätte die „Presse“ unmittelbar wenigstens 300,000 Fr. bezogen; auf's Jahr durch berechnet beläuft sich der Verlust über eine Million.
„Der Werth des Eigenthums der Presse findet sich daher beträchtlich deprezirt.
5) „Das Interesse der vielen Familien, die durch ihre Beschäftigung an der Presse ihr Leben gewinnen, kommt ebenfalls bei unserer Protestation in Betracht.
„20 Redakteurs, 25 Angestellte in den Büreaus, 70 Setzer und Korrekteurs, 20 Mechaniker, 60 Träger, 64 Falzerinnen, 500 Austräger finden sich heute ohne Brod, und erwarten mit Ungeduld die Zurücknahme einer Maßregel, die sie ihrer Existenzmittel beraubt.
„Der öffentliche Staatsschatz verliert dadurch 2200 Fr. täglich, und die Papier- und Dintefabrikanten, so wie die Schriftgießer verlieren ungefähr 4000 Fr. täglich.
De Jouvenel, Präsident. Labot, Sekretär.
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@facs0231
‒ Nationalversammlung. Sitzung vom 13. Juli.
Lacrosse, Vizepräsident, präsidirt. Auf der Tagesordnung befindet sich der Gesetzentwurf, wonach die Häuser, deren Bau vor dem 1. Juli 1849 begonnen wird, während 8 Jahren steuerfrei sein werden.
Mortimer Ternaux verlangt 15 Jahre Steuerfreiheit, aber nur für die Häuser, die auch im Jahr 1849 vollendet sein werden. Er schlägt ein hierauf bezügliches Amendement vvr.
Goudchaux, Finanzminister, schlägt als Amendement vor, die gewöhnlichen Häuser 10 und die für Arbeiter bestimmten Häuser 12 Jahre von der Grund-, Fenster- und Thürsteuer auszunehmen.
Das ganze Dekret wird nach einigem Hin- und Herreden mit geringen Modifikationen angenommen.
Der von Senard, Minister des Innern, vorgelegte Dekretentwurf, die Stadt Paris zu einer Anleihe von 25 Millionen zu autorisiren, auf dem Weg freiwilliger Anleihn, wird an die Kommission für Departemental- und Kommunal-Angelegenheiten verwiesen. Ein anderer von Senard vorgelegter Dekretentwurf, der die Stadt Dieppe zum Eingehn einer in sieben Jahren abtragbaren Schuld von 78.000 Fr. autorisirt, wird votirt und unmittelbar angenommen. Die Sitzung wird um 6 Uhr aufgehoben.
Großbritannien.
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@facs0231
[ * ] London, 13. Juli.
Auf die kürzlich erwähnte Zuschrift einer Anzahl irischer Mitglieder des Ober- und Unterhauses hat das Ministerium durch Sir G. Grey geantwortet: die Regierung erkenne sehr wohl den gefährlichen Charakter der jetzt in Irland organisirten Klubs; eine Abschrift der Eingabe sei dem Lordlieutenant von Irland übersandt worden, und es stehe zu hoffen, daß durch kräftige Ausübung der vom Gesetz bewilligten Gewalt Ruhe und Friede in Irland aufrecht erhalten werde.
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@facs0231
[ * ] London, 13. Juli.
Das Unterhaus verhandelte gestern die Bill des Hrn. Hindley in Betreff des Waarenverkaufs am Sonntag, einen jener heuchlerischen Vorschläge, die zu jetziger Zeit nur in England noch an der Tagesordnung sind. Hr. B. Wall erklärte sich durchaus gegen diese puritanische Maßregel und Herr [0232] Stanley traf den Nagel auf den Kopf, indem er die fragliche Bill als eine direkte Einschränkung der arbeitenden Klasse bezeichnete. Sie mache es dem Arbeiter unmöglich, an seinem einzigen freien Tage, am Sabbat, für sein wohlverdientes Geld auch nur die geringste Erfrischung, oder den kleinsten zu seiner Erheiterung beitragenden Gegenstand zu kaufen, während es den reichen Leuten nach wie vor erlaubt sey, große sonntägliche Feste zu geben und mit Wagen und Pferden hinaus in's Freie zu fahren.
Hr. Hume machte die Ungerechtigkeit der Bill dadurch noch deutlicher, daß er daran erinnerte, wie die Arbeiter erst spät am Samstag Abend ihre Löhne ausbezahlt erhielten und nothwendigerweise noch des Sonntags bedürften, um ihren Haushalt bestellen zu können.
Hr. C. Verkeley erzählte, daß er am letzten Sonntag einen kleinen Knaben wegen des Verkaufs einiger Feigen habe arretiren sehen, während gerade gegenüber in dem Etablissement Sir E. Buxton's die Brauerei im besten Gange gewesen sei. Nachdem dieser ehrenwerthe Baronet sich zu rechtfertigen gesucht hatte, schritt man zur Abstimmung, und trotz der so wohl motivirten Opposition verschiedener Mitglieder wurde der Vorschlag, daß die Bill im Comité berathen werde, mit einer Majorität von 28 Stimmen angenommen.
Eine längere Diskussion entwickelte sich dann über die Bill des Hrn. Moffatt, wonach ein Parlamentsmitglied seinen Sitz im Hause verlieren soll, sobald es seine Schulden nicht bezahlen kann oder will. Sie endete damit, daß Hr. M. seinen Vorschlag einstweilen wieder zurück nahm.
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@facs0232
[ * ] London, 13. Juli.
Was die preußischen, und die deutschen Juornale überhaupt, am spätesten erfahren, das sind solche unbedeutende Vorfälle, wie deutsche Handelsverträge, Waffenstillstände etc. Die Mühe, uns dergleichen mitzutheilen, übernehmen die englischen Blätter, der Standard enthält heute mit großen Lettern gedruckt:
Ratifikation des Waffenstillstandes zwischen Dänemark und Deutschland. Auf eine im Namen der Lloyd's Comité an Palmerston gerichtete Anfrage erwiedert letzterer:
„Auswärtiges Amt, 12. Juli.
„Sir, In Betreff Ihres heutigen Briefes habe ich von Viscount Palmerston den Auftrag erhalten, Ihnen mitzutheilen, daß der Entwurf zu Einem Waffenstillstande, der in Malmoe zwischen den Bevollmächtigten Dänemarks und des deutschen Bundes verabredet, von der preußischen Regierung angenommen worden, und daß an General Wrangel Befehl ergangen ist, denselben zu unterzeichnen und ihn provisorisch zu vollständiger Ausführung zu bringen. Außerdem scheint Grund vorhanden zu der Hoffnung, daß dieser von der preußischen Regierung, als in dieser Sache den deutschen Bund vertretend, übersandte Befehl vom Frankfurter Bundestage nicht werde desavouirt werden. Ich bin etc.
(Gez.) Eddisbury.
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@facs0232
[ * ] Dublin, 12. Juli.
Meagher wurde heute auf's Polizei-Bureau gebracht und gegen Bürgschaften von 1000 Pf. Sterl. einstweilen der Haft entlassen. Hr. Doheny wurde heute Morgen verhaftet. Ein Volkshaufen versuchte ihn zu befreien, was aber mißlang. Doheny wird heute Abend nach dem North Riding fortgeschafft. Vorigen Abend hielten die Konföderations-Klubs durch die ganze Stadt ihre Versammlungen. Polizisten waren an den Eingängen der Klubhäuser aufgestellt und notirten die eintretenden Mitglieder.
Donaufürstenthümer.
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@facs0232
[ * ] Bukarest, 2. Juli.
Die Ruhe ist fortwährend ungestört. Der provisorischen Regierung schenkt man alles Zutrauen. Der entflohene Fürst hat keine Hoffnung zur Rückkehr. Die neuesten Nachrichten aus Jassy vom 1. Juli wissen nichts von einem Einrücken der Russen.
Nachtrag.
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@facs0232
Berlin.
(Telegraphische Depesche.) Frankfurt a. M., 12. Juli, 4 Uhr Nachmitt. Der Erzherzog Johann hat gestern Abend seinen Einzug gehalten und heute Morgen in der National-Versammlung sein Amt feierlich übernommen. Sodann hat die Bundes-Versammlung ihre Gewalt ihm übergeben. Er eröffnet den 18. den Reichstag in Wien und kehrt dann bleibend hierher zurück. Camphausen wird Minister-Präsident und hat angenommen.
[(Pr. St. Anz.)]
[Leserbrief]
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@facs0232
Verhandlungen des Gemeinderathes zu Köln
Sitzung vom 14. Juli, Abends 6 Uhr.
Der Gemeinderath erklärte sich damit einverstanden, daß die unterm 11. d. M. genehmigte Versetzung der Dombau-Werkhütte, auf der Südseite des Domklosters, nur um 32 Fuß, statt um 48 Fuß, ausgeführt werde. ‒ Es ward eine Kommission von fünf Mitgliedern gewählt, um die Vorfrage wegen Bildung eines Ausschusses zur Regulirung der Verhältnisse zwischen Arbeitern und Arbeitgebern näher zu prüfen und darüber zu berichten. Für den hiesigen Viehmarkt wurden, wie im vorigen Jahre, 250 Thlr. zu Herbst-Pramien bewilligt. ‒ Es ward eine aus fünf Mitgliedern bestehende Kommission gewählt, um die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit der Beschaffung von Korn-Vorräthen zu prüfen und darüber zu berichten. ‒ Endlich wurden acht Niederlassungsgesuche erledigt.
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@facs0232
Die A. O.-Z. (Nr. 151) bringt folgende Erklärung Bakunins:
Herr Redakteur!
Es ist mir schon seit einiger Zeit bekannt geworden, daß man über mich und den Zweck meines Aufenthaltes in Breslau verläumderische Gerüchte verbreitet. Es war mir schmerzlich, auf eine solche Weise verkannt zu werden; doch habe ich gelaubt schweigen zu müssen, weil ich erstens es unter meiner Würde hielt, auf heimliche, das offene Licht scheuende Verdächtigungen zu antworten ‒ ; zweitens weil es in der Nothwendigkeit meiner Lage und im Interesse der von mir vertretenen Sache ist, zunächst so wenig Aufmerksamkeit zu erregen, wie nur irgend möglich; drittens aber ‒ und das war der Hauptgrund ‒ weil ich tief überzeugt bin, daß man in jetziger Zeit seine Gesinnung viel mehr durch Thaten als durch Worte beweisen müsse, da Jeder bald eine Gelegenheit haben wird wirklich zu zeigen, in wessen Dienste er steht und von welchem Geiste er beseelt ist.
Jetzt bin ich aber gezwungen, mein Schweigen zu brechen. Eine offene förmliche Anklage gegen mich in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ fordert von mir eine förmliche Antwort. Ich bin sie mir selbst und meinen deutschen Freunden schuldig, und hoffe ich, daß Sie, Herr Redakteur, einem Fremden der keine andre Waffe besitzt als die Publicität, die Spalte Ihrer Zeitung öffnen werden. Ich habe es mit einem mächtigen, unversöhnlichen Feinde zu thun, der mich, seitdem ich ihn in einer von mir öffentlich in Paris gehaltenen Rede angegriffen habe, systematisch und unermüdlich verfolgt, und der so gewandt ist, daß er selbst meine natürliche Verbündete, die Demokratie und ihre Organe als Mittel für seine Zwecke gebraucht und auszubeuten weiß. Bei den Regierungen stellt er mich als einen zu allen Verbrechen fähigen Demagogen hin und sucht gleichzeitig durch Verbreitung von Gerüchten, als: ich sei ein Agent; mich auch in der öffentlichen Meinung zu diskreditiren. Dadurch wähnt er wahrscheinlich mich zu ermüden und unschädlich zu machen, aber er soll und wird sich vergebens diese Mühe gemacht haben.
Auf die gegen mich in der Neuen Rheinischen Zeitung erhobene Anklage habe ich mich zunächst veranlaßt gesehen, an Madame Georges Sand zu schreiben, und bitte ich Sie, diesen Brief mit einer Erklärung in Ihr Blatt aufzunehmen. Ich behalte mir vor, Ihnen seiner Zeit das Weitere mitzutheilen. M. Bakunin.
Breslau, den 9. Juli 1848.
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@facs0232
Paris, 3. Juli.
„Madame!
Man hat sich ihres Namens bedient, um über meine Person verläumderische Gerüchte zu verbreiten. ‒ So eben habe ich in der Neuen Rheinischen Zeitung (Nr. 36) folgende Mittheilung aus Paris gelesen:
Den Kämpfen der Slawenrace in Böhmen, Ungarn und Polen folgt man hier trotz unserer inneren Gährungen mit sehr aufmerksamem Auge. In Bezug auf die Slawen-Propaganda versicherte man uns, gestern sei Georges Sand in den Besitz von Papieren gelangt, welche den von hier verbannten Russen M. Bakunin stark kompromittirten, indem sie ihn als ein Werkzeug oder in jüngster Zeit gewonnenen Agenten Rußlands darstellen, den der größte Theil der Schuld der neuerdings verhafteten unglücklichen polnischen Patrioten treffe. Georges Sand hat diese Papiere einigen ihrer Vertrauten gezeigt Wir haben hier nichts gegen ein Slawenreich, aber durch den Verrath der polnischen Patrioten wird es nimmermehr zu Stande kommen.
Ich brauche Ihnen die ernste Bedeutung dieser Anschuldigung nicht auseinander zu setzen. Entweder hat der Korrespondent gelogen, oder sein Bericht hat einen Grund. Im ersten Falle bitte ich Sie inständigst, im Namen der Sympathie, die Sie mir stets gezeigt haben, Jenen öffentlich Lügen zu strafen. Berücksichtigen Sie, Madame, daß es sich um meine Ehre handelt, welche unter Ihrem Namen auf eine unwürdige Weise angegriffen wurde, und daß solche Gerüchte gerade in einem Augenblick mich treffen, in welchem ich des Vertrauens für die gute Sache der ich diene, mehr als je bedarf. ‒
Sind Sie aber, Madame, gegen meine Erwartung wirklich die Quelle jener Gerüchte, dann wende ich mich nicht mehr an Ihre Sympathie, sondern an Ihr Gerechtigkeitsgefühl und an Ihre Ehrenhaftigkeit. Ich ehre sie zu sehr, und achte sie als zu edel und gewissenhaft, als daß ich denken könnte, Sie hätten eine solche Anschuldigung leichtsinnig und ohne selbst davon überzeugt zu sein, über mich ausgesprochen. Beweise können Sie nicht gehabt haben, denn für eine nichtexistirende Sache giebt es keine Beweise. Aber voraussetzen muß ich, daß Sie so mächtige Scheinbeweise besitzen, daß diese Sie selbst zu einer irrigen Ansicht verleiten konnten. Ich fordere Sie auf, alle diejenigen Papiere, welche mich kompromittiren sollten, sofort der Oeffentlichkeit zu übergeben, damit ich solche widerlegen, und den Urheber einer schamlosen Verläumdung kennen lernen kann. ‒ Ich habe ein Recht das zu fordern, denn indem Sie mich beschuldigten, haben Sie gegen mich und das Publikum eine heilige Pflicht übernommen, nämlich: den Beweis Ihrer Anklage zu führen.
Ich habe die Ehre
M: Bakunin.
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@facs0232
Wir ersuchen die geehrte Redaktion folgende Erklärung an einer geeigneten Stelle des Blattes aufzunehmen:
Erklärung.
Die Kölner Zeitung hat in Nr 191 unsere Berichte als „wenig zuverlässig“ bezeichnet. Sie hat uns diesen Vorwurf bei Erwähnung einer von uns aufgestellten Kombination über das Ausscheiden des Herrn Rodbertus aus dem Staatsministerium gemacht, ‒ einen Vorwurf, der sich nach der Natur der Sache nur gegen Thatsachen, nicht aber gegen Muthmaßungen erheben läßt. Dies allein wird dem Publikum Beweis für die Perfidie der Anschuldigung geben. Wir erwarten, daß die Kölner Zeitung Thatsachen anführt, welche die Unzuverläßigkeit unserer Berichte darthun. Wenn es indeß unzuverlässig genannt werden kann, daß wir, aus Rücksicht auf die bis dahin nicht bestrittene Ehrenhaftigkeit des Hrn. Dr. Brüggemann, den deutschen Zeitungen die Gründe seiner neulichen Anwesenheit in Berlin und die Zurückweisung seiner „zu breit geschnittenen“ Feder verschwiegen haben, so bekennen wir gern, uns jenes eine Mal einer Unzuverlässigkeit schuldig gemacht zu haben.
Berlin, 13. Juli 1848.
Die Redaktion der lithogr. Correspondenz.
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Hamm, 11. Juli 1848.
Noch vor 14 Tagen hörte ich einen Polizeidiener klagen wegen Mangel an Beschäftigung, aber wer hätte gedacht, daß sich dieser Uebelstand schon so bald heben würde. ‒ Ich möchte gerne allen brodlosen Arbeitern die Beschäftigung wünschen, welche die Gensdarmen und Polizisten neuerdings zu viel haben, dafür aber den erstern einen besseren Lohn, als ihn die letzteren für ihre rastlosen Bemühungen verdienen.
In Folge der Annekeschen und Gottschalkschen Verhaftung sind bereits ein halb Dutzend andere Verhaftungen und Haussuchungen vorgenommen; bei jeder Haussuchung finden sich neue Indicien zu ferneren Haussuchungen und so geht es bis ins Unendliche fort.
Heute Morgen 71/2 Uhr wurde ich plötzlich durch den Herrn Bürgermeister Lorbroks aus dem Schlafe geweckt, mit dem Bedeuten, der Herr Landrath v. Vincke wünsche mich zu sprechen. ‒ Ich kleidete mich, so gut es in der Eile gehen wollte an, und traf in meinem Wohnzimmer außer meinem ungebetenen Ruhestörer noch den Herrn Landrath v. Vincke und zwei Polizisten. ‒ Herr v. Vincke erklärte: er sei aufgefordert durch eine genaue Durchsicht meiner Papiere zu untersuchen, ob ich mit den, wegen Aufreizung der untersten Volksschichten zum Bürgerkriege verhafteten Anneke und Gottschalk in näherer Verbindung stehe, zu welcher Annahme ein bei ersterem aufgefundener Brief von mir berechtige. ‒ Mit der größten Bereitwilligkeit öffnete ich sofort Tische und Schiebladen, und die Durchsuchung begann. Außer einem Briefe von Anneke an mich über Einrichtung und Verhandlungen des Kölner Arbeitervereins wurden noch Briefe von andern Bekannten, sehr unschuldigen Inhalts, so wie einige Flugschriften und viele Schriftstücke des hiesigen Arbeitervereins, zu dessen Präsidenten ich gewählt wurde, konfiscirt. In der nun aufgenommenen Verhandlung erklärte ich noch, mit Herrn Dr. Gottschalk in gar keiner Verbindung zu stehen, und hierauf verließen mich die Besucher wieder kurz nach 10 Uhr. Die Untersuchung hatte also über 21/2 Stunde gedauert. Wie mir meine Wirthsleute erzählten, waren die Entdeckungsreisenden zu den verschiedenen Hausthüren hereingekommen, wahrscheinlich um mir die Flucht abzuschneiden. Nachmittags gegen 5 Uhr wurde ich nochmal zum Hrn. Landrath beschieden und befragt, ob ich die von Anneke erhaltenen Flugschriften vertheilt habe, worauf ich erwiderte, hierauf keine bestimmte Antwort geben zu können, weil die Schriften gleich nach dem Empfange wahrhaft verschlungen worden seien und ein Vertheilen gar nicht möglich gewesen wäre. Dem Wunsche des Herrn Landraths, ihm ein Exemplar der Kölner Arbeiter-Zeitung aus unserem Arbeitervereine zu verschaffen, konnte ich leider nicht genügen, da die anwesenden Mitglieder erklärten: „kein Exemplar abgeben zu wollen; wenn der Hr. Landrath die Zeitung haben wolle, möge er sich dieselbe kaufen, oder Mitglied des Vereins werden, wo er sie dann stündlich lesen könne.“ Wegen Konfiskation ihrer Vereinsschriftstücke wollen die Arbeiter Beschwerde führen. Ich selbst sehe mit der größten Ruhe meiner Seele allen etwa fernerhin noch zu treffenden Maaßregeln entgegen.
Schließlich bemerke ich noch, daß es selbst bei dem anständigsten Verhalten vorgenannter Herrn, doch das empörendste Gefühl von der Welt für mich war, Briefe meiner Familie, die bisher ein stetes Geheimniß für Jedermann gewesen, von der Polizei durchschnäufeln lassen zu müssen, ohne gerichtlich dagegen geschützt zu sein.
M. J. Belker.
Handels-Nachrichten.
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Fruchtpreise.
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Der Gerant, Korff.
Druck von W. Clouth, St. Agatha Nro. 12.