[0373]
Beilage zu Nr. 73 der Neuen Rh. Zeitg.
Samstag 12. August 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Die Polen-Debatte in Frankfurt. ‒ Das deutsche Reichsbürgerrecht und die preußische Polizei). Berlin. (Vereinbarungssitzung. ‒ Schweidnitz und die Konstabler. ‒ Konstablerfreuden. ‒ Versetzungen in Anklagezustand. ‒ Rimpler. ‒ Schwarz-weiße Protestationen). Brandenburg. (Altpreußenthum). Breslau. (Verhaftung des Dr. Cunerth in Liegnitz. ‒ Neue Leichenfeier in Schweidnitz). Stettin. (Prinz von Preußen. ‒ Demonstrationen). Wien. (Reichstagssitzung. ‒ Der Kaiser. ‒ Oesterreich und Ungarn. ‒ Das Landvolk in Niederösterreich). Stuttgart. (Auch ein Stück deutsche Einheit). Altona. (Dislokation der Truppen). Kiel. (Verpfändung Bornholm's an die Russen).
Dänemark. Kopenhagen. (Die Sundschifffahrt. ‒ Klagen über deutsche Brutalität auf dem Kriegsschauplatz).
Schweden. Gothenburg. (Rüstungen).
Italien. (Grundlage der englisch-französischen Vermittlung. ‒ Der Befreiungskampf und die Ursache seines jetzigen Mißlingens). Lugano. (Karl Alberts Verrath an Mailand). Mailand. (Kriegsbülletin Radetzky's). Turin. (Collegno in der Deputirtenkammer). Rom. (Erklärung der aus Calabrien entkommenen Insurgentenchefs). Neapel. (Entschädigungsforderung der Engländer).
Französische Republik. Paris. (Journalschau. ‒ Die Partei Marrast und Italien. ‒ Brief Robert Owens an die Reforme. ‒ Das Attentat Thiers. ‒ Marrast's Salon. ‒ National-Versammlung. ‒ Vermischtes).
Belgien. Antwerpen. (Die Affaire Risquons-Tout).
Großbritannien. London. (Parlaments-Debatten). Dublin. (Prozeß gegen Duffy u. s. w. eröffnet. ‒ S. O'Brien).
Rußland. Petersburg. (Erklärung über den Einmarsch in die Donaufürstenthümer).
Donaufürstenthümer. (Befehl aus Petersburg zum Rückzug der Russen).
Südamerika. Bogota. (Die Verfolgungen des Präsidenten gegen die Oppositionspresse).
[Französische Republik]
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[Fortsetzung]
„vêtues de gaz“ sind das gemeinsame Band, welches Republikaner und Monarchisten mit einander aussöhnt. Thiers ungeachtet seiner Tappfüßigkeit, und Marrast ungeachtet seiner 47 Jahre und seiner Gemahlin, der feinen Engländerin, lieben noch immer die Frauen, vêtues de gaz, die Frauen mit dem transparenten Gewande, welches die wonnigen Formen der Französinnen so üppig umwebt. Die deutschen Journale stellen sich die Republikaner immer als Spartaner à la Heinzen-Venedey vor.
„Ein gutes Bier,
„ein beizender Taback
„und eine Magd im Putz,
„da ist so mein Geschmack.
Nein, Marrast und Thiers lieben den feinen Tabak; er hat einen herrlichen Rauchsaal mit Divans errichtet, wo blos die Manilla Zutritt hat. Marrast und Bier, Marrast und eine Magd! Die feinsten Weine aus den Tuilerien, die feinsten Blumen aus St. Cloud, und die feinsten Frauen aus der feinsten Welt: das ist Marrast's Geschmack. An die Stelle der rothen Republik hat Marrast die parfümirte Republik zu setzen gewußt und dadurch seine ehemaligen Feinde versöhnt. Wenn Abends die Damenrepublik in feinem durchsichtigem Gewande in Marrast's Salons ihre Reize enthüllt, wer möchte da nicht gerne Republikaner sein, trotz des Belagerungszustandes. Und nachdem man so viel gethan hat, um die parfümirte Republik zu erhalten, nachdem man die, welche sie geschaffen, niedergemetzelt oder über die See geschafft, wird man sich aufs Neue stören lassen von lästigen Gesandten aus Italien, um sich wieder in neue Schwierigkeiten zu verwickeln und die parfümirte Republik mit den bottes vernies und mains gautées aufs Spiel zu setzen. Geht zum Henker und nehmt unsere Sympathien mit.
Thiers ist zufrieden mit Marrast's Salon und das ist die Hauptsache.
Cavaignac kommt auch in Marrast's Salon, und sogleich sind die Blicke aller Frauen auf ihn gerichtet. Cavaignac ist der interessanteste Mann von Paris. Die Franzosen geben ihm neben dem Ausdruck des Muths und der Unerschrockenheit alle schmachtenden Epitheten der Deutschen: Wehmuth, Melancholie, ein lyrisches Gemüth! Die Frauen sind toll um ihn: ich glaube, es waren an 4000. Wenn er sie nur nicht alle unglücklich macht. Doch nein! es kommen ja auch Mobilgardisten zu Marrast, die „unter dem Glanze der Lampen ebenso muthig in die Pretzeln drein hieben, wie in die Barrikaden unter dem Kanonengeschütz,“ wie der Constitutionnel in vollem Ernste sagt. Es lebe die parfümirte Republik!
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[ 17 ] Paris, 9. Aug.
Laut offiziellem Bericht ist jetzt die Besatzung der Stadt Paris und ihres Weichbildes auf achtzigtausend Liniensoldaten gebracht; Le Commerce wünscht hunderttausend, „eine runde starke Ziffer.“ Dies beweist aufs Beste „die fröhliche Rückkehr des Vertrauens“ der beiden Klassen. General Eugen Cavaignac (den der Corsaire allen Ernstes mit „Prinz Eugenius“ vergleicht, in derselben Nummer wo Proudhon „der biblische Satanas“ und „der Göthesche Mephistopheles“ genannt wird) hat die unterdrückten Journale losgegeben, auch Proudhons „Representant du Peuple.“ Die „Assemblée nationale“ benutzt ihre Freilassung dahin, daß sie sogleich im ersten Artikel eine berserkerwüthige Anklage gegen Lamartine, Ledrü-Rollin, Arago u. s. w. schleudert, „deren Namen im Kammerrapport vergessen wären.“ Girardins La Presse, pfiffiger als die honette Base, präsentirt ihren Lesern den bereits sattsam bekannten Rapport und „sticht mit vergifteten Nadeln“, wie Le Spectateur republicain meint, „da sie das Gewerbe schon besser versteht.“ So rückt denn das Schisma im Repräsentantenhause unaufhaltsam näher, und die karlistische „Union“ registrirt dies Faktum jubelnd ein. Lamartines „Bien public“ wird von diesen Heroen und von Victor Hugo's „L'Evenement“ auf Tod und Leben angegriffen. „Wir wollen eine Republik“, deklamirt das Letztere, „welche zur Trikolore sich das Morgenroth der Tugend, das Schneeweiß der Unschuld, das Himmelblau der ewigen Sehnsucht erkoren hat,“ und ergeht sich sofort in einer haarkleinen Betrachtung über die Börsenkurse, „die wieder heiter emporathmen, nachdem die schaurige Perspektive auf das Schwungbrett der Guillotine und auf das ebenso infernale Druckbrett der Assignatenpresse glücklich und zwar auf immer vernichtet sei.“
Die Neger in Algier, durch Victor Schölchers Dekret von der provisorischen Regierung frei erklärt, tanzen fortwährend um den Freiheitsbaum und haben an den Maire und Generalprokurator einen Dankbrief geschrieben im Namen ihrer sieben Stämme. Weniger gemüthlich betragen sie sich in Westindien, wo in Guadelupe schon jetzt kein Heller Münze mehr, sondern nur Kolonialpapier existirt, und nächstens kein französischer Pflanzer mehr zu finden sein dürfte; diese Schwarzen baden sich im Blute ihrer Bourgeois. „Schmerzlich dabei sei auch das, wimmert der Siecle, daß die Engländer sich darüber zu amüsiren schienen.“ ‒ Einige noch nicht gesprengte Arbeiterklubbs in dem streng honetten Bordeaux haben eine Adresse an die Junimärtyrer „berathen“, worin es heißt: „Brüder!“ Leider zu entfernt um an eurem Heldenkampfe, der seines Gleichen nicht in der Weltgeschichte hat, selbst die Sklavenkriege der spartanischen Heloten, der römischen Bundgenossenvölker und der Gladiatoren des Spartakus, selbst die Bauernkriege unsres Jaques Bonhomme und der deutschen Landleute vor 300 Jahren mitgerechnet, mit der Waffe Theil zu nehmen, grüßen wir euch und weinen mit euren Waisen und Wittwen; wir geloben euer Vorbild nie zu vergessen bis endlich die Stunde schlägt des modernen Hussitenkampfes, den unsre Herrscherklasse schlechterdings heraufbeschwören will; nur flehen wir euch an, seid in diesem Augenblicke ruhig, wo die Knute der siegreichen Klasse über eurem schon zerfleischten Rücken hängt“ u. s. w. Und die Lyoner Arbeiter haben eine Adresse an die Nationalversammlung diskutirt, worin sie sagen: „Wir bitten euch um Mitleid und Erbarmen für unsre verirrten Pariser Gefährten, deren einziges Verbrechen ja nur in Uebereilung, in übermäßiger Liebe zur Menschheitsbeglückung besteht.“ Die Thiersblätter bringen in extenso diese in Lyon und Bordeaux cirkulirenden Adressen und stoßen ein dumpfes Schakalgeheul aus, um mit La Republique zu reden. L'Union verlangt sofortige Absetzung des „kommunistischen“ Maire der erstern dieser Städte. ‒ Proudhons Rede, im Moniteur vollständig, wird reißend von den Ouvriers gekauft und in die Departements geschickt; man autographirt sie sogar. Man kann sich dies erklären, wenn man bedenkt, daß außer der Vraie Republique, (woran Thoré und George Sand schreiben) kein einziges der nach der Junischlacht erdrückten echten Proletariatsjournale wieder aufgelebt ist, da das Kautionement von 24,000 Fr. für dieselben unerschwinglich wird. Nur Aristokraten und Bourgeois können jetzt noch von der Tagespresse Gebrauch machen. ‒ Wegen der nach Havre bei nächtlicher Weile spedirten 800 „Brigands“ ist in der Kammer der Kriegsminister Lamoriciere heftig interpellirt worden; die Nationalassemblée hat nämlich die feierliche Zusage, Weiber und Kinder mit den Insurgenten zusammen zu deportiren, gebrochen und jener erste Zug ist abgegangen, ohne daß ihre Namen vorher publizirt, ohne daß ihre Verwandten davon benachrichtigt, geschweige denn gefragt wurden: ob sie mitreisen wollten? Der Herr General beliebte aber nur eine ausweichende Antwort zu geben, und versicherte, die Sorgfalt der Rupublik werde die Deportirten ebensowenig auf dem Meere wie im Kerker verlassen (nämlich sie aus den Stick- und Glutlöchern der Kasematten in die Giftluft der Fieberküsten befördern, wo freilich die Kolonisationskosten dem Beutel der Bourgeoisie erspart werden dürften.) Die Proletarier behaupten steif und fest, man werde die Unglücklichen in die See werfen; wieder ein Merkmal des zurückkehrenden Vertrauens.
Die Bordeleser philippistische Kaufmannschaft, im Bunde mit der karlistischen Ritterschaft des Südwestens, verlangte so eben den Prinz Joinville zum Präsidenten der Republik; jetzt läßt sie abdingen und begehrt nur Molé, weil der Marschall Bügeaud, den „Friedensstifter der Straßenemeute Transnonain (d. h. Massakreur) zu weit avancirt sei und sich in allerlei „moderne Ideen, die nichts weniger als solide“ einzulassen anfange.
Im Departement der Ober-Garonne sind die Bauern plötzlich sehr religiös geworden und stehen Wache vor den Wohnungen der Republikaner, weil diese Dolche schleifen und bezauberte Kugeln gießen, wie ihnen auf den Kanzeln versichert wurde. Im südlichen Rhonegebiet macht man dem Bauer weis, die Feldmesser von Paris kämen diesmal lediglich um die Ackervertheilung des alten „Monsieu Communisse“ vorzunehmen; schon früher stellten sich nämlich die Landleute die Kommunistenpartei unter dem Schreckbilde eines wilden Greises (vieillard sauvage), einer Art von Notar da oben im fernen Paris vor, der „Herr“ oder „Vater“ Kommuniß (Bauernaussprache) hieße. Dies ist faktisch und es liegen jetzt juridische Zeugnisse darüber vor. ‒ Des Dominikaners Lacordaire „Ere nouvelle“ begehrt Intervention zu Gunsten des Jesuiten- und Murmelthierkönigs Karl Albert, aber zugleich zur Unterdrückung aller „anarchischen quasirepublikanischen Theaterstreiche in Italien, und zur Einschüchterung des ebenso unreligiösen als politisch frechen Mamiani.“ Der National ist schlaff und matt, Italien ist ihm gleichgültiger seit sein ehemaliger Redakteur asiatische Dines gibt. Advokat Marie, auch von den Bourgeoisradikalen, dieser schwärmerische Freund der Preßfreiheit unter Louis Philipp, vertheidigte gestern tollwüthig die Geldkautionen; „er bereue seinen Irrthum, jetzt erst sehe er das Volk in Masse sei noch unreif zur reinen Rede- und Vereinsfreiheit.“ Senard, einst Oberster des Advokatenstandes von Rouen, hatte auf einem Reformzweckessen 1847 gesagt: „Wozu für die böse Seite der freien Presse das Heilmittel in wahrhaft luxuriösen Strafverordnungen suchen? Das einzig löbliche Heilmittel ist der öffentliche gesunde Menschenverstand;“ heute sagt er das Gegentheil.
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Paris, 8. Aug.
Drei Züge von Insurgenten sind heute in Havre eingetroffen. Der erste Zug enthielt 180; in jedem Wagen waren 18 Insurgenten und 12 Wächter. Eine Gensd'armerie-Abtheilung saß im ersten und im letzten Wagen. Kurz darauf kamen die folgenden Insurgentenzüge, auf ähnliche Weise verpackt, hier an, und die Summe derer, die mit der Dampffregatte Ulloa einstweilen nach Brest transportirt werden, beträgt in diesem Augenblicke 441 Mann. Alle möglichen Vorsichtsmaßregeln waren von der Stadtbehörde getroffen, um die Ruhe aufrecht zu halten. Die Linientruppen, National- und Marine-Garde, so wie die Pompiers standen aufgepflanzt, um die Insurgenten vom Bahnhofe bis zum Hafen La Floride zu eskortiren, wo die Ulloa vor Anker liegt.
Um jedem Menschenzudrange zuvorzukommen, wurden die verschiedenen Zugbrücken nach dem jedesmaligen Uebergange der Detachements aufgezogen, so daß die Besiegten vom Juni bis zur Ulloa ohne alles Geräusch und Zudrängen von Neugierigen anlangen konnten.
Die Unglücklichen waren, je zu drei Mann, an den Händen gebunden; die Pariser Wächter und Gensd'armerie gingen ihnen zur Seite. Das Zwischendeck der Ulloa ist in Räumen abgetheilt, deren jeder 15 Insurgenten faßt. Unter ihnen befinden sich Bürger, Militär, Mobilgardisten, Nationalgardisten; die Einen sind niedergeschlagen, und lassen ihren Schmerz laut werden, über die ewige Trennung von ihrem Vaterlande; bei den Andern völlige Resignation. Thomassin, der Organisateur des Festessens von 25 Centimes, so wie Gaëtan befinden sich im Transporte. Die weitere Bestimmung der Ulloa, die schon seit drei Wochen auf diese Schiffsladung menschlichen Ballastes harrete, ist unbekannt. Ein anderer Bericht meldet, daß Männer, welche dem Tod im Juni trotzten, weinten wie Kinder. Alle Zuschauer, welche gegenwärtig, waren tiefgerührt über das Schicksal dieser Männer, die fast alle im Februar mit gefochten.
‒ Die Geschichte des Attentats der Windbüchse auf Thiers lös't sich in Wind auf.
Die „Republique“ bemerkt: „Die Abendjournale stützen sich auf einen Bericht des „Constitutionnel“, der ungefähr gleichlautend ist mit dem des „Journal des Debats.“ Sie wollen in diesem schlechten Witz durchaus einen ernsten Mordversuch erblicken. Es gibt ein Mittel, alle weitere Debatten abzuschneiden. Dazu genügt die Veröffentlichung der Protokolle des Polizeikommissairs und des Arztes, der den Zustand des jungen Mädchens zu konstatiren hatte. Aber der Bürger Thiers hält darauf, für ein der Kugel oder dem Eisen eines Meuchlers geweihtes Opfer zu gelten. Als er sein Schloß Récous bewohnte, dem er den poetischen Namen Villa Orsini beilegte, war er nicht auch von dem Gedanken besessen, man stelle seinem Leben nach? Hatte er nicht eine Schildwache für seine Person verlangt? Sagte ihm bei dieser Gelegenheit nicht der berühmte Carrel: „Du, sterben an einem Pistolen- oder Flintenschuß! Nein, Du kannst nur sterben an einem Fußtritt ‒ an irgend einen Orte.“ Es ist dies historisch.
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Paris, 9. August.
Gestern Nachmittag brachte endlich ein Kourier des Londoner Kabinets den langersehnten Beitritt desselben zu unserer Mediationsvorschlägen im italienischen Kriege. Wenige Stunden später gingen Kouriere an Lord Abercromby, englischen Gesandten und v. Reizet, Geschäftsträger der Republik, in Turin, weiter, um diesen Herren den Befehl zu bringen, sich sofort in die Generalhauptquartiere der beiden kriegführenden Parteien, König Karl Albert und Radetzki, zu begeben und ihnen die amtliche Mittheilung von der Mediation Englands und Frankreichs zu machen, sowie mit ihnen über einen provisorischen Waffenstillstand zu unterhandeln, während welchem über die Bedingungen der Mediation zwischen den Kabinetten selbst verhandelt werden könne.
Ein dritter Kourier schlug die Richtung nach Wien ein, um den dortigen französich-englischen Gesandten die Grundzüge zu bringen, nach welchen die Mediation eingeleitet werden solle.
Diese Grundzüge selbst sind natürlich noch Staatsgeheimniß
‒ Gustave de Beanment ist zum Gesandten der Republik nach London ernannt, wo sie bisher von Herrn de Tallenay vertreten wurde.
‒ In den Faubourgs und einigen Straßen herrschte gestern eine bedenkliche Gährung. Das Gerücht hatte sich verbreitet, die Regierung wolle mit den Insurgenten kurzen Prozeß machen. Sie ließe sie im Havre einschiffen und dann in das Meer werfen.
Diese Nachricht rief unter den Frauen, Kindern und Verwandten der 10,000 Gefangenen eine große Angst und Erbitterung hervor; man stieß die fürchterlichsten Verwünschungen gegen die Regierung aus und drohte die Stadt in Brand zu stecken.
‒ Zwei bedeutende Glieder des Berges, Theodor Bac und Germain Sarrut stellten gestern das Ministerium rücksichtlich der geheimnißvollen Einschiffung von 531 Insurgenten zur Rede und wollten wissen, welchen Entschluß man überhaupt rücksichtlich dieser Unglücklichen nebst ihren Angehörigen gefaßt habe? Kriegsminister Lamoriciere antwortete, daß die Regierung die Einschiffung der einzelnen Züge deshalb geheimnißvoll, d. h. unvermuthet bewerkstelligen lasse, weil sie jeden Befreiungsversuch, jede Ruhestörung zu vermeiden trachte. Uebrigens dirigire sie die abgeurtelten Insurgenten zunächst nach Belle Isle en Mer (vor der Loiremündung), lasse dort für 3 bis 4000 Personen Wohnungen errichten und werde dorthin die Frauen und Kinder der Verurtheilten folgen lassen. Ein anderer Theil werde den andern Rheden zugeschickt werden und dort so lange bleiben, bis die Nationalversammlung über den Verbannungsort definitiv entschieden haben wird.
‒ In den letzten vier Tagen fielen mehrere Schüsse gegen einzelne Schildwachen auf den Pariser Festungswerken. Der Haß gegen die Mobilgarde wächst mit jedem Tage. Die 250 Ehrenkreuze, die ihr Cavaignac verlieh, haben die Erbitterung bedeutend gesteigert.
‒ Repräsentant Rouher, ein Demokrat im Bourgeoissinn, hat gestern der Nationalversammlung seinen Bericht über Morin's Antrag auf Abschaffung der Artikel 414, 415 und 416 des Code Penal (die von den berüchtigten Arbeiter-Coalitionen handeln) vorgelegt. Der Bericht ist der Abschaffung günstig und unterstützt die mildere Redaktionsweise des Antragstellers.
Nationalversammlung. Sitzung vom 9. August. Anfang 11/4 Uhr. Präsident Marrast. Bouzzat, dessen neuer Preßgesetzentwurf gestern durchfiel, reklamirt fruchtlos gegen die Abfassung des Protokolls.
Goudchaux, Finanzminister, legt zwei für das Ausland ganz interessenlose Dekretentwürfe vor, von denen der Letzte sogleich votirt wird.
Senard, Minister des Innern, beantragt einen Jahresgehalt von 2000 Franken für die Wittwe des Generals Damesme, der die Mobilgarde in der Junischlacht nach Düvivier befehligte und an seiner Wunde starb.
Dieser Antrag soll morgen diskutirt werden.
Die Versammlung nahm dann die Preßgesetzgebung wieder auf. Die Diskussion im Allgemeinen ist geschlossen und der Kampf um die beiden Entwürfe (den Senardschen und den Pascal Dupratschen) wird fortgesetzt.
Inzwischen erhalten General Lafontaine, v. Montreuil, Dorlan und Graf Montalembert die nachgesuchten Urlaube.
Leon Faucher besteigt die Bühne und vertheidigt den ministeriellen Preßentwurf. Man theilt, sagt er, die Vertheidiger und Gegner desselben in zwei Parteien. Man nennt Erstere (nämlich die Vertheidiger der Kaution) Vertheidiger des Privilegiums; Letztere die Vertheidiger der Freiheit. Wir, die die Kaution vertheidigen, sind der Ueberzeugung, daß sie die Presse moralisire; der Entwurf führe nicht die Kaution ein, sondern er verringere dieselbe. Der große Staatsökonom des Siecle eifert gewaltig gegen die von Ledru Rollin gestern aufgestellte Behauptung, daß die Unterschrift des Artikelverfassers die beste moralische Kaution sei. Er sicht nebenbei gegen die verderblichen Grundsätze des Luxemburg und protestirt vor allen Dingen gegen die Manie, uns Franzosen amerikanisiren zu wollen. Die Temperamente seien verschieden, mithin müßten auch die Staatseinrichtungen verschieden sein. Diese Kritik der „Doktrinäre des National“ war das Gelungenste in seiner heutigen Rede. Er bekämpfe, schloß er, den Gegenentwurf endlich aus dem Grunde, weil er den Sitten und Gebräuchen des französischen Volkes (soll wohl heißen Journalismus) zuwider sei.
Flocon: Der Redner, der so eben die Tribüne verläßt, hat schon die Nützlichkeit, Moralität und Nothwendigkeit des Kautionswesens wiederholt zu beweisen gesucht. Ich werde ihm zeigen, daß er sich radikal irrt. Was erklärte Ihnen der Minister, als er Ihnen seinen Entwurf vorlegte? Er sagte Ihnen, daß das Kautionsprinzip nichts tauge; daß er es selbst zeitlebens bekämpft habe, daß aber der jetzige Zustand der französischen Gesellschaft ein anormaler sei, weshalb er das Gesetz nur provisorisch so lange gelten lassen wollte, bis die Verfassung die Preßverhältnisse regulirt. Wohlan, der Minister findet das Prinzip also schlecht; Hr. Faucher erhebt es dagegen in die Wolken. Wie soll man sich diesen Widerspruch erklärt? Der Redner entwickelt hierauf den industriellen Charakter des Kautionswesen, das die Presse zur Kuh herabwürdige und er votirt gegen den ministeriellen d. h. für den Paskal'schen Entwurf.
Pagnerre, der berühmte Verleger des Manuel republicain, unterstützte ebenfalls den Pascal-Duprat'schen Entwurf, weil er alle Geranten jeder Verantwortlichkeit entbindet.
Nach ziemlich stürmischer Debatte über den Vorrang der verschiedenen Gegenentwürfe, worunter der Dupratsche der Erste ist, schritt die Versammlung zur Abstimmung über diesen Gegenantrag. Von 749 Anwesenden stimmten 342 für und 407 gegen den Paskal-Duprat'schen Entwurf. (Sensation über die starke Zahl der Opposition.) Der ministerielle Entwurf hat somit gesiegt.
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Nach einer Pause nahm Louis Blanc das Wort und trug, von der Tagesordnung abweichend, auf Beschleunigung der Diskussion des berüchtigten Bauchartschen Anklageberichtes an.
Bauchart erklärte, daß 22 Schnellschreiber mit Kopirung der Beläge beschäftigt seien. Sobald der Druck derselben vollendet, könne die öffentliche Diskussion derselben beginnen. Wenn die Kommission einige dieser Beläge zurückhalte, so geschehe dieß im Interesse des Landfriedens.
v. Morney, empört über den Druck der Beläge, gibt seine Demission als Glied der Untersuchungs-Kommission.
Die Diskussion wird auf Sonnabend festgesetzt und die Versammlung kehrt zur Tagesordnung zurück.
‒ (Nach 4 Uhr). Das Prinzip der Kaution einmal durchgesetzt, bot die artikelweise Berathung des ministeriellen Entwurfs nur sekundäres Interesse.
Der einzige Punkt, ob der Staat denjenigen Journalen, welche bisher 100,000 Franken Kaution gestellt hatten, den Mehrbetrag (die jetzige Kaution beträgt nur 24,000 Franken) in baar oder Renten zurückbezahlen sollen, gab zu einer unerheblichen Debatte Veranlassung. Mehrere Glieder schlugen vor, ihnen denselben sofort in Renten zurückzugeben, während der ministerielle Entwurf sich sechs Monate ausbedingt, und dann es in baarem Gelde zu thun verspricht.
Die Opposition wurde auch in diesem Punkte geschlagen. Der Mehrbetrag wird in 6 Monaten baar zurückgezahlt.
Präsident Marrast schritt nun zur Abstimmung über den Gesammtentwurf. Fast zwei Drittheile der Versammlung erhoben sich für denselben.
Dies Gesetz ist also angenommen. Es herrscht einige Minuten lang Agitation im Saale.
Die Presse ist somit mit 24,000 Franken per Journal moralisirt.
Wichtig bei dem neuen Gesetz ist, daß die Kaution vorzüglich zu den Strafen verwandt werden soll, wodurch der Redakteur dem Geranten völlig unterworfen wird.
Marrast las demnächst den Appendix zum Kautionsprinzip, nämlich das neue Strafgesetz.
Tranchan oder Tronchon ergriff das Wort, um dasselbe zu amendemiren.
Mehrere andere Amendements werden dem Präsidenten zugestellt. Da dieselben vorher gedruckt werden müssen, um dann vertheilt zu werden, so wurde die Diskussion auf morgen verschoben, und die Sitzung kurz vor 6 Uhr geschlossen.
Belgien.
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@facs0374
[ S ] Antwerpen, 9. Aug.
Die belgischen Angeklagten in dem Prozesse Risquons-Tout stehen vor den Assisen. Die Belgier sind hoch erfreut, auch ihre „Insurgenten“ zu haben. Sie geben dieser Posse eine politische Wichtigkeit, die uns höchst komisch erscheinen muß. „Es handelte sich um noch weit Schlimmeres als darum, die Belgier zu republikanisiren; es handelte sich darum, sie zu französiren.“ Manweiß, wie die sogenannten „belgischen Legionen“ mit vollem Dampf über die Gränzen in's belgische Gebiet eindrangen und es den Belgiern ein Leichtes war, sie mit offnen Armen und offnen Kanonen zu empfangen. Die Franzosen haben von den Belgiern gesagt, sie seien halbe Affen und halbe Beduinen: Nun wollen sie zeigen, daß sie weder Beduinen noch Affen sind. Sie brauchen keine Revolution, wie die Franzosen zu machen. Ihre Konstitution und ihr flämisches Elend können sich in voller Freiheit auf gesetzmäßigem Wege entwickeln. Die Franzosen haben Unrecht, die Belgier halbe Affen und halbe Beduinen zu heißen; sie sind Affen und Beduinen in ihrer vollkommenen Verkommenheit Die Franzosen haben ihre erste Revolution gemacht, ihnen die Holländer vertreiben helfen, ihnen einen König ausgeschlagen, aber eine Königin geliehen.
Da die Franzosen nach 48 nichts wiedernahmen, werden die Belgier wieder frech und pochen auf ihre „Rationalität“, die nur in Flandern und im Pauperismus zu finden ist. Vor der Februar-Revolution war es in Frankreich Mode, daß die politischen Anklage-Akten sich durch ihren Styl auszeichneten. Die belgischen Journale haben des Lobens nicht genug für den Styl und die Klarheit und die „Tiefe“, welche den Anklageakt von Risquons-Tout zu einem literarischen Meisterwerk machen. ‒ Wir werden auf dieses Meisterwerk zurückkommen. 34 Angeklagte antworten auf den Appell des Präsidenten. Unter ihnen ist der 80jährige französische General Mellinet, der ihnen die Holländer damals aus Maestricht vertrieb.
Großbritannien.
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@facs0374
[ * ] London, 9. Aug.
Oberhaus vom 8. Aug. Lord Stanley interpellirt über die jetzigen Beziehungen Englands zu dem Königreiche beider Sicilien. Lord Lansdowne erklärt, daß sich England hauptsächlich auf ein Aussprechen seiner Ansicht über die Differenzen zwischen Neapel und Sicilien beschränkt und für Beibehaltung der Verbindung derselben unter für beide Theile günstigen Bedingungen gewirkt habe. Als dies nicht gelang, habe die englische Regierung darauf hingearbeitet, das ein neapolitanischer Prinz zum König von Sicilien ernannt würde. Die Haltung Siciliens sei aber der Art gewesen, daß alle Anstrengungen gescheitert; es habe alsdann England lediglich die monarchische statt der republikanischen Regierungsform bevorwortet und hinzugefügt, daß es einen italienischen Prinzen am liebsten an der Spitze Siciliens sehen würde. Uebrigens habe die Ankunft der englischen Flotte unter Admiral Parker vor Neapel keinen Bezug auf die Unterhandlungen wegen Siciliens. Lord Stanley fand die Antwort in keiner Weise befriedigend. Er verlangte ausdrückliche Erklärung, ob die englische Flotte die Expedition gegen Sicilien zu verhindern beauftragt sei. Lord Lansdowne lehnte jede Antwort, als dem öffentlichen Interesse nachtheilig, ab. Das erste Lesen einer Bill zur Unterdrückung ungesetzlicher Vereine und Clubs machte den Beschluß.
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@facs0374
London.
Unterhaus, vom 8. August. Die Sitzung beginnt um 8. Uhr durch Verlesung des offiziellen Schreibens vom Lordlieutenant, worin er die Verhaftung von S. O'Brien anzeigt. Es folgten eine Menge der verschiedensten Bills und Gegenstände, die für das Ausland von geringem Interesse sind. Dagegen entspann sich eine höchst lebhafte und lange Debatte über Hrn. Berkeley's Motion: „daß es ersprießlich ist, die Stimmen der Wähler bei der Ernennung von Parlamentsmitgliedern auf dem Wege des Ballotirens einzusammeln.“ Bei der Zusammensetzung des Unterhauses kann man sich leicht denken, welch erbitterten Widerstand Berkeley's Antrag auf geheime Abstimmung finden mußte. Es wurden viele schöne Sachen für und wider zu Tage gefördert. Die Hauptkämpfer für geheime Abstimmung waren Berkeley selbst und dann Oberst Thompson und Cobden; gegen Lord J. Russell, Oberst Sibthorp und Urquhart. Bei der Abstimmung waren 86 gegen, 81 für Berkeley's Motion; sie wurde also nur mit der Majorität von 5 Stimmen verworfen.
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@facs0374
[ * ] Dublin, 8. Aug.
Heute ist der Prozeß gegen Duffy und Genossen wegen Aufruhr und Hochverrath eröffnet worden. Die Anklageakte wurde verlesen. Duffy's Vertheidiger verlangte Abschrift oder so langsames Verlesen des Aktenstückes, daß es nachgeschrieben werden könne. Der Gerichtshof vertagte sich, damit der Staatsanwalt bis morgen sich überlegen möge, ob er Abschrift geben will oder nicht. Hulme empfing heute die Belohnung von 500 Pf Sterl., die auf den Kopf S. O'Brien's ausgesetzt worden. Die Frau des Letztern hat Erlaubniß erhalten, ihren Mann zu besuchen. Die Angriffe bewaffneten Landvolkes gegen die Post im Süden dauern fort.
Rußland.
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@facs0374
Petersburg, 3. August.
Das Journal de St. Petersbourg meldet: „Die Ereignisse, welche kürzlich in den Donau-Fürstenthümern eingetreten sind, haben Se. Majestät den Kaiser genöthigt, temporär ein Truppenkorps zur Wiederherstellung der Ordnung in Uebereinstimmung und Gemeinschaft mit demjenigen, welches die ottomanische Pforte ihrerseits dahin sendet, dort einrücken zu lassen. Die Motive zu diesem Entschluß und die politischen Erwägungen, welche sich daran knüpfen, sind von dem Kaiserlichen Kabinet seinen Repräsentanten im Auslande in einer vom 31. Juli datirten Depesche entwickelt worden, mit dem Befehl, dieselbe zur Kenntniß der Regierungen und des Publikums von Europa zu bringen.“ Am Schluß dieser Note heißt es: „Da man sich leider gewöhnt hat, die Politik Rußlands spitzfindig zu beurtheilen, in ihr zu suchen, was nicht darin liegt, und da es überdies der antisozialen Partei, die nur einen allgemeinen Brand will, darum zu thun ist, die öffentliche Meinung zu beunruhigen, zu erbittern, so zweifeln wir nicht, daß die von uns vorgenommene Bewegung über unsere Gränzen wie gewöhnlich die falschesten Voraussetzungen veranlassen wird. Man wird sagen, man hat schon gesagt, diese Bewegung sei nur ein erster Schritt unserer übergreifenden Politik, wir warteten nur auf einen Vorwand, um unsere Streitkräfte vorrücken zu lassen, wir marschirten nur mit dem vorhergefaßten Entschluß in die Fürstenthümer, sie nicht wieder zu verlassen, und, den überkommenen Vergrößerungsplänen gemäß, mit denen Rußland dem türkischen Reich gegenüber umgehe, beuteten wir zu deren Verwirklichung die Ohnmacht und die Verlegenheiten aus, in welche das westliche Europa durch die sozialen Wirren gestürzt sei. Wir haben allen diesen Vermuthungen nur eine sehr einfache Thatsache entgegenzustellen: wir rücken in die Moldau im Einverständniß mit der ottomanischen Pforte ein, und unsere Truppen werden dort eintretenden Falls nur in Verbindung mit den ihrigen handeln. Die Vergangenheit antwortet überdies für die Gegenwart. Mehr als einmal haben wir in früheren Zeiten die Fürstenthümer ganz oder theilweise besetzt, und treu dem von uns im voraus gegebenen Wort haben wir sie stets geräumt, sobald die Bedingungen, an die wir unsere Rückkehr geknüpft, erfüllt waren. Eben so werden wir auch diesmal handeln, und so wie in der Wallachei die gesetzliche Ordnung wieder hergestellt sein oder die Pforte hinreichende Gewähr für die künftige Ruhe der beiden Provinzen erlangt zu haben glauben wird, werden unsere Truppen sich zurückziehen und unverzüglich wieder ihre frühere streng defensive Stellung an der Gränze einnehmen.
Donaufürstenthümer.
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@facs0374
Nach einer Privatkorrespondenz der Indépendance aus Kronstadt vom 27. Juli haben die in die Moldau vorgerückten Russen aus Petersburg Befehl erhalten, sich in ihr Gebiet zurückzuziehen. Der russische Konsul und der General Duhamel waren über den Befehl so erstaunt, daß sie nochmals einen Kurier nach Petersburg abschickten und Bestätigung erbitten, bevor der Rückzug ausgeführt wird.
Südamerika.
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Briefe aus Bogota (Neu-Granada) vom 16. Juni berichten über Verfolgungen, die der Präsident der Republik, Hr. Mosquera, gegen 2 Blätter: El Aviso u. La Amerika einleiten ließ. Der Erfolg fiel ganz gegen seine Erwartungen aus. Denn die Jury sprach die Angeklagten frei. Der Präsident wollte in seiner Erbitterung die Soldaten zu Werkzeugen seiner Rache gebrauchen. Diese weigerten jedoch den Gehorsam.
Nachtrag.
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@facs0374
[ * ] Köln, 11. August.
71/2 Uhr Abends. Wir freuen uns, unsern Lesern die soeben erfolgte Freisprechung des Herrn Lassalle mittheilen zu können. Die Geschworenen erklärten nach 21/4 stündiger Berathung mit einfacher Majorität den Angeklagten für schuldig, zu dem Verbrechen „Anleitung“ gegeben zu haben, sprachen ihn dagegen frei von der Beschuldigung, Bestechung geübt zu haben. Der Gerichtshof zog sich darauf zurück, und verkündete nach einer kurzen Berathung die vollständige Freisprechung. Das zahlreich versammelte Publikum nahm diese Nachricht mit stürmischem Jubel auf.
Handels-Nachrichten.
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[Gerichtsprotokoll]
Kriminal-Prozedur gegen Ferdinand Lassalle wegen Verleitung zum Diebstahl.
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(Fortsetzung.)
Z. Am folgenden Tage sei Oppenheim zuerst wieder in Aachen erschienen, später Mendelssohn, in Fuhrmannskleidern, mit abrasirtem Bart. Er sei durch das Fenster in das Hotel eingestiegen, habe dann von Lassalle Geld zur weitern Reise empfangen. Lassalle und Oppenheim seien am andern Tage nach Köln gefahren, aber in verschiedenen Gasthöfen eingekehrt. ‒ Später sei Lassalle mit dem Grafen Paul nach Heidelberg gereist, um den dort studirenden ältesten Sohn des Grafen Alfred zu bewegen seiner Mutter zur Abschließung eines Vergleiches behilflich zu sein. ‒ Während des Aufenthalts im Hotel „Belle Vue“ in Deutz sei der Schließer Crones oft zu Lassalle gekommen, er selber habe Lassalle zu Werder begleitet, und vor der Thüre gestanden, als die Papiere vernichtet wurden. ‒ Im Dezember 1846 ist Zeuge nach Berlin gereist, um seine Familie zu besuchen; Lassalle war währenddem in Paris. Dort sei der Brief an die Meyendorf lithographirt und verbreitet worden. ‒ Die Prodigalitätsklage gegen den Grafen, für deren Verfasser er den Advokat Pfeiffer in Altenkirchen halte, sei von Lassalle zu Koblenz in Druck gegeben worden. ‒ Im März 1847 sei er mit Lassalle im Schönsteinschen gewesen; Lassalle habe in Wissen eine Adresse an den König unterschreiben lassen. Lölgen habe die Reise mitgemacht und sei für den Oberprokurator ausgegeben worden. ‒ Am 26. März sei er aus Lassalles Dienst getreten, weil er mit diesen schmutzigen und gefährlichen Dingen nicht länger habe zu thun haben wollen.
Pr. Hat Ihnen Jemand Anerbietungen gemacht, zum Grafen überzugehen; ist Ihnen Geld geboten worden zur Errichtung einer Wirthschaft in Berlin?
Z. Nein, den Viktualienhandel habe ich mit dem Gelde angefangen, das ich mir erspart hatte. ‒ Niemand hat mich verleitet gegen Lassalle zu zeugen. ‒ Der Zeuge erklärt sodann, Lassalle habe später in Berlin ihn aufgesucht, um ihn zu bewegen, sein Zeugniß zurückzuhalten. Er habe das abgelehnt und sei dann von Lassalle verklagt worden, weil er von diesem noch einen Livreemantel besessen habe, der ihm beim Austritt aus dem Dienst nicht abgefordert worden sei.
A. Ich schicke voran daß ich durch 15 Zeugen, die ich geladen, durch schriftliche Beweisstücke etc. beweisen werde, daß der Zeuge bestochen ist. Ich werde eben so durch die schlagendsten Beweise seine Aussage in den zahlreichsten und wesentlichsten Punkten widerlegen. Doch kann dies nicht jetzt geschehen, da ich dazu der Aussagen vieler Zeugen bedarf, die erst später vernommen werden. Nur einige Fragen also vorläufig:
Der Zeuge hat gesagt, es wäre von irgend wem ein Versuch auf ihn gemacht worden ihn für die Partei des Grafen H. zu gewinnen. Dies steht in Widerspruch damit, daß er selbst in seiner letzten Vernehmung erklärt hat: „Wenn Paul Kurz geäußert haben soll, ich theile ihm alles mit und sei von ihm für die Sache des Grafen gewonnen, so hat er dies gegen alle Wahrheit behauptet. Im Gegentheil habe ich den P. Kurz immer zurückgewiesen wenn er darauf anspielte daß ich eine zweideutige Rolle spielen möchte.“ Demnach hat also doch im Widerspruch mit der vorherigen Erklärung des Hoppe der Kurz solche Versuche auf ihn gemacht.
Hoppe. Der Kurz hat mir nie derart so etwas zugemuthet.
Pr. Aber indirekt?
Hoppe stottert.
Angekl. Ob Hoppe nicht selbst eingestehen müsse, unmittelbar nach meiner ersten Verhaftung im April 47 im Solde und Auftrage des v. Stockum und in seiner wie des Arnold Goedsche Gesellschaft, eine Reise nach Breslau gemacht zu haben, um eine gewisse Marie Stephan daselbst zu einem nachtheiligen Zeugnisse gegen die Gräfin in dem Ehescheidungs-Prozesse derselben zu veranlassen, welchen Antrag die Marie Stephan jedoch entschieden abgewiesen habe.
Antw. Ja, ich bin im April 1847 mit dem v. Stockum deshalb dahin gereist.
Frage. Wie er dazu gekommen sei, unmittelbar nach seinem Austritt aus meinem Dienste eine solche Reise im Dienste meiner Gegner und im feindseligen Sinne gegen mich und die Gräfin anzutreten.
Antw. Der Stockum bat mich darum, ich möchte es ihm zu Gefallen thun, und dann wollte ich mir auch einmal Breslau ansehen.
Angekl. Ob diese Reise zwischen Hoppe und Stockum nicht schon im März verabredet war, als Ersterer noch in meinem Dienste stand?
Antw. Nein. Ich traf den Stockum zufällig in Berlin, und da bat er mich darum.
Angekl. Es wird dies später konstatirt werden, ob nicht Hoppe den von Stockum gleich bei seiner Ankunft in Berlin auf dem Eisenbahnhofe empfangen habe?
Hoppe (nach einigem Zögern.) Ja, zufällig war ich gerade auf dem Eisenbahnhofe, als Stockum ankam.
Angekl. Ob Hoppe nicht, als er zu der Mendelsohnschen Assisensitzung (den 10. Februar 1848) nach Köln gekommen, den von Stockum in dem Rheinischen Hof besucht habe?
Hoppe. Ich habe ihn zufällig im Rhein. Hof getroffen, und da bin ich mit ihm in den Salon hineingegangen.
Angekl. Weshalb er sich denn in den Rheinischen Hof begeben habe?
Hoppe. (Zögernd). Ich wollte an den Rhein gehen (Gelächter im Publikum) und ich wollte . . . . einen Schoppen Wein trinken.
Angekl. Ob er nicht bei diesem Besuch 50 Thlr. von dem Stockum erhalten habe?
Hoppe. Ich hatte 50 Thlr. Zeugengebühren vom Gericht in Silber erhalten, diese wollte ich mir in Papier wechseln, und wechselte sie mir bei v. Stockum.
Angekl. Ob er nicht den Kellner Dieffenbach im Rheinischen Hof, dem er 21/2 Thlr. Spielschuld schuldete, als dieser ihn deshalb bei einem Besuch im Rhein. Hofe mahnte, angewiesen habe, er möchte sich dieselbe durch den v. Stockum für seine Rechnung auszahlen lassen?
Hoppe. Nein, ich sagte dem Dieffenbach, es sei eine Spielschuld und ich wolle sie ihm nicht bezahlen.
Angekl. Es wird dies konstatirt werden.
Ferner: Der Zeuge hat heute gesagt, er wäre nicht Augenzeuge gewesen, als ich dem Paul Kurz eine Visitenkarte der Meyendorf mit dem angeblichen Auftrag gab, ich den Brief an dieselbe auf der Post einhändigen zu lassen.
Hoppe. Nein, ich war nicht dabei, P. Kurz hat es mir erzählt.
Angekl. Aber in seiner Vernehmung vom 8. Juni und 5. Aug. deponirte er darüber als Augenzeuge. Es heißt dort: „Lassalle übergab dem P. Kurz eine Visitenkarte der Fr. v. Meyendorf, welche diese früher bei ihm abgegeben. Es muß daraus geschlossen werden, daß er dabei Augenzeuge sein wollte.
Pr. Wenigstens kann dies aus diesen Worten geschlossen werden.
Angekl. Hoppe sagte damals, die v. Meyendorf habe diese Visitenkarte bei mir abgegeben. Sie muß mich also besucht haben. Als mein Diener müsse Hoppe davon wissen. Hat mich die v. M. besucht?
Hoppe. Ich weiß es nicht.
Angekl. In seiner letzten Vernehmung leugnet Hoppe je davon etwas ausgesagt zu haben, daß ich auch seinen Landwehrpaß dem Kurz zum Zweck der Unterschlagung jenes Briefes mitgegeben. Ob er auch nicht heute dabei bleibe.
Hoppe. Ich habe nie von meinem Landwehrpaß dabei gesprochen, es ist auch nicht wahr.
Angekl. Aber in seiner Aussage vom 8. Juni sagt Hoppe wörtlich, daß ich dem P. Kurz nebst der Visitenkarte auch seinen (Hoppe's) Landwehrpaß zu diesem Zweck gegeben.
Präsident. In der That, da steht es ausdrücklich. Woher kommt das, Zeuge?
Hoppe schweigt.
Angekl. Aber als nun Kurz diesen Brief von der Post mir überbrachte und mir einhändigte war Hoppe hierbei zugegen?
Zeuge. Ja, dabei war ich zugegen. Der Brief trug den Poststempel vom 28. Juli. Lassalle nahm ihn dem Kurz ab und ging damit sofort hinauf zur Gräfin, welche auf der 1. Etage wohnte, um ihn ihr zu bringen.
Angekl. Erinnert sich der Zeuge dessen genau, daß ich den Brief von Kurz empfing und sofort hinaufging, ihn der Gräfin zu bringen?
Zeuge. Auf das Allergenauste. Ich war dabei.
(Fortsetzung folgt.)