[0423]
Beilage zu Nr. 83 der Neuen Rh. Ztg.
Mittwoch 23. August 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Frankfurter Debatte über die Aufhebung der Standesprivilegien. ‒ Die Gensdarmen und die „Freien Volksblätter.“) Berlin. (Herr Hansemann und die Gutsbesitzer. ‒ Demokratisches. ‒ Die Mediatisirungspläne. ‒ Vereinbarer. ‒ Charlottenburger Parteischlacht. ‒ Die Preußen in Polen. ‒ Konstablerheldenthaten.) Breslau. (Gerüchte von einem Bombardement Warschau's. ‒ Verhaftungen in Kalisch) Czarnikow. (Das Haus des Landraths demolirt.) Danzig. (Protest.) Prag. (Damenprotest. ‒ Soldatenlied. ‒ Die Reaktion) Wien. (Angstruf der Landaristokratie. ‒ Die Wiener Presse über Italien und Ungarn. ‒ Reichstagssitzung.) Karlsruhe. (Die Amnestie.) Rendsburg. (Der Verfassungsausschuß und die Vertagung.)
Ungarn. Kronstadt. (Die Russen in der Moldau verstärkt.) Alt-Orsova. (Heuschreckenschwärme.) Pesth. (Sieg der Ungarn bei Berbasz.)
Polen.Krakau. (Die Reaktionären in der Armee.)
Italien. (In Venedig die Republik wiederhergestellt. ‒ Treffen zwischen Garibaldi und den Oestreichern. ‒ Unruhen in Ravenna ‒ Der Tessin angeblich von den Oestreichern überschritten. ‒ Reggio von den Toscanern besetzt.) Mailand. (Erklärung Radetzky's. ‒ Die Mailändische Zeitung.) Verona. (Oestreichisch-piemontesische Kommission nach Venedig.) Turin. (Die Friedensvermittler.) Livorno. (Ferdinand's Vorschläge an die Sizilianer.) Rom. (Deputirtenkammer.)
Französische Republik. Paris. (Journalschau. ‒ Cavaignac und Lamoricière. ‒ Legitimismus. ‒ Neueste Proben von Bourgeoisjustiz. ‒ Ein royalistisches Manifest. ‒ Brief der Insurgenten aus dem Spital. ‒ Vermischtes.)
Belgien. Antwerpen. (Affaire-Risquons-Tout. ‒ Sitzungen vom 17. und 18. August.)
Schweiz. Chur. (Rückzug von bewaffneten Brescianern und Bergamaskern nach dem Veltlin.) Zürich. (Im Veltlin die Republik proklamirt. ‒ Die italienischen Flüchtlinge. ‒ Kontribution für die Sonderbundschefs.)
Großbritannien. London. (Kampf zwischen D'Israeli und Palmerston. ‒ Die Ernte in England, Schottland und Irland und der Handel.)
[Französische Republik]
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Paris.
Der Moniteur bestätigt heute die voraus bereits gestern gemachte Anzeige, daß Normanby seine Akfreditive dem General Cavaignac gestern überreichte, die ihn als außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister J. M. der Königin des vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland „mit einer Spezialmission beauftragt,“ beglaubigen. So lautete bekanntlich auch der Titel, den Gustav de Beaumont bei seiner Sendung nach London erhielt.
‒ D' Andrian, der Abgesandte des Frankfurter Parlaments und speziell mit Unterhandlung der italischen Mediationsbedingungen zwischen England und Frankreich beauftragt, ist, einem Morgenblatt zufolge, gestern Abend hier eingetroffen.
‒ Der zweite Band der berüchtigten Aktenstücke des Bauchard'schen Untersuchungsberichts ist diesen Morgen an die Glieder der Nationalversammlung vertheilt worden. Er enthält die berühmte Expedition von Risquons-Tout; die Verhandlungen der provisorischen Regierung, soweit sie sie irgendwie kompromittiren könnten; die Protokolle der Exekutivkommission; die Verhöre gegen die vorzüglichsten Angeklagten, die das Ausland dem Namen nach bereits kennt.
Jemand, der Zeit und Gelegenheit hatte sämmtliche Aktenstücke (drei starke Quartbände) im Manuskript und Probebogen zu lesen, und den wir um den Charakter des Eindrucks frugen, den dieses Studium auf ihn gemacht habe, antwortete uns sehr naiv:
„In diesen drei Bänden liegt die ganze Geheimgeschichte der neuesten Parteikämpfe Frankreichs. Die rothe Republik! (Ultrademokraten, Sozialisten u. Kommunisten) konspirirt gegen die weiße (moderirte) Republik, und die moderirte Republik konspirirt gegen die rothe. Alle Welt konspirirt.“
‒ Auf die Nachricht hin, daß Venedig den Waffenstillstand zu genehmigen verweigert und daß sich das sardinische Geschwader, das bisher Triest blokirte und die Zugänge Venedigs schützte, zurückziehen dürfte, hat die Exekutivgewalt unserer Flotte im Mittelmeer Befehl gegeben, vor Venedig und Triest zu lagern.
‒ Zwanzigtausend Arbeiter petitioniren in diesem Augenblicke bei der National-Versammlung, um die Erlaubniß und die Mittel zu erwirken, nach Algerien übersiedeln zu dürfen.
‒ Ollivier (Demosthenes) hat den etwa 100 Frauen, die sich gestern von der Pforte St. Denis in die Nähe der National-Versammlung bewegten, die Petition um Verleihung einer allgemeinen Amnestie für die Insurgenten abgenommen und der National-Versammlung überreicht.
Ernste Ruhestörungen haben nicht stattgefunden.
Belgien.
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[ S ] Antwerpen, 17. August.
Die Scene ist nach Gent versetzt. Ein Zeuge sagt aus über das, was am 28. März in Gent vorgefallen. Dieser Zeuge ist der Kommissär Van Thildonck. Einzelne Steine sind auf dem Markte aufgerissen worden; die Gendarmerie ist hinzugekommen und die Steine wurden wieder eingesetzt. Der Generalprokurator fragt, ob man nicht schon angefangen habe, Barrikaden zu bauen. Die Aussage des Zeugen geht dahin, daß man einen Karren umgeworfen habe, der vielleicht auf 3 Rädern gestanden. Auf solchen schwachen Beinen steht die ganze Anklage. Wiederholt kommen die Fragen über 2 Franzosen vor, die auch in Gent gewesen, um das Gespenst der Revolution zu verbreiten. Die Anklage bewegt sich so unbestimmt, sie springt so von Einem auf das Andere, und die Thatsachen sind so geringfügig, und es wird ihnen von Bavay, dem General-Prokurator eine solche Wichtigkeit beigelegt, daß man sich des Lächelns nicht enthalten kann. Die Bankbillette, die man einwechselte, sind wieder zur Sprache gekommen. Der Wechsler ist citirt worden, und hat Spilthoorn und Marx deßhalb als verdächtige Personen erklärt, weil sie ihm etwas zu verdienen gegeben! Der gute Mann glaubte wirklich etwas zu verdienen, während die beiden andern Marx und Spilthoorn sich eilten, keine 300 Fr. zu verlieren. Der Flamänder, der gewöhnt ist, daß man einen auf's Blut akkordirt, ist nun ganz erstaunt, mehr als gewöhnlich verdient zu haben. Was würde er gesagt haben, wenn am anderm Tage wirklich die Bank ihre Zahlung eingestellt hätte! Nach ihm wird der Kutscher verhört, der die Herren Marx und Spilthoorn mit nach Hause führte! Ich sage Ihnen, es kann nichts kindischeres geben. Ernsthafter wird die Sache, als ein Zeuge den Tedesko beschuldigt, am 27. Februar in Brüssel aufgefordert zu haben: man sollte schreien: Es lebe die Republik! Tedesko enthüllt den Zeugen als einen Mouchard, einen Polizei-Agenten, und tadelt den Präsidenten sowohl als den Generalprokurator, ein solches Subjekt zugelassen zu haben. Drr Zeuge heißt Martin Sas; er ist dermaßen notorisch als ein Mouchard bekannt und glaubt sich in dieser Eigenschaft dermaßen im Besitze drr Macht, daß er eines Tages, in einem Wirthshause, wo er Streit bekam, eine geladene Pistole herauszog und Feuer zu geben drohte. Sas steht unter dem Schutze der Polizei; er wurde pro Forma eingesteckt, aber den andern Tag wieder entlassen. Einen solchen Menschen gab man dem Herrn Tedesko zur Seite; von einem solchen Menschen ließ man ihn bewachen, als er, Tedesko, noch in völliger Freiheit war, und der Angeklagte macht seiner Entrüstung in energischen Aurdrücken Luft, um das Verhalten der belg. Justiz des Parquets und der Polizei zu geißeln. Dieser Sas, wie andere Zeugen aussagen, hat sogar mitgeschrieen: Es lebe die Republik! und als der Präsident ihn darüber darüber zu Rede stellte, antwortete er: Ja, er habe ebenfalls so geschrieen; aber bloß, um zu sehn, was die Andern schreien würden. Der Präsident sieht sich genöthigt, diesen Zeugen aus der Reihe der Zeugen auszustreichen. Ein anderer Zeuge gegen Tedesko ist nicht mehr ein Mouchard, sondern der Polizeiinspektor Deckers in höchst eigener Person. Dieser Mann ist am 26. Februar selbst in der demokratischen Gesellschaft in Brüssel gewesen, nicht um den Mouchard abzugeben, sondern um dem General-Prokarator und dem Könige und den Ministern Rechenschaft abzustatten, über das was vorginge, damit letztere (es war unmittelbar nach der Februar Revolution) abziehen, der König abdanken, und der General-Prokurator Bavay sein Requisitorium gegen die Minister machen könnte. Die Sache gestaltete sich anderes: statt gegen die Minister aufzutreten, tritt der General-Prokurator für sie auf, als öffentliches Ministerium. Sie können sich nun leicht denken, wie der Polizei-Inspektor Deckers gegen Tedesko auftritt, den er im Falle, daß in Belgien die Republick proklamirt worden, vielleicht um Beibehaltung seiner Stelle hätte anbetteln müssen. Tedesko, sagt Deckers, sei ein gefährlicher Republikaner; im demokratischen Verein habe Tedesko zu sagen gewagt, er sei expres von Lüttich nach Brüssel gekommen, um dieser merkwürdigen Sitzung beizuwohnen. Aber das sei noch nicht Alles: Tedesko hat ferner gesagt, Gott habe uns alle gleich geschaffen, und man müsse darauf dringen, daß die Truppen zurückgeschickt würden. Sie sollten alle bewaffnet sein.
Tedesko erklärt sich allerdings daß er gesagt habe, sie müßten Alle bewaffnet sein; aber er habe hinzu gesetzt: man müsse eine Petition an das Stadthaus abgeben, um eben auf allgemeine Bewaffnung zu dringen. Die Zeugen bekräftigen diese Berichtigung. Unter den Schutzzeugen bemerken wir Herrn Braas, der in Paris anwesend war als Herr Spilthoorn dem Herrn Garnier Pagès die Adresse der demokraischen Gesellschaft überreichte, und auf die Beibehaltung der belgischen Nationalitäten drang.
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@facs0423
[ S ] Antwerpen, 18. Aug.
Unter den Schutzzeugen, die vorgeladen, hebe ich nur zwei hervor: den Herrn Mayntz aus Düsseldorf, Professor an der Universität Brüssel und den Advokaten Picard, beide Komite's-Mitglieder der demokratischen Gesellschaft. Sie sprechen sich über den Zweck dieser Gesellschaft aus, die auf eine friedliche Weise Proganda zu machen suchte.
„Das Wort ist an den General-Prokurator um seine Anklage zu entwickeln.“ Da hätten Sie den ernsten Mann, den Vertreter der öffentlichen Moral, der öffentlichen Sicherheit sehen sollen, wie er sich g avitätisch erhob, um das Attentat den flämischen Geschworenen zu entwickeln. Herr Bavay spricht französisch und will sogar ein fein-pariser-Französisch sprechen. Die Geschworenen sprechen flämisch und wissen dies fein-pariser-Französisch nicht zu würdigen. Das Einzige, was sie zu würdigen wissen, das ist die Länge der Rede des Herrn Prokurators, und dieses alleinigen Umstandes willen, wären sie im Stande die Angeklagten schuldig zu erklären, zumal da sie diese Rede zweimal anhören müssen, einmal im französischen und einmal im flämischen. Ich fürchte sehr, daß viele Angeklagte für die Langweiligkeit des Herrn Prokurators büßen müssen.
Herr Bavay fängt mit einer Eloge auf die belgische Constitution an, es ist dies stereotyp bei uns und bei Ihnen geworden. „Die belgische Constitution ist die Ehre der Civilisation.“ Natürlich, Deutsche haben es bewiesen, Deutsche, die zu uns gekommen, um nach dem Musterbilde unserer Constitution ihre eigene zu saconiren. Also was können die Republikaner von Freiheiten mehr verlangen, als diejenigen, die ihnen in der belgischen Constitution zugesagt sind? Also, schließt der Herr Prokurator, die Republikaner wollten in Belgien nicht die Republik, sondern etwas Anderes. Was dann? Sie wollten ihre sociale Stellung verbessern. De Rudder z. B., sagt Herr Prokurator, war ein „kleiner Metzger“, der ungeachtet aller seiner Anstrengungen nicht vorwärts mit seinem Geschäfte kommen konnte; Deleßrce ist ein sehr geschickter Erdarbeiter ‒ aber er hatte keine Arbeit und mußte Schulden machen. Fosses würde keinen Franken Kredit hier in Antwerpen erhalten. So geht der Staatsproturator die nothdürftigen Angeklagten der Reihe nach durch, und zeigt, daß es ihnen nicht so sehr um politische Freiheiten, als um sociale Stellungen zu thun war. Es waren im ersten Zuge, der nach Belgien zog, 1000 Arbeiter, die ebenfalls weiter nichts wollten. Also mit der politischen Constitution des jetzigen Staates war den Leuten die soziale Stellung nicht gegeben; die Politik sicherte ihnen ihr Leben nicht: sie hatten keine „sociale Stellung“: d. h. sie standen im Staate nicht. Nun ist aber die Politik am Ende weiter nichts als die Spitze, das Resumee aller socialen Stellungen, d. h. aller derjenigen, die im Staate stehen. Also bestand das Verbrechen dieser Leute darin, daß sie sich in ihrem Lande social feststellen wollten, um in den politischen Freiheiten begriffen zu sein: Und haben unsere grund- und bodenlosen Flamänder nicht dazu ein vollkommenes Recht? Haben sie nicht Alles verloren, bis auf ihr Spinnrad? Als ihre Väter für die Freiheit Belgiens stritten, war es damals nicht in der sichern Voraussicht, daß ihren Töchtern das Spinnrad und die Tugend verbliebe: Hatten Sie nicht ihr Leben daran gesetzt, und hatten sie nicht das Land gepflügt, daß es ihren Söhnen fromme? Aber seht, die konstitutionelle Entwicklung hat den Leuten den Boden unter den Füßen weggezogen, und hat unsern Töchtern Alles genommen, bis auf die Tugend, bis auf das Lebenskapital. Wir sind arm, lebensarm, blutarm geworden, und der Herr Prokurator rechnet den Leuten die bloße Absicht gegen den Hungertod anzufechten für ein Verbrechen an. Zugleich bekundet der Herr Prokurator eine ungemeine Unwissenheit, da er, nach Allem, was in Frankreich vorgegangen, noch immer nicht weiß, daß jede politische Frage weiter nichts als eine sociale ist. Doch warten Sie, wenn die Flamänder losbrechen und der Herr Prokurator, bei einer Umwälzung, besorgt um sein Geschäft und um sein Brod, genöthigt ist, die Minister oder gar den konstitutionellen Monarchen, im Namen dessen er jetzt spricht, in den Anklagezustand zu versetzen, dann wird er wohl diese Unterscheidung kennen lernen.
Nach dieser Kategorie von Angeklagten geht dann der Prokurator auf Herrn Spilthoorn über. Ich muß Ihnen vorab sagen, daß Spilthoorn, der unschuldigste Mann von der Welt, dem Herrn Prokurator deßhalb ein Dorn im Auge ist, weil Spilthoorn schon 1830 in Gent Mitglied der provisorischen Regierungskommission, noch ehe der Prokurator Prokurator, war, daß Spilthoorn sich damals entschieden gegen die Monarchie ausgesprochen, also den Tod über alle kommenden Bavay's verhängt hatte.
Spilthoorn, sagt Hr. Bavay, ist am 27. Febr. nach Brüssel gekommen, auf Einladung des Hrn. Joltrand, um der Demokraten-Gesellschaft beizuwohnen. In dieser Gesellschaft sei jene Adresse an die Franzosen beschlossen worden, worin es heiße, daß man durch eine friedliche, aber energische Agitation die Vortheile noch erringen wolle, die man schon in Frankreich errungen. Bei dieser Stelle geht der Prokurator in „philosophisch-politische Betrachtungen“ ein über das, was eine friedliche Agitation sei. Er könne die friedliche Agitation nicht begreifen, und die Mitglieder der demokratischen Gesellschaft hätten sie so wenig begriffen, daß sie an demselben Abend bedeutende Unruhen auf dem öffentlichen Markte verursacht. Sie waren zu dieser Zeit noch in Brüssel, und Sie wissen, welch eine Bewandniß es mit den bedeutenden Unruhen gehabt; der Mouchard Sas, der gegen Tedesco auftrat und vom Präsidenten abgewiesen worden, hatte an diesem Abend allein die Republik leben lassen und Verhaftungen vorgenommen. Unter diesen Verhafteten befand sich Herr Wolff aus Breslau, den der Herr Prokurator mit einem ungeheuren Dolche bewaffnet. Dieser Dolch, den der Herr Prokurator ihm in die Schuhe schiebt, ist ihm vom Mouchard Sas unter die Füße geworfen worden, bloß, um einen Grund zu seiner Verhaftung zu haben. Ueberhaupt haben die Deutschen dem Herrn Prokurator als Arabesken im Prozesse gedient.
Unter andern war bei der Expedition der Brüsseler Zeitung als Trager ein deutscher Zwerg angestellt, dessen Geisteskräfte mehr oder minder verwachsen waren. Dieser Mensch hatte in göttlicher Trunkenheit dem Herrn Bornstädt einen antiken Dolch entwendet, den er an einen Gürtel, wie einen Schleppsäbel gebunden und so durch die Straßen Brüssels zog. Bis auf die heutige Stunde erscheint dieser am Dolche festgebundene Zwerg der Polizei sowohl als dem Staatsprokurator als die mystische Person, die durch den ganzen Prozeß durchgeht. Dieses gefährliche unbekannte Wesen wird von Hrn. Bavay mehrmals citirt als der Geist der Verschwörung, und niemals nennt er ihn ohne inneres Grauen. Wie wird Hr. Bornstädt lachen, wenn er die Rolle sieht, welche der Prokurator seinem Groom, seinem Bedienten zuerkennt. Dieser Zwerg, von dem immer im Prozesse gesprochen wird, und der niemals erscheint, ist von der Polizei in einem besondern Zellenwagen, oben und unten mit Soldaten bewacht, die beständig das Kreuz schlugen, auf die französische Gränze gebracht worden. Bei den Franzosen erregte seine affenartige Erscheinung ein allgemeines Gelächter, besonders als sie die Angst der belgischen Soldaten erblickten.
Hr. Bavay geht sodann auf Spilthoorns Reise nach Paris über, und zeichnet ihn uns als einen Mann, durch dessen Vermittlung „die belgische Legion Lebensmittel“ erhalten. Ein Hauptanklagepunkt gegen Spilthoorn ist ein Brief an den Advokaten Braas in Namur, worin ersterer seine Hoffnung ausdrückt, daß Leopold bald abdanken werde. Was wäre dann aus Herrn Bavay geworden? Leopold, der am 26. zu Herrn Jottrand geschickt, und so gern abgedankt hätte, wenn er es auf eine anständige Weise und mit einem anständigen Gehalte hätte thun können, hätte den Herrn Bavay, den königlichen Prokurator aufgeben müssen. Das wäre jammerschade um sein schönes Talent gewesen. Spilthoorn's Reise nach Paris, Spilthoorn's „revolutionäre Reden“ im Klub Menilmontant und an der Jult-Kolonne, das sind die Punkte, die gegen ihn vorgebracht werden.
Großbritannien.
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[ * ] London, 18. August.
Unterhaus vom 17. d.
Herr Maher interpellirt das Ministerium wegen der vom General M'Donald und seinen Soldaten in der Graffschaft Tipperary verübten Brutalitäten, Plündereien etc. Er verlangt bestimmte Antwort darüber, daß besagter General dem Staatsprokurator John Cahill in Thurles an der Thüre eines Gasthauses, wo letzterer eine Cigarre rauchte, mit einem geladenen Pistol gedroht habe, wenn er nicht sofort verschwinde. Ferner, ob es wahr sei, daß der Banquier Bridge in Thurles, angeblich wegen eines „aufrührerischen Blicks“ auf den General M'Donald, verhaftet worden und mehrere andere Personen aus gleichem Grunde. Hr. Maher will ferner wissen, ob das Militär in Irland wirklich dieselbe Gewalt überkommen hat, als wenn das Kriegsrecht proklamirt worden wäre. Endlich, ob die Regierung durch Vorlegung von Indemnitätsbills die richterlichen Ansprüche der verletzten Personen zu Wasser machen wolle.
Sir G. Grey antwortet, daß dem Ministerium über General M'Donald nichts Nachtheiliges und Ungesetzliches bekannt worden sei. Ja letzterer habe direkt alle Anschuldigungen als unbegründet zurückgewiesen. M'Donald hat einen Brief übersandt, in welchem er den Vorfall, wegen der Verhaftung und Abführung S. O'Brien's nach Dublin erzählt, wie Capitän Mackenzie auf seinen Befehl einen Maschinisten mit dem Tode bedroht, wenn er nicht warte, bis der Gefangene fortgeschafft werden könne. Das sei binnen fünf Minuten geschehen; und es sei zum Glück des Landes gerade in dieser Weise gehandelt worden. Denn bereits seien 40 Insurgenten zum Aufreißen der Schienen abgesandt gewesen; hätten sie das in's Werk zu setzen vermocht, so würde viel Blut geflossen sein, bevor S. O'Brien bis Dublin hätte gebracht werden können.
Indeß Hr. Maher wies nach, daß das Militär auf seinem Gute in der Nahe von Thurles sich Gewaltthätigkeiten aller Art erlaubt; er beantragte Vorlegung der ganzen hierauf bezüglichen Korrespondenz.
Der Staatssekretär im Kriegsdepartement (F. Maule) versprach die Vorlegung der Korrespondenz für nächste Woche. Sodann bot die Bill zur Ermächtigung von diplomatischem Verkehr mit dem römischen Hofe Gelegenheit zu einer langen Debatte. Palmerston beantragte die zweite Lesung. Anskey, Urquhart und Inglis sind dagegen. Letzterer namentlich konnte seine Wuth gegen die Bill gar nicht bemeistern; mit dem Pabst, meinte er, dürfe England um so weniger diplomatische Verbindungen anknüpfen, als derselbe alle m t Oestreich, dem Hauptwohlthäter (!!) des Pabstes, bestehenden Verträge offen verletzt und Truppen, wie zu einem heiligen Kriege, gegen dasselbe eingesegnet habe. Außerdem haben 3,500 geistliche Hochkirchenmänner gegen die Bill protestirt; schon deshalb dürfe sie also nicht passiren. Lord John Russell vertheidigt die Bill, während Napier sich dagegen erklärt, da sie lediglich den Zweck habe, Irland, bei dem alle übrigen Mittel fehl geschlagen, endlich durch Hülfe des Pabstes zu regieren.
Nachdem der Kampf auf beiden Seiten noch eine Weile fortgedauert, wird die zweite Lesung mit 125 gegen 46 Stimmen beschlossen. Lord J. Russell erklärt, daß bis zum Schluß der Session, jeden Montag, Mittwoch und Freitag das Budget im Comite berathen werden soll.
Unterhaus vom 18. August. Berathung des Budgets fortgesetzt. Bei der Position von 125,000 Pf. Sterl. für Zwecke der Volkserziehung, beantragt Biscount Melgund Resolutionen in Betreff der Erziehung in Schottland. Er verlangt, daß in die dortigen Volksschulen, so wie bisher, jedes Kind ohne Unterschied der Consession aufgenommen werde, ohne den religiösen Grundsätzen zu nahe zu treten; daß der Staat in keiner Weise die Fortdauer sektirerischer Animosität begünstigen solle und daß, da Schottland die Prinzipien des neuen Erziehungssystems keineswegs billige, es bei der alten Einrichtung, unter den nothwendigen Verbesserungen, bewenden möge
Das Geld für die Nationalerziehung wird schließlich bewilligt und weiterhin bald über die Transportation nach Van Diemens Land, bald über die Vancouver's Insel und die Hudsonsbay-Compagnie, bald über die Universitäten Oxford, Cambridge und London debattirt.
‒ Die hier verhafteten Chartisten werden sämmtlich vor Gericht gestellt werden. Bei dem polizeirichterlichen Vorverhör der Zeugen stellte es sich heraus, daß der Hauptzeuge Powell unter dem falschen Namen Johnson als Polizeispion fortwährend die Rolle eines höchst exaltirten Chartisten gespielt und die Sache so eingefädelt, daß eine Anzahl Chartisten wegen unrechtmäßigen Besitzes von Waffen etc. verhaftet werden konnten. Er selbst goß Kugeln, die er nebst Pulver, an verschiedene Chartisten austheilte. Die Gefangenen beklagten sich, daß sie 60 Stunden lang ohne Essen und Trinken gelassen worden. Bürgschaft wurde für keinen Verhafteten angenommen.
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@facs0423
[ * ] London, 18. Aug.
In frühern Zeiten hätte eine Unterhaus-Debatte, wie die vorgestrige, über Englands Politik in den italienischen Angelegenheiten mehrere Wochen lang zu reden gegeben. Jetzt sind diese parlamentarischen Hahnenkämpfe in zwei Tagen vergessen. Die Debate über Italien hat nicht einmal die geringste Notiz zu Tage gefördert, die nicht längst in und außerhalb des Parlaments bekannt gewesen. Irgend eine mittelmäßig unterrichtete Zeitung in England, Frankreich etc. hat über die Angelegenheiten Italiens und Englands Betheiligung daran reichhaltigeres Material geliefert, als die Redeübungen des britischen Parlements. Handelte es sich doch auch im Grunde nicht um Italien, sondern um die Whig-Parthei, welche am Ruder ist, und die Tory-Parthei, [0424] welche früher oder später an's Ruder zu kommen hofft. Hr. Disraeli hatte die Rolle, als Vorkämpfer der letztern aufzutrete. Seine Rede war sehr sorgfältig ausgearbeitet und es versteht sich demnach von selbst, daß eine wohlgedrechselte Phrase der andern folgte und die Logik, welche darin herrschte, jeden Tory (außer Lord G. Bentinck) zum Entzücken brachte. Die Logik bestand darin, nachzuweisen, daß England mit Beiseitesetzung der heiligen Allianz-Verträge gewisse neuere Ideen von Konstitution und dergleichen bei den italienischen Regierungen bevorwortet und begünstigt habe. Namentlich wurde Palmerstons Spezialbevollmächtigter, Lord Minto, (Schwiegervater von Lord J. Russel) hart mitgenommen wegen seines Auftretens in Neapel und Sizilien. Hr. Disraeli und die Tory-Parthei sehen in den Sizilianern nichts als Rebellen, infame Empörer, die man durch Kartätschen, Galgen etc. zur Liebe und zum Gehorsam zurückbringt. In demselben Lichte, ja in einem schrecklicheren erscheinen ihm und ihr die Lombarden, die Venetianer, die Modenesen, die Parmesaner: sie alle haben gottlose Rebellion gemacht; drum hätte England stets den legitimen Regierungen zur Seite stehen sollen. Nun aber gar eine englische Vermittlung im Einverständniß mit Frankreich! Disraeli begreift am allerwenigsten, wie man jetzt in Oberitalien etwas vermitteln könne. Das natürlichste sei, daß Lord Palmerston sich einmal den Battel zur Hand nehme und die Verträge von 1815 durchlese. Oestreich sei wieder im Besitz alles dessen, was ihm in Wien garantirt worden; Sardinien ebenfalls. Wolle man etwa aus der Lombardei eine rothe oder weiße Republik machen? Da der Witz von seiner Partei belacht wird, so münzt er ihn noch auf verschiedene Weise aus und wird allen langweilig, nur nicht den Tories. Das Schrecklichste für England ist jedenfalls das Handinhandgehen mit der Regierung in Frankreich, mit den schrecklichen Jacobinern. Der Redner zieht wie ein Rohrsperling gegen Frankreich los u. weiß nicht oder will nicht wissen, daß das jetzige Bourgeoisregime in Paris von dem englischen sich nur durch seine offenherzige Rücksichtslosigkeit unterscheidet. Lord Palmerston erscheint nun als Kämpe auf dem Turnierplatz des Auswärtigen. Der Cupido lächelt siegbewußt. Er ist auch von Disraeli viel schwärzer und schlimmer geschildert worden, als er wirklich ist. Cupido-Palmerston würde selbst mit Satan in herzliches Einverständniß treten, wenn dies der Whig-Politik von Nutzen wäre. Er hat sich freilich für gewisse konstitutionelle Conzessionen in Italien ausgesprochen; aber wer thäte das heutzutage nicht. Und wahrlich, eine Politik, wie sie der Tory Disraeali empfiehlt, wäre für die Emanzipation Italiens 1000mal erfolgreicher gewesen, als die hinterlistige zweideutige des Lord Palmerston. Durch eine Disraeli'sche Politik wäre Frankreich längst zum Einschreiten gezwungen worden und Italien hätte nicht auch auf England lächerliche Hoffnungen gebaut. Lord Palmerston geht aus der Debatte als Sieger hervor, weil er klar nachweist, daß er gerade überall das englische Krämerinteresse wahrgenommen habe. wie er dies auch ferner thun werde.
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@facs0424
[ * ] London, 19. Aug.
Der Economist giebt in seiner heutigen Nummer die genausten Nachrichten über den Stand der Aernte in Irland, Schottland und England. Es geht daraus hervor, daß die Kartoffelärnte durch den ganzen Süden und Westen von Irland, namentlich in den Grafschaften Cork, Kerry und Limerick als total mißrathen und die Aernte im Allgemeinen nicht besser als die von 1846 anzusehen ist.
In Schottland und England wird der Ertrag jedenfalls geringer als der von 1847 sein, und dürfte er mit Ausnahme von Hafer und Gerste wohl kaum ein besseres Resultat als der Herbst von 1846 liefern.
Die nachtheiligen Folgen, meint der Economist, welche aus einem solchen Stand der Dinge entstehen müssen, werden noch dadurch fühlbarer gemacht, daß man nicht wie in 1846 eine Periode der Prosperität, sondern eine Zeit großer Entbehrungen und Verluste hinter sich hat, und bei den obwaltenden politischen Verhältnissen keineswegs jenen geregelten Waarenabsatz der früheren Jahre nach dem Kontinent erwarten kann. Auf der andern Seite wird indeß das bevorstehende Unheil dadurch wieder einigermaßen gut gemacht, daß die Aernte nicht, wie im Jahre 1846, ebenfalls in Frankreich, Belgien, Holland und der Rheinprovinz mißrathen ist, so daß diese Länder also nicht mit England auf den noch Proviant besitzenden Märkten im Einkauf konkurriren, sondern im Gegentheil im Stande sein werden, zur Befriedigung der englischen Getreide-Nachfrage sehr bedeutend beizutragen.
Der Hauptunterschied zwischen den Jahren 1846/47 und 1848/49 wird aber darin liegen, daß der Stand unsrer heutigen Handelsverhältnisse bei weitem gesünder als der der damaligen Zeit ist, die großen kommerziellen Unternehmungen der letzten Jahre vor 1846 wurden auf Credit und nicht mit einem entsprechenden Kapital geführt, so daß sie zu den entsetzlichsten Schwindeleien ausarteten und Häusern, die schon seit Jahren insolvent waren, zu den gefährlichsten Spekulationen und schließlich zu allgemeinem Ruin Veranlassung gaben.
Alles zusammengenommen wird daher das unleugbar große Unheil einer fast durchgängig schlechten Aernte dieses Mal nicht jene entsetzlichen Folgen haben, wie man es vielleicht dem ersten Anschein nach erwarten sollte. Am meisten wird natürlich nach wie vor Irland zu leiden haben.
Schweiz.
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@facs0424
Chur, 16. Aug.
Nach Aussagen eines Puschlavers, der den 15. Morgens angelangt ist, nachdem er die ganze Nacht durch gefahren war, hat sich eine bedeutende Colonne Brescianer und Bergamasker mit Geschütz, Munition und Proviant ins Veltlin zurückgezogen mit dem Vorsatze, sich da vereinigt mit den Truppen auf dem Tonale und Stelvio gegen die von Tyrol und von der italienischen Seite herandringenden Oesterreicher zu halten. Wenn diese Truppe, wie wir erwarten, sich tüchtig zeigt, so ist doch wenigstens da die Ehre der Lombarden gerettet. Die Brescianer und Bergamasker sind unstreitig die kriegerischste Völkerschaft der Lombardei.
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@facs0424
[ *** ] Zürich den 19. Aug.
Während Karl Albert capitulirt und die Lombarden schaarenweise fliehen, fleht noch eine kleine Heeresmacht unter den Waffen, entschlossen, wie es scheint, den Kampf gegen die verhaßten Oestreicher fortzusetzen. Auf dem Stevio, den die Oestreicher schon mehrmals von Tyrol aus zu übersteigen versuchten, wobei sie einmal sogar mit den im Münsterthal stationiten Schweizer Soldaten zusammengerathen, die 24 Oesterreicher gefangen nahmen, auf dem Stelvio commandirt General d'Aspice noch etwa 1200 M., entschlossen diese Höhe nebst dem Tonale zu behaupten. Das Veltlin (Val Tellina hat sich erhoben u. die Republik erklärt. General d'Aspice ist Präsident. Die republikanischen Farben sind bereits als Abzeichen bei den Truppen auf dem Stelvio eingeführt. Bereits haben mehrere Gefechte, namentlich am 11. d., auf dem Stelvio und am Tonale statt gefunden, und man erwartet bald neue Operationen. Eine Colonne Breaner und Bergamasken soll sich mit Geschütz, Munition und Proviant in's Veltlin zurückgezogen haben mit dem Vorsatze, sich da vereinigt mit den Truppen auf dem Stelvio und Tonale gegen die von Tyrol und der italienischen Seite her andringenden Oestreicher zu halten. Flüchtlinge verstärken täglich die kleine Heeresmacht. Also berichten Bündner Blätter und italienische Flüchtlinge, die man auch in Zürich sehr zahlreich, manche in Uniform, sich auf den Promenaden und Kaffehäusern umhertreiben sieht. Einer derselben wurde von einem Zürcher, dem er diese Nachricht mittheilte, in eine große schnurbartdrehende Verlegenheit gesetzt durch die einfache Frage, warum er nicht auch dort sei anstatt seine Kokarde und Uniform hier zur Schau zu tragen. Die Sympathie der Schweizer für Italien hat sich bedeutend abgekühlt, theils wegen der gar zu schnellen Niederlage der Italiener, theils weil Radetzky ein paar bei Vicenza gefangene Schweizer anständig behandeln und frei in ihre Heimath ziehen ließ. Diese sind ganz entzückt darüber, wie „herablassend und anerkennend“ Radetzky zu ihnen gesprochen habe, und auch viele andere Schweizer fühlen sich dadurch geschmeichelt. Uebrigens ist es unbillig, den Lombarden wegen Mangels an Muth Vorwürfe zu machen, denn Hauptschuld an der Niederlage bleibt Karl Alberts Verrath und die Unthätigkeit der provisorischen Regierung. Die Zahl der Flüchtlinge steigt in's Unglaubliche; allein aus Mailand sollen bereits über 3000 Flüchtlinge angekommen sein. Von dem ganz überfüllten Canton Tessin verbreiten sie sich über die übrigen Cantonen; viele ziehen nach Frankreich. Von Seiten der Regierungen wird Vorsorge getroffen, daß sie auf dem Zuge nach Frankreich Quartier und Kost finden. Die tapferen Tessiner, die den grimmigen Redetzky im Geist schon in ihrer Mitte sehen, schicken täglich Depeschen an den Vorort und verlangen Truppen zu ihrem Schutz. Der Vorort hat darauf die Herrn Munzinger von Solothurm und Thalschreiber Kathoi von Ursern als eidgenöss. Commission nach Tessin geschickt mit dem Auftrage, die dortige Regierung in ihren Bestrebungen zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung im Innern, zur Wahrung der Unverletzlichkeit des schweizerischen Gebietes, zu unterstützen und nach Maßgabe der Umstände die geeigneten Mittel anzuordnen.
Die Herren Franscini und Collin, die nach Neapel geschickt waren, um über das Benehmen der Schweizer-Regimenter in den Neapolitanischen Bluttagen eine Untersuchung anzustellen, sind zurückgekehrt, ohne daß bis jetzt über das Resultat ihre Sendung Etwas verlautet hätte. Wahrscheinlich haben sie nicht viel herausgebracht, obgleich seiner Zeit Schweizer-Officiere selbst in ihren Briefen erzählten, es sei allerdings Einiges geplündert worden, aber man habe nach beendigter Action den Soldaten die Taschen visitirt, und so seien die meisten geraubten Gegenstände ihren Eigenthümern wieder zugestellt worden. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß Franscini und Collin Alles aufgeboten haben, um die Schuldigen zu ermitteln; es war ihnen redlicher Ernst, von dem Schweizer-Namen die Schmach abzuwaschen, welche die Neapolitanischen Willen nichts ausrichten, das brauche ich Ihren Lesern in Cöln, Mainz, Ulm, Schweidnitz und wie alle die andern klassischen Orte heißen, wohl nicht erst auseinander zu setzen. ‒ Schon am 2. Febr. d. J. hatte der Gr. Rath von Luzern beschlossen, sämmtlichen Stiftern und Förderern des Sonderbunds, der Geistlichkeit, den Klöstern, der Regierung, den Großrathsmitgliedern, welche mit Umgehung des dem Volke aufstehenden Veto's dafür gestimmt hatten, eine angemessene Contribution aufzulegen, weil der Canton unter der Last seiner 5-6 Mill. Schw. Fr. Schulden schier erlag. Die Ausführung dieses Decrets gegen die Regierungsmitglieder trat sofort ein, gerieth im Uebrigen aber in's Stocken. Darauf wurden statt der dem Clerus aufzuerlegenden Contribution die zwei reichsten Klöster aufgehoben; reichte aber Alles noch nicht hin. Darauf wurde denn auch das Decret gegen den alten Gr. Rath in Anwendung gebracht und mit specieller Festsetzung der Beiträge für die einzelnen Mitglieder (90 an der Zahl) am 11. d. angenommen. Auf der Liste zeigen sich unter anderm Siegwart Müller und Mazzola mit 20,000 Fr., Dr. Scherrer mit 15,000 Fr., Sigrist und Alois Haut mit 10,000 Fr., Joseph Zünd mit 8000 Fr., Bernhard Meyer mit 1000 Fr. u. s. w. Die Gesammtsumme, welche der alte Gr. Rath zu bezahlen hat, beträgt 313,500 Fr. ‒ Daß der deutsche Zollverein in Folge der in Frankreich festgesetzten Ausfuhrprämien den Zoll auf Seidenwaaren zu verdoppeln beschlossen hat, macht bei den Schweizern viel böses Blut. Natürlich aber wendet sich ihre Erbitterung darüber nicht gegen den eigentlichen Urheber dieser Maßregel, gegen Frankreich, sondern gegen Deutschland, und die eben etwas beschwichtigte Deutschenfresserei wird wohl wieder neu aufblühen. Gegen Frankreich, dessen Eingangszölle auf Seidenwaaren einer wirklichen Prohibition gleich kommen, habe ich noch kein Wort des Tadels gehört; desto mehr aber gegen Deutschland. Als die Märzbewegung begann, sagte mir einige Zeit nachher ein Schweizer, mit dem Liberalismus in Deutschland müsse es wohl nicht weit her sein, weil ‒ man noch nicht einmal daran gedacht habe, die Gränzzölle gegen die Schweiz aufzuheben. Von Frankreich verlangt amn das natürlich nicht; „Frankreich ist nun einmal ein Prohibitivland!!“
Nachtrag.
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[ * ] Frankfurt, 21. August.
Nach einer in der heutigen Sitzung der Nationalversammlung durch den Reichsminister des Auswärtigen gemachten Mittheilung sind zu Gesandten der Centralgewalt ernannt: nach London Abgeordneter v. Andrian, nach Paris Abgeordneter v. Raumer, nach Schweden Abg. Welcker, nach Holland Abg. Compes, nach Belgien Abg. Rotenhahn, nach der Schweiz Abg. Raveaux. Wie der Reichsminister des Innern der Versammlungen mittheilt, hat die hannover'sche Regierung durch ihren Bevollmächtigten v. Bothmer die unumwundene Anerkennung der Centralgewalt und des Gesetzes über dieselbe ausgesprochen. Ueber den Antrag Vischer's, die Berathung der Art III. und IV. der Grundrechte zu vertagen, wurde Tagesordnung beschlossen. Es sprachen über Art III. der Grundrechte (kirchliche Verhältnisse) die Abg. Weißenborn, Philipps, Biedermann, Pauer von Neisse, Jordan von Marburg, Plathner, Wedekind, Welcker, Vogel von Dillingen, Tafel von Zweibrücken und Dieringer, worauf um 2 Uhr die Berathung auf morgen vertagt wurde.
[(Fr. J.)]
Handelsnachrichten.
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[Gerichtsprotokoll]
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Kriminal-Prozedur gegen Ferdinand Lassalle wegen Verleitung zum Diebstahl.
(Fortsetzung.)
Z. Ich hatte mich anders besonnen. ‒ Ueber Mendelssohn habe er früher mehrmals gehört, daß er kein Vermögen besitze, und daß Lassalle ihn unterhalten müsse; nach Mendelssohn's Flucht sei er beauftragt worden, ihm einen Fünfzigthalerschein nach Lüttich zu überbringen. ‒ In Aachen, wohin er von Düsseldorf aus zurückgekehrt, sei ihm Mendelssohn verkleidet begegnet und habe ihm gesagt, daß er sich auf der Flucht befinde. Der Zeuge stellt die Angabe Hoppe's, wonach er zu diesem gesagt habe: „Es ist alles verloren, seht doch einmal den armen Doktor an!“ ‒ in Abrede. ‒ Einige Tage nachher habe Lassalle ihm angekündigt, er solle nach Brüssel; dort werde er den Mendelssohn treffen und mit diesem nach dem Haag reisen, wo die Meyendorf sich aufhalte; vielleicht werde es doch noch gelingen die Kassette zu bekommen. Er sei darauf zu Mendelssohn gereist und dann mit ihm 14 Tage im Haag gewesen. ‒ Lassalle habe ihn ausgescholten wegen seiner Aussage vor dem Instruktionsrichter, weil er den Namen der Gräfin genannt habe. Lassalle habe ihn auf seine Erwiederung, daß er doch die Wahrheit sage müsse, gefragt, ob er auf der Universität so wenig gelernt habe, daß er noch an solchen Kleinigkeiten hange? Ende Fbr. 1847 habe er sich mit Lassalle überworfen und ihm eine Rechnung von 425 Thlr. 10. Sgr. eingereicht, die er noch zu fordern habe. Einige Tage, nachdem des Zeugen Vater aus dem Dienst der Gräfin getreten, habe dieser ihm gesagt, L. sei mit dem Bierbrauer Lölgen bewaffnet nach Schönstein gereist; er möge ihnen folgen und verhindern, daß gegen den Grafen etwas geschehe; darauf sei er wirklich nach Schönstein gereist und habe dem Verwalter daselbst mitgetheilt, daß Lassalle und sein Begleiter dahin kommen würden.
Pr. Sie kennen v. Stockum?
Z. Ich wurde mit ihm durch den Postsekretär Goedsche bekannt. v. Stockum ersuchte mich, die Gesinnungen Hoppe's zu erforschen, ferner bei meinem Vater und dem Grafen Paul dahin zu wirken, daß letzterer seine Mutter verlasse. Stockum versprach hierfür mir zum ferneren Studiren behülflich zu sein oder eine Stelle beim Grafen zu verschaffen. Für v. Stockum blieb ich nur 14 Tage thätig, ich habe von ihm außer für baare Auslagen kein Geld bekommen.
Pr. Sie haben dem Barbierer Schaafhausen erzählt, daß Ihr Vater monatlich 40 Thlr. auf Lebenszeit vom Grafen beziehe?
Z. Es mag wohl sein, indessen weiß ich nichts davon ob mein Vater wirklich eine solche Rente bezieht; jene Aeußerung gegen Schaafhausen kann nur aus der Absicht hervorgegangen sein, ihn von der Partei der Gräfin zu entfernen.
Pr. Wie sind sie mit Arnold Goedsche bekannt geworden?
Z. Ich lernte ihn erst kennen als ich zur Gräfin in keiner Beziehung mehr stand. Ich habe bei ihm in Köln wohl zuweilen etwas genossen und einmal bei ihm geschlafen.
Pr. Ihr Benehmen in dieser Sache gibt wenig erfreuliche Hoffnung für Ihre Wirksamkeit in dem Stande, den Sie gewählt haben
Nachmittags-Sitzung.
Angekl. Sie haben gehört, welche Verbrechen mir der Zeuge zur Last gelegt hat. Ich werde Ihnen darthun, daß dieser Paul Kurz in der Zeugenbestecherbande, die unter dem Befehle des Hrn. von Stockum steht, eine hauptsächliche Rolle spielt, und zwar die gedoppelte, sowohl selbst falsches Zeugniß abzulegen, als Andere dazu zu verleiten. Jetzt nur einige Fragen. ‒ Der Zeuge hat gestanden, dem Louis Schaafhausen mitgetheilt zu haben, daß sein Vater die lebenslängliche Rente von monatlich 40 Thalern vom Grafen Hatzfeldt beziehe:
Zeuge: Ich habe das vielleicht dem Schaafhausen gesagt, aber blos zum Schein, um ihn von der Gräfin abwendig zu machen.
Pr. Um ihn nämlich durch die Hoffnung auf einen ähnlichen Erwerb für den Grafen zu gewinnen?
Zeuge: Ja.
Angekl: Ich bitte nun aber den Zeugen zu fragen, ob er nicht auch seinem Schneider Erardt in Düsseldorf dieselbe Mittheilung gemacht hat?
Z. Nein.
Angekl. Dies wird konstatirt werden. ‒ Hat nicht der Zeuge ferner bei seiner Reise nach Wissen am 4. März 1847, die er erwähnte, dem Gräflich-Hatzfeldt'schen Schloßverwalter Höller in Schönstein die Mittheilung gemacht, er habe den Diener Lassalle's, Franz Hoppe, für die Partei des Grafen gewonnen und theile ihm dieses Alles mit? Ich bemerke, daß der Zeuge dessen durch den Brief des Rentmeisters Hungrighausen in Schönstein überführt ist.
(Fortsetzung folgt.)
Berichtigung. In Nr. 79 der Zeitung vom 18. August ist durch ein Versehen die Interpellation des Angeklagten, welche mit den Worten anfängt: „die Zeugin hat der Gräfin ein vorläufiges, an Eidesstatt abgegebenes Zeugniß“ u. s. w., so wie die darauf folgende Antwort und die ferneren Fragen, unter das Zeugnis der Frau Kurz gestellt. Sie sind aber an die Frau Fachen gerichtet gewesen und gehören zu deren Aussage.
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Hr. Schützendof. (S. Nro. 74 d. Ztg.)
Nachdem der Abgeordnete des „Vereins der Arbeiter und Arbeitgeber“ (bei Hrn. Stadtrath Reusch) vom Frankfurter Demokratenkongreß heimgekehrt, seinen Kommittenten Bericht erstattet, wurden auf die Beschlüsse jenes Kongresses hin die Herren Schützendorf und Becker zu Mitgliedern des rheinisch-westphälischen Central-Ausschusses ernannt. Herr Schützendorf nahm diese Wahl an, er beschloß sodann gemeinschaftlich mit den Herren Gottschalk, Jansen, Schneider II. und Marr den Provinzial-Kongreß zu berufen, und zwar auf den 9. Juli nach Köln. Die inzwischen eingetretene Verhaftung von Gottschalk und Flucht von Jansen, machten die nöthigen Vorarbeiten fast unmöglich, so daß, zumal noch Nützlichkeitsgründe in Betracht gezogen wurden, die Aussetzung des Kongresses auf einige Zeit wünschenswerth erschien. Bis dahin war Hr. Schützendorf mit Allem einverstanden. Er bereiste sodann, ohne einen Stellvertreter zu beauftragen, verschiedene Gewerbekongresse und gab durch Nichts zu verstehen, daß er von seinen frühern Ansichten zurückgekommen. Unter diesen Umständen hielten es die in Köln anwesenden Mitglieder des Central-Ausschusses für keinen zu kühnen Griff, wenn sie auch ohne Herrn Schützendorf die ohnehin genehmigte Verlegung des Tages ausführten und den 13. August statt des 9. Juli festsetzten. Jeder wird hieraus ermessen, in wie weit Hrn. Schützendorf weder von der Einberufung noch von dem Zwecke eines Kongresses Etwas bekannt war. Mit mehr Recht könnte man wohl sagen, daß Niemand der Zweck und der Sinn seiner desfallsigen Erklärung bekannt ist. Man hätte erwarten können, daß Herr Schützendorf bei seiner letzten mehrtägigen Anwesenheit in Köln Veranlassung genommen, sich über die von ihm seitdem beliebte Stellung zum Central-Ausschusse und seinem Verein, dem er als erster Präsident vorsteht, auszusprechen, und wir haben in dieser Voraussetzung mit der Erfüllung unseres Versprechens in Nro. 74 d. Z. angestanden. Wir haben uns aber getäuscht.
Was geschieht, ist hier schon klar,
Das Warum wird offenbar,
Wenn die Todten auferstehen?
Einstweilen dürfte vielleicht die Erklärung des Herrn Schützendorf durch Folgendes erklärt werden: Um dieselbe Zeit, als Hr. Schützendorf den Central-Ausschuß verleugnete, erhielt er eine Zuschrift von dem hiesigen Vereine der Gewerksmeister, mit der Aufforderung, sich sofort über seinen Austritt aus dem Central-Ausschusse zu erklären, oder sein Mandat als Abgeordneter zum Zunftkongresse zurückzugeben Hr. Schützendorf ist aber noch zur Stunde wohlbestallter Vertreter der Kölner Gewerke in Frankfurt. Wie es aber mit seiner Demokratie steht, müssen sein Verein und der Central-Ausschuß bis jetzt noch rathen.
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Der Gerant, Korff.
Druck von Wilhelm Clouth in Köln.