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Beilage zu Nr. 84 der Neuen Rh. Ztg.
Donnerstag 24. August 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Geiger und Schapper.) Frankfurt. (Nationalversammlung.) Berlin. (Die Vorfälle in Charlottenburg. ‒ Vereinbarer. ‒ Instruktion der Schutzmänner.) Breslau. (Keine Nachrichten aus Rußland. ‒ Warschau ruhig.) Schweidnitz. (Das 22. Regiment abgezogen.) Posen. (Deputation wegen Steinäcker nach Berlin.) München. (Verbot der demokratischen Vereine.) Wien. (Die absolutistischen Blätter über die Adresse nach Frankfurt. ‒ Danksagung d. befreiten Studenten. ‒ Fischhoff u. Dobblhof. ‒ Deutschkatholicismus. ‒ Gräuelscenen in Galizien. ‒ Reichstagssitzung. ‒ Erzwungene Abreise der Cibini.) Hamburg. (Die angebliche Revolution in Petersburg.)
Polen. Krakau. (Soldatenbrutalitäten.)
Dänemark. Kopenhagen. (Note.)
Italien. Kontribution in Mailand. ‒ Auftritt in Venedig. Turin. (L'Opinione über das Verhalten Frankreichs Italien gegenüber. ‒ Rücksichtslosigkeit gegen die sizilianische Deputation. ‒ Der ministerielle Protest gegen den Waffenstillstand. ‒ Neues Ministerium. ‒ Niederreißung der Zwingburg in Genua) Livorno. (Das neue toskanische Ministerium.) Florenz. (Früchte der englischen Vermittlung.) Forli. (Begeisterung im Kirchenstaat.) Ancona. (Rüstungen.) Rom. (Neuer Abgesandter an das neap. Parlament. ‒ Soglia.) Neapel. (Antwortadresse. ‒ Expedition gegen Sizilien.)
Französische Republik. Paris. (Journalschau. ‒ Vermischtes. ‒ Nationalversammlung.)
Belgien. Antwerpen. (Affaire Risquons Tout.)
Großbritannien. London. (Unterhaussitzung. ‒ Resultat des Pennyporto's. ‒ Die chartistischen Verhaftungen.) Dublin. (Martin, jun., verurtheilt. ‒ O'Doherty. ‒ O'Gorman. ‒ Neue Verhaftungen.)
Egypten. (Die Cholera. ‒ Flucht Ibrahim's nach Rhodus).
Amerika. Hayti. (Unruhen. ‒ Plünderung der Stadt Jeremie). Porto-Rico. (Sklavenverschwörung unterdrückt. ‒ In Neugranada Komplott zwischen Flores und Mosquera. ‒ Paez's Partei im Besitz des Maracaibo-Sees). Mexiko. (Paredes geschlagen. ‒ Zustand des Landes. ‒ Handelsnachrichten). Vereinigte Staaten von Nordamerika. (Der Vorschlag im Senat wegen Ankauf des Territorialrechts).
Ostindien und China. (Mooltan. ‒ Moolraj. ‒ Lieutenant Edwards. ‒ Der Punjaub. ‒ Handelsnachrichten). China. (Piraten).
Australien. (Zustand der Kolonie Neusüdwales).
[Französische Republik]
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(Schluß der Pariser Nachrichten.)
‒ Eine Ordonnanz des Polizeipräfekten macht dem willkürlichen Ausschreien von Journalen und Druckschriften an jedem beliebigen Orte, ein Ende. In Zukunft werden die Verkäufer gehörig klassifizirt, einregistrirt und an bestimmte feste Plätze logirt, „damit sie“, heißt es in der Ordonnanz, „die freie Cirkulation des Publikums nicht hemmen.“
‒ Proudhons „Repräsentant des Volks“ ist abermals konfiszirt worden. Sein Gerant, Hr. Vasbenter, wird in ein einer Masse von Prozessen vor dem Gericht sich über Angriffe auf das Eigenthum und über Aufhetzung zum Bürgerkriege etc., deren sein Blatt angeklagt ist, zu rechtfertigen haben. Proudhon selbst sagt in einem neuesten Artikel sehr humoristisch:
„Der 24. Febr. versetzte uns mit einem Sprunge zum 10. August 1792. Dann hatten wir Schlag auf Schlag unseren 31. Mai, unseren 9. Thermidor, unseren 2. Prairial, unseren 18. Brümaire. Ducoux's neueste Verordnung gegen die Journalverkäufer versetzt uns bis 1834. Es bleiben uns also bis zum 24. Febr. 1848 noch vierzehn Jahre übrig. Bei der Dampfkraft, mit der wir marschiren, dürfen diese 14 Jahre kaum länger als 14 Tage dauern.“
Nationalversammlung. Sitzung vom 21. August. Große militärische Rüstungen überall. Die Excekutivgewalt scheint wirklich einen monarchischen Staatsstreich zu fürchten. Präsident Marrast eröffnet die Sitzung um 1 1/2 Uhr.
D'rouhyn de Lhuis vor der Tagesordnung: „Ihr Ausschuß des Auswärtigen, sagt er, beschäftigte sich mit Prüfung einer Petition der Mailänder Bürgerwehr, worin um sofortige, bewaffnete Intervention Frankreichs in Italien gebeten wird. Als Berichterstatter jenes Ausschusses erkläre ich Ihnen, daß der Bericht bereit liegt. Möge die Versammlung einen Tag zur Berathung anberaumen.
Jules Favre beantragt dieselbe auf morgen.
Buchez wünscht, dieselbe sofort zu beginnen.
Cavaignoc: Die Regierung ist bereit. Sie nimmt jedoch Anstand, jetzt schon in Buchezschen Sinne in eine öffentliche Zergliederung ihrer Pläne einzutreten. Ich werde indessen auf alle Fragen antworten.
Larochejaquelin: Ich sehe dasjenige Glied der vorigen Regierung nicht auf seinem Platze, dessen Politik angegriffen werden könnte. (nämlich Lamartine) Ich stimme daher für morgen.
Drouhyn de Lhuis: Bürger Buchez verlangt eine Thesis über allgemeine Prinzipien, ich glaube man solle sich nur auf die vorliegende Frage beschränken.
Es wird abgestimmt und sofort in die Diskussion eingetreten.
Drouhyn die Lhuis trägt vor, daß eine Deputation von 30 Delegirten im Namen der gesammten Mailänder Bürgerwehr sofortige und bewaffnete Intervention Frankreichs verlange. Der Ausschuß habe zunächst geprüft, ob die Sprache der vorigen Exekutivkommission mit den Gesinnungen der Nationalversammlung im Einklange gewesen? Er habe dann gehört, daß Frankreich und England freundschaftlich mediatisiren würden und den General Cavaignac aufgefordert, ihm Aufschlüsse zu geben. Derselbe habe aber Diskretion vorgeschützt und nur ausweichend geantwortet. Ueber beide Punkte sei also der Ausschuß im Unklaren. Es bleibe ihm nichts übrig, als die Ueberweisung der Petition an den Conseilpräsidenten vorzuschlagen.
Cavaignac: Die italische Frage ist eine der delikatesten in diesem Augenblick. Sie haben die Befreiung Italiens als Grundsatz ausgesprochen und ich würde nicht die Staatsgewalt übernommen haben, wenn ich diesen Grundsatz nicht vollständig theilte. Die Befreiung Italiens ist mein unaufhörlicher Gedanke. Aber die Erhaltung des Friedens ist es nicht weniger. Sie war die vorzüglichste Richtschnur meines Handelns Der Friede schien mir für Befestigung der Republik unerläßlich. Darum keine frühere Intervention in Italien. Zudem hatte man dieselbe nicht verlangt, ja man hatte sogar dieselbe zurückgestoßen (l'intervention n'était pas demandée bien plus elle était repoussée.) In dieser Lage wandten wir uns an England, stellten ihm die Pflichten vor, die Frankreich in Italien zu erfüllen habe und schlugen ihm vor, sich mit uns zur Erhaltung des Generalfriedens zu verständigen. England konnte bei diesem Antrage nicht taub bleiben, es verband sich zur Mediation mit uns, mittelst welcher wir die Angelegenheiten Italiens zu regeln und den Weltfrieden zu erhalten gedenken. Weitere Ausschlüsse kann ich vorläufig nicht geben. Ich weiß, schloß Cavaignac seinen vagen Vortrag, daß man in einem so empfindlichen Lande wie dem unsrigen oft mehr Muth besitzen muß, ihm den Frieden zu rathen als den Krieg. Ich stehe dafür daß Frankreich nur einen ehrenwerthen und würdigen Frieden behalten wird. Müssten wir eines Tags das Schwert ziehen, so werde ich es ihnen vorher anzeigen. Jedenfalls werde ich aber, bei welcher Veranlassuung es auch sei, der Hinreißung von Leidenschaft widerstehen.
De Paysegier liest eine lange Philippika gegen die von der alten und neuen Executivgewalt befolgte Politik in Bezug auf Italien, und trägt auf Vorlage des diplomatischen Notenwechsels an.
Jules Favre findet die Erklärungen Cavaignac's ungenügend. Der Sturz Karl Alberts beflecke die Ehre Frankreichs, der Republik (!?!); die italienische Freiheit sei wieder unter das östreichische Joch zurückgedrängt. Darum darf sich wohl der Ausschuß des Auswärtigen, welcher das Recht hat, die Direktion der auswärtigen Politik zu überwachen....
Cavaignac hastig: Dieses Recht hat der Ausschuß nicht!
Favre: Wenn die Ausschußglieder dieses Recht nicht haben, warum setzte man den Ausschuß überhaupt ein?
Marrast: Der Ausschuß wurde geschaffen, um die ihnen zu machenden Vorlagen und Anträge zu prüfen und für nichts Anderes. (Ah, Ah! Ja, Ja!)
Favre sucht zu beweisen, daß die Ausschüsse einen integrirenden Theil der Nationalversammlung, der einzig Souverainin bilden, der nichts abgeschlagen werden dürfe. Die Korrespondenzen müßten also vorgelegt werden.
Cavaignac bestreitet gar nicht, daß der Versammlung die diplomatische Corresponz vorgelegt werden müsse, wenn sie darauf bestehe; nur sehe er Gefahr darin.
Larochejaquelin unterstützt den Conseilpräsidenten.
Sarrans ebenfalls, und die Versammlung schreitet zur Tagesordnung, nämlich der Creton'schen Interpellation rücksichtlich der Rechenschaftsberichten, der Ausgaben der Executiv-Commission.
‒ (Nach vier Uhr) Die Interpellationen Cretons riefen einen fürchterlichen Sturm hervor. Es kam fast zu einer amerikanischen Raufferei.
Creton beschwerte sich, daß dem Finanzausschuß noch keine Rechnung abgelegt worden sei über die Verwendung der Fonds, welche der vorigen Executivkommission votirt worden. Der Finanzminister habe nur vage Beläge beigebracht, damit könne sich das Land nicht begnügen. Es stelle sich jetzt immer mehr heraus, daß der äußere und innere Bürgerkrieg durch Besoldung von Emmissären, Reg.-Kommissarien u. Klubvorständen angefacht worden sei, dieß habe den Staatsschatz geleert. (Furchtbares Geschrei. C. Thomas reißt den Redner halb von der Bühne.)
Ledru Rollin, mit erzwungener Ruhe. Er sei glücklich eine neue Gelegenheit zu finden, die Staatsverwaltung, deren Mitglied er gewesen, gegen die heftigen Vorwürfe zu rechtfertigen, die von allen Seiten gegen sie geschleudert würden. Er tritt in eine Rechtfertigung und spezielle Erörterung der Ausgaben ein. Der Unterbrechungen waren unzählige. Ah, rief der Redner der Rechten zu, Ihr habt noch nicht genug Elemente zu Zwietracht in den drei Bänden, Ihr müßt noch neue suchen! (Tumult.)
Creton drängt sich zur Bühne und will antworten, aber die Versammlung trommelt ihn herunter. Andere versuchen zu sprechen, aber es geht ihnen nicht viel besser.
Goudchaux trat beschwichtigend dazwischen und es gelang ihm, die ganze Debatte bis zur Rechenschaftslegung des Finanzausschusses durch Gouin zu beseitigen.
Nachdem dieses Gewitter vorüber, nahm die Versammlung ihre abgebrochene Tagesordnung, die berüchtigten Concordats amiables wieder auf.
Goudchaux, Finanzminister, erklärt, daß sich das Kabinet für den Gesetzgebungs-Ausschuß-Entwurf entscheide. (Sensation.)
Jules Favre drückt seine Verwunderung aus über diesen plötzlichen Gesinnungswechsel des Kabinets. Am Freitage habe sich Herr Goudchaux, ihm gegenüber, für den Entwurf des Handelsausschusses erklärt und heute erkläre er, die Partei des Gesetzgebungsausschusses zu ergreifen. Dieser Umschwung gab zu neuem Lärm Veranlassung. Die Versammlung vertagte jedoch die Debatte um 6 Uhr auf morgen.
Großbritannien.
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[ * ] London, 19. August.
Ueber die chartistischen Verhaftungen in London und Lancashire sagt der „Northern Star“: Wie sehr auch unsere Leser über diese neuen Ereignisse erstaunt sein mögen, wir sind's wo möglich noch mehr als sie. Wir fragen uns vergebens, was diese bewaffneten Meetings bedeuten, welche so ganz mit der allgemeinen Verfahrungsweise der Führer der Chartisten in Widerspruch stehen. Bis jetzt weiß uns Niemand über jene Demonstrationen ‒ der Schwäche, nicht der Stärke ‒ Auskunft zu geben. Nur eine Thatsache haben wir hervorzuheben, daß nämlich die Regierung in London und die Behörden in Lancashire durch Denunciationen von den Plänen der verhafteten Personen, welcher Art diese Pläne auch immer gewesen sein mögen, unterrichtet worden sind. Wir zweifeln nicht im Mindesten, daß, wenn komplottirt worden, dies das Werk von Schurken gewesen ist, die zu eigenen selbstsüchtigen Zwecken ehrliche, aber unvorsichtige Leute verführt und ins Unglück gestürzt haben. Wir wollen vorläufig, bis wir unsere Beweise haben, die Regierung nicht dahin anklagen, daß sie selbst die geheimen Meetings und die geheime Bewaffnung veranlaßt. Allem, wir sind moralisch überzeugt, daß die Whigminister durch Verräther, welche sie in das Chartistenlager einzuschmuggeln gewußt, fortwährend von jedem Vorgange unterrichtet waren und daß die Spione und geheimen Agenten (Detectives) zu ungesetzlichen Worten und Handlungen anstachelten. Letztere ärnten dafür, daß sie das Vertrauen unüberlegter Personen gemißbraucht, den schnödesten Sündenlohn. Man weiß aus Zeitungen, daß die Regierung über die kürzlich aus New York abgereisten „Sympathisirer“ im Voraus vollständig unterrichtet war, daß sie ihre Namen, das Schiff welches sie führte, nebst allen übrigen Details genau kannte und daß sie natürlich auch sofort nach ihrer Ankunft in Irland festgenommen wurden. Dies könnte für das Volk eine hinreichende Warnung sein und ihm zeigen, welches grenzenlose Spionirsystem ausgeübt wird. Wir ersuchen das Volk inständig, sich nicht selbst in die Gewalt seiner Feinde zu liefern.
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[ * ] London, 21. Aug.
Unter den kürzlich im Druck erschienenen Parlamentsberichten befindet sich auch einer über die Ergebnisse des Penny-Porto's. Diese Postreform ist nicht blos deshalb unter die wichtigen Reformen unseres Jahrhunderts zu rechnen, weil durch sie das Porto von Edinburg bis London von 13 1/2 auf 1 Penny herab- und ein Bewohner der Orkney-Inseln in Stand gesetzt wurde, mit einem andern in Penzance zu dem nämlichen Preise zu correspondiren, wie zwei Londoner in den entgegengesetzten Theilen der Hauptstadt: nicht deshalb allein, sondern weil diese Reform die Leichtigkeit der Communication ungeheuer vermehrte und in kommercieller wie in jeder andern Beziehung eine friedliche Umwälzung vollzog. Unbestreitbare, statistische Beweise liegen vor und zeigen, in welcher Ausdehnung nach und nach das Publikum von einer der wichtigsten Staatseinrichtungen freiwillig Gebrauch gemacht, sobald letzterer mit seinen Mitteln nicht mehr, wie früher, im schneidenden Widerspruch stand. Wir lassen hier einige der interessantesten Nachweise folgen. Zuerst einen vierwöchentlichen Vergleich, der seit dem 5. Dezember 1839 (Anfang der Postreform) durch das Generalpostamt zu London beförderten Briefe.
In den vier Wochen:
unfrankirte Briefe.frankirte Briefe.gestempelte Couverts.insgesammt.
bis 4 Jan.18401,596,434505,847keine2,102,281
bis 2 Jan.1841333,4331,974,6842,047,120 4,355,237
bis 1 Jan.1842411,3352,188,6792,607,265 5,207,297
bis 28 Jan.1843312,8392,431,2312,972,828 5,716,898
bis 27 Jan.1844433,2702,544,2703,079,418 6,037,526
bis 25 Jan.1845501,5192,613,8483,681,926 6,800,293
bis 24 Jan.1846551,4612,899,3064,435,966 7,886,733
bis 23 Jan.1847448,8383,057,2574,905,674 8,411,769
bis 22 Jan.1848453,2863,092,5704,990,576 8,536,432
Hierbei übersehe man nicht, daß 1840 das Porto noch immer 4 Pence betrug.
Ehe die Herabsetzung des Porto's stattfand, belief sich die Anzahl der Briefe, die binnen der letzten 4 Wochen vor dem 5. Dezember 1839 vom Londoner Generalpostamt befördert wurden auf 1,622,147; dagegen während 4 Wochen des Jahres 1848 auf 8,536,432.
Wir kommen jetzt zu einem Vergleich der Briefbeförderung in ganz Großbritannien und Irland, wie sich dieselbe vor der Portoherabsetzung zu der diesjährigen verhalten hat. Es wurden nämlich in Einer Woche, Ende Nov. 1839, im Ganzen 1,585,973, und in dem nämlichen Zeitraum 1848 nicht weniger als 6,382,941 Briefe abgetragen. Die Zunahme in England betrug 400 Proz., in Irland 374 Proz., in Schottland 421 Proz.
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[ * ] London, 21. August.
Das Unterhaus beginnt heute seine Sitzung um 12 Uhr, und fährt in Berathung des Budgets fort.
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[ * ] Dublin, 20. August.
Der Bruder des verurtheilten Martin stand heute vor Gericht, weil er den Obmann der schuldigsprechenden Jury in seiner Behausung aufgesucht und herausgefordert hatte. Martin jun. hatte bereits schriftlich seine Uebereilung enschuldigt und wiederholte dasselbe mündlich. Er wurde zu 1 Monat Gefängniß verurtheilt. O'Doherty ist wie bereits mitgetheilt, abermals vor die Jury gestellt unter wenig veränderter Anklage. Die Verhandlungen begannen am 18. und wurden gestern fortgesetzt. Die Jury zog sich zur Berathung zurück. Um 5 Uhr Abends ließ der Gerichtshof fragen, ob sie übereingekommen. Antwort: Nein. Es werden Befehle zur sorgfältigen Absperrung gegeben. Der Ober-Sheriff führt an, daß zwei Geschworne über bedeutendes Unwohlsein klagen. Ein Arzt wird zur Untersuchung abgeordnet; er stattet Bericht ab, der das Unwohlsein bekräftigt und die Jury ‒ muß entlassen werden. So ist der Regierung ihr Versuch gegen O'Doherty abermals fehlgeschlagen. Die Whigpartei ist ergrimmt und die Times wird dieserhalb bald wieder einen saubern Artikel zusammenfabriziren.
Man spricht davon, daß Lord Hardinge bald nach England mit dem Bedauern zurückkehren wird, daß er nicht einen Augenblick die Rolle eines irischen Cavaignac habe spielen können. In Betreff O'Gorman's heißt es jetzt, daß er als alte Frau verkleidet auf einem Auswandererschiff entkommen sei, die Polizei hält dies aber für eine Finte und glaubt ihn bald in ihren Fängen zu sehen. Es sind abermals 2 Amerikaner, angeblich wegen Theilnahme an der irischen Rebellion, verhaftet worden. Nach dem Cork Examiner soll man sich nun auch Shea Lalor's bemächtigt haben. Ein Transport Gefangener sind von hier wegen Mangel an Raum ‒ nicht nach Schottland, wie einige Blätter fabelten, sondern ‒ nach Belfast gebracht worden.
Dänemark.
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[ 14 ] Kopenhagen, 20. Aug.
Der Minister des Auswärtigen hat an alle dänischen Gesandten im Auslande folgende Cirkularnote geschickt:
Mein Herr! Es ist Ihnen bekannt, daß die Uebereinkunft wegen eines Waffenstillstandes, die am 6. Juli d. J. zwischen Dänemark auf der einen und Preußen im Namen Deutschlands auf der andern Seite, nicht hat in Wirksamkeit treten können wegen der Weigerung des preußischen Generals Wrangel dies Dokument zu unterzeichnen, obwohl sein Hof es kurz vorher angenommen hatte. Die deutsche periodische Presse und der Minister der Centralmacht ‒ dieser letztere in einer Sitzung der Nationalversammlung in Frankfurt ‒ hat diese Weigerung in einer Weise entschuldigt, als ob es Dänemark wäre, das nicht mit der Centralgewalt habe in Unterhandlung treten wollen. Die Thatsache ist die; daß Dänemark nicht geneigt gewesen ist, einzugehen auf Veränderungen in einer einmal abgeschlossenen Uebereinkunft und namentlich auf die Veränderungen, die vom General Wrangel vorgeschlagen waren. Die dänische Regierung war ebensowenig geneigt, der Centralgewalt das Recht zuzugestehen, nach Gutdünken und ohne Entschädigung in diesem Akte Veränderungen vorzunehmen. Ein solches Recht würde sie sogar Anstand genommen haben einer befreundeten Macht, z B. Oestreich (!) zuzugestehen. Es wäre in Wahrheit wenig gerecht, zu behaupten, daß Dänemark einen mehr oder minder wesentlichen Vortheil fahren lassen sollte, der ihm durch die einmal abgeschlossene Uebereinkunft zustand, ohne dagegen Zugeständnisse zu erhalten, welche es als Equivalent betrachten kann.
Dänemark wünscht in Preußens Ehrgefühl und Macht eine genügende Garantie für die Erfüllung der Verpflichtungen zu sehen, die dies bei dieser Gelegenheit übernommen hat. Es kann gewiß nicht die Sache der dänischen Regierung sein, ausfindig zu machen, wie Preußen sich schließlich mit den andern Mächten abfinden will, in deren Namen es zuerst die Absicht kundgab, mit uns in Unterhandlung zu treten.
Die zwischen den Generalen Wrangel und Hedemann beim Abbruch der Unterhandlungen ausgewechselten Noten, welche sie in Abschrift beigelegt finden, werden als beweisende Aktenstücke dienen und die in meinem gegenwärtigen Schreiben enthaltenen Bemerkungen erläutern ‒ Bemerkungen, die ich Sie, mein H. bitte, gütigst zur Kenntniß der Regierung zu bringen, bei der Sie akkreditirt sind.
Ich habe die Ehre etc. etc.
Die beigelegten Aktenstücke sind:
Hedemann an Wrangel, Veile, 24. Juli 1848.
Hr. General! Am 12. d. hatte ich die Ehre Ew. Exc davon zu unterrichten, daß ich vom König, meinem Allerh. Herrn, beauftragt war, im Verein mit Ew. Exc. einen Waffenstillstand zu unterzeichnen, der unter Schwedens Leitung auf einer von beiden Theilen angenommenen Grundlage abgeschlossen wurde. Diese Grundlage war angenommen und bestätigt von Sr. dänischen Maj. auf der einen, und von S. M. dem König von Preußen auf der andern Seite, wie der Berliner Hof durch einen außerordentlichen Gesandten Sr. Maj. dem Könige von Schweden und Norwegen mitgetheilt hat. Ich hatte auch vollkommen Grund zu vermuthen, daß der Waffenstillstand zu den angenommenen Bedingungen unterzeichnet werden würde
Aber bei den vorläufigen Konferenzen, welche zu Bellevue bei Kolding stattfanden, fanden der Hr. General für gut mit Bedingungen herauszukommen, die nur wenig mit den in Malmö angenommen übereinstimmten, und die statt derjenigen, welche einen oder den andern Vortheil für Dänemark enthalten konnten, andere von unendlich weniger günstiger Natur enthielten. Ich glaubte indeß nicht auf mich nehmen zu dürfen, die Unterhandlungen abzubrechen, obgleich sie auf eine so verwunderliche Weise verschoben wurden, und unterrichtete deshalb meine Regierung davon. Diese bevollmächtigte mich, mit Hrn. de Reedtz Ew. Exc. mehrere Modifikationen vorzuschlagen *)Diese Modifikationen betrafen die Bewachung der Hospitäler, die Zeit, welche gestattet sein sollte das occupirte Terrän zu räumen, u.s.w. in der Hoffnung, ein Uebereinkommen zu Stande zu bringen. Aber in den Konferenzen vom 19. d. Mts. sprachen die Herren Graf Pourtales, Graf d'Oriola und Graf Münster, welche im Namen Ew. Exc. handelten, in Gegenwart der Gesandten von Großbritannien und von Schweden und Norwegen, ungefähr dieselben Bedingungen aus, mit einigen Aenderungen, welche sie in den Augen der dänischen Regierung nicht annehmbarer machten. Endlich bestehen Ew. Exc. darauf, dies Arrangement einer neuen Ratifikation zu unterwerfen, deren Verweigerung genügend sein sollte, Alles zu Nichte zu machen, worüber man einig geworden war.
Die Regierung des Königs hat Alles gethan, was in Ihrer Macht stand, den Feindseligkeiten auf ehrenvolle Weise ein Ende zu machen, aber sie würde sich nie entschließen können, S. Maj. des Königs von Preußen Verpflichtung gegenüber von Schweden für Nichts bedeutend anzusehen oder zu denken, daß der Souverän, der dem Beschluß der deutschen Nationalversammlung vorgegriffen, und den gegenwärtigen Krieg begonnen hat, nicht mehr Herr sei über sein Aufhören, und das noch trotz der ihm übertragenen Vollmacht.
Wenn Ew. Exc. anders urtheilen sollten, so verbleibt es Ihnen, die Verantwortung dafür zu übernehmen und auf's Neue an die Entscheidung der Waffen zu appelliren; ich muß indeß meinerseits Ihnen anzeigen, daß ich noch bereit bin, sofort, noch im Laufe des Tages, vor Ablauf der Waffenruhe, den Waffenstillstand nach den in Malmö angenommenen Bedingungen zu unterzeichnen.
Ich habe die Ehre etc. etc.
Hedemann.
Wrangel an Hedemann: Hadersleben, 24. Juli 1848.
Herr General! Da ich aus dem Briefe, den Ew. Exc. mir die Ehre gethan haben zu schreiben, ersehe, daß es Ihre Absicht ist, die begonnenen Unterhandlungen abzubrechen, indem Sie nicht nur alle die Modifikationen verwerfen, welche ich geglaubt habe in dem ursprünglichen Malmöer Entwurf vorschlagen zu müssen, sondern auch die Klausel, wonach die Ratifikation des Waffenstillstand's Sr. kaiserl. Hoh. dem Reichsverweser vorbehalten wird, so habe ich die Ehre Ew. Exc. anzuzeigen, daß der Herr Graf Pourtales mein Hauptquartier heute verläßt und daß die Feindseligkeiten heute Abend um 10 Uhr wieder anfangen werden.
Empfangen Sie General etc. etc.
Wrangel, General der Kavallerie.
Amerika.
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@facs0431
In Southampton traf der Great Western mit Nachrichten aus Vera Cruz ein, vom 16. Juli; Havanna 27. Juli. Bermuda 5. August. New-Orleans 21. Juli. Die Propositionen Lord John Russell's in Betreff der Zuckergesetze hatten früher große Sensation in den Kolonieen erregt; die neuesten Berichte über diesen Punkt brachten aber die größte Niedergeschlagenheit hervor und manche Pflanzer erklären, daß sie die Bearbeitung ihrer Ländereien dran geben wollen. Die wichtigste mexikanische Nachricht besteht darin, daß Paredes von den Truppen des Gouvernements entschieden geschlagen worden ist. Das Land war im Allgemeinen noch keineswegs wieder in gehöriger Ordnung, da eine Menge Abenteurer der amerikanischen Armee von einem Ort zum andern zo [0432] gen und überall Verwirrungen hervorbrachten. Der Handel ging noch nicht gut, da man sich von der letzten Finanzkatastrophe noch nicht wieder erholt hat und daran gewohnt ist, Manufakturwaaren zu den niedrigsten Preisen zu kaufen. In Folge des Friedens weht jetzt wieder in allen Häfen die mexikanische Flagge.
‒ In Liverpool langte die Europa nach einer sehr kurzen Fahrt von 10 Tagen und 8 Stunden von Boston an. Im Senate hatte man den Vorschlag gemacht, die Territorialrechte der Hudson-Bay- und der Puget-Sound-Kompagnie zu kaufen, ein Gebiet, was größer als der Staat von New-York ist.
Die Wichtigkeit eines solchen Ankaufs liegt darin, daß er die sowohl in kommerzieller als in militärischer Hinsicht sehr zu berücksichtigenden nördlichen Ufer des Columbia Flusses in sich begreift, und jene zwischen England und Amerika durch den Ashburton- und Webster-Vertrag noch nicht erledigten Differenzen aufhebt.
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@facs0432
[ * ] Hayti. [Haiti]
Der Zustand auf der Insel ist der Art, daß eine Menge Personen sich nach Jamaica und andern Orten flüchten, da sie ihres Lebens keinen Augenblick sicher sind und der Präsident nicht die Macht zu haben scheint, um sie zu schützen. Besonders ist die Stadt Jeremie fortwährend bedroht. Das Landvolk ist bereits zwei Mal plündernd eingebrochen und neue Unruhen werden befürchtet.
In Porto-Rico war eine große Neger-Verschwörung entdeckt und vor dem Ausbruch unterdrückt worden.
Die Republik Neu-Granada wird noch immer durch den in der Nähe lebenden General Flores bedroht, der mit dem Präsidenten Mosquera ein Komplot gebildet haben soll, um die frühere kolumbische Konföderation herzustellen und eine Monarchie daraus zu bilden. Was die Republik Venezuela anlangt, so dauerte der Bürgerkrieg fort. Die Partei des General Paez war im Besitz des Maracaibo-Sees.
Nachtrag.
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Frankfurt, 22. August.
In der heutigen 64. Sitzung der Nationalversammlung sprachen über Artikel III. der Grundrechte die Abgg. Beisler, Zittel, Vogt, Jürgens, Döllinger, v. Beckerath, Geritz, Böckler und Paur. Die Debatte wurde nach Verwerfung eines Antrags auf Schluß der allgemeinen Debatte um 2 1/4 Uhr vertagt. Morgen keine Sitzung.
Handels-Nachrichten.
gap: insignificant
Fruchtpreise.
gap: insignificant
[Gerichtsprotokoll]
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@facs0432
Kriminal-Prozedur gegen Ferdinand Lassalle wegen Verleitung zum Diebstahl.
(Fortsetzung.)
Pr. Dies wird bei der Vernehmung des Hungrigh vorzubringen sein, nicht an diesem Ort, sonst kommt es doppelt.
Angekl. Mir recht. ‒ Ich muß jetzt, M. H., Ihre Aufmerksamkeit auf einen der hauptsächlichsten Punkte lenken, und bitte, mir dieselbe in vollem Maaße zu Theil werden zu lassen. Ich hatte gegen die wider mich erhobene Anschuldigung unter Anderm geltend gemacht, ich könne schon deshalb nicht den Dr. Mendelsohn zu dem Kassettendiebstahl verleitetet haben, weil ich ja bei seiner Abreise gar nicht gewußt, daß Frau v. M. sich in Köln aufhalten und im Mainzer Hofe absteigen würde. Dagegen behauptet nun Paul Kurz, ich hätte ihm schon mehrere Tage zuvor mitgetheilt, die Fr. v. M. würde nach Köln reisen und im Mainzer Hofe logiren. Der Hr. Präsident hat dies schon gestern für einen Unsinn erklärt, weil ich, wenn ich dies wußte, nicht nöthig hatte, den Kurz nachzuschicken. Kurz behauptete es indeß, und fügte hinzu, am Tage jener Abreise, am 20. August, sei er gar nicht in meinem Hotel gewesen. Dies hängt mit einem andern wesentlichen ‒
Pr. unterbrechend. Der Angekagte muß sich kurz fassen, hier ist nicht der Ort für Deduktionen. Ich bin gern bereit jede Frage zu stellen. Aber wenn Sie immer solch lange Deduktionen machen wollen, kommen wir nicht von der Stelle.
Angekl. Ich glaube, daß es in meinem Interesse liegt, die in Betracht kommenden Umstände, die sich auf die zu stellende Frage beziehen, und die Richtigkeit derselben hervorzuheben. Ich bitte daher mir gestatten zu wollen, mein Interesse nach Kräften wahrzunehmen. Ich sage also, die Behauptung des P. Kurz, am 20. August die Nachricht von der Abreise der Meyendorf gar nicht in mein Hotel gebracht zu haben, hängt mit einem andern noch wichtigern Punkte zusammen. Ich hatte nämlich in meiner Aktenauslassung angegeben: „Als uns am 20. August durch den P. K. die erste und unerwartete Nachricht von der Abreise der Meyendorf gebracht wurde, befand ich mich gerade im Salon der Gräfin und in ihrer und ihres Sohnes Gesellschaft, bin in dieser bis nach erfolgter Abreise Mendelsohns geblieben und habe keinen Auftrag in Gegenwart derselben ertheilt.“ Diese meine Angabe wurde durch die Aussage des Grafen Paul v. Hatzfeldt bestätigt. Verhält es sich aber wie P. Kurz sagt, hat er an jenem Tage gar nicht die Nachricht von der eben erfolgenden Abreise der Meyendorf gebracht, so ist meine Angabe, so wie des Grafen Paul Aussage falsch. Der Zeuge ist nun hartnäckig heute dabei geblieben, daß er jene Nachricht am 20. nicht überbracht habe.
Pr. Zeuge bleiben Sie dabei.
Z. Ja, ich habe keine Nachricht davon ins Gasthaus der Vier Jahreszeiten am 20. August gebracht. Lassalle hatte es mir schon mehrere Tage vorher mitgetheilt. Ich reiste ab ohne ihn davon benachrichtigt zu haben.
Angekl. Im Widerspruche damit hat Hoppe gestern erklärt, daß P. Kurz allerdings am 20. August die Nachricht in mein Hotel gebracht habe, und ich habe mir gestern Akt darüber ertheilen lassen. Kurz ist also in diesem Punkt durch Hoppe überführt.
Pr. Der Zeuge Hoppe soll vortreten.
Angekl. Ich mache auf den mir gestern ertheilten Akt aufmerksam.
Pr. zu Hoppe. Sie haben gestern gesagt, P. Kurz hätte die Nachricht, die Meyend. stehe eben im Begriff abzureisen, dem L. und der Gräfin am 20. August in das Hotel derselben überbracht. Ist das wahr?
Hoppe. Hr. Präsident, ich bleibe bei meiner Wahrheit.
Pr. Also Sie wissen das genau.
Hoppe. Ja.
Pr. Nun, Kurz, was sagen Sie dazu?
Kurz. Es ist nicht wahr, ich war nicht dort.
Pr. (mit erhabener Stimme) Einer von Ihnen Beiden sagt hier die Unwahrheit wissentlich oder unwissentlich.
(Lautes unwilliges Gemurre im Publikum.)
Pr. Die Zeugen können sich setzen.
Geschworner Dürr. Ich bitte den Zeugen Kurz zu fragen, ob er von jenem Auftrage etwas weiß, den Lassalle dem Mendelsohn am 20. August gegeben haben soll.
Kurz. Nein.
Geschw. Ich bitte den Hoppe zu fragen, um welche Zeit L. den Auftrag gegeben haben soll.
Hoppe. Ja, die Zeit, das weiß ich so nicht mehr; es war vielleicht 9 Uhr oder 10 ‒ es ist so lange her.
Geschw. Nun so bitte ich den Zeugen abgesehen von der Zeitbestimmung den angeblichen Auftrag mit den Nebenumständen so genau als möglich zu schildern.
Hoppe. Es war im Zimmer des Lassalle, die Thüre des Nebenzimmers stand offen, als er den Auftrag ertheilte. Auf dem Hof stand schon die Droschke um Mendelsohn auf den Bahnhof zu führen.
Zeuge Laurenz Nuellens, Gastwirth zu Aachen. Im August 1846 stieg Mendelsohn bei mir ab und logirte acht Tage in meinem Gasthofe. Er war sehr gesprächig, trank nur feine Weine und bot auch Andern davon an. Von einem Fremden hörte ich, daß er auf der Spielbank gewonnen habe und nach Düsseldorf gereist sei. Am folgenden Tage kehrte M. zurück. Zwei Tage später wollte er abreisen, er hatte den Portier bestellt, ihn um 5 Uhr zu wecken. Er fuhr aber nicht mit dem ersten Zuge und erklärte, er wolle mit dem zweiten abreisen. Wie ich vermuthet hatte, reiste er ab ohne seine Rechnung zu zahlen; ich eilte ihm nach, traf ihn auf dem Bahnhofe und bemerkte ihm, in Aachen reise man nicht eher ab, bis man den Wirth bezahlt habe. Hierauf übergab er mir vier Louisd'or und fuhr in einer Vigilante wieder nach der Stadt zurück. Ich fuhr ihm nach und bemerkte, daß er bei Kosteletzky ausstieg. Kurze Zeit nachher kam er zu mir zurück, zahlte den Rest seiner Rechnung und blieb dann noch zwei oder drei Tage bei mir.
Angekl. Um wie viel Uhr ist Mendelsohn am 20. August abgereist.
Z. Das weiß ich nicht. Wilhelm Fowinkel, Speisewirth zu Düsseldorf, 36 Jahre alt. Er begleitete im Sommer 1846 den Grafen Hatzfeldt als Bedienter nach Aachen, und wohnte mit ihm auf dem Landgute Champier auf dem Louisberge. Lassalle war zweimal da, um den Grafen zu besuchen; dieser ließ sich jedoch verläugnen und als Lassalle ein Empfehlungsschreiben vom Prinzen Friedrich abgegeben, ritt er selber an dessen Hotel, traf ihn aber nicht zu Hause. Zur selben Zeit hielt sich auch die Baronin Meyendorf in Aachen auf und speiste zweimal beim Grafen in Gesellschaft zweier Herren. Gegen den 14. August zog der Graf nach Aachen zu dem ihm befreundeten Kapitain Carter; er hielt sich besorgt wegen den Nachstellungen Lassalle's auf Champier nicht mehr sicher und hatte sich schon früher von Carter zwei Pistolen geliehen, die er geladen im Schlafzimmer und im Salon neben sich liegen hatte. In den letzten Tagen seines Aufenthalts zu Champier besuchte ihn seine Gemahlin, begleitet vom Grafen Kaiserling und dem Pfarrer Bochum von Calkum. Es soll ein Vergleich versucht worden sein. Später erschien die Gräfin nochmals zu Champier, da war der Graf aber bereits in die Stadt gezogen.
Am 15. August erhielt ich Befehl die Effekten des Grafen nach Calkum zu bringen. Auf der Reise dahin traf ich mit P. Kurz zusammen, der sich erbot, einen Brief, den mir der Domänendirektor Wachter an seine Frau mitgegeben hatte, zu besorgen. Einige Tage nachher hörte ich, daß der Brief in die Hände der Gräfin gerathen sei und daß der Graf mich aus seinem Dienste entfernen wolle. Auf den Rath Wachters zeigte ich den P. Kurz beim Oberprokurator zu Düsseldorf an, Kurz ist jedoch nicht bestraft worden. Im September beauftragte mich Wachter, um das Vertrauen des Grafen wieder zu gewinnen, nach Deutz zu reisen, dort Lassalle zu beobachten und ein etwaiges Attentat gegen den Grafen zu verhindern. Er gab mir drei Louisd'or und ich begab mich sofort nach Deutz und erfuhr dort, daß Lassalle mit dem Nachtsschließer Craes dreimal nach dem Arresthause zu Oppenheim gefahren sei. Wachter, dem ich dies mittheilte, veranlaßte mich, dem Staatsprokurator Miller Anzeige davon zu machen. Lassalle reiste nach Aachen, ich folgte ihm und gerieth hier, da Wachter nicht anwesend war, in große Geldverlegenheit. So wandte ich mich um Unterstützung an den Grafen Paul, den ich von seiner Kindheit an kannte; er verwies mich an seine Mutter. Diese forderte mich dringend und unter vielen Versprechungen auf, ihr mitzutheilen, was ich über das Verhältniß des Grafen zu Frau v. Meyendorf und andern Frauenzimmern wisse. Nach längerm Sträuben erzählte ich das Wenige und Unverfängliche, was ich in dieser Beziehung wußte, erhielt von der Gräfin einen Louisd'or und versprach in Aachen zu bleiben, bis ich nach Koblenz, wohin die Gräfin am selben Tage abreiste, berufen würde. Ich sollte einen Dienst beim Prinzen Friedrich erhalten. Lassalle war bei der Unterredung zugegen und unterstützte die Gräfin in ihrem Bemühen, mich zu gewinnen. Ich theilte die Abreise der Gräfin brieflich Wachter mit, der mich nach Düsseldorf beschied. Hier empfing ich den Auftrag, der Gräfin nach Koblenz zu folgen und zu berichten, was sie treibe, wer bei ihr aus- und eingehe, namentlich was Lassalle beginne. Ich erhielt zugleich Reisegeld und die Zusicherung, daß ich im Dienste des Grafen bleiben solle. Ich verfügte mich nun nach Koblenz, in der festen Absicht, jede Beziehung zur Gräfin abzubrechen; als ich dieser aber die desfallsige Mittheilung machte, wurde ich von ihr und Lassalle der Art bestürmt, daß ich der großen Ueberredungskunst dieser Personen nachgab und mich bereit erklärte, alles zu sagen, was ich vom Grafen wisse. Hoppe warnte mich und rieth mir, die gemachten Versprechungen mir schriftlich geben zu lassen. Doch dazu hatte ich einen zu edeln Charakter.
Pr. Haben Sie nicht dem Lassalle ein Zeugniß unterschrieben?
Z. Ja, ich habe das Attest jedoch selbst nicht gelesen, so daß mir sein Inhalt bis heute fremd geblieben ist.
Pr. Sie haben sehr schmutzige Dinge angegeben, die ich mich schämen würde hier zu verlesen. Warum thaten Sie das?
Z. Ich bin ein schwacher, dummer Mensch; die Gräfin und Lassalle haben andre Leute zu überreden gewußt, die weit klüger und gelehrter sind als ich.
Pr. Sie haben das Protokoll Lassalle's unterschrieben und ihren Herrn, dessen Brod sie aßen, verrathen. Sie haben keine Ursache, von einem edlen Charakter zu reden.
Z. An demselben Tage, wo ich das Attest unterschrieb, gab mir Lassalle einen simulirten Brief an die Gräfin, der bestimmt war, Wachtern in die Hände gespielt zu werden. Ich brachte diesen Brief zur Post, Lassalle holte ihn mit dem Coblenzer Poststempel versehen wieder ab und ich überbrachte ihn Wachter nach Düsseldorf.
Pr. So dient man zweien Herren!
Zeuge. Wachter schickte mich wieder nach Coblenz. Hier beauftragte mich Lassalle nach St. Goar zu gehen, um daselbst die Briefe des Grafen an Wachter, der sich gerade da aufhalten sollte, aufzufangen. Ich kehrte jedoch unverrichteter Sache zurück, da Wachter bereits abgereist war. Hierauf schickte mich Lassalle nach Trostdorf, wo der Graf beim Freiherr von Loë zu Besuch war, um auch hier zu beobachten und Briefe aufzufangen. Lassalle wollte mir auf den Namen des Grafen einen Schein mitzugeben, welcher mich ermächtigen sollte, jene Briefe auf der Post in Trostdorf abzunehmen; da sich aber die Gräfin nicht dazu verstand, ihr Siegel zur Beglaubigung auf den Schein abzudrücken, so unterblieb dieses Vorhaben.
(Fortsetzung folgt.)
[Leserbrief]
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Protest der polnischen Abgeordneten gegen die Theilung und theilweise Einverleibung des Großherzogthums Posen in das deutsche Reich.
Dem Präsidenten von Gagern überreicht Sonntags den 30. Juli.
An die hohe deutsche Nationalversammlung.
Der am 27. d. M. im hohen deutschen Parlamente gefaßte Beschluß, welcher durch die Einverleibung eines Theils des Großherzogthums Posen in das deutsche Reich eine neue Theilung Polens dekretirt, verletzt nicht nur das bisher von den Fürsten anerkannte Völkerrecht, sondern auch die durch die Revolution von 1848 sanctionirten Rechte der Nationalitäten; er widerstreitet dem vom Vorparlamente ausgesprochenen Urtheile,
daß die Theilung Polens eine Schmach für Deutschland ist,
und spricht Hohn der im Namen der deutschen Ehre gethanen Forderung des Fünfziger-Ausschusses, das den Polen gegebene Wort zu halten.
Wir erfüllen eine heilige Pflicht, indem wir gegen diesen Beschluß im Namen unseres Gesammtvaterlandes Protest einlegen und an alle freisinnigen Männer, zunächst Deutschlands, appelliren.
Pflicht ist es auch für uns, unseren warmen Dank den vielen deutschen Männern auszudrücken, die mit inniger Bruderliebe unsere heilige Sache verfochten und durch ihre feierliche Erklärung, sich der Abstimmung über den willkürlichen Spruch zu enthalten, sich an dieser neuen an Polen verübten Gewaltthat nicht betheiligten, um unsere Rechte zu wahren.
Frankfurt a. M., den 28. Juli 1848.
Johann Ledochowski, ehemaliger Landbote des polnischen Landtages, Abgeordneter von Krakau.
Adolph Poninski, Mitglied und Abgeordneter des polnischen National-Comité in Galizien.
Joh. Wilhelm Cassius, Prof. und reform. Prediger, Mitglied und Abgeordneter des poln. National-Comité in Posen.
Wladislaus Riegolewski, Dr. der Rechte, Mitglied und Abgeordneter des poln. National-Comité in Posen.
Ignaz Lyskowski, Deputirter des National-Comité für die polnischen Distrikte Westpreußens.
Die hier noch fehlenden drei Unterzeichner des Promemoria vom 17. d. M. Dr. Trentowski, Dr. Zimialkowski und Dr. Gora sind bereits abgereist.
[Leserbrief]
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Einiges über groben Amtsmißbrauch.
Nro. 12 des zu Magdeburg erscheinenden Post-Journals enthält, unter voller Nennung aller dabei in Betracht kommenden Namen und Umstände, eine Anschuldigung gegen den General-Post-Direktor Schmückert, wonach derselbe, bei einer gleichfalls ausführlich mitgetheilten Gelegenheit, zum großen Nachtheile des Staates sich durch Gemälde soll haben bestechen lassen. Wir haben, das gestehen wir gern, uns an dieser freien Mittheilung erbaut und sind dabei auf folgende Reflexionen gestoßen, die wir zum allgemeinen Wohle, zur Sicherung des Eigenthums und zur Entschleierung verhüllter, lichtscheuer Taugenichtse hier offenkundig werden zu lassen, für unsre Pflicht halten.
1. Sollten es auch nicht etwa in anderen Branchen, als gerade im Postfache, Subjekte geben oder gegeben haben, die sich ähnlicher Niederträchtigkeiten schuldig gemacht?
2. Die, als Kunstkenner und Antiquare sich gerirend, ihre Stellung einzig und allein dazu benutzen, aller Orten und Enden herum zu schnüffeln, irgend einen verborgenen Kunstschatz für sich aufzuspüren und für diese Inspektionsreisen dann noch Diäten und Reisekosten beziehen?
3. Die mit sonst beispielloser Unverschämtheit in ihnen völlig fremde Privathäuser dringen, zuerst stumm die auf der Flur und in den Gängen hängenden Bilder und Gemälde begaffen, dann dem inzwischen verwundert hinzugekommenen Hausherrn sich zu erkennen gebend, als Geheimer-, als Ober- oder als sonst etwas, und nun, zur Beschauung werthvollerer Sachen in die innern Gemächer geführt, leichthin fragend, ob nicht der Sohn in diesem Jahre konscriptionspflichtig sei? ob nicht die bewußte Konzessions-Angelegenheit jetzt bei der und der Behörde schwebe? u. d. m., währenddem aber fortwährend nach irgend einem Gemälde liebäugeln, erklärend, solches wohl erstehen zu mögen, wenn es nur nicht zu theuer, sich dann empfehlend, Mangel an Zeit vorschützend ‒ ‒ weil die bewußte Sache gar zu viel Zeit und Mühe erheische ‒ ‒ ‒?
4. Die, nachdem ein werthvolles Gemälde oder ein sonstiger Kunstgegenstand eingegangen, die Straflosigkeit eines schuldbelasteten Subjekts verfügt, oder die Erhöhung eines Taugenichtses zum Nachtheile verdienstvoller Männer vermittelt?
Unsere Zeit gestattet es, daß sich bisheran niedergedrückte Stimmen frei erheben und dasjenige, wodurch die Ehre eines ganzen Standes und die sittliche Würde im Allgemeinen schwer verletzt worden ist und Achtung und Vertrauen untergraben, ans Tageslicht zu ziehen. Wir ersuchen daher alle ehrliebenden Mitbürger, denen derartige Niederträchtigkeiten bekannt sind, solche frei und wahr der Oeffentlichkeit zu übergeben; es wird sich dann schon von selbst ergeben, daß Hundsfötter nicht allein für eine Stadt oder Provinz unmöglich werden müssen, sondern unmöglich, ganz unmöglich für das ganze einige Deutschland.
Aus Westphalen.
Einige, aber keine Postbeamte.
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Der Gerant, Korff.
Druck von Wilhelm Clouth in Köln.