[0439]
Neue Rheinische Zeitung.
Organ der Demokratie.
No 86 Köln, Samstag, 26. August 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Die Polendebatte in Frankfurt). Berlin. (Die Klassensteuer-Exemtionen. — Bornemanns Wahl kassirt. — Volksversammlung. — Der Gesetzentwurf über Zusammenläufe. — Vermischtes. — Ministerielle Polizeigelüste. — Rüstungen in Polen. — Rüstungen in Berlin). Erfurt. (Brauchitsch). München. (Unruhen). Kassel. (Reaktion und Demokratie). Wien. (Jellachich über die Drau). Triest (Der Waffenstillstand. — Die sard. Flotte).
Schweiz. Basel. (Lombardische Flüchtlinge an der franz. Gränze zurückgewiesen).
Italien. Turin. (Rechtfertigung des letzten Ministeriums). Genua. (Bai[?]le-Comitee Erklärungen). Venedig (Angriff auf Fort Malghera. Die neue Regierung). Neapel. (Abdankungsgelüste der Minister).
Französische Republik. Paris. (Juni-Nachträge. — Die Silhouette über Proudhon. — Die Juni-Untersuchung. — Vermischtes. — Nationalversammlung).
Belgien. Antwerpen. (Risquons-Tout).
Großbritannien. London. (Parlament). Dublin. (Der Hochverrathsprozeß. — Dillon entkommen. — Wuth und Noth im Süden.)
Brasilien. Rio de Janeiro. (Blokade der Banda Oriental. — Finanzmaßregeln in Montevideo).
Nachtrag. Frankfurt. (Nationalversammlung).
Deutschland.
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Edition: [Friedrich Engels: Die Polendebatte in Frankfurt. In: MEGA2 I/7. S. 517.]
[ ** ] Köln, 25. August.
Die Polendebatte in Frankfurt. (Fortsetzung.)
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[ 15 ] Berlin, 23. August.
Die in Posen erscheinende Gazeta Polska theilt das Schicksal aller oder doch der meisten demokratischen Zeitungen; trotz aller Anstrengungen des Herausgebers (Buchhändler Stefanski) und der Polen steht sie auf sehr schwachen Füßen, so daß die an dem Unternehmen Betheiligten, worunter auch mehrere hiesige polnische Deputirte nur durch große persönliche Opfer sie noch aufrecht erhalten können. Im Uebrigen wird die Redaktion von Cegielski sehr geschickt geführt; die leitenden Artikel sind voll Geist und Sachkenntniß; nicht minder zeigen die Deutschland behandelnden Artikel, daß die Redaktion unsere Verhältnisse sehr richtig beurtheilt. Von Zeit zu Zeit bringt die Gazeta Polska Nachrichten aus Russisch-Polen, die aus guter Quelle herzurühren scheinen. Nachfolgende Mittheilungen, die ich daraus übersetze, werden für Ihre Leser nicht ohne Interesse sein. „Warschau nimmt immer mehr eine kriegerische Gestalt an, die Truppen sammeln sich hier an; jetzt steht die Ankunft einer aus 6 Regimentern Infanterie bestehenden Division Gensd'armerie bevor, ebenso sollen eine Abtheilung von 8000 Mann donischer Kosaken hier einrücken, worunter sich das Kosaken-Leibregiment befinden soll — gewöhnlich ein Zeichen der nahen Ankunft des Kaisers, welcher zur Einweihung der zum Gedächtniß der Schlachten von Grochow und Wola im Jahre 1831 daselbst neu aufgerichteten Denkmäler in Polen ankommen und längere Zeit hier verweilen wird. — Zum Winter sollen im Königreich 4 Korps in der Art stationirt sein, daß das eine Korps an der westpreußischen Gränze von Luthanen bis Thorn, das zweite an der Gränze des Großherzogthums Posen von Thorn bis Czenstochau, das dritte an der Schlesischen Gränze gegen Krakau und Gallizien, das vierte bei Warschau und im Innern Polens aufgestellt sein wird; jedes von diesen Korps soll 70,000 Mann zählen. — In Warschau befinden sich gegenwärtig einschließlich der Citadelle 500 Geschütze, im ganzen Königreich mit allen Festungen 1200 Geschütze. Die Warschauer Citadelle, ebenso wie die übrigen Festungen des Landes sind auf lange Zeit mit Lebensmitteln versehen: sammtlicher Vorrath des Heeres wird von Bialystok und von Brzesc Litowski herbeigeführt, und die Fuhren sind so eingerichtet, daß jeder Transport in 48 Stunden von Brzesc in Warschau anlangt. Den Offizieren ist es streng befohlen, milde mit den Soldaten umzugehen, geprügelt darf Niemand werden, es sei denn auf Urteil und Erkenntniß. Jedes Regiment, welches in Polen ankommt, erhält halbjährlichen Sold als Gratifikation. (Bekanntlich beläuft sich der Sold eines russischen Soldaten im Ganzen Jahr auf wenige, höchstens 4 Thaler.) — Die Warschauer Citadelle ist von allen politischen Gefangenen geräumt; diejenigen, welche im Jahre 1846 verurtheilt wurden, sind theils als gemeine Soldaten in die Regimenter gesteckt, theils nach Sibirien geschickt, einige aber frei gelassen worden. Die in Gallizien Ergriffenen und Ausgelieferten sind sämmtlich zum kaukasischen Heere geschickt. — Den Theilnehmern an den früheren polnischen Aufständen, welche, kraft des Ukases vom 13. April begnadigt, von Sibirien zurückkehren sollten, wird es gewiß schwer werden, das sogenannte Polen wieder zu erblicken; denn es sind ihnen die Gouvernements- und Kreisstädte in den Gouvernements Wolhynien und Podolien mit bestimmter Pension zum Aufenthalt angewiesen worden, welche vom Ministerium der Landesgüter gezahlt werden soll. — Die so lang erwartete Cholera hat sich auch in Warschau endlich gezeigt; in jedem Stadttheil sind Lazarethe eingerichtet, die Aerzte zeigen eine große Thätigkeit, so daß bis jetzt nur einige Personen gestorben sind; im Gouvernement Lublin jedoch, besonders in den Städten Krasnymstana und Lubartow soll sie mit großer Stärke aufgetreten sein.“
Gestern Abend war sämmtliche Bürgerwehr aufgeboten; zahlreiche Pikels durchzogen die Stadt und zerstreuten jede, auch die kleinste Gruppe, welche in den Straßen versammelt war. Auch die fliegenden Korps, das der Studenten unter gewissen Bedingungen, haben ihre Beihülfe „zur Herstellung der öffentlichen Ruhe und Ordnung“ zugesagt. Auch das Militär ist in den Kasernen konsignirt; jeder Soldat ist mit 60 scharfen Patronen versehen; gestern Abend hatte das Militär bereits die Waffen umgehängt, als noch zur rechten Zeit ein Regen fiel, welcher die Kampflust allseitig fühlte.
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[ 103 ] Berlin, 23. Aug.
Heute Morgen wurde folgender Entwurf eines Gesetzes über unerlaubte Volksversammlungen und Zusammenläufe an die Herren Vereinbarer vertheilt:
§. 1. Volksversammlungen unter freiem Himmel dürfen nur nach einer bei der Ortspolizei 24 Stunden vorher zu machenden Anzeige, welche Namen und Wohnort der Anordner, so wie Zeit und Ort der Verhandlung enthalten muß, stattfinden.
§. 2. Zu Volksversammlungen und öffentlichen Aufzügen auf öffentlichen Plätzen und Straßen bedarf es der vorgängigen Genehmigung der Ortspolizeibehörde.
§ 3. Die Ortspolizeibehörde ist befugt, eine Volksversammlung oder einen Aufzug wegen dringender Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu verbieten, zu verhindern und aufzulösen.
§ 4. Wer in einer nicht rechtzeitig angezeigten, oder nicht erlaubten Volksversammlung als Redner oder Ordner thätig ist, oder wer in Fällen, in welchem es der Genehmigung zu der Volksversammlung, oder dem Aufzuge bedarf, vor Ertheilung derselben hierzu auffordert, oder Aufforderungen verbreitet, wird mit Gefängniß von einem bis zu sechs Monaten bestraft.
Wer der Aufforderung des zuständigen Beamten, „eine nicht erlaubte Versammlung oder einen nicht erlaubten Aufzug zu verlassen,“ nicht sofort Folge leistet, hat Gefängnißstrafe von einem bis zu acht Tagen verwirkt.
§ 5. Wer zu einer bewaffneten Volksversammlung auffordert, oder die Aufforderung hierzu verbreitet, ist mit Gefängniß von sechs Monaten bis zu einem Jahre zu bestrafen.
[0440]
§ 6. Wer an einer Volksversammlung bewaffnet Theil nimmt, wird mit Gefängniß von drei bis sechs Monaten bestraft.
§ 7. Wer an Zusammenrottungen auf öffentlichen Straßen und Plätzen Theil nimmt, wird, wenn er auf die an die Menge gerichtete Aufforderung der zuständigen Beamten sich nicht sofort entfernt, mit Gefängniß von einem bis acht Tagen und war er bewaffnet, mit Gefängniß von drei bis sechs Monaten bestraft.
§. 8. Wird von der versammelten oder zusammengerotteten Menge der Aufforderung zum Auseinandergehen nicht sofort Folge geleistet, so ist mittelst Trommelschalls, Horn- oder Trompetenrufs ein Zeichen zu geben, und dieses in kurzen Zwischenräumen zweimal zu wiederholen.
§. 9. Leistet die Menge auf das dritte Zeichen keine Folge, so ist die öffentliche Macht befugt, von den Waffen Gebrauch zu machen.
§. 10. Rücksichtlich der bei Volksversammlungen, Aufzügen und Zusammenrottungen verübten, durch vorstehende Bestimmungen nicht vorgesehenen strafbaren Handlungen, verbleibt es bei den bestehenden Gesetzen.
Dieses Gesetz ist gestern Morgen in einer Sitzung des Staatsministeriums berathen und dem Könige sogleich nach Sanssouci zur Unterschrift gesandt worden. Nachmittags befand es sich schon in den Händen des Präsidenten Grabow. Die Berathung über dies Gesetz soll sehr stürmisch gewesen sein. Eine Minorität des Ministerrathes verlangte, daß auch die demokratischen Klubs unter die obigen Bestimmungen fallen sollten. Die Polizei sollte alle Klubsitzungen beaufsichtigen und ihre Abhaltung, wenn sie es für nothwendig hielte, verbieten können.
Das Ministerium hat auch in der nämlichen Sitzung die einstweilige Suspension der versprochenen Amnestirung der Preßvergehen, die schon fertig ausgearbeitet war, beschlossen, damit es nicht den Anschein gewinnen könne, als ob man sich die Amnestie habe abdringen lassen.
Gestern Abend fanden wieder zahlreiche Attroupements unter den Linden statt, bis ein starker Regen die Massen auseinander trieb. Der größte Theil begab sich in die Bierhäuser, um die allgemeinen Tagesfragen zu besprechen.
Die demokratische Partei der Vereinbarer rühmt sich in ihrem so eben ausgegebenen vierten Bericht an ihre Committenten, daß alle ihre bisherigen Anträge grundsätzlicher Natur, selbst wenn sie verworfen wurden, doch bald darauf thatsächliche Anerkennung fanden.
Die Berathung über den Verfassungsentwurf ist in den Abtheilungen so weit vorangeschritten, daß der Schluß derselben über die Grundrechte (Titel II.) binnen Kurzem zu erwarten steht. Die zwei den Abtheilungen vorliegenden Entwürfe eines Gesetzes über Gemeindeverfassung, von der Regierung und von 54 Abgeordneten der Linken, bilden den Hauptvorwurf der Debatte. Der Letztere stützt sich auf die Selbstverwaltung, die Theilnahme aller Gemeindemitglieder an der Verwaltung, die Bevormundung der Gemeindebehörden durch die ganze Gemeinde. Der Regierungsentwurf knüpft die Bevormundung an die höhern Behörden, setzt die Genehmigung der Bürgermeister durch dieselben fest, bindet das Recht, in der Gemeinde mitzusprechen, an ein bestimmtes Einkommen oder Eigenthum und beruht überhaupt auf den Grundlagen der bisherigen Gemeindeverfassung.
Die Vorstände der hiesigen acht demokratischen Vereine, an deren Spitze der Centralausschuß der deutschen Demokraten, haben zu einer heute Abend 7 Uhr vor den Zelten beginnenden Volksversammlung eingeladen, um über die vom Ministerium beabsichtigte Unterdrückung der Freiheit des Versammlungsrechts dem Volke die nöthige Aufklärung zu geben. Eine polizeiliche Anzeige oder Erlaubniß wird auch zu dieser Versammlung nicht gemacht oder eingeholt werden.
Der Volksklub hielt heute Mittag, nachdem die Gesetzvorlage des Ministeriums bekannt geworden war, eine öffentliche Sitzung, die trotz der ungewöhnlichen Versammlungszeit sehr besucht war, wo man beschloß, in der heutigen Volksversammlung eine Adresse an die Vereinbarerversammlung in Betreff des projektirten Gesetzes vorzuschlagen.
Die sechszehn Charlottenburger Meuterer, welche einer gestrigen Bekanntmachung des Polizeipräsidiums zufolge, verhaftet worden sind, sind schon gestern in Folge der Drohungen, welche von ihren Mitverschuldeten ausgestoßen wurden, nach einer kurzen Haft von wenigen Stunden wiederum entlassen worden.
Dies ist die bürgerliche Gerechtigkeit des Ministeriums der That, welches die Zeughausstürmer als „Räuber“ verurtheilen ließ. Wird die „bürgerliche Vergangenheit“ des Hrn. Hansemann einen ähnlichen Richter finden?!
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[ 40 ] Berlin, 23. August.
Die Central-Abtheilung hat folgendes Gesetz vorgeschlagen, und zwar in Folge der in allen Abtheilungen günstig aufgenommenen betreffenden k. Botschaft: „die nach dem Klassensteuer-Gesetz vom 30. Mai 1820 und den späteren Verordnungen für Standesherren, Geistliche, Schullehrer, Hebeammen und Gensd'armen, für Offiziere, Feldwebel und Wachtmeister des stehenden Heeres und der Landwehr, die nicht mobil gemacht sind, und für Militär-Beamte bisher bestandenen Befreiungen von der Klassensteuer, werden hiermit vom 1. Oktober d. J. ab aufgehoben.“
Die Abtheilung, welche die Wahl des vormaligen Justiz-Ministers Bornemann zu prüfen hatte, hat diese Wahl für ungültig anerkannt.
So eben, Nachmittags 4 Uhr, laden Mauer-Anschläge, ausgehend von fast allen demokratischen Vereinen, zu einer großen Volks-Versammlung unter den Zelten auf heute Abend 7 Uhr ein. Tagesordnung: Der heute an die Abgeordneten plötzlich vertheilte und auch schon in den Abtheilungen berathene Gesetzes-Vorschlag über die Beschränkung der Volks-Versammlungen. Dieses Gesetz dürfte morgen in der Kammer zu einer Kabinets-Frage werden. Wir glauben indeß, daß das Ministerium in der Majorität bleibt. Uebrigens nimmt das Ministerium Hansemann es nicht so genau mit der öffentlichen Meinung, mit dem Willen des Volkes. Herr Hansemann ist nicht so leicht zum Abtritt zu bewegen.
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[ 40 ] Erfurt, 23. August.
Wie wenig die Regierung auf die Stimmung in den Provinzen Rücksicht nimmt, beweist unter Anderm, daß der Kriegs-Minister v. Schreckenstein den Flügel-Adjutanten v. Brauchitsch, Bruder des hiesigen Land- und Stadtgerichts-Direktors, ehemaligen Demagogen-Richters zu Mainz, als Kommandeur des 31. Regiments hierher versetzt hat, und daß dieses Regiment, dessen Offizier-Korps mit einer stockpreußischen Beamtenklasse, den Bürgern feindselig gegenübersteht, noch immer hier garnisonirt. Es ist wirklich oft, als ob zu Zusammenstößen herausgefordert würde.
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München, 21. August.
Schon im März oder April war einmal die Rede davon, es möchte wohl in der Kronschatzkammer nicht alles sein, wie es sein sollte. In neuester Zeit wurden die betreffenden Gerüchte bestimmter, und die meisten hiesigen Blätter drangen auf amtliche Berichtigung. Diese blieb leider aus. Diesen Morgen nun forderte ein Maueranschlag, dessen Inhalt von Tausenden gelesen und allgemein verbreitet wurde, zu einer Versammlung aller hiesigen Staatsbürger auf, um sich die Ueberzeugung zu verschaffen, ob wirklich aus der Schatzkammer Kleinode verpackt und verschickt worden seien. So ist denn gekommen, daß in demselben Augenblicke, wo der König in Nymphenburg aus Reichenhall zurückerwartet wird, seine Residenz dahier bei hellem Tage, um halb fünf Uhr, von vielen Tausenden umgeben ist, während alle Thore derselben gesperrt sind und starke Posten aufziehen, dieselbe zu schützen.
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München, 22. August.
Bald nach Mittag erschien zwar ein magistratischer Anschlag, welcher der Bürgerschaft versicherte, es sei der königl. Hausschatz noch ganz vollständig vorhanden; aber das war nichts als ein trop tard, oder mit andern Worteen in geistiges Armuthszeugniß für diejenigen, welche schon am Sonnabend und Sonntag sich auf den neu drohenden Volkssturm durch Aufbietung militärischer Mittel gefaßt machen, aber nicht dazu entschließen konnten, der Wahrheit öffentlich ihr Recht wiederfahren zu lassen. Als nun vollends Baron v. Thon-Dittmer, der Minister des Innern, einer Bürgerdeputation, die trotz des magistratischen Anschlags noch Einführung in die Schatzkammer begehrte, die abweisende Antwort gab, der königl. Hausschatz gehe das Volk gar nichts an — war's da eben ein großes Wunder, daß die Verstimmung augenblicklich bis zur unaufhaltsamen Bewegung gesteigert wurde? Wir sind in unserm gestrigen Abendberichte unseres Erinnerns bis zu dem Augenblicke gekommen, wo sich die tumultuirenden Haufen vorzugsweise in der Nähe der Residenz gesammelt hatten, so daß deren Thore gesperrt wurden, deßgleichen auch die Kaufmannsläden in den nahen Straßen etc. Alle Plätze, dann die Höfe der Residenz, der Polizei, des Ministeriums des Innern etc., füllten sich nach und nach mit Militär, aber eben so mehrten sich — an einem blauen Montag doppelt begreiflich — auch noch bei hellem Tage die Massen des Volkes. Man nahm da eine Verminderung selbst dann noch nicht wahr, als die Landwehr und die Freicorps auf ihren Sammelplätzen sich aufstellten, folglich nicht mehr bei dem Straßenkrawall betheiligt sein konnten. Gleichwohl blieb es mehrere Stunden lang beim bloßen Verhöhnen des Militärs und bei dem widerstandslosen Räumen solcher Plätze, wo Militär sich aufgestellt hatte. Abends gegen 9 Uhr mehrte sich das Steinwerfen, wodurch Soldaten zum Theil arge Verletzungen davongetragen haben sollen. Darauf wurde in der Burggasse und auf dem Schrannenplatze von den Waffen ein nur allzu bedauerlicher Gebrauch gemacht, denn die Zahl selbst der Schwerverwundeten scheint keine geringe zu sein. Die meisten Verwundungen fielen bei einem Bajonettangriff vor, der zum Zweck hatte, die Bogengänge an den Häusern zu räumen, welche den Schrannenplatz umgeben. Dort befindet sich nämlich die Hauptwache, und deren Mannschaften sowohl als die daselbst aufgestellten Kürassire waren den ärgsten Verhöhnungen von Seite der Volksmassen ausgesetzt gewesen. Die Landwehr und die Freicorps schienen es vermieden zu haben, mit den Massen hangemein zu werden.
Aus Augsburg meldet die dortige Abendzeitung vom 22. Aug. Mittags: Es ist auch heute in München wieder zu neuen Auftritten gekommen. So eben werden Chevauxlegers von hier requirirt.
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[ ! ] Kassel, 22. August.
Die Bewegung für das neue Wahlgesetz geht ihren guten Gang; die Landstände gehen ihren alten bürgerthümlichen. So eben hat man wieder Prügelstrafen votirt; für Kinder bis zu 14 Jahren soll im 3. Abstrafungsfall das Gericht prügeln, Knaben und Mädchen in gleicher Weise. In den beiden ersten Fällen soll Eltern, Vormündern und Lehrern die Prügelexekution übertragen werden. Anmuthige Polizeiresignation! Und die „radikale“ Opposition Henkel und Konsorten? Die „liberale“ Sentimentalität des deutschkatholischen Romanschreibers Heinrich König? Sie findet die ganze Lappalie nicht der Rede werth. Nächstens werde ich Ihnen in kurzen Strichen die komisch-tragische Geschichte dieses Kur-Landtags skizziren. — Hier haben wir wieder am 20. ein „wahrhaft erhebendes“ Fest gehabt, das Geburtstagsfest Sr. Königl. Hoheit. Die Anstrengungen zum Feste waren großartig, das Resultat die Marseillaise und Lebehoch für Hecker. Das Hauptresultat aber ist ein die loyalen Konstitutionsmänner äußerst betrübendes. Bürger und Militär hatten Arm in Arm unter Musik und ebenfalls unter höchst seltsamen Vipats eine Tour durch die Straßen gemacht — „Bürger trugen Pickelhauben und Soldaten Bürgermützen“. Was geschieht? „Der Hauptmann der ist ein gar grimmiger Mann“; zwei Unteroffiziere erhielten Tags darauf am 21. scharfe Lattenstrafe auf unbestimmte Zeit wegen undienstmäßiger Kopfbedeckung! Diese Rach richt erregte die ganze Kaserne. Die Unteroffiziere sammeln sich in Haufen, doppelt wüthend, da neulich einige von ihnen wegen einer Versammlung bestraft wurden, worin sie Verbesserung ihrer Lage beriethen, und da neulich wieder ungefähr 30 bartlose Knaben höherer Stände zu Offizieren gestempelt wurden. Die Stadt erfährt den Hergang; die Soldaten verlangen Unterstützung von den Bürgern zur Befreiung ihrer Kameraden, da ihnen die Kriegsartikel jedes Handeln schlechthin verbieten. Der Volksrath beruft auf Antrag des demokratischen Vereins eine Volksversammlung; eine Deputation begiebt sich zu den betreffenden Offizieren und gegen Abend wurden die Gefangenen frei. Aber Niemand entgeht seinem Schicksal. Es erhob sich vor den Fenstern der Offiziere v. Loßberg und v. Hombert ein gräuliches Konzert mit „obligatem“ Fenstereinschmeißen, welches „bis zur Stunde der Gespenster“ währte. Der Adel mag sich bedanken bei seinen beiden Standesgenossen.
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[ ! ] Kassel, 20. August.
Der demokratische Verein hat ein Schreiben an den Reichskriegsminister Peucker gerichtet, worin er denselben ersucht, alle altritterlichen Schaustücke, wie die Huldigung für den Reichsverweser, zu unterlassen.
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Wien, 19. Aug.
Nach heute empfangenen Nachrichten aus dem Banat hat Jellachich bereits die Drau mit einem bedeutenden Truppencorps und vieler Artillerie überschritten, vom Feldmarschall Radetzky auch mehrere Genie-Offiziere zu seinem Feldzug erbeten.
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[ * ]
Unsere Wiener und Prager Briefe nebst Zeitungen sind heut ausgeblieben.
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Triest, 18. August.
Der seltsame Umstand, daß die verhängnißvollen Nachrichten vom Kriegsschauplatz, die Kapitulation Karl Alberts u. s. w., von oben herab den Venezianern bis zum 12. August vorenthalten werden konnten, findet seine Erklärung in folgendem: Ein piemontesischer Stabsoffizier wurde gleich nach Abschluß des Waffenstillstandes mit der Konventionsakte von Karl Albert nach Venedig entsendet, um die sofortige Ausführung der Vertragsparagraphen zu vermitteln und auch dem Admiral Albini die nöthigen Weisungen zukommen zu lassen. In Malahera jedoch wurde der Offizier, welcher aus seiner Mission kein Geheimniß machte, angehalten und von dort mit verbundenen Augen in die Lagunenstadt geführt, wo er sich bei der Regierung seines Auftrags entledigte und die betreffenden Papiere übergab. Die Regierung hielt es jedoch für ihren Zwecken entsprechend, dem Volk sowohl wie dem sardinischen Geschwader das Vorgefallene zu verheimlichen. Ohne Mittel gefunden zu haben, mit Albin irgendwie zu verkehren, wurde der Offizier, wiederum mit verbundenen Augen, desselbigen Weges zurückgeführt, den er gekommen war. Er begab sich zum Feldmarschall-Lieutenant Welden und setzte diesen von seiner erfolglosen Sendung in Kenntniß. Welden bestand darauf, daß der Parlamentär, koste es was es wolle, seines Auftrags auch bei der Flotte sich entledige. So geschah es, daß der piemontesische Offizier sich gezwungen sah auf Weldens Anordnung seinen Weg über Triest zu nehmen, wo er vorgestern eintraf. Das gestern in der Frühe entsendete Dampfschiff Vulcan war bestimmt, den Parlamentär zum sardinischen Geschwader zu führen.
[(A. Z.)]
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Prag, 19. August.
An die Reorganisirung der Nationalgarde, mit welchem Geschäft die Herren Andreas Haase, Uhljr, Haklik und Credner betraut wurden, wird bereits rüstig Hand angelegt. Vorläufig werden sämmtliche altstädter Nationalgarden in Compagnien eingetheilt und jeder wird im Laufe der nächsten Woche die Zustellung erhalten, zu welcher Compagnie er gehört. Am 28. beginnen die Offizierswahlen auf der Altstadt, jeden Tag wählen zwei Compagnien. Die Nationalgardenlisten werden schon mehrere Tage zuvor in der Staatskanzlei aufliegen, damit jeder Garde dieselben einsehen und die Männer erlesen kann, welch er für die würdigsten zu Offiziersstellen hält.
[(C. Bl. a. B.)]
Schweiz.
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Basel, 19. Aug.
Nachdem seit Anfang der Woche etwa 150 italienische Flüchtlinge durch unsere Stadt nach Frankreich gezogen, und in St. Louis ohne Anstand weiter instradirt worden waren, ist heute neuerdings ein Trupp von 50 solcher Flüchtlinge durchpassirt, in St. Louis aber zurückgeschickt worden, mit dem Bemerken, daß nur solche in Frankreich eingelassen würden, welche hinlängliche Ausweisschriften und Geldmittel haben. Dieß ist natürlich bei den Allerwenigsten der Fall, und die Tessinischen Laufpässe, die sie besitzen, gelten nicht als gehörige Ausweispapiere. Der kleine Rath hat sofort Mittheilung davon an das eidgenössische Kommissariat in Tessin, an den Vorort und an die sämmtlichen schweizerischen Polizeien auf den italienischen Routen gemacht, um jeden weitern Zufluß zu verhindern. Ferner anlangende bedürftige Flüchtlinge sollen ordentlich verpflegt, mit einem Zehrpfennig versehen, und auf demselben Wege zurück instradirt werden auf dem sie gekommen.
[(Baseler Ztg.)]
Italien.
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Edition: [Friedrich Engels: Italien. 26. August 1848. In: MEGA2 I/7. S. 617.]
[ 15 ] Turin, 19. August.
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Edition: [Friedrich Engels: Italien. 26. August 1848. In: MEGA2 I/7. S. 617.]
[ * ] Genua, 16. Aug.
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@facs0440
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 26. August 1848. In: MEGA2 I/7. S. 617.]
[ * ] Venedig, 12. August.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
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@facs0440
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 26. August 1848. In: MEGA2 I/7. S. 617.]
[ * ]
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Französische Republik.
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[ 12 ] Paris, 22. August.
Wenn auf den Parisern Hallen, dem allgemeinen Markte, sich ein Streit erhebt, dann kommen die schmählichsten Schmähworte von beiden Seiten zum Vorschein. Wenn die streitenden Theile mit den Schmähworten nicht mehr auskommen können, wenn die Diskussion erschöpft ist, dann geht es an's Schlagen: es ist dies der kürzeste Weg, um zu einem Endresultate zu gelangen, und andrerseits ist dieses Endresultat das einzig-mögliche. Die gegenseitigen Schmähworte, das war die philosophische Methode, und zum Dreinschlagen kommt es vermöge einer reduction ad absurdum. Es ist vorauszusehn, daß diese reduction ad absurdum recht bald in der Kammer, im ganzen Frankreich durchgreift; es ist der einzige vernünftige Weg, der Alles beilegen könnte: — der Krieg: der Bürgerkrieg, gleichviel, aber nur Krieg. Die Parteien haben sich dermaßen einander geschmäht; sie sind in Folge der veröffentlichten Dokumente dermaßen gegeneinander erbittert, und die Stimmung in Paris ist dermaßen wuthverbissen, daß der Krieg als das einzige Vereinigungsmittel erscheint, um wenigstens die Parteien schroff zu sondern, gegenüberzustellen und die Spaltungen innerhalb der Parteien zu beseitigen. Die Erbitterung von allen Seiten hat einen nie gekannten Höhepunkt erreicht. Auf der andern Seite aber stehn die Proletarier von Rache erfüllt, dieser gehässigen Kammer gegenüber, und warten nur auf den kleinsten Anlaß, um sich mächtiger und zahlreicher als je zu erheben. Und wir halten erst am 2ten Bande dieser berüchtigten Dokumente; noch 2 enorme Quarto-Bände stehn uns bevor. Cavaignac läßt 4 Journale, von denen 3 demokratische verbieten, und sorgt dafür, daß die gereizte Stimmung immer mehr Nahrung erhält. Man muß nur die Briefe lesen, welche an Bauchard, Thiers u. s. w. gerichtet werden. „Bauchard, du bist der Auswurf der menschlichen Gesellschaft. Wahrlich, um einen Bericht anzufertigen, wie du es gethan hast, muß man im Schlamme erzeugt sein und eine Prostituirte zur Mutter haben. Warte, den Dolch werde ich dir in's Herz bohren, sobald ich von Bordeaux zurückkomme. Haß, Tod dir und Thiers. Marrat, 1793.“ In einem andern Briefe heißt [0441] es: „Die Mitglieder der Versammlung haben vom Volke nichts Anderes zu erwarten, als den Meuchelmord: ja den Meuchelmord; denn gegen eine Versammlung, die uns Proletarier auf alle mögliche Weise tödtet, früher mit Kanonenschüssen und jetzt mit Nadelspitzen, giebt es kein andres Mittel als den Meuchelmord! Ein Insurgirter, der sich abermals insurgiren wird.“ — „Bauchard, du hast wohl dich um eine Reaktion verdient gemacht!“ — „Wenn Ihr nicht massenweise zu Grunde geht, so müßt Ihr umkommen durch den stillen Dolchstoß Eurer Todfeinde.“ Alle diese Briefe, welche dem Instruktionsrichter vorliegen, werden durch eine geheime Hand dem Publikum zur Kenntniß gebracht, und die Indépendance selbst giebt uns ein reiches Specimen solcher Briefe, als Seitenstück zu den Aktenstücken. Ein Abschnitt in diesen Dokumenten ist überschrieben: Classen, welche an der Insurrektion Theil genommen. Man sollte glauben, Odilon Barrot, der Präsident der Commission, habe dieses Capitel eigens zur Belehrung des Herrn Brüggemann geschrieben, der nur Räuber und Galeerensclaven in den Insurgenten sieht. In diesem Abschnitte werden die an den Junitagen Betheiligten in folgender Ordnung aufgezählt:
1) Viele Arbeiter ohne Arbeit, die ihre Familien unterhalten, und welche ihre Frauen und Kinder hungern sehen.
2) Viele exaltirte aber biedere und rechtschaffene Männer, die leicht zu verführen sind.
3) Kommunisten.
4) Die Legitimisten, die immer gesagt haben, man müsse durch die Republik hindurch gehn, um zu Heinrich V. gelangen zu können.
5) Einige Bonapartisten, die in Gemeinschaft mit den Legitimisten Geld vorgestreckt haben.
6) Die Freunde der Regence, die sich dadurch kenntlich gemacht haben, daß sie Schwierigkeiten bei Bezahlung ihrer Steuern erhoben.
7) Endlich der Schaum aller Parteien: Leute ohne Namen, freigelassene Sträflinge.
In den beiden letzten Zügen, die nach Brest abgingen, waren, glaube ich, nur zwei.
In einem andern Aktenstücke findet sich ein Verzeichniß der verschiedenen Klubs mit Randglossen:
1) Die brüderliche Central-Gesellschaft, Präsident Cabet. Sie besteht aus ikarischen Kommunisten; der Bürger Cabet präsidirt nicht, er docirt.
2) Der Klub des Fortschritts. Präsident Hubert; sehr gefährlich.
3) Der Klub der Gesellschaft der Menschenrechte; Klub „der That“ weit mehr als der Diskussion. Die Mitglieder sind alle bewaffnet. Er bekennt sich zu sehr gefährlichen socialistischen Tendenzen.
4) Klub der sozialistischen Arbeiter; gefahrbringende Doktrinen.
5) Klub der socialistischen Republikaner. Verbreitet falsche und gefährliche Doktrinen.
6) Klub der socialistischen Republikaner. Staatsgefährliche Tendenzen.
7) Klub der Revolution, auch genannt Klub Barbes. Dieser Klub zeichnet sich aus durch die Exaltation seiner Mitglieder zur Verbreitung staatsumwälzender Tendenzen. Der Klub war in Permanenz erklärt.
8) Der Klub des „jungen Berges.“
9) Der Klub der Zukunft. Sehr exaltirte Doktrinen.
10) Der Klub der Einheit. Lebensgefährliche Tendenzen.
11) Der Klub Popincourt. Ein Heerd kommunistischer Progaganda.
12) Klub der Sorbonne.
13) Klub des Faubourgs St. Denis. Sehr übertriebene radikal-demokratische Tendenzen.
Andere Klubs haben einen andern politischen Charakter. Der demokratisch-republikanische Klub, die Bonapartistischen, Karlistischen Klubs u. s. w.
Nun kommen die tausend andere Klubs, deren Charakter nicht bestimmt hervortritt.
Alle diese Klubs treten gespensterartig vor die Seele der Klein-Bürger und beängstigen sie mit ihren nun im Geheimen besprochenen Tendenzen. Glaubt Cavaignac und der National durch ihr Soldatenregiment den nächtlichen Besprechungen Einhalt zu thun? Warum haben sie die Quarto-Bände ans Tageslicht treten lassen? Freilich hat Marrast Alles aufgeboten, um ihre Veröffentlichung zu verhindern, aber die Fatalität war stärker als Marrast's geheime Intriguen und nun, da das ganze Getriebe vorliegt, da man sonnenklar sieht, daß die Insurrektion nicht besiegt ist, und sogar durch die Quarto-Bände selbst neue Verstärkungen erhält, läßt Cavaignac seine Soldaten sich üben im Anti-Barrikaden-Machen.
Tragbare, schiebbare Barrikaden dieses ist des neue homöopathische Mittel mit welchem man die wahren Volksbarrikaden zu überwinden gedenkt. Also den unbeweglichen Barrikaden werden bewegliche entgegengesetzt, die natürlichen und naturwüchsigen Barrikaden gedenkt man durch künstliche und kunstgerechte Barrikaden zu paralysiren. Die bewegliche, künstliche Barrikade besteht aus einem eichenen Brette von 3 Centimeter Dicke, das mit Dünnblech oben und unter besetzt ist, und in welchem Schießlöcher angebracht sind. Man sieht wie die alte Strategik sich geändert hat. Im Mittelalter, vor der Erfindung des Pulvers, wurde Mann gegen Mann handgemein, und da waren es die Rüstungen, ein Panzerhemd, Schild u. s. w., mit denen man die Schläge abwehrte. Jetzt tauchen plötzlich klasterlange Schilder wieder hervor, hinter denen beide Partheien sich verschanzen. Ja, dies sogenannte Blockhaus kömmt wieder zum Vorschein in einer Form, die den jetzigen Verhältnissen ganz angemessen ist. Aber das Volsgenie ist mächtiger, als alle militärische Aneignung der vom Volke ausgegangenen Erfindungen.
Die Barrikaden sind eine Errungenschaft des Volkes, eben so wohl wie die Republik. Beides ging aus dem Februar hervor. Die Barrikaden hat man dem Volke genommen, um ihm damit die schwachen Ueberreste der Republik zu nehmen.
Wer die Juni-Barrikaden gesehen hat, weiß daß dieses mächtige Bollwerk nur von einer in einem gemeinsamen Gedanken verbundenen Masse errichtet werden konnte; daß dieses massenhafte Kunstwerk, wenn es von sogenannten Entrepreneurs, in Folge der Konkurrenzverhältnisse unternommen worden wäre, Millionen gekostet und eben so viele Jahre erfordert hätte, als die Juni-Revolution Tage zählt. Glaubt man nun durch die Erfindung der mobilen, der künstlichen Barrikaden die naturwüchsigen unnütz gemacht zu haben? Zudem kömmt noch, daß, wie es sich jetzt herausgestellt, eine Masse Mobilgardisten in den Junitagen gekämpft und daß unter den Kämpfern, unter den Arbeitern selbst sich die geschicktesten Ebenisten und Mechaniker befunden haben. Werden bei einer künftigen Insurrektion die Proletarier nicht die Mittel haben, ebenfalls mobile Barrikaden zu machen? Werden nicht mit den Mobilgardisten ganze Mobil-Barrikaden übergehen? Wir werden also das seltene Schauspiel erleben, bewegliche, lebendige Barrikaden gegeneinander im Kampfe zu sehn.
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@facs0441
[ 16 ] Paris 23. Aug.
Die Linieninfanterie (fast lauter Bauernsöhne) in Paris ist neidisch gegen die Mobilisten: sie hat fast gar keine Ordenskreuze und Belobungen für die Junikampagne bekommen. Sie wird in diesem Augenblick von den rothen Republikanern und von den weißen Royalisten mit Traktätlein und Verheißungen behandelt; man behauptet die höhern Offiziere seien fast alle antirepublikanisch gestimmt; Kriegsminister Lamoricière und der Nationalgardenkommandeur Changarnier, beide aus Afrika, sind ausgemachte Philippisten und stehen in sehr unmoralischem Rufe als pure Glücksritter. Ersterer verlangte in den Junitagen immer mehr Haubitzen gegen die Faubourgs, zu großem Erstaunen Cavaignacs. Unter den Mobilisten dienen viele ehemalige Schneidergesellen, die seit Juni von ihren alten Arbeitskameraden nicht mehr angesehen werden; es sind harte Scenen dabei vorgefallen, Mädchen haben mit ihnen gebrochen, Verwandte ihnen das Haus versagt. Wie diese Ordnungsknechte gefochten haben, z. B. in der Rue Laharpe und Mathurins, bezeugte mir gestern wieder ein Greis und dessen Enkelin: zwölf Frauen und Kinder, von den eingedrungnen Helden aus dem 3ten Stock mit Bajonettstichen in den Hof und in die Straße hinabgeschleudert, starben auf dam Pflaster, nur ein kleiner Knabe liegt noch im Hospital; und das passirte in einem einzigen Hause, während in der Rue St. Jaques noch ärgeres und in fünf bis sechs geschehen ist. „L'Evenement,“ dies erzaristokratische Blatt des Monsieur Victor Hugo, findet dergleichen Erzählungen „zwar nicht ganz unwahr, aber ganz unklug, ja verbrecherisch“ und verlangt geradehin Arrestation Proudhon's, des Pere Duchene und andrer „herzvergiftender Journalisten;“ Proudhon sei namentlich ein „Bösewicht“ (scélérat), denn er erkühne sich „dem Märtyrtod des General Brea den Heiligenschein abzustreifen;“ es findet sich nämlich daß eben dieser Brea den Insurgenten: vive la république démocratique et sociale zugeschrieen und gleich darauf sechs von ihnen an der Mauer niederstechen gelassen. Sein und des Erzbischofs Tod ist in allen Ladenfenstern ausgehängt, und die Bettelmädchen müssen singen: la chanson de Monseigneur l'archevêque de Paris. Ueberall Bilder, wie die Bourgeoissäbel Proletariergurgeln abschneiden, wie die Mobilhelden Barrikadefahnen erobern, wie junge und hübsche Marketenderinnen Insurgenten niederschießen, wie Klosterfrauen von kommunistischen Bajonetten in der Rue St. Jaques bedroht worden und durch einen Bibelvers diesen Banditen Gliederzittern einjagen, wie Arbeiterinnen Offiziersköpfe auf Stangen pflanzen, wie vor dem Erzbischof auf der Barrikade tigerartig aussehende Räuber in die Knie sinken und verhungernde Insurgentenweiber die Hände falten; dies und noch mehr mit Namen, Ort, Datum bestens ausstaffirt. Und die Proletarier stehen düster vor dem Schaufenster und denken stumm: ein andermal besser gemacht! — „Die 23,000 hiesigen Dienstboten beiden Geschlechts sind ein sehr antirepublikanischer Sauertag, bemerkt La liberté, und es wäre Pflicht eines ehrlichgesinnten Provisoriums gewesen, dies Gift zu neutralisiren; es ist erwiesen, daß die volksfeindlichen Deputirten durch die Vota der Domestiken hauptsächlich gehoben worden. Bei einer royalistischen Emeute werden sie mit figuriren, sie sind arbeitslos und die reichen Familien versprechen ihnen wieder Dienst, sobald die Geldcirculation, d. h. ein Thron, wieder hergestellt sei.“
Der philippistische „Commerce“ höhnt über das Gesuch der Maurer, die während des Arbeitssuchens unter freiem Himmel zu stehen müde sind und eine Gewerkshalle beanspruchen; ein gleiches wird von den Schneidergesellen u. s. w. gefordert werden. Dies „tugendhafte“ Wechslerblättchen fragt in grimmem Spott, „ob die, welche den Wechsler einen „Krämer im Tempel Jerusalems,“ den Banquier einen „Geldluchs und Aussauger des Volksmarkes,“ den Börsenspekulanten einen „Seelenverspieler und Arbeitsschänder“ in ihren Klubs und Zeitungen genannt, jetzt das Recht hätten, dem Feinde nachahmend, gleichfalls eine Geschäftshalle zu haben? Ob diesen Spartanern die frische Luft etwa schon lästig werde? Das sei ein Zeichen von Volksverweichlichung“ u. s. w. Zahllos ist die Menge der Karrikaturen auf Proudhon und Cabet, besonders auf erstern; z. B. „der gerade Weg der beste,“ steht unter einem einsamen Pilger, der direkt auf das Narrenhaus Charenton zuwandelt, Regenschirm unter'm Arm, Hände in den Rocktaschen; dies ist die am wenigsten schlechte, man kann also ahnden, wie die übrigen Sudeleien sind. Ein Sonntagsblatt, „La Silhouette“, von Opernmädchen, Ellenrittern und Lions gelesen, kann in der letzten Nummer als Maaßstab des Hasses dieser „goldenen Jugend“ gegen Proudhon dienen; z. B.: „Der Herr Diebstahlslehrer ist nicht nur toll, nicht nur ein Schuft, sondern beides zugleich; Herr Proudhon ist ein elender Bube, der dem J. J. Rousseau nachäfft, ein schlechtes Vorbild fürwahr! Herr Proudhon ist ein blonder, bebrillter, kahlstirniger, wohlbeleibter, mit Eingeweiden begabter (wie Rabelais sagen würde), kurz ein ganz gewöhnlicher Mensch dem Aeußern nach, doch innerlich erstickt er schier von Hochmuth. Sein Gesetzvorschlag ist zu Grabe getragen worden, alle Galeerensklaven, alle kriminellen Gefangenen schluchzten. Möge die Polizei und die Kammer, das Ministerium und die Exekutive doch endlich uns von diesem Schurken und seinen dicken und dünnen Schurkenkompendien befreit haben; er ist auch durch sein persönliches Beispeil sehr gefährlich, er hat an dreißig uneheliche Kinder“, fügt dies Blatt der moschusduftenden Maquereaux hinzu. Letzteres ist notorischer Maßen nicht einmal wahr. — Uebrigens ist es fester Beschluß der echten Demokraten, wenn sie zu einem letzten Straßenkampf herausgefordert werden, das Redaktionspersonal des Corsaire, des Constitutionuel, Siècle, Journal des Debats und der neuern „Moschusjournale“ über die Klinge springen zu lassen, und keineswegs zu Exil oder Guillotine aufzuspeichern. Der Corsaire scheint das zu ahnden, er denunzirt täglich, und wie ich positiv weiß, auch mit geheimen Briefen an den Polizeichef; gestern wurden zwei „rothe“ Literaten verhaftet, die kürzlich den trefflichen Lepoitevin (vom Corsaire) „beleidigt“ hatten. — Die Thierspartei will durchaus eine Emeute der Proletarier hervorrufen, um danach „Maulkorb und Halfter fester ihnen anzulegen“; sie ist im Begriff, die vom Provisorium verminderte Arbeitszeit zu erhöhen, wogegen die Schreiner und Ebenisten der Vorstadt St. Antoine bereits bei der Kammer protestiren. Sie weigert sich, die vom Minister des Handels zur Hebung der Industrie begehrten 600,000 Franken an Arbeiterossociationen, „welches ja sozialistische Schwärmerei erzeugen könnte“, zu vertheilen, wie Herr Dupin und Levasseur meinen; man solle das Geld an Privatindustrielle geben.
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@facs0441
Paris, 23. Aug.
Keine Ruhestörung. Zahlreiche Patrouillen durchstreichen wohl noch die Stadt, doch kam es nirgends zu einer Reibung. An der Ecke der Rue Vivienne und dem Boulevard raffte ein Betrunkener mehre Stühle zusammen und wollte ganz allein eine Barrikade bauen. Die neuen Gardiens ergriffen ihn jedoch beim Kragen und schleppten ihn in's nächste Wachthaus. Weiterhin, am Boulevard Bonne Nouvelle, sammelte sich eine große Menschenmasse. Aber es war weiter nichts als daß der Sturm die Fahne vor dem Wachtposten zerrissen hatte und daß man eben damit beschäftigt war, sie durch eine neue zu ersetzen.
— Das Gerücht geht, die Arbeiter der Faubourgs St. Antoine und St. Marcel wollten ihre Arbeiten in Masse einstellen.
— Vergangene Woche sollte dem Hrn. Thiers eine Katzenmusik gebracht werden. Die Bürgerwehr besetzte jedoch frühzeitig den Place St. Georges, wo er wohnt, und vereitelte so das Vorhaben.
— Der „Moniteur“ zeigt an: „Daß Herr und Madame Armand Marrast morgen, Donnerstag, eine glänzende Soirée geben.“
— Der Tod des General Brea und seines Adjutanten nimmt eine ganz andere Gestalt an, wenn man den Bericht von Augenzeugen liest, den der „Repräsentant du Peuple“ hierüber veröffentlicht. Der General erschien mit seinem Adjutanten hinter der Barrikade an der Barriere Fontainebleau, rief: Es lebe die demokratische und soziale Republik! und zeigte den Insurgenten an, daß er und seine Truppen sich mit ihnen verbrüdern wollten. Hiernach vermutheten die Insurgenten mit Recht, daß die Truppen nicht nur nicht gegen sie, sondern mit ihnen kämpfen würden. Während der General, um sich hierüber zu versichern, hinter dem Gitter als Geißel zurückblieb, stürzten plötzlich die Frauen der Insurgenten herbei mit dem Geschrei: Die Truppen schießen auf uns! Sie drängen heran! Da witterte man Verrath, und der General und sein Adjutant wurden als Verräther erschossen. Leider stellte sich zwei Minuten später heraus, daß die fliehenden Weiber eine falsche Furcht gehegt hatten. Uebrigens lag jene Barrikade ganz isolirt und von der übrigen Insurrektion abgeschloßen, daher ein solches Mißverständniß leicht erklärlich. So zerrinnen selbst die gehässigsten Anklagen gegen die Junibesiegten.
— Morgen Mittags 11 Uhr werden sich sämmtliche Redakteure der Pariser Journale bei Lemardelay in der Richelieustraße Nr. 100 versammeln, um zu berathen, was in der jetzigen Lage zu thun ist. Die Willkür der Exekutivgewalt ruft eine wahre Empörung in der Presse hervor.
— Heute Abend hält ein neuer bedeutender Klub der Republicains Socialistes, im Montesquieu Saale seine erste Sitzung.
— Der radikale Repräsentant David (Angers) hat sein Amt als Maire des 11. Bezirks niedergelegt.
— Protestation der unterdrückten Journale:
1. Die unterzeichneten Redaktoren, Eigenthümer und Geranten des Representant du Peuple protestiren gegen die ungesetzliche Suspension ihres Journals, indem sie mit aller Energie ihres Herzens die Motive zurückstoßen, auf welche die Suspension gegründet. Ganz der Republik ergeben, haben sie nichts Anderes gethan, als täglich ihre Mitbürger zur Einigkeit und zum Frieden zu ermuthigen, ohne welche die Entwickelung unserer neuen Staatseinrichtungen nicht denkbar.
Paris, 22. August 1848.
Alfred Darimon. Fauvety. Proudhon. Vasbenter. Fau[?].
2. Der unterzeichnete Direktor und Redakteur des Journals du Pere Duchesne schließt sich in allen Ausdrücken obiger Protestation an.
Paris, 22. August.
Aus Auftrag des Bürgers Thuillier:
(gez) Gautier.
3. Man muß sich dem Akte der Gewalt unterwerfen, welche ihre Stärke auf den Belagerungszustand gründet. Aber ich protestire hiermit in meinem Namen und im Namen des abwesenden Hauptredakteurs Thoré gegen diesen Akt. Die öffentliche Meinung wird richten, ob unsere loyale Redaktion solchen Anklagen jemals zum Vorwande dienen konnte, wie sie der Befehl der Exekutivgewalt gegen uns aufstellt.
Paris, 22. August.
Im Namen des Journals La vraie Republique:
(gez.) J. P. Berjean.
Nationalversammlung. Sitzung vom 23. August. Alle Welt ist sehr gespannt. Man vermuthet gleich nach der Protokollverlesung starken Journalscandal und sieht sich getäuscht, als der große Seeheld und Vizepräsident Lacrosse, einer der Günstlinge der Rue Poitiers, den Platz Marrast's um 2 Uhr einnimmt und die Sitzung als eröffnet erklärt.
Ferdinand v. Lasteyrie, mit grüner Brille und einem Lichtschirm, besteigt die Tribune, um der Versammlung das Ergebniß der Prüfung der Wahl Laissac's zu Montpellier mitzutheilen, die arg bestritten worden, weil sie die Demokraten durchsetzten. Lasteyrie erzählt ziemlich lang und breit die Manoeuver der Legitimisten (Abbe Genoude, Redakteur der Gazette, war sein Nebenbuhler), welchen die Demokraten andere Manoeuvres entgegen setzen zu müssen geglaubt hätten. Buchez und mehrere andere ehrenwerthe Männer sind dabei kompromittirt. (Lärm.) Unter diesen Umständen trage der Ausschuß auf Vernichtung der Wahl an.
Buchez, ehemaliger Präsident der Nationalversammlung, eilt auf die Tribüne, um sich zu rechtfertigen gegen jeden Verdacht, den der Prüfungsausschuß auf ihn schleudern möchte. Er erzählt die Umstände, unter denen er jenen Brief nach Montpellier geschrieben habe.
Bac vertheidigt die wiederholt angegriffenen Wahlzirkuläre der provisorischen Regierung und trägt auf Bestätigung der Wahl Laissac's an, der ein tüchtiger Republikaner sei und deshalb nur von konservativen Krähen angefochten würde.
Der Präsident läßt abstimmen. Die Minister erheben sich für die Bestätigung.
Die Probe ist zweifelhaft; man schreitet deßhalb zur Abstimmung durch Stimmzettel.
Zahl der Stimmenden 725.
Für die Annahme der Konklusionen des Rapports, d. h.
gegen die Wahl‥ 369,
gegen den Rapport 356.
Die Wahl ist vernichtet.
Eine große Agitation folgt diesem Resultat. Sämmtliche anwesenden Minister hatten für Laissac gestimmt.
Nachdem sich die Agitation etwas gelegt hatte, welche die Vernichtung der demokratischen Wahl Laissac's zu Gunsten der royalistischen Partei hervorrief, schritt die Versammlung zur Berathung eines Kredits für die berittene Mobilgarde. Wird mit einiger Verringerung angenommen.
Senard, Minister des Innern, legt einen Gesetzentwurf vor, der die Fleischsteuer an den Pariser Barrieren wieder einführt.
Goudchaux legt seinen berüchtigten Plan einer Einkommen- und Mobiliensteuer vor.
Verninac, Marineminister, beantragt eine Entschädigung von 90 Millionen Franken für die Plantagenbesitzer, die durch Befreiung der Sclaven dem Ruin nahe sind.
Louis Blanc erhält das Wort, um seinen Protest gegen das vorzeitige Einrücken wichtiger Beilagen von noch schwebenden Untersuchungen zu begründen. Er sagt, daß sein Antrag sich nicht bloß auf die Bouchard'schen Aktenstücke beziehe, sondern eine allgemeine Anwendung verdiene. Für die in Rede stehenden Aktenstücke käme ohnedieß der Antrag viel zu spät; nichts desto weniger beharre er auf Eile.
Die Versammlung wies den Antrag an den Gesetzgebungsausschuß mit der Anordnung, schleunigst darüber zu berichten.
Das Preßungewitter also auf morgen!
Osmont trägt darauf an, die Prämien auf Einfuhr des Stockfisches von 14 auf 18 Fr. zu Rouen im Interesse der Armen zu erhöhen, weil der Stockfisch in unseren Häfen rar werde und er somit die Nahrung der Armen schmälert.
Tourret, Handelsminister, dringt auf Vertagung. Bewilligt.
Schließlich beräth die Versammlung den Cessionsmodus rücksichtlich der Empfangscheine auf deponirte Waaren in den Staatsmagazinen, den Herr Goudchaux am 31. Juli beantragt.
Um 6 1/2 Uhr wird die Sitzung geschlossen.
Belgien.
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@facs0441
[ S ] Antwerpen, 22. August.
Ich muß wieder auf Herrn Bavay zurückkommen: Der Schluß seines Requisitoriums wird als eine Infamie in den Annalen der Parquetsberedsamkeit verzeichnet bleiben. Nachdem er den Geschworenen Antwerpens vorgehalten, doch ja dem Zutrauen zu entsprechen, das man in sie gesetzt (vor das Brüsseler Geschwornengericht wagte man die Sache nicht zu bringen), endigt er damit die Angeklagten deshalb für schuldig zu erklären, weil man in diesem Augenblicke noch gegen Belgien in der Straße Aubry-le-Boucher Nro. 26 zu Paris komplottire. Also am öffentlichen Gerichte wirft sich der Prokurator als Denunciant eines in Bildung begriffenen Komplotts gegen Belgien auf! Und wegen dieses von Frankreich ausgehenden Komplotts soll man das vergangene angebliche Komplott für wirklich vorhanden erklären. Und was ist das vergangene Komplott? Eine Gesellschaft von Demokraten, die man deshalb in Risquons-Tout hineinverwickelt, um der sogenannten „Expedition“ einen innern Haltpunkt zu geben. In jedem andern Lande würde der Herr Prokurator schon allein dieser Ungeschicklichkeit wegen abgesetzt worden sein. Unsere Journale, von französischen Banqueroutiers redigirt, von Leuten wie Perrot und Brig[?]oine, die in Frankreich wegen betrügerischem Banquerout zu den Galeeren verurtheilt worden, bewundern Herrn Bavay's Beredsamkeit.
Herr Sancke, der die Vertheidigung Herrn Spilthoorn's übernommen, antwortet dem Herrn Bavay: „Ich brauche wohl nicht noch alle die berühmten Männer zu vertheidigen, die nebenbei von Herrn Bavay angegriffen worden. Ich bin nicht der Advokat Caussidière's; aber ich möchte sein Freund sein; ich bin nicht der Vertheidiger Ledru-Rollin's; ich bin nur sein Bewunderer.“ Bavay hatte die ganze Welt in Risquons-Tout verwickelt. Es war ihm besonders um große Namen zu thun.
[0442]
Die Anwesenheit dieser Namen in den Debatten, sagt Herr Sancke, sei nur eine rhetorische Figur, eine jener verbrauchten Blumen, die in Belgien, in dem Lande des Nachdrucks, nur noch einen Nachgeruch lassen können.
Wir gehen nicht weiter in die Vertheidigungsrede des Herrn Sancke ein. Bei der Vertheidigung De Rudders, welchen der Prokurator einen kleinen Metzger nennt, der seine Zahlungen eingestellt hat, hebt der Vertheidiger die Kleinlichkeit dieser Anklage hervor. Der kleine Metzger De Rudder hat bloß kleine Zahlungen einstellen können; in der Repräsentanten-Kammer sind große „Metzger“, die große Zahlungen eingestellt haben. In Bezug auf das vom Herrn Prokurator erwähnte Komplot, das von Paris aus gegen Brüssel im Gang sein soll, hebt der Vertheiger das Ungesetzliche einer solchen Erwähnung hervor. Der Hr. Prokurator ist wirklich sehr wohl unterrichtet. Jetzt, wo man in Paris an ganz andere Dinge zu denken hat, als an eine belgische Verschwörung, gibt Herr Bavay sein Prokurators-Talent kund, indem er ein Komplott gegen Belgien denunzirt.
Herr Sancke endet mit der Bemerkung, daß man in diesem Prozesse wieder die alte „complicité morale“ Guizot's und Louis Philipp's in Anwendung bringen wolle. Man solle ja nicht vergessen, daß heutiges Tages die Männer der Regierung jeden Augenblick wechseln, und daß die Politik von heute nicht mehr für die von morgen einstehen könne.
Herr Faider ist mit der Vertheidigung Delestrée's und De Rudder's beauftragt.
Herr Faider weis't nach, daß Delestrée's ganzes Verbrechen darin bestand, von Herrn Imbert als ein Mann empfohlen worden zu sein, der gute Propaganda mache! Wer ist Herr Imbert? Herr Imbert war 39 in Belgien geflüchtet, und hatte in Brüssel eine Topffabrik angelegt. Im Februar 48 kehrte er nach Paris zurück und wurde zum Direktor der Tuillerien ernannt. Dieser Imbert, den natürlich die in Paris anwesenden Belgier kannten, wird nun beschuldigt vom Herrn Prokurator, dem Hrn. Delestrée dieses gefährliche Schreiben eingehändigt zu haben, und bei dieser Gelegenheit spricht der Prokurator jeden Augenblick von Verletzung der Gastfreundschaft. Ueberhaupt sind die belgischen Bavay's immer da, um den Fremden eine Gastfreundschaft vorzuwerfen, die ihnen, den Belgiern, nicht allein nichts kostet, sondern ihnen sogar Geld einträgt.
Hr. Faider hebt sehr wohl hervor, daß die Anklage gegen die „Nichtsoldaten von Risquons-tout,“ überhaupt nur auf Briefen beruhe, die aus dem schwarzen Kabinet des Prokurators hervorgegangen. Der Hr. Generalprokurator Bavay excellire in diesem Verfahren. Man solle sich nur eines ähnlichen Falles in Brüssel erinnern, wo der Prokurator ebenfalls von diesem Mittel Gebrauch gemacht habe, wo aber die öffentliche Meinung sich derb gegen dieses undelikate, rohe Verfahren des Bavay ausgesprochen.
Nach Hr., Faider sprach Hr. Kennis für Perrin u. s. w. Alle Vertheidiger kommen darin überein, daß sie dem Prokurator fühlbar machen, es sei ihm weniger um Risquons-tout, als um die Verhaftung einiger Männer zu thun, die man für gefährlich hält. Hr. General Mellinet, ein 80jähriger Greis, vertheidigt sich selbst. Der Eindruck, den dieser Mann aufs Publikum hervorbringt, ist außergewöhnlich. Ich werde Ihnen morgen davon sprechen.
Großbritannien.
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@facs0442
Unterhaus, 22. August.
(Fortsetzung des Berichts in der gestrigen Nummer.) Die Zuckerzollbill erhielt trotz aller von Lord G. Bentink vorgebrachten Klauseln und Amendemens schließlich die dritte Lesung. Das Haus vertagte sich dann bis 5 Uhr, wo Hr. Herries auf die Komitéberichte des Ober- und Unterhauses, die Handelsnoth betreffend, zu sprechen kam. Er stellt die Motion, daß diese Berichte gleich zu Anfang der nächsten Session in ernstliche Erwägung gezogen werden. Für die jetzige Session sei die Zeit zu kurz. Zugleich tadelt er alle drei Berichte, welche von den Kommissionen des Unter- und Oberhauses über die Handelsnoth und die „Currency-Frage“ vorgelegt worden. Namentlich wendet er sich gegen die Bankakte von 1844. Die gegen sie vorgebrachten Gründe führte der Redner übrigens ganz auf die nämliche Weise im vorigen November aus. Die stärkste Verurtheilung der Peel'schen Akte liege eben darin, daß sie von der Regierung habe suspendirt werden müssen. Die Komitéberichte würden übrigens entgegengesetzt ausgefallen sein, wenn die Abstimmung von den mit der Sache Vertrauten abgehangen. Das Komité sei aber lediglich das Echo Lord J. Russells und des Schatzkanzlers geworden. Nähme man die Aussagen der von den Komité's verhörten Personen zusammen, so liege darin die glänzendste Verurtheilung der Bankakte von 1819 wie der von 1844. In Folge der Herries'schen Motion entspann sich eine lange, mitunter sehr heftige Debatte, an welcher sich natürlich auch Peel betheiligte. Das Resultat war, daß die Motion durchfiel und Herries seinen Entschluß kund gab, gleich Anfangs der nächsten Session die Sache aufs Neue anregen zu wollen
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@facs0442
[ * ] Unterhaus, 23. Aug.
Beginn der Sitzung um 12 Uhr. Auf eine Interpellation wegen der englischen Flotte im Mittelmeer erwidert Lord J. Russell, daß Parker mit seiner Flotte vor Neapel erschienen, weil die dortige Regierung entgegen dem Wortlaut bestehender Verträge gezwungene Anleihen auch von britischen Unterthanen zu erheben versucht. Bei den weiteren Verhandlungen über das Budget widersetzt sich B. Osborne der Bewilligung der für polnische Flüchtlinge geforderten 10,700 Pf. Er stützt sich darauf, daß es in England selbst noch viel schrecklicheres Elend gebe, dem zuerst abzuhelfen sei. Der Redner ist, wie man sieht, Einer von Denen, die hier nicht helfen wollen, weil dort noch Elend sei, und dort nicht, weil sonst hier die Mittel fehlten. Lord D. Stuart nimmt sich der polnischen Emigrirten aufs Wärmste an. Dagegen tritt Hr. Bright, der Freihandels-Quäcker, wüthend gegen die Bewilligung der Summe auf und ihm schließt sich der liberale Hr. Hume nach Kräften an. Die Bourgeoisie ist über die demokratische Richtung der Polen erbost, daher ihr heftiges Auftretung wider Fortzahlung jener für England ganz lumpigen Unterstützungssumme. (Die Sitzung dauert bei Abgang der Post fort.)
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@facs0442
[ * ] London, 23. Aug.
Im Oberhause beantragte gestern Lord Derman eine Adreße an die Königin in Betreff der Durchsetzung aller mit fremden Mächten, wegen Abschaffung des afrikanischen Sklavenhandels geschlossenen Verträge, so wie in Betreff der Verfolgung aller in diesem Handel direkt oder indirekt verwickelten britischen Unterthanen. Im Laufe seiner Rede bekämpfte der edle Lord zwei Meinungen, die in der letzten Zeit ziemlich Terrain gewonnen hätten, daß nämlich erstens der Sklavenhandel überhaupt gar nicht zu unterdrücken sei und alle Versuche in diesem Sinne als nutzlos aufzugeben wären, so wie zweitens, daß alle bisher getroffenen Schutzmaßregeln, mehr von Schaden als von Nutzen gewesen seien, indem sie das Scheußliche des Sklavenhandels nur vergrößert hätten.
Lord Brougham unterstützte diese Motion.
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@facs0442
[ * ] Dublin, 22. Aug.
S. O'Brien wird von J. Henn und Whitefide, Duffy von Butt vertheidigt werden. Meagher hat noch keinen Anwalt bestellt. John Dillon, auf dessen Kopf der Lordlieutenant 300 Pfd. setzte, soll seewärts entkommen sein. Dillon hatte kurz vor Beginn der neuesten irischen Ereignisse geheirathet. In der bei S. O'Brien gefundenen Correspondenz sollen mehrere hohe Geistliche der katholischen Kirche stark kompromittirt sein. Die zuverläßigsten Berichte aus dem Süden stimmen darin überein, daß die Wuth des Volkes immer verbissener und die leibliche Noth immer ärger wird.
Spanien.
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@facs0442
Madrid, 18. Aug.
Roca de Togores ist auf so lange zum interimistischen Verweser des Innern ernannt, als Sartorius sich in Sevilla aufhalten dürfte, wo man der Entbindung der Herzogin von Montpensier erst gegen Ende dieses Monats entgegensteht.
Südamerika.
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@facs0442
[ * ] Rio de Janeiro, 27. Juni.
Von La Plata erfahren wir, daß der französische Bevollmächtigte, Hr. Gros, bei seinem Abgange von Montevideo dem Admiral Lepredour Befehl gegeben, die Blokade von Buenos-Ayres und der dortigen Küste aufzuheben, dagegen die im Besitz von Oribe befindliche banda oriental aufs Strengste zu blokiren. Die Regierung von Montevideo hat mit ihren Finanzmaßregeln entschiedenes Unglück (wie manche europäische Ministerien mit den ihrigen). Kaum hatte sie auf Mehl und Wein eine Steuer gelegt, so mußte sie dieselbe wegen Aufsätzigkeit des Volkes zurücknehmen; dafür hat sie jetzt von den Kaufleuten gefordert, daß sie monatlich 1/4 ihrer bisherigen jährlich gezahlten Steuern entrichten sollen.
Amtliche Nachrichten.
@typejAn
@facs0442
Bekanntmachung.
Um die rekommandirten Briefe, welche früher häufig zur Versendung undeklarirter Kassenanweisungen und anderer geldwerthen Papiere benutzt worden sind, gegen Verletzungen zu sichern, ist im Interesse des korrespondirenden Publikums im Jahre 1844 angeordnet worden, daß rekommandirte Briefe nicht anders, als mit Kreuzkouverten versehen und mit fünf Siegeln sorgfältig verschlossen, von den Postanstalten zur Beförderung mit der Post angenommen werden dürfen.
Nachdem jetzt durch den Erlaß der ermäßigten Porto-Taxe für Geldsendungen dem korrespondirenden Publikum ausreichende Gelegenheit geboten ist. Kassenanweisungen und geldwerthe Papiere deklarirt gegen eine unerheblich höhere Portozahlung zu versenden, als wenn solches undeklarirt geschieht, und daher anzunehmen ist, daß das eigene Interesse die Versender von Geld und Dokumenten abhalten wird, dergleichen Sendungen undeklarirt zur Post zu geben, so soll die Vorschrift in Betreff der Couvertform und des fünffachen Verschlusses rekommandirter Briefe zur Erleichterung des Publikums wieder aufgehoben werden.
Rekommandirte Briefe können daher von jetzt ab in derselben Form und mit demselben einfachen Verschlusse, wie gewöhnliche Briefe, zur Beförderung mit der Post aufgegeben werden.
Berlin, den 19. August 1848.
General-Post-Amt.
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@facs0442
Schweidnitz. Vom demokratischen Vereine zu Schweidnitz geht uns folgende Bitte zu:
„Der unterzeichnete Verein hat es sich besonders zur Aufgabe gestellt, durch Einsammlung und Vertheilung milder Gaben den Hinterbliebenen der am Abend des 31. Juli c. in ihrer Dienstpflicht von einer rohen Soldateska unschuldig geopferten Mitbrüder einige Hülfe in ihrer höchst unglücklichen Lage zu verschaffen. Wir richten deshalb an alle Gleichgutgesinnten jeder politischen Färbung die dringende Bitte, durch milde Gaben so kräftig als irgend möglich bei diesem wohlthätigen Unternehmen sich zu betheiligen, und selbst die kleinste Gabe, sei es an Geld, Wäsche, Kleidungsstücke etc. uns zukommen zu lassen. Ueber den Empfang werden wir öffentlich Rechenschaft ablegen. Gleichzeitig mit dieser Aufforderung ergeht von uns die Bitte an sämmtliche demokratische Vereine Deutschlands, zu gleichem Zwecke uns brüderlich die Hand zu reichen, und hoffen wir, daß durch diese Vereinigung dem namenlosen Kummer der Hinterbliebenen genannter Opfer einigermaßen abgeholfen werden kann. Sobald eine beträchtliche Summe bei uns eingegangen sein wird, werden wir zur Berathung über die zweckmäßige Anwendung der empfangenen Gaben alle Betheiligten einladen.
Schweidnitz, den 16. August 1848.
Der demokratische Verein.“
Handels-Nachrichten.
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[Leserbrief]
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Verhandlungen des Gemeinderaths zu Köln.
Sitzung vom 24. August 1848. Abends 6 Uhr.
Der Gemeinderath beauftragte die Verwaltung, an die Polizei-Direktion das Ersuchen zu stellen, darauf zu halten, daß die zu Markte kommenden großen Quantitäten unreifen Obstes von demselben entfernt werden. — Die Prüfung und Berathung des Elementar-Schulbüdgets pro 1848 ward begonnen und der Abschnitt „Pfarrschulen“ erledigt — Es wurde eine Kommission aus fünf Mitgliedern ernannt, um unter Zuziehung des Stadtbaumeisters, des Hafenkommissars und des Ingenieurs der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft die bei der zur Sprache gebrachten Herstellung der baufälligen nördlichen Flügelmauer am Sicherheitshafen aufgeworfene Frage: „ob nicht eine Erweiterung des Hafeneingangs in der Weise beliebt werden möchte, daß Dampf- und andere große Schiffe darin Eingang finden könnten?“ an Ort und Stelle näher zu prüfen und darüber zu berichten. — Zur Fortsetzung der städtischen Speise-Anstalt ward ein fernerer Kredit von 2000 Thlr. bewilligt. — Schließlich wurde ein Niederlassungsgesuch erledigt.
[Leserbrief]
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Erklärung.
In Folge der „mehreren Reklamationen“, welche der Kölnischen Zeitung, wie sie selber sagt, wegen ihrer Mittheilungen über den Lassalleschen Prozeß zugegangen sind, habe auch ich mir die Mühe genommen, dasjenige, was die K. Ztg. über mein Zeugniß mit „möglichster“, aber beschränkter „Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit“ nachzuschreiben „beflissen“ war, durchzusehen und gefunden, daß auch diese Nachzeichnung ungetreu und wesentlich unvollständig ist. Es wird sich das aus dem Berichte, den die Neue Rheinische Zeitung liefert, näher ergeben.
Ich hätte diese Erklärung an die Kölnische Zeitung selber adressiren sollen, aber ich hatte Angst, unter die betrübten „Vermischten Nachrichten“ gesetzt und von einer Redaktionsungezogenheit begleitet zu werden, wie dies heute dem Hrn. v. Lilljeström geschehen ist.
Wenn übrigens diejenigen, welche gegen die Federzeichnungen der Köln. Ztg. reklamiren, sich gefallen lassen müssen, zu „Lassalle u. Consorten“ zu gehören, — eine eben so höfliche als unparteiische Redensart — so wird der Hauptredakteur der Köln. Ztg. gewiß zufrieden damit sein, sammt seinen genauen und gewissenhaften Berichterstattern *) *) Unter diesen Berichterstattern war unter andern nach Hrn. Dumonts eigenem Geständniß ein Herr Eisenbarth aus Düsseldorf, ein vertrauter Freund und Agent des Herrn von Stockum, wie dies die Verhandlungen ergeben haben. den „Consorten“ des Grafen Hatzfeldt, Herrn von Stockum u. s. w. beigezählt zu werden. Das Publikum möge entscheiden, welche Genossenschaft hier die edlere ist.
Köln, den 24. August 1848.
[Heinrich Bürgers.]
[Gerichtsprotokoll]
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Kriminal-Prozedur gegen Ferdinand Lassalle wegen Verleitung zum Diebstahl.
(Fortsetzung.)
(Sitzung vom 7. August.)
Polizeirath Dolleschall und Pol. Kommissar Dobler werden unvereidet vernommen. Dolleschall erklärt nichts zu wissen außer was in seinen Akten steht, die er überreicht und die der Präsident curforisch mittheilt. Dobbler sagt, die Gräfin sei bei ihm gewesen, und habe ihm schriftlich angezeigt, daß die Majunke ihren Dienst verlassen und sich zu Hrn. v. Stockum im Kaiserl. Hof begeben habe, sie habe ihre Zurückführung gefordert. Er habe darüber dem Polizeidirektor berichtet und zugleich ihm angegeben, daß die Majunke sich beim Grafen befinden soll; auf Grund dieses Berichtes der aus den Akten verlesen wird, sei jener abschlägige Bescheid ertheilt worden.
Pr. Sie sehen also, Angeklagter, daß dieser Auskunft nur die Angabe der Gräfin zum Grunde zu liegen scheint. Gleichwohl haben Sie gestern mit einer enormen Bestimmtheit jenes Dokument als ein Beweis avancirt.
Angekl. Und es ist dieser Beweis, wie ich gleich nachweisen kann, durchaus nicht erschüttert worden. Ich bitte den Hrn. Präsidenten nachzusehen, ob in der eben verlesenen Eingabe der Gräfin an Dobler nicht blos gesagt ist, einem Gerüchte zufolge solle die Majucke sich bei Hrn. v. Stockum im Kaiserl. Hofe befinden?
Pr. Ja.
Angekl. Wenn ich recht verstanden habe, so will P. K. Dobler unmittelbar auf diese Anzeige hin den Bericht an den Pol.-Direktor gemacht haben. Wenigstens hat er von der Gräfin keine weitere Anzeige erhalten.
Pr. Nun?
Angekl. In dem Berichte aber, den laut Akten Hr. Dobler an Polizei-Direktor Müller macht, heißt es ausdrücklich, die Majunke solle im Hotel Belle Vue zu Deutz beim Grafen Hatzfeld sich aufhalten. Davon stand kein Wort in der Anzeige der Gräfin. Diese hatte gesagt, sie sei bei v. Stockum im Kaiserl. Hofe. Dieser, von der Anzeige der Gräfin ganz verschiedenen Angabe, welche Dobler dem Pol.-Direktor macht, muß also auch eine andere Quelle zum Grunde liegen; höchst wahrscheinlich eine polizeiliche Ermittelung. Ich bitte, den Herrn Pol.-Kommissar Dobler zu fragen, ob eine solche angestellt worden, und ob es nicht diese ist, welche seinem Bericht an Müller unterliegt?
Pr. Haben Sie damals eine polizeiliche Ermittelung anstellen lassen und was liegt Ihrem Berichte, die Majunke halte sich beim Grafen in Deutz auf, da ja hiervon in der Eingabe der Gräfin nichts steht, zu Grunde?
Dobler. Es ist möglich daß eine polizeiliche Ermittelung angestellt, vielleicht in den Kaiserl. Hof geschickt und dort jene Auskunft über die Majunke ertheilt wurde. Ich weiß es aber nicht. Mein Bericht beruht entweder auf der Anzeige der Gräfin oder auf einer polizeilichen Ermittelung.
Pr. Dieser Gegenstand wird sich also nicht aufklären lassen.
Vertheidiger. Ich finde ihn vielmehr bereits sehr aufgeklärt. Ich bemerke noch, daß während Dobler in seinem Berichte sagt, die Majunke solle beim Grafen sein, der Pol.-Direktor Müller ihren Aufenthalt beim Grafen als ein Faktum hinstellt. Dieser Mann ist viel zu gewissenhaft, als daß er auf ein bloßes Gerücht hin hier Entscheidung hätte erlassen und die Majunke in diesen Verdacht bringen sollen. Hiermit endlich stimmt, daß im weitern Verlauf der Akten es in einem Schreiben des Poliz.-Dir. Müller ausdrücklich heißt, die Majunke sei nach Düsseldorf zurückgekehrt.
St.-Prok. trägt darauf an, den Zeugen Gastwirth Rener aus Deutz gleich zu vernehmen, da dieser vielleicht Auskunft ertheilen könne. Die Makunke bemerkt, daß sie nach Düsseldorf gereist sei, um eine Klage gegen die Gräfin am Orte ihres gesetzlichen Domizils anzustellen.
Angekl. Ob die Majunke nicht im Kaiserl. Hof mit v. Stockum zusammengetroffen?
Z. Ja einmal, es war kalt; ich habe da im Kaiserl. Hofe eine Tasse Kaffe getrunken und den Hrn. v Stockum getroffen, der mir aber blos guten Tag gesagt hat. Ein blonder Kellner Namens Julius, der früher in Belle Vue gewohnt hat, hat das gesehen und es dem Hrn. Lassalle mitgetheilt.
Pr. Woher wissen Sie das?
Z. Weil er schon früher für L. rapportirte.
Zeuge Louis Rener, 33 J. alt, Gastwirth zur Belle Vue in Deutz. Die Majunke habe Zuflucht bei ihm gesucht, nachdem sie der Gräfin, welche damals in Köln in der Mohrenstraße wohnte und sie eingesperrt hielt, entflohen war; er habe dem Bürgermeister von Deutz gleich Anzeige davon gemacht. v. Stockum so wenig wie der Graf seien damals bei ihm eingekehrt; seit der Zeit, wo die Gräfin bei ihm gewohnt, sei der Graf nur einmal da gewesen und habe, während er die Eisenbahn abwartete, auf einem besondern Zimmer gespeist; damals habe die Majunke auf jenem Zimmer mit dem Grafen eine Unterredung gehabt.
Majunke. Sie habe mit dem Grafen wegen einer Kommode von ihr gesprochen, die sich unter den Effekten der Gräfin befunden habe, welche bei einem Spediteur in Köln mit Beschlag belegt worden seien. Sie habe diese Kommode zurückgefordert.
Rener. Die Majunke habe auch mit ihm darüber gesprochen, da er zuerst Arrest auf die Sachen habe legen lassen. Der Graf habe sie an seinen Advokaten Widenmann in Düsseldorf verwiesen und die M. sei deshalb dorthin gereist; der Graf habe sie zuerst gar nicht vorlassen wollen.
Vertheidiger Ob Herr Rener die Majunke aus Barmherzigkeit aufgenommen?
Zeuge. Keineswegs. Die M. habe ihn auf die Entscheidung ihres Prozesses mit der Gräfin angewiesen, sie habe damals ein sparsames Leben geführt, ihr Betragen sei stets sehr gut gewesen und die Gräfin habe ihr deswegen besonderes Vertrauen geschenkt. Eben so sei auch Lassalle mit seinem Diener Hoppe bis in die letzte Zeit durchaus zufrieden gewesen und auch über dessen Aufführung sei ihm nichts Nachtheiliges bekannt. — Alles, was von Lassalle oder den ihn besuchenden Freunden verzehrt wurde, sei auf Rechnung der Gräfin gestellt worden; diese Rechnung habe von August 1846 bis Oktober 1847 circa 6500 Thlr. betragen; für diese Summe sei er größtentheils auf die Alimente verwiesen, welche der Graf der Gräfin zu entrichten habe; der Graf habe ihm 4000 Thlr. bezahlt gegen einen Revers, zufolge dessen er sich für des Grafen Schuldner erklärt im Falle, daß seine Forderung in dem schwebenden Kassationsprozesse nicht anerkannt würde. Von Lassalle habe er für Rechnung der Gräfin 1500 Thlr. empfangen, jedoch mit dem Bemerken, daß diese Summe für seine Rechnung vom April 1847 ab sei.
Angekl. legt ein Schreiben vor, in welchem er Rener ersucht, ihm eine besondere, von der Gräfin getrennte Rechnung auszustellen.
Zeuge. Jenes Schreiben sei allerdings an ihn ergangen, aber da der Verzehr meistens auf dem Zimmer der Gräfin stattgefunden, so habe er unmöglich wissen können, wie viel von der Gräfin, wie viel von Lassalle und Mendelssohn verzehrt worden. Was Mendelssohn betreffe, so habe Lassalle ihm einmal gesagt, er möge dessen Verzehr auf gemeinschaftliche Rechnung schreiben.
Angekl. Ich habe blos gesagt: auf unsere Rechnung.
Zeuge. Die Gräfin habe die Rechnung ganz anerkennen wollen, aber Lassale habe sie davon abgehalten.
Präsid. Der Ausdruck unsre Rechnung scheint doch auf eine gemeinschaftliche zu deuten; der Wirth durfte das wohl stillschweigend von einem Bevollmächtigten voraussetzen.
Zeuge über den Kellner Julius Diefenbach befragt, der früher bei ihm, später im Rheinischen Hof bei Staudt wohnte, äußert sich günstig über seine Moralität. Von einer Bestechung desselben durch die Parthei des Grafen wisse er nichts; Lassalle habe ihm einmal gesagt, Diefenbach habe von Stockum Geld erhalten, der Kellner habe das aber entschieden in Abrede gestellt.
— Ueber den Joh. Kurz habe er früher nichts Nachtheiliges gehört; bei seinem Austritt aus dem Dienst der Gräfin sei er jedoch in Verdacht gekommen, ein Kissen und Tischtücher entwendet zu haben; die desfalls gegen ihn erhobene Untersuchung habe zu keinem Resultat geführt. — Die Gräfin habe häufig Besuch erhalten von der Frau Gianella und deren Söhne, von Schaafhausen und Fowinkel; diese Personen hätten ihm Geld gezeigt, welches sie von der Gräfin empfangen und sich auch wohl beklagt, daß sie nicht genug bekämen. Lölgen aus Köln sei sehr oft bei der Gräfin gewesen; der Lehrer Gladbach habe als Privatsekretär fungirt. Wie er gehört habe, sei es Lassalle und der Gräfin darum zu thun gewesen, eine jährliche Rente von 20,000 Thalern für die Gräfin zu erwirken.
St.-Prok. In dem Briefe an eine treue Seele, von welchem früher die Rede gewesen, findet sich die Stelle: „Mord. will den 3. August Nachts im Kaiserlichen Hof zu Köln schlafen und d. 4. erst in Aachen ankommen. Deßwegen soll Man in Deutz Hotel de Belle Vue wohnen. Du Felix sollst durchaus mit nach Köln und im selbigen Hotel wohnen. Montag mit dem
(Siehe den Verfolg der in Beilage.)
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Der Gerant, Korff.
Druck von Wilhelm Clouth in Köln.
(Hierzu eine Beilage.)