[0455]
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 90. Köln, Donnerstag den 31. August 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Die Polendebatte in Frankfurt). Frankfurt (Nationalversammlung). Berlin. (Vereinbarungssitzung). Wien. (Nachträge über den 23. — Reichstag. — Die Presse und die Literaten). Düsseldorf. (Freiligrath verhaftet).
Italien. Genua. (Das franz. Geschwader. Die Zwingburgen. Protest der Modenesen) Turin. (Der politische Klub. Angebliche Revolution in Rom. Uebereinkunft zwischen Welden und den Päbstlichen).
Franz. Republik. Paris. (Amnestie-Petition. Bourgeois und Arbeiter. Kriegsaussichten. Nationalversammlung).
Großbritannien. London. (Unterhaus. Powell. Hardinge).
Belgien. Gent. (Louis Blanc).
Deutschland.
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Edition: [Friedrich Engels: Die Polendebatte in Frankfurt. In: MEGA2 I/7. S. 517.]
[ ** ] Köln, 26. August.
Die Polendebatte in Frankfurt. Zweiter Tag.
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[Feuilleton]
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Das Domfest von 1848.
(Schluß statt Fortsetzung.)
Ich erkannte die Medicäerin auf der Stelle, denn was man liebt, das erkennt man sogleich und ich liebe alle Frauen und Mädchen, die Marie heißen. Es ist mir unbegreiflich, wie ein schönes Mädchen anders heißen kann, als Marie.
Gespenstisch rauschte Marien's Gewand, geisterhaft bewegten sich die brüsseler Spitzen ihres seligen Nackens und traurig prächtig schaute die königliche Frau auf mich herab, als ich ihr in jener Domtraumnacht zitternd den Arm bot.
„Ich versichere Ihnen, gnädige Frau, ich war immer davon überzeugt, daß Sie noch lebten und wenn ich Nachts an jenem Hause vorbei kam, in dem unser Rubens geboren wurde und in dem Sie gestorben sein sollen, da blieb ich nicht selten an der Thüre stehen und zog die Schelle und erkundigte mich nach Ihnen und fragte, ob ich Sie nicht sprechen könne. — —
Herr Wagner, der jetzige Besitzer des Hauses, der in solchen Augenblicken, mit der Nachtmütze auf dem Kopfe, etwas ärgerlich an's Fenster trat, erklärte mir jedes Mal, daß Frau Maria von Medicis längst todt sei und im Dome begraben liege, und als ich ihm einst sehr entschieden widersprach, da nannte er mich sogar einen Esel und schüttete mir eine Karaffe Wasser auf den Kopf — aber ich ließ mich durch nichts irre machen, ich blieb bei meinem alten Glauben und sieh, ich habe mich auch nicht getäuscht! —“
Langsam waren wir die Halle hinab geschritten und hatten uns von den übrigen Domgeistern entfernt. Von jeher zog ich es vor, mit schönen Frauen allein zu sein.
„Sie sehen, Frau Maria, das Innere des Domes wird bald vollendet sein. Wenn die hohen Gäste der Domfeier nur fortfahren, recht tüchtig beizusteuern, so werden wir auch in zehn oder zwölf Jahren mit unsern Thürmen bis in die Wolken reichen — gleicht nicht schon jetzt das ganze Gebäude einer versteinerten bethovenschen Symphonie? —“
„Von welchen Gästen sprechen Sie?“ — fragte mich Maria.
„Nun, vom Könige von Preußen und vom Kaiser Barbarossa! —“
„Barbarossa?“ — versetzte meine Begleiterin verwundert.
„Allerdings! Er ist auferstanden aus dem Kyffhäuser; drei englische Rasiermesser zerbrach man beim Scheren seines rothen, durch den Tisch gewachsenen Bartes. —“
„Aber was will der alte Herr nochmals auf der Oberwelt anfangen? —“
„Er will ein einiges, freies Deutschland herstellen, einig im Innern und stark nach Außen. Mit der deutschen Einigkeit selbst, soll dann auch das Symbol derselben, der Kölner Dom, vollendet werden. —“
„Aber Sie glauben ja, daß der Dom erst in zehn oder zwölf Jahren fertig werde?“
„Nun, so lange wird es auch mit der deutschen Einigkeit dauern, vielleicht noch länger. Herr Barbarossa wird sich noch oft rasiren lassen müssen, ehe er mit seiner Arbeit fertig ist.“
„Es ist unbegreiflich, wie ein alter Mann am Abende seines Lebens noch dergleichen zu unternehmen wagt. —“
„Gewiß! denn mit den deutschen Fürsten ist nicht zu spassen. Als gestern die Nationalversammelten vor den König traten, um ihn im Auftrage ihrer Kollegen hier am Rheine zu begrüßen, da sagte er ihnen: „Die Bedeutsamkeit Ihrer Versammlung verstehe ich sehr wohl, meine Herren. Ich sehe sehr wohl ein, wie wichtig Ihre Versammlung ist! —“ Die Stimme Sr. Majestät nahm hier einen sehr ernsten, schneidenden Ton an. — „Vergessen Sie aber auch nicht, daß es noch Fürsten in Deutschland gibt“ — hier legte Se. Majestät die Hand auf's Herz und sprach mit ungemeinem Nachdruck — „und vergessen Sie nicht, daß Ich dazu gehöre!“ —
„Daran erkenne ich einen König! —“
„Allerdings, und Se. Majestät sprach mit so viel Wärme, daß sich der größte Theil der Nationalversammelten durch die glänzende Rhetorik Sr. Majestät hinreißen ließ und auf's lebhafteste und herzlichste applaudirte. Man sah nie ein schöneres Schauspiel, es war ein eigentlicher Kunstgenuß. —“
„Aber wer sind denn diese Nationalversammelten?“ — fragte mich Maria weiter.
„Gnädige Frau, es sind schwache, sterbliche Menschen. Menschen, die sich gelegentlich von der Tribüne reißen und die sich einander ausschimpfen. Es sind nur wenige Götter unter ihnen, und diese Götter sollen auch eigentlich nur Halbgötter sein, oder sehr heruntergekommene Götter. Diese Nationalversammelten waren es, die den alten Barbarossa in der Tiefe des Kyffhäusers aufsuchten und ihn dazu veranlaßten, die Geschicke des Vaterlandes auf's Neue in seine Hand zu nehmen. Barbarossa schüttelte den langen, rothen Bart und fragte seinen Zwerg, ob die Raben noch um den Berg flögen. Der Zwerg schaute aus einer Bergritze, wie aus einem Fenster, und als er sich davon überzeugt hatte, daß die häßlichen schwarzen Thiere in Folge der Wiener und Berliner Ereignisse wirklich etwas eingeschüchtert seien, da meldete er dies seinem Herrn und der alte Barbarossa nahm die Einladung der Deputirten an und stieg herauf in der alten Pracht und Herrlichkeit zum großen Verdruß aller Fürsten und aller Poeten, namentlich der letztern, die nun nicht mehr vom Kyffhäuser singen können und von dem langen Barte, dem Zwerg und den Raben. Vielleicht haben sie später wieder dazu Gelegenheit. —“
„Sagen Sie mir doch, was verstehen Sie unter den Wiener und Berliner Ereignissen? —“
„Revolutionen, theuere Freundin! —“
„Drücken Sie sich gütigst deutlicher aus — ich bin zu lange — abwesend gewesen, als daß ich gleich wüßte, was sie mit — Revolutionen meinen. —“
„Volksbelustigungen, verehrte Frau! Man rottet sich zusam- [0456] men, man stürmt einige Waffenläden, man baut Barrikaden, man schießt die königlichen Truppen nieder, man zieht vor das Schloß und ehe man noch seine Forderungen gestellt hat, da ist auch schon Alles bewilligt und friedlich geht man wieder nach Hause. Nichts ist amüsanter! —“
„Seltsam!“ — bemerkte Frau Maria und sah mich mit ihren dunkelblauen Augen so feierlich an, wie ein stiller Abendhimmel. „Gehören Sie auch zu den Leuten, welche Revolutionen machen?“ Die Medicäerin faßte meinen Arm mit beiden Händen; es wurde mir unheimlich zu Muthe. —
„Theuere Maria, ich liebe alle schönen Frauen und ich liebe Sie vor allen Andern. —“
Da hatten wir die größere Hälfte des Domes durchschritten und näherten uns den Festern Ludwigs des Baiern.
Unbemerkt von der übrigen Gesellschaft, konnte ich bisher mit meiner göttlichen Begleiterin reden, da wollte der Zufall, daß uns der heilige Christoph bemerkte und von seinem Postamente herabsteigend, unsern Schritten folgte. Nichts ist mir unangenehmer, als eine so enorme Leibeslänge, wie sie der heilige Christoph besitzt. Ich glaubte, der Republikaner Karl Heinzen rückte mir auf den Pelz und ich bekam einen Todesschrecken. Maria bemerkte meine Verlegenheit und lächelte. „Trösten Sie sich, der heilige Christoph wird Ihnen nichts zu Leide thun; er ist ein ehrlicher, guter Mann, der stets auf's zärtlichste um mich besorgt ist; thun Sie, als ob Sie ihn gar nicht sähen!» — Ich gehorchte, aber der heilige Mann, mit seinem großen Stock, ärgerte mich; ich kann diese ungeschlachten, charakterfesten Menschen nicht leiden.
„Die schönen Fenster schenkten uns Herr Ludwig,“ fuhr ich zu Marie fort, „volksfreundliche Demokraten haben behauptet, es sei eine wahre Schande, daß er seine Bauern nur mit Steuern pfefferte, um alles Geld wieder für die Kunst wegzuwerfen. Ich muß Ihnen gestehen, ich bin durchaus anderer Meinung; es ist mir lieber, daß die geduldigen baierischen Bauern etwas weniger Speck gegessen und Bier getrunken haben und daß wir die Fenster besitzen, als wenn es umgekehrt wäre.“ Maria war ganz im Anblick der schönen Fenster versunken. „Sehen Sie, theuere Freundin, links in der Ecke bemerken Sie die heilige Cäcilia, Katharina und Klara; die Steinigung des h. Stephanus und Bruno den Karthäuser, der nicht mit Bruno Bauer, dem Philosophen, zu verwechseln ist. Der letztere hätte freilich auch ein Heiliger werden können; seit er sich aber auf die Politik geworfen hat, da ist es aus mit ihm; er hat keine Chance mehr. Im zweiten Fenster sehen Sie den heiligen Geist, die Kirchenväter und das baierische Wappen und darunter Ludovicus I. Bavariae rex Donator 1848. Das dritte schmücken die vier Evangelisten; aus dem Rahmen des vierten schauen Abraham, Noah, David, Salomo u. s. w., lauter berühmte Männer; das fünfte Fenster zeigt uns eine Menge Heiliger beiderlei Geschlechts, deren Namen mir leider entfallen sind. Zur Buße für dies sündige Vergessen werde ich sie nächstens noch einmal auswendig lernen. — O, ich bin entsetzlich zurückgegangen; in früheren Jahren war ich nicht nur mit allen Heiligen der Stadt Köln bekannt, nein, ich verstand mich auch auf alle unsere Historien, Sagen und Legenden so gut wie der Dr. Ernst Weyden, ja, ich wußte noch viel komischeres Zeug als er. Uebrigens sagen Sie mir aufrichtig, wie gefallen Ihnen diese Glasmalereien?“
Maria schaute nach den alten Fenstern der gegenüber liegenden Seite und schüttelte mit dem Kopfe: „Man sieht, daß Jahrhunderte zwischen diesen und jenen liegen.“
„Sie haben recht, theuere Freundin, es will den Malern jetziger Zeit nicht mehr gelingen jene frommen, verrenkten Schenkel verrauschter Jahrhunderte hervorzubringen. Leute, die Cigarren rauchen und die in's Theater gehen um Charlotte von Hagen zu hören, oder die Beine Fanny's zu bewundern, sie sind für die heilige Malerei verdorben. Vergebens werden sich die armen Düsseldorfer und Münchner anstrengen, einen erträglichen heiligen Geist, einen schönen Engel oder dergleichen Ueberirdisches zu Tage zu fördern — sie sind kalte nüchterne Menschen, sie werden die naiven Fehler der Alten nie erreichen. Die Geister der Weisen sitzen in den Wolken und lachen über sie. Lachen wir über beide!“
Während ich sprach, hatte ich mich fester an die schöne Medicäerin geschmiegt, und ich weiß nicht was ich gewagt hätte, wenn nicht der heilige Christoph mit einer wahrhaft beunruhigenden Gewissenhaftigkeit hinter uns her gestolpert wäre. „Drücken Sie sich,“ raunte ich ihm daher von der Seite zu, „Sie verstehen ja doch nichts von der Kunst; Sie sind gar nicht an ihrem Orte; entfernen Sie sich, frommer Freund!“ Der heilige Christoph maß mich von oben bis unten. Seine großen dummen Augen blinkten gläsern wie zwei Fenster. Maria schaute ihn an und nickte herablassend; es war kein Zweifel mehr, Christoph war eifersüchtig! „Soll ich ihn fordern auf krumme Säbel, auf Pistolen?“ Ich zitterte vor Wuth; da wandte sich meine Freundin und zog mich hinauf den hallenden Säulengang und es rauschte ihr Kleid wie ein Mährchen der Scheherezade.
„Sie haben mir noch gar nicht gesagt wer Sie sind?“ fuhr Maria fort und blickte mich fragend an. Es war mir unangenehm so ohne Weiteres ausgeforscht zu werden. Der heilige Christoph spitzte die Ohren und kam wieder ganz in unsere Nähe. „Ich treibe ein heiliges Handwerk, theuere Freundin, ich bin ein Spötter!“ Der große Christoph stutzte; Maria sah mich verwundert an. Die herrliche Frau wurde immer schöner. Das Mondlicht fiel durch die Fenster König Ludwigs und streute Diamanten und Saphire auf sie herab — und immer stürmischer kochte mir es in den Adern. „Ja, ich bin ein spottender Schriftgelehrter, heiliger Christoph,“ fuhr ich dann zu dem Ungeschlachten fort, „und nehme er sich in Acht, guter Freund, sonst werde ich ihn zausen und lächerlich machen, daß er d'ran denken soll bis an den jüngsten Tag. Was langweilt er uns durch seine überflüssige Gegenwart? Schere er sich zurück auf sein Postament, sonst werde ich es aufnehmen mit meiner profanen Feder gegen seinen
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gegen Schmidt, — in der That, die Herren von der Rechten sind seine Kritiker!
Hr. Lychnowski schließt die Sitzung. Diesen Freund indeß behalten wir uns für den nächsten Artikel vor; einen Redner vom Kaliber des Hrn. Lychnowski bricht man nicht übers Knie!
(Fortsetzung folgt.)
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[ !!! ] Frankfurt, 28. August.
67. Sitzung der National-Versammlung. Präsident von Gagern. Beginn 1/2 10 Uhr. Tagesordnung: Fortsetzung der Berathung über den Artikel III. der Grundrechte des deutschen Volkes.
Rieser (im Namen des Prioritätsausschusses) erstattet Bericht über ein Gesetz für Unverletzlichkeit der Abgeordneten. Der Ausschuß beantragt: Ein Abgeordneter darf vom Augenblick seiner Wahl an bis 8 Tage nach seinem Austritt aus der Versammlung, außer bei Ergreifung auf frischer That, nicht verhaftet werden. Kein Abgeordneter darf wegen irgend einer in seiner Funktion als Abgeordneter gethanen Aeußerung gerichtlich verfolgt werden.
Zachariä (für den völkerrechtlichen Ausschuß) bringt zwei Berichte:
1. betreffs der aus der Wahl zur National-Versammlung ausgeschlossenen Besatzung von Luxemburg.
2. betreffs einer neuen Petition wegen der im Juni-Aufstand zu Paris betheiligten und von der französischen Regierung eingesperrten Deutschen.
Diese beiden Berichte werden sogleich vorgenommen.
Nro. 1. Die Eingabe der Luxemburger Offiziere wird dem Verfassungs-Ausschuß als Material zum Entwurf des zukünftigen Wahlgesetzes über geben.
Nro. 2 wird durch die Erklärung des Minister Heckscher, betreffs der in Paris beim letzten Aufstand betheiligten Deutschen als mit erledigt erachtet.
Kerst (im Namen des Marine-Ausschusses): Der Marine-Ausschuß hat beschlossen, die sämmtlichen an die National-Versammlung eingegangenen Beiträge zur deutschen Flotte dem Finanzministerium zu übergeben. 68,000 Gulden stehen bis jetzt zur Verfügung. Der Ausschuß bemerkt, daß vorzugsweise die weniger bemittelten Klassen und Frauen und Jungfrauen beigesteuert haben.
Tagesordnung: §. 13 der Grundrechte.
Kauzer, Pfarrer aus Würtemberg, begrüßt aus vielen Gründen den §. 13 mit Freude. Den durch denselben abgeschafften Staatsreligionen weint er keine Thräne nach. Der Geist der Demokratie, der über die Erde geht, klopft auch an die Thüre der Kirche. Er hofft, die Kirche wird die Prüfung der Freiheit bestehen. (Bravo).
Beckeraty (Finanzminister) empfiehlt den Paragraphen so zu lassen, wie der Ausschuß ihn giebt.
Moritz Mohl: (Schluß!) Es giebt kein größeres Unglück als das der Israeliten, die kein Vaterland haben und auf der ganzen Erde verstreut sind. (Im Centrum Einer sehr laut: Nein!) Wir wollen deshalb human sein gegen die Juden aber doch gehen uns die Rechte des deutschen Volkes jederzeit vor. Die armen Landleute wurden bisher von den Juden ausgesaugt. Wenn ein Jude einmal einen Fuß in die Hütte des Bauern gesetzt hat, so ist der Bauer verloren. Diese Frage wird mich zwar unpopulair machen, aber dennoch will ich weiter sprechen. Man wird mir die lange Unterdrückung der Juden entschuldigend vorhalten, aber die Israeliten werden immer wie ein Tropfen Oel auf dem Wasser der deutschen Bevölkerung schwimmen. (Verhöhnung, Zischen).
Dr. D. Riesser aus Hamburg (Jude) spricht im Namen einer seit Jahrtausenden unterdrückten Volks- (?) Klasse gegen die ungerechten Angriffe des Herrn Mohl. Die Nationalitäten können allerdings nur dann sich recht vermischen, wenn sie volle Freiheit der gemischten Ehen, also auch zwischen Juden und Christen aussprechen. Der Vorwurf des Schachers ist lächerlich So lange Sie den Schacher selbst nicht aufheben, müssen die Juden eben so gut schachern können, wie die Christen, wie es auch geschieht. Ich bin stolz darauf, in dieser Sache Partei zu sein. (Bravo).
Osterrath will für dasselbe Prinzip wie der vorige Redner, für die Duldsamkeit, sprechen. Das, was Mohl über die Juden gesagt, sei nicht wahr. Der Polizeistaat hätte sich mit den Juden, Quäkern und Menoniten vertragen. Der „freie Staat“ (des bürgerlichen Schacherthums) würde es wohl noch viel eher können.
v. Linde aus Mainz (heftig: Schluß, Schluß!)
Gagern: Will die Versammlung die Debatte über § 13 schließen? Nein.
v. Linde spricht sehr lange und sehr langweilig.
Rheinwaldt (läuft schnell auf die Tribüne). M. H., ich habe den Antrag gestellt, Ligourianer, Redemptoristen und Jesuiten aus dem deutschen Reiche zu verbannen. (Gagern bemerkt, daß dieser Antrag zu §. 24 gehört.) Der Redner scheint anderer Ansicht zu sein; spricht lang und breit über die Jesuiten. Wenn in Deutschland ein politischer Verein bestände, die neue Freiheit zu vernichten, Sie würden ihn gewiß verbieten. (Edles Vertrauen in diese klassische Versammlung.) Ein solcher Verein ist, wenn auch unter religiöser Form, der Jesuitenverein. Spricht sehr lange nach irgend einem Buche von der Organisation des Ordens.
Reichensperger, der Trierer Jesuitenfreund, fordert von Hrn. Rheinwaldt Beweise für das, was er von den Jesuiten gesagt hat.
Die Versammlung beschließt, daß diese Dinge zu §. 24 gehören. Hierauf schließt man die Diskussion über §. 13, und es spricht wie gewöhnlich noch eine Zeit lang Hr. Beseler.
Die Amendements werden zur Unterstützung verlesen. Grävell's sämmtliche Amendements werden mit Gelächter begrüßt und finden keine Unterstützung. Moritz Mohl's Amendement wegen der Juden fällt unter Bravo ganz durch. — Abstimmung. 1) über §. 11.
Der Antrag des Ausschusses: „Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit.“ einstimmig angenommen.
Ein Zusatz von Plathner: „Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Ueberzeugung zu offenbaren oder sich irgend einer religiösen Genossenschaft anzuschließen.“ angenommen. (Links und Centrum: Bravo! Rechts: Zischen.)
Ein zweiter Zusatz von Plathner: „Niemand darf seiner religiösen Ueberzeugung wegen benachtheiligt oder zur Verantwortung gezogen werden.“ giebt ein zweifelhaftes Resultat. Man zählt die Stimmen.
Gagern: Der Antrag ist mit 217 gegen 199 Stimmen angenommen. (Links: Bravo!)
Gagern (nach einer kleinen Pause): Es war ein Irrthum. Der Antrag ist mit 217 gegen 199 Stimmen verworfen. (Großes Gelächter. Rechts: Bravo! Links: Namentlich abstimmen!)
Abstimmung über §. 12. Wird nach dem Verfassungsausschuß angenommen.
Gagern: Hiermit sind alle Anträge zu diesem Paragraphen beseitigt.
Vogt (vom Platze): Nein! Der zweite Satz meines Amendements nicht. (Dieser heißt nämlich: „Zum Zwecke dieser Religionsübung darf jede von den Gesetzen nicht verbotene Handlung vorgenommen werden.“)
Gagern: Ich glaube bei meinem Beschluß beharren zu müssen. (Rechts: Ja! Links heftig: Nein!)
Eisenmann erklärt sich für Vogt's Ansicht. (Vogt macht ihm vom Platze aus höhnische Komplimente.)
Gagern: Es bleibt dabei (basta!). — Man geht zur Abstimmung von §. 13. Mit Verwerfung der Backhausischen u. m. A. Anträge und mit Verwerfung eines Antrages von Martens wird auch §. 13 in der Fassung des Ausschusses angenommen.
§. 11 lautet demnach: „Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Ueberzeugung zu offenbaren oder sich irgend einer religiösen Genossenschaft anzuschließen.“ §§. 12 und 13 bleiben nach dem Vorschlage des Verfassungsausschusses unverändert.
Einige Abgeordnete von Tyrol erklären nach der Abstimmung zu Protokoll, daß sie zwar für diese Paragraphen gestimmt haben, aber die Hoffnung aussprächen, bei Anwendung dieser Maßregeln werde man in Tyrol mit Rücksicht auf die eigenthümlichen Verhältnisse dieses Landes (nach Prof. Gasser: mit Schonung) verfahren. Diese Erklärung verursacht Erstaunen, Widerspruch und Mißbilligung. Man verlangt die Namen zu hören.
Gagern fragt die Versammlung, ob sie die auf der heutigen Tagesordnung stehende Wahl eines Finanzausschusses heute noch vornehmen wolle? Man ist zu sehr angestrengt und beschließt dies für morgen.
Schluß der Sitzung 2 1/2 Uhr. Morgen: Fortsetzung der Berathung über die Grundrechte.
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[ 103 ] Berlin, 28. August.
Sitzung der Vereinbarer-Versammlung. — Tagesordnung: Berathung des Gesetzes über die Errichtung der Bügerwehr. — Nachdem mehrere Geschäftsangelegenheiten beseitigt sind, wird zuerst, das in den letzten Sitzungen berathene und amendirte Gesetz zum Schutze der persönlichen Freiheit Habeas-Corpus-Akte — einstimmig angenommen. —
Hierauf folgen die dringenden Anträge und Interpellationen.
Abg. Berends. Interpellation an den Minister des Innern wegen der in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag stattgehabten ungesetzlichen Haussuchungen und Beschlagnahme von Munition in den Lokalen des Handwerkervereins, welche Gründe dazu vorlagen und ob man nicht den ausführenden Polizeibeamten deshalb in Anklagestand versetzen werde? — Wird mit starker Majorität als dringend anerkannt. —
Der Minister des Innern antwortet: von dieser Angelegenheit außer dem was er aus allgemeinen Gesprächen gehört habe, nichts erfahren zu haben. Er wird bis zur Freitagssitzung die amtlichen Berichte darüber einfordern und die nöthige Auskunft ertheilen. —
Abg. Fretzdorff. (Kaufmann aus Stettin, Freihändler.) dringende Inpellation: „ob es gegründet, daß mit den Zollvereinsstaaten ohne Vorbehalt der Zustimmung der Versammlung eine sofortige Erhöhung der bestehenden Eingangs-Abgaben auf seidene, halbseidene und wollene Waaren vereinbart worden ist, und wodurch diese, dem Geiste der Zeit und dem wahren Interesse des Landes durchaus widerstrebende Maaßnahme ihre Rechtfertigung finden soll.“ — (Die Majorität erkennt diese Interpellation als dringend an.)
Der Handelsminister Milde. Was die Frage anbetrifft, so beantworte ich sie allerdings mit: ja, der größte Theil der Staaten des Zollvereins haben zu der beabsichtigten Steuererhöhung bereits ihre Zustimmung ertheilt. Es handelt sich nicht darum den Steuer-Tarif zu erhöhen, sondern da eine fremde Macht die Ausfuhr-Prämie für verschiedene Fabrikate erhöhet hat, um den Zollverein mit ihren Fabrikaten zu überschwemmen, so ist eine Gegenmaßregel unsererseits durchaus nothwendig und dies kann nur vermittelst einer Steuererhöhung geschehen. (Schöne „Vereinbarung“ zweier Staaten zur wechselseitigen Steuererhöhung.
Abg. Fretzdorff erwidert, daß auch er dem Jammer im ganzen Lande vorbeugen wolle, aber woher kommt dieser Jammer? durch ein falsches und schlechtes Steuersystem. Man richte ein, mit den neuesten nationalökonomischen Grundsätzen übereinstimmendes Steuersystem ein, dann wird der Noth besser vorgebeugt als durch Schutzzölle.
Minister Hansemann verspricht, daß die angeordnete Maßregel wieder aufgehoben werden solle, wenn Frankreich seine Ausfuhr-Prämien wieder wie früher ermäßigt. Die Regierung kann aber augenblicklich nicht anders handeln. Belgien und andere Staaten haben in gleichen Fallen ebenso gehandelt —
Der Abg. Euler verliest den Bericht der Central-Abtheilung über die Gesetzes-Vorlage betreffend die Errichtung der Bürgerwehr und fügt demselben noch ungefähr folgendes hinzu:
Nach dem vorgelegten Entwurfe scheine der Zweck der Bürgerwehr ein vorherrschend polizeilicher zu sein, eine Verschmelzung derselben mit der Landwehr sei nicht angebahnt von einer Stellung zur Linie aber gar keine Rede. — Die neue Zeit gestatte den früheren Gegensatz zwischen Volk und Militär nicht mehr, sondern verlange, daß beide in einander aufgehen. — Eine allgemeine Volksbewaffnung nach gleichen Grundsätzen biete dazu die vermittelnde Hand. Sie zerfalle in Linie (stehendes Heer) und Bürgerwehr, welche die Landwehr als Unterabtheilung in sich schließe. — Die Bürgerwehr müsse den Anfangs- und Endpunkt der ganzen Wehr-Verfassung bilden. u. s. w.
Minister des Innern: giebt eine langweilige Geschichte der „Volkbewaffnung“ nach der Marzrevolution. Versichert daß die Regierung mit Befriedigung wahrgennommen, daß ihre Grundsätze in den Abtheilungen Billigung gefunden, und erklärt sich mit den am Entwurf vorgenommenen Aenderungen einverstanden. —
Abg Dr. Jakoby: Ich erkläre mich gegen den Gesetz-Entwurf. Derselbe ist offenbar dazu bestimmt diejenigen Forderungen zu erfüllen, die in den Tagen der Märzrevolution von allen deutschen Stämmen gestellt wurden. Damals lautete der allgemeine Ruf: Verminderung der stehenden Heere und allgemeine Volksbewaffnung. Stehende Heere sind als Hauptstütze des Absolutismus erkannt. Die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung wollte man nicht länger der Polizei und dem Militär sondern der selbstständigen Bürgerwehr überlassen. Der Unterschied zwischen Bewaffneten und Unbewaffneten sollte gänzlich aufhören. Prüfen wir hiernach den Gesetz-Entwurf. Die Bürgerwehr erhält zwar Waffen, bleibt aber ein völlig isorlirtes Institut das nie eine allgemeine Volkswehr werden kann. Das Institut der Landwehr macht nur den Bürger zu einem unbewaffneten Soldaten. — Die politische Ruhe des Staates muß künftig allein der Bürgerwehr überlassen sein. Ordnung muß zwar bestehen, aber eine Ordnung ohne Freiheit, die wir 33 Jahre gehabt, ist gar nichts werth. Das vorgelegte Gesetz, weit entfernt die Königlichen Verheissungen zu erfüllen, kann ich nur als Nothgesetz ansehen. —
Nachdem noch mehrere Redner für und gegen das Gesetz im Allgemeinen gesprochen gehet man zur Berathung der einzelnen Paragraphen über.
Es ereignete sich hierbei ein interessanter Zwischenvorfall. Der Minister des Innern hatte bisher den Gebrauch geltend gemacht jedesmal nach dem Schluß der Debatte nochmals das Wort für die Regierungsgrundsätze zu ergreifen, um die Zweifelhaften zu kaptiviren. Als heute der Minister dieses Kunststückchen bei Berathung des § 1. wieder angebracht hatte, trat endlich der ministerielle Abg. Zacharia dagegen auf, was die Linke nie gewagt. Es stehe ja in diesem Fall keinem Andern mehr das Recht zu den Minister zu widerlegen; will er noch sprechen so muß er es vor dem Schluß der Debatte thun, damit man ihm etwas erwidern könne. —
Der Präsident Grabow erklärt, daß dieser Uebelstand nicht ihm zur Last fallen könne, indem die Geschäftsordnung hierüber undeutlich sei, indem sie die Bestimmung enthalte: „Die Minister können zu jeder Zeit das Wort verlangen.“ (Ruf: während der Debatte, aber nicht nach dem Schluß!) Er stelle nun anheim der Kommission zur Verbesserung der Geschäftsordnung diesen Gegenstand zu überweisen.
Obgleich zu den einzelnen Paragraphen verschiedene Amendements gestellt wurden, so werden doch die §§. 1-6, die allgemeinen Bestimmungen enthaltend, unverändert angenommen. Sie lauten:
§. 1. Die Bürgerwehr hat die Bestimmung, die verfassungsmänige Freiheit und die gesetzliche Ordnung zu schützen und bei Vertheidigung des Vaterlandes gegen äußere Feinde mitzuwirken. — In ihren dienstlichen Versammlungen darf sie über öffentliche Angelegenheiten nicht berathen.
§. 2. Die Bürgerwehr soll in allen Gemeinden des Königreiches bestehen.
§. 3. Durch königliche Verordnung kann aus wichtigen, in der Auflösungs-Ordre anzugebenden Gründen die Bürgerwehr einzelner Gemeinden oder Kreise ihres Dienstes enthoben oder aufgelös't werden. — Die Dienstenthebung darf nicht länger als 6 Monate dauern. Im Falle einer Auflösung muß die Verordnung wegen der neuen Organisation der Bürgerwehr binnen 3 Monate erfolgen.
§. 4. Wenn die Bürgerwehr einer Gemeinde oder eines Kreises den Requisitionen der Behörden Folge zu leisten sich weigert oder sich in die Verrichtungen der Gemeinden, der Verwaltungs- oder gerichtlichen Behörden einmischt, so kann der Verwaltungs-Chef des Regierungsbezirkes unter Angabe der Gründe sie vorläufig ihres Dienstes entheben. — Diese Dienstenthebung hört nach Ablauf von 4 Wochen von selbst auf, wenn nicht innerhalb dieser Zeit die Bestätigung derselben oder die Auflösung der Bürgerwehr nach §. 3. erfolgt.
§. 5. Die Bürgerwehr gehört zum Ressort des Ministers des Innern.
§. 6. Die Mitglieder der Bürgerwehr dürfen sich ohne Befehl ihrer Anführer weder zu dienstlichen Zwecken versammeln noch unter die Waffen treten, — Die Anführer dürfen diesen Befehl nicht ohne Requisition der zuständigen Civilbehörden ertheilen, ausgenommen, soweit es sich um die Vollziehung des Dienstreglements handelt. (§. 65.)
§. 7. Jedes Mitglied der Bürgerwehr leistet vor dem Gemeinde-Vorsteher, in Gegenwart des Befehlshabers der Bürgerwehr, folgende feierliche Versicherung:
„Ich gelobe Treue dem Könige und Gehorsam der Verfassung und den Gesetzen des Königreiches.“
Nur der letzte Paragraph ruft eine äußerst lebhafte Debatte hervor.
Folgende Amendements werden gestellt:
Die Worte: „Treue dem Könige“ zu streichen, vom Abg. Reichenbach. Statt: „Königreiches“ zu sagen: „Staates“, vom Abg. Temme.
„Jedes Mitglied wird vom Gemeindevorsteher in Gegenwart des Befehlshabers durch Handschlag auf die Verfassung verpflichtet,“ vom Abg. Weichsel.
Abg. Reichenbach: Mein Amendement verlangt die Auslassung der Worte: „Treue dem Könige“. Als wir bei'm Beginne unserer Sitzungen die Volkssouverainetät proklamiren wollten, wurde dieses Prinzip nicht anerkannt, sondern das Volk habe mit dem Könige eine Verfassung zu vereinbaren. Beide Theile sind daher gleichberechtigt, und beide müssen der vereinbarten Verfassung Treue geloben, nicht aber, daß die eine kontrahirende Partei der andern noch eine besondere Treue gelobte. Wie wäre dieser Eid zu erfüllen, wenn der König die Verfassung verletzt.
Abg. Jung spricht für den gänzlichen Wegfall des Eides sowohl bei der Bürgerwehr als bei allen Staatsämtern. Es sind Männer in dieser Versammlung, welche einen Eid geschworen, der mit ihrem Berufe, eine Verfassung mit dem Könige zu vereinbaren, nicht in Einklang zu bringen sei.
Abg. D'Ester: Der Diensteid ist eine Lüge. — Man hat von dieser Stelle von der Treue und Wahrhaftigkeit des deutschen Wortes gesprochen, es hat auch deutsche Worte gegeben, die keine Wahrheit waren. — Die Gemeindeverfassung, welche vor zwei Jahren dem Rheinlande gegeben wurde, schreibt keinen Diensteid vor.
Nachdem noch viele Redner für und gegen den §. 7 gesprochen haben, wird derselbe unverändert mit kleiner Majorität angenommen.
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[ 61 ] Wien, 25. August.
Immer mehr Thatsachen werden über das meuchelmörderische Verfahren der National- und Munizipalgarde bekannt, welche die Bestialität des gebildeten Besitzes bekunden; aber auch Rachethaten des Volks treten ihnen zur Seite. Hören Sie einige davon.
Am 23. um halb 9 Uhr hatten sich vor dem Stierböck'schen Kaffeehause auf der Donauseite mehre Menschen versammelt, welche ihre Meinung über die vorgefallenen Unruhen austauschten. Einer der Sprecher behauptete: „Den Arbeitern geschehe Recht, man solle diese Hunde alle erschießen und aufhängen.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so erscholl der Ruf: „Nieder mit ihm!“ Der Betroffene zog sich bis zur Mauer zurück, wo er von der Menge umringt wurde. Plötzlich stieß er einen fürchterlichen Schrei aus und fiel durch einen Messerstich in's Genick zu Boden. Der Thäter ist noch nicht ermittelt. In der Herrngasse (Vorstadt Leopold) fielen auf die erste Decharge gegen 15 Personen, Weiber und Kinder. Die Arbeiter fielen in die Knie und baten mit aufgehobenen Händen um ihr Leben. Es nützte nichts. Man stürzte über sie her und hieb sie zusammen. — Im Gemeindehause in der Leopoldstadt äußerte ein Garde sein Bedauern darüber, blos zwei niedergeschossen zu haben. — Die neusten Hieb- und Schießwunden der Todten, deren es den meisten Berichten zufolge 51 gibt, und Verwundeten (an 200) zeigen sich am Rücken; Beweis der Tapferkeit dieser deutschen Spießbürger-Niederträchtigkeit! Gestern kamen Männer, Weiber und Kinder in's Hospital der barmherzigen Brüder und suchten ihre Angehörigen; Mütter suchten ihre Kinder, Weiber ihre Männer; es war ein Bild des schrecklichsten Jammers,
Die Schlächterei hatte damit ihren Anfang genommen, daß die Arbeiter im Prater mit der Munizipalgarde in Konflikt geriethen, weil erstere eine ausgestopfte Figur, den Minister Schwarzer vorstellend, hängen und beerdigen wollten. Munizipal- und Nationalgarde stürzten auf sie ein und mordeten, was ihnen vorkam
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[Feuilleton]
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frommen Knittel!“ Vergebens suchte mich Maria zu besänftigen. Während ich sie mit dem einen Arm immer toller umschlang, streckte ich den andern drohend nach meinem Gegner aus. Ohne ein Wort zu reden stierte er mich an und wedelte mit dem riesigen Stocke. Wie Feuer brannte es mir in allen Gliedern. „Soll ich Dir den Hals brechen, Du Grobian? Ja, fliehe meine heilige Rache!“ Doch der heilige Christoph kam immer näher; er reckte seine Knochen wie ein müdes Kameel, und ich sah deutlich, daß er mit dem Gedanken umging, wegen meiner medicäischen Liebe auf höchst frevelhafte Weise zu interveniren. „Hüte Dich, Schlingel, mit dem Preßbengel schlag ich Dich todt; ich trotze Dir und Deinem heiligen Plunder!“ und forschend sah ich hinauf nach dem weißen Antlitz meiner schönen Genossin: wie eine fremde Wunderblume nickte sie auf mich herab, und ich wußte mich nicht länger zu bändigen, und ich hob mich empor an der schlanken Gestalt, und schon wollte ich zum Kuß ihre Lippen berühren, da bebte der Dom bis in seine Grundfeste und sie entschwand meinen Armen wie ein Schatten, wie der Duft einer Blüthe, wie ein Gedanke, und vor mir stand mit entsetzlicher Keule, und faßte nach meiner Gurgel der grobe Heilige, der barbarische Christoph.
„O, daß ich Dich habe!“ jauchzte er frohlockend und brüllte vor Freude, daß der ganze Dom wiederklang wie von tausend Orgeln. „O, daß ich Dich habe! Dich infamen Kerl, Dich verfluchten Feuilletonisten! Ja, Du bist's, der als Spötter zu Tische saß bei der Feier des Gürzenich, der mit stillem Hohn unsern Festzug durch die Straßen begleitete und der als Lästerer betrat unsern herrlichen Dom. Wehe Dir! Nicht einem Prometheus gleich, sollst Du hängen dort oben an dem Kranen des Thurmes, nein, wie ein Wurm sollst Du sterben hier unten durch den Schlag meines Knittels!“
Der erzürnte Heilige sprach es mit Löwenstimme und es war mir gelb und grün vor den Augen. Rings um mich herum wurde Alles lebendig. Hunderte von Gesichtern grinseten mich an. An mir vorüber huschten alle Gestalten des Domfestes. Drohend reckte sich das Haupt Barbarossa's empor und der Kopf des Jupiters der Frankfurter Versammlung. Ihm folgte Sancho, der einfache Mann, und Hiob, der herrliche Dulder; dann unser Müller, der herabgekommene Apollo, und Spottlieder singend die Kölnischen Stadtsänger. Der Dombaumeister dann, der päbstliche Nuntius, Herr Sulpiz, und der Dr. v. Groote.
Immer dichter drängten sie sich heran; ich erkannte den Dr. B. mit der Schellenkappe und den alten Klütsch, verkleidet als Bär. König Ludwig stürzte herein durch seine eignen Fenster; war es ein Engel oder war es die Lola, die ihm geflügelt folgte? Auch den Oestreicher sah ich wieder und den Preußen und den dicken Westphalen, die Theiler der Torte. Kaiser Max mit den Weibern von Nürnberg flog im Galopp vorbei und Steinmetzen folgten ihm und Dombaufreunde und die halbe Bürgerwehr und Sänger und Waisenkinder und Alles drehte sich wirbelnd im Kreise um mich herum und: Rache! Rache! schrieen sie, und hohnlachend erhob der heilige Christoph seine Keule um loszuschlagen, da tönte es: Ein Uhr von der Höhe des Doms und in Rauch und Nebel zerrann der Dom und der heilige Christoph und mein Traum und mit dem Schrei des Entsetzens erwachte ich. Ja, mit dem Ruf des Entsetzens! Seit mir der Elephant der Amsterdamer Menagerie auf die Hühneraugen trat, entfuhr mir kein ähnlicher Schrei.
Zitternd an allen Gliedern schritt ich an's Fenster. Es war Abend geworden. Die alte Stadt lag vor mir im Glanze von tausend und aber tausend Lichtern. Lustig buhlte der Wind mit den schwarz-roth-goldnen Fahnen, und von der Straße herauf klang das Lebewohl der letzten Gäste, die zurückkehrten in ihre Heimath und hinauszogen in alle Welt.
[Deutschland]
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@facs0457
— Als dieselben am Abend mit den erbeuteten Siegeszeichen, zwei deutschen Fahnen, durch die Jägerzeile stolz marschirten und den Parademarsch bliesen, rief ein dort stehender Akademiker: Schmach, dreimal Schmach über diejenigen Garden, die dies dulden, während viele Mütter und Waisen weinen und unschuldiges Blut fließt! Kaum hatte er dies geäußert, so fielen mehre Garden über ihn her und insultirten ihn gröblich. Auch riefen sie: „Wenn wir mit den Arbeitern fertig sind, kommen wir über euch.“ — Ein 70jähriger Greis wurde von einem Nationalgarden ohne Grund niedergeschlagen, daß er sogleich seinen Geist aufgab. Artilleristen und Grenadiere, die sich zufällig beim Augarten befanden, wurden von Nationalgarden aufgefordert, mitzuwirken. Das thaten denn auch die Soldaten und hieben unbarmherzig in die wehrlosen Menschen ein. — Gleich im Anfang wurden die Arbeiter zersprengt, indem die Sicherheitswache mit gezücktem Säbel und die Garde mit gefälltem Bajonnett im Sturmschritt gegen sie anrückten. Viele wurden dabei jämmerlich zusammen gehauen und gestochen; die übrigen ergriffen die Flucht und zerstreuten sich im Prater. Hierauf zog eine Abtheilung Munizipalgarde mit einer von den Arbeitern eroberten rothen Fahne und mehren erbeuteten Schaufeln gegen den Tabor. Als sie im Jubel vor dem Bahnhofe vorbeizogen, wagten einige Arbeiter sie auszuzischen.
Schnell wurde in den Bahnhof und in die Werkstätte gedrungen, um dieselben zu verhaften, und dabei wurden natürlich wieder viele verwundet und gemordet. Da rückte ein großer Schwarm Arbeiter durch die Stadtgutgasse herauf und drang in den Garten dem Bahnhof gegenüber ein. Es wurde auf dieselben gefeuert, worauf die Arbeiter sich gegen das Universum (Lustort) zurückzogen, ohne daß das Feuern auf sie eingestellt worden wäre. Ja die Bürgerkavallerie rückte überdieß noch gegen sie an und trieb sie in die Brigittenau. Gestern Morgen war die Nationalgarde auf den Arbeiterplätzen konsignirt. — Für Morgen befürchtet man bei der Lohnaustheilung neue Unruhen.
Das Preßgericht hat auf den Ausspruch der Geschworenen die Studenten Falke und Buchheim und noch einen Dritten — freigesprochen. Sie waren der Aufreizung wider die Konstitution beschuldigt, weil sie im Studentenkourier dem Volke die Republik als die beste Staatsform angepriesen hatten.
Die heutige Sitzung des Reichstags war mit Ausnahme des Endes sehr unerquicklich; man sprach immer noch über den Antrag Kudlichs. Die Leute kommen mit ihrem Verstande gar nicht aus dem Mittelalter heraus, obwohl sie mit dem Herzen der Kleinzeit angehören mögen und reden darum von der Aufhebung der Feudalrechte wie Pandektenreuter. Ein österreichischer Reichstag müßte die meisten Fragen mit dem Säbel zerhauen; er macht sich ja lächerlich, wenn er vor dem gesammten Europa vier Wochen debattirt, ob es künftig noch Leibeigne geben soll oder nicht, und ob die bisherigen Quäler dafür zu entschädigen sind, daß sie hinführo nicht mehr quälen dürfen. Unter allen oratorischen Wanzen, die ich heute anhören mußte, erschien mir indessen keiner widerlicher, als der neue Unterstaatssekretär Cajetan Mayer (Jude). Nachdem er einen wahren Unsinn von agrarischem Sozialismus in der unverständlich-chaotischsten Weise mit jüdisch-belletristischer Selbstgefälligkeit daherdebitirt hatte, brachte er schließlich nach langem Zögern heraus: daß er für Entschädigung stimmen müsse. Wenn ich mir unsere jetzigen großen Männer und namentlich unsere emporgekommenen jüdischen Banquiers und Literaten ansehe, so muß ich gestehen: Wie nach 1830 in Frankreich, so wachsen unter der konstitutionellen Glückseligkeit jetzt auch bei uns die politischen Schurken wie Schwämme aus dem Boden.
Die Langweile einer solchen Debatte wurde nur durch einige Interpellationen unterbrochen.
Auf die erste Lizitationen betreffende Interpellation wußte Dobblhoff wie gewöhnlich keinen Bescheid. Eine kühnere ward von dem unermüdlichen Interpellanten Löhner darüber vorgebracht, auf wie hoch sich die seit dem März ausgeschriebenen Rekrutirungen belaufen und wieviel davon zu den Truppen nach Italien gekommen, wohin ferner die andern beordert seien; er behauptet mit Belegen, daß in einigen Provinzen statt 6 Mann 19 auf eine bestimmte Menschenzahl ausgehoben worden seien.
Dobblhoff, der für alle andere sprechen muß, erklärt sich bereit, die Papiere, welche die Rekrutirung betreffen, auf den Tisch des Hauses legen zu lassen, meint jedoch, es habe Schwierigkeit zu sagen, wohin die Rekruten gerückt seien. Löhner fragt auch, warum die Thätigkeit der Provinziallandtage noch immer nicht aufhöre? Dobblhoff verkündet wiederholt, sie bildeten nur ein Provisorium zur einstweiligen Aufrechterhaltung der Ruhe und Sicherheit. So redet auch Windischgrätz, wenn er über die Fortdauer des Belagerungszustandes von Prag befragt wird.
Endlich interpellirt Umlauft mit leidenschaftlicher Beredtsamkeit noch einmal über die Vorfälle vom 21. und 23., namentlich aber über die Auflösung des Sicherheitsausschusses, den er als das Bollwerk der Freiheit Wiens darstellt. Er rügt das meuchelmörderische Benehmen der Nationalgarde und macht auf die Intriguen aufmerksam, die gesponnen werden, auch die akademische Legion aufzulösen. Unter ungeheurem Beifall hebt er hervor, daß der Kaiser im März kein Blut habe vergießen lassen, daß aber nur die aus den Eroberungen des März hervorgegangene Bürgerwehr sich wie mörderische Kannibalen benommen habe. Der Präsident ermahnt Gallerie und Journalisten, die applaudiren, sich des Beifalls zu enthalten. Umlauft: An Ruhe sei nach Bürgermord nicht zu denken und er frage das Ministerium, wer den Befehl zum Schießen und Einhauen gegeben und was das Ministerium bis heute gethan habe, an die Stelle des Sicherheitsausschusses eine andere volksthümliche Behörde zu stellen? — Der Gemeindeausschuß, mit dem sich das Ministerium verbrüdert, könne unmöglich als solcher gelten, da er in einer Censuswahl entstanden sei, also unter dem Reichstag, der ohne Census gebildet worden, stehe. Er frage, ob das Ministerium die Aufrechterhaltung der akademischen Legion als seine Existenzfrage betrachte? (Von allen Seiten ungeheurer Beifall.)
Dobblhoff: Die Untersuchung sei noch nicht geführt, er könne daher nur seine persönliche Ueberzeugung aussprechen. Es sei nicht seiner Art, ganze Körperschaften anzuklagen; (Beifall im Centrum und rechts) der Gemeindeausschuß enthalte ehrenwerthe Männer; er habe die Vorfälle nicht provozirt; die Arbeiter hätten zuerst auf die Nationalgarde geschossen, sie seien irre geführt worden. Er werde die Nationalgarde selbst mit seinem Blute vertheidigen; ein Befehl zum Schießen oder Einhauen sei nicht gegeben worden, das habe sich von selber gemacht; er habe an die bestehenden Exekutivbehörden immer alle Mittheilungen gemacht, es treffe ihn keine Schuld. Der Gemeindeausschuß wolle den Wahlmodus sofort berathen und sich dann umgestalten. Was die akademische Legion betreffe, so solle man diese fragen, wie er mit ihr stehe. (Großer, anhaltender Beifall.) Umlauft will eine Entgegnung versuchen, wird vom Präsidenten aber nicht weiter zu Wort gelassen. —
Obwohl nun der Verrath oder die gränzenlose Beschränktheit des Ministeriums durch die ganz unerklärliche Herabsetzung des Arbeitslohns um 5 kr. ganz offen am Tage liegt, spricht die Tagespresse (Constitution und Freimüthiger) doch heute noch von der Redlichkeit und Ehrlichkeit Doblhoffs! Mir wäre eine solche hirnlose Versicherung ein Räthsel, wenn ich mich nicht täglich mehr überzeugte, daß mit der Demokratie hier von den jüdischen und judengenossischen Literaten ein heilloser Schacher getrieben wird. Ihre demokratische Stimmung gegenüber Italien, Ungarn, dem Ministerium, den Arbeitern stimmt immer mit dem Stand der Börse auffallend überein.
So eben höre ich, daß gestern, obschon Ruhe in Wien herrschte, die ganze Gegend um Schönbrunn in Aufruhr gehalten wurde. Ein Kourier nach dem andern rannte mit der Botschaft durch die Ortschaften, es gehe in Wien von Neuem los, die Taborbrücke sei zerstört u. s. w. Man ließ keinen Wagen mehr nach Wien abfahren, und die Nationalgarde aus Nähe und Ferne mußte vereint mit dem Militär um das Schloß von Schönbrunn gelagert bleiben. — Während dessen kricht aus der reaktionären Presse der ganze Polizei-Abschaum Oestreichs hervor und zeichnet sich zumal in dem Blatt „die Geißel“ aus, dessen Ent- und Bestehen doch selbst unter dem Stockpreußenkhum fast eine Unmöglichkeit wäre. — Ja, Oesterreichs Absolutismus ist zäh, das beweisen seine Lanzknechte in Italien, Böhmen, Kroatien, Galizien und wenn dieser Absolutismus von Gottes Gnaden in Europa wirklich untergehen soll, so muß vor Allem Oesterreich als solches zu Grunde gehen, weil er hier am hartnäckigsten sich halten wird. Solange daher die Tagespresse ihren demokratischen Standpunkt nicht außerhalb Oesterreichs nimmt, — und sie ist noch fern davon — solange sie den Wahnsinn begeht, zu glauben, es lasse sich mit dem Schacherkalkul ein neues Oestreich konstruiren und zusammenhalten, so lange weiß sie nicht was sie will.
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@facs0457
[ 110 ] Düsseldorf, 28. August.
So eben erhalte ich die Nachricht, daß Freiligrath verhaftet ist. Er war vor den Instruktionsrichter Hrn. Merrem geladen, „um wegen der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen vernommen zu werden“ (der bequeme Gebrauch, in den Erscheinungs-Befehlen nie den Gegenstand der Anklage anzuführen, greift immer mehr um sich). Man weiß daher noch jetzt nicht, welche Beschuldigungen gegen ihn erhoben sind. Es kann nicht wegen Vertheilung des republikanischen Katechismus oder Betheiligung an der Frankfurter Adresse sein (weßwegen Wulff verhaftet und Andre angeklagt); es ist notorisch, daß er mit beiden Angelegenheiten Nichts zu thun hatte. Es bleibt also nichts übrig, als sein Gedicht: die Todten an die Lebenden, und wahrscheinlich hat man hieraus einen Vorwand genommen, ihn für einige Zeit unschädlich zu machen. Wir haben Exempel genug davon, wie in der letzten Zeit die Untersuchungshaft gerade am Rhein dazu gedient hat, die Rachelust der Contrerevolution zu befriedigen. Während in Berlin, unter dem Landrecht gesegneten Andenkens, die politischen Prozesse rasch entschieden werden, ziehen sich bei uns, unter dem gepriesenen, raschen rheinischen Verfahren, und gerade seitdem das Landrecht von uns Abschied genommen, die Voruntersuchungen unendlich in die Länge. Beispiele wären in Menge zu nennen, aber — Artikel 367 des Code pénal!
Werden wir an Freiligrath's Vorhaft ein neues Beispiel davon erleben?
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@facs0457
[ 14 ] Düsseldorf, 30. Aug.
Nachstehendes Plakat ist heute hier veröffentlicht worden:
Heute Mitwoch den 30. August 1848, Abends 7 Uhr im Lokale der Bockhalle Allgemeine öffentliche Volksversammlung.
Tagesordnung: Berathung über die gesetzlichen Mittel zur Erleichterung des Geschickes unseres verhafteten Mitbürgers Freiligrath.
Um recht zahlreiches Erscheinen und Betheiligung bei dieser Lebensfrage für alle Bürger wird dringend gebeten.
Das Comité des Volksklubs.
Der Vorstand des Vereins für demokratische Monarchie.
Italien.
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@facs0457
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 31. August 1848. In: MEGA2 I/7. S. 634.]
[ 68 ] Genua, 21. August.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
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@facs0457
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 31. August 1848. In: MEGA2 I/7. S. 634.]
[ 68 ] Turin, 24. August.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Französische Republik.
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@facs0457
[ 18 ] Paris, 28. August.
Die Frauen haben, 1892 an der Zahl, wieder eine Adresse an General Cavaignac erlassen, worin ste sagen: «Bürger-General, die Frauen, als Gattinnen, Mütter, Schwestern und Töchter, wissen es ist endlich Pflicht in diesen traurigen Kämpfen dazwischen zu treten. Hunger hat die Insurgenten auf die Barrikaden getrieben. Für Rebellen würden wir kein großes Bedauern hegen, hätte die Gesellschaft sich stets anständig, weise, menschlich gegen sie betragen, ihnen eine richtige Bildung gegeben, kurz sich ihnen lieb und werth gemacht. Aber dem ist nicht so, und deshalb ersuchen wir Frauen Sie, General, die Amnestie nicht fürder aufzuschieben. Gestatten Sie, Bürger, uns hier unsre Gedanken auszusprechen: die Gesellschaft geht scheitern, unaufhaltsam, sobald nicht Unwissenheit und Hunger ausgerottet werden. Die scheußlichen Erschütterungen des Staats können nur durch Moralisirung, Bildung und Arbeitsorganisation künftig abgewandt bleiben. Ein Volk rebellirt bekanntlich nur solange es unglücklich ist. General! das Alterthum ging an der Sklaverei unter; soll unser Weltalter etwa am Proletariat zu Grunde gehen? Geben Sie Amnestie, das Beispiel Frankreichs wird immer von den europäischen Staaten befolgt, denn Gott wollte daß es an deren Spitze wandle um zu siegen oder zu sterben. Mithin verlangen wir: Amnestie und Socialreform Namens Frankreichs, seiner Ehre und seines Heils; Amnestie und Socialreform im Namen des Menschengeschlechts, damit das Wort Brüderlichkeit sich verwirkliche; Amnestie und Socialreform im Namen der Frauen, die es müde sind die Männer stets in den Reihen der Insurrektion und in denen der Ordnung fallen zu sehen.“ Gez. Stephanie de Lougueville, Jeanne Marie Mazoyer, Josephine Deland (Wittwe), J. d'Hericourt, A. Arnaud; sie erklären Cavaignac habe sie artig empfangen doch abschläglich. Der Constitutionel droht ihm gradewegs, wenn er Amnestie gäbe; die Gazette du Midi: „Wehe den hirnlosen Sympathieschwärmern, die nicht das flammende Schwert des Engels über das Haupt der Gesellschaftszerstörer aufhängen. Wir erheischen Justiz, wir halten es für unmöglich daß die Amnestie anders als von Gaunern, Räubern und Wahnwitzigen verlangt werden könne. Wir wollen ein Exempel statuiren für ganz Europa und beweisen daß, obschon eine gesittete, milde, zarte Nation, wir dennoch unerbittlich die Frevler zu treffen verstehen die den Boden der Familie des Besitzes und der Religion unterhöhlen.“ Mit Jubel berichtet der Siecle: „Herr Thiers, dieser tiefe Staatsmann und Gelehrte, hat noch Zeit gefunden, ein herrliches Werk über das Eigenthum auf Gesuch der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften zu schreiben, wir sehen täglich dieser Publication entgegen wodurch die kriminellen, pseudophilosophischen Phrasen der Eigenthumsfeinde definitiv zermalmt werden dürfte. „Girardin's „La Presse“ ergeht sich wohlgefällig über die Reaktionsbestrebungen in Berlin;“ der Pöbelauflauf gegen das Ministerhotel wird ernstes Einschreiten der Gesetze zufolge haben, und über Wien man schlägt sich auf's blutigste, die Nationalgarde wird die Klubs bändigen, Ordnung herstellen und Wessenberg-Colloredo an Dobblhofs Platz bringen. Aehnliche jubeln die übrigen volksfeindlichen Blätter hierselbst. Cavaignac's Polizei hat bereits einen neu erwachten Club den Club de L'Homme armé geschlossen und verfolgt den Präsidenten. Die Erbitterung des Arbeitervolks gegen Cavaignac steigttäglich.
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@facs0457
Paris, den 27. August.
Man liest in der Gazette des Tribunaux: Kraft eines Requisitoriums von Herrn Pinard, Prokurator der Republik, hat der Instruktionsrichter Bertrand einen Verhaftungsbefehl gegen die Herren Caussidière und Louis Blanc ergehen lassen.
In Folge dessen begaben sich unmittelbar darauf 2 Polizei-Kommissäre in die Wohnung des Herrn Caussidière, cité Beaujon, rue Constantine Nro. 26, und des Herrn Louis Blanc, rue Neuve Vivienne 57.
Keiner dieser Herren befand sich zu Hause; sie waren seit Freitag Abends nicht mehr in ihre Wohnung zurückgekehrt.
Der Instruktionsrichter Bertrand schritt darauf in Gegenwart des Prokurators der Republik zu einer Haussuchung. Die bei Herrn Caussidière ergriffenen Papiere wurden auf die Gerichtsstube gebracht; im Arbeitszimmer des Herrn Louis Blanc hat man die Siegel angelegt. Heute Abend um 8 Uhr haben die Verhaftungsbefehle noch nicht vollstreckt werden können.
Als Candidaten zur Wahl in die Kammer werden genannt der Marschall Bugeaud, Emile de Giardin, Achille Fould, Edmond Adam, General-Sekretär auf der Präfektur, Thorè, Redakteur der Vraie Republik und Raspail, Gefangener in Vincennes.
[0458]
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@facs0458
Paris, 28. August.
Cavaignac ist mit der Aufnahme seiner Vermittlung in Oestreich sehr unzufrieden; sein Spectateur Républicain enthält einen drohenden Artikel, und fordert den Krieg mit Oestreich.
Die Nationalversammlung nahm heute das Gesetz über die Handelsgerichte an.
National-Versammlung. Sitzung vom 25. August. (Schluß.)
Ledru-Rollin: Er widerlegt zunächst das Hauptverbrechen, das ihm die konservative Politik zur Last lege, nicht nur aus Frankrich, sondern aus ganz Europa eine rothe Republik zu machen, wozu er im letzteren Falle die Fremdenlegion und den Zug nach Risquons-tout organisirt habe. Mit besonderem Glück greift er die alte Kammer-Opposition an, die, zu schwach die Monarchie zu stürzen, jetzt ihre Hörner an der Republik versuchen wolle. Sein Vortrag verrieth den entschiedensten Sozialismus. Nicht die alten vermoderten Ideen können die Welt retten, sondern nur sozialistische Reformen — ruft er begeistert. Als Uebergangsperiode empfahl er den Wechsel der direkten Besteuerung gegen die indirekte und schloß mit dem Rathe, die Vergangenheit zu vergessen: de passer un éponge sur ce qui s'est passé!
Ihm folgt Louis Blanc auf der Bühne; aber die Versammlung erstickt und schreit nach Erholung. Die Sitzung wird bis 7 1/2 Uhr vertagt.
Paris gleicht einem Kriegslager. Ueberall bivouakiren Truppen, um einer Erhebung gleich die Spitze zu bieten.
Um 7 1/2 Uhr Abends wird die Sitzung wieder aufgenommen. Cavaignac und sämmtliche Minister sind anwesend.
Louis Blanc beginnt nun seine Vertheidigung. In freier klarer Rede setzte er der Versammlung die Bedeutung der sozialistischen Institutionen der Februar-Revolution auseinander, um sie mit seiner Stellung und dem Einfluß bekannt zu machen, den er auf die Arbeiter übte, die bei jenen Institutionen eine so große Rolle spielten. Die bekannte Bärenmützen-Demonstration vom 16. März entspann sich hinter seinem Rücken und als er sie erfahren, war es zu spat, sie zu unterdrücken. Als Beweis für seine Unschuld beruft er sich auf das Zeugniß dreier Beamter jener Epoche, Bourdet, Guinard und Duclerc, in deren Gegenwart er sein Amt niedergelegt habe, weil er von keiner Demonstration hören wollte, welche die provisorische Regierung irgendwie kompromittiren könnte. Die Erzählung der Entstehung des 16. April war nicht minder erbaulich. Der Redner negirt die Anwesenheit Blanqui's auf dem Marsfelde, wo er die Luxemburgdelegirten zu einem Aufruhr gestachelt haben sollte und giebt wiederholt den Wunsch zu erkennen, man solle ihm nicht länger die Vaterschaft der berüchtigten Nationalwerkstätten andichten. Zwischen den Gewerksdelegirten des Luxemburg und den Delegirten der Nationalwerkstätten habe im Gegentheile die ärgste Fehde geherrscht. Der Bericht klage ihn ferner an, am 14. Mai eine Vorversammlung zwischen Repräsentanten und Klubchefs in seiner Wohnung am Boulevard Italien veranstaltet zu haben. Reine Lüge! Mehrere Repräsentanten seien bei ihm zusammengekommen, um sich über die Wahl der Ausschußglieder für die Prüfung des neuen Verfassungsentwurfs zu verständigen. Am 15, fuhr der Redner sarkastisch fort, läßt mich der Bericht, bei guter Stunde dem Bastillenplatz zuschreiten. Erfindung! Mehrere meiner Bekannten hatten mich in der Passage Panorama zum Frühstück geladen und dort erfuhr ich, daß sich die Arbeiter Behufs Ueberreichung einer Petition zu Gunsten Polens sammelten.
Besonders schlagend sprach der Redner in Entkräftung der gegen ihn aufgetretenen Zeugen. Er überführte einen nach dem Andern der grobsten Entstellungen. Namentlich schilderte er das Zeugniß des Obersten Watrin als falsch, der ihn im Stadthaus gesehen haben will und das des Dr. Trelat, der ihn mit Emil Thomas, dem Direkor der Nationalwerkstätten zusammengeworfen hatte. Der Schluß seiner zweistündigen, mit seltener Andacht angehörten Vertheidigung bildete eine feurige Apotheose auf Barbes. Barbes sei ein edler Charakter, er könne sich nicht vertheidigen, er sitze im Gefängniß, darum übernehme er (Louis Blanc) mit Freuden seine Vertheidigung. Barbes sei einer der bravsten Patrioten und Republikaner. Ja wohl, rief Louis Blanc mit Begeisterung, wenn mich irgend etwas am 15. Mai in das Stadthaus zog, so waren es die Sehnsucht, Blutvergießen zu hindern und zwei Freunde, zwei Gegnerfreunde, Albert und Barbes zu retten. Wenn man ein Volk zu einer Revolution treibt, muß man mit ihm aushalten und es nicht im kritischen Augenblick verlassen. Hätte ich es zur Revolution gestoßen, dann hätte mich keine Macht der Erde abgehalten, in das Stadthaus zu eilen.
An die Juni-Ereignisse langend, war Louis Blanc ungemein kurz. Um zu beweisen, wie wenig er am 23. Juni an den Sturz der Nationalversammlung dachte, führte er an, daß er eben mit Ausarbeitung einer speziellen Widerlegung der Montalembert'schen Rede gegen die Eisenbahn-Expropriationen beschäftigt gewesen sei. Uebrigens walzt der Bericht im Ganzen ihm keine direkte Verantwortlichkeit zu.
Blanc's Rede machte großen Eindruck.
Dr. Trelat eilt nach ihm auf die Bühne. Louis Blanc habe erklärt, daß ihm die Nationalwerkstätten nicht zur Last gelegt werden können und daß er deren Direktor, Emil Thomas, nicht einmal persönlich kenne, daß also Alles Lüge sei, was ich von einer Verbindung mit ihm zum Protokoll erklärt hätte. Als ich Staatsbautenminister war und den Befehl erhielt, die Nationalwerkstätten aufzuheben, ließ ich bekanntlich den Direktor E. Thomas zu mir rufen. In Gegenwart meines Kabinets-Chefs und Boulay's sagte ich zu Thomas: Sie werden Ihre Demission sofort geben. — Wie so? — Keine Erklärung. Sie haben Ihr Amt sofort niederzulegen. — Ah, dieser Sprache hätte ich mich auszusetzen sicher nicht nöthig gehabt, wenn ich den Rathschlägen Louis Blanc's gefolgt wäre; 100,000 Mann auf der einen und 100,000 Mann auf der andern Schaale können manchmal das Zünglein der ministeriellen Waage gar sonderbar zum Stehen bringen.
Louis Blanc entgegnete, daß dergleichen Aeußerungen dem E. Thomas offenbar nur durch Drittpersonen hinterbracht worden sein könnten, welche hinzugelogen hätten.
Caussidière bittet zunächst die Versammlung, glauben zu wollen, daß nicht der ehemalige Ministerialsekretär Linguay, sondern er selbst seine Vertheidigung abgefaßt habe. Der „Constitutionnel“ habe also gelogen. Er lies't nun während dreier Stunden eine detaillirte Vertheidigung, worin er die Zündholz- und Bomben-Geschichten u. s. w. als elende Verleumdungen abgesetzter Polizei-Beamten nachweis't. Die Lahodde'sche Angelegenheit, die Waffenlieferungen betreffend, klang nicht weniger dramatisch. Trotzdem schlummerten viele Repräsentanten sanft im Herrn.
Um Mitternacht weckt Justizminister Maric seinen Nachbar, den General Cavaignac, aus tiefem Schlummer. — Marrast lies't das Requisitorium des Staatsanwaltes Corne gegen Caussidière und Louis Blanc vor. (Sensation.)
Lagrange erklärt den Bericht für unvollständig.
Ledru-Rollin desgleichen. Die legitimistischen Versendungen und Agitationen in den Departements seien vergessen worden. Die Ehre der Untersuchungs-Kommission erfordere Vervollständigung.
Bac nennt das Verfahren einen Theaterstreich, der alle Freiheit eskamotire ‥‥
Cavaignac verbittet sich sehr höflich, die Handlungen seiner Regierung mit Theaterstreichen zu vergleichen. Er dringt auf ein promptes Votum.
Flocon warnt vor Eile. Es könnte die Zeit kommen, wo man die Angeklagten von anderen Bänken hole. Er schlägt vor, einfach zur Tagesordnung zu schreiten.
Marie, Justizminister, wehrt sich zwar dagegen, aber die Tagesordnung wird rücksichtlich des Berichtes doch angenommen.
Die Versammlung schreitet dann zur Diskussion des Anklageantrages gegen die beiden Glieder. Bac vertheidigt Louis Blanc und Flocon seinen alten Freund Caussidiere. Vergebens! Die Versammlung überliefert mit 504 gegen 252 Stimmen Louis Blanc wegen des 15. Mai und mit 477 gegen 268 Stimmen Caussidiere wegen des 15. Mai und 24. Juni, den Gerichten. Ein Antrag, Caussidiere vor die Kriegsgerichte zu stellen, fiel mit 458 gegen 281 durch. Die Versammlung ging erst um 6 Uhr Morgens nach einer achtzehnstündigen Sitzung auseinander.
Großbritannien.
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@facs0458
[ * ] London, 28. August.
Unterhaussitzung von heute. Es wird die zweite Lesung der Bill wegen Unterstützung der westindischen Colonien beantragt und kurz vor Postschluß angenommen.
Powell, der Spion der die Chartisten erst aufgehetzt und dann verrathen hat, ist mit seiner Familie nach einem entfernten Theil der Stadt gebracht und ihm eine Polizeiwache beigegeben worden, da mehrere Chartisten ihm Rache geschworen haben. Lord Hardinge hatte gleich nach seiner Rückkehr aus Irland mit Wellington und Russel lange Unterhaltung.
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@facs0458
[ 68 ] Dublin, 24. August.
Einem der bekanntesten Insurgenten, Hrn. Darcy Magee, Mitredakteur der Nation, ist es gelungen, erst nach Schottland und dann nach Amerika zu entkommen. Hr. Devin Reilly wird ebenfalls vermißt, so daß man mit Bestimmtheit annehmen kann, daß er Gelegenheit zur Flucht gefunden hat. Von den gefangenen Smith O'Brien und Meagher hört man, daß sie sich sehr wohl befinden und wohlauf sind.
Belgien.
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@facs0458
[ 322 ] Gent, 29. August.
Sie wissen, wir sind das unschuldigste Volk von der Welt; wahrhaft unschuldig und unfähig, an eine Revolution auch nur zu denken. Haben wir nicht die Freiheit des Pauperismus auf breitester Grundlage? Nun denken Sie sich, welche Wirkung ein Revolutionsmann aus Paris hier in unserm stillen Gent hervorbringen muß. Ich sage Ihnen, ein Luftballon der mitten unter Bauern gefallen wäre, hätte nicht soviel stupides Entsetzen erregt, als die Erscheinung Louis Blanc's mitten in den Straßen von Gent. Der Mann kam von Paris, wie er ging und stand. Was that unsere flämische Polizei? Sie verhaftete ihn ohne Weiteres, und berichtete an's Ministerium. Louis Blanc wurde seiner Haft entlassen auf die ausdrückliche Erklärung hin, daß er Gent verlassen und von Ostende sofort nach England überfahren werde! Louis Blanc, welch gefährlicher Gast für Herrn Hody!
Nachtrag.
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@facs0458
[ !!! ] Frankfurt, 29. August.
National-Versammlung. Fortsetzung der Debatte über Art III §. 14. der Grundreste. Es sprachen Lassaulx, Gfrörer, Wigard und Rösler. Die Dabatte wird vertagt.
[Leserbrief]
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@facs0458
Die „zur Beruhigung“ von Herrn Carl Grün gegebene Erklärung würde keine Erwiderung meiner Seits hervorgerufen haben, da sie an und für sich keine solche erheischt. Ich kann es füglich Jedermann zur Beurtheilung überlassen, welchen Geschmack man der Versicherung Herrn Grüns abgewinnen kann, Briefe „Nie und Niemanden“ ausgeliefert zu haben welche sich thatsächlich in den Händen der Procurator befinden. Daß aber Herr Carl Grün seiner Insinuation durch Hinweisung auf meine ebenfalls in der Procedur verlesenen Briefe an Heinrich Heine Glauben verschaffen und eine Parallele zwischen beiden Fällen ziehen will, kann ich im Interesse der Wahrheit und eines glorreichen Namens nicht dulden. Die Weise, in welcher diese Briefe an Heine in den Besitz der Procurator gerathen ist, weder im Geringsten mysterios noch H. Heinen zur Last zu legen. Als das Zerwürfniß zwischen mir und Heine eingetreten war, von welchem jene Briefe handeln, ließ ich dieselben durch den Dr. Mendelssohn von Heine wiederfordern. Sie verblieben bei den Papieren Mendelssohns und geriethen von da in die Hände der Prokuratur. Herr Grün aber hat meine Briefe „Nie und Niemand ausgeliefert“ Es thut mir leid Herrn Grün in seinen letzten Retranchements verfolgen zu müssen, aber — um nur Eines zu erwähnen — in meinen Akten befindet sich eine, kurze Zeit vor der Assisensitzung eingereichte, Denunciation des Herrn von Stockum, worin dieser den dringenden Antrag nimmt, Herrn Grün als Zeugen zu der Sitzung kommen zu lassen, und einige Punkte der Wissenschaft des Herrn Grün über mich angiebt. Hat Herr Grün auch diese seine Wissenschaft „Nie und Niemanden“ ausgeliefert? Ist ihm dieselbe auch ohne sein Wissen aus seinem Kopfe heraus escamotirt worden, wie — seiner Insinuation gemäß, — jene Briefe aus seinem Pult!
Was nun die „Dreistigkeit“ betrifft, mit welcher ich, wie Herr Grün sagt, von „ihm geleisteten Diensten“ rede, so würde ich mich auf dies sehr unerquickliche Thema gar nicht weiter einlassen, wenn nicht eine Demaskirung des Herrn Grün für manche Kreise des Publikums vortheilhaft und verdienstlich sein könnte. Soll ich also Herrn Grün die Summen artikuliren, die er vom November 1846 bis zum Februar 1847 für seine Thätigkeit in der Presse von mir beanspruchte und erhielt? Die Summen, welche ich ihm im April 1847 bei seiner Ausweisung aus Paris, weil ich ihn durch dieselbe in Noth versetzt glaubte, unaufgefordert überschickte?
Wenn es Herr Grün verlangt, will ich es thun und werde auch wohl noch die nöthigen Belege dafür bringen können.
Düsseldorf, den 26. August 1848.
[F. Lassalle.]
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Die fortwährenden anonymen Angriffe und Verdächtigungen, welche von einigen Personen durch die Erfurter und durch die Berliner Vossische Zeitung gegen den von uns erwählten Abgeordneten zur Preußischen National-Versammlung, Herrn Krackrügge, sowie gegen die Partei, welcher derselbe in der National-Versammlung zu unserer Freude angehört, gemacht worden sind, veranlassen uns endlich zu der Erklärung:
Daß unser Abgeordneter sein Mandat ganz in unserem Sinne, sowie im Sinne des ganzen Wahlbezirks, einige wenige Personen ausgenommen, bisher erfüllt hat, — daß er seinen früheren Tendenzen und demjenigen politischen Glaubensbekenntniß, woraufhin er gewählt worden, treu geblieben ist, und daß er sonach unser und des Wahlbezirks volles Vertrauen sich bewahrte.
Erfurt, 6. August 1848.
Die Wahlmänner der Stadt und des Kreises Erfurt.
[Leserbrief]
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@typejArticle
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Zur Characteristik des Schwarzweißthums in Westfalen.
„Das rüde Toben der Vendée.“
Die Freiheitsmänner des neunzehnten Jahrhunderts haben es bequemer, als die des sechszehnten. Diese, um die Jämmerlichkeit ihrer Gegner zu brandmarken, hatten im Namen und Geiste derselben lächerliche Briefe zu fingiren: uns hingegen kommen die Epistolae obscurorum virorum. von den obscuris viris eigenhändig geschrieben, positäglich in die Stube geflogen, und es bleibt uns, zur Züchtigung der bodenlosen Ignoranz, wie der unsäglichen Gemeinheit und Brutalität der Widersacher, nur die Mühe des Sammelns und Druckenlassens. Vielleicht, daß ich, im Interesse der Volkssache, eine Auswahl des Gediegensten in dieser Art, wie es sich seit meiner Rückkehr nach Deutschland auf meinem Schreibtische zusammengefunden hat, schon bald veröffentliche: vor der Hand mögen die nachstehenden beiden Proben (buchstäblich getreu wiedergegeben, nur in Nr. 2 habe ich einen pöbelhaften Ausdruck der niedrigsten Sorte unterdrückt) genügen. Uebrigens habe ich den Brief des Herrn Duncker in Iserlohn der gerichtlichen Behörde zum Zwecke der gesetzlichen Ahndung übergeben, und werde das Resultat später in der Neuen Rheinischen Zeitung mittheilen.
Düsseldorf, 26. August 1848.
F. Freiligrath.
1.
Werden a. d. R, den 25. Juni 1848.
Wie man's macht?
Den Schurken und Arbeiterbetrüger Freiligrath et Consorten am ersten besten Galgen aufgeknüpft und
seinen armen Betrogenen wird man mit Shrapnells etc. etc. zu begegnen wissen!
So — macht man's.
Im Namen vieler Arbeiter.*) *) sic!
2.
(Ohne Datum, aber mit dem Poststempel: Iserlohn, 24. August.)
An den undankbaren Schweinhund Freiligrath in Düsseldorf.
Du elender Lappes von Grünschnabel, verfluchter Bandit und Räuberhauptmann, wenn du Esel deine republikanischen Reden nicht aufgiebst, dann komme ich mit ganz Iserlohn, um dich ganz derbe durchzubläuen. Du bist allein Schuld an dem schlechten Empfange unseres geliebten Königs in Dusseldorf Schuld, das wird dir ganz Preußen nicht vergessen. Es ist auch schon darauf angetragen, daß du — — — **) **) Hier hat das Original die oben angedeutete Pöbelhaftigkeit. F. innerhalb 6 Wochen Düsseldorf räumen mußr. Und erfolgt dieses nicht, so komme ich mit der ganzen Bürgerwehr, deren Hauptmann ich bin, um dich mit geladener Flinte aus Düsseldorf zu vertreiben.
Es wäre besser, wenn du das Geld, was du unter die Leute in Düsseldorf vertheilt hast, damit Sie recht viel Spectakel machen sollen, deiner armen Mutter und Schwester in Soest zuschicktest, aber daran denkt ein olcher Lump nicht.
Wenn du nun binnen acht Tagen nicht in der Zeitung Abbitte thust, dann lege ich für mich und meine C. Comp. Bürgerwehrmänner die Reisekosten daran und stecke dir deine Hütte in Brand und dich selber wollen wir am Spieß braten oder in einen Puddelofen wollen wir dich werfen, daß du Esel so nach und nach verbrennst.
Comprennez vous?
Einen lumpigen Gruß.
J. Duncker, Compagnieführer und Chef.
cito.
Handels-Nachrichten.
gap: insignificant
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Köln, 30. August 1848.
Angekommen: Capt. Demmer von Rotterdam mit 4581 Ztr. Capt. Berns von Amsterdam mit 3956 Ztr. Capt. Linkewitz von Amsterdam mit 4377 Ztr.
Abgefahren: Pet. Schoen nach dem Obermain. A. Meyer nach Duisburg.
In Ladung: Nach Antwerpen P. Verschur Nach Ruhrort bis Emmerich W. Pesch. Nach Düsseldorf bis Mülheim an der Ruhr L. Ducoffre. Nach Andernach u. Neuwied A. Boecking und M. Wiebel Nach Koblenz, der Mosel und der Saar D. Schlaegel. Nach der Mosel, und Trier und der Saar N. Pisbach. Nach Bingen A Hartmann. Nach Mainz Ph. Kimpel. Nach dem Niedermain Seb. Schulz. Nach dem Mittel- und Obermain Seb. Schön. Nach Worms und Mannheim J. Wiemer. Nach Heilbronn H. Müßig. Nach Kannstadt und Stuttgardt L. Klee.
Ferner nach Rotterdam Capt. Kamps Köln Nr. 32.
nach Amsterdam Capt. Kalfs Köln Nr. 1.
Rheinhöhe am 30. Aug. 7′ 7″.
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Civilstand der Stadt Köln.
Geburten.
Den 27. Joh. S. v. Jos. Alfter, Tischlerges. Thurnm. — Maria Sib. Cunig, T. v. Joh. #. Bösenhagen, Faßb. Butterm. — Joh. Pet. Hub., S. v. Aloys Koppmann, Schuhmacher, Römerg. — Joh. Michael, S. v. Michael Seb. Schneider, Steinhauer, Johannstr. — Jos. S. v. Joh. Schaefer, Kassadiener, Tranka. — Henr. Antoin. Hub., T. v. Friedrich Weiler, Schuhmacher, Maximinstr. — Heinr. Wilh., S. v. Joh. Sartory, Büchsenmacher, Apernstr.
Sterbefälle.
Sophie Kramp 16 W. alt Follerstr. — Gertr. Harkamps, Wwe. Rehm 82 J. alt, Severinskl. — Josepha Schön, 3 Tage alt, Entenpfuhl. — Peter Stollenwerk, Karrenbinder, 36 J. alt, verh. Mathiasstr. — Ein unehel. Mädchen.
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Neue Rheinische Zeitung.
Mit Bezugnahme auf § 6 des Statuts der „Neuen Rheinischen Zeitungsgesellschaft“ fordern wir diejenigen unserer Aktionäre, welche die bereits ausgeschriebenen Ratenzahlungen von 40 pCt. noch nicht vollständig eingezahlt haben, hiermit auf, den Rest dieser 40 pCt. in der Expedition der Zeitung, unter Hutmacher Nr. 17, unverzüglich abzutragen, und zwar die in Köln wohnenden Aktionäre bis zum 1. September, die auswärtigen bis zum 5. September, widrigenfalls wir die im bezogenen Paragraphen des Statuts ausgesprochenen Strafbestimmungen in Kraft setzen und die Renitenten der bereits geleisteten Zahlungen für verlustig erklären werden; Alles unbeschadet der weiteren Maßregeln zur Wahrung der Rechte der Gesellschaft.
Köln, 29. August 1848.
Die Geranten der Neuen Rheinischen Zeitungsgesellschaft:
H. Korff. St. Naut. L. Schulz.
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Städtische Leih-Anstalt.
Mit Allerhöchster Genehmigung ist der bisherige Zinsfuß von 12 1/2 auf 10 pCt. ermäßigt worden.
Es wird diese Maßnahme mit dem Bemerken zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß der Zinssatz von 10 pCt. mit dem 1. September d. J. für die von da ab zum Versatz kommenden Pfänder in Anwendung kommen soll.
Köln, den 17. August 1848.
Die Armen-Verwaltung 2. Abth.
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Es wünscht ein gut empfohlener gewandter junger Mann, der in einem bedeutenden Speditionshause gearbeitet und zuletzt die kommerzielle Leitung eines Mühlenfabrikanten-Geschäfts besorgt hat, baldigst ein neues Engagement. Die Expedition sagt wer.
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Eine einzelne Person sucht ein reinliches Frauenzimmer zur Verrichtung von Kommissionen und für die Reinlichkeit der Zimmer. Die Expedition gibt Auskunft.
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Peter D…, nimm doch von nun an Deinen Regenschirm mit, damit das Regnen aufhöre. Dieses rathen Dir Deine Bekannten.
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Die Eröffnung meiner neuen Restauration zum Weichser-Hofe zeige ich hiermit ergebenst an und werde mich mit vorzüglichem ächten bayerischen Lagerbier, gutem Moselwein, die große Flasche à 2 1/2 Sgr. und prompter freundlicher Bedienung zu empfehlen suchen.
Wilhelm Kindeler an dem ehemaligen Weichser-Hofe Weberstraße Nr. 1.
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Weinverkauf.
Alle Sorten Wein billig und gut, das Quart von 3 bis 25 Sgr. Der Anker von 3, 4, 5, 6 bis zu 12 Thlr.
Louis Kertell, große Neugasse Nr. 36.
Zum Deutschen Reichsverweser.
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Ein ganz erfahrner Tischlergeselle wird gesucht, Thieboldsgasse Nr. 94.
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Bekanntmachung.
Die Lieferung von circa 11,000 Scheffeln Gerits für die Armen der Stadt Köln soll während der Wintermonate Dezember 1848. Januar, Februar und März 1849 in unbestimmten Quantitäten an möglichst viele hiesige Gerißhandlungen in der Art vergeben werden, daß die Armen gegen Abgabe der ihnen eingehändigten Gerißbriefchen das darin bestimmte Quantum Geriß in einer ihnen beliebigen Gerißhütte in Empfang nehmen und die Lieferanten am Schlusse eines jeden Lieferungs-Monates die eingelösten Briefchen zu dem darin ausgedrückten Geldbetrage bei der Armen-Verwaltung zur Liquidation bringen können.
Demgemäß werden die sämmtlichen hiesigen Gerißhüttenbesitzer eingeladen am Montag, den 4. September etc., Nachmittags 3 Uhr, persönlich in der Sitzung der Armen-Verwaltung, Abth. II. und III, Cäcilienstraße hierselbst zu erscheinen, um von den desfallsigen Bedingungen Kenntniß zu nehmen, und sich in Betreff der Uebernahme dieser Lieferung der Armen-Verwaltung gegenüber protokollarisch zu verpflichten.
Köln, den 23. August 1848.
Die Armen-Verwaltung II. und III. Abth.
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Vertillgungsfutter gegen Mäuse, Ratten Schwaben und Wanzen ist zu haben Thurnmarkt Nr. 30 bei Wilh. Harffen.
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Donnerstag den 31. August:
Der Barbier von Sevilla.
Komische Oper in 2 Akten von Rossini.
  • Almaviva, Hr. Büßer aus Stettin
  • Figaro, Hr Becker aus Wien
  • als Gäste.
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Der Gerant: Korff.
Druck: J. W. Dietz, unter Hutmacher Nr. 17.