[0529]
Beilage zu Nr. 106 der Neuen Rheinischen Zeitung.
Dienstag, 19. September 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Volksversammlung in Worringen.) Frankfurt. (Debatte in der Nat.-Vers. über den Waffenstillstand. ‒ Unruhen.) Berlin. (Die Krisis.) Wien. (Aufstand. ‒ Der Reichstag in Permanenz. ‒ Nachricht aus Ungarn.) Leipzig. (Aus Chemnitz.) Mainz (Spießruthen.) Dortmund. (Thierschau.) Bielefeld. (Unruhen.)
Italien. (Messinesische Flüchtlinge auf der franz. Flotte. ‒ Der franz. Gesandte. ‒ Albini bei Ankona.
Französische Republik. Paris. (Die Departementalkommissäre. ‒ National-Versammlung. ‒ Cavaignac's Vater.)
Großbritannien. London. (Der Aufstand in Tipperary unterdrückt.)
Portugal. (Cholera-Angst. ‒ Der englische Handelsvertrag.)
Amerika. (Die Präsidentschaft. ‒ Mexico ruhig.)
Handelsnachrichten.
[Deutschland]
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gen verschwunden; man begrüßt sich gegenseitig sehr freundschaftlichst und die Soldaten verschmähen es selbst nicht, in den Klubs die Rednertribüne zu besteigen und ihre Zuneigung zu den neuen Ideen öffentlich und feierlichst auszusprechen.
Um diese Verhältnisse für die Zukunft zu sichern und die freund-freundschaftlichen Bande zwischen Volk und Militär noch fester zu knüpfen, hat der Bürgerwehr-Klub ein großes Verbrüderungsfest zu morgen Nachmittag veranstaltet. Man hofft, daß sich viele Tausende dazu einfinden werden.
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[ 61 ] Wien, 12. Sept.
Abends. Die Stadt ist noch immer in steigender Aufregung. Sämmtliche zu dem Ministerium des Innern führende Straßen sind seit 3 Uhr durch die Legion und Nationalgarde abgesperrt. Gegen die Nationalgarde des Wimmer- und Schotten-Viertels (innere Stadt) sind Thätlichkeiten verübt worden. Dobblhoff hat einen neuen Aufruf an das Volk erlassen, worin er um Aufrechthaltung der Ruhe recht zitternd nachsucht. Zu den Thoren strömten gegen Abend Menschenmassen aus den Vorstädten herein; man befürchtete eine Sturmpetition wider das Ministerium und das Gerücht verbreitete sich, ein Theil der Bürgerschaft habe sich nach Schönbrunn begeben. Gegen 8 Uhr wurden alle Thore der innern Stadt verschlossen und niemand hereingelassen, der nicht seine Wohnung anzugeben vermochte. Swoboda, durch dessen Unternehmen die Aufregung veranlaßt ist, soll sich freiwillig den Gerichten gestellt haben. Man beschuldigt ihn der Unterschlagung aller für die Aktien eingegangenen Gelder; einige sagen sogar, Jellachich habe dieselben bekommen. Swoboda gründete nämlich einen Aushülfsverein für Gewerbtreibende und emittirte Aktien; der Kaiser betheiligte sich dabei und nun will das Volk, daß die Minister die Verantwortlichkeit dieses seine Hoffnungen nicht realisirenden Unternehmens tragen und dasselbe bei der Zahlungsunfähigkeit Swoboda's insofern garantiren sollen, daß die Aktien an allen öffentlichen Kassen wie baares Geld angenommen würden. Dobblhoff hat sich im Bürgerstande besonders dadurch verdächtigt, daß er schon vom Morgen an einen ergebenen Theil der Bürgerwehr in den Kellern des Ministerialgebäudes versteckt gehalten und dieselben nun beim Eindringen des Volks in das Gebäude zum Vorschein hat kommen lassen. Der Stephansdom ist von der Nationalgarde umstellt, um Sturmläuten zu verhüten; in der aufgeregten Masse sprach man von Barrikadenbauen. Alle öffentlichen Plätze sind von der Nationalgarde besetzt.
Wie ich höre, soll Jellachich von Radetzky 1 Mill. Fl. K. M. erhalten haben. Von Grätz aus sollen demselben in Zuckerfässern Brandraketen zugesendet worden sein.
13. September. Ich komme eben (12 Uhr) aus der 41. Sitzung des Reichstags. Die Debatten waren äußerst stürmisch. Es wurden die italienischen Interpellationen beantwortet, worauf der früher Selinger'sche, nun Sraßer'sche Antrag auf ein Dankesvotum an die italienische Armee zur Berathung kam. Graf Borkowski, Wieland, Füster sprachen unter dem allgemeinsten Beifall der Versammlung dagegen. Unter der Rede Borkowski's erhob sich der Kriegsminister Latour mit dem Zornesantlitz des Mars und wollte, daß der Präsident den Redner zum Schweigen bringe. Es entstand ein Tumult, viele Redner schrieen, daß Latour zur Ordnung gerufen werde, der Präsident that es mit glatten Worten. Die Wirbel des Generalmarsch's schlugen während des ganzen Morgens, die Aufregung ist seit gestern fortwährend im Steigen; die Aula ist versammelt, Menschenmassen füllen alle Straßen; das Volk strömt zu den Linien herein. ‒ Der Reichstag wollte eben die Sitzung schließen, als der Kriegsminister ‒ die andern Minister hatten sich längst entfernt ‒ die Erklärung abgab, die Nationalgarde weigere sich, anszurücken, die akademische Legion beabsichtige um 4 Uhr Ministerium und Reichstag zu stürzen, er müsse zu ihrem Schutz das Militär einrücken lassen.
Löhner stellte sofort den Antrag, daß der Reichstag sich für permanent erkläre. Es geschieht. In dem Augenblicke meines Austritts sprach der Abgeordnete Goldmark über die italienische Angelegenheit. Der Antrag Selinger-Straßer wird verworfen werden.
Die Aufregung in der Aula hat theilweise auch die von der Nationalgarde gestern Abend wider einen Studenten verübte Mißhandlung zum Grunde. Das Schlimmste steht zu befürchten, wenn Gewaltthaten geschehen, denn wir leben in einem wahren Chaos von politischen, sozialen und nationalen Meinungen.
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[ 61 ] Wien, 13. Sept.
6 1/2 Uhr. Die Bewegung verwandelt sich immer mehr in einem Aufstand. Man verlangt den Sicherheitsausschuß wiederhergestellt; gedruckte Zettel werden zu diesem Zwecke unter die Menge vertheilt.
Es hat sich ausgewiesen, daß die Beschuldigung des Kriegsministers, die Aula wolle den Reichstag sprengen, eine Erfindung gewesen. Seien Sie versichert, die Reaktion will heute einen kühnen Streich führen; Latour ging, wie ein Tiger gereizt, aus dem Sitzungssaal des Reichstags, er wird Rache nehmen. Das Militär rückt an, die Nationalgarde und Legion sind überall aufgestellt, erstere ist getheilter Meinung. Am Judenplatze ist es vor dem Gebäude des Ministeriums des Innern zu einem Angriff gekommen; die Entwaffnung konnte aber nicht erzielt werden. Vor dem Kriegsgebäude soll es nach dem Reichstag zugegangenen Berichten ebenfalls zum Angriff gekommen sein. Barrikaden, so heißt es allgemein, sind erbaut worden. Der Reichstag hält Rath, ob der Sicherheitsausschuß wieder herzustellen sei.
Die Nacht wird, bricht der Kampf los, schrecklich werden. Aus Pesth sind noch keine bestimmten Nachrichten da, die Stimmung der Stadt soll aber außerordentlich sein. Hier sind alle Läden geschlossen, man kann vor Bewaffneten nirgendwo durch.
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[ 102 ] Wien, 13. Sept.
41. Reichstagssitzung. Anfang 9 1/2 Uhr. Vorsitz. Strobach. Keine Minister.
Präsident beantragt, heute Nachmittag die Neuwahl des Präsidiums vorzunehmen, er zeigt an, das Justiz-Ministerium habe in Beziehung auf die 500 italienischen Gefangenen in Szezedin Schriften auf den Tisch des Hauses niedergelegt.
Urlaube werden ertheilt.
Eingaben werden verlesen. Darunter eine aus Köln wegen Verbesserung des Volksschulwesens und Dobblhoffs Entwurf zur Provinzialverfassung Schlesiens. Einige Gemeinden petiren um Beibehaltung der Privilegien der Gewerbetreibenden. Die Stadt Wien petirt um Maßregeln zur Aufrechthaltung von Ruhe und Ordnung.
Präs. Der Abg. Brestl hat einen dringenden Antrag überreicht:
„Der Reichstag möge beschließen, daß wegen der mißlichen Verhältnisse der Gewerbetreibenden der Hauptstadt und weil dieselben der Freiheit die uneigennützigsten Opfer gebracht, dem Ministerium des Handels ein Kredit von 2 Mill. fl. eröffnet werde.“
Dylewski (der schon eine Ernennung des Ministeriums für seine absolutistischen Dienste in der Tasche hat) sieht darin einen Parteiantrag.
Pillersdorf bedauert, daß Brestl ihn zur Unterzeichnung des Antrags nicht eingeladen.
Schuselka will denselben auch auf die Bewohner von 5 und 6 Haus (Proletariat) ausgedehnt haben, welche in den Märztagen die Märtyrer der Freiheit gewesen, indem sie geplündert worden.
Piekas (Bohemien) beantragt eine gleiche Unterstützung für Prag. ‒ Brestls Antrag wird einstimmig unterstützt; nur Palacki (Bohemien) bleibt sitzen.
Brestl spricht für seinen Antrag. Die Minister Schwarzer und Krauß treten herein.
Goldmark. Der Antrag möge sogleich in Vollberathung genommen werden. (links unterstützt.)
Piekas. Er muß zuerst an die Finanzkommission, welche in 24 Stunden berichten soll. (Alle Bohemiens und der Renegat Schwarzer erheben sich dafür.)
Goldmark und Andere reden vergeblich gegen die 24 Stunden.
Hornbostel, Handelsminister. Wir haben 500,000 fl. zu obigem Zweck schon längst bewilligt, heute werden in der Angelegenheit Swoboda baare Entschädigungen gegeben werden, darum genügt es, die Sache zuerst an die Finanzkommission zu überreichen. (Man hört den Generalmarsch schlagen.)
Piekas Antrag wird angenommen. Die übrigen Minister sind unterdessen erschienen, werden aber mehrmals abgerufen; der Generalmarsch ertönt fort. Abgeordnete aus der Bukowina protestiren, daß in dem Ausschusse, der über die Entschädigungsfrage entscheiden soll, keiner aus ihrer Provinz ist.
Minister Wessenberg will die gestrige Interpellation hinsichtlich Italiens beantworten und zieht einen Zettel aus der Tasche, den er abliest. Niemand hört ein Wort.
Ein Abg. Lassen Sie durch einen andern Minister antworten.
Bach will sich des Zettels bemächtigen, aber Latour stürzt auf ihn ein und entreißt ihm denselben.
Latour (mit krächzender, kaum vernehmbarer Stimme.) Die Politik des Ministeriums in Italien…. Ehre und Würde des Kaiserreichs zu wahren … Das Vermittlungsanerbieten Frankreichs … angenommen. Das Ministerium wird Alles aufbieten, den Krieg zu vermeiden, jedoch die Nationalehre … Fürst Schwarzenberg ist zur Leitung der Angelegenheit zum Bevollmächtigten Oestreichs ernannt. Familienbande geben Modena gewisse Ansprüche auf Schutz …
Goldmark, nach einem Kampfe mit dem Präsidenten: Ich bin mit dieser Erklärung nicht zufrieden, das Ministerium muß uns die Papiere vorlegen; Familienrücksichten können und dürfen jetzt nicht mehr entscheiden.
Wessenberg, ohne Brille, das Bundestagsleichengesicht bekommt einiges Leben: Während der Verhandlung geschieht in keinem Lande eine Mittheilung an die Kammer.
Goldmark will antworten, ein Abg. ruft: zur Ordnung!
Goldmark: Ich lasse mich nicht zur Ordnung rufen.
Wessenberg. Ich habe noch eine Interpellation zu beantworten: liest; Niemand versteht ein Wort. Die Antwort betrifft ebenfalls die italienischen Angelegenheiten.
Neuwall. Die gestrigen Vorgänge sind durch eine neue Partei hervorgerufen; es sind Bürger von Wien, von denen sie ausgegangen, es müssen also gewichtige Ursachen vorliegen. Man hat für sie nie eine Stimme verlauten lassen, sondern immer nur für die Arbeiter; sie sind ebenso unglücklich als diese. Ein großer Theil der Arbeiter, auf welche Summen verschwendet wurden, ist nicht von hier gewesen; man hätte das Geld unter die Gewerbtreibenden vertheilen sollen. Er richtet in diesem Sinne eine lange Interpellation an den Handelsminister.
Hornbostel. Swobodas Privatleiha stalt ohne hypothekarische Sicherheit hat die Bürger Wiens in ihren Hoffnungen getäuscht; die Noth war so groß, daß sie nicht nach der Sicherheit gefragt, sondern für einen kleinen Einsatz ein Papier genommen haben, welches keinen Kours erlangen konnte. Wir haben umsonst Warnungen, selbst an Swoboda, erlassen.
Vorgestern schon habe man sich stürmisch an den Gemeindeausschuß und gestern mit Verübung von Gewaltthaten an den Minister des Innern gewendet. Der Nothstand sei schon vor dem März dagewesen, das Ministerium könne nichts zur Hebung der Gewerbe thun, nur das Vertrauen allein könne dies bewirken.
Löhner und Potocki wollen noch interpelliren. Einer ruft: Tagesordnung. Dieselbe wird angenommen.
Borrosch protestirt wider dies Verfahren.
Berichte über Wahlen. Es handelt sich von der Wahl des Abg. Karl Schneider aus Schlesien.
Schneider. Man hat protestirt, weil ich protestantischer Geistlicher bin, man ist von gewisser Seite erbost, daß auch meine Kirche einen Vertreter hier hat. Ich kenne mein Volk, mein Volk hat kein Mißtrauen wider euch. (Beifall.) Wird angenommen, nur die Bohemiens und Juden dagegen.
Präs. bringt den von Solinger fallen gelassenen, von dem Ritter von Lasser, dem Schnapphahnski des Reichstags, aber wieder aufgenommenen Antrag über ein Dankesvotum an die italienische Armee zur Berathung.
16 Redner sind für und gegen eingeschrieben.
Lasser erzählt, indem er aus einem dicken Hefte von der Tribüne abliest, in einer langen unausstehlich erbärmlichen Parabel den italienischen Krieg. Er macht dem Reichstag und besonders der Linken, auf die er immer hinsieht, die ungezogensten Vorwürfe darüber, daß sie den Solingerschen Antrag nicht mit Akklamation angenommen, sondern zur Tagesordnung verwiesen habe. Er wird mehrmals ermahnt, nicht abzulesen; die Kammer wird unruhig vor Langweile.
(Draußen wirbelt immerfort der Generalmarsch. Alle Minister bis auf Latour sind abwesend.)
[Schluß folgt.]
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Wien, 12. Sept.
Eben erfahre ich, was um 2 Uhr vom ungarischen Ministerium an das hier residirende ungarische Ministerium des Aeußern aus Pesth mit Stafette anlangte: „Der Landtag hat sich permanent und insofern souverain erklärt, daß er die vom Könige nicht bestätigten neuen Gesetze als vollkommen gültig und bindend verkündet und die großartigsten Maßnahmen trifft, zur Vertheidigung und Rettung des Vaterlandes.“ ‒ Pesth ist ruhig. Nicht die mindeste Unordnung ist eingetreten, alles ist beschäftigt die Rüstungen, Werbungen etc. zu unterstützen.
[(Od. Z.)]
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Wien, 13. Sept.
Neueste Nachrichten aus Pesth: „Provisorische Regierung. Kossuth an der Spitze.“ (Bedarf noch der Bestätigung.)
[ (Schl. Z.) ]
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Wien.
Die Vereinbarung eines Krawalles ist gestern gänzlich mißglückt. Heute, am 14. September, lebt die Freiheit noch.
[(Konstitution.)]
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Leipzig, 15. Sept.
Die von gestern aus Chemnitz eingegangenen Nachrichten bestätigen die Fortdauer der hergestellten Ruhe. Wie der „Chemnitzer Anzeiger“ sagt, sollen nicht wenig Mitglieder der Kommunalgarde, zwar ohne Binde und sonstige Armatur, allein mit dem Gewehr unter den Tumultuanten gesehen worden sein. Die Bürgerschule, aus der die Bänke zu den Barrikaden verwendet wurden, die Dietrich'sche Farbe und das Leistner'sche Haus in der Johannisgasse, das Hinterhaus von Wex und Lindner, wo die Handelsschule ist, und das Hösel'sche Haus werden als die bezeichnet, welche die meisten Zeichen der stattgehabten Kämpfe aufzuweisen haben. Die Kugeln stecken meist ziemlich hoch. Ueber den eigentlichen Zusammenhang der ganzen unseligen Vorgänge ist man noch unklar.
[(D. A. Z.)]
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[ * ] Mainz, 12. Septbr.
In der östreichischen Armee, wenigstens in deren „deutschem Contingent“ zu Mainz, wie Herr Peucker fein unterscheidet, ist die Knute und das Spießruthenlaufen noch in schönster Blüthe. Wie ein Mainzer Blatt erzählt, sah man gestern in einem der verstecktesten Gräben hinter der Citadelle „unter strömendem Regen und unter still rieselnden Thränen“ eine schwankende Gestalt durch eine Reihe von 300 Soldaten sich bewegen, denen das Blut vom Rücken des Gefolterten ins Gesicht spritzte! Dicht an dieser Reihe standen 6 Bänke, auf denen eben so viele Soldaten lagen, auf die man unter den Flüchen eines Stabsoffiziers losschlug, der unter Androhung gleicher Strafe zur „Pflicht“ des „Dreinhauens“ anfeuerte. Und was hatten diese Unglücklichen verbrochen? Beim Baue des Kugelfängers am Artillerieubungsplatze akkordirte der bauführende Offizier mit den Leuten wegen der Arbeit; als diese nun fertig war, verlangte er noch weiteres Arbeiten, und als sie aus Müdigkeit nicht auf der Stelle diesem Befehle nachkamen, gerieht der Offizier in Zorn, ließ jene 6 Leute in Stockhausarrest abführen, wo sie 8 Tagen wie verschollen saßen, bis gestern ein Korporal Ordre erhielt, Haselstöcke einzukaufen, mit denen dann jene Schreckensscene im alten Style vollführt ward.
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[ 8 ] Dortmund, 16. Sept.
Unser politisches Duselleben ist in ein neues Stadium getreten. Am 15. hatten wir nämlich das Vergnügen, die „Landeskulturgesellschaft“ in festlicher Weise hier versammelt zu sehen. Hiermit war eine Thierschau von Ochsen und Kälbern verbunden und Gleichgesinnte hatten sich in Menge angeschlossen. Unsere Reaktion ist nicht so dumm wie sie aussieht. Sie weiß selbst das gemüthliche Stelldichein von allerlei Rindvieh für ihre politischen Zwecke zu benutzen. Wenn unsere „Familienväter“, unsere „Männer des Rechts“, selbst unsere „greisen Krieger“ noch eine gewisse konstitutionelle Decenz zu beobachten für schicklich erachten, so halten dagegen unsre Ochsen und Schafzüchter es mit Recht für zeitgemäß, jede lästige Maske abzuthun und mit teutoburgischer Biedermännlichkeit vorzugehen. Beim festlichen Mahle nahm zuerst der Präsident, Kammerherr v. Bodelschwingh das Wort und sprach: „der König soll leben. Die Nationalversammlungen in Berlin und Frankfurt sind aus Neuerungen hervorgegangen. Wir halten am Alten, an unsern bethürmten Burgen und Höfen. (Mit erhobener Stimme.) Wir wollen zum Alten zurückkehren. Der König Hoch!“ (Donnerndes Hoch.)
Freiherr von Lilien-Borch: der Landwirthschaft ein Hoch!
Der Justizkommissar Spemann aus Dortmund: „das Jahr 1848 hat fürchterliche Mißverhältnisse hervorgerufen. Doch die Grafschaft Mark hat sich in schlimmeren Jahren treu und bewährt gezeigt. Am 18. März hat man den Bruder vom Bruder getrennt. Gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit gesündigt. Doch das bleibe dahingestellt ‒ deßhalb lebe Se. Königl. Hoheit der Prinz von Preußen hoch“ (Brüllendes Hoch.)
Ein Unbekannter: „Mir wird sehr übel“ (faktisch).
Pastor Bäumer: „Das Stämmchen der Freiheit kann weder in Berlin noch in Frankfurt zum Stamme gedeihen, weil keine Grundbesitzer dort sind. Der Grundbesitzer wird allein vom wahren Rechte geleitet; er allein kennt den Rechtsboden. Daher lebe der Rechtsboden! “ (Rauschender Beifall.)
Ein Unbekannter mit rothem Gesichte und sehr großem Barte (wüthend): „Donnerwetter, ja! Der gute alte Rechtsboden soll leben!“
(Jetzt erhebt sich von allen Seiten ein großes Geschrei nach dem Rechtsboden)
Landrath Pilgrim: „Dem ältesten Mitgliede der Landwirthschaft, dem würdigen, von dem Feuer der Jugend (der Betoastete ist ca. 72 Jahre alt) beseelten Freiherrn v. Lilien-Borch ein Lebehoch!“
Hr. Lilien-Borch kann vor Dankbarkeit und Freude sich nicht verständlich machen.
Schulte Mehring aus Mengede: „Die Leute, welche zum Vereinbaren in Berlin und Frankfurt zusammen sind, sollen leben!“ (Grausige Todtenstille.)
Oekonom Bölling aus Nette: „Ein Hoch den sparsamen Hausfrauen!“ (Hr. Bölling ist ein großer Franzosenfresser und Champagnertrinker.)
Landrath v. Schade aus Lippstadt: „Alle Männer, welche für König und Vaterland und deren Nützlichkeit streiten wollen, sollen leben!“ (Hurrah!)
Jetzt erhob sich der berühmte Schullehrer von Lindenhorst und hielt einen gelehrten Vortrag über Agri- und Horticultur, Mythologie und Staatsformen. Nachdem er bis zur Hertha und zum Diocletian gekommen war, wurde durch Akklamation beschlossen, zur Thierschau zu wandern. Die Musik setzte sich an die Spitze des gemüthlichen Thierschau-Zuges. Draußen angekommen, nahm Landrath Pilgrim noch einmal das Wort. Seine Rede begann also: „Das Rindvieh ‒ die Schaukommission ‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒‒
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[ 34 ] Bielefeld, 18. Septbr.
Seit heute kann auch Bielefeld von „Bewegungen“ sprechen. Am verflossenen Montag hatten die Arbeiter einen Aufzug mit Musik zu Ehren ihres vom Gesellen-Congreß heimgekehrten Deputirten gehalten; diese Demonstration schien den braven Bürgern ein sehr gefährliches Revolutionsgelüste, und so kam es, daß ein loyaler Baumeister einigen seiner Arbeiter die daran Theil genommen, für das Versäumniß einen Tag am Lohne abzog und dieselben aus dem Dienste entließ. In Folge dessen zogen nun heute Abend etwa 200 Gesellen und sonstige Arbeiter vor die Wohnung des Baumeisters und schickten demselben eine Deputation mit der Aufforderung den abgezogenen Tagelohn den Arbeitern zu vergüten und selbige wieder in Dienst zu nehmen. Der Herr schlug dies ab, und die versammelte Menge suchte den Lohnabzug wenigstens durch zertrümmerte Fensterscheiben auszugleichen. Nachdem der Trupp abgezogen und Alles ruhig war, erschien wie gewöhnlich die polizeilüsterne Bürgerwehr und verhaftete zwei beliebige vorübergehende Individuen. Mit dieser Heldenthat ist die „Ordnung“ in Bielefeld wieder hergestellt.
Italien.
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@facs0529
Edition: [Friedrich Engels: Italien. 19. September 1848. In: MEGA2 I/7. S. 723.]
[ * ]
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
[0530]
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Edition: [Friedrich Engels: Italien. 19. September 1848. In: MEGA2 I/7. S. 723.]
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Französische Republik.
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@facs0530
Paris, 15. Sept.
Wie wir hören, ist gestern die Erklärung nach Wien abgegangen:„daß jede Bewegung gegen Venedig als ein Mediationsbruch betrachtet würde.“
‒ Der National enthält über die Ereignisse in Italien folgenden Artikel, der obiger Depesche als Erläuterung dienen kann:
„Die in der Nationalversammlung gestern verbreitete Nachricht von der Einnahme Messinas hat sich leider bestätigt. Wir haben Details erhalten, die in dieser Hinsicht keinen Zweifel mehr gestatten. Messina ist genommen worden am 8., nach einem Kampfe von fünf Tagen. Die Befehlshaber der französischen und englischen Seekräfte haben Alles gethan, was ihnen zu thun möglich war, um den Gräueln dieses Kampfes vorzubeugen, oder sie zu besänftigen. 7000 Einwohner, großentheils Frauen und Kinder, haben unter der französischen Flagge Zuflucht gefunden. Wir erfahren gleichzeitig, daß der Vertreter Frankreichs in Neapel die neapolitanische Regierung eingeladen hat, sich auf die Besetzung Messinas zu beschränken; dermaßen, daß der Rest Siziliens, Palermo zum Beispiel, sich gegen jeden Angriff geschützt finde. Der Admiral Parker hat seinerseits, auf den Vorschlag des Admirals Baudin, dieselbe Einladung an die Neapolitaner gerichtet.
Während sich diese traurigen Ereignisse in Sizilien zutrugen, ereignete sich ein anderer Vorfall von unbestreitbarer Wichtigkeit im adriatischen Meere: die sardinische Flotte verließ, sagt man, mit den Truppen Piemonts, die Gewässer Venedigs, das, nunmehr keinen Widerstand mehr findend, wieder von den Oestreichern besetzt würde.
Wir glauben an diesen letztern Satz nicht. Der Waffenstillstandsvertrag zwischen Oestreich und Karl Albert stipulirt im Artikel 4., „daß die Truppen Sardiniens Venedig räumen würden“, aber nirgends spricht man von östreichischer Wiederbesetzung. Bei Verträgen darf man in ihrer Auslegung nicht weiter gehen, als der Wortlaut besagt. Man darf ihm keine beliebige Deutung geben, außer dem, was ausdrücklich stipulirt ist. Man kam nicht überein, daß die Oestreicher wieder einrücken würden. Kraft des Völkerrechts ist es ihnen verboten, wieder einzurücken.
Doch wir haben uns nicht einmal um die Auslegung des Waffenstillstands zu kümmern. Derselbe ist von Frankreich in der That nie anerkannt worden. Der Waffenstillstand, den Frankreich vorschlug und den Oestreich insofern genehmigte als es die Mediation annahm, der er zum Ausgangspunkt diente, dieser Waffenstillstand etablirte den status quo. Es geht aus ihm hervor, daß nichts durfte geändert werden an der Lage der kriegführenden Parteien seit dem Tage der Mediationsannahme bis zum Abschluß der ringeleiteten Verhandlung. Daß sich die Sardinier, wenn es ihnen beliebt, aus Venedig zurückziehen, dagegen können wir uns nicht opponiren; aber wir können nicht dulden, daß Oestreich diesen Rückzug benutze, um die uns gegenüber unterschriebenen Bedingungen zu brechen.
Es ist also unmöglich, anzunehmen, daß Venedig von den östreichischen Truppen besetzt ist. Ein doppelter Grund steht dieser Annahme entgegen. Ehe Oestreich zu diesem Aeußersten schritte, würde es gewiß sehr bald einsehen, daß es sich selbst widerspräche. Indem es die Mediation annahm, wollte es ein ernstliches Pfand den friedlichen Gesinnungen Europas einsetzen, wenigstens glaubten wir dies. Wie wollte Oestreich seinen offen ausgesprochenen Friedenswunsch mit dieser Handlung direkten Angriffs vereinbaren, die nicht blos gegen ihre italienischen Gegner, sondern vorzüglich gegen die beiden Mächte gerichtet wäre, die zwischen den beiden kriegführenden Theilen intervenirten?
‒ In Elbeuf sind Arbeiterunruhen ausgebrochen. Sie scheinen so ernster Natur, daß der dortige Maire gestern Vormittag hier eintraf und sich zum Minister des Innern begab, der sofort einen außerordentlichen Kabinetsrath berief. Details fehlen.
Aus mehreren andern Fabrikorten laufen ähnliche Hiobsposten ein. Ein Hauptgrund für diese allgemeine Gährung liegt in dem Eifer, mit welchem die Nationalversammlung alle sozialistischen Februar-Anfänge wieder einreißt.
‒ Um Mitternacht wurden die Wahllisten geschlossen. Dürfen wir einer Indiskretion trauen, so stimmte das gesammte Pariser Militär nebst mehreren Provinzial- und algierischen Regimentern wie Ein Mann für Bugeaud, Louis Napoleon und Cabet.
‒ Sarrans, Mitglied der Nationalversammlung geht mit einer diplomatischen Tendenz nach dem Orient.
‒ Ein Dekret im Moniteur vom 15. Sept. schafft die Krone über dem Ordensstern der Ehrenlegion ab, und verordnet außerdem die alte Inschrift ihres Gründers: „Bonaparte, premier consul, 19. Mai 1802 (einer Seits), République francaise, honneur et patric (anderer Seits). Spielereien! … wie Clement Thomas in der Nationalversammlung ausrief.
‒ Mehreren der bekreuzten Mobilen ist vom Kommandeur ihres Gardekorps der Befehl zugegangen, die berüchtigten Bälle im Chateau Rouge, Mabille, Jardin d'hiver, Chateau des Fleurs etc. nicht mehr zu besuchen, weil ihr gemeines Betragen den Orden auf ihrer Brust wenig Ehre mache und ernste Klagen eingelaufen. Einige andere Dekorirte sitzen wegen Diebstahls im Gefängniß. Wieder Andere haben ihre Ordenssterne in Weinkneipen versetzt oder als Pfand zurücklassen müssen.
‒ Baudon, einer der Chefs des bekannten Bankhauses und lange Zeit Regent der Bank de France, der als großer Finanzmann galt, ist vorige Nacht gestorben Nächst Gonie machte er die meisten Geschäfte mit dem Pariser Kleinhandel, stellte sie aber gleich seinem Concurrenten nach dem 24. Febr. plötzlich ein.
‒ Louis Blanc widerlegt in einem Briefe an den Redakteur der Reforme die Gerüchte, angebliche Gemeinschaft mit Louis Bonaparte, dem sogenannten Prätendenten etc. zu haben.
‒ Der Berg beabsichtigt, sagt man, eine eklatante Revange für die Gemeinheiten des Finanzministers Goudchaur in der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung zu nehmen.
‒ Es liegen den Ausschüssen der Nationalversammlung in diesem Augenblick drei Vorschläge vor, die das gesammte Proletariat interessiren. Sie wurden 1) von Proudhon, 2)Loiset, 3) Tonrnet, Handels- und Ackerbauminister, gemacht. Wir werden darauf zurückkommen.
De La Moricieres Kolonisationsplan Algeriens hat im Ausschusse, der sein Gutachten darüber abgab, einige wichtige Aenderungen erlitten. Der Gegenstand ist wichtig. Es handelt sich um das Glück von 15,000 Proletarier-Familien (im Ganzen um 60,000 Kolonisten), wahrscheinlich beginnt die Diskussion morgen
Nationalversammlung. Sitzung vom 15. September. Anfang 12 1/2 Uhr. Präsident Marrast. Gleich nach Eröffnung wird folgender Antrag der katholisch sozialistischen Repräsentanten Waldeck Rousseau, B. Considerant, Fallour, Sibour, Roux Lavergne, Valette, Pierre Leroux und Montalembert vertheilt:
„An Sonn- und gesetzlich festgestellten Feiertagen darf in Werkstätten, Fabriken und Manufakturen nicht mehr gearbeitet werden. Diese Verordnung findet jedoch keine Anwendung in Fabriken mit immerwährender Feuerkraft (a feu continu.) Ebensowenig darf sie in Fällen angewandt werden, wo die Verwaltungsreglements ein Ueberschreiten der 12 Stunden gestatten etc.
An der Tagesordnung ist das Mathieu-Glais-Bizoinsche Amendement zur Verfassungseinleitung.
Odilon Barrot verlangt einen Urlaub für seinen Bruder Ferdinand Barrot in Algierschen Kolonisations- und Familien-Angelegenheiten. Bewilligt.
Dufaure im Namen des Verfassungsausschusses. Derselbe habe sich diesen Morgen versammelt und den Beschluß gefaßt, alle Zusätze zurückzuweisen, die zur ersten Hälfte des § 8. der Einleitung rücksichtlich des positiven Arbeitsrechts gestellt worden sind und noch gestellt werden könnten. An ihrer Stelle habe den Ausschuß folgende Fassung entworfen:
„Die Republik soll der Bürger in seiner Person, Familie, Religion, Eigenthum und Arbeit beschützen und ihn in Stand setzen, sich den allen Menschen nöthigen Unterricht zu verschaffen. Sie soll durch brüderliche Unterstützung die Existenz hülfsbedürftiger Bürger sichern, sei es indem sie ihnen Arbeit giebt, nach Maaßgabe ihrer Quellen, sei es daß sie in Ermangelung von Familien denjenigen Hülfe gewährt, die arbeitsunfähig sind.“
Diese neue Redaktionsweise wird angenommen; die gefährliche erste Hälfte des § 8. somit erledigt.
Zur zweiten Hälfte sind mehrere Amendements gestellt, die jedoch Vivien bekämpft.
Rour Carbonnel und Puysegur stellen folgenden Nachtrag:
„Die Nat.-Versamml. erklärt daß dieser Grund-Pakt nicht früher in Kraft tritt, als nachdem er vom Volke genehmigt ist, das zu diesem Zweck in Ur-Versammlungen durch geheime Abstimmung mit Ja und Nein zu entscheiden hat.
Dieser Nachtrag, der ein Veto in sich birgt, ruft eine stürmische Diskussion hervor Ledru-Rollin unterstützt ihn, möchte ihn jedoch ans Ende der Verfassung stellen.
Chapot bekämpft diesen Einwand und findet den Antrag besser vorn am Platz.
Detours schlägt ein andere Fassung vor, die aber Martin (der Straßburger) im Namen des Verfassungsausschusses bekämpft.
Man ruft rechts: Schluß! Schluß!
Der Berg dringt auf Abstimmung durch Zettel. Dies geschieht und der Tod des Vetos, d. h. die Question préalable wird mit 543 gegen 180 Stimmen ausgesprochen.
Deslongrais legt das Ausschußgutachten über die neue Salzsteuergesetzgebung auf den Präsidialtisch (Die Einleitung ist angenommen).
Marrast: Jetzt gehen wir zur Berathung der eigentlichen Verfassung über. Er liest: Erstes Kapitel. Von der Souverainetät.
„Artikel I. Die Souverainetät sitzt in der Gesammtheit der französischen Bürger. Sie ist unveräußerlich und unbeschränkbar. Kein Individuum, kein Theil des Volks kann sich deren Ausübung aneignen“
Pierre Lerour erhält das Wort. Jeder Volksvertreter, beweist er zuerst, habe das Recht, einen schriftlichen Vortrag zu halten. Die neuliche Protestation gegen ihn zerfalle also in nichts. Bezüglich des Verfassungs § selbst habe er nur wenig zu sagen. Verfassungen dürften nicht nach einer methodischen Ordnung gemacht werde. Was heiße das, die Souverainetät sitze in der Gesammtheit aller Bürger? „Das sei Trug und Unsinn.“ Ebenso der Rest. Die Souverainetät übt ja doch nur die Gewalt, die man Staat nenne und die Presse. Er schlägt folgende Fassung vor.
„Die Souverainetät gehört keinem Fürsten oder Kaiser noch einer Kaste oder Klasse, sie ist in jedem Burger, in Jedermann. Die Presse ist ein Ausdruck (Lerine, der Souverainetät.“ (Lärm, ja Tumult folgt diesem Amendement.) Es wird verworfen.
Pierre Lefranc trägt dann darauf an, aus dem ersten Kapitel das zweite zu machen.
Vivien bekämpft diesen Antrag Lefranc's. Er wird verworfen.
Huor beantragt einen langschweifigen Zusatz. Wird verworfen.
Das Kapitel I. ist angenommen.
Kapitel II lautet: „Niemand darf arretirt oder gefangen gesetzt werden ausser nach den Vorschriften der Gesetze.
Isambert sieht keine genügende Gewähr für die persönliche Freiheit hierin. Dabour schlägt ein Anhängsel vor, Dusaure bekämpft es. Kapitel II. wird angenommen.
Artikel 3 und 4 werden ohne wesentliche Debatte angenommen.
Artikel 5 wird dagegen stark debattirt. Er handelt bekanntlich von der Todesstrafe und lautet;
„Die Todesstrafe ist in politischen Dingen abgeschafft.“
Coquerel, Pfarrer, trägt auf Streichung der Worte „in politischen Dingen“ an. Er will die Abschaffung im Allgemeinen.
Lagrange, Victor Hugo, Tracy und Laboulie unterstützen die Absicht dieses philantroischen Seelsorgers.
Ayles bekämpft sie. Unser Gefängniß- (Zellen-) Wesen sei noch nicht vollständig genug. Er will das Beil nur für politische und Liebesverbrechen abgeschafft wissen. Sein Vortrag erregt Mißfallen.
Freslon erklärt das Köpfen für eine sociale Nothwendigkeit. (Murren.) Viele Gesetzgebungsversammlungen hätten die Todesstrafe schon abgeschafft und sich gezwungen gesehen, sie immer wieder einzuführen. Derjenige, der Blut vergießt, dessen Blut müsse wieder vergossen werden. Das öffentliche Gewissen verlange dies. Man erinnere sich nur an die Ermordung des Generals Breda. (Agitation in verschiedenem Sinne.) Das Volk strafe ja sogar die Diebe mit dem Tode. (Widerspruch zur Linken.) Es würden ohne die Furcht vor dem Schaffot viel mehr Verbrechen verübt werden (Denegation vom Berge. Beistimmung zur Rechten).
Dampierre, Wolowski und Favre eilen zugleich auf die Bühne. Ersterer behauptet sich darauf und spricht einige Worte, die aber der Ruf: Schluß! Schluß! Nein! Nein! übertaubt. Der Berg will die Diskussion fortgesetzt wissen Marrast läßt abstimmen. Der Berg siegt.
Die Debatte über die Todesstrafe wird demnach am Montage fortgesetzt. Die Sitzung wird um 6 Uhr geschlossen.
National-Versammlung.
Sitzung vom 16. September. Vizepräsident Pagnerre eröffnet um 1 Uhr die Sitzung. Er zeigt der Versammlung den Tod ihres Kollegen Darragon an. An der Tagesordnung befinden sich zunächst Supplementar-Kredite für 1847.
Nach ihrer Erledigung erhält Base das Wort, um Interpellationen an den Minister des Innern zu richten. Heute früh, beginnt er, habe der National einen Artikel gebracht, der eine Thatsache von hoher Wichtigkeit enthalte. (Die schrecklichen Junikämpfe, lautet dieser Artikel Die Verbreitung gewisser sozialistischer Lehren, die Lage des Handels und das öffentliche Elend rufen in gewissen Departements einen blinden Widerstand gegen das republikanische Prinzip hervor. Es scheint, General Cavaignac habe es für nöthig geglaubt, eine Maßregel zu ergreifen, deren Zweck sei, die Departements über die wahren Gesinnungen der National-Versammlung und der Regierung aufzuklären und dadurch die irregeführten Meinungen wieder zu gewinnen. Eine Anzahl Repräsentanten habe sich zu diesem Zweck beim Konfeilpräsidenten diesen Morgen versammelt und sei von ihm gebeten worden, eine Sendung in die Departements anzunehmen. Diese Sendung solle ganz versohnender Natur und gleichzeitig zum Zweck haben, die Regierung vom wahren Zustand der Meinungen und Verwaltung in den Departements zu unterrichten). Der Redner verlangt Aufklärung über dieses Faktum vom Minister.
Senard, Minister des Innern, erwidert, die Regierung mache keinen Journalen Mittheilungen. (Doch, doch! dem National) Der National ist ihr eben so fremd wie alle andern. (Ah!) Was das von ihm angeregte Faktum betrifft, so ist dasselbe insofern wahr, als die Regierung wirklich die republikanische Fahne in allen Gegenden geachtet und geliebt sehen möchte. Sie hat sich daher entschlossen, mit den Departementsbeamten in genaue Verbindung zu setzen und eine General-Inspektion aller Verwaltungsbehörden verordnet. Sie muß wissen, was im Lande vorgeht und ob ihre Verordnungen genau befolgt werden. Nur auf diese Weise könne Vertrauen erwachen. [Stimme: Dafür sind wir ja hier! Sie haben die National-Versammlung!] Ohne Zweifel ist die National-Versammlung Alles für uns; eben darum wollen wir durch ihre Glieder mit dem Lande vermitteln. [Lärm. Stimme: Ihr wollt Späher ins Land senden, um Euch zu berichten] Auf derartige Unterbrechungsstürme war ich nicht gefaßt. Jeder von uns begreift, daß wir den eigentlichen Zustand der Geister nicht mehr kennen; seit 6 Monaten befinden wir uns aus der Heimath entfernt und die brieflichen Mittheilungen widersprechen sich in allen Richtungen. Unter diesen Umständen und bei den Gährungen auf dem platten Lande, halten wir es nöthig Emissäre zu schicken, die uns berichten und das Land beschwichtigen. Die National-Versammlung selbst verlieh ja der Regierung das Recht, einzelne ihrer Glieder zu verschicken. Nichts scheint also natürlicher, als der Versammlung vorzuschlagen, uns einige ihrer Glieder beizugesellen. [Stimme: Das ist eine Koterie!]
Ich höre von Koterien, das befremdet mich um so mehr, als ja die Wahl der Emissaire noch nicht getroffen. [Ah! Ah! Allons dons! Fürchterliche Unterbrechung].
Der Minister harrt lange auf der Tribüne, ohne ein Wort sprechen zu können. Der Tumult erdrückt ihn, endlich hören wir ihn noch die Versicherung aussprechen, daß diese Sendungen nur bestimmt seien, um das Vertrauen in die Zukunft beim Landbürger zu wecken. Er tritt ab.
Base: Die Thatsache ist also wahr! Ich begreife die Fürsorge der Regierung, sie ist noch neu und stößt auf Revolten. Aber hat ihr denn unser Rath und Beistand je gefehlt? Warum müssen wir ihre wichtigsten Entschlüsse zuerst in Journalen lesen? Viele im Saale erfahren das Faktum sicher erst durch meine Interpellation. Warum sich nur an Einzelne von uns wenden? Wenn es sich um das Heil der Republik handelt, müsset Ihr Minister Euch zuerst an uns Alle wenden. (Tumult.) Diese Sendungen werden nur eine gewisse polit. Farbe tragen. (Neuer Tumult.) Ihre Folgen werden traurig sein.
Sarrans, obgleich er erst durch die Debatte die Maaßregel erfährt, billigt sie.
Fallour schlägt vor, die ministrielle Maaßregel einer Commission zu begutachten zu überweisen.
Senard verlangt unbedingtes Vertrauen und bekämpft diese Ueberweisung. Während seiner ganzen Rede verrieth die Versammlung die unzweideutigsten Beweise des Mißbehagens. Der Minister wiederholt am Schlusse, daß die Maaßregel durchaus nöthig. Die Lage des Landes erheische sie. Er begibt sich in großer Wallung auf den Platz.
Marie, Justizminister, besteigt die Bühne und erklärt, daß die Regierung aus der Maaßregel eine Kabinitsfrage mache. Er trägt darauf an, durch Abstimmung zur Tagesordnung zu schreiten.
Dieser Erklärung folgt eine unbeschreiblich Aufregung. Aus allen Richtungen drängen sich die Repräsentanten zu den Ministerbänken Man schreit von allen Seiten. Besonders Cavaignac wird heftig interpellirt. Das Gedränge ist fürchterlich.
Alle Minister erheben sich und gehen aus dem Saale. De la Moriciere setzt seinen Hut mit Heftigkeit im Saale auf und, die um ihn stehenden Interpellanten zurückweisend, folgt er zornig seinen Kollegen.
Pause. Zahlreiche Gruppen.
Die Minister kehren nach einer langen Weile in den Saal zurück.
Marrast erscheint auf der Bühne. Der Lärm läßt ihn nicht zu Worten kommen. Er schwenkt einen Zettel in der Hand und liest endlich: Ich schlage folgenden Antrag vor:
„Die Nationalversammlung schreitet nach den angehörten Explikationen und der Vollziehungsgewalt, die Würdigung der beabsichtigten Maaßregel überlassend, zur Tagesordnung.“
Dieser Antrag geht nach 2maliger Abstimmung durch. Pagnerre will die Sitzung noch fortsetzen. Aber die Versammlung trennt sich schon um 5 ein halb Uhr in großer Aufregung. Diese Sitzung hat die Macht der Regierung gebrochen.
Großbritannien.
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@facs0530
[ * ] London, 16. Sept.
Der neue Aufstandsversuch in Irland ist, wie sich erwarten ließ, schnell unterdrückt worden. Die irischen Journale geben die Liste der Geschwornen, die in dem Prozesse S. O'Brien und Genossen fungiren werden. Diese Liste, in welcher sich auf 22 Geschworne nur 4 Katholiken befinden, ist aus den großen Grundbesitzern der Grafschaft zusammengesetzt. Ludwig Napoleon hat sich in Southampton nach Havre eingeschifft.
Portugal.
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@facs0530
[ * ] Lissabon, 10. Sept.
Man befürchtet, auch hier die Cholera binnen Kurzem ausbrechen zu sehen. Deshalb sind neue Quarantaine-Bestimmungen getroffen worden. Die hiesige Regierung dringt auf Abänderungen des Handelsvertrags mit England vom Jahr 1842 und hat dem Lord Palmerston darüber Eröffnungen zugehen lassen.
Amerika.
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@facs0530
[ * ]
In Liverpool ist die „Cambria“ mit Nachrichten aus New-York vom 30. Aug. angelangt. Die Präsidentschaftsfrage ist der vorherrschende Gegenstand der Besprechung in allen Theilen der Union. Im Südwesten wird eine Landexpedition nach der Sierra Madre vorbereitet. Aus Mexiko die Nachricht, daß der Paredes'sche Aufstand vollständig unterdrückt ist. Der mexikanische Kongreß beschäftigte sich mit dem Tarif; er wird mehrere Zölle herabsetzen, namentlich die auf Baumwolle aus den vereinigten Staaten. Die amerikanischen Journale wollen wissen, daß in Jamaica ein Negeraufstand vorgekommen, bei welchem viele Schwarze getödtet worden.
Nachtrag.
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@facs0530
[ !!! ] Frankfurt, 17. Sept.
Frühe um 2 1/2 Uhr. Gestern nach dem Schluß der Nationalversammlung sammelte sich die vereinigte Linke im „Deutschen Hof.“ Man berieth darüber, aus der Versammlung auszutreten, ein neues Vorparlament zu bilden und sich permanent zu erklären. ‒ Die Sitzung war außerordentlich stürmisch. Das Volk kam in Massen herbei, Blum und Simon aus Trier sprachen und verlangten vom Volke Zeit zur Beschlußnahme. Die Massen zerstreuten sich. Es kamen Deputationen von allen demokratischen Vereinen und vom Arbeiterverein Frankfurt's, welche überall versammelt waren. Die Deputationen aller Vereine einhellig verlangten Austritt der Linken aus der Nationalversammlung und Bildung eines neuen Parlaments. Benedey sprach zur Mäßigung. Schlöffel, Wesendonk, Simon von Trier verlangten die Erfüllung des Volkswillens. Es kamen neue Abgeordnete mit der Nachricht von Unruhen in der Stadt. Rösler von Oels, indem er verkündigt, daß man soeben vor Westendhall, dem englischen Hof u. s. w. demolirt, verlangt, man soll sich nicht übereilen, Morgen in Ruhe einen so wichtigen Beschluß besprechen. Doch verspricht er sich der Majorität zu unterwerfen. Während seiner Worte hört man draußen Generalmarsch schlagen. Die Aufregung steigt. Man beschließt schnell für Morgen um 3 Uhr eine große Volksversammlung auf der Pfingstweide, und für Morgen Abend Fortsetzung der Berathung über den Austritt.
Auf die Nachricht von dem Beschluß der Volksversammlung werden alle Orte aus der Umgegend noch in der Nacht durch Deputationen eingeladen, Riesenplakate angeschlagen.
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[ !!! ] Frankfurt, 17. Sept.
Berichtigung. In meinem gestrigen Bericht lesen Sie, daß der Exminister Heckscher zur Ordnung gerufen wurde, weil er gesagt: man hätte nicht den Muth, Preußen ein Mißtrauensvotum zu geben. Der Ordnungsruf hat seine Richtigkeit, aber das „Warum“ ist falsch. Der Exminister warf der linken Seite des Hauses vor: das Volk zu Aufruhr anzureizen; deshalb wurde er zur Ordnung verwiesen. Der fortwährende Tumult, der die Rede des Exministers begleitete, war Grund dieses Mißverständnisses.
Auch ist wohl zu merken, daß der Abgeordnete Waiz (auch ein Schleswig-Holsteiner) trotz seiner ausgezeichneten Rede für die Verwerfung, bei der Abstimmung für die Annahme stimmte.
Compes, Bürgers, Stedtmann und Konsorten stimmten für Annahme.
Handels-Nachrichten.
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Der Gerant: Korff.
Druck von J. W. Dietz, unter Hutmacher Nr. 17.