[0573]
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 115. Köln, Freitag den 13. Oktober. 1848.
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Die „Kölnische Revolution.“ ‒ Interpellationen.) Wien. (7. Oktober. ‒ Der Tod Lataurs. ‒ Verhalten des Volkes. ‒ Jellachich. ‒ Der Reichstag. ‒ 8. Oktober. ‒ Proklamationen. ‒ Nähere Nachrichten. ‒ Beschlüsse des Reichstags. ‒ Proklamation des Vereins zur Wahrung der Volksrechte.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Berlin. (National-Versammlung ‒ Militairische Maßnahmen. ‒ Das Bürgerwehrgesetz. ‒ Bakunin's Ausweisung.) Potsdam. (Protest der Stadtverordneten gegen die Garde-du-Corps.) Posen. (Nachahmung der Kölner Gutgesinnten.) Dortmund. (Ein Arbeiteraufstand.) Zwickau (Befreiung eines Gefangenen.) Schleswig. (Statistik der im dänischen Krieg Gefallenen und Verwundeten.)
Italien. Genua. (Der Angriff auf Venedig.)
Belgien. Brüssel. (Die „Nation“ über Engels und Dronke).
Holland. Haag. (Annahme der neuen Constitution.)
Frankreich. Paris. „La Presse“ über Cavaignac. ‒ Neue Justiz. ‒ Journalurtheile über das Ministerium. ‒ Vermischtes. ‒ Nationalversammlung.
Deutschland.
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Edition: [Karl Marx: Die „Kölnische Revolution“, vorgesehen für: MEGA2, I/8. ]
[ ** ] Köln, 12. Oktober.
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[ * ] Köln, 12. October.
Wie erlauben uns mehre unverfängliche Interpellationen an verschiedene hohe Behörden zu richten.
Zuerst an Herrn Pfuel. Was ist aus Neufchatel geworden, das vor der Februarrevolution im preußischen Moniteur nicht mehr unter der Rubrik „Schweiz“, sondern nur noch unter der Rubrik „Preußen“ figurirte? Hat Herr Pfuel schon Anstalten getroffen, unser Neufchatel wiederzuerobern?
Ein löbliches Justizministerium ersuchen wir, dem Publikum zu erklären, aus welchen tiefliegenden Gründen ein tauber 70jähriger Greis zum Präsidenten eines Anklagesenats ernannt worden ist? Die Göttin der Gerechtigkeit mag der Tradition gemäß blind sein. Sie auch des Hörsinns zu berauben ist eine frivole Neuerung. Vielleicht können die in Berlin beschäftigten Herren M., H. und S. einem hohen Ministerium Data zur Aufklärung dieses „Mißverständnisses“ geben.
Endlich erlauben wir uns eine Interpellation an den Herrn Reichsminister Schmerling zu richten. Hat er Anstalten getroffen, um Reichstruppen zur Aufrechthaltung der Ruhe nach Wien zu beordern? Offenbar sind die Unruhen in Wien gefahrdrohender für Deutschlands Ruhe, als die Unruhen in Siegmaringen. Jetzt ist der Moment für die Reichsgewalt gekommen, ihre energischen Erlasse zu bewahrheiten durch die That.
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[ 61 ] Wien, 7. Octob. 9 Uhr Abends.
Ueber die Umstände bei Latour's Tode vernimmt man noch gar mancherlei, wovon vieles unwahr. Er soll weder auf dem Boden noch auch auf dem Abtritt, sondern in seinem Zimmer sitzend ergriffen worden sein und beim Eindringen des Volks ausgerufen haben: Für eine Kugel bin ich bereit! Ein Garde entgegnete ihm darauf: Eine Kugel bekommst du nicht, wohl aber wirst du gehängt. Nun wurde er die Stiege hinabgeschleppt, wobei er schon einen Hieb in's Genick und einen Stich in den Hals erhalten und dann die Hände gefalten haben soll. Nach andern führte man ihn ruhig in den Hof des Kriegsgebäudes und er soll daselbst, da der Hof mit Militär angefüllt war, plötzlich mit der gewöhnlichen Soldatenarroganz ausgerufen haben: Wißt ihr, wer ich bin? worauf ihm ein Garde einen Hieb in's Gesicht versetzt habe, ohne daß das rundumher aufgestellte Militär sich rührte. Latour war auch beim Militär durchaus verhaßt, so daß selbst das nicht übergetretene Militär sich geäußert haben soll: Wir erschießen zuerst die Studenten und dann den Kriegsminister. Sämmtliche Briefschaften Latour's wurden von Leuten aus dem Volke hinweggebracht; sie sollen eine Menge Personen, namentlich auch den ungarischen Ministerpräsidenten Batthyany bedeutend kompromittiren. ‒ Eine schauerliche Oede herrscht in diesem Augenblick in den Straßen der Stadt. Das Volk, welches jetzt schon in der zweiten Nacht zu keinem Schlaf kommt, zeigt eine unglaubliche Ausdauer, einen entschlossenen Muth. Außer den Franzosen giebt es schwerlich ein Volk, was mit solcher gemüthlichen Scherzhaftigkeit in den Tod rennt, als das wiener und östreichische überhaupt. Man glaubt mit ihnen in's Kaffeehaus zu gehen, so leicht ziehen sie dem Feind entgegen. ‒ Einem Gerüchte zufolge soll Jellachich in Eilmärschen auf Wien zueilen. Die ungarische Armee, vor welcher er flieht, soll ihm auf dem Fuße folgen. Man glaubt, er habe sich mit den nordslavischen Regimentern verstärkt. (In diesem Augenblick ertönt aus den fernen Vorstädten ein gewaltiger Generalmarsch [Fortsetzung]
[Feuilleton]
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„Kein schöner Ding ist auf der Welt Als seine Feinde zu beißen.“
(Fortsetzung statt Schluß.)
V.

Da klang durch die Berge ein Posthorn hell;
Es klang immer lust'ger und froher.
Das ist, ich wette, der Postillon
Von Lonjumeau, lieber Herr Soherr!
Doch Soherr spitzte sein Ohr und sprach:
„Sie irren sich! An den hellen
Tönen, da hor ich, es ist die Post
Die kommt von der heil'gen Stadt Köllen!
Die bringt uns die Kölnische Zeitung.“ ‒ Und
Mein Jubel der wollte nicht enden.
Und wahrlich, nach zehn Minuten hielt
Ich das theure Blatt in den Händen.
Und freute mich, daß die ehrliche Stadt
Noch steh' auf demselben Flecke;
Und daß man noch Pisporter trinke daheim
Zu köstlichem Schnepfendrecke.
Und daß die Bevölk'rung sich keineswegs
Ueber all ihr Mißgeschick härme;
Ja, daß man für die Soldaten jetzt
Wie für kleine Mädchen schwärme.
Und daß die Heuler am Leben noch
Und die Wühler gekrochen zu Kreuze;
Daß Herr Joseph gesund noch ‒ und oben auf
Seine vier literarischen Käuze.
Daß Herr Levy noch schreibe die Feuilletons,
Daß der Witz des Herrn Wolfers nicht holpre;
Und daß der Herr Brüggemann wieder herum
Auf dem alten Rechtsboden stolpre.
Ja, die Kölnische las' ich! Drin annoncirt
Citrone und Pumpernickel ‒
In ihren Annoncen ist's, wo sie giebt
Ihre besten polit'schen Artikel
Bescheidenheit ist's, daß stets sie versteckt
Ihr Bestes nur produciret ‒
Die „Rheinische“ trug es frech auf der Stirn,
Drum ward sie suspendiret.
Die arme Rheinische ‒ ach! schon tod!
Doch wartet: Empor einst rütteln
Wird die zur Hölle Gefahrene sich
Und keck ihre Locken schütteln.
Ja, schüttelnd ihr ambrosisch Gelock,
Wird hoch zu Gerichte sie sitzen:
Zu spielen mit ihrem Donnerkeil
Und mit ihren schlechten Witzen.
IV.
So sprachen wir wohl; und Soherr, mein Freund.
Viel köstliche Spässe machte.
Der junge Herr Morgen verschiedene Mal
Seine herzlichen Thauthränen lachte.
Und ein Lüftchen wehte von Rüdesheim
Und kräuselte über die Wellen;
Und küßte am Strande des Herbstes Blum
Und die Trauben, die dunklen und hellen;
Und schwang sich bergan und es tönte leis
Die Aeolsharfe wieder ‒
Und es war mir, als sänge der Geister Chor
Ein Lied aus dem „Buche der Lieder.“
Aus deinem Buche, du kranker Schwan,
Der du mußtest die Tage verbringen
Im Exile, indeß der Heimath Höh'n
Von deinem Ruhme klingen. ‒
Doch Herr Soherr sprach: „Ich glaube, es ist
Am besten, wir steigen zu Thale
Und frühstücken Austern und Kaviar,
Oder Käse, oder Lax, oder Aale.
Ich gebe Ihnen ein gutes Glas
Von einer verständigen Sorte. ‒ “
Sprach's. ‒ Und ich erkannte den tiefen Sinn
Dieser höchst gewichtigen Worte.
Und der Keller erschloß sich. Und balde war'n
Wir in sehr erfreulicher Andacht;
Und nicht an Herrn Engels und nicht an Köln
Sondern nur an den Wein Jedermann dacht.
Und sangen: O Jerum, Jerum, Je!
Und lagen uns in den Armen.
Hosiannah! ‒ Da flogen die Thüren auf
Und herein traten zwei Gensdarmen. ‒ ‒
(Schluß folgt).
[0574] [Spaltenumbruch]
[Deutschland]
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[Fortsetzung] durch die stille Nacht.) Ein Brief aus Presburg vom 4. Octob., die einzige direkte Nachricht aus Ungarn, die ich heute aufgetrieben habe, könnte dies bestätigen. Es heißt darin: „Die Nordslaven haben sich, trotzdem sie schon gänzlich gesprengt waren und ihr Anführer Hodza erschossen sein soll, unter Hurban und Stur, die frische Horden von Mähren brachten, wiederum gesammelt und bei Miava ein Lager bezogen.“ ‒ Wenn das Gerücht von dem Anzug Jellachich's sich bestätigt, so wird in und um Wien eine Hauptschlacht geliefert. ‒ Vom Lande habe ich heute wenig gehört; 500 bewaffnete Bauern kampiren in der Brigittenau mit dem zurückgekehrten italienischen Regimente.
Um 5 Uhr las Schuselka seine Adresse an den Kaiser und die Proklamation an die Völker Oestreichs im Reichstage vor. Die erste ist sehr bescheiden, die letzte sehr ordnungsmäßig, ruhig. Die Kammer ist viel zahlreicher als am Morgen. Außer einigen Czechen und Bureaukraten sind auch viele entflohene Frösche der Centren wieder auf ihren Plätzen, laufen aber sogleich wieder davon, wenn in der Ferne der Tambour schlägt. Unter diesen Fröschen zeichnen sich zumal Gobbi und Neuwell aus. ‒ Schuselka's Proklamation wird quintamäßig geschulmeistert, aber man disputirt nur über Worte, den Bourgeois-Geist und die Feigheit hat Schuselka darin so trefflich eingebracht, daß die Proklamation von dieser Seite unangefochten bleibt. Die Proklamation soll in Hunderttausenden von Exemplaren in die Provinzen geschleudert werden, jeder Abgeordnete soll davon in der Sprache seiner Wähler 40 erhalten, alle Behörden und sogar die Generalkommando's sollen damit beglückt werden und Schuselka's Styl bewundern lernen. ‒ Ich bemerke Lubomirski, Doliak, Jorak und einige andere Czechen wieder auf ihren Bänken.
Zimmer beantragt, der Reichstag solle dem Grafen Auersperg den Befehl ertheilen, seine drohende Stellung am Belvedere und im Parke des Fürsten Schwarzenberg aufzugeben und die Stadt zu verlassen. ‒ Es geht an den Wohlfahrtsausschuß, den man aber nun bereits zur bloßen Kommission degradirt hat. Der gutmüthige Wohlfahrtsausschuß oder die Kommission erhält von Auersperg die Antwort: er kenne keinen Reichstag, er kenne nur einen Kaiser, der ihm zu befehlen habe. Schuselka zeigt sich einigermaßen verwundert über diesen impertinenten Ungehorsam; Auersperg aber steht noch immer, wo der zum Nikolaus entflohene Ferdinand ihn hingestellt.
Borrosch hat noch gar nicht geschlafen und beantragt, der Reichstag wolle erlauben, daß 1/4 seiner Mitglieder auf etwa 8 Stunden schlafen gehen, 2/3 aber bleiben sollen und sofort. Der Antrag fällt durch; die ganze Permanenz bleibt auch für diese Nacht.
Heimerl beantragt die Aufhebung der Permanenz; das ganze Centrum und ein Theil der Linken erheben sich. Es ist offenbar die Majorität, allein Präsident Smolkameint, es sei die Minorität Die Kammer hat nicht den Muth, zu widersprechen. Es wird der Antrag angenommen, daß der Reichstag sich bei der geringsten Störung während der Nacht immer zusammenhalte; ferner wird die permanente Kommission um 10 Mitglieder verstärkt. Der Czeche Jorak will durchaus nicht dabei sein. Ich vermisse den Abgeordneten und Exminister v. Schwarzer. Der Zeughaussturm soll ihn vertrieben haben, die Bewaffnung der Arbeiter hat ihm vermuthlich seine Fünfkreuzersünden ins Gedächtniß zurückgerufen. Der Moment ist kitzlich, darum enthält sein kluges Blatt heute auch nicht eine Silbe über die gestrigen Ereignisse.
Umlauftmuthet dem Wohlfahrtsausschusse zu, das Nationalgardengesetz zu revidiren und die Revision in 36 Stunden dem Reichstag vorzulegen. Kraußwehrt sich entsetzlich gegen diesen nichtministeriellen Terrorismus. Jorak dem, da er ein Czeche ist. Lubomirski katerhaft zulauert, äußert sich wie der Minister; er will nur ein provisorisches Nationalgardegesetz. Borrosch hält das Gemeindegesetz und die Konstitution für dringlicher; er ist schon mit einem bloßen Nationalgardereglement zufrieden. Umlauft beruft sich darauf, daß Doblhof ihm schon am 14. August versprochen, in 14 Tagen ein Nationalgardegesetz einzubringen.
Borroschwill nicht, daß man dem noch so neuen, unausgebildeten Ministerium Vorwürfe mache. Die Fahrt nach Schönbrunn scheint unserm Borrosch überhaupt recht wohl bekommen zu sein. Die Versammlung singt schon wieder im besten alten Ton, da kommt die Nachricht, das Militär beginne auf der Wieden zu plündern, nachdem es schon am Nachmittage seine Bedürfnisse nicht mehr bezahlt habe. Jorak, der für Strobach II gelten kann, fährt darauf wieder im Nationalgardengesetz fort. Es wird darüber eine motivirte Tagesordnung Hagenauers angenommen, worauf Sierakowski beantragt, der Reichstag solle durch fünf Mitglieder eine Proklamation an die Armee verfassen lassen; die Kapitulationszeit auf drei Jahre herabsetzen; die Körperstrafen beim Militär abschaffen; die Regimentsinhaberschaft aufheben und die Beförderungen nach Verdienst geschehen lassen. Er meint, da der Bauer und Jude etwas bekommen, so müsse auch der Soldat etwas erhalten. Wollte Sierakowski sich oder den Reichstag damit den am Belvedere stehenden polnischen Regimentern empfehlen? Borrosch nennt diesen Antrag, weil kein Kriegsminister da und der dagewesene gehangen sei, einen unordentlichen. Man geht darüber zur Tagesordnung über. Kudlich beantragt, der Reichstag möge eine Kommission zur Vertheidigung der Stadt ernennen, die als Mittelpunkt aller Operationen diene, wenn die Stadt angegriffen würde. Er versichert, daß der Reichstag nur auf diese Weise Herr der Bewegung (?) bleibe. Der Oberkommandant Scherzer sei selber dieser Meinung und wolle nicht allein stehen, da Volk und Militär beim Parke Schwarzenbergs sich immer schroffer neckten.
Borrosch erklärt sich gegen eine solche Kommission, die sich für einen parlamentarischen Reichstag nicht gezieme. Er meint, der neue Gemeinderath sei dasjenige Organ, welches diese Angelegenheit zu besorgen habe. Einigen Abgeordneten wird bang, besonders da einer fünf Männer zur Kommission empfiehlt; sie laufen davon. Borrosch protestirt gegen die Fünfmännerherrschaft. Der Tambour schlägt, es wird unheimlich im Reichstage. Der Präsident bringt die Anträge zur Abstimmung. Umlauft's Antrag, der Reichstag möge dem Oberkommandanten Scherzer militärisch gebildete Mitglieder aus der Kammer zugesellen, fällt durch; dagegen wird Borrosch's Antrag, den Wohlfahrtsausschuß mit Mitgliedern zu verstärken, die militärische Kenntnisse besitzen, angenommen. Somit ist der Antrag Kudlichs beseitigt und das Volk bleibt verrathen. In dem Augenblicke, wo ich diesen Brief schließe (11 Uhr), ist noch alles ruhig; nur hie und da ertönt eine Glocke oder eine Trommel. Das Volk hält sich äußerst wachsam. Es wird sich zeigen, wer zuerst ermüdet, ob Volk oder Militär.
Die ungarischen Zeitungen sind heute wieder nicht angekommen. Seit zwei Tagen sind auch die hiesigen auf den Straßen verschwunden, weil auch die Ausrufer unter den Waffen sind. In meinem Hause wohnen Gesandte, Hofräthe und Fürsten, sie sind alle entflohen und ließen ihre besten Habseligkeiten auf die furchtsamste, geheimnißvollste Weise, wie Diebe, davontragen.
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[ 61 ] Wien, 8. Okt.
Statt des in der Nacht mit Bestimmtheit erwarteten Bombardements Auersperg bekamen wir heute Morgen folgende Auerspergische Kundmachung:
Zur Beruhigung wird nachfolgendes vom Ministerrathe dem hohen Reichstage mitgetheilte Schreiben des kommandirenden Generals Grafen Auersperg zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Wien, 7. Oktober 1848.
Franz Smolka, erster Vizepräsident.
Vom konstituirenden Reichstage, Wiser, Schriftführer.
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An einen hohen Ministerrath!
Die gestrigen Ereignisse haben mich veranlaßt, die in verschiedenen Kasernen zerstreuten Truppen der Garnision auf einen einzigen militärischen Punkt zu konzentriren, um selbe vor jedem weiteren Insult und Angriff sicher zu stellen. Es ist dabei durchaus keine feindselige Absicht, ja, es wird mir sehr erwünscht sein, bei eintretender Ruhe und Beseitigung jedes weitern Angriffs auf das Militär, von dem jedoch gerade in diesem Augenblicke die verschiedensten Gerüchte herumgehen, diese außerordentlichen Maßregeln aufzugeben und in das gewohnte Verhältniß zurückzuführen.
Ueber die stattgefundenen Feindseligkeiten von Seiten des Militärs habe ich schon zu wiederholten Malen mein Bedauern und die Versicherung ausgesprochen, daß hiergegen die strengsten Verbote ergangen sind. (Noch gestern Abend wurde ein Bauer von dem polnischen Regimente Nassau zerhackt).
Wien, 7. Oktober 1848.
Graf Auersperg.
Die beiden folgenden Aktenstücke sind noch ungedruckt.
Manifest des Kaisers an die Völker Oestreichs!
Was ein Herrscher an Güte und Vertrauen seinen Völkern erweisen kann, das habe Ich erschöpft.
Mit Freude entsagte Ich der unbeschränkten Gewalt, welche Meine Vorfahren Mir hinterlassen, um durch größern Spielraum der Selbstständigkeit die Kraft, den Wohlstand, das Selbstgefühl Meiner Völker zu heben. Bereitwillig gestattete Ich die Verfassung nach dem Vorbilde, welche die Richtung der Zeit und der allgemeine Wunsch zu fordern schien und wenn die Gewaltthat des 15. Mai (aha!) Mich die Wohnung Meiner Ahnen zu verlassen zwang, so ward Ich doch nicht müde, zu geben und zu gewähren und auf breitester Grundlage des Wahlrechtes ward ein Reichstag berufen, welcher mit Mir zur Feststellung einer alle Interessen befriedigenden Verfassung zusammenwirken sollte.
Hierauf kehrte Ich in Meine Hauptstadt zurück ohne für Meine Sicherheit eine andere Bürgschaft zu verlangen, als das Rechtsgefühl und die Dankbarkeit der Oestreicher.
Doch eine an Zahl geringe, durch Verwegenheit starke Partei bedroht die Hoffnungen jedes Vaterlandsfreundes mit Vernichtung. Die Anarchie hat ihr Aeußerstes vollbracht, Wien ist mit Brand und Mord erfüllt; Mein Kriegsminister, den schon sein Greisenalter hätte schirmen sollen, hat unter den Händen einer meuchlerischen Rotte geendet.
In diesem entscheidungsvollen Augenblicke vertraue Ich auf Gott und Mein Recht und verlasse die Nähe Meiner Hauptstadt, um Mittel zu finden, der unterjochten Bevölkerung von Wien Hülfe zu bringen und die durch die empörendsten Frevel bedrohte Freiheit zu retten. Wer Oestreich, wer die Freiheit liebt, schaare sich um seinen Kaiser!
Schönbrunn, 7. Oktober 1848.
Ferdinand. m. p.
Völker Oestreichs!
Die Folgen verhängnißvoller Ereignisse drohen den kaum begonnenen Grundbau unseres neuen Staatsgebäudes zu erschüttern.
Der aus der freien Wahl der Völker Oestreichs hervorgegangene konstituirende Reichstag erkannte in den ernsten Stunden des 6. Okt. die heilige Pflicht, die er den Völkern gegenüber zu erfüllen und die schwere Verantwortlichkeit, die er vor der Mit- und Nachwelt zu tragen hat.
Als das Band der gesetzlichen Ordnung zu zerreißen drohte, bemühte sich der Reichstag, kraft seiner Völkervollmacht und durch Verständigung mit dem Volke von Wien, der Reaktion, wie der Anarchie entgegen zu wirken Er erklärte sich selber für permanent und wählte zugleich aus seinen Mitgliedern einen permanenten Ausschuß zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.
Aber der konstituirende Reichstag hielt auch die Stellung fest, die er dem konstitutionellen Throne gegenüber einnimmt und jederzeit unerschütterlich einnehmen wird.
Er entsendete eine Deputation an Seine Majestät den konstitutionellen Kaiser, um im innigsten Verbande mit dem allerhöchsten Träger der Souveränetät die Wünsche des souveränen Volkes zu erfüllen und dessen heilige Interessen zu wahren.
In stets bewährter Herzensgüte waren Seine Majestät sogleich geneigt, die Männer, welche das Vertrauen des Volkes verloren hatten, aus dem Ministerium zu entlassen, die Bildung eines neuen volksthümlichen Ministeriums zu verfügen und die aufrichtigste, den Interessen aller Völker Oestreichs, wie den Zeitbedürfnissen entsprechende Berathung der Angelegenheiten des großen Gesammtvaterlandes zuzusichern.
Leider wurden Se. Majestät am 7. Oktbr. zu dem beklagenswerthen Entschluße bewogen, Sich aus der Nähe der Hauptstadt zu entfernen.
Dadurch ist das Vaterland, ist das Wohl und die so herrlich errungene Freiheit unseres hochberufenen Vaterlandes abermals in Gefahr; Rettung und Erhaltung der höchsten Güter des Bürgers und des Menschen ist nur dadurch möglich, daß das Volk von Wien, daß alle östreichischen Völker, die ein Herz für ihr Vaterland haben, wieder jene thatkräftige politische Besonnenheit und jenen hochherzigen Edelmuth beweisen, wie in den Tagen des Mai.
Völker Oestreichs! Volk von Wien! die Vorsehung hat uns einen eben so hohen als schwierigen Beruf angewiesen; wir sollen ein Werk vollbringen, welches, wenn es gelingt, alles übertreffen wird, was die Weltgeschichte Großes und Herrliches aufzuweisen hat; wir sollen einen politischen Staatsbau ausführen, der verschiedene Völker zu einem brüderlichen Völkerstaat vereinigt, dessen unerschütterliche Grundlage das gleiche Recht, dessen Lebensprinzip die gleiche Freiheit Aller sein soll.
Völker Oestreichs! Der Reichstag ist fest entschlossen, für diesen hohen Beruf das Seinige zu thun; thut auch Ihr das Eurige. Euer Vertrauen hat uns berufen, nur durch Euer Vertrauen sind wir stark. Alles, was wir sind, sind wir durch Euch und wollen wir für Euch sein! Dem Gebote der Nothwendigkeit und dem Gesetze der konstitutionellen Monarchie folgend, hat der konstitutionelle Reichstag heute folgende Beschlüsse gefaßt:
a) daß die Minister Dobblhoff (wegen angeblicher Krankheit noch immer unsichtbar), Hornbostel und Kroniß, die Geschäfte aller Ministerien führend, nicht nur für die Ordnung in dieser Geschäftsführung Sorge tragen, sondern auch durch Beziehung neuer Kräfte den Erfolg derselben sichern, endlich Sr. Majestät den Vorschlag der neu zu ernennenden Minister schleunigst vorlegen und sich mit dem Reichstag in ununterbrochener Verbindung erhalten soll.
b) Sei eine Denkschrift an Se. Maj. aus Anlaß höchst Ihres Manifestes zu erlassen. Darin soll der konstitutionelle Kaiser über den wahren Stand der Dinge aufgeklärt und ihm aus ehrlichem Herzen die Versicherung gegeben werden, daß die aufrichtige Liebe der Völker unerschütterlich für Ihn ist.
Volk Oestreichs! Europa blickt mit Bewunderung auf uns und die Geschichte hat unsere Erhebung zur Freiheit unter ihre glänzendsten Thaten eingereiht.
Bleiben wir uns selber getreu. Halten wir unerschütterlich fest an der Achtung vor dem Gesetz, an der konstitutionellen Monarchie, an der Freiheit.
Gott schütze Oestreich.
Wien, 7. Oktober 1848.
Vom konstituirenden Reichstage Karl Wiser, Schriftführer.
Franz Smolka, Erster Vice-Präsident.
3 Uhr. Daß die Kamarilla nichts ausrichten wird, ist ziemlich gewiß, unsere Lage bleibt aber dennoch bedenklich, weil die Bourgeoisie und das bewaffnete Proletariat nicht friedlich neben einander gehen werden. Schon spricht man überall von an der Stadtgarde zu nehmenden Rache. Die Stadtgarde ist am 6. nur ausgerückt, um auf das Volk zu schießen und ist gestern zu Hause geblieben. Der neue Oberkommandant Scherper bemüht sich in einem Maueranschlag dieselbe beim Volke dadurch rein zu waschen, daß er vorläugnet, ein Theil der Stadtgarde habe mit dem Militär das Zeughaus vertheidigt. Auch der neue Gemeinderath macht sich heute in einem Plakate bemerkbar. ‒ Das Volk ist immer noch unter den Waffen, die Straßen sind noch voll Barrikaden. Der 6. Oktober kostete über 100 Todte und über 200 Verwundete, wie man sagt. Wohin der Hof geflüchtet ist, weiß man mit Bestimmtheit noch nicht. Adel, Beamte und reiche Bourgeoisie flüchten auch heute noch.
Ich höre, von dem in St. Pölten stehenden Regiment Heß treffe eben eine Deputation auf der Aula ein, welche, Offiziere an der Spitze, erklärt, mit dem Volke gemeinschaftliche Sache machen zu wollen. Sie verlangt, daß eine Gesandtschaft von Akademikern mit ihr nach St. Pölten zurückkehre, um das Regiment abzuholen. Man traut nicht recht. Auch von einem deutschen Jägerregimente, welches in der Nähe liegt, ist eine solche Deputation eingetroffen. Die Aula will den Vertheidigungsausschuß des Reichstags über die Sache konsultiren. Die Stadt wimmelt von Bauern aus allen Gegenden. Freiwillige treffen stündlich aus allen Städien ein, selbst aus Tyrol und Steiermark. Die Eisenbahn-Direktionen erklären in Maueranschlägen, kein Militär nach Wien befördern zu wollen. An einigen Linien hat das Militär gestern Schlachtvieh vom Eintritt in die Stadt zurückgehalten. Die Thore sind noch überall verbarrikadirt, die Basteien mit Geschützen bepflanzt, die von der Legion und Garde bedient werden. Während der Nacht brannten Wachtfeuer dabei.
Als ich um 11 Uhr den Reichstag besuchte, stellte Tucko den Antrag, zu beschließen, daß die Redaktion der Oesterreichischen Zeitung, deren Redakteur, wie ich gestern geschrieben, entflohen ist, ersucht werde, ihren im gestrigen Abendblatte gegebenen lügenhaften Bericht über den 6. Oktober zu widerrufen, da er dahin abziele, den Reichstag anzuschwärzen. ‒ Der Präsident Smolka meinte, das sei Aufgabe der Presse im Allgemeinen; Löhner aber versicherte, daß schon vorgesehen sei, daß ein solcher Widerruf erfolgte. Nun entspann sich eine Debatte darüber, wie die Reichstags-Proklamation an die Völker Oesterreich's möglichst schnell zu drucken und zu verbreiten sei. Da es ein Sonntag ist, so bleibt die Entscheidung wegen des Feierns der Setzer schwierig. Man beschließt alle Anstrengungen zu machen, um den Druck zu beschleunigen. ‒ Der 6. Oktober hat heute eine Legion von Maueranschlägen geboren, die alle aus dem eigentlichen Volke kommen und ziemlich sozial-demokratisch aussehen. Die Stockung der Geschäfte, der Kriegszustand im ganzen Reiche muß bald noch weiter treiben.
Das gestern ausgegebene erste Heft des Staatsvoranschlags für 1849 weis't eine Schuldenlast von 1011,071,385 Fl. mit nahe an 38 Millionen Fl. Zinsen nach. 2/3 dieser Schulden sind unter Metternich gemacht und zur Vernichtung der Grundsätze von 1789 verwendet worden.
Meines Erachtens dürfte die Kamarilla mit dem Sturz ihrer Kreaturen Wessenberg, Latour, Bach im Ministerrathe ihre Ohnmacht einsehen, besonders wenn Jellachich, wie es sich immer mehr bestätigt, geschlagen ist. Sie wird, wie man sagt, zu Kreuz kriechen; das Manifest vom 7. war ihr letzter Seufzer. Nun bekommen wir aber ein ganz neues Bourgeois-Ministerium und sind Berlin dann einen Sprung voraus.
Schließlich bemerke ich, daß fortwährend Militär in die Stadt desertirt, um dem Volke zu helfen.
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@facs0574
[ * ] Wien, 8. Oktober.
In seiner heutigen Sitzung hat der Reichstag einstimmig folgende Anträge Borrosch's angenommen:
1) Der Reichstag, welcher ohnehin als konstituirender Reichstag vor Beendigung seiner Mission nicht auflösbar ist, erklärt auch, unter den bedrohlichsten Umständen sich auf keine Weise aufzulösen und seiner Pflicht unerschütterlich treu zu bleiben.
2) Der Reichsteg ist ein untheilbares Ganzes, er vertritt alle Völker Oesterreich's, die ihn beschickt haben.
3) Der Reichstag ist zufolge des kaiserlichen Manifestes vom 6. Juni und freier Wahl des Volkes das einzige legale konstitutionelle Organ der Einigung zwischen dem konstitutionellen Monarchen und dem souveränen Volke zur Wahrung der unverkümmerten Volksfreiheit und des erblichen Thrones.
4) Der Reichstag, bestehend aus den freien Vertretern freier Völker wird keinem Abgeordneten einen moralischen Zwang zum Bleiben auferlegen.
5) Der Reichstag wird auf dem konstitutionellen Boden fest beharren, um von ihm aus, mit konstitutionellen legalen Maßregeln das Vaterland, die Volksfreiheit und den erblichen Thron zu wahren.
6) Der Reichstag fordert alle mit oder ohne Urlaub abwesenden Mitglieder auf, sich binnen längstens 14 Tage von heute ab im Reichstage einzufinden.
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@facs0574
[ * ] Wien, 8. Oktober.
Der Verein zur Wahrung der Volksrechte in Wien an das deutsche Volk:
Es war ein Augenblick, beispiellos in der Geschichte, als das deutsche Volk sich erhob, und laut seinen Willen hinausrief in die Welt: es wolle Eins sein nach tausendjähriger Zersplitterung! Die ganze gebildete Welt bezeugte seine Theilnahme, daß ein Volk so reich an Bürgertugenden, so unübertroffen an Schöpfungen der Kunst und Wissenschaft, endlich vereinigt eintreten wolle in die Völkerfamilie Europas und der berufene Bundestag zerfiel vor diesem Freiheitssturme in Moder und Asche und die Fürsten beugten sich in Demuth vor dem Gebote des Volkes und zum ersten Male ‒ so schien es ‒ tönte in ihrem Innern die mahnende Stimme, daß des Volkes Wille über ihrem stehe. Und das Volk vertraute im gläubigen Wahne der Betheuerung der Fürsten und das Volk ‒ wurde betrogen.
Das Volk schickte seine Abgeordneten in die alte Kaiserstadt am Main, und überhäufte sie mit der Fülle seines Vertrauens. Wie der Moslim sich gläubig nach Mekka wendet, so richteten sich Aller Augen, Aller Herzen nach Frankfurt und harrten in Geduld des Wortes, das Freiheit, Glück und Macht dem deutschen Volke bringen sollte. So Manches geschah, was den heißen Wünschen zu langsam, so Manches, was dem Vaterlandsfreunde Besorgniß erregend war. Doch man beschied sich, man trug dem schwierigen Werke Rechnung, der Glaube, das Vertrauen des Volkes war unerschütterlich.
Zur Zeit, als der Völkerfrühling anbrach, hatte sich ein edler deutscher Mann erhoben, um fremdes Joch von sich zu schütteln. Ganz Deutschland jauchzte ihm zu und schickte seine besten Männer zum Kampfe. Bald war die deutsche Erde frei von Feinden und siegreich standen deutsche Krieger an Dänemarks Gränzen. Da, mitten im Siegeslaufe, veruntreute der König von Preußen die ihm von der deutschen Centralgewalt gegebene Vollmacht und schloß im Namen des todten deutschen Bundes einen Waffenstillstand mit Dänemark, der Besiegten nicht schmählicher hätte aufgebürdet werden können.
Mit Bangen blickte Deutschland nach Frankfurt, und fand sich diesmal nicht getäuscht. Der Beschluß vom 5. September sistirte den Waffenstillstand und stürzte ein volksverrätherisches Ministerium. Ein Sturm von Freude brauste durch das ganze Vaterland, Zuschriften des Beifalls und der Ermunterung erfolgten von allen Seiten Da nahte der 16. September, es sollte sich entscheiden, ob deutsche Ehre, deutsche Freiheit dem Auslande gegenüber noch Fürstenlaune verschachert, oder vom Volke selbst nach dessen Willen gewahrt werden sollte.
Die Mehrheit der Abgeordneten des deutschen Volkes entschied sich für das Erste; das Dräuen und die Huld der Fürsten galt ihnen mehr als das Wohl des Vaterlandes. Diese Mehrheit hat Deutschlands Ehre mit Füßen getreten, diese Mehrheit hat die kostbare Gelegenheit, wodurch sich Deutschland dem Auslande gegenüber als ein einiges starkes Volk zeigen könnte,
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volksverrätherisch verschleudert, diese Mehrheit hat es dahin gebracht, daß der deutsche Mann vor Scham nicht mehr das Auge erheben kann, daß 45 Millionen eines siegreichen Volkes das besiegte kleine Dänemark einen schmählichen Waffenstillstand dicktiren konnte. Männer, die das zu thun die Stirne hatten, sind zu Allem fähig, auch dazu, im Namen des souverainen Volkes dem Czar die Knute zu küssen.
Deutsche glaubet es! bei solchen Volksvertretern hat sich mit dem Beschluß vom 16. September das Maß der Schmach noch nicht gefüllt, sie werden den Namen der Volksvertretung noch zu Dingen mißbrauchen, Angesichts derer uns die einst von Fürsten auferlegten Sklavenketten wie Rosenbanden erscheinen werden.
Deutsches Volk öffne deine Augen, blicke um dich, hast du darum deine Abgeordneten zu Hüthern deines Freiheitsbaumes gemacht, daß du ihnen deine Rechte ohne Rückhalt veräußerst? Bei wem steht die Macht unverringerbar als beim Volke? Können die noch dein Vertrauen haben, die dein Vertrauen mißbrauchten?
Deutsches Volk! denk an deine Pflicht, um deiner Kinder willen, verkümmere ihnen nicht eine freie glückliche Zukunft, indem du dein Recht schlafen lässest. Führe die Schmach der Vergangenheit vor Augen, daß dich nicht die Zukunft durch die Verwünschung deiner Kinder richte. Deutsches Volk thue, wozu du das Recht hast, was deine Pflicht ist!
Wir fordern daher alle Wählerschaften Deutschlands auf
1. von jenen Abgeordneten, welche für die Nichtfistirung des schleswig-dänischen Waffenstillstandes vom 5. September, und für die Nichtverwerfung desselben am 16. September gestimmt haben, als des Vertrauens verlustig, die Niederlegung ihrer Mandate zu fordern;
2. den Antheil der Deputirten bei wichtigen Beschlüssen genau zu überwachen, um jederzeit im Klaren zu sein, in wie weit sich dieselben des gegebenen Vertrauens würdig zeigen.
Nur so laßt sich eine Wiederholung ähnlicher Beschlüsse verhindern und der Untergang Deutschlands vielleicht noch aufhalten.
Wien, am 2. Oktober 1848.
Alle Redaktionen liberaler Blätter werden um Aufnahme dieses Aufrufes ersucht.
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[ !!! ] Frankfurt a. M. den 10. Oktober
94. Sitzung der Nationalversammlung. Tagesordnung Art. VII. §. 30 ff. der Grundrechte. ‒
Diskussion über §. 30. Die Besteuerung (Staats- und Gemeindelasten) soll so geordnet werden, daß die Bevorzugung einzelner Stände und Güter aufhört.
§. 31. Aller Lehensverband soll gelöst werden; in welcher Art, bestimmt die Landesgesetzgebung.
§. 32. Die Vergrößerung bestehender und die Stiftung neuer Familienfideicommisse ist untersagt. Die bestehenden konnen durch Familienbeschluß aufgehoben oder abgeändert werden. Minor: Erachten: Alle Familienfideikommisse, Majorate, und Minorate sind aufgehoben. (Wigard, Blum, Simon, Scheller)
Die Fideicommisse sind aufgehoben. (Ahrens, Hergenhahn, Tellkampf, Römer; eo: Simon und Wigard.
§. 33. Die Strafe der Gütereinziehung soll nicht stattfinden.
Hiermit schließt Artikel VII. ab.
Vor der Tagesordnung
Zimmermann aus Stuttgard nebst vielen andern verwahren sich feierlichst vor der ganzen deutschen Nation wegen der durch das gestrige Gesetz zum Schutz der Abgeordneten, geschehenen Eingriffe in die durch die Märzrevolution errungenen Volksrechte; ‒ Versammlungsrecht; ‒ Rede- und Preßfreiheit. Sie beanspruchen keinen andern Schutz als alle andere deutschen Bürger. (Rechts werden die Namen verlangt Zimmermann verliest deren etwa 40 - 50.)
Eisenmann bringt eine ähnliche Erklärung unterzeichnet von vielen Namen.
v. Vinke erklärt daß solche gehässige Erklärungen zu Protokoll nicht zulässig seien. Die Minorität dürfe die Beschlüsse der Versammlung nicht tadeln. Beantragt: (wieder) eine Commision zur Begutachtung dieser Erklärungen zu wählen. (Gelächter und Unterbrechungen.) Diese Erklärungen seien der Ehre der Nation unwürdig.
Wigard. (Mit Heftigkeit) Protestirt mit tiefster Entrüstung als Abgeordneter des deutschen Volks gegen diese Beschränkungen, wie Hr. v. Vinke sie ausgesprochen. Jeder Abgeordneter habe und lasse sich nicht nehmen das Recht sich in Rede und Schrift frei auszusprechen. (Gewaltiger Beifall.)
Vogt. Ich habe Zimmermanns Erklärung nicht unterschreiben. Aber gerade aus dem Grunde protestire ich gegen v. Vinkes Antrag. Also die Critik sogar will man der Minorität nehmen? Ich begreife daß man weit geht in gewissen Maaßregeln. Aber so weit! ‒ Auch begreife ich nicht wie der Präsident zu so einem Antrag jetzt das Wort geben konnte.
Präsident. Ich habe das Recht, so gut ich Zimmermann das Wort zur Erklärung gab, auch Hrn. von Vinke das Wort zur Besprechung über die Erklärung das Wort zu geben. ‒ Hierauf bringt Prasid. von Vinkes Antrag zur Unterstützung. Nachdem von Vinke mit lebhaften Gesten zur Unterstützung animirt, wird sein Antrag allmählig und sparsam unterstützt; Aber nicht als dringlich erkannt.
Fetzer mit 20 - 30 Andern reichen einen neuen Protest gegen das gestrige Gesetz, ähnlich dem Zimmermannschen ein.
Marak stellt den dringlichen Antrag: „Jedem Mitgliede der National-Versammlung die Einsicht an die Versammlung gelangten Schriften und Briefe zugestatten.“ Der Antrag wird nicht als dringlich erkannt, und geht an den Ausschuß der Geschäftsordnung.
Fuchs interpellirt den Justizminister, ob das Ministerium im Besitz der Vorarbeiten zu einer allgemeinen deutschen Wechselordnung sei, und in kurzer Frist eine solche zu Stande zu bringen hoffe?
Minister Mohl. Das Ministerium sei im Besitz der Vorarbeiten, und das Nöthige zur Zustandebringung des allgemeinen deutschen Wechselrechts werde geschehen. ‒
Reda Weber aus Tyrol interpellirt über die Trennungsverhältnisse von Welsch-und Deutsch-Tyrol. ‒ Schmerling wird den 14. antworten.
Tagesordnung. (S. oben).
Biedermann und Mehrere beantragen §. 30 (S. diesen oben) vorläufig an dieser Stelle nicht zu berathen, und zu §. 31 und 32 überzugehen. ‒ Nachdem Schoder, Rösler von Oels und Wigard sich für den Antrag ausgesprochen, beschließt die Versammlung von der Berathung über §. 30 an dieser Stelle abzusehen.
Man geht zur Verlesung der §. §. 31 und 32 (S. oben) und seiner zahllosen Amendements. Die Diskussionsfrage wird gestellt. Mehr als 100 Mitglieder (von der Rechten und dem rechten Centrum) beantragen die Diskussion. ‒ Dieselbe beginnt also mit Moritz Mohl, welcher das seltsame Geschick hat, den größten Theil der Zuhörer zu vertreiben. ‒ Die ganze Diskussion ist ohne weiteres Interesse. ‒ Als Redner für die Anträge des Ausschusses haben sich gemeldet Moritz Mohl, Lette, Michelsen, Jucho, Wachsmuth etc. Dagegen: von Mölling, v. Baly, Löwe aus Kalbe, Ziegert, Wedekind u. a. ‒ Während des Verlaufs der Debatte entfernt sich eine große Anzahl der Deputirten und fast alle Hörer. ‒ Es sprechen Mohl, Mölling, Lette, Langerfeld, Baly und Graf Schwerin, letzterer für den Entwurf des Verfassungsausschusses. ‒ Hierauf schließt man die Diskussion und geht zur Unterstützungsfrage der verschiedenen Anträge. Nur wenige der Anträge vorzüglich die von der Linken werden unterstützt. ‒ Die Anhörung des Berichterstatters und Abstimmung der §. §. 31 u 32 wird auf die nächste Sitzung vertagt.
Folgt §. 33. (S. oben) Auf die Diskussion verzichtet man unter Heiterkeit. Amendements dazu liegen (der erste §. der Art!) nicht vor. ‒ Die Versammlung genehmigt den §. 33 einstimmig. „Die Strafe der Gütereinziehung findet nicht statt.“ ‒ Weiter beschließt die Versammlung mit 192 Stimmen gegen 133 die Diskussion über Artikel VIII. der Grundrechte in der heutigen Sitzung noch vorzunehmen. (Bravo im Centrum).
Art. VIII. lautet:
§. 34. Alle Gerichtsbarkeit geht vom Staate aus.
Es sollen keine Patrimonialgerichte bestehen.
§. 35. Gö soll keinen privilegirten Gerichtsstand der Personen oder Güter geben.
Folgen noch 7 § §.
Die Versammlung beschließt unter Bravo auf die Diskussion über §. 34 und 35 (S. oben) zu verzichten.Nach Lesung der §. §. und Unterstützungsfrage der dazu gehörigen Amendements vertagt man die Sitzung bis Donnerstag. Morgen keine Sitzung.
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Berlin, 10. Oktbr.
(Sitzung der National-Versammlung.) Schreiben des Ministerpräsidenten an den Präsidenten Grabow eingelaufen, worin die Vollziehung des Beschlusses der National-Versammlung über die Sistirung der Prozesse, betreffend die Regulirung gutsherrlicher Verhältnisse, angekündigt wird. ‒ Antrag des Abgeordneten Stupp, betreffend die „Ablösung der Waldhütungs-, Raff- und Leseberechtigung“ an die Abtheilung verwiesen. Ebenso der Antrag von Borchart, Blöm, Stupp „Aufhebung der Disciplinarbestimmungen der Advokaten der rheinischen Gerichtshöfe“ betreffend.
Eine Kabinetsordre über „die Amnestie der politischen Verbrechen in Posen“ vom Justizminister verlesen.
Eigentliche Tagesordnung: Bericht der Centralabtheilung, betreffend die „unentgeldliche Aufhebung verschiedener Lasten und Abgaben.“ Weichsel ergreift das Wort gegen ein solches Gesetz. „Er sei ein Feind aller Stückgesetzgebung. Die gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse, zu denen auch die Ablösung der Lasten gehört, über welche im vorliegenden Gesetze bestimmt ist, müssen von Grund aus kurirt werden. “ Dunker für das Gesetz: „Der privatrechtliche Standpunkt wird vom historischen und politischen überwunden.“ „Wir müssen brechen mit dem frühern System, mit der alten Welt! daß dies nicht ohne eine Verletzung privatrechtlicher Verhältnisse möglich ist, liegt einfach in diesem Bruche.“ Wellheim vermißt auch in dem Gesetze die Entschiedenheit. Die Frage sei „Entschädigung oder Nichtentschädigung“, um den sich die ganze Debatte drehen würde.
Bucher: „Es ist die Competenz der Versammlung in dieser Frage angegriffen worden. Allein erinnern wir uns, daß das absolute Königthum die Leibeigenschaft etc. abgeschafft hat; nach Vollendung der Verfassung werden die Kammern nicht mehr im Stande sein, einen solchen Eingriff ins Privateigenthum zu thun, da die Verfassung dann das Eigenthum als unverletzlich erklärt haben wird. Gerade weil wir auf dem Boden der Revolution stehen, sind wir kompetent.“ (Sehr gut!) Der Minister des Innern kündigt für die Zukunft ein vollständigeres Gesetz an: „Die Regierung verkenne durchaus nicht u. s. w. “ Waldeck gegen das Gesetz. Alle Rechte feudalen Ursprungs müßten, wie es die Franzosen gethan, ohne Entschädigung aufgehoben werden.“ Nach mehren uninteressanten Debatten wird die allgemeine Diskussion geschlossen und §. 1 Nro. 1. zur Debatte gestellt.
Er lautet: „Ohne Entschädigung werden aufgehoben: 1) Die Lehnsherrlichkeit und die lediglich aus derselben entspringenden sonstigen Rechte bei allen Arten von Lehnen innerhalb des Staates mit alleiniger Ausnahme der Thronlehen, der Anspruch auf die Regulirung eines Allodifikationszinses für die früher aufgehobene Lehnsherrlichkeit in denjenigen Landestheilen, welche vormals eine Zeitlang zum Königreich Westphalen, zum Großherzogthum Berg und zu französischen Departements gehört haben, und das Heimfallsrecht an Grundstücken und Gerechtsamen jeder Art innerhalb des Staates, ohne Unterschied, ob der Staat, ob moralische Personen oder Privatpersonen die Berechtigten sind.“
(Schluß morgen.)
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[ * ] Berlin, 10. Oktbr.
Von allen Seiten erheben sich innerhalb der Bürgerwehr selbst Proteste gegen das Bürgerwehrgesetz Wie man uns versichert, hat das Ministerium einer Deputation erklärt, dies Gesetz zurücknehmen zu wollen.
Eine That, ganz würdig des Ministeriums der Coutrerevolution ist die Ausweisung Bakunins aus den preuß. Staaten unter der Androhung, ihn an Rußland im Betretungsfall auszuliefern. Allerwürdigster Eichmann!
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Berlin, 9. Oktbr.
Während von den aus Schleswig-Holstein zurückgekehrten, nunmehr 3 Wochen bei uns (in den benachbarten Dörfern der Hauptstadt) kantonnirenden Truppen des 2. (genannt Königs-) Regiments jeder einzelne Soldaten noch 60 scharfe Patronen von Schleswig-Holstein her bei sich trägt, und mit Reis und Salz, sowie seit Kurzem auch mit Schiffszwieback auf 3 Tage versehen ist, wurde heute Nachmittag auch an die diesem Regimente als Ordonnanzen beigegebenen Garde-Dragoner pro Mann 1 Pfd. Reis, nebst dazu gehörigem Salz und Schiffszwieback, ebenfalls auf 3 Tage berechnet, dazu aber an jeden einzelnen derselben, (wahrscheinlich als Zugemüse,) noch 15 scharfe Patronen vertheilt, und denselben zugleich die Weisung, oder vielmehr der Befehl gegeben: von jetzt an fortwährend selbst, bei jedem bloßen Ordonnanzritt ihre Karabiner geladen zu haben.
[(B. Z.-H.)]
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Potsdam, 7. Okt.
Die Stadtverordnetenversammlung hat an das Militärkommando folgendes Schreiben gerichtet: „Die sehr bedauernswerthen Exzesse, welche am Dienstag Abend im Kaisersaale vorgekommen sind, haben uns veranlaßt, den Magistrat zu ersuchen, sich dieserhalb an die königl. Kommandantur zu wenden. Wir haben geglaubt, dabei von der Voraussetzung ausgehen zu dürfen, daß, wenn die ähnlichen Exzesse, welche schon am Sonntage bei der Volksversammlung im Schragen durch das Benehmen mehrerer Garde-du-Corps hervorgerufen worden, von deren Vorgesetzten mehr beachtet und gerügt worden wären, wohl unmöglich schon am Dienstage gleichartige und noch schlimmere Dinge sich hätten wiederholen können. Deshalb wird die königl. Kommandantur ersucht werden, neben der bereits eingeleiteten gerichtlichen Untersuchung auch noch im Disziplinarwege die nöthigen Befehle ergehen zu lassen, damit Soldaten, die sich an öffentlichen Versammlungen betheiligen, bei diesen die ihnen als Mitgliedern des stehenden Heeres geziemende Haltung bewahren, und dadurch die Wiederholung von Auftritten, die für die Ruhe der Stadt und für das gute Einvernehmen zwischen Civil und Militär gleich störend sein müssen, fernerhin unmöglich gemacht werde. Potsdam, den 5. Okt. 1848. Die Stadtverordneten.“
[(B. Z.-H.)]
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Posen, 8. Oktbr.
Von der hiesigen Stadtverordneten-Versammlung ist heute Morgen eine Adresse an das Staatsministerium nach Berlin gesandt worden, worin um Beibehaltung des Belagerungszustandes gebeten wird. Am Schluße der Adresse heißt es: Haltung und Mäßigung der Gemüther sind durch die Erklärung des Belagerungszustandes hauptsächlich aufrecht erhalten worden, wie dies ohne weiteren Beweis der bisherige Erfolg am Besten dargethan hat. Weshalb also diesen friedlichen Zustand absichtlich stören? Im Interesse der Stadt wünschen und fordern wir, die gesetzlichen Vertreter derselben, demnach um so mehr das Fortbestehen des Belagerungszustandes, als der Verkehr und die persönliche Freiheit dadurch in Nichts gestört wird, und wir in diesem Zustande nur eine moralische Einwirkung erblicken, wie sie eben für unsere Verhältnisse paßt. Wir bedauern, daß diese Angelegenheit in der Nationalversammlung mit Rücksicht auf die in Köln obwaltenden Verhältnisse, die dort ganz anderer Natur sind, zur Sprache gebracht ist und würden es für alle Theile der hiesigen Bevölkerung besser und weiser gefunden haben, wenn man darüber für jetzt geschwiegen hätte.
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[ 105 ] Dortmund, 10. Okt.
Auch Dortmund hat vor einigen Tagen seinen Arbeiteraufstand gehabt. Die Arbeiter in den hiesigen Werkstätten der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft arbeiteten den Sommer hindurch 14 Stunden für 15 Sgr. Tagelohn. Diesen Lohn fanden die Herren in der Direktion zu Köln zu hoch, sie verminderten ihn um 2 Sgr. Die Arbeiter fügten sich und förderten ihr 14stündiges Tagewerk für 13 Sgr. Lohn.
Nun maßten sich in voriger Woche die Schmiedehandwerker, ungefähr 25 arbeitstüchtige Männer, an, um Verminderung der Arbeitszeit anzutragen. Der Maschinenmeister, Hr. Hauptmann v. Neesen, schon auf andern Eisenbahnen wegen seiner Arbeiterfreundlichkeit rühmlichst bekannt, verweist ihnen in barschem Tone solche Dreistigkeit. Er zeigt ihnen den Befehl der Direktion vor, wonach sie in den Wintermonaten von Morgens 6 bis Abends 8 Uhr zu arbeiten hätten. Als die Arbeiter entschieden auf ihren Forderungen bestehen, erklärt Hr. v. Neesen dem Schmiedemeister, daß er entlassen sei. Da aber beschließen die Arbeiter einstimmig die Arbeit sofort einzustellen. Hr. Hauptmann v. Neesen fand für gut, sich eilig zurückzuziehen. Sämmtliche Handwerker der Eisenbahnwerkstätten, ungefähr 150, schließen sich sogleich den Insurgenten aus der Schmiedewerkstatt an und fordern außerdem noch die abgeschacherten 2 Sgr. Lohn wieder zurück.
Die Direktion untersucht den Vorfall, kann die Anforderung um Verminderung der Arbeitszeit „zwar nicht geradezu ganz unbillig“ finden, fordert aber „doch wenigstens“ von den Werkmeistern die Erklärung zu Protokoll, daß ihre Handlungsweise unrecht gewesen sei. Diese Erklärung wird verweigert und den armen Leuten zu Köln bleibt nichts anderes übrig, als den gestellten Forderungen nachzugeben, wobei sie sich statt der begehrten 2 Sgr. um 1 Sgr. Lohnzusatz mit den Arbeitern „vereinbarten.“
Die verehrliche Direktion wird sich wohl später durch die Entlassung der braven Werkmeister rächen. Ein bekanntes und beliebtes Mittel.
Das sind die 100,000 und Millionen Thalermänner der guten Stadt Köln, welche sich so sehr über den Belagerungszustand und namentlich die Suspendirung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ gefreut haben, weil diese die Arbeiterklasse gegen die Uebergriffe der Bourgeoisie vertheidigt.
Wir behalten uns vor, auf die Humanität der Köln-Mindener Eisenbahn-Direktion zurückzukommen.
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Zwickau, 6. Oktober.
Die Verhaftung eines „vielleicht etwas zu freisinnigen“ Soldaten Namens Fras vom hiesigen Regiment, führte heute gegen Abend eine Menge Soldaten vor das Quartier des Majors v. Hake, welche die Freilassung ihres angeblich unschuldigen Kameraden verlangten. Da diesem Ansinnen nicht Genüge geleistet wurde, zogen sie in ihre Kaserne und kamen mit einbrechender Dunkelheit in Massen auf den Markt und von da vor die kommunliche Frohnveste und verlangten stürmisch die Freilassung. Stadtrath Thost ermahnte den durch Civilisten vermehrten Soldatenhaufen zu gesetzlichem Benehmen und versprach, sich beim Kommandanten für den Gefangenen zu verwenden. Inzwischen wurde Generalmarsch geblasen. Die Militärbehörde erklärte jedoch, das Verbrechen des Soldaten sei von der Art, daß er nicht freigegeben werden könne. Da die nochmalige Aufforderung, sich ruhig zu zerstreuen, erfolglos blieb, das Volk vielmehr anfing, Steine gegen die Thür der Frohnveste zu werfen, so wurde die Kommunalgarde zusammengerufen; ehe sie aber beisammen war und einschreiten konnte, war bereits das Gefängniß erstürmt, während das in unmittelbarer Nähe aufgestellte Militär zusah. Endlich ward Fras befreit und unter lautem Vivatgeschrei davon geführt. Eine „ziemliche“ Anzahl von Soldaten hatte sich bei dem Sturme betheiligt.
[(L. Z.)]
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@facs0575
Schleswig, 5. Oktober.
Von den unter dem Bundesfeldherrn vereinigt gewesenen deutschen Truppen sind im Kriege gegen die Dänen 1) auf dem Kampfplatz gefallen: 8 Offiziere, 12 Unteroffiziere, 95 Mann, zusammen 114. ‒ Unter diesen waren 6 Offiziere, 8 Unteroffiziere, 60 Mann, zusammen 74, Preußen; 2) verwundet überhaupt: 47 Offiziere, 53 Unteroffiziere, 626 Mann, zusammen 726. ‒ Unter diesen waren 27 Offiziere, 31 Unteroffiziere, 387 Mann, zusammen 445, Preußen. Vermißt sind außerdem circa hundert Mann. In den Lazarethen in Schleswig, welche die bedeutendsten waren, haben nach und nach 6000 Kranke gelegen. Davon sind nur 35 gestorben und zwar 54 an ihren Wunden (2/3 von diesen waren Dänen.) An schwer Verwundeten sind in den Schleswig'schen Lazarethen 73 behandelt worden, welche durch Amputation einzelne Gliedmaßen gänzlich oder zum Theil verloren haben. Davon 41 aus dem Gefecht bei Schleswig, 32 aus den weiter nördlich vorgefallenen Gefechten.
[(S.-H. Z.)]
Italien.
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Genua, 4. Oktbr.
Bis heute hat sich die Nachricht, daß Venedig zur See angegriffen sei, noch nicht bestätigt. Aber es ist sicher, daß dies von der Landseite her geschehen ist und der politische Punkt der Sache bleibt demnach derselbe. Der zu Gunsten Oestreichs geschlossene Waffenstillstand wurde aufs frechste von Oestreich gebrochen.
Belgien.
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Brüssel, 12. October.
Die „Nation“ kommt heute nochmals auf die Niederträchtigkeit der belgischen Behörden zurück. Sie sagt: „Man weiß, daß das Königreich Belgien sich wenigstens hundert Freiheiten mehr erfreut, als die französische Republik. Man sehe die Aufstellungen der ministeriellen Blätter seit dem Februar. Les't nun die Widerlegung des Gerüchts über die Auslieferung der 6 frankfurter Flüchtlinge im offiziellen französischen Moniteur, und seht, was zur selben Zeit die belgischen Journale bringen: „Zwei Redakteure der N. Rheinischen Zeitung, die Hrn. Engels und Dronke, kaum in Brüssel angekommen, wurden von der Polizei ergriffen, der Gensdarmerie überliefert, und über die Gränze gebracht.“
Holland.
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Haag, 11. Oktbr.
Die neue Konstitution des Königreiches wurde von der zweiten Kammer mit einer Majorität von mehr als 2/3 der Stimmen angenommen. Die erste der Generalstaaten wurde vorgestern zusammenberufen, um diesem Votum ihre Zustimmung zu geben. Diese Zustimmung kann man im Voraus als gewiß annehmen, da die erste Kammer bereits durch einen frühern Beschluß alle Gesetzentwürfe gebilligt hat. Es fehlt daher jetzt nur noch die königl. Sanktion, worüber natürlich kein Zweifel obwalten kann.
Französische Republik.
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Paris, 10. Oktober.
Die Regierung, sagt das J. d. Debatts, ist durch die Abstimmungen der letzten Tage, stark erschüttert. Große Aufregung herrscht in den Gemüthern. General Cavaignac ist entschlossen, sagt man, von der Nationalversamm- zu verlangen, einen möglichst nahen Tag für die Wahl des Präsidenten der Republik anzuberaumen. Was wird die Versammlung thun? Wird sie diesem vielleicht uneigennützigen Wunsche beipflichten oder wird sie die Präsidentenwahl bis zum Ende ihrer Arbeiten verschieben? Wir haben unsere Ansicht über diese Frage bereits ausgesprochen. Wir bestehen darauf, daß es der Logik und Klugheit angemessener ist, an der gegenwärtigen Beschaffenheit der Regierung nichts zu ändern und mit der Präsidentenwahl bis zur völligen Constituirung der Republik zu warten. Dies geschieht aber erst, wenn die Versammlung die organischen Gesetze votirt hat und einer Repräsentantenkammer Platz macht. Wie dem auch sei, so ist ein Entschluß nöthig und dringend. Entweder muß man das jetzige Kabinet, sowie es noch dasteht durch ein förmliches Votum befestigen, oder in der möglichst kurzen Frist zur Bildung einer neuen Regierung durch Wahl eines Präsidenten der Republik schreiten. Nichts ist schlimmer als eine schwache und über ihre Dauer selbst unschlüssige Regierung. Wir glauben daher, daß es im Interesse aller Welt liegt, daß die Frage auf der Bühne zur Sprache komme und prompt erledigt werde.
‒ Dem Siecle wäre eine Reinigung des Kabinets (remaniement) so unlieb gerade nicht. „In Gegenwart der Gefahren und Schwierigkeiten, wie sie die Lage nach Innen und Außen böte, seien Männer nöthig, deren Gewandheit und Erfahrung dem Lande sichere Bürgschaften geben.“ Es verbietet sich übrigens den Verdacht der Perfidie gegen Cavaignac, den die „Reform“ gegen es geschleudert alles Ernstes und räth ihm von Neuem sich aufzuklären und zum Heile der Republik zu verstärken. Schließlich erklärt es, sich von der Leere der Neapolitanischen Hoffnungen täglich mehr zu überzeugen.
[0576] [Spaltenumbruch]
‒ Die monarchische Union (der Moniteur Heinrich V.) sagt: „..... Goudchaux erschien gestern ganz allein und ohne Papiertasche unterm Arm im Sitzungssaale. Statt auf die Ministerbank, begab er sich auf seinen alten Repräsentantenplatz. Dies erregte großes Aufsehen. Seine Freunde eilten zu ihm, um ihn zu fragen, ob er seine Demmission gegeben? „Er gehe, soll er geantwortet haben, nur Einen Tag voran“. Cavaignac, über die Bedeutung dieser Aeußenung gefragt, ließ den Urheber derselben zu sich rufen und beschwor ihn bei allen Heiligen, das Vaterland nicht in's Verderben zu stürzen u. s. w. Goudchaux ließ sich erweichen und setzte sich wieder auf die Bank der Minister an die Linke Cavaignae's. Auf diese Weise sieht sich Dufaure, den Cavaignac bereits mit Ausbesserung des schiffbrüchigen Kabinets beauftragt hatte, seines Auftrages entledigt und die Ministerkrisis ist vorüber.
‒ Die Regierung hat Depeschen aus Tahiti bis Juli erhalten. Laut ihnen würde die franz. Republik am 24. Juni auf jenen Inseln mit Enthusiasmus gefeiert. Die Häupter der Eingebornen zeigten sich besonders entzückt über das Ereigniß. Die Nationalversammlung diskutirt heute die Bons hypothecaires, die von der Bank hart bekämpft werden. Goudchaux, der Colbert der National-Republik, wollte diese Bons anfangs unterstützen, hat sich aber plötzlich in einer ihrer heftigsten Gegner verwandelt. Man lese die Verhandungen der heutigen Sitzung.
‒ Commerce und Patrie, die siamesischen Zwillingsbrüder der Freihandelsschule, haben sich vollständig in einen großen Club verschmolzen.
‒ Alphons Karr's „Journal“ ist vorläufig wegen Kautionsmangel eingegangen.
‒ La Presse sagt in ihrer heutigen Nummer: „Wir läugnen in der formellsten Weise, daß der General Cavaignac für gewisse Interessen Alles riskirt hat, die, wenn man der Reforme glauben will, jetzt undankbar gegen ihn sind. Der General Cavaignac hat absolut nichts riskirt, als die Diktatur. Er hat weniger riskirt, als General Lamoriciere, dem mehre Pferde unter dem Leibe getödtet oder verwundet wurden. Er hat weniger riskirt, als die tapfern Generäle Negrier, Duvivier, Brea, Damesme, Bourgon, Francois, die sich todtschießen ließen und als der General Bedeau, der verwundet wurde.
Von zwei Sachen eine: entweder mußte die Insurrektion besiegt werden oder sie mußte siegen. Im ersten Falle riskirte General Cavaignac: Alles zu gewinnen; im zweiten Falle riskirte er nichts, als das was wir alle riskirten.
‒ Wir beeilen uns einen fast unglaublichen Fall von Mißbrauch der Macht der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wer kann darnach glauben und von sich sagen, daß er vor solcher Behandlung, vor solchem Mißbrauch der Gewalt sicher sei? Wohin wird uns eine solche Mißachtung der Gesetze und aller Freiheiten führen? Seht hier das Gouvernement, welches der National „das vollkommenste nennt, das er kenne!“ Lest folgenden Brief und fragt nicht, wer ihn unterzeichnet, aber fragt auch, wo flndet ihr die Garantie, die euch vor einem ähnlichen Attentat schütze:
[Spaltenumbruch]
„Hospital von Bicetre, 4. September 1848.“
„Mein Herr!“
Die Freiheit der Presse existirt nicht mehr! Die persönliche Freiheit ist früher unwürdigerweise in Ihrer Person und sie ist so eben bei mir in einer eben so ungesetzlicher und wenn möglich noch unnoblern Weise verletzt worden; denn unsre Regierung mit ihrer devise „Brüderlichkeit“, die es nicht wagte mich vor Gericht zu ziehen aus Furcht eines großartigen Scandals, hat es dagegen gewagt die Strafe des Menzence an mir zu erneuern, indem sie mich lebend und bei gesundem Verstande, im Besitze der geistigen Fähigkeiten in die Gesellschaft dieser galvanisirten Cadaver, der Narren verbannte. Auch habe ich ihren berühmten Freund, Victor Hugo um Hülfe angesprochen, wie einst Magalon und Foutom den Chateaubriand, als sie zusammen geschmiedet waren mit den Galeerensclaven von Krissy.“
„Ergebenster J. Commerson.“
Herr Commerson ist nämlich Oppositionsschriftsteller.
[(Presse.)]
Nationalversammlung. Sitzung von 10. Oktober. Viel Bewegung in den Vorhallen. Cavaignac ist im Club der Rue de Poitiers gewesen und hat ihm erklärt, daß er das Staatsruder niederlege. Der Club hat darauf beschlossen die Verfassungs-Debatte bis zum 20. d. Mts. zu vollenden und dann die Präsidentenwahl auszuschreiben; bis dahin solle er nur bleiben. Cavaignac hat dies zugesagt und somit wäre die Ministercrisis für den Augenblick vorüber. Der Ministerrath war diesen Vormittag versammelt und hat darein gewilligt, bis zum Schluß dieses Eilvotums der Verfassungsdebatte auszuharren. Soviel war bis zu diesem Augenblick (12 1/2 Uhr) bekannt, als Vicepräsident Bixio die Sitzung eröffnet.
Das Protokoll wird verlesen.
Peter Bonaparte, Sohn Luzian's, verlangt das Wort (Hört! hört!) „Ich nehme das Wort, damit Jeder wisse, daß es sowohl innerhalb als außerhalb dieses Saales keine Prätendenten, sondern nur Volksvertreter gebe welche der Republik den Eid der Treue geschworen und die ihn niemals brechen werden, (Beifall) und die ebensowenig dulden können daß man ihnen eine Eigenschaft beilege, welche sie als Hypokriten bezeichnen müßte. Sie (jene Volksvertreter) halten vielmehr Denjenigen für einen falschen Bruder, der sie ihren Brüdern als solchen darstellen wollte.“
Nach dieser feierlichen Erklärung, die man als ein Zerwürfniß der beiden Hauptvettern betrachten kann, wird das Protokoll angenommen und die Versammlung schreitet zur Tagesordnung: den Hypotheken-Bons. (Die Verfassungsdebatte ist heute unterbrochen)
Die Geschichte dieser Hypothekenbons ist sehr lehrreich; sie ist der schlagendste Beweis von unserem allgemeinen Elend. Die Hrn. Turk und Prudhomme (nicht Proudhon) sind die Väter des Vorschlages, der darin besteht, für die pupillarisch sicheren Hypotheken-Kapitalien (3/5 des gerichtlichen Taxwerthes der Grundstücke) eine Art Kassenanweisungen zu schaffen, die mit 50, 100, 200 300, und 1000 Fr. bei jeder Kasse zahlbar wären. Dies ist eine offenbare Concurenz gegen die Bank, die sich aus allen Kräften der Maaßregel entgegensetzt.
Leon Faucher, vom Ausschusse bekämpft den Antrag. Er würde den Landmann den Krallen des Wucheres nicht entreissen, sondern ihn noch tiefer hineinbringen. Diese Bons seien nichts als falsche Münze ‒ Assignaten (Oh, oh!) Gute, fleißige ordnungsliebende Landbauern fänden immer noch Geld auf Hypothek. Nicht das Geld sondern das Vertrauen fehle. Frankreich besitze mehr klingende Münze als Deutschland, England, Schweiz, Italien und Belgien. Nur England besitze verhältnißmäßig mehr Gold. Nicht das baare Geld, sondern die Konsumtion und die Produktion seien im Defizit. Ein neues Papiergeld würde das kaum erwachte Vertrauen des Landes vollends todtschlagen.
[Spaltenumbruch]
Turk. Die Anhänger des Vorschlages sind überzeugt, daß er allein die Arbeit, den Kredit und Industrie wieder zu beleben im Stande, darum übernehmen sie auch die Verantwortlichkeit desselben auf sich......
Stimme. Aber sie sind ja noch nicht Minister!…
Turk. Ich weiß wohl daß der Finanzminister dem Vorschlage abhold ist; aber womit will er das Defizit im Büdget decken? Durch Anleihen? Sie seien der Todesstoß für den Staatskredit.
In diesem Augenblick tritt Thiers in den Saal. Sein Erscheinen inmitten des Turkschen Feldzuges gegen den Finanzausschuß ruft Aufsehen und Heiterkeit hervor.
Nachdem Turk die Bühne verlassen, besteigt Thiers die Bühne: Er habe eigentlich nicht sprechen wollen, sagt er nach manchen Oberflächlichkeiten; er besitze nicht die Gewohnheiten dieser Bühne, aber er könne nicht umhin, den Vorschlag als zerstörend zu bekämpfen.
Thiers erkennt der ersten Revolution, deren Geschichte er geschrieben habe, manches große und Schöne an, aber zwei Dinge könne er ihr nicht vergeben: das Papiergeld und das Schaffot. Der Redner entwirft nun ein fürchterliches Gemälde von der Zerstörung, welche die Assignaten angerichtet hätten unter den Eigenthümern. Dasselbe sei von den Hypothekenbons zu erwarten. Die Urheber des Vorschlages seien übrigens in die größten statistischen Irrthümer bei ihren Berechnungen verfallen. Sie behaupteten, das französische Grundeigenthum sei mit 13 Milliarden Hypothekenschulden behaftet. Dies sei ein arger Irrthum. Aus den Steuerregistern gehe nur eine Schuldenlast von 4 Milliarden Grundwerth hervor. Seit dem 24. Febr. möge sich diese Schuldenlast freilich vermehrt haben, allein so bedeutend sei dies sicher nicht geschehen. Der Redner bekämpft die Hypothekenbons 1 1/2 Stunde lang als verderblich und will höchstens landwirthschaftliche Wechselbänke zugestehen. Das Beispiel von Schottland läßt er ebenfalls nicht gelten.
Beaumont (Somme) spricht lange zu Gunsten des Vorschlages und berichtigt einige Irrthümer des großen Redners. Die durchschnittliche Verfallzeit für Wechsel betrage nicht mehr 45 Tage sondern nur 25 Tage. (Von vielen Bänken: Zum Schluß!)
Sonteyra protestirt gegen den Schluß; die Nat.-Verf. werde doch nicht ein so wichtiges Projekt erwürgen
Goudchaux, Finanzminist: In einer so wichtigen Frage dürfe die Stimme der Regierung allerdings nicht fehlen! Er beweist hierauf durch einen Wust voll Zahlen, daß es um unsere Finanzen keineswegs so schlimm stehe. Die Staatsquellen sicherten den Staatshaushalt selbst bei einem Minus von täglich 1 Million Fr. Auf 17 Monate, bis zum 29. Febr. 1850, wenn 1850 ein Schaltjahr ist (Gelächter.) In einem für den Staatskredit so günstigen Zustande dürfe man keine 2 Milliarden Papier-Billets de kompluisance schaffen. Goudchaux spricht i.oh um 6/4 Uhr. Doch neigt sich die Sitzung dem Schluße.
Handels-Nachrichten.
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[Spaltenumbruch]
[Anzeigen.]
Schifffahrts-Anzeige.
Köln, 12. Oktober 1848.
Abgefahren: Kapt. Range nach Stettin. Pet. Kühnle nach Kannstadt. Joh. Linkewitz nach Wesel. Pet. Schneider nach dem Obermain.
In Ladung: Nach Ruhrort bis Emmerich W. Pesch. Nach Düsseldorf bis Mülheim an der Ruhr C. Königsfeld. Nach Andernach und Neuwied A. Boecking und M. Pera Nach Koblenz, der Mosel und Saar. L. Tillmann. Nach der Mosel, nach Trier und der Saar A. Castor. Nach Mainz A. Dorweiler Nach dem Niedermain Fr. Gerling. Nach dem Mittel- und Obermain Seb. Seelig. Nach Worms und Mannheim Wwe. C. Müller. Nach Heilbronn G. A. Klee. Nach Kannstadt und Stuttgart L. Hermann.
Ferner nach Rotterdam Kapt. Coesen Köln Nr. 15.
Ferner nach Amsterdam Kapt. Kalfs Köln Nr. 2.
Rheinhöhe am 12. Okt. 4' 8 1/2 Köln.
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Bekanntmachung.
Durch den vom 15. Oktober c. ab, für vier verschiedene Jahreszeiten, und zwar für die Zeiten:
  • A. vom 1. Oktober bis 15. November 1848,
  • B. vom 16. Nov 1848 bis Ende Februar 1849,
  • C. vom 1. März bis 15 April 1849,
  • D. vom 16. April bis Ende September 1849,
ins Leben tretenden neuen Fahrplan der bonn-kölner Eisenbahn-Gesellschaft, wird der Gang der Posten:
  • I. zwischen Brühl und Euskirchen,
  • II. zwischen Brühl und Kirschseifen,
  • III. zwischen Brühl und Lechenich,
  • IV. zwischen Euskirchen und Flammersheim,
  • V. zwischen Euskirchen und Zulpich
wie folgt, Statt finden:
Ad I. zwischen Brühl und Euskirchen,
für die Zeitperiode A. und C.
Aus Brühl: erste Post täglich des Morgens 8 Uhr, nach der Ankunft des ersten Dampfwagens aus Köln und Bonn zum Anschluß an die Post IV. nach Flammersheim; zweite Post täglich Nachmittags 3 1/2 Uhr, nach Ankunft des vierten Zuges aus Köln und Bonn.
Aus Euskirchen: erste Post täglich Morgens 9 Uhr zum Anschluß an den dritten Zug nach Köln und Bonn; zweite Post täglich Nachmittags 4 3/4 Uhr, nach Ankunft der Posten IV. und V. aus Flammersheim und Zulpich, zum Anschluß an den sechsten Zug nach Köln und Bonn.
In der Zeitperiode B.
Aus Brühl: erste Post täglich Morgens 8 1/2 Uhr nach Ankunft des ersten Zuges aus Köln und Bonn zum Anschluß an die Post IV. nach Flammersheim; zweite Post täglich Nachmittags 3 1/2 Uhr nach Ankunft des vierten Zuges aus Köln und Bonn.
Aus Euskirchen: erste Post täglich Morgens 9 Uhr zum Anschluß an den dritten Zug nach Köln und Bonn; zweite Post täglich Nachmittags 4 1/2 Uhr, nach Ankunft der Posten IV. und V. aus Flammersheim und Zülpich zum Anschluß an den sechsten Zug nach Köln und Bonn.
In der Zeitperiode D
Aus Brühl: erste Post täglich des Morgens 7 1/2 Uhr, nach Ankunft des ersten Zuges aus Köln und Bonn, zum Anschluß an die Post IV. nach Flammersheim; zweite Post täglich Nachmittags 3 1/2 Uhr nach Ankunft des vierten Zuges aus Köln und Bonn.
Aus Euskirchen: erste Post täglich Morgens 9 Uhr, zum Anschluß an den dritten Zug nach Köln und Bonn; zweite Post täglich Abends 5 1/2 Uhr, nach Ankunft der Posten IV. und V. aus Flammersheim und Zülpich, zum Anschluß an den sechsten Zug nach Köln und Bonn.
Ad II. zwischen Brühl und Kirschseifen per Euskirchen, Commern, Gemünd und Schleiden.
In der Zeitperiode A. B. C. D.
Aus Brühl: täglich Nachmittags 1 1/4 Uhr ‒ passirt Euskirchen um 3 1/2 Uhr ‒ nach Ankunft des dritten Zuges aus Köln und Bonn, zum Anschluß an die Post V. nach Zülpich.
Aus Kirschseifen: täglich Morgens 6 1/2 Uhr ‒ passirt Euskirchen um 11 Uhr ‒ zum Anschluß an den vierten Zug nach Köln und Bonn.
Ad III. zwischen Brühl rnd Lechenich.
Aus Brühl:
In der Zeitperiode A. B. C D
täglich Abends 6 Uhr nach Ankunft des fünften Zuges aus Köln und Bonn.
Aus Lechenich:
In der Zeitperiode A. und C.
täglich Morgens 7 Uhr.
In der Zeitperiode B.
täglich Morgens 7 1/2 Uhr.
In der Zeitperiode D.
täglich Morgens 6 1/2 Uhr zum Anschluß an den zweiten Zug nach Köln und Bonn.
Ad IV. zwischen Euskchiren und Flammersheim.
In der Zeitperiode A. und C.
Aus Euskirchen: täglich Vormittags 10 3/4 Uhr nach Ankunft der ersten Post aus Brühl.
Aus Flammersheim: täglich Nachmittags 3 1/2 Uhr zum Anschluß an die zweite Post nach Brühl.
In der Zeitperiode B.
Aus Euskirchen: täglich Vormittags 11 1/4 Uhr nach Ankunft der ersten Post aus Brühl.
Aus Flammersheim: täglich Nachmittags 3 Uhr zum Anschluß an die zweite Post nach Brühl.
In der Zeitperiode D.
Aus Euskirchen: täglich Vormittags 10 Uhr nach Ankunft der ersten Post aus Brühl.
Aus Flammersheim: täglich Nachmittags 4 Uhr zum Anschluß an die zweite Post nach Brühl.
Ad V. zwischen Euskirchen und Zülpich.
In der Zeitperiode A B. C.
Aus Euskirchen: täglich Nachmittags 4 1/2 Uhr nach dem Durchgange der Post II. von Brühl nach Kirschseifen.
Aus Zülpich: täglich Nachmittags 2 3/4 Uhr zum Anschluß an die zweite Post nach Brühl.
In der Zeitperiode D
Aus Euskirchen: täglich Nachmittags 4 1/2 Uhr nach dem Durchgange der Post II. von Brühl nach Kirschseifen.
Aus Zülpich: täglich Nachmittags 2 1/2 Uhr zum Anschluß an die zweite Post nach Brühl.
Die Post von Köln über Brühl, Euskirchen, Münstereifel, Blankenheim, Prüm etc. nach Trier
behält ihren Gang unverändert, und zwar:
Aus Köln: täglich Abends 7 Uhr, in Prüm 8 1/2 Uhr Morgens, in Trier 5 1/2 Uhr Nachmittags.
Aus Trier: täglich Morgens 6 Uhr, in Prüm 3 3/4 Uhr Nachmittags, in Köln 6 Uhr Morgens.
Köln, 8. Oktober 1848.
Der Ober-Post-Direktor, Rehfeldt
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Mit Bezug auf die im Amtsblatt der k. Regierung dieses Jahres, Stück 39, Nr. 334, abgedruckte Bekanntmachung der Provinzial-Steuer-Direktion vom 20. v. M. wird der Anfang der Weinlese in hiesiger Stadt auf Montag den 16 Oktober d J. mit dem Bemerken festgesetzt, daß der zwanzigtägige Zeitraum, bis zu dessen Ablauf die Weingewinn-Anmeldungen spätestens erfolgen müssen, sofern nicht schon eine frühere Anmeldung gemäß der Bestimmung, daß solche am dritten Tage nach der Kelterung geschehen soll, erforderlich sein möchte, auch in diesem Jahre mit dem besagten Tage beginnt. Wer bis zum 20. Tage mit der Kelterung nicht fertig ist, hat spätestens an diesem Tage bei der Steuer-Hebestelle, unter Angabe der Gründe, eine besondere Fristverlängerung für die Anmeldung nachzusuchen. Wer dies unterläßt, hat gleich demjenigen, welcher später als am dritten Tage nach vollendeter Kelterung seine Anmeldung abgibt, die in der Bekanntmachung des königlichen Finanzministeriums vom 22. Juli 1837 angedrohten Strafen zu gewärtigen
Köln, 6. Oktober 1848.
Der Oberbürgermeister, Steinberger.
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Ein besonders gut empfohlener braver Handlungsgehülfe der in verschiedenen Geschäftszweigen gearbeitet hat, wünscht recht bald eine Anstellung und sieht nicht so sehr auf hohes Salair als auf eine freundliche Behandlung. Die Expedition sagt welcher.
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Neue Rheinische Zeitung.
Nach §. 5 des Gesellschafts-Statuts wird die sechste Einzahlung von 10 Prozent pro Aktie in den nächsten Tagen eingezogen werden, was wir den Herren Aktionären hiermit ankündigen.
In Nr. 112 unserer Zeitung schrieben wir die fünfte Einzahlung aus, sie wurde aber wegen der Suspension noch nicht eingezogen; die fünfte und sechste wird also zusammen eingezogen werden.
In Betreff der Darlehns-Scheine bitten wir diejenigen Freunde der Zeitung, welche sich mit Einzeichnungen von Unterschriften befaßt haben, ihre Anmeldungen baldmöglichst zu machen, damit die Scheine der Bestimmung gemäß ausgegeben werden können.
Fernere Einzeichnungen nehmen wir bis zur Ausgabe der Scheine noch gerne entgegen.
Köln, den 10. Oktober 1848.
Die Geranten der „Neuen Rheinischen Zeitung.“
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Römischer Circus
von
Alexandro Guerra.
Heute Freitag den 13. Oktober 1848
große Vorstellung
mit ganz neuen Abwechselungen. Zum Beschluß die
Grisette in Paris.
Zugleich Unwiederruflich das letzte Debüt der M. Luise Lettard. Sonntag findet das große Rheinische Pferde-Wettrennen und Wettfahren auf dem Exerzierplatz neben der Kavallerie-Kaserne in Deutz, bei günstiger Witterung statt.
Der Anfang findet präzise 4 Uhr statt. Nach beendigtem Pferde-Wettrennen wird wie gewöhnlich eine große Vorstellung in der Reitbahn stattfinden.
A. Guerra, Direktor.
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Demokratische Gesellschaft.
Versammlung heute Freitag den 13. Oktober 7 Uhr Abends bei
Eiser Komödienstraße.
Von 6 Uhr an werden die Karten erneuert und Einzeichnungen entgegengenommen.
Der Vorstand.
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Ankündigung.
Mit dem 1. Oktober beginnt die
Deutsche
Reichstags-Zeitung,
herausgegeben von Robert Blum und J. Georg Günther, ein neues Quartal. Hinsichtlich des Inhalts wird das Blatt streben, immer gediegener und reicher zu werden, und hat dazu sehr erfreuliche Kräfte gewonnen. Hinsichtlich des Geistes und der Richtung ist die Anfeindung des Blattes Seitens der Rückschrittspartei wohl seine beste Empfehlung. Eine sorgfältige Uebersicht der Tagesereignisse wird vom 1. Oktober ab regelmäßig gegeben werden. Das Blatt erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich und bringt die Verhandlungen der Nationalversammlung zuerst; es kostet vierteljährig 1 Fl. 45 Kr. (1 Thlr.) und zwar im Wirkungskreise der Fürstl. Thurn-und Taxis'schen Post ohne allen Aufschlag.
Gustav Oehler.
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Futter gegen Ratten, Mäuse, Wanzen und Schwaben Thurnmarkt Nr. 39.
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Berlin: Oekonomie-Administratoren ‒ Wirthschafts-Inspektoren ‒ Forst-und Domainen-Beamte ‒ Rentmeister ‒ Sekretaire ‒ Oberkellner ‒ Brennerei-Verwalter ‒ Braumeister ‒ Destillateure ‒ Fabrikaufseher und herrschaftliche Diener können sehr einträgliche und dauernde mit hohem Gehalt verbundene Stellen erhalten. Näheres auf briefliche Meldungen in der Agentur des Apothekers Schultz in Berlin, Alexanderstraße N. 63.
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Theater-Anzeige.
Freitag den 13. Oktober:
(Zum ersten Male):
„Moritz von Sachsen“.
Trauerspiel in 5 Akten von Prutz.
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Der Gerant: Korff.
Druck von J. W. Dietz, unter Hutmacher Nro. 17.