[0601]
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 120. Köln, Donnerstag den 19. Oktober. 1848.
@typejExpedition
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Aus Bensberg kommt uns die Klage zu, daß die „Neue Rheinische Zeitung“ bis heute Morgen (bei Abgang der heutigen Post nach Köln) nicht angekommen ist. Wir erklären hiermit unseren Abonnenten, daß die „N. Rh. Ztg.“ so früh zur Post gebracht worden ist, um mit dem Postwagen, der 5 Uhr den Posthof verläßt, abgehen zu können.
Köln, den 17. Oktober 1848.
Die Expedition der „Neuen Rheinischen Zeitung.“
@typejExpedition
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Wir erhalten die Nachricht, daß die „Neue Rheinische Zeitung“ vom 17. d. M. am 17. Morgens noch nicht in Düsseldorf angekommen war, wiewohl dieselbe Montag vor Abgang des Bahnzuges, welcher Deutz 4 Uhr Nachmittags verläßt, dem Postkondukteur auf dem Deutzer Bahnhofe eingehändigt worden ist.
Unsere geehrten Abonnenten in Düsseldorf und Umgegend ersehen hieraus, daß nicht wir die Schuld dieser Nachläßigkeit tragen.
Köln, den 18. Oktober 1848.
Die Expedition der „Neuen Rheinischen Zeitung.“
Uebersicht.
Deutschland. Köln. Die F. O.-A.-Z. und die Wiener Revolution. ‒ Antwort des Königs v. Preußen an die Deputation der N.-V. ‒ Volksbelustigung. Stupp-Dumont.) Wien. (Bekanntmachungen. ‒ Stellung der Armee. ‒ Die Kroaten. ‒ Chronologisches. ‒ Wessenberg zu Prag. ‒ Contrerevolutionäre Bewegung zu Prag. ‒ Windisch-Grätz nach Ollmütz. ‒ Geständnisse einer schönen Seele. (Recseys). ‒ Reichstagssitzungen vom 13. Okt. ‒ Aufruf der Polenlegion. ‒ Wiener Korrespondenz v. 13. Okt. ‒ Aufstand zu Prag. ‒ Kampf zwischen Militär und Nationalgarde zu Ollmütz.) Frankfurt. N.-V. ‒ Unruhen in Radetzkys Armee.
Italien. Turin. Erste Sitzung des Kongresses der italienischen Ligue. ‒ Toskana und Genua. Unruhen. ‒ Amnestie für Livorno. ‒ Montonelli.
Schweiz. Lugano. (Aufhebung der östreich. Sperre gegen Tessin.)
Belgien. Brüssel. Die Independance und die Daily News.
Französische Republik. Paris. Vermischtes. ‒ N.-V. ‒ Unterschriften des Amnestievorschlags. ‒ Die Reforme über die neuen Minister und die Polizei.
Spanien. Madrid. Vermischtes.
Großbritanien. London. Stand der Parteien. ‒ Dublin. O'Brien. O'Donohoe.
Deutschland.
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Edition: [Karl Marx: Die „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung“ und die Wiener Revolution, vorgesehen für: MEGA2, I/8. ]
[ * ] Köln, 18. Okt.
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Edition: [Karl Marx: Antwort des Königs von Preußen an die Deputation der Nationalversammlung, vorgesehen für: MEGA2, I/8. ]
[ * ] Köln, 18. Oktober.
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@facs0601
[ * ] Köln, 18. October.
Wie man uns erzählt, begab sich gestern Abend ein musikalischer Ausschuß vor das Hotel des Volksrepräsentanten Stupp, um ihm durch eine soleune Abendunterhaltung die spezielle Bewunderung der heiligen Stadt Köln auf eine höchst eklatante Weise zu erkennen zu geben. Die Begeisterung des besagten Ausschusses war der Art feurig, daß ihn ein reichlich niederströmender Regen nicht zu dämpfen vermochte. In der That, jedes Mitglied des Ausschusses glich einem Almaviva! Vor dem Hotel Stupp angekommen, entrollte der Ausschuß seine Mäntel und ehe man sich's versah, hatte Jeder sein Instrument gefaßt, um das Seine an einer Jubel-Ouvertüre mitzuwirken, deren Töne „Stein erweichen, Menschen rasend machen kunnt.“ Schellenbäume, Schalmeien, Trommeln, Gießkannen, Sprachrohre, Hüfthörner, Rasseln, Triangeln, Töpfe, Schüsseln und Ofenpfannen waren miteinander in Thätigkeit. Herrlich rauschte die Melodie des Liedes aller Lieder, bald dem Brausen eines Orkanes, bald dem Todesröcheln eines verliebten Katers ähnlich. ‒ ‒ Von dem Hotel Stupp zog man nach dem Palast Dumont, um durch eine nicht weniger ergreifende Simphonie den Beweis zu liefern, daß man die Verdienste des Volksrepräsentanten Stupp und die Anstrengungen der intellektuellen Kraft DuMont gleich hoch zu schätzen wisse. Die Nachbarn der beiden Gefeierten würden sich noch lange über die Töne des feierlich-verhallenden Scandal's geärgert haben, wenn nicht plötzlich der Ruf: „Nieder mit den Volksverräthern!“ eine freudig entgegengenommene Pointe der nächtlichen Festlichkeit gebildet hätte.
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Wien, 13. Okt.
Sämmtliche Briefe aus Berlin und Wien sind ausgeblieben. Die Berichte, die wir dem Publikum mittheilen, sind Wiener Blättern entnommen.
Wir geben zunächst ein Resumé der am 13. Oktober erlassenen Bekanntmachungen:
Kundmachung. Alle öffentlichen Kassen, alle Wohlthätigkeitsfonds und Institute, überhaupt alles öffentliche und Privateigenthum ist mit völliger Beruhigung dem in den schwierigsten Verhältnissen so glänzend bewährten Edelsinn des Wiener Volkes anvertraut, dessen schöner Wahlspruch ist und bleiben wird: „Heilig ist das Eigenthum!“ Wien, den 13. Oktober 1848. Vom Reichstagsausschusse: Dr. Fischhof, Obmann. Franz Schuselka, Schriftführer.
Der Gemeinderath warnt die Garden vor einem unvorbereiteten isolirten Angriffe auf die vor den Linien stehenden Truppen.
Messenhauer, der prov. Oberkommandant, hat eine Proklamation „an die gesammte Volkswehr der Stadt Wien und Umgebung“ erlassen, worin er namentlich auf die jetzt welthistorische Stellung der Volkswehr Wiens hinzeigt.
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Wien, 13. Oktober 7 Uhr Morgens.
Die Armee scheint sich hinter Ingesdorf und Laa in der Ausdehnung bis Himberg oder Weltersdorf verschanzen zu wollen. Das Hauptkorp's Jellachich's hat sich hinter Simmering und dem Lagerwäldchen nach Laa gezogen. Dieses läßt vermuthen, daß die Vereinigung beider Truppenkorps gestern Nacht stattgefunden. hat. (Die „Kölnische Zeitung“, wie sie Wien, nachdem sie die 24,000 „Gutgesinnten“ (Stupp's und Dumont's) aus der Stadt geflüchtet, ruhig in Brand stecken ließ, zweifelt ebenso an der Vereinigung Auersperg's und Jellachich's in ihrer gestrigen Nummer. Wie anders erklärt sie den Rückzug Auersperg's aus seiner festen Position? Wir fürchten, sie wird militärische Kenntnisse entwickeln, wie bei Gelegenheit der Junirevolution, wo sie das ganze Faubourg St. Antoine unterminiren ließ.) Die Gesammtstärke der vereinigten Banditen beträgt 36-38,000 Mann, worunter mehrere 1000 irreguläre Truppen und andere, die mit dem Volke sympathisiren und bei einem ernsten Zusammenstoße zu ihm übertreten würden.
50,000 Mann Ungarn werden binnen 36 Stunden vor den Thoren Wien's erwartet. Mit ihnen vereint wird sich die Defensive in eine Offensive verwandeln. Die Banditen der „ordnungsmäßigen Freiheit“ haben sich die hinter Mödling und Baden liegenden Gebirge zur Deckung des Rückens gewählt. Von dieser Seite her sind sie vom Landsturm bedroht.
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Wien, 13. Oktbr.
Landleute, die aus den von Kroaten besetzten Ortschaften nach Wien kommen, erzählen schreckliche Geschichten von diesen wilden Horden. Uebrigens beweisen sich die Kroaten nur muthvoll, wo sie nicht mit bleiernen Pillen empfangen werden. Wo immer die Garde einer Ortschaft sich zur Gegenwehr setzt, dort sind sie so freundschaftlich gesinnt, ihr die Waffen zu belassen. Leider bereut es das Landvolk zu spät, daß sie den Landsturm nicht organisirt hatten und auf diese Art viele Dörfer entwaffnet wurden. Heute um 2 1/2 Uhr Nachmittags haben sich die Kroaten auch auf das rechte Ufer des Wiener-Neustädter Kanals über die Simmeringer Haide bis an die Donau-Ufer hinübergezogen. Alles deutet darauf hin, daß sie ihren Rückzug zu decken suchen, da sie in dem Kahlengebirge hinter Perchteldsdorf, Mödling, Baden und hinter Kalksburg den Landsturm wittern. Kommen die Ungarn noch zur rechten Zeit an, so werden die Kroaten durch ungarische und Wiener Freischaaren gänzlich aufgerieben werden; während im Gegentheile Wien von Auersperg, Jelachich und dem immer näher heranrückenden Windischgrätz mit einem militärischen Netze umstrickt würde, welches die mit so edlem Bürgerblute erkauften Freiheiten der Völker Oestreichs sehr leicht auf immer vernichten könnte. Die Lebhaftigkeit im kroatischen Lager war heute Nachmittags sehr bedeutend. Abtheilungen von Kavalleristen sprengten zu wiederholten Malen über Klederling nach Schwechat. Ja man sah sogar einzelne Abtheilungen von Reitern in der Stärke von 50 bis 150 Mann von Gramat-Neufiedl, Lanzendorf, Gutenhof ins Lager galloppiren. Es scheint, man befürchtet bereits die Ankunft der Ungarn und ist deshalb in lebhafter Besorgniß.
Möge recht bald die Stunde der Entscheidung kommen. Wien mit seinen 80,000 bis 100,000 bewaffneten tapfern Bürgern wird ein blutiges Wort zu Gunsten der Freiheit aller Völker mitsprechen. Ewig wird der Ruhm der von den Todten so glorreich auferstandenen Wiener in der Geschichte zur Nachahmung für alle Völker glänzen, die unter dem Joche der Tyrannei und des vielnamigen Aristokratismus seufzen.
Heute Morgens sind 700 bewaffnete Grätzer zum Schutze der Freiheit angekommen. Sie mußten sich unter vielen Schwierigkeiten durch das Kahlengebirg nach Wien durchwinden, weil auf der Gloggnitzer Bahn keine Trains mehr fahren dürfen und dieselbe von Sereschanern und Auerspergischen Truppen besetzt ist.
Schönbrunn, Hiezing, Penzing, St. Veit, Hezendorf, Mauer, Kaiser-Ebersdorf, Atzgersdorf, Brunn am Gebirge, Gumpoldskirchen sind noch in den Händen der aus unsern Finanzen bezahlten Soldaten, welche dem Reichstag nicht gehorchen.
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Wien, 13. Okt.
Heute sind es sieben Monate, daß die Revolution in Wien begann; Morgen ist der Jahrestag des Abzugs Suleiman II. von Wien. 15,000 Bürger verjagten damals 250,000 Türken. ‒ Hr. v. Wessenberg ist gleich nach seiner Ankunft in Prag in die Klubs gegangen und hielt natürlich Reden in contrerevolutionärem Sinne. ‒ Prag ist von Ringer und andern czechischen Deputirten gegen Wien fanatisirt worden. Kaiser Ferdinand soll nach Prag auf immer eingeladen und als slavischer Kaiser proklamirt werden. Windischgrätz ‒ die „wendische Krätze“ ‒ marschirt mit 10,000 Mann nach Ollmütz, woselbst er am 13. schon angekommen sein konnte.
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Wien, 13. October.
Der auf der Universität in Verwahrung befindliche Exministerpräsident, Baron Recsey hat im Studentenausschusse folgende Erklärungen abgegeben:
1) Am 3. October wurde ich in den Ministerrath in die Staatskanzelei berufen, wo sie, außer dem Finanzminister Krauß, versammelt waren, nachdem ich zwei Tage früher die Stelle des Esterhazy zurückgewiesen hatte, weil es der Bathyany nicht contrasigniren wollte, so wie auch die Stelle des Kriegsministers. Als ich am 3. October eingeladen wurde in der Staatskanzelei in dem Ministerrathe zu erscheinen, wurde mir bekannt gemacht, daß Sr. Majestät mich zum Ministerpräsidenten von Ungarn ernenne wozu Se. Majestät berechtigt sind bis der Baron Vay beauftragt ist, ein Ministeristerium zusammenzusetzen, damit die Geschäfte nicht in Stockung gerathen. Ich erklärte in dem Augenblicke, daß ich mich auf keinen Fall für länger zu diesem Geschäfte werde verwenden lassen. Gleich wie ich das Unangenehme dieses Manifestes erfuhr, habe ich um meine Enthebung gebeten. Ich mußte aber unterschreiben, weil ich die Stelle angenommen hatte. Ich erklärte, daß ich mit der Unterschrift meine Exilirung aus meinem Vaterlande unterschreibe. Indessen wenn man so lange Militär ist, ist man das Gehorchen gewöhnt. Nach der Contrasignirung des Manifestes schickte ich einen eigenen Boten zu Sr. Majestät, um meine Demission einzureichen. Ich erhielt die gnädige Antwort, von meinem Posten enthoben zu sein, aber noch so lange die Geschäfte fortzuführen, bis der Baron Vay zurückgekehrt sei. Ich wiederhole, von Jugend auf an Subordination gewohnt, glaubte ich Sr. Majestät dieses nicht verweigern zu dürfen. Sobald ich aber die mißbilligenden Aeußerungen über das Manifest vernahm, habe ich nicht nur sogleich um meine Demission gebeten, sondern auch gebeten, Sr. Majestät geruht, das Manifest zu widerrufen. ‒ Uebrigens erkläre ich, daß ich mit keiner Partei vom Hofe einverstanden bin. Ich bin in keiner Verbindung mit dem Erzherzog Franz Carl, und der Erzherzogin Sophie gewesen und ihnen nicht vorgestellt worden bei dieser Gelegenheit.
Ich bin mit dem Staatsrathe nicht in Berührung gekommen.
Ich habe das Concept, worin ich um die Zurücknahme des Manifestes bat, dem Parlament in Pesth zugesandt.
Ich habe zufällig erfahren, daß Jellachich in der Nähe von Wien sei, habe ihn also bloß aus Neigung besucht, weil ich ihn schon seit dem Jahre 1827 sehr gut kenne. Ich war nur 10 Minuten bei ihm, in dem Hause der Ritter.
Recsey m: p.
2) Ich erkläre hiermit frei und ungezwungen, bloß dem einzigen Schreiber dieses gegenüber, daß ich am 6. October 1848 von 10 1/2 Uhr bis 12 Uhr Vormistag in dem Kriegsgebäude bei dem versammelten vollzähligen Ministerrathe war.
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Bald nach meiner Ankunft kam eine Deputation, Baron Pillersdorf an der Spitze. Während diese Deputation auf die Ankunft der andern Deputation, die sich zum Baron Wessenberg begeben hatte, weil sie ihn in seiner Wohnung glaubte, wartend, sich in ein Nebenzimmer verfügte, gab mir Latour zwei Briefe von Jellachich, der eine war Privatbrief und gab Nachricht von dem Gefecht bei Valenca. Jellachich schrieb, daß die Ungarn sich nach Marton Basar zurückgezogen, daß er eine Linksschwenkung gemacht habe, bis nach Raab gezogen sei und dasselbe besetzt habe, mit dem Gros zwischen Wieselburg und Altenburg gezogen sei, um der Residenz näher zu sein, um leichter Hilfe zu bekommen.
Der andere Brief war Dienstbrief.
Er begehrte darin vorzüglich Kavallerie soviel als möglich und wenn es sein kann auch Linieninfanterie, weil er einige Tausend Mann von denen, die in der Hausmontour sind, nach Croatien sende, er spreche also auch die Garde an, diese über Wien auf der Gloknitzer Eisenbahn weiter zu befördern.
Ich blieb in Wien den 6., 7. und 8. d. M. bis um 5 Uhr Nachmittag. Um 1 1/2 Uhr erhielt ich durch die Hand des Grafen Menzdorf meine Enthebung bis der Graf Vay zurückgekehrt, und mündlich den Auftrag im Hoflager nach Krems am 9. einzutreffen, um die Befehle Sr. Majestät zu contrasigniren. Ich traf daselbst am 9., 2 Stunden über Krems um 3 Uhr ein. Seine Majestät reiste nämlich mit Bedeckung von 6000 Mann in der Mitte der Truppen. Ich speiste um 3/4 4 Uhr an der kaiserlichen Tafel, wo auch Minister Hornbostel war. Seine Majestät war erfreut, daß ich eingetroffen und die Einladung zur Tafel geschah durch den Fürsten Lobkowitz. Nach Tische äußerte der Erzherzog Franz Carl zu mir, er wünsche, daß Minister Bach im Amte bleibe, er sei ein braver Mensch. Ich zweifle, daß er es annehmen werde, weil er keine Popularität besitze. Um 7 Uhr hatte ich Audienz beim Erzherzog Franz Carl, gerade nach der Audienz des Hrn. Minister Hornbostel daselbst. Er dankte mir fürs Eintreffen, wünschte daß ich bleibe; auf meine Erklärung, den Beamten präveniren zu müssen, entließ er mich mit dem Auftrage, sicher in Olmütz einzutreffen. Ich verließ am 10. dieses um 3/4 auf 6 Uhr Morgens das Hoflager, und langte um 4 Uhr Nachmittags in Wien an. Ohne allen Auftrag verfügte ich mich um 4 1/2 Uhr ins Lager zu Auersperg. Ich traf sie bei Tische, setzte mich nicht einmal, und blieb kaum 10 Minuten. Auersperg sagte mir: Du kannst den Jellachich grüßen. Der Fürst Jablonski, der im Bahnhof der Glognitzer Bahn commandirt, wird dir sagen, wo er ist. Ich fuhr in einem Fiaker ab. Jablonski sagte mir, Jellachich wäre in der Nähe (ich, Unterzeichneter weiß den Ort nicht) beim Herrn von Ritter. Ich begrüßte ihn daselbst in Gegenwart des Herrn von Ritter, seiner Frau und einer alten Frau. Die Frauen baten mich, nach Wien nicht zurück zu kehren. Auf Einladung genoß ich einige Bissen und ein Glas Wein. Ich sprach mit Jellachich kein Wort von Politik, kein Wort von Krieg. Jellachich nahm auch ein Glas Wein und sagte: Auf die Gesundheit meines Freundes v. Recken, und wir tranken. Nach einem Aufenthalt von höchstens 1/4 Stunde begleitete mich General Major Zeisberg wieder zum Fiaker. Er wollte mir Einen zur Sicherung mitgeben. Ich lehnte es ab, und langte schon um 6 Uhr wieder in der Stadt an, höchstens um 6 1/4 Uhr. Das Uebrige ist bekannt. Ich versichere noch einmal bei meiner Ehre und Seligkeit, daß ich weder im mündlichen noch schriftlichen Auftrage gehandelt habe, als ich mich zu Auersperg und Jellachich verfügte; was auch die kurze Zeit bestätigt, und selbst im Hoflager wußten sie nichts von dem Aufenthaltsorte Jellachichs, wenigstens bis 10 Uhr Abends, denn so lange war ich beim Fürsten Lobkowitz.
Wien, den 11. October 1848.
Rees[unleserlicher Text]y.
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Wien.
(Sitzung des constituirenden Reichstags vom 13. October.)
Die Sitzung wird um 11 Uhr Vormittags eröffnet.
Pillersdorff verlangt in einer dringenden Angelegenheit das Wort. Er liest aus dem „Constitutionellen Blatte in Böhmen die Aufforderung von 20 czechischen Deputirten, Palatzki und Rieger an der Spitze, sich am 20. Oktober in Brünn einzufinden, um über einen Reichstag sich zu besprechen. Er bringt im Namen vieler Deputirten einen energischen Protest ein, stellt die Ungesetzlichkeit dieses Schrittes dar und macht die Urheber für alle Folgen verantwortlich.
Lebhafte Acclamation. Der Protest wird einstimmig und durch Acclamation angenommen.
Sehr merkwürdig ist dieses Thun der czechischen Deputirten, wenn man ihre Aussage am 6. Oktober: wir wollen bleiben bis auf den letzten Mann, entgegenhält. Und vom 6. Oktober bis zur obigen Aufforderung sind nur sehr wenige Tage!!
Oeffnet das von seinen Deputirten geblendete Prag denn nicht die Augen? Hat die „Slovanska Lipa“ vergessen, daß sie ein Mißtrauensvotum an die czechische Rechte einbringen wollte? Ist das Demokratie, wenn man absolute Manifeste billigt, indem man das Volk, das sich dagegen erhebt und sein Leben opfert, frohlockend seinen Mördern überläßt?
Erinnern sich die czechischen Deputirten nicht, daß sie sagten. „wenn Jellachich Beweise liefern wird, daß er gegen die Freiheit ist, dann werden wir ihn zerschmettern! Das haben sie gesagt; jetzt will Jellachich Wien und mit demselben die Freiheit vernichten, er desavouirt den souveränen Reichstag, der auf die legalste Weise seine Beschlüsse faßt; und die czechischen Deputirten lassen Jellachich walten, und das Wien, das sie mit so über[unleserlicher Text] Munde gelobt, in Stich?.
Armes geblendetes Prag und Böhmen, bist du nicht stark genug, um ein Lügengewebe zu zerreißen und auf den Grund zu sehen?
Die Freiheit, die Demokratie hofft auf Böhmen, möge es sich seiner selbst würdig ermannen, und die Hoffnung erfüllen!
Cavalkabo und Gleispach verlesen gestrige Protokolle, welche nach einigen Verbesserungen angenommen werden.
Die Wahl der beiden Vicepräsidenten erfolgt. Das Skrutinium für den ersten Vicepräsidenten ergibt bei 203 Stimmen, 108 für Brestel. Dieser ist also zum ersten Vicepräsidenten ernannt Nebstdem haben erhalten: Pillersdorf 57, Schuselka 22, Lusser 10. Die Wahl für den zweiten Vicepräsidenten ergibt keine Majorität, sie wird daher auf Abend verschoben.
Schuselka erstattet Bericht vom Ausschusse. Böswillige Gerüchte in den Provinzialblättern, es herrsche hier nämlich Mord, Brand, veranlassen den Ausschuß offen entgegen zu treten. Es ist hier sehr leicht gelungen, Ordnung und Sicherheit zu erhalten, weil das treffliche Volk von Wien sein eigener Wächter ist. Man wagt das bewaffnete Proletarial zu verdächtigen, und doch herrscht jetzt faktisch mehr Sicherheit, als in den größten Städten in den ruhigsten Zeiten. Es ist ein edles Volk das Wiener, es verdient die Waffen für die Freiheit zu tragen. Es werden alle öffentlichen Institute unter dessen Schutz gestellt. Als Anerkennung hat der Ausschuß beschlossen, 200,000 Gulden von den bewilligten Millionen unter die Bewaffneten zu vertheilen. Es ist dieß gewiß im Sinne des ersten Beschlusses; denn der arme Gewerbsmann steht unter Waffen und opfert Alles auf. Der Finanzminister ist ganz einverstanden.
Eine Schwierigkeit ergibt sich; die Kampfeslustigen fordern laut, sie zum Angriffe zu führen. Der Ausschuß ist in der schwierigsten Lage, indem er mit Sr. Maj. immer Frieden vermitteln will. Er will nicht nach alter Regierungsweise Angriffe und Blut, und will diese Zurückhaltung von dem Volke mit seinem Leben verantworten. Sollte einmal ein Angriff nothwendig sein, so wird geschehen, was da muß, jetzt ist es nicht rathsam
Aus dem entfernten Salzburg sind 36 Studenten mit zwei Professoren angelangt. Acclamation.
Aus Steiermark sind abermals 500 bewaffnete Studenten Garden und Arbeiter herangekommen. Sie hatten mit Schwierigkeiten zu kämpfen, denn die Bahn ist mit Militair besetzt. Sie geben die Versicherung, daß noch viele ihnen folgen. (Acclamation.) Eine Deputation aus Olmütz erklärt das vollständige Einverständniß mit Wien. Die Deputation theilt zugleich eine, Wien verdächtigende im Auftrag der wendischen Krätze. Prelamation mit Das Kreisamt zeigt an, daß der Kaiser Olmütz (wohin Wendische Grätz marschiert, und wo er am 13. wahrscheinlich schon angelangt war,) sein Hoflager aufschlagen werde.
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@facs0602
Wien.
(Abendsitzung des konstituirenden Reichstags vom 13. Oktober. Eröffnung 5 Uhr.)
Die Wahl des zweiten Vicepräsidenten findet Statt, es ergibt sich abermals keine absolute Majorität, die Wahl schwankt zwischen Pillersdorff und Ambrosch. Ein zweites Scrutinium, bei dem 202 stimmen, ergibt 159 für Pillersdorff. Er ist mithin Vicepräsident und verspricht in einer kurzen Rede Alles für die Volksfreiheit zu thun.
Schuselka berichtet vom Ausschusse. Vom Abgeordneten Löhner ist eine telegraphische Depesche angelangt. Er ist gestern 10 Uhr Nachts nach Selowitz gereist, aber man wollte daselbst den Erzherzog Franz Karl nicht wecken, indem man sagte, es sei ihm schon Alles bekannt. Des Morgens kam er vor den Kaiser, der eine schriftliche Antwort, deren Inhalt gleich dem nicht kontrasignirten Manifeste aus Schönbrunn. Fürst Lobkowitz gab zweimal mündliche Auskunft. Auersperg und Jellachich werden nicht angreifen, sondern sich blos vertheidigen. Ueber Jellachich, der blos wegen Ungarn da sei, werde weiteres verfügt werden. Schriftliche Erklärung wurde verweigert.
Eine telegraphische Depesche ist angelangt, daß Windischgrätz heranrücke.
Vom Ban Jellachich ist ein Offizier angelangt. Er hoffe durch seinen frühern Brief beruhigend gewirkt zu haben. Er ist nur für die Freiheit da, und sein Wirken in Ungarn zeige, daß er für die Gleichberechtigung aller Nationen kämpfe. Er werde sich zur Bekämpfung der Anarchie jede gesetzliche Macht zur Verfügung stellen. Er würde es bedauern, wenn bei Wien ein croatisch-ungarischer Kriegsschauplatz entstünde.
Der Ausschuß antwortet hierauf, daß in Wien weder Anarchie noch Ungesetzlichkeit herrsche, und in Abwesenheit des Kaisers der Ausschuß die Ordnung aufrecht erhalte, welche vom Volke kräftig unterstützt wird. Der außerordentliche Zustand ist nur der, daß das Volk unter Waffen ist, weil eben zwei Heere vor seinen Mauern stehen. Um diesen außerordentlichen Zustand zu heben, bedarf es nichts, als daß der Banus sich wegbegebe, denn der ihm verhaßte Zustand ist nur hervorgerufen, weil der Ban gegenwärtig ist. Auch der Reichstag will keinen croatisch-ungarischen Kriegsschauplatz, und darum ersucht er den Ban, mit seinen Truppen wegzuziehen.
Goldmark will, daß man den Ban noch aufmerksam mache, daß sein Gedächtniß kurz sei. Auf der einen Seite spricht er von der Volksfreiheit und von Freundschaft, und im selben Momente tritt er gegen die Volksfreiheit auf, indem er die Garde der Umgegend ohne Grund entwaffnet. Eben so sich eine Art Brandschatzung erlaubt, indem er Einquartirungen befiehlt etc, und in eben diesem Augenblicke abermals ein Angriff auf die St. Marxerlinie geschieht. Er wünscht dies in würdiger Sprach noch hinzugesetzt.
Schuselka ist gegen die Aufnahme des Entwaffnungspunktes, weil es immer Gründe gibt, die sich bei dem Marsche einer Armee vorschützen lassen. ‒ Allerdings ist es wahr, daß eben Angriffe auf mehrere Punkte der Linie geschehen, aber sie sind hervorgerufen durch die Kampfeslust der daselbst aufgestellten Bewaffneten. Der Ausschuß, im Vereine mit der besonnenen Legion, hat alles Mögliche gethan, um davon abzuhalten, aber derlei Vorpostengefechte kommen in allen feindlichen Lagern vor, und das edle Blut ist nur zu bedauern.
Das Antwortschreiben, sowie Goldmarks Zusatz werden angenommen.
Borrosch verliest die von ihm beantragte und ihm zur Verfassung übertragene Adresse an den Kaiser, Betreffs des Völkerkongresses. Sie ist etwas lang und weniger markig, als wir sie erwartet haben. In solcher Zeit handelt es sich darum, kurz aber inhaltsreich zu sein.
Nach einiger Debatte wird die Adresse angenommen.
Es wird hierauf über die Art der Absendung debattirt.
Einige wollen Borrosch, Andere 3, wieder Andere 5 Mitglieder senden, Gschnitzer will alle Nationalitäten vertreten haben. Pienkovski spricht es aus, daß Borrosch in Wien jetzt unentbehrlich sei. Es werden endlich 5 Mitglieder zur Deputation bestimmt. Dem Präsidium ist die Ernennung der Mitglieder überlassen.
Es bestimmt: Fischer, Vierzchlejski, Hagenauer, Herzog, Turko.
Hierauf wird die Wahl des Sekretärs vorgenommen. Die Stimmzettel werden abgegeben und das Präsidium wird die Zählung übernehmen.
Die Sitzung ist aufgehoben, 8 Uhr; Eröffnung morgen 10 Uhr früh.
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@facs0602
Wien.
Aufruf der Polen-Legion an ihr Vaterland.
Die sich in Wien befindenden Polen, durchdrungen von der heiligen Pflicht der Freiheit, haben sich entschlossen, bewaffnet in den Reihen des Wiener Volkes, gegen welche die Kamerilla den letzten Stoß ausführte zu kämpfen.
Sie bilden eine polnische Legion, um einverleibt in den Reihen aller Vertheidiger der Freiheit Wiens und unter dem Befehle der Studenten-Legion und des Ober-Kommandos der Nationalgarde zu stehen und zu fallen!
In diesem Falle rufen wir Euch edlen Freiheitskämpfer Polens, Euch Brüder, deren Herzen durchdrungen vom feurigsten Gefühle der Freiheit aller Völker: eilet in den Reihen die freiwilligen polnischen Legion, welche mit gleicher Seelengröße für Ihr Vaterland sowohl, als auch für sämmtliche gedrückten Völker ihr Blut zu vergießen bereit ist.
Auf! nach Wien, Ihr Männer Polens und vereinigt Euch mit den Wiener Freischaaren, und kämpfet in den Reihen unserer Brüder für die Freiheit, mit jenem Muth und Ausdauern, welche unsere große Nation in allen Kämpfen auszeichnete.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!
Wien, am 12. Oktober 1848.
Vom Ausschusse der polnischen Legion.
Franz Olay. Anton Kutzelmann.
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@typejArticle
@facs0602
[ * ] So eben erhalten wir folgenden Brief aus Wien:
@typeletter
@facs0602
[ 61 ] Wien, 13. Oktbr.
Wir befinden uns im vollständigen Kriegszustande und es ist gewiß, daß die Post, welche auch nach dem März und bis heute nicht über eine Sedlnitzkysche Polizeianstalt hinausgekommen ist, alle Briefe unbefördert läßt, die von Leuten kommen oder an Adressen gehen, welche auf ihrer Proscriptionsliste stehen. Ich weiß daher auch nicht, ob Ihnen dieses Schreiben zukommen wird.
Um 4 Uhr gestern Morgen hat Auersperg zum Verwundern der Stadt seine Position am Belvedere mit so plötzlicher Eile aufgegeben, daß Koffer, Bücher, Uniformen, Kisten und Munition zurückgeblieben sind. Die Parks, in welchen die Truppen gelagert waren, sind auf ewig verwüstet. Man fand darin viele auf das Gräßlichste verstümmelte Todte; unter andern eine unkennbare Leiche, der das k. k. Militär Ohren und Nase abgeschnitten, den Mund bis an die Ohren aufgeschlitzt, die Augen ausgestochen, Hände und Füße abgehackt hatte. Diese Leiche wurde durch die Stadt und in den an nichtswürdiger Feigheit und elendem Verrath alles, was die Geschichte der Art aufzuweisen hat, überbietenden Reichstag gebracht. Der saubere Fürst Lubomirski versuchte, sich bei ihrem Anblick mit einer Pistole das Leben zu nehmen, aber er verwundete sich nur. Lubomirski hatte, wie sie wissen, die Sache der Freiheit, die polnische Sache verrathen, um sich an die Zigeunernation anzulehnen; sein gestriger Verzweiflungsversuch mag nun die Folge des hochklopfenden Gewissens, der Reue sein. Er beweißt aber auch, daß Lubomirski noch zu den bessern Schurken des Reichstags gehört, dessen größter, jetzt von Pillersdorf, Gleispach und ähnlichen Verruchtheiten geleiteter Theil, kaum eines Galgenstricks werth ist.
In der gestrigen Abendsitzung votirte dieser Reichstag, von welchem nur mehr das Centrum vorhanden ist, indem auch die Juden der Linken geflohen sind, auf Pillersdorfs Antrag dem Erzschurken und Finanzminister Krauß eine Summe von 8 Mill. Fl. in Zwanzigern. Derselbe hat diese Summe sofort bei der Bank zu erheben und wird die Operationen Jelachichs, Auersperg u. s. w., die vor Wien lagern, damit unterstützen. Krauß suchte den Antrag zu rechtfertigen, der Hallunke zitterte und stotterte dabei aber so ungewöhnlich, daß es Niemand als dem Kretinismus unserer Presse zweifelhaft bleiben konnte, welche Rolle er zwischen Kamarilla und Volk spielt. ‒ Aber man beginnt den höllischen Verrath zu merken, der mit diesem Volke gespielt wird.
Um das non-plus-ultra aller Niederträchtigkeit zu erreichen, hat der Reichstag, wenn derselbe noch diesen Namen verdient, heute den unvermeidlich gewordenen Pillersdorf, welcher die Rolle der Czechen, nur schändlicher fortspielt, als zweiten Präsidenten übernommen. Die Mitglieder der Linken entweichen immer mehr das Volk wird den Betrug immer mehr erkennen.
Wir haben an 130,000 Bewaffnete, allein unsere Thaten bestehen in Unthätigkeit. Die Ungarn sind Jellachich mit 40,000 Mann in den Rücken gefallen und haben eine Deputation an unsern nichtswürdigen Reichstag mit der Erklärung gesendet, daß das Repräsentantenhaus den Generalen der ungarischen Armee befohlen habe, Jellachich zu verfolgen, wohin er immer fliehe. Unser Reichstag krächzte ein feiges Bravo, verordnete aber, daß in seinem Protokolle von dem ungarischen Beistand keine Erwähnung gethan werde. Denken Sie sich den Fall, daß die Ungarn geschlagen würden? General Dwernicki soll mit 8000 Polen zu der ungarischen Armee stoßen.
‒ Die Allgem. Oder-Ztg. berichtet:
Von Prag Privatnachrichten, daß ein Aufstand sehr bedenklicher Art ausgebrochen sei, was Windischgrätz veranlaßte, mit seinem bei Göding, 3 Posten von Wien, in Mähren aufgestellten Truppenkorps von 8000 Mann, eiligst nach Prag zurückzukehren.
‒ Aus Ratibor geht uns so eben folgende Nachricht zu: Ich beeile mich, Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die mir ‒ zwar ohne die nähern Details ‒ aus glaubwürdiger Quelle gestern Abend zugekommen ist. In Ollmütz hat zwischen Militär und Nationalgarden (vorzüglich Studenten) vor der Ankunft des Kaisers, der dahin zu fliehen beabsichtigen soll, auf dem Eisenbahnhofe ein Kampf stattgefunden, der mit einem beiderseitigen Verluste von 20 Todten und der Niederlage der Nationalgarden endigte. Jedoch wage ich noch nicht, diese Nachricht vollständig zu verbürgen, da von dort her mit dem gestrigen Abendzuge keine Reisenden angelangt sind. ‒ Am 12. Abends passirten 5 Deputirte des Wiener Reichstages aus der Bukowina die hiesige Bahn, um, wie man sich erzählte, Proklamationen des Reichstages in ihre Provinzen zu bringen. Im Allgemeinen ist diesen Mittheilungen, die uns hier mündlich zu Theil werden, Glauben zu schenken, da sie sich bisher immer bestätigt haben. ‒ Auffallend erscheint uns die heute bevorstehende Ankunft einer Kompagnie Infanterie, für welche gestern bereits Quartier hierselbst gemacht worden ist. Sollte sie vielleicht zur Deckung der Eisenbahn für größere Truppensendungen bestimmt sein?
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@facs0602
[ !!! ] Frankfurt, 16. Oktober.
97. Sitzung der National-Versammlung. Präsident v. Gagern.
Tagesordnung.
1. Berathung des vom Abgeordneten v. Lindenau, Namens des Ausschusses für Geschäftsordnung, erstatteten Berichts über die vom Abgeordneten Schaffrath und Genossen gegen den Vicepräsidenten v. Soiron, als Vorsitzenden der National-Versammlung in den Sitzungen vom 7. und 8. August d. J, angebrachten Beschwerden.
2. Berathung des vom Abgeordneten v. Langerfeldt, Namens des Ausschusses für Prüfung der wider mehrere Mitglieder der National-Versammlung beantragten gerichtlichen Untersuchung, beziehentlich Verhaftung, erstatteten Berichts.
3. Berathung des vom Abgeordneten v. Breuning erstatteten Berichts, Namens des Ausschusses für Beurtheilung des von dem Abgeordneten Schmidt aus Schlesien und Wiesner gemeinschaftlich in der Sitzung vom 5. Oktober 1848 gestellten Antrages, des dadurch hervorgerufenen Antrages des Abgeordneten Hrn. v. Gagern und des Verhaltens des Vorsitzenden, Vice-Präsidenten Simson.
4. Berathung über den vom Abgeordneten Dröge, Namens des volkswirthschaftlichen Ausschusses, erstatteten Bericht über die von den Vorstehern der Kaufmannschaft in Stettin, Stolp etc. eingegangenen Petitionen.
5. Berathung über den vom Abgeordneten v. Buttel, Namens des Prioritäts- und Petitionsausschusses, erstatteten Bericht über den Antrag des Abgeordneten Bresgen, die Stellung der Abgeordneten betreffend.
6. Berathung über den vom Abgeordneten Adams, Namens des Prioritäts- und Petitions-Ausschusses, erstatteten Bericht über eingekommene Adressen, die Beschlüsse der Reichsversammlung betreffend.
7. Berathung über den Bericht des Ausschusses für die Geschäftsordnung, die Abstimmung der Mitglieder betreffend.
8. Berathung über den vom Abgeordneten Rödinger, Namens des Prioritäts- und Petitions-Ausschusses, erstatteten Bericht, wegen der Staatsschuld des ehemaligen Königreichs Westphalen.
Vor der Tagesordnung.
Compes tritt aus der Versammlung. (Erstaunen).
Schmerling zeigt an, daß das Reichsministerium den Belagerungszustand von Frankfurt an dem Tage aufhebt, an welchem das Gesetz zum Schutze der Reichsversammlung emanirt wird. Uebrigens bleiben die Maßregeln, welche das Ministerium zum Schutze der Stadt etc. für nöthig erachtet, beim Alten. (Tiefe Stille.)
Folgen Beiträge zur deutschen Flotte.
Neue Interpellationen. 1. Förster von Hünfeld: a. welche Anordnungen sind betreffs der österreichischen Truppen und der deutschen Reichstruppen in den Beziehungen zu den Wiener Verhältnissen getroffen? b. Was wird das Ministerium in Betreff Ungarns und der Wallachei thun? (Der Interpellant liest sehr undeutlich, so viel ich klar verstehen kann, interpellirt derselbe zu Gunsten Wiens und Ungarns. Man schreit: Laut, laut!)
2. Detmold von Hannover interpellirt wegen des Meuchelmords am Kriegsminister Latour etc. etc. (Gelächter und Zischen).
3. Schmidt aus Löwenberg: ob es wahr sei, daß das Reichsministerium die bekannten „Flugblätter“ mit Begleitschreiben vertheilt und unempfolen habe?
4. v. Reden interpellirt wegen neuer Zollvereinbarung der deutschen Staaten.
Schmerling beantwortet verschiedene Interpellationen:
1. Bezüglich des Verhaltens der deutschen Centralgewalt zur Schweiz. (Von Vogt, Wichmann und Venedey). Wenn alle Verhandlungen mit der Schweiz geschlossen und die hierher bezüglichen Papiere geordnet sein werden, wird das Ministerium antworten. Schon jetzt aber müsse er (Schmerling) aussprechen, daß er auf die Vogtsche Interpellation, weil sie nicht im parlamentarischen Tone gehalten, nicht antworten werde.
2. In Betreff der Moldau und Wallachei. (Interpellirt von Schulz und Förster.) Die Wichtigkeit der Donaufürstenthümer in ihren Beziehungen zu Deutschland habe das Ministerium hinlänglich erkannt, und wird seiner Zeit das Nöthige geschehen.
3. Wegen Ungarn. (Försters Interpellation.) Das Reichsministerium habe die lebendigsten Sympathien für Ungarn. Diplomatischer Verkehr sei jetzt nicht möglich.
4. In Betreff Oesterreichs zu Ungarn und der Wiener Verhältnisse. (Interpellation von Schoder, Marek, Eisenmann, Förster) Als die Wiener Ereignisse dem Ministerium zuerst bekannt wurden, beschloß dasselbe, zur Verhütung des traurigen Bürgerkrieges, dessen Folgen sich noch nicht bestimmen lassen, jede Rücksicht zu nehmen. Die erste Aufgabe sei, den Bürgerkrieg sobald als möglich zu Ende zu bringen. Zwei Reichskommissäre, deren einer der Abgeordnete Welcker, sind mit ausgedehnten Vollmachten nach Wien geschickt. Diese sollen sich mit den verantwortlichen Räthen der österreichischen Krone und nach Verhältniß mit dem Reichstage, so wie mit den Civil- und Militairbehörden in Verbindung setzen. Reichstruppen seien nicht nach Wien beordert. Die Kommissäre sollen erst berichten, ob dies nöthig.
5. Auf eine Interpellation von Simon aus Trier, betreffend die Wahl des Dr. Würth zum Abgeordneten: Das Reichsministerium nimmt erst dann Rücksicht auf Wahlangelegenheiten, wenn die Versammlung durch das Präsidium Anträge stellt.
6. Eine Interpellation Wesendonks, „ob es wahr, daß das Reichsministerium der baierischen Regierung die Zusicherung ertheilt habe, daß das konstitutionell-monarchische Prinzip in den Einzelstaaten immer solle gewahrt werden?“ beantwortet Schmerling unter Beifall der Centren dahin, daß eine ähnliche Erklärung an das baierische Ministerium in ganz anderm Sinne und völlig gerechtfertigt abgegeben worden sei.
7. Auf eine Interpellation von Schmidt aus Löwenberg (s. oben; bezüglich der Flugblätter) würde das Reichsministerium gleichfalls gar nicht antworten. Er (Schmerling) für seine Person glaubt, daß eine solche Interpellation höchstens an oder von einem Polizei-Direktor unter dem gestürzten Metternich hätte stattfinden können. (Bravo rechts und Centren).
8. Jahn's Interpellation, betreffend die ungeheuren Demokraten-Verschwörungen. (Gelächter.) Der Minister verliest einen Aufruf des demokratischen Centralausschusses in Berlin an das deutsche Volk, welcher unter größter Mißbilligung der jetzigen National-Versammlung und ihrer Wirksamkeit, auf den 26. d. M. eine Versammlung aller Demokraten Deutschlands nach Berlin zusammenberuft, um eine neue National-Versammlung nach neuen direkten Wahlen zu beschließen. Das Reichsministerium hat die preußische Regierung aufmerksam gemacht, jedem ungesetzliche Schritte in dieser Beziehung vorzubeugen und geschehenden Falls zu strafen. Hiermit sei wohl Jahn's Interpellation genügend beantwortet. (Bravo und Zischen).
Vogt protestirt feierlichst und mit tiefster Entrüstung gegen jeden Eingriff des Ministers Schmerling in die Rechte des Präsidiums und der National-Versammlung. Nur diesen stünde die Unzulässigkeit einer Interpellation zu beurtheilen zu. (Bravo!) Sie den Minister (sagt Vogt) fordere ich auf, künftighin solche Streiche zu unterlassen. (Tumultuöses Bravo.) Vogt spricht nun durch mehrere dringliche Anträge die Unzufriedenheit der Beantwortung des Ministers über die Verhältnisse zur Schweiz aus.
Die Anträge werden nicht als dringlich erkannt.
Ebenso stellen, in Folge der unbefriedigenden Antworten des Ministers auf die Interpellationen, Venedey, Wesendonk, Schmidt aus Löwenberg, Schaffrath und Marek dringliche Anträge.
Die Mehrheit der Versammlung erkennt keinen davon als dringlich an.
Schneer beantragt Tagesordnung, da es bereits 11 Uhr sei. ‒ (Tagesordnung!)
Wiegard dagegen. ‒
Minister Mohl: beantragt eine Interpellation von Detmold wegen der Ermordung des Ministers Latour. Offiziell sei noch keine Anzeige deshalb gekommen, aber es sei bei dem Wiener Justizministerium deshalb angefragt. [Fortsetzung]
[0603]
‒ In die Amnestie der bei der letzten Wiener Revolution betheiligten, werde das Reichsministerium sich nicht mischen, wohl aber einen Unterschied verlangen, zwischen politischen Verbrechen und Mord. ‒
Der Präsident zeigt an daß noch drei dringliche Anträge vorliegen, die Versammlung beschließt aber Tagesordnung. ‒
Reh beantragt über Punkt I und III der heutigen Tagesordnung, (S. oben dieselbe.) mit Rücksicht daß dergleichen Dinge nicht mehr vorkommen werden, zur ferneren Tagesordnung überzugehen. Die Dringlichkeit des Antrags zu begründen wird Herrn Reh mit schwacher Majorität zugestanden.
Reh In Erwägung daß durch eine Diskussion über I und III die Fakta nicht ungeschehen gemacht werden, in Erwägung daß damals Leidenschaftlichkeit vorgewaltet hat, bitte ich Sie, diese beiden Punkte mit Stillschweigen zu übergehen. Jeder über diese Punkte gefaßte Antrag wird nichts bezwecken. Ich apellire an Ihr Gefühl für Humanität und Anstand (Bravo! bravo! Abstimmen.)
Der Antrag von Reh (S. oben.) wird fast einstimmig angenommen. (Lauter Beifall.)
Der Ausschuß für Geschäftsordnung beantragt:
1. Dem Präsidenten steht das Recht des Ordnungsrufes ohne Diskussion zu.
2. Der Ordnungsruf muß unmittelbar erfolgen.
3. Von demselben findet eine Apellation statt.
Zu diesen Anträgen über die Art und Weise des Ordnungsrufes wird ein Antrag von Fischer aus Jena, diese Anträge bis zur Berathung über die Disciplinarordnung ruhen zu lassen, angenommen.
Nro 2 der Tagesordnung (S. oben.) Wie Sie durch die Sitzung vom Freitag schon wissen, beantragt in der bekannten Angelegenheit der Ausschuß:
Die hohe Nationalversammlung wolle beschließen: die von dem Oberappellationsgerichte, als Criminalgericht der freien Stadt Frankfurt, in dem an das Reichsministerium der Justiz unter dem 4. d. M. gerichteten Schreiben beantragte Zustimmung zur Einleitung der Untersuchung gegen die Abgeordneten Zitz, Schlöffel und Simon von Trier zu ertheilen;
dagegen den von dem gedachten Gerichte nur vorsorglich gestellten Antrag: die Zustimmung zu der Verhaftung der genannten Abgeordneten, wenn solche im Laufe der Untersuchung nöthig werden könnte, schon jetzt zu ertheilen, abzulehnen.
Als Redner haben sich einschreiben lassen.
Gegen Zimmermann. Vogt, Joseph, Leue, Wiegardt, Reinhard, Wesendonk, Schaffrath.
Für Basserman, Beckerath, Reh.
Zimmermann aus Stuttgart. Wir seien soweit gekommen, daß man Anträge auf Verhaftungen, Untersuchungen ja Ausschließung einer ganzen Parthei gestellt. ‒ Er verspricht die Anschuldigungen zurückzuweisen, die heutigen Angeklagten kurz zu vertheidigen. Die Partheileidenschaft hat sich der vorliegenden Gegenstände über die Maaßen hinaus bemächtigt. ‒ Die Geschichte wird anders urtheilen. Man hat eine Hetzjagd auf moralische Beweise angestellt. ‒ Zweierlei müssen die Partheien lernen: „Erkenntniß und Versöhnlichkeit! Man ist soweit gegangen der äußerten Linken vorzuwerfen, sie hätte Mörder gedungen. ‒ Auf Zeitungsgeschrei brauchen wir (wenn die Versammlung in's Spiel kommt) nicht zu antworten; aber die Stimmen die sich im Hause selbst vernehmen lassen, müssen wir berücksichtigen. Ich hätte Vieles auf dem Herzen, aber ich will es unterdrücken, weil ja hier nur von der Reichstagszeitung gesprochen werden darf.
Präsident. Herr Zimmermann ich muß Ihnen bemerken, daß ich hier nie von der Reichstagszeitung gesprochen, obschon ich am Gründlichsten darin angegriffen bin. (Links: Aber Stavenhagen! ‒ Und Dahlmann! ‒ Schaffrath Stavenhagen hat über eine viertel Stunde von der Reichstagszeitung gesprochen.)
Zur Sache selbst, beantragt Zimmermann: „Die Versammlung soll beschließen, daß eine einfache Vernehmung genüge, zur gerichtlichen Untersuchung aber hinreichender Grund nicht vorliegt. Zum Schluß meint Zimmermann, die Zeit erheischt es, mehr auf Stimmen und Stimmung des Volks zu achten. Ich bitte Sie Maaß zu halten und gerecht zu sein.
Plathner aus Halberstadt. Es handelt sich nicht um eine Parthei, nur einfach darum, ob gegen die drei Abgeordneten Untersuchung einzuleiten sei. ‒ Ob der Thatbestand eines Verbrechens vorliegt, ist Sache des Richters. ‒ Aber den Betheiligten selbst muß daran liegen, daß sie in dieser Sache ein freisprechendes Urtheil erlangen. Deshalb muß die Untersuchung vorangehen. Der Ausschuß ist einstimmig darin einverstanden, daß der Richter nur der Gerechtigkeit ihr Recht zu verschaffen beabsichtigt, keineswegs an einen Tendenzprozeß denkt. (Bravo!)
Vogt. Von zwei Standpunkten können wir in dieser Sache ausgehen. Vom juristischen und politischen. ‒ Mit dem ersteren Standpunkt mögen sich andere beschäftigen. Es kommt mir fast vor als ob nach dem Vorüberrauschen eines großen Sturmes, man jede einzelne Welle des erregten Sees fragen wollte, wer hat dich aufgeregt? ‒ Die Aufregung in politischen Sachen ist sehr subjektiv. ‒ Auf mich z. B. haben Reden von rother Republik etc. lange nicht den Eindruck gemacht als das Benehmen eines Ministeriums, welches dem Verlangen des Volks allezeit mit höhnischer Gleichgültigkeit gegenüber getreten. ‒ Verstehen sie mich nicht falsch, ich meine (wenn ich recht verstanden sagte Vogt, „verstehen sie mich recht, ich meine dies Ministerium.“ ‒ Andere wollen gehört haben: Guizots Ministerium?) dies Ministerium. (Gelächter. Bravo!) Waren es die Mirabeau, Danton etc. die die französische Revolution gemacht, oder war es das Hofgeschmeiß und die Unterdrücker des Volks? (Lautes Bravo!) Und zu den jetzigen Wiener Verhältnißen, wer hat dazu aufgeregt. ‒ Jellachich etc. oder die Aula? (Bravo!) ‒ Ich bin erhaben über die Angriffe meiner Parthei und Person. ‒ Z. B. hat man mich der revolutionären Absichten beschuldigt, weil ich von Convent gesprochen, m. H. ich weiß sehr wohl, daß aus dieser Versammlung kein Convent hervorgehen wird! (Große Heiterkeit. Bravo.)
Auch ich war im Vorparlament; damals als ein frischer Hauch der Freiheit über Deutschland ging, damals haben die Herren ihr Haupt sehr gebückt getragen, die es jetzt wieder stolz erheben. (Bravo) Anlangend die Wiener Revolution, wird vielleicht, so fürchte ich, wenn ich auch das Entgegengesetzte hoffe, diese wiederum vernichtet werden, und verloren sein, aber dann meine Herren (das bin ich überzeugt) wird eine zweite kommen, welche die zu verantworten haben werden, welche die jetzige verloren gehen lassen. ‒ Ich habe im Vorparlament andere Reden gehört als auf der Pfingstweide. Warum hat man damals von Seiten des Gerichts nicht eingeschritten? ‒ (Bravo und Heiterkeit.) Darum meine Herren weil man sich bei diesen Reden nicht auf den juristischen, sondern den politischen Standpunkt gestellt hat, und so muß es auch sein. ‒ (Bravo! Sehr wahr!) ‒ Woher kommen die Brutalitäten in den untersten Volksschichten? Von den Aufwieglern zur Ruhe und Ordnung kommen sie, denen auch jedes Mittel zur Erreichung ihres Zieles recht ist. ‒ Das Volk nimmt sich ein Beispiel daran, und macht es im umgekehrten Verhältniße auf seine Weise ebenso. (Donnernder Beifall. Gelächter)
Im vorliegenden Falle will ich nicht auf die Jämmerlichkeit der Beweise und der Zeugen eingehen. ‒ Wenn ich wüßte, ob der Ausschuß mit seinem Antrag auf Untersuchung die General- oder Special-Untersuchung verlangt, würde ich ihm (nämlich im ersteren Falle) vollkommen beistimmen. Eine allgemeine Vernehmung mag stattfinden, damit die angeklagten Abgeordneten sich rechtfertigen können. ‒ Im Interesse der Würde der Nationalversammlung lassen Sie nicht politische Gründe und Ueberzeugungen auf Ihren Beschluß influiren. (Anhaltender Beifall.)
Bassermann: Ob es keine Aufreizung zur Aufregung wenn Vogt sagt: „aus dieser Versammlung werde kein Convent entstehen!“ (Gelächter links und Gallerien.) Dies Gelächter charakterisire die Linke. ‒ Unterbrechungen aller Art. ‒
Präsident: man möchte Herrn Bassermann ruhig anhören, wie man Vogt gehört hat.
Der Unterstaats-Sekretär spricht sich natürlich für die Anträge des Ausschusses aus. Wir lassen uns, sagt er u. a., nicht irre machen durch die Worte „Reaktion! Cammarilla etc.! (Gelächter) In gewissem Sinne würde er auf den Namen „Reaktionär“ Ansprüche machen (Wird ihm Niemand nehmen!) Herr Bassermann gibt aber zu, daß wie Vogt sagt, es bald so weit gekommen ist, daß man die Freiheit nicht mehr sieht.
Ad rem: Die Gründe des Gerichtes zu prüfen sei keineswegs Sache der Versammlung. Die Gleichheit vor dem Gesetze erheische den Fortgang der Untersuchung. Die Mitglieder der Linken, die gegen die Unverantwortlichkeit des Reichsverwesers gewesen, wollen jetzt selbst diese Unverantwortlichkeit. (Gelächter!)
Zum Schluß spricht Herr Bassermann viel und oft von den Banden, die sich gegen das souveräne Volk (d. h. dessen Vertreter) selbst aufgelehnt, von Rohheit, von der sogenannten Freiheit etc. (Bemerkungen links werden gewaltsam zurückgedrückt). Herr Bassermann schließt mit einer rührenden Apostrophe: (und fast erstickter Stimme) man möchte es doch in Deutschland nicht soweit treiben, daß aus der ganzen Revolution nichts hervorgeht, als ein zertrümmertes armes Vaterland. (Bravo rechts und Centrum. Zischen auf den Gallerien.
Schaffrath gibt zuerst eine moralische Rechtfertigung seiner Ansichten von Freiheit. Ich könnte die ganze Rede des vorigen Redners mit wenig Abänderungen gegen ihn selbst und seine Partei kehren. Mit demselben Rechte wie Bassermann sagt, er sei erstaunt, daß Jemand gegen den Antrag auf Untersuchung spräche, sei er erstaunt, daß Jemand dafür spräche. (Bravo). Schaffrath widerlegt die einzelnen Punkte der Bassermann'schen Rede, wo durch der Unterstaats-Sekretär dermaßen in Zorn geräht, daß er Schaffrath einen Nachfolger der rothen Fahne nennt.
Schaffrath weißt Bassermann gehörig zurecht. Unter Anderm sag er: Es wäre die größte Tyrannei, wenn unsere Wähler erklärten, wir hätten ihr Vertrauen verloren, und wir blieben dennoch hier. (Furchtbares Bravo Gallerien und links.) Die Majorität hier ist nicht immer die Majorität im Volk. (Bravo).
Zur Sache selbst gehörig, ist er der Ansicht als Richter, daß keine Untersuchung eingeleitet werden dürfe. Der Schluß der Debatte wird verlangt und abgelehnt.
Edel (aus Würzburg) für den Ausschußantrag.
Zitz: Wenn ich spreche, so geschieht es nicht um mich zu vertheidigen, denn ich brauche keine Vertheidigung; sondern nur der Stellung wegen auf die mich meine Wähler gestellt haben. Ob wir dadurch, daß wir dem Gerichte überliefert werden, später unsere Freisprechung erlangen, darum handelt es sich nicht, ‒ es handelt sich darum, ob sie es bestätigen durch Ihren heutigen Beschluß, daß Grund genug vorliegt, durch unsere Reden und die gegen uns vorgebrachten Verdächtigungen, um überhaupt die Untersuchung zu beginnen. Zitz geht näher auf die Zeugenaussagen ein, und weis't deren Unhaltbarkeit und das Widersprechende darin nach. Der Schluß seiner Rede, in welchem er durch sein früheres Leben und seine Prinzipien, die Verdächtigungen die man auf ihn gewälzt hat, abzustreifen sucht, ist überzeugend und verfehlt nicht Eindruck zu machen. Nicht die Motive des Richters sollen Sie bewegen, sagt Zitz, unsere Untersuchung zu verhängen, ‒ sie sollen prüfen, ob die Motive richtig sind.
Schlöffel. Ich lehne jede Verdächtigung ab, die man meiner Rede auf der Pfingstweide in den Blättern und Zeitschriften und sonstwo unterlegt. Ich meine mit Herrn Edel, daß ich auf die Großmuth der Versammlung in unseren Angelegenheiten verzichte. Mir ist nichts verhaßter als Gnade. Früher, vor dem März, war es ein Verbrechen, schwarz-roth-gelb zu erscheinen. Jetzt bezeichnet man unsere Parthe mit rothen Strichen; und dies ist nach der jetzigen Sachlage Verbrechen.
Schlöffel spricht vom alten Staat, den er wie alle Anwesenden mißbilligen muß.
Die Majorität und Minerität, die sich in diesem Hause finden, finden sich auch außer demselben, nur im umgekehrten Verhältniß. (Heiterkeit). ‒ Die eine Partei will den rückwärtsschreitenden Fortschritt, die andere den vorwärtsschreitenden Fortschritt. (Heiterkeit, links Bravo.) Ich bekenne mich zu dem neuen guten Staat.
Uebrigens, meine Herren! wenn ich mich bei der Revolution betheiligen will, so werde ich es so einrichten, daß Sie mich nicht richten können (Bravo ‒ Lachen ‒ Aufregung). Meine Herren! Sie werden mir wenigstens zugeben, daß ich nicht um Ihre Gunst buhle, oder mich von den Erfindungen, Verläumdungen etc. zu rechtfertigen suche, weil ich Furcht habe, ich möchte der Strafe eines Systems verfallen, das ich mißbillige.
Schlöffel widerlegt die einzelnen Zeugenaussagen gegen ihn. (Heiterkeit und Erstaunen über die Haltlosigkeit der Zeugenaussagen geben sich kund). Mit äußerstem Scharfsinn und vielem Humor, zu allgemeiner Freude aller Hörer, unter tiefer Stille der Versammlung, geht Schlöffel die 12 Zeugendepositionen gegen ihn durch und verweis't mit Ironie und Hohn deren Richtigkeit. Die freisprechenden Depositionen seien in dem Bericht nicht aufgenommen worden. Ich überlasse Ihnen, über uns zu beschließen, was Ihnen gut dünkt, ich halte es für angemessen, Sie schließlich auf eine Aeußerung von Schmerling's aufmerksam zu machen, die er that, als Schmidt von Löwenberg die Tribüne betrat. Er sagte: „Das ist auch so eine Canaille, die wir heraus haben müssen. ‒ Man schreit entrüstet: „Pfui!“ Tumult. ‒ Man fordert Beweise. ‒ Schlöffel wird sie liefern.
Simon von Trier hält gleichfalls eine lange und glänzende Vertheidigungsrede, die allgemeinen stürmischen Beifall der Linken und der überfüllten Gallerien findet und bei dem gleichwohl schon sehr ermüdeten Hause, gespannte Aufmerksamkeit erregt. ‒ Die Rede von Simon aus Trier dauert fast 3/4 Stunden, und wird, obschon es gegen 4 Uhr ist, ohne Schlußruf angehört. Simon wünscht die Untersuchung. Er weis't die Widersprüche der Zeugenaussagen mit juristischer Schärfe nach, nicht um einen Antrag auf Nicht-Untersuchung zu begründen, sondern um sich vor dem Volk, von dem er gewählt, hier offen zu vertheidigen, was ihm vielleicht im Verlauf der geheimen Untersuchung unmöglich sein möchte. Es möchte wohl nicht die Göttin der Gerechtigkeit, (sagt er) sondern die Reaktion sein, die sich verfolgend an unsere Versen heftet.
Was Schmerling's Aeußerung betrifft, die von dem Stenographen bewiesen werden wird, giebt sie ein Zeugniß, wie weit der Terrorismus von oben geht. (Furchtbare Entrüstung und Mißbilligung). Was Schmerling anbelangt, seine Thaten werden ihm folgen.
Simon schließt ungefähr: „Was Freiheit, Gefährdung und Verfolgung meiner geringen Person anbelangt, so sind dieselben nicht in die Wagschale zu legen, gegen die Bedrückungen und Gefahr des ganzen armen deutschen Volkes. Meine politische Ehre aber, und um diese handelt es sich für mich allein, werden sie mir nicht nehmen können. (Langdauernder und außerordentlicher Beifall).
Der Berichterstatter Langenfeldt spricht für die Anträge des Ausschusses. (S. oben).
Zwei Anträge liegen vor: 1. der Antrag des Ausschusses und 2. der von Zimmermann aus Stuttgart. (S. oben).
Zimmermann zieht seinen Antrag zurück.
Zell nimmt ihn auf.
Die namentliche Abstimmung über den Antrag des Ausschusses soll stattfinden.
Es erhebt sich Streit darüber, ob der Antrag des Ausschusses getrennt oder zusammen zur Abstimmung kommen soll.
Nach der Zählung entscheidet man sich für Zusammen-Abstimmung mit 189 Stimmen gegen 187.
Es erhebt sich ferner Streit darüber, ob man zuerst den Antrag des Ausschusses, oder den von Zimmermann aus Stuttgart abstimmen soll.
Mit 216 Stimmen gegen 162 beschließt man zuerst den Ausschußantrag abzustimmen.
Endlich erfolgt die namentliche Abstimmung. Der Antrag des Ausschusses wird mit 245 Stimmen gegen 140 angenommen.
Schlöffel, Simon (Trier) und Zitz stimmten nicht mit.
Morgen um 9 Uhr Sitzung.
Schluß der Sitzung um 5 Uhr.
Es ist ganz finster in der Kirche. Um die Tribüne sind Lichter aufgestellt, was den Eindruck eines Katafalks macht.
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@facs0603
Frankfurt, 16. Oktbr.
Italienische Blätter erzählen (vom 10. Okt.), daß die Magyaren in Radetzky's Armee, nach den letzten Nachrichten aus ihrem Vaterlande, voll Erbitterung gegen die Kroaten und von einem höchst subordinationswidrigen Geiste ergriffen seien. In Mantua, wo die Mehrzahl der Magyaren besteht, habe man einen Militärkrawall befürchtet.
Italien.
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@facs0603
[ * ]
Die Concordia von Turin berichtet über die erste Sitzung des Kongresses der italienischen Ligue. Viacenzo Gioberti eröffnete sie durch eine Rede über die Nothwendigkeit der Einheit und der Eintracht, indem er darauf aufmerksam machte, wie die wissenschaftlichen Kongresse zu politischen geführt hätten. Andrea Romeo, Vincenzo Gioberti und Terenzio Mamiani wurden darauf mit immenser Majorität erwählt. Vizepräsidenten sind Perez von Palermo und Lucian Bonaparte. Mamiani nahm dann das Wort und endigte seine Rede damit, daß er ausrief: „Wir müssen in Zukunft alle unsere Hoffnung in das Glück der Waffen setzen ‒ Krieg! Das muß unsere Diplomatie sein. Krieg! Das ist das einzige Mittel zu unserm Heile.“
Die Worte: Krieg! Krieg! wurden tausendfach wiederholt.
Perez fuhr fort und schloß mit den Worten: „Mit dem Schrei: Es lebe die Ligue! war es, daß der Mann des Volkes, während der glorreichen Revolution des Januar, den Satelliten des Bourbon in den Tod sandte. Die Grausamkeit des Königs von Neapel übersteigt alle Begriffe und wenn Italien sich dieses Tyrannen entledigt hat, so wird es einen östreichischen General weniger zu bekämpfen haben.“
‒ In Genua wurden am 10. Okt. neue republikanische Plakate angeschlagen, die neue Unruhen hervorriefen. Die Agitation in Toskana hatte glückliche Resultate. Am 8. Okt. erklärte nämlich das Ministerium, daß es die exceptionelle Gewalt, womit es bekleidet war, niederlege. Die offizielle Zeitung von Florenz brachte zur selben Zeit ein Amnestie-Dekret für Alle bei den Unruhen in Livorno Betheiligten.
In Livorno erwartete eine immense Volksmasse den neuen Gouverneur. Von dem St. Marcusthore bis zum großen Platze drängte sich alles in bunter Reihe. Aus den Fenstern regnete es Blumen; „Es lebe Montonelli!“ schrie man und: „Nieder mit dem Ministerium!“ Mantonelli hielt eine feurige Rede an das Volk. Am Abend war die Stadt illuminirt. An dem Tage der letzten Nachrichten kannte man noch nirgendwo in Italien die jüngsten Wiener Ereignisse.
Schweiz.
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@facs0603
Lugano, 12. Okt.
Ohne irgendwelches Hinzuthun der eidgenössischen Repräsentanten im Kanton Tessin hat der die Gränzdivision kommandirende östreichische General wiederholt dringend den Wunsch gegen sie ausgesprochen, eine Unterredung mit ihnen halten zu können. Diesem Wunsche haben die Repräsentanten entsprochen und es hat diese Unterredung am 10. an der tessinischlombardischen Gränze, wie dies von den Repräsentanten bestimmt worden war, stattgefunden. Sie dürfte nicht ohne Einfluß auf die Lösung der obwaltenden Anstände sein.
Nachschrift. 12. Okt. Abends. So eben ist bei den eidgenössischen Repräsentanten von Seite des Generals v. Wohlgemuth, mit dem sie die oben erwähnte Unterredung gehalten, die Nachricht eingetroffen, daß Radetzky in Folge dieser Besprechung sofort unterm 11. die bis jetzt verhängt gewesene Sperre des kommerziellen Verkehrs gegen den Kanton Tessin aufgehoben habe und sich blos vorbehalte, wegen Herstellung der freien Postverbindung und Verpflichtung der Vidimirung der Kantonalpässe durch den östreichischen Gesandten in der Schweiz noch nach den weitern Umständen und nach den ihm gewordenen Gewährleistungen zu verfügen.
Belgien.
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@facs0603
Brüssel, 14. Okt.
Die Independance des belgischen Musterstaates macht heute wieder die folgende komische Mittheilung: „Wir empfinden stets eine gewisse Satisfaktion, wenn wir Belgien und den Fürsten, der es regiert, wegen der Haltung, die unser Land inmitten der allgemeinen europäischen Verwirrung behauptete, loben hören. Wir hatten schon Gelegenheit verschiedene Auszüge aus englischen und deutschen Journalen zu geben; es möge hier nachfolgen, was wir in der Daily-News lasen: „Nach dieser hübschen Einleitung folgt nun wirklich ein Fetzen aus dem genannten englischen Journale, in dem der komische König Leopold in einer wahrhaft überschwenglichen Manier gelobt und ein Muster aller Könige genannt wird. Wenn das Geschick oder die Politik, meint die Daily-News, den König Leopold nach Frankfurt statt nach Brüssel gesetzt hätte, so würde es ganz anders um Deutschland stehen!
Französische Republik.
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@facs0603
Paris, 16. Oktober.
(Vormittags.) So wäre denn der entscheidende Tag da! Noch wenige Augenblicke und wir werden wissen, ob die Februarrepublik von den Männern Louis Philipp's regiert werden darf oder nicht?
‒ Nicht nur in der offiziellen Welt, sondern in der Arbeiterbevölkerung herrscht eine unbeschreibliche Spannung. Es sind sogar Wetten eingegangen worden. Die Einen sprechen dem Ministerium eine ungeheure Majorität zu, die Anderen bestimmen dieselbe höchstens auf 100 Stimmen, was bei achthundert Anwesenden schon sehr bedenklich klingt, und endlich die Rothgesinnten lassen das Ministerium ganz durchfallen.
‒ Die Klubs der Herren Volksvertreter waren auch gestern Abend ungemein thätig. Jeder will natürlich sein Votum im Voraus feststellen.
Das Palais National (Marrastianer) ist ganz zerfahren; es hat sich in zwei Hälften gespalten, von denen die größere aus Furcht vor den Rothen für die Männer Louis Philipp's stimmen will. So tief ist die Nationalpartei gesunken!
Die Rue de Poitiers wird sich natürlich wie Ein Mann erheben, dennoch wollen Scharfsichtige die Bemerkung gemacht haben, daß sich manche weiße Kugel noch in eine schwarze bis heute Abend verwandeln dürfte.
Daß die sechzig Köpfe des Berges Rue Taitbout (worunter Proudhon und Peter Bonaparte, der Sohn Luzian's) gegen das Ministerium stimmen werden, versteht sich von selbst.
‒ Geduld. Bald wird Paris wissen, ob sich Cavaignac mit dem gefallenen Urnen-Resultat begnügen werde?
‒ Heute (Montag) sollte eine großartige Arbeiter-Demonstration zu Ehren des Ex-Präfekten Ducoux stattfinden. Alle Anstalten waren getroffen. Allein sämmtliche demokratische Blätter warnen das Volk, keine öffentliche Manifestation zu veranstalten, welche der royolistischen Partei (Lamoricière) offenbar nur eine schöne Gelegenheit bieten würde, die ächten Republikaner zusammenzuschießen. Darum wird jeder Aufzug unterbleiben.
‒ Wortlaut der Motion des Berges zu Gunsten der Mai- und Juni-Gefangenen:
Artikel 1. Allgemeine Amnestie ist allen denjenigen gewährt, welche politischer Verbrechen und Vergehen angeklagt sind, die sie in Paris oder in den Departements begangen haben.
Artikel 2. Alle Untersuchungen und begonnene Prozesse aus diesen Gründen werden abgebrochen oder niedergeschlagen.
Artikel 3. Die schon ausgesprochenen Urtheile und Strafen, Geldbußen etc. werden vernichtet und resp. wiedererstattet.
(Folgen die Unterschriften von 50 Berggliedern.)
‒ Trotz aller Polizeimannschaften und Verklausulirungen erwachen fast alle Arbeiterklubs zu neuem Leben. Die Ernennung der Herren Dufaure und Vivien und die Ereignisse in Wien waren gestern und Sonnabend in dem Munde aller Volksredner.
Mit welchen Gefühlen die Ernennung der beiden Exminister aufgenommen wurde, geht aus obiger Demonstration hervor. Arge Drohungen sind ausgestoßen worden.
Ferner wurden die Berichte aus Wien mit wahrem Enthusiasmus begrüßt. Es leben die Wiener! Es lebe das demokratische Deutschland! Nieder mit allen Königen! erschallte es in vielen Klubs. Mehrere Adressen und Glückwünschungsbriefe an das Wiener Volk sind beschlossen worden. Wir nennen hier nur den Klub des Travailleurs, Klub de la Fraternité und die l'Association ouvrière, welche letztere von mehreren tausend Personen besucht wurde, worunter vorzüglich viele Soldaten, auffallend viele Unteroffiziere und Gefreiten etc. Man diskutirte dort schließlich die Frage, wer Präsident der Republik sein solle? Die meisten Redner schlugen den Kämpfer-Doktor Raspail vor, weil er dem Volke Nationalküchen und Nationalwerkstätten versprochen habe. Einige Andere stimmten für Louis Bonaparte, der auch ein Freund der Armen sei (siehe seine Broschüre über den Pauperismus); jedoch mit der Bedingung, daß er Raspail, Barbes und Blanqui zu Ministern nehme etc.
Man sieht, unser Volksleben ist wieder im besten Gange.
(Neue Abdankungen.) Etienne Arago, Generalpostdirektor, zieht sich zurück. Ebenso Littré, Institutsglied aus der Munizipal- und Departemental-Kommission. Letzterer richtet an die Seine-Präfektur (Präsident der Kommission) folgende Zeilen:
„Herr Präfekt. Da ich nicht der Volkswahl, sondern der Regierung meine Anstellung verdanke, „diese Regierung“ sich aber auf eine Seite neigt, die nicht die meinige ist, so bitte ich Sie, meine Entlassung als Mitglied der Munizipal- und Departementalkommission anzunehmen.“
Gruß und Brüderschaft.
Paris 15. Octbr. (gez.) R. Littrè.
‒ Der Moniteur zeigt an, daß der Advokat Paul Desmazures (unter Louis Philipp schon Kabinets-Chef Dufaure's) wieder zum Kabinets-Chef des Ministeriums des Innern ernannt ist.
[0604]
Ferner hebt er ganz besonders hervor, daß Herr und Madame Trouvé-Chouvel, heute und an den nächstfolgenden Montagen große Soiree geben.
Das Gerücht ging nämlich gestern, auch Herr Trouvé-Chouvel, einer der Junihelden, habe die Seine-Präfektur niedergelegt.
‒ Briefe aus Clarendon melden den Gesundheitszustand des Exkönigs Louis Philipp (Graf v. Neuilly) keineswegs als so leidend, wie ihn mehrere Blätter jüngst schilderten. Im Gegentheile lebt die ganze Ex-Königsfamilie gesund und munter. Die Exprinzessinnen besonders danken dem Himmel, daß sie nun nicht mehr eingeschlossen seien, sondern volle (bürgerliche) Freiheit genießen. Sie hüpfen und tanzen den ganzen Tag im Park umher. Louis Philipp selbst lies't vom Morgen bis Abend nichts als englische und französische, seltener deutsche Journale im Originale. Er spricht absolut Niemand und heuchelt seiner Umgebung, daß er fest an das Gedeihen und die Befestigung der Republik in Frankreich glaube. Woran es auch in Clarendo am dringensten fehlt, das ist ‒ Geld. Der Moniteur der Entthronten, der „Spektateur von London“ ist daher dem Absterben nahe, wenn er nicht schon begraben wurde. Seine fällige Nummer vom 14. ist heute in Paris nicht eingetroffen.
‒ Paris genießt seit einigen Sonntagen an dem nordöstlichen Seineviertel eines echt Bremer Schauspiels. Es werden dort (am Quai Berry) nämlich die 15,000 Proletarierfamilien eingeschifft, die nach Algerien wandern. Gestern sind abermals 800 Mann abgefahren. Dr. Trelat, Mitglied der Auswanderungskommission der Nationalversammlung, hielt eine rührende Abschiedsrede, bei deren Schluß er dem Zugführer eine Fahne überreichte, die der gleichzeitig anwesende Pfarrer des Hospitals La Salpetriere feierlichst einsegnete. Der Moniteur füllt mit Beschreibung der ganzen Ceremonie nicht weniger als eine volle Spalte.
Der Auswanderungslust des hiesigen Proletariats liegt übrigens die Aussicht auf Eigenthumserwerb durch Arbeit zum Grunde.
Nationalversammlung. Sitzung vom 16. Octbr. Anfang 12 1/2 Uhr. Präsident Marrast. Der Saal zum Erdrücken voll.
Dufaure, der neue Minister des Innern, erhält das Wort für eine Mittheilung der Regierung. Ich habe die Ehre, beginnt er unter tiefstem Stillschweigen des ganzen Saales, der Versammlung einen Dekretsentwurf zu überreichen, der einen Zuschuß von 100,000 Fr. zu den geheimen Polizeigeldern verlangt. Gestatten Sie mir, Ihnen die Begründung dieses Entwurfs vorzulesen. (Hört! Hört!) Der Chef der Exekutivgewalt erklärte Ihnen in dem Augenblick, wo er Ihnen die Ministerialänderung anzeigte, daß Ihnen die politische Ansicht des neuen Kabinets auf dieser Bühne auseinandergesetzt werden solle. Um dieses Versprechen zu erfüllen, legen wir Ihnen diese Begründung des Creditverlangens vor. Wir erklären hiermit, daß wir zwei Regierungssysteme für Frankreich zugleich nicht begreifen. Frankreich hat vor acht Monaten die Republik proklamirt; es hat sich ohne Gewaltsamkeit dieser Regierungsform unterzogen, dieser erhabenen Staatseinrichtung, welche hochherzig und offen den Grundsatz der Volkssouverainetät, die Gleichheit der Rechte und Pflichten verwirklicht und die Grundsätze der Brüderlichkeit, welche schon vor 18 Jahrhunderte der Christianismus aufstellte, zu Thaten übergehen läßt. Es wäre verbrecherisch, die Grundsätze verkennen zu wollen, die sich an der Spitze der neuen Verfassung eingeschrieben befinden. Welche Pflicht ist leichter, als ein Land nach dem Grundsatze der Freiheit zu verwalten? Wer in unseren Tagen wollte an der Gleichheit zweifeln? (Gut! zur Linken.) Wir sind überzeugt, daß die gegenwärtige Schwäche der Regierung aus der allgemeinen Besorgniß und Beunruhigung herrührt. Man muß daher dem Volke begreiflich machen, daß eine Revolution keineswegs einen fortwährenden ruhestörenden Charakter bedingt; man muß ihm zeigen, daß sich die republikanische Regierungsform wohl mit der Achtung aller erworbenen Rechte, mit Eigenthum, Familie, Arbeit und Credit verträgt. (Beifall zur Rechten.) Ich trage auf schleunige Erledigung des überreichten Creditdekrets an. Sollten im Laufe der Diskussion nähere Aufschlüsse verlangt werden, so sind wir bereit, dieselben zu geben,
Landrin: General Cavaignac besser als irgend Jemand wisse, daß er (der Redner) nicht der Ansicht sei, die Republik könne irgend einer Persönlichkeit oder Coterie als Ausbeute zufallen. Personen fürchte er daher in der Republik nicht. Er wisse im Gegentheile unbestreitbare Talente gewisser Mitbürger gehörig zu würdigen. Allein was nütze ein geschriebenes Programm ohne Thatsachen, ohne Handlungen? Er werde daher erst Handlungen abwarten. Hoffnungsvolle Aussicht könne er wohl für das Kabinet besitzen, aber kein Vertrauen. Die neuen Minister mögen ihre Unabhängigkeit, er und seine Freunde würden ebenfalls die ihrige behaupten. (Beifall zur Linken.)
Cavaignac: Der Redner verweigert uns sein Vertrauensvotum unter Bezugnahme auf die neuen Minister. Dieselben mögen ihm antworten; wir stehen Alle für ihre Antwort. Sie sprachen im Namen der Regierung. Man hat viel von den Vertrauensvoten gesprochen, die man seit 6 Monaten von Einer Seite der Versammlung bewilligt habe. Man habe dies blindlings gethan. Daher mag es kommen, daß sich in der Versammlung bisher keine entschiedene Majorität bildete. Majoritäten seien aber nöthig; ohne sich auf die Majorität zu stützen, könne keine Regierung marschiren. Hierin liege der Grund zur Kabinetsänderung. In den ersten Tagen meiner Verwaltung mag ich vielleicht von dieser Regel abgewichen sein. Meine Entschuldigung lag aber in der Krisis, aus der wir jetzt treten. Um die Ordnung herzustellen, mußte man die Hand an manche Freiheit legen! Die Männer, die ich mir beigesellte, schienen mir die nöthige Kraft, den nöthigen Muth zur Niederhaltung jener Freiheiten zu besitzen. Jetzt aber, wo die Zeiten ruhiger, ist eine Rückkehr zur Majorität nöthig. Noch vor Kurzem wollte ich keine Ministeränderung vornehmen. Ich betrachte das Volk als meinen Souverän, als meinen Richter, aber ich bin nicht geneigt, es als meinen Meister zu betrachten. Nach zwei der letzten Boten hätte ich mich zurückziehen müssen; doch hielt ich das gefährlich. Ich wollte das Volk nicht schmeicheln, noch mich von der Versammlung trennen. Ich suchte Aussöhnung und bin überzeugt, daß sie das Volk will. (Ja Ja. Nein Nein.) Ich rechne es mir zur Ehre, den ersten Schritt zur Aussöhnung gethan zu haben. Diejenigen die sie bekämpfen, könnten vielleicht zu meinem Bedauern der Republik schlechtere Dienste erweisen, als sie zu leisten berufen sind.
Diese Schlußdrohung ruft Sturm zur Linken hervor.
Portalis auf der Bühne. General Cavaignac hat gesagt, daß er früher Männer brauchte, um die Hand an gewisse Freiheiten zu legen; ich hoffe, daß ihm die abgetretenen Minister antworten werden. Ich trete ihnen das Wort ab. ‒ Nach einer Beleuchtung über die Natur der Ministeränderung und das Durrien'sche Votum besteigt Senard die Bühne. Er hält einen langen Vortrag, aus dem wir vorzüglich Einen Punkt hervorheben, daß nämlich Cavaignac im Schooße des Ministerrathes ganz andere Ansichten über die Wahl des Präsidenten der Republik vertheidigt habe als in der Nationalversammlung. Im Ministerrathe habe er für Erwählung durch die Nationalversammlung, und in öffentlicher Sitzung für Wahl durch's Volk gestimmt. Daher das Zerwürfniß. Diese Anklage ruft Cavaignac wiederholt auf die Bühne, um sich zu rechtfertigen. Ledru Rollin nimmt dann das Wort, um in einer feurigen und zornigen Rede die Politik des Vollziehungs-Chefs anzugreifen. Bedeau, Martin (Nivosse) und Tascherau nehmen Theil an der Debatte.
Die Rede Senard's bildet den eigentlichen Brennpunkt der Debatte, und wurden heute allerhand Lügen, das ganze haltlose und unschlüssige Benehmen Cavaignac's aufgedeckt und der Schleier ziemlich klar von gewissen Kabinetsberathungen gehoben. Ledru Rollin konnte sich dagegen nur an das Programm klammern, das er natürlich nur als gewöhnliche Phrasen und Gemeinplätze erklärte. Tascherau, der nicht selten mit bissigen Aeußerungen herumwirft, wurde dafür zur Ordnung gerufen.
Bedeau unterstützte das Programm und dürfte als keine wichtige Hülfe des Kabinets zu betrachten sein. Der General betrachtet sich offenbar schon als Minister des Auswärtigen.
Dücoux, der Pariser Expräfekt, gab der Debatte wieder einige Würze. Er gab einige Aufschlüsse über seine Theilnahme an der Regierungsänderung. Diese Aufschlüsse wurden von der Majorität übel aufgenommen. Er sagte unter Anderem, daß er sich von der Regierung getrennt habe, weil er gesehen, daß sich die Regierung von der Republik getrennt habe. (Tumult! Von allen Seiten, namentlich rechts schreit man: Nein! Nein!) Ducoux vertheidigt sich gegen die Anschuldigung aufrührerischer Grundsätze. Er spricht heftig gegen den Kommunismus, oder vielmehr gegen jene ägyptische Finsterniß, die man im gewöhnlichen Familienleben Kommunismus nennt. Am geistreichsten war er, als er die jüngste Ministeränderung eine ministerielle Heirath nannte und ausrief: der Konseilpräsident liebe die erotischen Heirathen! Man habe um die Erzeugung gewürfelt, der Zufall sei die Gebärmutter dieses ministeriellen Kindes, dasselbe sei schwächlich und werde schwerlich alt werden. Dieser Humor gefiel wenig.
Dufaure nahm nun das Wort, um seine eigentliche Ministerrede zu halten. Er erzählt, wie er ins Ministerium getreten und lobt seinen Vorgänger Senard. Er fürchtet keine persönlichen Angriffe, seine Hingebung für die Republik wird ihn schützen. Ihm zufolge ist die Republik die Herrschaft der Majorität. In dieser Thesis riß er die Rechte zu unbeschreiblichem Beifall hin. Schließlich verspricht er treu an dem Programm, das einige Vorredner mit Unrecht der Hohlheit angeklagt hätten, zu hängen und dasselbe auszuführen. Uebrigens sei das neue Ministerium ja nur für einige Wochen bestimmt, bis zur Ernennung des Präsidenten.
Nach dieser Rede schreitet die Versammlung zur Abstimmung. Von 820 bis 830 Anwesenden stimmten nur 725. Davon stimmten 570 für und 155 gegen das Ministerium. Cavaignac's Herrschaft ist somit für einige Wochen noch befestigt. Die Versammlung geht um 6 Uhr auseinander.
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@facs0604
Paris, 16. Okt.
Der von Bürger Ollivier der National-Versammlung vorgelegte Amnestieentwurf trägt die folgenden Unterschriften: Lammenais, Ledru-Rollin, David (d'Angers), F. Pyat, Pierre Bonaparte, Demosthenes Ollivier, A. Mie, Vignerte, P. Lefranc, Th. Bac, Robert (Yonne), Ronjat, Lagrange, Detours, G. Sarrut, Mathe, Am. Bruys, F. Signard, Agrikol Perdiguier, James Demontry, Chollat, Proudhon, Bertholon, Menand, Mule aine, Cales, Madet, Benoit, Martin Bernard, Astaix, Greppo, Devile, Pegot-Ogier, Dubarry, Morhery, Brives, Bravard-Toussaint, Terrier, Lassedat, Farget, Doutre, Paulin Durieu, F. Bonvet, Fargin-Fayolle, Joigneaux, Pietri, Yves, Jsid. Buvignier, F. Gambon, Borhan, Pelleter, Baune, Mathieu, (Drome), Laurent (de l'Ardeche), Renaud (Jsere), Delbetz, Eug. Raspail.
‒ Die Reforme bemerkt heute in Betreff der neuen Minister: „Das gewissermaßen royalistische Ministerium, welches seit gestern unsere Geschicke lenkt, will den Beginn seiner Herrschaft durch neue Restriktivgesetze, namentlich gegen die Presse und die Klubs bezeichnen. Die Presse ist die Geißel schlechter Gouvernements. Die Klubs unterstützen die Presse. Es ist dies die Propaganda des Wortes; nicht weniger thätig, nicht weniger ergreifend als die Propaganda der Schrift. Man muß daher die Klubs schließen, oder sie unmöglich machen.
Gegen die Klubs macht man so verbrecherische Motionen, wie sie die Gerechtigkeit des Belagerungszustandes nicht gewagt hat, und deren sich der Prokurator der Republik noch nicht bediente. Ein Volksrepräsentant, Bürger Joigneaux, signalisirte, wie wir sehen, einem der Bureaus der Versammlung, die Gegenwart der Polizei bei jenen perfiden Aufwiegelungen, über die man hinter her so glücklich ist, sich zu indigniren. Wir haben in der That, unabhängig von der rue Jerusalem, vier oder fünf Polizeien, deren Mysterien nicht so undurchdringlich sind, daß wir nicht Mittel fänden, bisweilen davon zu reden. Unter Anderm haben wir die Polizei Carliers, die im Ministerium des Innern ihren Sitz hat, und die namentlich den Klubs ihre Aufmerksamkeit schenkt. Man kennt das Verfahren des Hrn. Carlier; in einem frühern Prozesse gab er uns selbst darüber Aufschluß, indem er der Jury erzählte, wie er die geheimen Gesellschaften dadurch desorganisirte, daß er seine eigenen Agenten darin einführte, welche mit eben jenen schrecklichen Motionen beauftragt waren, mit denen man uns heute in Furcht setzt.
Man verfolgt heute dasselbe System; man will die Klubs dadurch abschaffen, daß man sie kompromittirt.
Spanien.
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@facs0604
[ * ] Madrid, 10. Okt.
Die Provinzen Tarragsna, Lerido und Gerona sind unter Kriegsgericht gestellt. In Valencia zerstreute Kommandant O'Phelan eine Bande Insurgenten unter Anführung von Arnau, und nahm den letztern gefangen.
‒ In Catalonien zeigen sich die Karlisten kühner als je.
‒ Die Königin feiert heute ihren achtzehnten Geburtstag.
Großbritannien.
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@facs0604
[ * ] London, 14. Okt.
Lord George Bentincks Tod wird wahrscheinlich große Veränderungen in dem zukünftigen Stande der parlamentarischen Parteien nach sich ziehen. Ich glaube, daß es Ihnen interessant sein wird, etwas Näheres über die Aussichten in diesem Punkte zu erfahren.
Wie einem Jeden bekannt ist, war Sir Robert Peel von dem Passiren der Reformbill an, das Haupt der aus der alten Torypartei hervorgegangenen Partei der Konservativen. Erst mit dem Schluß der Agitation der Anti-Corn-Law-Leage und dem Auftreten Sir Robert Peel's für den Freihandel, endete seine Stellung als Chef einer großen Partei. Nur ein kleines Häufchen von etwa 60 oder 80 alten Freunden deckte ihm noch den Rücken und diese nannte man die Peeliten.
Als Gegner der Whigs und der Anhänger Peel's, kurz als Opponent der Partei des Freihandels, trat aber an die Spitze der landbesitzenden Konservativen, der sogenannten Protektionisten: Lord George Bentinck.
Lord George hatte wohl nie daran gedacht, daß er einmal das Haupt einer großen politischen Partei werden würde. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mehr mit Rennpferden als mit den Debatten des Unterhauses. Aber der Augenblick war günstig; Peel war gefallen und die Protektionisten hatten nicht einen einzigen geeigneten Mann, den sie den Whigs und ihrem Lord John entgegenstellen konnten und das Mitglied des Jockeiklubs, Lord George Bentinck wagte es daher und trat als Leiter der Partei auf.
Er war glücklich. Trotz seiner mangelhaften Kenntnisse in vielen staatsmännischen Dingen, sicherte er sich seine Stellung durch den unerschütterlichen Muth, durch die beispiellose Ausdauer und durch die unwandelbare Treue, mit der er die Sache der Protektionisten aufnahm und festhielt. Seine Ehrlichkeit, sein freies, furchtloses Auftreten und die Art und Weise, wie er jede Sache beim rechten Namen zu nennen wußte, unterstützten ihn noch hierin. Vor allen Dingen fesselte er seine Partei aber gerade durch seine Vorurtheile, durch die manchmal komische Hartnäckigkeit mit der er einen einmal gefaßten Plan verfolgte, durch sein instinktmäßiges Entdecken alles dessen, was gemein und niedrig war und durch den wilden Zorn, in den er ausbrechen konnte, wenn er seine Feinde auf Ränken und Schlichen ertappte, die er mit einer ehrlichen Thätigkeit unvereinbar hielt.
Lord George war in der That das eigentliche Bild eines ehrlichen John Bull, mit all seinen Tugenden und Fehlern. Er glich durchaus den Leuten, den Landbesitzern, die er im Parlamente vertrat, die ganze Partei spiegelte sich in ihm wieder; es fand sich bald, daß Niemand zum Leiter der Cauntry-Party so geeignet war, als Lord George, und es konnte daher nicht fehlen, daß er unter den bestehenden Verhältnissen, trotz aller Angriffe seiner politischen Feinde, schneller zu Popularität und zu allgemeiner Achtung kam, als irgend ein Staatsmann vor ihm.
Wir wollen nicht auf den Kampf zurückkommen, den Lord George in den Freihandelsdebatten gegen einen Russell, einen Peel, einen Cobden und gegen alle die Koryphäen der feindlichen Partei führte. Jeder weiß, daß er trotz aller Anstrengungen unterlag. Hätte er es blos mit den Whigs zu thun gehabt, so würde die Abstimmung wohl mitunter geschwankt haben; aber immer war noch Sir Robert Peel mit seinem Anhange da, der ungeachtet seines Uebereinstimmens mit Lord George in manchen andern Punkten, doch dem Freihandel das Wort reden mußte und bei allen großen Debatten, die sich eben um den Freihandel drehten, gegen Lord George den Ausschlag gab und so den Feldzug der Protektionisten vereitelte.
Peel und Bentinck, beide nach englischen Begriffen konservativ, und nur in dem Punkte des Freihandels anderer Ansicht, riefen so die fortwährende Spaltung der Partei der Conservativen hervor und machten es den Whigs mit ihrem Lord John Russell möglich, trotz aller Fehler und Verstöße am Ruder zu bleiben.
Man kann sich denken, wie sehr es die Anhänger Bentincks und Peels empören mußte, den kleinen linkischen Lord John, so unerschütterlich fest sitzen zu sehen und wirklich machten die Peeliten auch durch ihr Organ, durch das Morning Chronicle, verschiedene Male den Versuch, sich mit ihren Brüdern konservativ zu verbinden und so die verhaßten Whigs endlich zu stürzen.
Aber Alles war umsonst. Lord George und sein Freund Disraeli haßten Sir Robert noch mehr als Lord John und alle Versöhnungsversuche des Chronicle wurden auch sofort wieder von der „Post“ und dem „Herald“, den beiden Organen der Protektionisten, zurückgewiesen. Da wird Lord George Bentinck plötzlich in der Blüthe seines Lebens vom Schlage gerührt, und die Partei der Protektionisten ist abermals in der peinlichen Verlegenheit, daß sie nicht weiß, wen sie als Leiter auf den Schild heben soll.
Disraeli, der glänzendste Redner der Partei, der Freund und Rathgeber des geschiedenen Chefs, wäre der einzige, der seiner Fähigkeiten wegen an die Spitze treten könnte. Leider ist Disraeli aber nicht praktisch genug, er ist den Engländern zu orientalisch-phantastisch, mit einem Worte, er ist durch seine Persönlichkeit „unmöglich.“ Die protektionistische Fraktion der Konservativen, eben noch jeder Alliance abgeneigt, sieht sich daher in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt, mehr als es ihr lieb ist, mit der Fraktion Peel zu fraternisiren. Die Post und der Herald bleiben zwar noch immer sehr vornehm; aber das Chronicle macht schon mehr Propaganda, und wenn man den Berichten trauen darf, die über ein Agrikultur-Meeting in Essex einlaufen, so fangen schon die Häupter der Protektionspartei im Innern des Landes an, sich geradezu dahin auszusprechen, daß sie zwar Sir Robert Peel nicht gern an der Spitze der ganzen, wiedervereinigten Partei der Konservativen sehen mögten, daß es ihnen aber recht wäre, wenn die Einigung überhaupt zu Stande käme, und wenn dann einige jüngere Mitglieder beider Fraktionen sich um die Ministerbänke bewürben.
Dies ist nun von hoher Wichtigkeit, und es bedarf wohl nur der gewöhnlichsten Agitation, um bei der allgemeinen Unpopularität der Whigs, den alten Sir Robert, wenn auch nicht persönlich, doch durch seinen ungemeinen Einfluß auf die ganze Partei der Konservativen, faktisch bald wieder an die Spitze des Gouvernements zu bringen.
Wie die Konservativen im glücklichsten Falle aber dann ihre Freihandels-Differenzen schlichten werden ‒ wir müssen gestehen, es ist das noch etwas räthselhaft.
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@facs0604
[ * ] Dublin, 14. October.
Die Freunde Smith O'Brien's sind sehr thätig und hatten heute wieder eine Versammlung, um eine Adresse an den Lord-Lieutenant zu besprechen, in der man zu Gunsten des Verurtheilten petitioniren will; die Adresse trägt bereits 15,000 Unterschriften.
Jeder, der darum ersucht wird, unterzeichnet sie; obgleich man allgemein der Ansicht ist, daß kein Grund dazu vorhanden sei, da man das Leben O'Brien's ohnehin schonen wird. Der Gefangene selbst, ist wohlauf; ebenso der verurtheilte M. Manus. Aus Clonmel trifft so eben die Nachricht ein, daß über O'Donohoe ebenfalls das Schuldig ausgesprochen wurde.
[Leserbrief]
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@facs0604
Der Centralausschuß der Demokraten Deutschland's an die demokratischen Vereine.
Mitbürger!
Wir berufen hiermit ‒ unserm Auftrage gemäß ‒ den allgemeinen Congreß der deutschen Demokraten. Die Abgeordneten sind eingeladen, am 26. Oktober sich in Berlin einzufinden. Alle Vereine, welche die Durchführung der Demokratie zum Ziele ihrer Thätigkeit machen, sind berechtigt und aufgefordert, den Congreß zu beschicken. Kleinere Vereine, welche nicht im Stande sind, eigene Abgeordnete zu schicken, werden gebeten, ihr Mandat Abgeordneten benachbarter Vereine zu übergeben. Die Abgeordneten legitimiren sich durch Vollmachten.
Berlin, den 7. Oktober 1848.
J. Fröbel. H. Kriege. E. Meyen. A. Hexamer. G. Siegmund. (Stellv.)
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@facs0604
Hohe National-Versammlung!
Wir protestiren laut und offen gegen die politischen Grundsätze, welche der Deputirte unseres Kreises Olpe bei den Abstimmungen in der Berliner Versammlung kund gegeben hrt.
Derselbe hat vorzüglich druch Verläugnung der Revolution, durch Nichtanerkennung des Prinzips der unbedingten Unterwerfung Preußens unter die Central-Gewalt und durch die Betheiligung an dem jede parlamentarische Formverletzenden Schweidnitzer Proteste bewiesen, daß er zur Vertretung der politischen Ansicht dieses Kreises nicht geeignet ist. Wir sind keine Anhänger jener Partei, welche mit Rücksicht auf eigene Abhängigkeit den Muth eines freien Volkes nicht bewiesen und die Mittel eines einigen Deutschland nicht gewollt. Wir verabscheuen das Tragen auf beiden Schultern, machen jene Partei für allen Zeitverlust, für alle Gefahren verantwortlich, in welche sie Deutschland durch ihre reaktionäre Halbheit stürzen wird und bringen diese unsere Mißbilligung zur Kenntniß einer Hohen Nationalversammlung, damit Stillschweigen nicht als Genehmigung angesehen werde.
Kreis Olpe im September 1848.
Die Urwähler.
(Folgen gegen 7,700 Unterschriften.)
Hierzu eine Beilage.