[0835]
Beilage zu Nr. 157 der Neuen Rheinischen Zeitung.
Organ der Demokratie.
Freitag 1. Dezember 1848.
[Italien]
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@facs0835
Die Civica hat die Wachen im Quirinal übernommen. Einige Haufen Volks machten sich auf den Weg, um den Kardinal Morandi aufzusuchen und festzunehmen; ich höre bis jetzt indeß nicht, daß sie ihn gefunden. Er wird sich wohl zur rechten Zeit aus dem Staube gemacht haben. Galetti hat sich alle Mühe gegeben, die Volkswuth etwas zu beruhigen.
Rosmini und Sereni haben erklärt, sie könnten unter keiner Bedingung in das neue demokratische Ministerium eintreten.
Polen.
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@facs0835
Aus Galizien, 22. Novbr.
Einem allgemein verbreiteten Gerüchte nach sollte der Belagerungszustand von Lemberg mit dem 20. d. M. aufhören; dies ist jedoch bis jetzt nicht der Fall gewesen; im Gegentheile, alle Verfügungen, die den dortigen Platz betreffen, erscheinen von Baron Hammerstein gezeichnet. Den durch die Beschießung Lembergs verursachten Schaden schätzt man auf mehrere Millionen; die Herstellung des Rathhauses allein schlägt man auf den Betrag von 120,000 Fl. K.-M. an. Den größten Verlust jedoch hat Lemberg und mit dieser Stadt ganz Galizien durch die durch den Brand bewirkte Vernichtung der Bibliothek, des Naturalienkabinets, des physikalischen Kabinets, sowie der im technischen Institute befindlich gewesenen Präparate und Modelle erlitten: unmöglich ist es, diesen bedauernswerthen Schaden aus den im Lande befindlichen Fonds gut zu machen. Advokat Malisch ist seiner Haft gänzlich entlassen; das Nämliche steht von Professor Groß, Kommandanten der akademischen Legion, zu erwarten; was mit den übrigen Verhafteten geschehen wird, oder welchen Verlauf die mit ihnen bisher gepflogene Untersuchung nimmt, ist noch nicht bekannt.
[(Const. Bl. a. B.)]
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@facs0835
[ 103 ] Krakau, 24. Nov.
Gestern langten gegen 50 aus Lemberg verwiesene Emigranten hier an. Sie wollten durchs Preußische nach Belgien. Preußen aber hat erklärt, daß es jeden Emigranten an der Grenze zurückweisen wird. So müssen diese einstweilen hier bleiben, bis Schwarzenberg-Windischgrätz über ihr Loos entschieden haben wird. Der östreichischen Regierung ist's immerhin zuzutrauen, daß sie die aus russisch Polen Gebürtigen ausliefert. Aus Ungarn lauten alle Nachrichten dahin, daß die Vertheidigungsmaaßregeln energisch betrieben werden. Zwischen Preßburg, Tyrnau und Raab wird jeder Punkt befestigt, der sich irgend zu diesem Zwecke eignet. Alle Wege die ohnehin schlecht genug sind, macht man vollends unpractikabel. Besonders großartig sollen die Verschanzungen sein, welche man zur Vertheidigung Pesth's anlegt.
Schweiz.
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@facs0835
Edition: [Friedrich Engels: Sitzung des Nationalrats, vorgesehen für: MEGA2, I/8. ]
[ ** ] Bern, 27. Nov.
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@facs0835
Edition: [Friedrich Engels: Sitzung des Nationalrats – Ständerat – Protest des Papstes …, vorgesehen für: MEGA2, I/8. ]
[ ** ] Bern, 26. Nov.
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@facs0835
[ ** ] Lugano, 25. Nov.
Die Geistlichkeit unsres Kantons hat vom Bischof von Como, einem alten Anhänger der Oestreicher, ein Cirkular erhalten, worin er ihnen befiehlt, die flüchtigen italienischen Geistlichen nicht die Messe feiern zu lassen! Glücklicher Weise aber muß ein solches Rundschreiben erst das Placet unsrer Regierung erhalten, und darauf wird der Hr. Bischof lange warten können.
Was unsre Angelegenheiten angeht, so begreifen Sie, daß die Beschlüsse des Nationalraths wegen Tessin hier keine Freude erregt haben. Indessen hält unsre gekränkte Bevölkerung ihren Unwillen zurück, und antwortet auf den Beschluß durch eine ausgesuchte Höflichkeit gegen die hier anwesenden Bundesbehörden. So brachte die Musik unsrer Civica am 21. nicht nur Herrn Franscini aus Anlaß seiner Wahl in den Bundesrath, sondern gleich hernach auch dem ebenfalls gewählten Hrn. Munziger eine Serenade, trotzdem gerade Hr. Munzinger der eidgenössische Repräsentant ist, der am allerwenigsten Rücksichten auf unsre Regierung, unsre Sitten und unsre Sympathieen nahm.
Der berühmte Schuß, der nach Hrn. Munzinger's Schreiben und Hrn. Eschers Rede im Nationalrath durch Tessiner auf eine schweizer Ordonnanz abgefeuert wurde, lößt sich auch in Nichts auf. Der Brigadekommandant, Oberst Ritter, hat den Repräsentanten mitgetheilt, daß „nach Inspektion der Lokalität für gewiß angenommen werden kann, daß der fragliche Schuß keineswegs gegen die Ordonnanz abgefeuert wurde. Er hat indessen desto besser in Bern seine Wirkung als Schreckschuß auf die deutschen Nationalräthe gethan.
Die schweizerischeu Truppen benehmen sich dagegen stellenweise noch immer höchst unpassend. In Chiasso, an der Gränze bei Como, spazierte neulich Major Wälli ganz cordial mit zwei östreichischen Offizieren durch das Dorf und trat in's Caffe Nazionale. Er that gerade, als führe er sie zur Schau durch's Tessiner Gebiet, und die Oestreicher ließen ihre Säbel recht stolz über das Pflaster klappern. Ein Gamin, wahrscheinlich aus Absicht, verwickelte sich in den Säbel eines der Offiziere, als sie aus dem Caffe traten, und gab den Umstehenden Veranlassung zu einiger Heiterkeit. Hierüber erbittert, schrieb Major Wälli an den Gemeinderath, dem er anzeigte, daß er im Widerholungsfalle solche Beleidigungen als ihm selbst widerfahren ansehe, nach den ihm zugekommenen Befehlen handeln und die Schuldigen sofort arretiren würde. Der Gemeinderath antwortete würdig, machte auf das Unpassende aufmerksam, daß östreichische Offiziere, und besonders bewaffnet, das Tessiner Gebiet beträten, und erklärte, er werde an die Regierung nach Lugano berichten. Wenige Tage nachher kamen sechs östreichische Offiziere bewaffnet zu Major Wälli, der sie offenbar eingeladen hatte, und sie, um ihnen die Wirksamkeit seines Schutzes zu beweisen, von Caffe zu Caffe, von Wirthshaus zu Wirthshaus führte und vor den Augen der Tessiner mit ihnen fraternisirte. Um das Maaß voll zu machen, kam noch ein östreichischer Offizier nach, säbelklirrend und von zwei mit Säbel und Flinte bewaffneten Kroaten begleitet. Und die schweizerischen Schildwachen an der Gränze ließen sie ruhig passiren — und unsre Tessiner sollen nicht entrüstet sein, daß der Boden, der den italienischen Freiheitskämpfern kein Asyl geben darf, von den Unterdrückern Italien's betreten wird, und daß die Schergen Radetzki's bewaffnet in eine Republik kommen dürfen, die den Italienern jede Flinte, jeden Säbel abnahm!
Belgien.
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@facs0835
[ 12 ] Brüssel, 28. Nov.
Wenn Belgien, der „konstitutionelle Musterstaat,“ von sich etwas hören läßt, so kann man sicher sein, daß von irgend einer stillen Infamie die Rede ist. Wer spricht von Belgien, dem Lande des stillen Hungers, des stillen Elends, dem Lande der Jesuiten und der Hody's, das halb von Affen, halb von Beduinen bewohnt ist, wer spricht von diesem Lande außer hier und da ein König, der das Land der Contrefa[unleserlicher Text]on zum Original seiner Constitution gebrauchen will? Das konstitutionelle Musterland ist durch Windischgrätz und Brandenburg auf den Höhepunkt seiner Blüthe angelangt. Die feige Bosheit der belgischen Regierung nimmt noch gräßlichere Formen an als die Grausamkeit eines Windischgrätz. Auf ganz konstitutionellem Wege verwickelt man Männer, wie Mellinet, dem Belgien seine Befreiung von Holland verdankt, Tedesco und Ballieu, die nicht aus Lüttich und Brüssel gewichen sind, in einen Prozeß gewaltsamen Angriffs auf die belgische Grenze, verurtheilt sie zu Tode, und läßt dann die königliche Gnade hinzukommen, um die Todesstrafe in 20jährige Festung zu verwandeln. Derselbe König, der so gerne seine Krone für 800,000 Franken jährlichen Gehalts an die Demokraten verschachert hätte, verurtheilt jetzt dieselben Demokraten, weil sie bereit gewesen sind, diese Krone zu kaufen. Den Franzosen verdankt Belgien seine Existenz, als „konstitutionelles Musterland.“ Hätten sie nach der Februarrevolution nur die mindeste Bewegung gemacht, die mindeste Forderung gestellt, so wäre Belgien, sammt „Sack und Pack“ sammt „König Leopold und Polizeiminister Hody“ in Frankreich aufgegangen. Weil aber die Franzosen anstanden, und das Musterland zur Nachbildung Preußens bestehen ließen, rächt sich König Leopold an Männern, denen er den Gedanken dieses Anschlusses unterschiebt. Das flandrische Elend wächst in ungeheurem Maße auf dem konstitutionellen Rechtsboden Belgiens.
Dieses Elend, dieses Siechthum ist grade die Lebensbedingung des konstitutionellen Musterstaates. Aber, was liegt daran; die belgische Unabhängigkeit, die belgische Konstitution ist gerettet und mit ihr Leopold. Der Koburger sitzt also bloß noch auf seinem Throne, weil ihn die Franzosen darauf sitzen lassen, und weil überhaupt Cavaignac Leute wie Leopold braucht. Wozu ein Leopold noch brauchbar sein kann, nachdem er die Mannstüchtigkeit der Koburger Krone verloren hat? Ei nun zum Polizeiamte, um mit Hedy's Beistand alle dem Herrn Cavaignac und Consorten, als da sind Windischgrätz, Brandenburg, Palmerston, Schmerling etc. etc. ich sage, um alle diesen Herrn mißfällige Personen aus dem freien, „gastfreundlichen“ Belgien zu vertreiben. Als Polizeiminister ist wirklich der König Leopold ausgezeichnet. Er unterschreibt mit höchsteigener Hand und binnen 24 Stunden den Expulsionspaß aller ihm von fremden Gesandschaften aufgegebenen Personen und hält zu jeder Stunde Zellenwagen auf der Eisenbahn bereit.
Französische Republik.
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@facs0835
[ 17 ] Paris, 27. Nov.
Wie wohlwollend der französische sog. aufgeklärte Klerus sich über uns ausläßt, erhellt z. B. aus der „Ere Nouvelle“ vom 25. November wo der Hr. Pater Lacordaire folgendes predigt: „In Düsseldorf schlug ein, kürzlich noch des Beutelschneidens angeklagter Redner eines Klubs, in der Volksversammlung die Erwählung einer provisorischen Regierung vor; das Ding ist natürlich nur deshalb ernsthaft, weil es dabei Anarchie giebt. Die Ultrademokraten sind bisher so schlau gewesen, die konstitutionelle Linke an sich zu fesseln; in Köln freilich vergriffen sie sich beinahe an der Kölner Zeitung, und noch zur rechten Zeit kam ihnen die Idee, sie würden der Welt zum Gelächter werden, wenn sie gerade eine Verletzung der Preßfreiheit machten, und so entsagten sie denn klüglich diesem Plane. Uebrigens wer könnte wohl der Kölnischen Zeitung reaktionäres Streben vorwerfen? — Die beiden Streitmächte in Preußen sollten aber schleunigst gegenseitige Zugeständnisse machen, sonst versinken die Verhältnisse in den Abgrund der entsetzlichsten Leidenschaften der äußersten Partei; wir wissen ganz genau, daß die Gemüther in Deutschlands in fieberhaftester Ueberspanntheit pulsiren und selbst der ruhigste Mensch darf darob erschrecken, wie der gewandteste. Nein, in diesem Augenblick darf keine beider Parteien es auf einen Bürgerkrieg ankommen lassen. Der König will, scheint es, den 27. d. M. abwarten, ehe er sich über die famose octroyirte Charte vernehmen läßt, übrigens wird den Aristokraten die Konstitution noch viel zu demokratisch erscheinen. Der Hof pocht auf die ihm zugekommenen Adressen, aber 587 hat die Versammlung schon; auch der Kriminalsenat Berlins ist für letztere. In Breslau war die Thorheit der Radikalen groß genug, die rothe Republik durch eine provisorische Regierungskommission herauf zu beschwören; wahrlich, man muß mißtrauisch sein gegen Kinder. Glücklicherweise traten energische ruhige Bürger dagegen auf, u. s. w.“ — Das hiesige polnische Demokratencomité schreibt so eben an die „Democratie pacifique“: „Wenn die ganze europäische Demokratie mit dem Gefühle des Zorns der deutschen Demokraten über Blum's Ermordung sympathisirt, so hat die polnische ganz besondern Anlaß, um die Wucht dieses Verlustes zu empfinden. Blum war einer der unermüdlichsten, beredtesten Vertheidiger des polnischen Rechts, einer der aufopferndsten Freunde der Söhne Polens. Seit 1837 hat er fort und fort Dienste unserm Lande erzeigt. Und so sei es uns vergönnt, voll Ehrfurcht und Dankbarkeit der Demonstration beizutreten, indem wir in dem Bureau unseres Blattes: Demokrat polski „eine polnische Subskription“ für des Märtyrers Familie eröffnen. General Sznayde, der Sekretär Chrystowski.“ Es heißt, die hiesigen Italiener uud Spanier werden ein Aehnliches machen. — Die neue Tribune de la Gironde in der verpestetsten Ultrabourgeoisstadt Frankreichs, sagt: Die Democratie pacifique in Paris eröffnet so eben die europäische Subskripton für Blum's Famile mit folgenden Ehrenworten: Europa's Demokraten werden mit dem Schmerz und der Entrüstung der deutschen Demokraten wegen dieses Meuchelmords sympathisiren. Aber solche Sympathie darf nicht unfruchtbar sein. Mögen die Hinterbliebenen des erlauchten Freiheitsmärtyrers bei den Völkern den Ersatz finden für den Verlust, den ihnen die Könige zugefügt. Völker werden dankbarer sein als die Könige, deren Undankbarkeit längst sprüchwörtlich wurde. Wir rufen also unsere Mitbrüder in Frankreichs Demokratenpresse feierlich auf, eine Subskription in ihren Redaktionsbureau's zu veranstalten und ein Centralcomite zu diesem heiligen Behufe zu formiren. Der Betrag wird niedrig gestellt, damit der Heller des armen Mannes nicht abgewiesen werde. Die Redaktion der Democratie pacifique steuert 20 Franken. „Wir hoffen,“ setzt die Bordoleser Tribune hinzu, „dieser Aufruf findet ein gebührendes Echo in Frankreich, wo nur irgend noch Sinn für Brüderlichkeit ist. Seit dem heutigen Tage muß endlich das Bruderthumsprinzip praktisch auftreten als sich verwirklichende Solidarität aller europäischen Republikaner. Wir konnten freilich dem muthigen Streben unserer deutschen Brüder nicht zu Hülfe kommen: — nun so äußern wir wenigstens unsere glühende Sympathie und ehrfurchtsvollste Bewunderung! Die Tribune de la Gironde hat demnach für 10 Fr. in ihrer Redaktion subskribirt, und ladet die Demokraten zur Nachahmung dieses Schrittes ein.“ Dasselbe geschah bereits in Lyon und andern Orten.
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@facs0835
[ * ] Paris.
Herr Cavaignac.
Die Debatten über Cavaignac haben in der Kammer stattgefunden. Die Anklagen gegen ihn erheben sich drohender als je. Das Satisfaktionsvotum der Kammer hat sie in keiner Hinsicht vernichtet.
Seit dem 17. Mai war Cavaignac Kriegsminister. Hat er in dieser Eigenschaft die Insurrektion vom 23. Juni verhüten können? Ja! — Was hat er gethan? Er hat Paris und die Gesellschaft auf's Spiel gesetzt. Und nachdem er die ganze Gesellschaft in Lebensgefahr gebracht, hat er sie gerettet? Nein! — Mußte er nicht mit der exekutiven Gewalt ebenfalls sich zurückziehen? Ja! — Hat er sich wirklich zurückgezogen? Nein!
Wie am 17. April, so war auch am 22. Juni nichts leichter, als die Insurrektion einzuschüchtern. Man brauchte nur eine starke Militärmacht heranrücken zu lassen. Daß aber Cavaignac eine Truppenmasse von 42,000 Mann zu seiner Verfügung hatte, geht aus seinem eigenen Geständnisse hervor. Was thut Cavaignac? Gar nichts; sondern er läßt, nach dem Ausdrucke von Marrast, die Barrikaden sich in aller Friedfertigkeit aufthürmen. Und warum? „Weil er einen Plan verfolgt“. — Und was ist dieser Plan? Seine Truppen nicht zu zersplittern, und lieber eine Insurrektion zu bekämpfen, als eine Emeute zu verhüten, lieber eine Schlacht zu liefern, als eine Zusammenschaarung zu zerstreuen. Wenn aber dieses sein Plan war, so hätte er doch wenigstens die Offiziere der Nationalgarde davon in Kenntniß setzen müssen, damit sie ruhig zu Hause blieben, und sich nicht abschlachten ließen vor den Barrikaden. — Gewiß, das Blut der Soldaten ist kostbar, und verdient geschont zu werden. Aber ist das Blut der Bürgergarde nicht ebenso kostbar, und hat man nicht leichtsinniger Weise Bürgerblut vergossen, um Soldatenblut zu schonen? Hat Cavaignac nicht absichtlich die Insurrektion ermuthigt, in demselben Maße, als er die Nationalgarde entmuthigte?
Und als St. Barthelemy St. Hilaire dies dem General Cavaignac vorstellte, was antwortete letzterer darauf? „Bin ich hier, um Eure Pariser und Eure Nationalgarde zu vertheidigen? Sie möge selbst ihre Stadt und ihre Läden und Kräme vertheidigen! Ich will meine Truppen nicht zersplitteru. Ich denke noch an 1830 und 1848“ — Das ist der famose Plan Cavaignac's, das ist, was er sein „Contentracionssystem“ nennt. Er hält seine Truppen konzentrirt, bis die Barrikaden fertig sind, und schickt dann die Nationalgarde ins Feuer, bis sie sich verblutet hat; dann erst kommt der Angriff der Truppen, dann kommen die Kar- [0836] tätschen. Cavaignac beruft sich auf 1830 und 1848. Das ist damals ein ganz anderes Verhältniß gewesen. Diese beiden Königthume sind nicht geschlagen worden, sie sind auseinandergefallen. Cavaignac wußte von dem Herannahen einer Krise; er wußte, daß diese Krise keine Emeute, sondern eine wahre Schlacht sein würde. Er wußte es seit dem 8. Juni. Welche Vorsichtsmaßregeln hat Cavaignac unter diesen Umständen getroffen. Täglich fragte ihn Lamartine: Nun, wann kommen denn die Truppen endlich an? Hätte Cavaignac, wie er in seiner Antwort an Lamartine erklärt hat, zeitig genug die nöthigen Befehle gegeben, so wäre man nicht den 24. Juni genöthigt gewesen, durch den Telegraphen Regimenter von der Marine aus Cherbourg, Brest u. s. w. kommen zu lassen.
Die Debatte, weit entfernt, den General Cavaignac von der Schuld rein zu waschen, hat eine neue Anklage auf ihn gehäuft: seine Theilnahme an ein parlamentarisches Komplot.
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@facs0836
[ 12 ] Paris, 28. Nov.
Napoleon ist nicht so dumm wie er aussieht. Sein lang-ersehntes Manifest ist endlich erschienen: leer, inhaltlos, und doch jeder beliebigen Interpretation Raum gebend. Wenigstens hat er die Naivetät, zu gestehen, daß seine Person nichts, und sein Name Alles sei. „Die Beweise eines so ehrenvollen Zutrauens richten sich weit mehr an meinen Namen als an mich selbst ‥‥ Ich bin keineswegs ein Ehrgeiziger, der bald vom Kaiserthume, bald vom Kriege, bald von der Anwendung staatsumstürzender Theorieen träumt. In der Schule des Unglücks und in freien Ländern groß geworden, werde ich immer den Pflichten getreu bleiben, welche mir durch die Stimme und den Willen der Nationalversammlung aufgelegt werden“. Mit andern Worten: Ich, der Napoleon, bin doch nicht so dumm, wie ich aussehe. Ich sehe aus, wie der Kaiser, und bin doch nicht der Kaiser. Oh, ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe!
Nun kommen die obligaten Versprechungen und Verheißungen einer honneten, gemäßigten Republik, der Wiederherstellung der Ordnung, des Schutzes, die er der Religion, dem Eigenthum und der Familie angedeihen lassen will etc. etc. Auch die Friedensversprechungen fehlen nicht, aber im Hintergrunde lauert für die „Kaiserlichgesinnten der Krieg durch, der Krieg „im Falle, wo die Nationalehre gekränkt ist.“ Den Schluß bildet das Versprechen einer Erleichterung im bisherigen Conskriptionswesen. Was will man mehr? Napoleon ist nicht so dumm, wie er aussieht.
Dummer! dümmer! tant mieux. Cavaignac-Windischgrätz ist Advokat geworden.
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@facs0836
Paris, 28. Nov.
Die Vorfälle in Rom werden, wie es scheint, dem Kabinette Cavaignac's Gelegenheit bieten, sich wo möglich noch unpopulärer zu machen. Darf man den Angaben eines Morgenblattes trauen, so schickte er gestern den Deputirten de Courcelles (einen lauen Republikaner) mit Instruktionen nach Rom, die einem Metternich Ehre machen würden. Bixio, den Lamartine schon einmal nach Turin sandte, um dort den angeschürzten Knoten zu lösen, wird heute deshalb den Minister des Auswärtigen interpelliren. [(Siehe N.-V.)]
— Die Vertheidigungsrede Cavaignac's wird in Millionen Exemplaren gedruckt, um in Stadt und Land von Haus zu Haus vertheilt zu werden. Die diesfälligen Druckkosten sollen angeblich durch freiwillige Beiträge zu Stande kommen.
— Der Moniteur erklärt, daß der Regierung kein amtlicher Bericht über die von dem Journal Opinion behauptete Ermordung des franz. Konsuls auf St. Domingo zugegangen und mithin anzunehmen sei, daß diese Nachricht falsch sei.
— Joly (vom Berge) wird den Minister des Innern morgen in der Nationalversammlung wegen Behandlung und Auslieferung der von uns schon früher bezeichneten spanischen Flüchtlinge zur Rede stellen.
— Der berüchtigte Verräther Napoleon's, Marschall Marmont, der seit 1830 wie der ewige Jude umherirrte, will (auf Einladung Cavaigna's?) plötzlich nach Frankreich zurückkehren.
— Briefen aus Brest und Cherbourg zufolge, sollen die Nahrungsstoffe auf den Insurgentenpontons schrecklich schlecht und daher die Sterblichkeit unter diesen Unglücklichen sehr groß sein. Der Moniteur wird hoffentlich nicht ermangeln, diese Briefe zu widerlegen.
— Girardin setzt seine Kritik der Cavaignac'schen Vertheidigung mit unerbittlicher Strenge fort. 10,000 Franken Belohnung — ruft er — erhält derjenige, der aus dem sogenannten Centralisationssystem des Generals klug wird.
— Paris, 27. Nov. „An den Redakteur der „Republique“. Bürger. So lästig es mir auch ist, das Publikum mit meiner Person zu unterhalten, bin ich doch gezwungen, Ihnen ein Wort zuzuschicken. In einem Artikel, mit dem Sie meinen Streit mit Proudhon begleiten, schreiben Sie demselben eine politische Meinungsverschiedenheit zu. Andere Journale leiten seinen Ursprung aus einer Verschiedenheit der Abstimmung über meinen Vortrag des Rechts auf Arbeit. Ich achte die Stimmfreiheit eines Jeden zu hoch, um nicht bemerken zu müssen, daß es sich bei der Scene vom Sonnabend weder um Meinungsverschiedenheit, noch um ein Votum handelte, sondern um etwas rein Persönliches. Proudhon's Blatt „Le Peuple“ hatte einen Brief veröffentlicht, der mein Benehmen beim Bankett im Chateau Rouge falsch darstellte. Ich verlangte Berichtigung und es mag sein, daß ich diese Berichtigung etwas barsch und vielleicht zu energisch am Schlusse der Wahlsitzung vom Sonnabend forderte, worauf mir Proudhon mit einem Faustschlag antwortete, den ich mit Ohrfeigen erwiderte. In Folge dessen sandte ich meine Freunde Baune und Martin Bernard zu Hrn. Proudhon. Sie kennen das Uebrige. Gruß und Freundschaft.“ (gez.) Felix Pyat.
— Manifest Louis Napoleon Bonaparte's an seine Mitbürger: „Um mich aus dem Exil zurückzurufen, ernannten Sie mich zum Volksvertreter. Am Vorabend, den ersten Beamten der Republik zu wählen, erscheint Ihnen mein Name als Sinnbild der Ordnung und Zuversicht. Diese Zeugnisse eines so ehrenwerthen Vertrauens sind, ich weiß es wohl, mehr diesem Namen als mir selbst, der ich noch nichts für mein Land gethan, zugewandt. Aber je mehr mich das Andenken an den Kaiser begünstigt und mir Ihre Stimmen verschafft, desto mehr fühle ich mich verpflichtet, Ihnen meine Gefühle und Grundsätze zu erkennen zu geben. Zwischen Ihnen und mir darf keine Zweideutigkeit herrschen.
Ich bin kein Ehrgeiziger, der bald Krieg und Kaiserthum, bald die Verwirklichung verbrecherischer Ideen träume. In freien Ländern und in der Schule des Unglücks erzogen, werde ich stets den Pflichten treu bleiben, welche mir Ihre Stimmen und der Wille der National-Versammlung auflegen. Wenn ich zum Präsidenten gewählt werde, so werde ich vor keiner Gefahr, vor keinem Opfer zurückweichen, um die so kühner Weise angegriffene Gesellschaft zu vertheidigen. Ich werde mich, ganz und ohne allen Hinterhalt der Befestigung einer Republik hingeben, welche weise durch ihre Gesetze, honett durch ihre Institutionen, groß und stark durch ihre Handlungen ist. Ich werde meine Ehre darin suchen, am Ablauf von vier Jahren, meinem Nachfolger die Staatsgewalt fest, die Freiheit unberührt, wahren Fortschritt erfüllt, zu überliefern. Welches auch das Wahlresultat sei, ich verbeuge mich vor dem Volkswillen und mein Beistand ist im Voraus jeder gerechten und festen Regierung zugesichert, welche Ordnung sowohl in den Gemüthern, wie in den Dingen herstellt, welche die Religion, Familie und Eigenthum, diese ewigen Grundlagen aller gesellschaftlichen Ordnung, ausgedehnt schütze, welche mögliche Reformen hervorrufe, den Haß besänftige, die Parteien aussöhne und auf diese Weise dem beunruhigten Vaterlande gestatte, auf ein Morgen zu zählen.
Ordnung wieder herstellen, heißt das Vertrauen zurückführen; durch Kredit der vorübergehenden Unzulänglichkeit der Hülfsquellen vorsehen, heißt die Finanzen wieder beleben Religion und Familie beschützen, heißt die Kultus- und Unterrichtsfreiheit sichern. Das Eigenthum schützen, heißt die Unverletzlichkeit der Produkte aller Arbeiten aufrechterhalten, so wie die Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit des Besitzthums, dieser unerläßlichen Grundlagen bürgerlicher Freiheit, gewährleisten.
In Betreff der möglichen Reformen, so erscheinen mir folgende als die dringlichsten: Alle Ersparnisse einzuführen, welche ohne den Staatsdienst zu lähmen, (desorganiser) eine Verringerung der Steuern erlauben, die am härtesten auf dem Volke lasten. Unternehmungen zu ermuthigen, welche den Reichthum der Agrikultur vermehren und in Frankreich sowohl als in Algerien brodlose Hände beschäftigen. Dem Greisenalter der Arbeiter durch Anlage von Versorgungsanstalten Hilfe zu leisten. In unsere industrielle Gesetze Verbesserungen einzuführen, welche dahin streben, nicht den Reichen zum Besten des Armen zu ruiniren, sondern den Wohlstand eines Jeden auf den Wohlstand Aller zu gründen. Die Zahl der von der Regierungsgewalt zu vergebenden Stellen in ihre möglichst engen Gränzen zurückzuweisen, denn diese Stellenjagd macht aus einem freien Volk ein Volk von Bittstellern. Jene schlimme Tendenz zu vermeiden, welche vom Staat ausführen lassen will, was Privatleute eben so gut und oft besser thun können. Die Centralisation der Interessen und Unternehmungen liegt in der Natur des Despotismus. Die Natur der Republik stoßt das Monopol von sich. Endlich die Preßfreiheit gegen zwei Uebergriffe zu beschützen gegen: Willkür der Regierung und eigene Ausschweifung. Krieg nach Außen würde unsern Uebelständen keine Linderung verschaffen: Friede würde also der theuerste meiner Wünsche sein. Frankreich war, bei seiner ersten Revolution, kriegerisch, weil es Europa zwang, dieß zu sein. Den Fremdeneinfall erwiderte es mit Eroberung. Heute, wo es nicht herausgefordert ist, kann es seine Hilfsquellen, Friedensverbesserungen zuwenden, ohne auf eine ehrenvolle und entschlossene Politik zu verzichten. Eine große Nation muß schweigen, oder nie den Mund vergebens öffnen. (Une grande nation doit se taire, ou ne jamais parler cn vain.)
Paris, 27. November. 1848.
(Gez.) Louis Napoleon Bonaparte.
— Im Moniteur befinden sich die Tabellen über Ab- und Zufuhr, oder Eingangs und Ausgangszölle während der ersten 10 Monate von 1848. Daraus ergibt sich eine Verminderung von 40 Millionen Franken. Während vom 1. Januar bis 1. Nov. 1847 etwa 112 Millionen in die Staatskassen flossen, betrug die Einnahme vom 1. Januar bis 1. Nov. 1848 nur 72 Millionen Franken.
— In der Alpenarmee geht eine bedeutende Personaländerung vor. Etwa 7000 Mann kehren davon in die Heimath zurück, weil ihre Dienstzeit abgelaufen. Sie werden durch Rekruten sofort ersetzt.
— Die monarchische Union spottet über die motivirte Tagesordnung der Nationalversammlung in folgender Weise:
„Seit dem 24. Februar hat sich alle Welt um das Vaterland verdient gemacht. Die provisorische Regierung hat sich verdient gemacht, trotz der 45 Centimen. Die Exekutivkommission hat sich verdient gemacht und der General Cavaignac hat sich sogar zwei Male verdient gemacht. Wir glauben indessen, daß wenn man das „Vaterland“ früge, ob sich diese Leute alle wirklich verdient gemacht hätten, man zur Antwort erhalten würde, daß das Vaterland der Nationalversammlung selbst diese Ehre gar nicht zugestehe, welche sie so bereitwillig all' seinen Rettern votire.
— Skandal! Skandal! Bei der politischen Umgestaltung, der heutigen Dinge ist es natürlich, daß allerlei Leidenschaften an einander gerathen. So sehen wir selbst Lamartine den Cavaignac fassen; so glüht der alte Lebreton gegen den jungen Lamoriciere, und so grollte Felix Pyat seit seiner Rede zu Gunsten des Rechts auf Arbeit, welcher der ganze Berg zuklatschte, dem starrköpfigen Proudhon, weil er gegen ihn, d. h. gegen dieses Recht auf Arbeit gestimmt hatte, welches der Berg in seinen (Pyat's) Mund legte. Seit dieser Zeit herrschte prinzipielle Fehde zwischen Pyat und Proudhon. Dieselbe brach am Schlusse der vorgestrigen Nachtsitzung in eine handgreifliche aus, die auch zwischen diesen beiden Deputirten nur durch einen Waffenkampf, trotz anfänglicher Weigerung Proudhon's, sich nicht schießen zu wollen, beigelegt werden zu können scheint.
Nationalversammlung. Sitzung vom 28. Novbr. Anfang 1 1/2 Uhr. Präsident Marrast.
Die Bänke sind stark besetzt; die Galerien zum Erdrücken voll.
An der Tagesordnung sind die Bixio'schen Interpellationen wegen Italien.
Bixio erhält das Wort: Bürger! Sie kennen den unglücklichen Zustand Italiens. In Rom herrscht die Anarchie (Oh! Oh!). In der Lombardei lasten Eroberungssucht und Regierungsdruck auf dem Volke. Ich verlange deshalb vom Minister des Auswärtigen zu wissen, wie weit die Unterhandlung mit Oesterreich gediehen? Zunächst sei es mir jedoch gegönnt, die Aufmerksamkeit der Versammlung auf Rom zu lenken. Die Anarchie hat dort ihr Haupt erhoben (Oh! Oh! vom Berge), jene Anarchie, welche damit begann, die Schwellen des Kammerpalastes mit Blut (durch die Ermordung Rossi's) zu beflecken. Die Unordnung herrscht in Rom, die Freiheit ist daraus verschwunden; ein schrecklicher zweiter Mord ist am Kardinal Palma‥… (Hier erhebt sich der ganze Berg gegen die Extase des Redners, während die Rechte schreit: Ja! Ja!) Der Lärm wird allgemein.
Marrast dem Berge heftig zurufend: Wollen Sie Ihre Unterbrechungen wieder anfangen? (Allmälig wird's stille).
Bixio mit weinerlicher Stimme: Wenn man den umlaufenden Gerüchten Glauben schenken darf, so ist der Urheber der italienischen Freiheit als Opfer seiner guten Absichten gefallen. Ich bitte den Minister, zu erklären, wieviel Wahres an dem Gerüchte sei. Es liegt Gefahr darin für die Republik an ihren Pforten, Tyrannei in Oberitalien und Anarchie in Mittelitalien zu haben. (Sehr gut! Sehr gut! zur Rechten.)
Cavaignac (Mäuschenstille): Der Vorredner gab zu verstehen, daß die lombardische und die romische Fragen „connex“ wären. Ich glaube, daß sich jede einzeln behandeln lasse und behandelt werden müsse. Bezuglich der Lombardei, so haben wir der Versammlung dafür zu danken, daß sie uns gestattet, uns darüber nicht vorzeitig auszusprechen. Ich muß indessen gestehen, daß die Unterhandlung wenig fortgeschritten. Die diesfälligen Gründe liegen in den Wiener Ereignissen vom Oktober, die Sie kennen. Ich gehe daher zur römischen Frage über. Vorgestern erhielten wir die Nachricht, daß sich der Papst (der General korrigirt sich und sagt: Sa. Saintété) aus Rom geflüchtet habe. An demselben Tage erließen wir durch den Telegraphen den Befehl, 3500 Mann auf 4 Fregatten in Toulon für Civica Vecchia einzuschiffen. Herr v. Courcelles, Ihr College, hat die Mission angenommen, sich mit diesem Geschwader nach Rom zu begeben oder überhaupt dahin, wo sich der Papst befinden möge, und sich zur Verfügung desselben zu stellen. (Protestirendes Murren zur Linken). Wir handelten ohne Zögern, natürlich beschlossen wir zugleich, Ihnen die getroffenen Maßregeln sobald als möglich zur Billigung vorzulegen. Dies geschieht denn hiermit, indem ich Ihnen zuvörderst die Verhaltungsbefehle mittheile, die wir dem Hrn. v. Courcelles mitgegeben.
Cavaignac lies't diese Verhaltungsbefehle vor. Sie lauten im Wesentlichen, wie sie sich eben nur im Fluge festhalten lassen, folgendermaßen:
Im Angesicht der ernsten Ereignisse zu Rom sind 3500 Mann mit der nöthigen Artillerie auf 4 Kriegsfregatten in Toulon einzuschiffen. Mit dieser Flotille hatte sich Courcelles nach Civita Vecchia zu begeben. Dort angekommen, werden Sie (Courcelles) sich sofort zu dem Gesandten der Republik, v. Harcourt, begeben und demselben den Zweck Ihrer Mission mittheilen, welche darin bestehe, sich dem Papst zur Verfügung zu stellen und ihm die persönliche Freiheit wiederzugeben, deren man ihn beraubt hat. (Murren zur Linken, Beifall rechts). Wünscht sich Se. Heiligkeit auf das Gebiet der französischen Republik zu begeben, so ist ihm eine Fregatte bereit zu stellen. Das Landen der Truppen wird lediglich dem Ermessen von Ihm und Harcourt, wie Sie die Umstände in Civita Vecchia finden werden, anheimgestellt. Sie werden dem Papste die innigste Freundschaftsversicherung machen u. s. w.
Ledru-Rollin verlangt Debatte und wünscht sie sogleich begonnen zu sehen. Die Versammlung entscheidet sich jedoch für Donnerstag und kehrt zum Büdget zurück.
Lamoriciere, Kriegsminister: Bürger! Das Kriegsbüdget, dessen Berathung Sie so eben beginnen, ist das stärkste von Allen. Es beträgt 432 Million Fr Das Ministerium hat sich emsig damit beschäftigt, wie diese schwere Last für das Land zu erleichtern wäre. Dies zu erreichen glaube ich Ihnen folgende Ideen, ich sage Ideen, mitzutheilen Sie werden darüber künftig zu entscheiden haben. Bisher betrug der Effektivstand der Armee 560,000 Mann mit 110,000 Pferden. Die Kriege in Algerien erforderten oft eine noch höhere Zahl. Nach dem Systeme, das ich Ihnen vorzulegen die Ehre haben werde, würde sich der Effektivstand auf 292,000 Mann (155,000 Infanterie, 57,000 Kavalerie, 28,000 Artillerie und 6000 Ingenieurs) vermindern. Wie diese Verminderung zu bewirken, ohne der Macht des Heeres zu schaden, sie im Gegentheile zu vergrößern, wird aus dem Ihnen vorzulegenden neuen Rekrutirungsgesetze speziell hervorgehen.
Der Minister entwirft nun einige Grundzüge seines Systems, das an die Preußische Landwehr und Reserve erinnert.
de Mornay, Francisque Bouvet eröffnen die Diskussion im Allgemeinen ohne erhebliches Interesse.
Bineau vertheidigt die Ziffern.
Lebreton, der geschworene Feind Lamoricieres, erklärt, daß er heute noch nicht auf das neue System eingehen wolle, beschwert sich aber über den berüchtigten Favoritismus bei den höhern Avancements. Er bezeichnet den Oberst Charras, den bekannten Lenker des Kabinets des Generals Cavaignac. Ebenso den General Boquet.
Lamoriciere rühmt die Verdienste des Obersten Charras bei Unterdrückung der Anarchie am 15. Mai. (Beifall zur Rechten.)
Nach Erledigung dieser rein persönlichen Eifersüchtelei, an welcher auch General Leyden Theil nimmt, schreitet die Versammlung zur Diskussion der einzelnen Kapitel, von denen die ersten nur zu unerheblicher Erörterung Veranlassung gaben.
Um 6 Uhr geht die Versammlung auseinander.
Holland.
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[ 15 ] Amsterdam, 26. Nov.
Einige alte Philister haben heute eine Adhaesionsadresse an den König von Preußen zur Zeichnung bei dem Buchhändler Blickmann niedergelegt, die jedoch wenige Anhänger findet. Diese Leute wünschen Ruhe um jeden Preis, wenn sie auch durch Knechtschaft erkauft werden muß; sie kennen nichts höheres als ihren Wanst und ihren Geldsack. Es sind Deutsche, denen jedes edlere Gefühl abgeht, Deutsche, die gerne ihre paar Tage noch in Ruhe fortvegetiren möchten.
Neueste Nachrichten.
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@facs0836
[ * ] Köln, 30. Nov.
Herr Stupp nach Brandenburg.
[Leserbrief]
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@facs0836
[ * ] Cleve, 28. November.
Nachstehende Denunciation ist heute dem Oberprokurator zu Düsseldorf übersandt worden:
An den Herrn Oberprokurator bei dem Landgericht zu Düsseldorf.
Die Herren Drigalski und Spiegel zu Düsseldorf haben nach den Zeitungen die Stadt und Gesammtgemeinde Düsseldorf in Belagerungszustand erklärt, in Folge dessen alle Vereine aufgehoben, alle Volksfreiheiten unterdrückt, die Bürgerwehr aufgelöst, die Verhaftung „zweckloser Herumstreicher“ angeordnet, in das Corpsbureau der Bürgerwehr einbrechen lassen, und überhaupt sich alle mögliche Mühe gegeben, einen anarchischen Zustand in Düsseldorf herbeizuführen.
Sie, Hr. Oberprokurator, unter dessen Augen diese schweren Verbrechen verübt sind, und fortwährend verübt werden, sind bis jetzt nicht dagegen eingeschritten Mein Rechtsgefühl empört sich dagegen und ich fühle mich gedrungen, Sie auf Ihre Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie der Wächter der Gesetzes sind und dasselbe nach oben, wie nach unten handhaben, oder Ihren Posten niederlegen müssen.
Sie werden diese Sprache eine unanständige, eine anmaßende, vielleicht eine freche nennen, aber, Hr. Oberprokurator, ich kann keine milderen Worte gebrauchen, ich bewege mich auf dem Boden des Gesetzes und — „was Recht ist, muß doch Recht bleiben.“ Als freier Mann trete ich vor Sie und fühle mich berufen, Sie auf Ihre Pflicht aufmerksam zu machen. Mag sie eine schwere sein, der freie, der gesinnungsvolle Mann gehorcht seinem Pflichtgefühl, gehe er auch dabei zu Grunde.
Der Art. 93 des Strafgesetzbuchs sagt:
„Diejenigen, welche ohne Recht und gesetzliches Motiv sich einer Stadt bemächtigen (auront pris le commandement d'une ville) sollen mit dem Tode bestraft und ihre Güter konfiszirt werden.“
Artikel 114 ibidem sagt:
„Wenn ein öffentlicher Beamter, ein Agent oder Angestellter der Regierung, irgend eine willkührliche und entweder die individuelle Freiheit oder die staatsbürgerlichen Rechte (droits civiques) eines oder mehrerer Bürger oder die Verfassung (constitution de l'Empire) verletzende Handlung befohlen oder verrichtet hat, so soll er mit dem Verlust der staatsbürgerlichen Rechte bestraft werden.“
Artikel 188 ibidem bestimmt:
„Jeder öffentliche Beamte, Agent oder Angestellter der Regierung jeden Standes und Grades, der begehet oder befiehlt, daß die bewaffnete Macht gegen die Vollstreckung eines Gesetzes in Thätigkeit gesetzt oder gebraucht werde, soll mit der Einsperrung bestraft werden.“
Artikel 258 ibidem verordnet:
„Jeder, der, ohne dazu berechtigt zu sein, sich in Civil- oder Militäramtsverrichtungen (fonctions publiques) einmischt, oder solche Handlungen vornimmt, soll mit Gefängniß von 2-5 Jahren bestraft werden.“
Es ist nicht möglich, Hr. Oberprokurator, daß Ihnen diese klaren gesetzlichen Bestimmungen unbekannt sind, es ist nicht möglich, daß Sie die Anwendbarkeit auf den vorliegenden Fall als ruhiger, parteiloser Wächter des Gesetzes verkennen können; wohlan denn, Hr. Oberprokurator, zeigen Sie, daß Sie den Muth haben, zu thun, was Ihr Pflichtgefühl Ihnen gebietet, oder — legen Sie Ihre Stelle nieder!
Cleve, am 27. November 1848.
Napoleon Weinhagen.
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@facs0836
Wie es der Hauptmann Krause macht!
Köln, den 27. November.
Gestern Mittag besichtigte der Hauptmann Krause der 7. Kompagnie 8ter Artillerie-Brigade, den Anzug seiner Leute während dem Apell. Als derselbe bei Kanonier Kriens angekommen, blieb er stehen und es entstand folgende Scene.
Hauptmann. Wie sieht Er verfluchter Kerl aus? Mal vortreten! — Rock ausziehen! — Sieht Er nicht daß die Paspel seines Kragens beschmutzt ist? —
Kanonier. Herr Hauptmann ich habe — — — — —
Hauptmann. Will er Schweinigel das Maul halten! — Wer hat den Kerl in Korporalschaft? — Kommen Sie mal her Unteroffizier! —
Kanonier. Ich habe den Rock von dem Unteroffizier so empfangen — — — — —
Hauptmann: Wenn Er Kerl nun noch einmal das Maul aufthut, dann haue ich Ihn zwischen die Löffel, daß er 10,000mal crepiren soll! — (dabei zog der Hauptmann seinen Schleppsäbel bis zur Hälfte aus der Scheide, ließ ihn aber wieder hineinfallen, vielleicht eingedenk des Bibelspruches: „Wer das Schwerdt nimmt, soll durch's Schwerdt umkommen.“)
Hauptmann: Mach' Er „Kehrt!“ —
Die Wendung hatte vielleicht der Kanonier Kriens, in Folge der Aufregung, nicht so taktmäßig ausgeführt, wie es der Hauptmann wollte, er mußte deshalb die Wendung wiederholen. Nunmehr fiel sie gar nicht zur Zufriedenheit aus und deshalb:
Hauptmann: Herr Lieutenant Caspary — haben Sie nicht bemerkt, daß der Kerl sich widersetzt?
Lieutenant: Nein! —
Hauptmann: Das müssen Sie bemerkt haben!
Lieutenant: Was ich nicht gesehen habe, kann ich auch nicht bemerken! —
Hauptmann: (mit furchtbar schönem Ernste und innerer teuflischer Freude) Feldwebel!
„Der Kanonier Kriens erhält 3 Tage Mittel-Arrest, wegen widersetzlichen Benehmens gegen seinen Hauptmann.“ —
gez. Krause, Hauptmann und Compagnie-Chef.
Für die Wahrheit dieses Vorfalls bürgt die ganze Mannschaft der Kompagnie, welche gestern beim Appell versammelt war.
NB. Der Kanonier Kriens hat vor 8 Tagen im demokratischen Vereine gesprochen! —
@typejExpedition
@facs0836
Für den demokratischen Central-Ausschuß in Berlin sind bei der Expedition dieser Zeitung ferner eingegangen:
Von einem Barmer Bürger 1 Thlr — vom Arbeiter Verein zu Brüssel 1 Thlr. — von Oberstein 15 Thlr. Durch Jak Obladen gesammelt 5 Sgr. Zusammen 601 Thlr. 28 Sgr. 2 Pf. 48 Kr.
Köln, den 29. Novbr. 1848.
[Die Expedition der „N. Rh. Z.“]
Handelsnachrichten.
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