[0841]
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 159. Köln, Sonntag, den 3. Dezember. 1848.
Keine Steuern mehr!!!
Uebersicht.
Deutschland. Dortmund. (Windungen der „Kölnischen Zeitung.“) Trier. (Sebaldt und der Stadtrath. — Aufhetzung der Soldaten.) Coblenz. (Schwarz-weiße Adressen-Fabrikation. — Wiederholung der Soldatenexcesse) Düsseldorf. (Die Muse Drigalski. — Nähere Details über den vorgestrigen Soldatenvandalismus.) Jülich (Herr v. Mylius.) Münster. (Hammacher, Bonsi, Jakobi. — Verhaftungen der Volksmänner. — Gährung unter den Landwehrmännern. — Proklamationen der Camarilla. — Deputirtenwahl.) Berlin. (Schandthaten Wrangels gegen die Deputirten. — Schwankende Deputirte. — Ein Bauer und ein Bürgerlicher zu Brandenburg. — Reibungen. — Gagern und Wrangel. — Des Reichsverwesers Ansprache an das deutsche Volk. — Branburg-Manteuffelscher Plan. — Der Czar in Potsdam.) Brandenburg. (Club Brünneck.) Naumburg. (Erfurter Zustände.) Posen. (Husarenkrawall. — Schefers Demarkationsreise.) Ostrowo. (4 tscherkessische Ueberläufer ausgeliefert.) Wien. (Windischgrätz und der Gemeinderath. — Ungarn. Die Werbung. — Die „Presse.“ — Ernstliches Beginnen des Angriffs auf Ungarn. — Empfang einer Deputation durch Welden. — Verstärkung Simonic's. — Neue Rekrutirung. — Kosten für das Militair.) Kremsier. (Zweite Reichstagssitzung.) Prag. (Das volksthümliche Ministerium.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Bremervörde. (Mißtrauens-Votum.)
Ungarn. Herrmanstadt. (Püchner's Proklamation)
Donaufürstenthümer. Bukarest. (Zweck der russischen Truppen. — Bibesko. Russische Winterquartiere. — Benehmen des Adels. — Verhaftungen. — Note des Kotzebue.)
Italien. Rom. (Programm des neuen Ministeriums. — Vermischtes.)
Turin. (Stürmische Kammersitzung) Neapel. (Soldatenexcesse.)
Großbritanien. London. (Kindersterblichkeit.) Dublin. (Elend.)
Amerika. London. (Traurige Lage Canadas.) Newyork. (Bennetts über die europäische Revolution. — Reglung des Briefportos zwischen England und den Vereinigten Staaten. — Die Postdampfschifflinien der Union.
Deutschland.
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[ 105 ] Dortmund, den 1. Dez.
Die Nationalversammlung ist in Brandenburg nicht erschienen, also jammert Hr. Brüggemann in Nr. 320. der Kölnischen Zeitung.
„Wir haben gewünscht“ — „Wir haben geglaubt“ — „Wir“ haben geliebt, „Wir“ haben gehofft, und dennoch, schrecklich! „ist eine Einigung auf diesen, von uns wiederholt nahmhaft gemachten Grundlagen nicht erfolgt.“ Das ist zuviel! Wrangel liestt die Brüggemann'sche Leitartikel nicht und richtet dadurch den enormen Politiker zu Grunde.
Her. Brüggemann „kann nicht profezeien“ trotz seiner beiden Dreifüße, der „Deutschen Reform“ und der „Fr. O. P. A. Ztg.“ Die Pythia Reform hat den Alexander Brüggemann mit falschen Sprüchen betrogen. Der große Redakteur der „Kölnischen Zeitung“ ist gefoppt, geschlagen, total blamirt.
An den 280 „mittelmäßigen Politikern“ der Nationalversammlung scheitert der übermäßige Politiker Brüggemann.
„Welche Hindernisse im Wege standen — die Reichskommissarien und v. Gagern werden darüber bald Bericht erstatten“ (früher Bassermann).
„Allein — was jetzt?“
Was jetzt! Will denn Niemand Hrn. Brüggemann retten? Herbei Stedtmann, Welker-Mosle, Bassermann, edler v. Gagern oder auch du schwertkundiger Wrangel. Helft eurem treuen Freunde, der „jetzt in so bitterer Klemme sitzt.“ Einen Ausweg! Einen Leitartikel für einen Ausweg!
Bei Auflehnung der Reichs-Allmacht erscheinen dem gepeinigten Manne zwei Halbengel in der Gestalt zweier Hohlwege. Beide eider — „nicht ohne Bedenken.“
Erster Hohlweg: „Einberufung der Stellvertreter oder Veranstaltung von Neuwahlen für die sich definitiv Weigernden.“ „Sehr einfach“ und dennoch „nicht ohne Bedenken,“ denn „der bereits positiv gesetzlich gewordenen Rechtsboden ist leider noch sehr schmal, und selbst jener schmale Boden hat auch seine Lücken“ durch den Belagerungszustand“ bekommen.
Trotz der eingestandenen Enge und Lückenhaftigkeit seines „Rechtsbodens“ zweifelt Hr. Brüggemann keineswegs an dem „ehrlichen Willen der Regierung“ und zwar deshalb „weil Wir ohnehin von der Unmöglichkeit der Reaktion überzeugt sind.“ „Wir“ argumentiren: ich zweifle nicht an der Ehrlichkeit eines Brigands — weil ich geladene Pistolen bei mir habe, und „wir“ beklagen uns hinterher, daß „wir“ mit solchen Argumenten nichts „ersichtlich und Handgreiflich“ machen können. Unglaubliche Blindheit!
Uebrigens hatte Hr. Brüggemann noch vor 5 Tagen (Nr. 316 der Köln. Ztg.) einen ganz soliden „guten festen Rechtsboden des Gesetzes vom 8. April“, worauf er die „gesunde Majorität“ zu stellen projektirte.
Zweiter Hohlweg:unbedingte Berufung auf die Centralgewalt.“
„Auch dieser Weg hat sein Bedenken, weil jedes Verlassen des positiven Rechts“ u. s. w.
Die Blamage hat Hrn. Brüggemann offenbar ganz heruntergebracht. Obschon er so eben zugab, daß sein „Rechtsboden“ sehr schmal, lückenhaft, „nicht ohne Bedenken sei,“ will er dennoch darauf kämpfen, er hat sich ganz und gar in seinen Rechtsboden verbissen,
Ist wie ein Thier, das spekulirt
Und ringsum grünet fette Weide.
Aber Hr. Brüggemann hat im Hinterhalte den letzten Gedanken der Bourgeoisie. „Unbedingte Berufung auf die Centralgewalt“ soll heißen: „in der Reichssprache zu sprechen.“: belagert eine Stadt, eine Provinz nach der andern und windischgrätzt so lange, bis daß sämmtliches Demokratengelichter füsilirt ist. Dann führen wir das unbestrittene Regiment.
Die deutsche Bourgeoisie wird sich täuschen, sie ist zu dumm und zu feige, um auch nur vorübergehend zu herrschen. Die Parole heißt: Monarchie oder Republik.
Was aber Herrn Brüggemann betrifft, so wird trotz seiner allerneuesten Prophezeiung die Nationalversammlung in Brandenburg tagen. Vor Gott ist alles möglich.
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[ 43 ] Trier, 1. Dezember.
Der saubre mit St. Wendel an Preußen von Koburg überkommene Sebaldt, Regierungspräsidium, fährt fort, Europa in Athem zu halten. Heute erscheint folgender neue Erlaß des von Koburg an Preußen abgetretenen schöngeistelnden Pascha's:
Der Stadtrath von Trier hat aus der von mir angeordnetern Verlegung des städtischen Waffendepots eine Rechtsfrage gemacht, während die ganze Maaßregel nichts ist, als ein Ausfluß der der Regierung zustehenden Oberaufsichtsgewalt über die Gemeindeverwaltung, folglich gar nicht in das Gebiet juristischer Eröterungen gehört. Es fällt der Regierung nicht im Entferntesten ein, die fraglichen Waffen der Stadt zu entziehen: nur auf Sicherstellung des Depots ist sie bedacht und schritt vor, nachdem es die Stadt verabsäumt hatte, ihrerseits vorsorgliche Schritte zu thun. Der bestimmteste Revers ist der Stadt zur Wahrung ihrer Ansprüche schon vor Abnahme der Waffen präsentirt worden, und unbedenklich füge ich noch die beruhigende Erklärung bei, daß, wenn die legale Repräsentation der Stadt heute für sichere Verwahrung der Waffen in einem städtischen Locale persönlich Gewähr leistet, morgen die Waffen zurückgestellt werden sollen; indessen muß ich erwarten, daß die verlangte persönliche Garantie nicht wieder mit dem nichtssagenden Wunsche abgefunden werde, man möge das Depot wie bisher bewachen lassen, denn hierzu hat weder der Staat eine Verpflichtung noch unsere ohnedies mit schwerem Dienste geplagte Garnison überflüssige Kräfte.
Irre ich nicht, so hätte es dem Stadtrath von Trier besser angestanden, statt eines auf advocatorische Subtilitäten gebauten Protestes die materielle Frage des Augenblicks: „was der Stadt frommt“ in Betracht und dabei in Erwägung zu ziehen, daß in der letzten Zeit überzeugende Merkmale einer verbrecherischen Lüsternheit nach Waffen hervorgetreten sind. Ich überschätze die Kräfte des Feindes nicht so sehr, um es irgend wahrscheinlich zu finden, daß ein unsinniges Attentat gegen das Waffendepot von Erfolg gewesen sein würde: immerhin würde aber ein solches Unternehmen blutige Conflikte und Verwickelungen in Begleitung haben, und unverantwortlich würde es sein, wenn man solchen extremen Fällen nicht zuvorzukommen suchte.
Von einer gerichtlichen Klage kann, wie Eingangs bemerkt, gar keine Rede sein; wäre dies aber der Fall, so würde ich kein Bedenken tragen, an das Gewissen, und die gesunde Vernunft meiner Ankläger zu appelliren.
Trier, den 30. October 1848.
Regierungs-Präsidium.
Sebaldt.
An das königl. Landraths- und Oberbürgermeisterei-Amt hierselbst.
Nr. 1916.
Der Mangel des Staatsexamens macht sich immer fühlbarer. Der Belletrist Sebaldt, statt sich vor den Gerichten zu vertheidigen, apellirt an das „Gewissen“ seiner „Ankläger“. Man belästige den Koburger Napoleon doch nicht mit juristischen questiunculis, mit „advokatarischen Subtilitäten.“ Was Teufel, soll sich ein Sebaldt um „advokatorische Subtilitäten“ scheren? Seine „Gewalt“ gehört „gar nicht in das Gebiet juristischer Erörterungen.“ Er verlegt das städtische Waffendepot aus dem Gemeindehaus, wohin sie nach dem Bürgerwehrgesetz gehören, gewaltsam in ein andres Lokal. Er hebt die „Preßfreiheit“ auf, car tel est son plaisir, indem er alle Plakate außer seinen eignen schlecht-stylisirten Machwerken für verfehmt erklärt. Er verwandelt die Soldaten nicht nur in „Censoren“: Er, das Regierungspräsidium, er Sebaldt, ertheilt aus einer „Gewalt“, die „gar nicht in das Gebiet juristischer Erörterungen gehört“, den Soldaten das Privilegium, jeden beliebigen Bürger zu verhaften, unter dem Vorwande, selbigen Bürger mit „Anklebung, Verleitung (!) oder Vertreibung“ dem Sebaldt oder dem Soldaten mißliebiger Plakate beschäftigt gefunden zu haben. Sebaldt erläßt neue Gesetze und scheert sich natürlich nicht nach den „advokatorischen Subtilitäten“ der alten Gesetzgebung. Und der Cerberus der Gerechtigkeit, das Parquet? Es ist stummer wie der griechische Cerberus, als Herkules ihn aus der Unterwelt herausholte. Aber Sebaldt, Sebaldt ist auch ein andrer Kerl wie Herkules,
„Irrt er sich nicht, so hätte es dem Stadtrath von Trier besser angestanden“, statt dem Sebaldt eine juristische Falle zu stellen, „die materielle Frage des Augenblicks: was der Stadt frommt, in Betracht zu ziehn.“
Die materielle Frage des Augenblicks: was der Stadt frommt!!!
Das Staatsexamen! Das Staatsexamen!
Die „materielle“ Frage, was dem „Sebaldt“ frommt, hätte der Stadtrath in Betracht und auch in Erwägung ziehn sollen.
Sebaldt ist einstweilen noch bloser Regierungsrath, und dazu von Koburg überkommener.
Er ist noch bloßes „Regierungspräsidium“. Die materielle Frage, die ihm „frommt“, ist die Frage, wie das abstrakte „Regierungspräsidium“ in einen „konkreten Regierungspräsidenten“ verwandeln? Das ist die „materielle“ Frage.
Von einer „gerichtlichen Klage“ kann bei einem Manne, dessen „Gewalt gar nicht in das Gebiet gerichtlicher Erörte- [Fortsetzung]
[Feuilleton]
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Etwas von der demokratischen Presse von Levi Schmul.
Mach' dir einen Bart mit schwarzer Dinte
Steck' dir auf den Hut einen Häringskopf.
Der Schengeist Levy Schmuhl ist im Begriff ein Manteufel zu werden. Die demokratische Presse hat sein ästhetisches Gefühl verletzt, er wirft sich in die satyrische Politik mit „liebenswürdigem“ Unwillen, und eifert gegen seinen Conkurrenten, auch einen Schengeist, „den liebenswürdigen Judenjungen in Mainz, mit dessen Namen er seine Feder nicht besudeln will“; aber er eifert gegen ihn mit Anstand und Sittlichkeit, ohne fette Schrift, ohne Ausrufungszeichen. Er verschmäht diese Mittel der demokratischen Presse die Keilschrift und die fette Schrift, mit welcher man das wiederstrebende Auge fesseln will. Wenn die demokratische Presse so sehr fesselt, so ist das die Schuld der Keilschrift. Wenn die Feuilleton's des Herrn Levi sich auflösen in den allgemeinen Brei der kölnischen Zeitung, so ist dieses blos ein typographischer Mangel, es ist die Schuld der Setzer welche die Pointe nicht gehörig hervorheben durch Gedankenstriche. „Die demokratische Presse ist ein vollständiger Schlamm-Vulkan geworden.“ Ihr seht, Herr Levi hat sich hinaufgearbeitet zum großen Brüggemann; sie hüpfen und tanzen gemeinsam auf dem Rechtsboden, der jetzt „wiedergewonnen ist in ausreichender Ausdehnung.“ Jetzt ist keine Gefahr mehr zu stolpern; die „unverbrüchliche Behauptung des Rechtsbodens“ in Brandenburg hat beiden auf die Beine geholfen. „Mein Levy, ruft Dumont mit strahlender Freude aus, ist Einer von unsern Leuten. Seitdem seine Feuilleton's in die Politik hinüberstreifen, ist er mir doppelt lieb geworden. Der arme Mann! als Schengeist verlor er sich ganz unter den Schellfischen und Kabeljau, unter Poesie, die ich bezahle, und der Poesie, welche mir zahlt. Er stand so in der Mitte zwischen den Oehrchen und Schnüßchen; und ließ mir manchmal zu viel Stockfisch vorn auf der ersten Seite durchlaufen. Damals hatte mein Levi noch keine politische Bildung: er wußte nicht, daß die Stockfische zahlen müssen unter den Annoncen, aber nie bezahlt werden. Ich bezahle nur Leute wie Brüggemann, Leute von reinen, „unverbrüchlichem Rechtsboden;“ und es ist ihre Pflicht, Alles was davon abweicht, zur Zahlung anzuhalten. Den Teufel auch. wie soll ich sonst zu meinen Auslagen wiederkommen? jetzt aber ist mir mein Levi doppelt werth und theuer. O! er hat große Fortschritte gemacht; mit kritischem Eifer sondert er die Gedichte, die hintenhin gehören, und stutzt mir manchmal die Namenstagsgedichte recht artig zu, daß die armen Liebhaber in der Trunkenheit ihres Erfolgs manchmal mir zu den Insertions-Gebühren noch ein besonderes Trinkgeld in die Hände drücken.
Brüggemann, der Eifersüchtige, meint, mein Levy sei manchmal etwas breit, zumal auf der ersten Seite; so z. B. wie heute, wo mein Samuelchen Manteuffelche Angriffe auf die demokratische Presse und den Kommunismus und die allgemeine Theilung macht. Freilich wäre es zu wünschen, daß die Redaktoren und Brüggemann an der Spitze, daß überhaupt die Redaktoren der ersten Seite den Styl der vierten Seite und namentlich den Styl der Beilagen mehr zum Muster nähmen, und sich eben so bündig und kurzgefaßt aussprächen, wie die Annoncen; dann wären sie für den Leser verständlicher und für mich wohlfeiler. Aber die Literaten sind nicht immer praktische Leute, und ich kann es ihnen wahrhaftig unter den jetzigen Umständen nicht verargen, wenn sie den klaren, bestimmten Styl der Annoncen-Literatur verlassen und ein wenig politischduselnd schreiben. Das wird sich alles später legen, überhaupt werde ich später eine ganz andere Ordnung in meinem Journal einführen und gleich mit den Annoncen anfangen, um den Leuten das Umschlagen und mir die Kosten zu ersparen. So lange noch gut-bezahlte Adressen gegen die Berliner Versammlung und Gedichte gegen Freiligrath einlaufen, thue ich gut, bei dem alten Verfahren zu bleiben.“
Dumont kennt seine Redaktoren, er weiß sie ganz genau und nach seinem eigenen Werthe zu schätzen.
Der Joseph Dumont der soll leben,
Und der Brüggemann daneben,
Und Levy Schmul dabei,
Dann leben sie alle drei.
Das ist die Grundformel der ganzen Dumont'schen Zeitung. Es ist das Geheimniß der ganzen Brüggemann'schen Politik und der Levy'schen Schengeisterei.
— — — — — — — — — — —
ich bin 'ne arme Dienstmagd
und muß ja davon leben.
Doch der „Ernst unserer Tage“ stimmt den Schengeist Levy ernst, und als „heiteres Gegengewicht gegen den Ernst unserer Tage“, wirft er einen Blick in die demokratischen Blätter, und erblickt „einen rothen Vorhang“. Ehe er diesen Vorhang lüftet, wirft er einen Blick in die demokratische Central-Kasse und zählt die Summe, und findet einen Betrag von 4 Thaler 6 Groschen 6 Pfennige“. Vier Thaler, sechs Groschen, sechs Pfennige! darin besteht die ganze demokratische Kasse, ruft Levy entsetzt, und dreimal kreuzt er sich und dreimal segnet er sich, nicht zu sein wie jene, die demokratischen Schriftsteller! Ihr ganze Kriegeskasse vier Thaler, 6 Silbergroschen, 6 Pfennige! Der Levy versteht das Einmaleins. Der Levy, der ist kein Spartaner!
Liebster Levy, der DuMont ist zu sehr in dich hineingefahren; du hast keinen Manteuffel in dir. Um deinen Ernst zu zerstreuen, gehe hin, versenke dich in die schöne Zeit, wo es keine andere Revolutionen gab, als die der großen Wäsche, der Fitzbohnen und des saueren Kappes. Wahrlich, du hast keine böse Ader in dir, du wirst nie maliciös werden, nie eine Pointe treffen, unge- [0842] achtet aller Keilschrift. Gehe hin, fitze Bohnen in der Kölnischen Zeitung „durch die Gnade“ französicher Vorschüsse; mache saueren Kappes ein, wie ehedem, und du wirst in diesen unschuldig politischen Beschäftigungen einen Trost finden gegen den Ernst der jetzigen Zeitumstände.
Und 'ne Häringskopf unter dem Hut,
Gott bewahr' uns doch vor Blut.
Aber nein, du willst nun einmal zu den politischen Leuten gehören; du willst zeigen, daß du kein reiner Litterat, kein bloßer Scheingeist bist. Du willst den Brandenburger-Manteuffeln beweisen, daß du zu den Brüggemann'schen Fliegen gehörst, und daß du in dieser Hinsicht verdienst, anerkannt zu werden, wie deine andern Mitarbeiter. Aber, mein Gott, wozu diese Mühe! Warum mit aller Gewalt den Brandenburgern sich aufdrängen, in einem Augenblicke, wo die Steuerverweigerung den königlichen Schatz nicht anfüllt?
Halte dich mit DuMont, dem Trückchen, und der Trina, Lina und Mina, und du wirst dich besser stehen, als mit Manteuffel. Die Annchen laß hoch leben, und die Mina's und Lina's, die Trückelschen, Mückelschen, Dückelschen — das ist belohnender, als Manteuffel und Brandenburg, als Wrangel und Radowitz, im Augenblicke der Steuerverweigerung. Rechne nach, wie viele Lina's auf einen Brüggemann gehen, wie viele Gedichte auf Mina es bedarf, um einen Brüggemann'schen Leitartikel herauszubekommen, und du wirst finden, daß ich Recht habe. Zudem erinnere dich an Heine's Wort! Das macht die preußischen Spione so gefährlich, daß sie nie bezahlt werden, sondern nur in der Hoffnung leben, bezahlt zu werden.
Ferdinand Wolff.
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[Deutschland]
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@facs0842
[Fortsetzung] rungen gehört“, folglich, wie Sebaldt scharfsinnig deducirt, „gar keine Rede sein.“
„Wäre dieß aber der Fall?“ Was der Fall? „Daß von der gerichtlichen Klage gar keine Rede sein kann“? Sebaldt will umgekehrt sagen: Wäre dieß aber nicht der Fall, könnte doch von einer gerichtlichen Klage die Rede sein, nun dann? Dann „würde Sebaldt kein Bedenken tragen, an das Gewissen und die gesunde Vernunft seiner Ankläger zu appelliren!“
Und Sebaldt ist dann im Stande, jeden Tag 12 neue stylistische Uebungen zu veröffenlichen! Und der Stadtrath hat die „materielle Frage des Augenblicks: was der Stadt und namentlich der studierenden Stadtjugend frommt, dabei ernstlich in „Betracht und Erwägung zu ziehn.“
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@facs0842
Trier, 30. November.
Bei der letzten Einquartierung in dem benachbarten Schweich machten wir eine Erfahrung, die wir dem Publikum nicht vorenthalten zu dürfen glauben. Es kamen nämlich drei Soldaten, ein Unterofficier und zwei Gemeinen, in das Haus der Geschwister B. zu liegen. Als die Hauswirthin ihnen das Abendessen aufgetragen hatte, sagte ihr der Unteroffizier, daß sie die Speisen zuerst kosten solle. Die Hauswirthin, ihr Befremden hierüber äußernd, fragte nach der Ursache. Der Unteroffizier gab ihr zur Antwort, daß sie fürchten, die Speisen möchten vergiftet sein. „Wie könnt Ihr so etwas von uns denken, — erwiderte jene — und uns zu einer solchen Schandthat fähig halten?“ „Wir haben die Weisung von oben herab bekommen — war die Antwort. — bei Einquartierungen auf unserer Hut zu sein, daß wir nicht vergiftet würden.“ — So lächerlich diese Sache an und für sich ist, so hat sie doch ihre sehr ernsthafte Seite: sie liefert uns den Beweis, wie man „von oben herab“ bemüht ist, den Soldaten in ihrem eigenen Lande den Glauben beizubringen, daß sie sich in Feindes Land und unter Giftmischern und Mördern befinden; alles doch wohl zu dem Zwecke, um einen blutdürstigen Haß bei den Soldaten gegen die Bürger zu nähren.
[(Tr. Ztg.)]
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[ 27 ] Koblenz, 2. Dez.
Die seit dem 9. Nov. täglich zahlreicher an die Nationalversammlung in Berlin eingehenden Zustimmungsadressen kamen der Reaktion höchst ungelegen. Wie konnte man ihnen ein Paroli bieten? Etwa mit den im Vergleich höchst spärlich unterzeichneten Gegenadressen der berüchtigten Preußen-Vereine? Es mußte zu ganz andern Mitteln geschritten, Himmel und Hölle, Pfaffen- und Junkerthum, Geld und Schnapps, Hoffnungen und Drohungen angewandt werden, um den Schein hervorzubringen, als sei in Preußen doch immerhin ein ziemlicher Volkstheil für den gottbegnadeten Manteuffel-Brandenburg. Ein kitzlicher Punkt war die preußische Geographie. Freilich giebts gedruckte Verzeichnisse sämmtlicher preußischen Städte, Flecken und Dörfer. Indeß ein gottbegnadetes Regiment schiert sich zum guten Zweck den Teufel drum. So geschah es, daß Hunderte von Dörfern plötzlich gleich Pilzen in die Höhe geschossen sind, aus denen eben so urplötzlich allerunterthänigste, ersterbendste, vertrauensvollste Adressen nach Potsdam an den König und an Hrn. Brandenburg nach Berlin abgeschnellt wurden. Den Beweis liefern täglich der Preuß. Staats-Anzeiger, die Kreuzritterin und die brave Wupperthalerin. Da giebts mit Gott für König und Vaterland, Adressen aus: Hanerfeld, Metzkaufen, Herne, Fröndenburg, Bünde, Stranbach, Ladbergen, Wallach etc. etc.
Ist erst die Contrerevolution fix und fertig, was bei dem schönen „passiven“ Widerstand wohl passiren könnte, so wird Hr. Ladenberg hoffentlich sofort eine neue Auflage von Cannabich nebst einer frischen Charte von Preußen veranstalten, und jene Hunderte durch schwarzweißen Zauber entstandene Dörfer, Flecken oder Städte eintragen lassen.
Speziell hätten wir noch eine Bitte an unsern theuern Freund Hrn. Eichmann. Sie geht dahin, daß unter seinen Auspizien ein Handbuch zur Adressenfabrikation angefertigt und bei Basse in Quedlinburg mit dessen Essig- und Schnupftabak-Fabrikations-Anweisungen gedruckt und in Cirkulation gesetzt werden möge. Herr Generalsuperintendent Küpper von hier würde sich gegen ein Honorar, wie es frommen Männern zukommt, zum Mitarbeiter nicht übel qualifiziren. Der Mann hat schon Proben geliefert. Denn es zirkulirt jetzt eben in der Provinz ein von ihm an alle Superintendenten gerichtetes und von diesen an alle Pfarrer mitgetheiltes Schreiben, worin es unter Anderm wörtlich heißt:
„‥… kräftigst dahin zu wirken, daß aus Ihrer Gemeinde, und sei sie auch noch so klein, eine solche (schwarz-weiße, Manteuffelsche) Adresse unverzüglich nach Berlin abgehe.“
Man sieht, Hr. etc. Küpper ist ein sehr loyaler Mann. Es findet nun auch der salbungsvolle Styl jener Adressen seine Erklärung. Das ein Grund mehr, Hr. Eichmann, daß Sie auf unsere Bitte reflektiren.
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@facs0842
Koblenz, 1. Dezember.
Gestern Abend hatten wir eine Wiederholung der vorgestrigen Scenen. Eine Anzahl Kriegsreservisten und Landwehrmänner hatten, mit Beobachtung aller gesetzlichen Vorschriften, in dem geschlossenen Saale von Kolling eine Versammlung ausgeschrieben. Zur Zeit der Eröffnung hatte sich eine große Anzahl Soldaten des 26. Inf.-Reg. vor demselben mit Seitengewehren versammelt und fingen an, die Eintretenden ohne Veranlassung mit ihren Waffen zu mißhandeln. Es entspann sich dadurch ein Streit, in welchem mehrere Personen, Soldaten und andere, schwer verwundet oder gar getödtet wurden, in dessen Folge die ganze Stadt in die furchtbarste Aufregung kam, in der Oberpfarr- und in der Jesuitenkirche Sturm geläutet und die Thore geschlossen und militärisch besetzt wurden. Gegen 9 Uhr ward wieder Alles ruhig. Es ist an der absichtlichen Provocation dieses Scandals durch die 26ger um so weniger zu zweifeln, als diese schon des Nachmittags allgemein mit Säbeln gesehen wurden und bis zum vorgestrigen Tage noch nicht die mindeste Reibung zwischen Militär und Bürgern stattgehabt hatte, es auch von Seiten der politischen Vereine sowohl als der einzelnen Bürger Grundsatz war, das Militär möglichst freundlich zu behandeln. Wie wir hören, ist heute der Stadtrath berufen, um wegen des zu erwartenden Belagerungszustandes zu berathen. Sonder Zweifel wird dieses den Hrn. Kommandanten in Verzug setzen, die Gründe, durch welche er eine solche Maßregel zu rechtfertigen gedenkt, als ein Ehrenmann vor der ganzen Welt auszusprechen. Wir werden dann erfahren, ob es ein Kriegszustand nach unserer Habeas-Corpus-akte begründet, wenn Bürger, die durch die wiederholten Programme eines sogenannten konstitutionellen Vereins zusammengetrommelt werden und Niemanden beleidigen, außer einigem Hahnenkrähen keine Unruhen machen, ohne Aufforderung und Warnung von der Kavallerie überritten, nicht nur in Straßen, wo mißliebige Leute wohnen, sondern in allen übrigen die ruhigsten Leute, die ihrer Geschäfte wegen ausgehen, Geistliche, Regierungsräthe, Schullehrer u. s. w. auf das Willkührlichste und Brutalste mit Bajonetten, Pferdehufen und Kolben mißhandelt, die Bürger, die sich zufällig außer Hause befinden, aus baarem Uebermuthe verhindert werden, ihren Aufenthalt zu verlassen, und nachdem die Bürgerschaft dieses am vorigen Tage ohne weitern Exceß ertragen hat, des anderen Tags eine Masse Soldaten derart auf die unverantwortlichste Weise ruhige Bürger angreift, daß selbst das 25. Regiment, die Artillerie und Pioniere gleichmäßig empört sich auf die Seite der Bürger stellten und sie gegen die Rohheit vertheidigten. Kann unser Stadtkommandant uns nicht mehr gegen solche Excesse trotz aller Disciplin vertheidigen, so habe er wenigstens die Offenheit, seine desfallige Unfähigkeit einzugestehen und nicht das eine Unrecht durch das andere verdecken zu wollen. Wird der Belagerungszustand ausgesprochen, so können wir denjenigen, der den Ausspruch thut, und seine Untergebenen nur als die einzigen Veranlasser ansehen, und ob man uns sodann mit Grund ausreden kann, daß die vorhergegangenen Scenen nur in der Absicht, uns zu diesem Zustande der Ruhe in Warschau zu führen, entstanden sind, überlassen wir der Beurtheilung eines jeden Unbefangenen. — Dem Vernehmen nach soll heute ein Verbot der Versammlung des demokratischen Vereins bevorstehen. Kann aber ein solches Verbot, ohne die Stadt in den lieben Belagerungsstand zu erklären, erlassen werden?
Unter dem Kriegsgeschrei „mit Gott für König und Vaterland“ stürzte hier heute Morgen ein Unteroffizier des 56. Regiments ohne alle Veranlassung mit gezücktem Schwert, bei dem großen Publikum Käsmesser genannt, auf einen ruhig seines Weges gehenden Bürgersmann los. Nachdem der Held ohne bedeutenden Erfolg verschiedene Hiebe auf den Unbewaffneten geführt hatte, schien es ihm doch zweckmäßig, in wilder Flucht sein Heil zu suchen, und dennoch wäre er seinem verdienten Lohne, einer Tracht Prügel, nicht entgangen, hätte nicht eine weltkluge Polizei, Unschuld mit Schuld verwechselnd, den rachedürstenden Verfolger aufgehalten und so dem Unteroffizier Gelegenheit zum Entschlüpfen in's hiesige Militärkasino gegeben. Nachträglich erfahren wir, daß der fragliche Unteroffizier noch verhaftet wurde, und was wartet seiner? Er wird zu ein höchstens zweitägigen gelinden Arrest verurtheilt; die höchsten Vorgesetzten drücken ihm die Hand, beschenken ihn mit Geld und befördern ihn endlich gar zum Feldwebel.
[(Rh.- u. M.-Ztg.)]
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[ X ] Düsseldorf.
Für die Croatenwirthschaft, die in Ihrer Zeitung geschildert worden, scheint uns die drolatische Muse des „Bürgers und Kommunisten Drigalski“ entschädigen zu sollen. Hier eine neue Probe der Muse Drigalki's:
Wer nicht begreifen kann, wie man ein, Gott und seinem theuren Könige treu ergebener Kommunist sein kann; ein Kommunist, der mit einem treuen Unterthanenherzen zugleich ein reiches mitleidiges Herz für seine leidenden und verführten Brüder in sich schlagen fühlt, der wird auch nicht begreifen, daß man ein treuer Soldat und zugleich ein wahrhafter Bürger sein kann. Wer da glaubt, als könne man in dieser ernsten Zeit mit einem reinen Gewissen, durch unwahr gemeinte Erklärungen perfiden Witz und Spott mit der Menschheit treiben, der wird auch die innern Ueberzeugungen und Bereitschaften des Unterzeichneten nicht fassen und eben so wenig den Entschluß begreifen, neben Ausübung der Gewalt um Ordnung zu schaffen, durch eine hochherzige Handlung einen großen völlig moralisch gesunkenen Theil einer unglücklichen Bevölkerung wieder zu erheben; einer Bevölkerung, die man mit aller zu Gebot stehender Strenge zum Gehorsam gegen die gesetzmäßige Königliche Gewalt zurück zu führen die Verpflichtung hat.
Düsseldorf, den 30. November 1848. v. Drigalski.
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@facs0842
[ Z ] Düsseldorf, 1. Dezbr.
Ueber den Vandalismus, welchen unsre Garnison vorgestern Abend übte, folgendes Nähere. Zu dem Wirthe Paffrath in der Bolkerstraße kamen augenscheinlich in der Absicht, Streitigkeiten anzufangen, mehrere Soldaten, und begannen bald in der sofort von bürgerlichen Gästen entleerten zweiten Stube ein Preußenlied zu johlen. Der Wirth untersagte ihnen das, mit dem Bemerken, er leide kein Singen in seinem Hause. Sogleich standen die Soldaten auf, um „Hülfe zu holen.“ Bei ihrer verstärkten Wiederkehr fanden sie das Haus verschlossen; drinnen hatten sich viele Bürger eingefunden und ebenso standen auch schon Gruppen auf der Straße, welche sich durch das Erscheinen vieler Soldaten mit Seitengewehr außerordentlich mehrten. So entstand der Auflauf, den bald das aus dem eben beendeten Theater herkommende Publikum zu einem bedeutenden machte. Bis jetzt war es noch zu keinen Thätlichkeiten gekommen, als plötzlich erst eine Kompagnie einrückte, durch Trommelwirbel die Menge aufforderte, sich zu zerstreuen, und allsogleich auch von Kolbe und Bajonnett Gebrauch machte. Ein junger Mensch erhielt hier einen Stich in den Kopf, einen in den Hals. Ein alter Mann wurde in der nahen Kapuzinergasse niedergeworfen und mit Kolbenstößen und Fußtritten sehr übel zugerichtet. Zwei Männer, vor den Bajonnetten fliehend, flüchteten sich in ein nahes Haus; die Thüre wurde gesprengt und der eine, den man erwischte, in die Kaserne geschleppt, und von da zum Civilgefängniß, wo er bis nächsten Mittag festgehalten wurde. Als solchergestalt die Bolkerstraße und die angränzenden Gassen gesäubert und abgesperrt waren, wurde in den Hundsrücken siegreich — denn Niemand widersetzte sich — vorgedrungen. Hier wurde ein in seiner Hausthüre stehender Mann mit dem Bajonett in das Bein gestochen; einige Häuser weiter eine über 70 Jahre alte Frau, welche sich etwas geholt hatte, durch einen Kolbenstoß auf die Brust ermordet! Sie starb nach wenigen Stunden. In das Haus des Restaurateurs Säuferlein, Flingerstraße, drang die Soldateska ein, weil sie glaubte, es hätte Jemand auf sie geworfen. Man hieb die Hausthüre mit Beilen ein, zerhackte eine Thüre links in der Hausflur mit Kolbe, Beil und Bajonett, drang in die rechts gelegene leere Gaststube, stieg auf das Billard, riß die dort hängende Camphinlampe herab und nahm diese so wie drei Billardkugeln mit. Nicht zufrieden mit der Verwüstung im Unterhause stieg man in den ersten und zweiten Stock, drang in l[e]tzterm in ein von einer Familie bewohntes Zimmer, durchwühlte das Bett, sprengte den Kleiderschrank und drei kleine Kinder, welche der ängstliche Vater bei dem Lärmen dort zu bergen suchte, streckten ihre zarten Händchen zitternd und verzweiflungsvoll schreiend den Soldaten entgegen mit dem Rufe, sie nicht zu ermorden!! In der Ratingerstraße rief in der Nacht ein halb toller Junge aus irgend einem Hause einer vorübergehenden Patrouille spottend „Unteroffiteir! Unteroffiteir!“ nach. Dies genügte, um eine Kompagnie Verstärkung herbeizuziehen und dann wurde erst das Wirthshaus zum Füchschen angegriffen. Auf die Versicherung des Wirthes oben aus dem Fenster, daß es hier nicht, sondern drüben irgendwo gewesen sei, stand man von dieser Belagerung ab und griff dagegen das Haus des Buchbinders Mischel an, wo ebenfalls das Rufen nicht gewesen, sondern wo Alles schon zu Bette war. Als den anpochenden Soldaten nicht gleich geöffnet wurde, hieben sie mit Beilen die Hausthüre ein, drangen in alle Zimmer, selbst des Hinterhauses, durchwühlten alle Betten, Schränke u. s. w. und schleppten die vier dort befindlichen Männer mit in's Gefängniß, wo diese ebenfalls bis zum nächsten Mittage ausharren mußten. Das sind die Heldenthaten unserer Spartaner, die übrigens seit dem Belagerungszustande auch sonst durchgängig in einem Zustande von Trunkenheit sich befinden, welcher sie entmenscht.
Leider wird von gewissen gutgesinnten Leuten nichts gespart, um die Soldaten des Königs zu ermuntern. Geld in Menge, Wein aus den Kellern der Aristokraten, Bier widerholt in Masse, welches das gutgesinnte Elberfeld den Soldaten schenkt, dazu gute Worte und Aufreizungen aller Art, was wollen Sie mehr, um Helden zu bilden! Schwer mögen die es verantworten, welche den Armen hungernd von ihrer Thüre stoßen, und dagegen Geld und Mittel verschwenden, um rohe Soldaten gegen ruhige Bürger zu hetzen. Doch nicht alle unsere Truppen trifft der Vorwurf der Rohheit: wir haben noch keine einzige Klage gegen die Artillerie und gegen die Ulanen vernommen; am mehrsten trifft der Vorwurf die Jäger, die Infanterie überhaupt und die Husaren. — Jedenfalls sind am vorgestrigen Abend noch mehr Fälle, wie die vorhin erzählten, vorgekommen, doch die obigen sind bis in's Detail wahr. Hr. Drigalski benimmt sich dabei ganz unschuldig; er weiß nichts von den Ausartungen; er ließ sich am nächsten Morgen bis 10 Uhr gar nicht, dann nur schwer sprechen, und das Ende vom Lied ist wie bei allen solchen Vorfällen, wo die Anarchie bemäntelt werden muß: „die Sache soll streng untersucht werden.“
Nicht zu vergessen: es heißt, schon vorgestern wollte man hier das Martialgesetz verkünden, doch sollen sich dem die Auditeure selbst auf Gefahr ihrer Entlassung hin, energisch widersetzt haben.
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@facs0842
[ S ] Jülich, 30. Nov.
Herr v. Mylius, der, wie Sie wissen, zum Deputirten für Berlin von unserm Kreise ursprünglich gewählt wurde, sein Mandat aber durch den Stellvertreter v. Berg ausüben ließ, fand sich jüngst bewogen (wie man sich hier in die Ohren schreit, auf höheren Befehl und um den Preis der Jülicher Landrathstelle) die Wahlmänner zu versammeln, um ihnen zu erklären, daß er sein Mandat für Berlin jetzt übernehme, die Wünsche der Wahlmänner aber zugleich in Empfang nehmen wolle. Der einstimmige Wunsch derselben, wie der einer gleichzeitigen Urwählerversammlung, lautete nun dahin: „In Erwägung, daß Herr v. Mylius das Vertrauen des Kreises gar nicht mehr besitzt, hegen wir zu seiner Ehrenhaftigkeit die sichere Erwartung, daß er sein Mandat niederlegen werde.“ Der Herr Staatsprokurator fand sich dazu jedoch nicht bewogen, trotzdem daß man nach einander mit Kleingewehrfeuer und grobem Geschütz gegen seine Ehrenhaftigkeit losarbeitete; die freiherrlich staatsprokuratorliche Ehrenhaftigkeit ist andern Tags nach Brandenburg abgereist. Die Wahlmänner sowohl als die Urwähler haben nun eine Kommission gebildet und vereinigt, welche den Auftrag erhalten, die verwundbare Stelle an dieser Achilles-Ehrenhaftigkeit aufzusuchen. Zur Charakteristik des Herrn Freiherrn noch folgende wahre Notiz. Vor seiner Abreise erklärte er, daß er bald als Landrath wiederkommen werde, dann aber in dankbarer Erinnerung der ihm hier erzeigten Ehren den Kreis ordentlich zwiebeln wolle. Diese Aeußerung theilen wir zur allgemeinen Würdigung mit.
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@facs0842
[ 109 ] Münster, 30. Nov.
O.-L.-G.-Referendar Hammacher ist verhaftet, desgleichen ein Instrumentenschleifer, der die Plakate der Volksversammlungen anheftete; die Referendare Bonsi und Jakobi, welcher letzterer dem neulichen Demokratenkongreß in Köln beigewohnt, haben sich der Haft durch die Flucht entzogen.
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@facs0842
[ 109 ] Münster, 30. Nov.
Die Philister der Ruhe triumphiren. Der Minister des Innern Hr. v. Manteuffel, den man hoffentlich bald sammt seinen Kollegen zum Teufel schicken wird, hat in Folge einer in einer unserer ständigen Volksversammlungen beschlossenen Aufforderung an das Volk Westfalens zum bewaffneten Widerstande gegen das hochverrätherische Ministerium ein Rescript an die hiesige Regierung erlassen, dahin, sämmtliche Leiter dieser Versammlungen und außerdem die Führer der demokratischen Klubs zu verhaften. Unser Kriminalsenat, zu dessen Direktor Temme wider seinen Willen „befördert“ worden und aus lauter Antipoden Temme's besteht, scheint auf dies Ansinnen, die Männer des Volks „unschädlich zu machen“, eingegangen zu sein, indem er eine Untersuchung gegen die Leiter und Redner hat einleiten lassen und bereits trotz der Habeas-Corpus-Akte gegen vier Personen die Verhaftung ausgesprochen hat; mehre Verhaftungen socken nachfolgen. Dieses durch nichts gerechtfertigte Verfahren ist völlig unbegreiflich; aber freilich ist Manches, was jetzt geschieht, dem „beschränkten Unterthanenverstande“ unbegreiflich.
Unsere Reaktionspartei scheint durch die entschiedene Haltung des münsterländischen Landvolks etwas eingeschüchtert worden zu sein. Der kommandirende General v. d. Gröben, Mucker und intimer Freund Friedrich Wilhelm des Vierten, hatte dem Verlangen des Volks, namentlich der Bürgerwehr sowie selbst des Magistrats, das 2. Bataillon des 15. Inf.-Reg., welches seine Bravour im meuchlerischen Ueberfallen wehrloser Personen sucht, von hier zu entfernen, unter allerlei Vorwänden entschiedene Weigerung entgegengesetzt und sogar insgeheim beschlossen, das 1. Bataillon des verhaßten Regiments noch dazu kommen zu lassen. Dies Bataillon, welches man nicht, wie man es bei dem 2ten nach dessen Auftreten, wenn auch ungern, zu thun gezwungen ist, in den Kasernen konsignirt hätte, würde ohne Zweifel seine vom Volk erschlagenen Brüder zu rächen gesucht haben und der gewünschte neue Konflikt des Militärs mit dem Volke und in Folge dessen die Ursache zur Erklärung des Belagerungszustandes war da. Aber nach den Nachrichten, welche die hohen Herrn von der Gährung unter den Bauern, die bereits vorgestern sechs Stunden weit in bewaffneten Schaaren hatten herankommen wollen, erhalten hatte, scheinen dieselben jenen Plan aufgegeben zu haben. Denn es heißt jetzt, daß das bereits verschriebene 1. Bataillon Kontreordre bekommen habe, und auch das 2. Bataillon in den nächsten Tagen von hier wegmarschiren würde. Ist es wahr, so hat nur die Furcht vor unserm kräftigen Landvolk, das sich durch die Insinuationen einzelner Geistlichen, daß man in Münster den „Hergott abschaffen“ wolle, nicht mehr beirren läßt, die Veranlassung zu diesem plötzlichen Umlenken gegeben. Die Lokomotivführer und Waggonbeamten der Münster-Hammer Eisenbahn haben übrigens heute erklärt, daß sie die Fünfzehner auf der Eisenbahn nicht befördern würden, weil die Bauern auf der ganzen Strecke der Eisenbahn die Fahrt hindern wollten. So werden uns denn die Fünfzehner am Ende zu Fuß verlassen müssen.
Es hat sich bereits unzweifelhaft herausgestellt, daß der meuchlerische Ueberfall vom Sonntag Abend von Offizieren angestellt [0843] ist. Einer der Thäter hat schon am Nachmittage einem Schenkwirth erklärt, daß sein Lieutenant ihn zum Einhauen gegen die Demokraten aufgefordert habe; auch hat eine Dame gehört, wie ein Offizier den nach der Volksversammlung ziehenden Schaaren zugerufen, sie mögten tapfer zuhauen, leider kennt sie den Offizier nicht.
Von den täglich unter unsere Soldaten vertheilten Proklamationen ist mir eine zu Gesicht gekommen, die an Niederträchtigkeit Alles der Art überbietet. Sie enthält ein Sündenregister der preuß. Nationalversammlung. Folgende Pröbchen mögen genügen: „Sie (die Nat.-Vers.) hat die Abschaffung der Todesstrafe beschlossen, so daß der Mörder und der Hochverräther dafür, daß er anderer Leute Leben in die Schanze schlägt, mit heiler Haut davonkommt.“ Sie hat ein Gesetz über die persönliche Freiheit durchgesetzt, die sogenannte Habeas-Corpus-Akte, wovon hauptsächlich die Spitzbuben und Vagabonden profitiren, die gegen Verhaftungen und Haussuchungen gesichert sind, wenn sie nicht auf der That erwischt werden.“ Ist in diesen Stellen die Niederträchtigkeit, so ist an der folgenden die Dummheit zu bewundern: „Sie hat den Adel abgeschafft, was eben so lächerlich ist, als wenn sie den Bürgerstand oder den Bauernstand abschaffen wollte.“ Alle diese Machwerke kommen aus Potsdam, werden aber von den Gebrüdern Coppenrath, Verlegern und Redakteuren des Westf. Merkurs bereitwillig nachgedruckt. Und doch weigerten sich dieselben noch vor wenigen Monaten, die Verhandlungen des entschlafenen konstitutionellen Vereins, der eher ein demokratischer zu nennen war, unter dem Vorwande, gar nichts „Politisches“ drucken zu wollen, zu drucken.
Ein Beweis von dem politischen Umschwunge des Münsterlandes ist die gestern im Kreise Koesfeld vorgenommene Wahl eines Deputirten und Stellvertreters für Berlin. Es wurden gewählt: der durch seinen Protest gegen die Vornahme von Wahlen zur Reichsversammlung im Großh. Posen bekannte O.-L.-G.-Assessor Fischer, welcher als Stellvertreter unseres Deputirten getreulich in Berlin ausgehalten und sich auf die Linke gesetzt hat; ferner als Stellvertreter der Bauernadvokat Gierse, dessen Wahl bisher die Geistlichen hintertrieben hatten. Es ist dies die erste vernünftige Wahl im Münsterlande; die bisherigen Wahlen gingen lediglich vom katholischen Vereine hierselbst aus, der eben, seitdem er jüngst erklärt hat, der König sei nicht verpflichtet, seine ihm im März „abgedrungenen“ Versprechungen zu halten (also eine Rechtfertigung des Meineids), ferner: Blum sei ein Räuber, dem ganz recht geschehen, allen Halt im Volke verloren hat.
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@facs0843
[ X ] Berlin, 30. Nov.
Wie Wrangel die Abgeordneten der preußischen Nation, einer Nation von 16 Millionen Menschen behandelt, davon liefert nicht allein das Ihren Lesern schon mitgetheilte Protokoll, sondern auch seine im preußischen Staatsanzeiger erscheinenden Verordnungen und Befehle die schönsten Proben.
Am 27. d. M. sind wir nur dreimal mit Bajonetten aus unsern Hotels verjagt worden.
Ein Gast (noch dazu nicht Abgeordneter, der bei Mylius logirte) fragte den Führer der Truppe, einen Major v. Pleß: „Aber darf man denn nicht in einem Wirthshause, wo man als Fremder wohnt, essen und trinken, und sich dabei unterhalten?“ — „Jawohl, antwortete der Major v. Pleß, das dürfen Sie, meine Herren, aber die Unterhaltung muß ganz harmlos sein. Geben Sie mir ihr Ehrenwort, nicht über Politik zu sprechen, so können Sie alle ungestört hier bleiben.“ Das Ehrenwort wurde natürlich geweigert, und die Gäste von den Soldaten vor die Thüre geführt, wo eine ganze Kompagnie Soldaten mit aufgezogenem Hahne aufgestellt war.
Bei dieser letzten Exekution entwickelte ein Lieutenant v. Blücher, ein Enkel des Fürsten v. Wahlstadt, eine besondere Thätigkeit. Einer der Soldaten sagte mir leise, auf den Blücher zeigend, „dieser gehört gar nicht zu uns, er hat sich als Freiwilliger gemeldet, um die Herren Abgeordneten zu verjagen, was unsere Offiziere ungern thun. Er war auch mit im Schützenhause, wo man die Herren vertrieben hat.“
Die sämmtlichen gedruckten Exemplare des Protokolls sind dem Boten, welcher solche den Deputirten zubringen sollte, von den Konstablern auf der Straße geraubt worden. Man erfuhr dadurch, daß solche aus der Druckerei des Abgeordneten Bernardi kommen. In der nämlichen Nacht drang ein Trupp Soldaten in des letztern Haus, zerstörte seine Pressen, und raubte ihre sämmtliche Drucksachen und Manuscripte ohne Unterschied des Gegenstandes und ohne solche zu inventarisiren oder zu versiegeln.
Gestern wollten die noch hier anwesenden Deputirten ein gemeinsames Abschiedsmahl bei Mielenz halten. Wrangel hat dies aber dadurch vereitelt, daß er dem Wirth sagen ließ, er werde, wenn das Mahl stattfinde, nicht blos die Gäste auseinandertreiben, sondern auch das Wirthschaftslokal schließen lassen.
Auf heute Abend sind wir alle zu einem Souper bei einem Gutsbesitzer zu Moabit bei Berlin eingeladen. Mich soll wundern, ob wir nicht auch dort, aus einem Privathause verjagt werden. Ein Wrangel ist zu allem fähig!
So eben, nachdem ich den Brief bereits geschlossen hatte, erfahre ich folgende neue Schandthat des Hrn. Wrangel. Ein Hauptmann mit 30 Mann ist in die Privatwohnung des Abgeordneten Hildenhagen hierselbst eingedrungen, während zwei Kompagnien vor dem Hause aufgestellt waren.
Der Hauptmann ließ während der Abwesenheit des Hildenhagen, nachdem er den Hausbewohnern bei Strafe des Erschießens befahl, das Haus nicht eher zu verlassen, bis er dies erlaubt habe, das Schreibpult und mehre verschlossene Schränke des Hildenhagen erbrechen, und nahm sämmtliche darin befindliche Papiere, sogar die Korrespondenz mit seiner Frau heraus, und schleppte solche aus dem Hause, ohne ein Verzeichniß anzufertigen oder die Papiere zu versiegeln. Hildenhagen ist Sekretär der Nationalversammlung.
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@facs0843
[ 14 ] Berlin, 30. November.
Es ist ein sehr ekelhaftes Treiben hier drinnen und da draußen. Rohe Gewalt und passiver Widerstand, Hunger und Aufgeblasenheit, superkluge Heuchelei und elende Feigheit. Schon wankt die Consequenz mancher Vereinbarer — sie weisen die Möglichkeit: dem Gottesgnadendienste im Brandenburger Dome beizuwohnen, nicht mehr wie früher, barsch zurück. Die Einberufung der Stellvertreter wird das Signal zur offenen Parteischeidung geben. — Nach manchen Fadheiten macht das Benehmen eines bäuerlichen Abgeordneten einen wohlthuenden Eindruck. Der Mann hatte sich als Zuschauer nach Brandenburg begeben, und wird bemerkt. Einer der tagenden Unterthanen, der ihm befreundet ist, geht auf den Zuschauerraum, und bittet ihn, in die Versammlung zu kommen, weil ihn der Minister zu sprechen wünsche. Er folgt und die Excellenz hält ihm eine Pauke, des Inhalts, daß doch eigentlich der Landmann alle Kosten des Umzugs nach Brandenburg zu zahlen habe, falls durch den Eigensinn der Abgeordneten die Versammlung nicht beschlußfähig werde. Des eigenen Interesse wegen müsse er also eintreten etc. Der Bauer schweigt und wird nun vom Alterspräsidenten abordirt, der ihm Vorwürfe macht, daß er beim Namensaufruf seinen Namen nicht genannt habe. Er antwortet: nicht zugegen gewesen zu sein, worauf der Präsident ihn zur nachträglichen Einzeichnung auffordert. J[unleserlicher Text] nein, erwidert nun der Mann, ich gehe hin, woher ich kam — und er geht wieder auf den Zuhörerraum. — Als Gegensatz hier noch das saubere Benehmen eines bürgerlichen Deputirten. Derselbe soll sich von dem hiesigen Präsidenten Vorschuß-Diäten haben ausbezahlen lassen, dann nach Brandenburg gereist sein, und von dem dortigen Bureau nochmals Diäten verlangt und empfangen haben. Eine hübsche Industrie in unserer Zeit der schweren Noth.
Vorgestern schlug ein Freiwilliger einen Offizier, der ihn beleidigte, dermaßen, daß er in's Lazareth getragen werden mußte. Der Freiwillige entfloh. Gestern schlug auf offener Straße ein Offizier einen Civilisten in's Gesicht, und als dieser mit Hülfe Anderer über den Helden her wollte, wurde er verhaftet. Heute zog ein Haufe Volk durch die Straßen, und verlangte stürmisch die Verhaftung des Offiziers. Das erste Zeichen, daß die „Erbitterung“ der „schlechten“ Bürger zu Tage tritt. Dafür aber manifestirt sich die „Seligkeit“ der „guten“ Bürger immer schamloser. Für den Pacifikator Wrangel haben sie einen Ehrensäbel bestellt. Es kommt den Andern vor, wie das Kind, das seine Ruthe küsst; denn — wahrhaftig der Stillstand der Geschäfte, die Verdienstlosigkeit im Belagerungszustande sind rein fabelhafter Natur. — Morgen wird die Nationalzeitung wieder erscheinen dürfen.
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@facs0843
[ * ] Berlin, 30. November.
In der bekannten „Kreuzritterin“ lesen wir folgende Mittheilung:
„Gestern hat Hr. Heinrich v. Gagern dem General v. Wrangel einen Besuch gesuch gemacht und demselben seine Beistimmung zu den bisher getroffenen Maßregeln zu erkennen gegeben; weniger gleichartig sollen die Ansichten beider Herren in Bezug auf die Anforderungen der Zukunft gewesen sein.“
In dem nämlichen Blatte (dem Organ der Manteuffel, Brandenburg etc.) heißt es wörtlich:
„Die Ansprache des Reichsverwesers: „An das deutsche Volk“ wird schwerlich im Allgemeinen den gehofften und beabsichtigten guten Eindruck machen. Abgesehen von dem guten Zweck, ist sie in einem Ton gehalten, welcher schwerlich der Liebe des preußischen Volkes zu seinem angestammten Königshause zusagen dürfte. Wenn die zu Frankfurt versammelten Vertreter des deutschen Volkes, Worte des Friedens gesprochen, so ist dies sehr lobenswerth, wenn sie sich aber über das redliche Wollen unseres hochverehrten Königs mit diktatorischen Befehlen, hinausstellt, so ist diese Stellung eine für jeden treuen Preußen verletzende Die Reichsversammlung verlangt von dem König von Preußen, daß er sich mit Männern umgebe, welche das Vertrauen des Landes genießen. Hätte die Reichsversammlung vorgeschlagen, so hätte sie gezeigt, daß sie es gut meine, aber verlangen kann sie von einem Könige von Preußen nichts. Wo ist denn das Land, welches den Männern, welche der König mit seinem Vertrauen beehrt, nicht eben so viel Vertrauen schenkt? Etwa die Fraktion Unruh und Consorten? Die Reichsversammlung möge sich doch besser von der Stimmung des Landes unterrichten lassen. Alle Bessergesinnten erkennen die Wahl des jetzigen Ministeriums für die zweckmäßigste, und segnen den König dafür. Nur mit einem solchen Ministerium, welches sich nicht durch eine Fraktion Unruh knechten läßt, kann der König seinem Volke die angebotene Freiheit gesetzlich bewahren. Und durch welche ungesetzliche Handlung hätte denn das Ministerium Brandenburg bis jetzt das Vertrauen des Landes verscherzt? Etwa dadurch, daß es der Pöbelherrschaft kräftig entgegentrat, oder einer schwachen und verführten Bürgerwehr die Waffen abnahm, die sie nicht zu rechter Zeit zu brauchen verstand?“
Kann die Unverschämtheit weiter getrieben werden?
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@facs0843
Berlin, 20. Novbr.
Die „Ostsee-Zeitung“ behauptet zu wissen, der Plan des Ministeriums Brandenburg sei folgender: Die in Brandenburg versammelten Deputirten werden sich von Tag zu Tag vertagen, weil man hofft, diejenigen an der Nationalversammlung festhaltenden Deputirten, welche nicht zur Linken gehören, in ihren Entschlüssen nach und nach wankelmüthig zu machen und zu sich herüberzuziehen. Sollte jedoch bis gegen Ende dieser Woche eine beschlußfähige Kammer nicht zu Stande kommen, so wird das Ministerium eine neue Vertagung auf etwa 14 Tage proklamiren, und in der Zwischenzeit die Stellvertreter einberufen. — Man hofft dadurch seinen Zweck zu erreichen. — Wäre die Kammer gestern vollzählig gewesen, so hätte das Ministerium die angekündigte königliche Botschaft verlautbart. Sie enthielt mehrere Gesetzesvorlagen, als: Beschränkung der periodischen Presse durch hohe Kautionen, theilweise Aufhebung des Assoziationsrechtes, für Berlin gänzliche Aufhebung desselben; ferner ein Gesetz, wonach sich die Nationalversammlung nur mit der Berathung der Verfassung zu beschäftigen habe, und endlich ein Tumultgesetz. Diese Botschaft ist einstweilen zurückgelegt worden, da man sie nur einer beschlußfähigen Versammlung vorlegen will.
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@facs0843
[ * ] Berlin, 30. Nov.
Wie hier erzählt wird, ist der russische Jaiser gestrn incognito in Potsdam eingetroffen.
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@facs0843
[ * ] Brandenburg, 30. Nov.
Versammlung des Klub Brünneck im hiesigen Dome. Die Sitzung beginnt um 11 1/4 Uhr. Es ist kein Minister zu sehen. Auf der Gallerie ist Hr. Gagern nebst vielen Stabsoffizieren. Ein Schreiben Ladenberg's verlesen, daß für die katholischen Klubmitglieder ein Gottesdienst eingerichtet werden wird.
Der Namensaufruf ergibt 182 Anwesende, 13 Entschuldigte. Unter den neu Angekommenen bemerkt man die Herren Parrisius, Dunker, Haase (ein alter Burschenschafter à la Brüggemann), v. Wangenheim, Petersen, Elkemann etc.
Bornemann erhält das Wort in einer persönlichen Angelegenheit und im Namen seines Freundes Petersen.
Ich will von vornherein erklären, daß wir unser Erscheinen nicht mit Protesten und Verwahrungen beginnen wollen. Ich bin kein Freund von Protesten, am wenigsten dann, wenn sie eine freie Handlung begründen sollen. Ich will mich lediglich über das Verfahren aussprechen, das ich seit dem 9. November beobachtet habe. Am 27. November war ich entschlossen, mein Mandat niederzulegen, nicht weil ich in Brandenburg nicht erscheinen wollte, sondern weil ich mich in Konflikte nicht hineinziehen lassen wollte, deren Entstehen ich voraussah. Meine Freunde hielten mich zurück; namentlich aber haben mir Besprechungen mit den Reichskommissarien die Ueberzeugung gegeben, daß das Wohl des Vaterlandes es erheische, hier eine beschlußfähige Versammlung zu Stande zu bringen. Bei dieser Ueberzeugung konnten mich persönliche Rücksichten, am wenigsten die Besorgniß kompromittirt zu erscheinen, nicht zurückhalten, zum Wohle und Frieden des Vaterlandes an ihren Berathungen Theil zu nehmen. — Meine Herren! Es ist nicht zu leugnen, daß ein fieberhafter Zustand seit lange in der Versammlung geherrscht hat, der eine Krisis nothwendig herbeiführen mußte. Mit dem 31. Oktober glaubte man diese eingetreten, und eine Rückkehr zu einem gesunden Zustande begonnen. Die Regierung hat es anders aufgefaßt. Sie wissen, was daraus entstanden ist. Treue Freunde, die lange zusammengehalten, haben sich getrennt. Es gibt Fälle, meine Herren, wo Jeder in seinem guten Rechte zu sein glauben darf, und aus guten Gründen seinen eigenen Weg geht. Wie ich nicht anstehe auszusprechen, daß ich die ausgeschiedenen Mitglieder für Ehrenmänner halte, so werden Sie mir beistimmen, daß wir, die Zurückgebliebenen, Anspruch darauf haben, von Ihnen für Ehrenmänner gehalten zu werden. (Schwaches Bravo!) Aber auch eine andere Ueberzeugung leitete mich. Nachdem die Majorität sich entschlossen hatte, den Anordnungen der Krone sich nicht zu fügen, glaubte ich, daß es die Pflicht der Gemäßigten sei, auszuharren, um die Vermittlung zu versuchen und die Grundsätze der Mäßigung geltend zu machen. Es ist uns nicht gelungen, und mag es als eine Vermessenheit erscheinen, wir haben das Unsere versucht, um nur gemäßigten Beschlüssen Annahme zu verschaffen. Jetzt kommt es allein darauf an, daß wir, die wir zurückgekehrt sind, mit Ihnen in engster Freundschaft leben. Mögen verschiedene Meinungen unter uns herrschen, eins muß uns beherrschen, die Mäßigung. Decken wir einen Schleier über das Vergangene. Aber halten wir demnächst auch gegen diejenigen, die mit Unmaß kommen, in Eintracht fest zusammen, um den Sieg zu erkämpfen. (Bravo!)
Dunker: Auch ich habe keinen Protest vorzutragen, aber ich halte es für Pflicht, eine Erklärung meiner politischen Freunde zu Ihrer Kenntniß zu bringen. — Der Redner verliest mit Genehmigung der Vers. eine Erklärung, die ungefähr dahin lautet: Die Unterzeichneten, indem sie an den Berathungen der Vers. Theil zu nehmen entschlossen sind, erklären, nach wie vor in der rechtlichen Ueberzeugung zu stehen, daß der Krone die rechtliche Befugniß nicht zusteht, die Versammlung zu verlegen, zu vertagen oder aufzulösen. Sie räumen ein, daß ihre Meinung in Betreff der Verlegung bestritten werden kann. Sie würden wegen dieser Rechtsfrage allein aus Brandenburg nicht weggeblieben sein. Dieses Wegbleiben hatte seinen Grund hauptsächlich in der Fortexistenz des Ministeriums Brandenburg. Dies Ministerium hat sich ungeachtet des entschiedensten Mißtrauens, das noch verstärkt ausgesprochen wurde, durch das Wegbleiben der großen Mehrheit der Versammlung, noch immer nicht zurückgezogen. Die Unterzeichneten halten es deshalb für ihre Pflicht, nicht länger durch ihr Fortbleiben, die Beeinträchtigungen der Volksfreiheit zu gestatten und zuzugeben, daß das Verfassungswerk noch länger verzögert werde. — Die Erklärung ist unterzeichnet von Steineich, Nethe, Wangenheim, Brehmer, Haase, Kunth, Elkemann, Schadebrod und noch 6-7 anderen aus dem Centrum. — Der Redner fügt hinzu: Ich spreche persönlich die zuversichtliche Hoffnung aus, daß morgen die Versöhnung in diesen Räumen angebahnt sei und daß diese Krisis zum Heil des Vaterlandes ausschlagen wird.
Parrisius: Auch ich habe mich persönlich zu erklären. Ich befinde mich nicht im Einklange mit den beiden Rednern vor mir. Ich bin hierher gekommen, um die Versammlung, soviel an mir liegt, vollzählig zu machen, und um hier den Kampf gegen ein volks- und freiheitsfeindliches Ministerium fortzuführen. (Furchtbarer Lärm. Fortwährender Ruf: zur Ordnung! zur Ordnung!) Ich habe aber noch einen zweiten Standpunkt. Ich denke, die Nat.-Vers. wird die Macht haben, dieses Ministerium zu überwinden. (Neuer endloser Tumult. Wiederholter Ruf zur Ordnung. — Der Präsident stellt mit der Glocke endlich die Ruhe her.) Meine Herren, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß, wie ich fest stehe gegen das Ministerium für das Volk und seine Freiheit, ich, so lange meine physischen Kräfte ausreichen, dahin wirken werde, daß die Freiheiten des Volkes von keiner Seite beschnitten werden. (Murren und Bravos; Lärm.)
Bauer (Berlin): Ich erinnere an das, was die beiden vorletzten Redner gesprochen haben. Es waren Worte der Versöhnung. Der letzte Redner hat diesen Weg nicht eingeschlagen. Unter dem Vorwande einer persönlichen Bemerkung hat er denselben Weg betreten, auf welchen seit 7 Monaten zum Unheil des Landes nur Zwiespalt ausgestreut wurde. Ich protestire dagegen, daß hier Charaktere verdächtigt werden und von einem unter uns gesagt werde, daß er nicht für die Freiheit kämpfe.
Parrisius will die Tribüne besteigen. (Neuer Lärm. Ruf zur Tagesordnung.) Er verwahrt sich gegen Verdächtigungen.
Reichensperger: Es kann nicht gestattet werden, daß hier Jeder von der Tribüne herab Erklärungen über sein persönliches Verhalten gebe. Sollte das zulässig sein, so hätten wir viel eher Grund hier aufzutreten und uns gegen ungerechte Angriffe zu vertheidigen.
Auf der Tagesordnung steht der Antrag von Simons. Simons erklärt: Verschiedene Umstände bestimmen mich zu beantragen, daß die Verhandlung des von mir gestellten Antrages bis morgen verschoben werde. — Genehmigt. Die Sitzung bis morgen Vormittag 11 Uhr vertagt. Schluß der Sitzung 12 1/2 Uhr.
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@facs0843
[ 43 ] Naumburg, 29. Nov.
Die rothen Reaktionärs und rothen Monarchisten haben in Erfurt einen vollständigen Sieg errungen, und man hört von Wunderdingen, wie raffinirt und brutal sie ihren Sieg ausbeuten. Wir sahen gestern rothe Plakate an den Straßenecken, worin sie „alle gutgesinnten Einwohner“ zu Adressen an das hohe Staats-Ministerium auffordern, um die Beschränkung der Preß- und Vereinigungsfreiheit, sowie den Belagerungszustand immer fortdauern zu lassen. Diese Adressen liegen bei den ausgewählten Bezirksvorstehern zur Unterschrift offen. Es ist eine solche Perfidie kaum zu glauben, aber wir haben die blutrothen Plakate selbst gelesen. Man zweifelt nicht, daß in der noch herrschenden Ueberstürzung und Ueberrumpelung zahlreiche Unterschriften für diese Adresse sich ansammeln werden. Indessen kommt man doch auch schon wieder zur Besinnung und fängt an, über die Ursachen und Wirkungen nachzudenken. Viele Urtheile werden laut, welche den blutigen Konflikt vom 28. d. M. den künstlichen Vorbereitungen einer kleinen Kamarilla zuschreiben. Vor einigen Tagen wurden die im Straßenkampf gefallenen 7 Soldaten mit solchem Pomp beerdigt, der wohl geeignet ist, den Fanatismus der Soldaten und die in ihnen künstlich erzeugte Erbitterung gegen die Bürgerwehr und Arbeiter zu steigern. Die gefallenen neun Bürgerwehrmänner und Arbeiter sollen dagegen wie die Hunde begraben worden sein. — Die Zuchtruthe des Belagerungszustandes wird mit eiserner Strenge über den unterlegenen Theil der Bevölkerung geschwungen, ein anderer Theil scheint sich dabei wohl zu befinden, denn er petitionirt um die Fortdauer dieses Zustandes. Um sich nur einen Begriff von der Strenge des Belagerungszustandes zu machen, gedenken wir nur des kleinen Faktums, daß um vier Uhr Nachmittags kein Mensch mehr in einem Wirthshause sein darf. Die geschlossenen Gesellschaften und Hotels der vornehmen Herren sind selbstredend keine Wirthshäuser. Die Erbitterung gegen die Garnison soll außerordentlich sein, doch verbeißt sie Jeder, weil er muß, und macht gute Miene zum bösen Spiel. Von den Verhaftungen und standrechtlichen Prozessen erzählt man sich schauderhafte Scenen.
Der Kommandant von Erfurt ist der General-Lieutenant von Voß.
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@facs0843
Posen, 27. Nov.
Am gestrigen Abend haben wir hier einen Straßenkrawall erlebt, der leider von Militärpersonen ausging. Das hier stationirte 7. Husarenregiment, von dem jedoch augenblicklich nur zwei Schwadronen in Posen selbst liegen, hat in der letzten Zeit mehrmals seinen Chef gewechselt, und darin mag wohl der Grund zu suchen sein, daß die Exercirübungen nicht so häufig und nicht so streng vorgenommen wurden, als dies sonst wohl zu geschehen pflegt; nun aber hat das Regiment seit einigen Monaten einen Kommandeur, den Major v. Beczwarzowsky, erhalten, welcher es mit dem Dienst — ob vielleicht auch mit dem sogenannten Kamaschendienste? — ziemlich streng nehmen soll, weshalb die Husaren sehr unzufrieden sind. So zogen sie dann in Masse gestern Abend zuerst zu dem von ihnen sehr geliebten Major Schimmelpenninck von der Oye und brachten diesem ein lautes Hurrah, wobei sie das Verlangen laut werden ließen, er möge ihr Chef werden. Dann zog die Menge vor die Wohnung des Kommandeurs und stimmte hier eine ziemlich unerquickliche Katzenmusik als Variation zu dem Thema: er möge abdanken, an. Weiter geschah nichts, denn als gleich darauf einige beliebte Offiziere des Regiments hinzukamen, ließen die Husaren sich ohne alle Widersetzlichkeit zum ruhigen Nachhausegehen bewegen; auch das Publikum, das zahlreich durch den Spektakel herbeigelockt war, verhielt sich duraus ruhig und bezeigte seine Theilnahme an dem Auftritt nur durch Lachen. So ist mir der Vorfall von durchaus glaubwürdigen Augenzeugen berichtet worden; alle weitere Ausschmückung gehört daher in's Gebiet der Fabel. Daß die Rädels- [0844] führer streng bestraft werden müssen, versteht sich von selbst. Wir wollen nur wünschen, daß den Regimentskommandeur kein begründeter Vorwurf treffe, und daß er nur die erforderliche Dienststrenge geltend gemacht, nicht aber die Leute mit unnützen Plackereien gequält habe.
Der zur Regulierung der Gränzangelegenheiten hierher gesendete Reichskommissar General v. Schefer bereist seit einigen Tagen die neu projektirte Gränze Deutschlands, wozu er wohl noch eine Woche gebrauchen wird.
Dem Vernehmen nach ist aus strategischen Gründen auch noch das Städtchen Xions, wo bekanntlich in der letzten Revolution eine blutige Affaire statthatte, bei welcher der ganze Ort mit Ausnahme der Kirchen und weniger Häuser in Flammen aufging, in die Demarkationslinie gezogen worden, wogegen wieder andere Orte ausgeschlossen sind. Man rechnet hier, daß die Ausführung der Demarkation etwa zu Neujahr beginnen könne; dann aber werden sich erst die innern Schwierigkeiten, die fast unbesiegbare Hindernisse darbieten, herausstellen; namentlich begreift man nicht, wie Polnisch-Posen von dem hiesigen Landschaftsverbande wird abgelöst werden können, ohne dem Ruin preisgegeben zu werden. Und doch soll Polnisch-Posen, als ein Nebenland des Königs von Preußen, nach §. 3 des neuen Reichsgrundgesetzes, der das Prinzip der Personalunion festhält, mit den deutschen Provinzen in keinem organischen Zusammenhange bleiben; auch werden die Einsassen Deutsch-Posens wenig geneigt sein, für die Grundbesitzer von Polnisch-Posen solidarisch mitverpflichtet zu bleiben. Auch die Einrichtung einer polnischen selbständigen Administration und Justiz wird außerordentliche Schwierigkeiten darbieten, des Militärwesens nicht einmal zu gedenken.
[(D. A. Z.)]
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Ostrowo, 24. Nov.
Unsere monotone Ruhe ist heute plötzlich durch den Ruf: „Die Russen kommen!“ unterbrochen worden. Und wirklich erschienen auch bald 4 Tscherkessen, nämlich 1 Offizier, 1 Unteroffizier und 2 Gemeine, vollständig bewaffnet mit mehreren Dolchen und Pistolen, in theils rother, theils blauer Uniform und gut beritten. Zwei von ihnen frugen nach der Polizei und die andern zwei begaben sich nach dem Wirthshause. Ihrer eigenen Aussage nach gehören sie zu dem russischen Freikorps und hätten den Entschluß gefaßt, aus eigenem Antriebe nach Berlin zu gehen, um daselbst Dienste zu nehmen. Sie wurden vorläufig unter Aufsicht gestellt, und alsbald eine Estafette nach Kalisch abgeschickt, um den wahren Grund ihres Uebertritts in das preußische Gebiet zu erfahren.
Nachschrift. So eben erhalte ich die Nachricht, daß diese vier Unglücklichen schon morgen früh zurücktransportirt und den russischen Henkern überliefert werden. Ihr Bitten, sie so lange hier zu lassen, bis eine Entscheidung unserer Regierung über sie angelangt wäre, scheiterte an der Pflichttreue unseres Landraths, der es mit seinem Gewissen so schnell abmachte, diese Leute recht schnell, vielleicht dem gewissen Tode zu überliefern. — Die vier Muselmänner sind reiche Gutsbesitzer-Söhne und heißen: Mechtl, Kanabaralt, Machera und Haschem.
[(Schles. Z.)]
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[ 109 ] Wien, 27. Nov.
Windischgrätz soll den Gemeinderath stolz und kurz angebunden empfangen haben. „Ich bin General,“ soll er gesagt haben, „und habe als General meine Pflicht unter Euch gethan, Adieu!“ damit ließ er den Gemeinderath stehen.
Wie es heißt, werden die Operationen wider Ungarn heute beginnen: ich glaube nicht, daß Windischgrätz dort mit einem Schlage siegen wird, sehe vielmehr einen Guerillakrieg voraus, bei welchem Ungarn, je nach Gestaltung der europäischen Zustände, viel gewinnen kann. Die energische Befestigung Wiens in Verbollwerkung namentlich der innern Stadt scheint zu zeigen, daß auch Windischgrätz mancherlei ungünstige Besorgnisse hegt. Noch gestern sind die Bastionen mit dem schwersten Belagerungsgeschütz befahren worden, welches aber auch auf die innere Stadt gerichtet ist Windischgrätz muß ja im Fall einer Niederlage in Ungarn eine neue Erhebung der Wiener um so mehr befürchten, als die abgeforderten Waffen trotz aller Strenge und trotz allem Suchen bei weitem nicht alle zurückgegeben worden sind, und insbesondere noch in den Vorstädten verborgen gehalten werden sollen. Darum sind diese Vorstädte denn auch mit Militär überschwemmt, manche Häuser haben an 80 Mann Einquartirung. Die Physionomie der Bevölkerung zeigt viel verbißenen Ingrimm; die frühere Sorglosigkeit ist ganz dahin. Die Werbung für Italien à. 10 fl. C. M. geht so schlecht von Statten, daß eine allgemeine Rekrutirung hat ausgeschrieben werden müssen.
Die Anzahl der in das große Krankenhaus in der Alservorstadt vom 26. Octbr. an gebrachten Todten beträgt 661. Die übrigen Krankenhäuser erhielten eine verhältnißmäßig kleinere Anzahl. Um die demokratische Parthei recht anzuschwärzen, haben die schwarzgelben das Lügengericht verbreitet, man habe drei fertige Guillotinen und in einem Busche auf der Wieden eine Höllenmaschine gefunden.
Die „Presse“ hört nicht auf, sich täglich jedes unerheblichen Umstandes willen auf die zudringlichste Weise dem Publikum anzuempfehlen. Dabei hebt sie insbesondere als Beweis ihrer ausgezeichneten Tendenz hervor, daß Windischgrätz ihr sofort nach dem Einmarsch das Wiedererscheinen erlaubt habe.
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Wien, 27. November.
In der ungarischen Sache wird es nun Ernst und es finden starke Truppenbewegungen statt; die Angriffe sind demnächst und zwar von allen Seiten zu gewärtigen. Kossuth soll erklärt haben, daß wenn nur noch zwei Ungarn verblieben, der eine ungarischer Kriegs- und der andere ungarischer Finanzminister verbleiben würden Trotz der starken Befestigungen von Komorn und Pest zweifeln indeß Wenige an einem baldigen Ausgang. — Fürs Erste haben die Magyaren ihre Hauptstädte vor Verheerungen sicher gestellt, indem sie mit ihren Verschanzungen so weit als möglich herausrückten. Gegen den Gebrauch der Kettenkugeln, welcher sich die Ungarn auf unstatthafte Weise bedienen, hat Fürst Windischgrätz eine ernstliche Abmahnung an dieselben ergehen lassen (Kettenkugeln sind nämlich zwei durch eine Kette mit einander verbundene Kugeln von schwerem Kaliber, die durch die schwere Berechnung des Doppelgewichts zwar von einer weniger sichern, allein auch von einer um so mörderischeren Wirkung sind). Die Antwort war, daß sie zur Vertheidigung solches erlaubt hielten, sich aber davon enthalten wollten, wenn Fürst Windischgrätz ihnen dafür Congrevesche Raketen senden würde.
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Wien, 27. November.
Denkwürdig ist die Art und Weise, in welcher der Gouverneur Welden gestern die Deputation der verschiedenen kaufmännischen Corporationen empfing, die ihm, sowie dem Fürsten Windischgrätz und dem Ban Jellachich Dankadressen überreicht hatten. „Dankadressen, meine Herren (so mögen ungefähr die Worte gelautet haben), wollen nicht viel sagen; heut zu Tage gilt es, durch Handlungen und nicht durch Worte seine Gesinnung zu bewähren. An andern Orten haben die Wähler Mißtrauensvoten an ihre Deputirten ergehen lassen, da sie deren Benehmen nicht gebilligt. Warum thaten Sie, warum — thun Sie nicht dasselbe?“ Es ist wohl in Erinnerung, daß die Repräsentanten Wiens am Reichstage meistens zur Linken zählen, darunter die Abg Violand, Goldmark, Füster, Pillersdorf. Letzterer erscheint allerhöchsten und höchsten Orts besonders übel angeschrieben, und man erfährt, daß seine Persönlichkeit den Fürsten Windischgrätz besonders abgehalten habe, der Deputation, die ihn bei der Uebergabe Wiens um mildere Bedingungen bat, dieselben zuzugestehen. Ja, als Pillersdorf ihn angeredet, soll er sich unwillig weggewendet und geäußert haben: Er spreche nicht mit Einem, der seinen Herrn und Kaiser verrathen.
Zwischen heute und morgen sollen die Hauptangriffe gegen Ungarn erfolgen; nicht weniger als 400 Geschütze, größtentheils vom schwersten Kaliber, rücken gegen dieselben vor.
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[ 24 ] Wien, 27. November.
Gestern haben 11 Schwadronen Kavallerie und 2 Bat. Infanterie bei Malatzka die Grenze überschritten, um sich dem Korps des F. M. L. Simonich anzuschließen. Die Börse glaubt an einen schnellen Sieg der Kontrerevolution in Ungarn. Die Regierung gedenkt bei allen 38 deutschen Infanterie-Regimentern 5te Bataillons zu bilden, um die Streitmacht der Gesammtmonarchie auf 600,000 Mann zu bringen. Zunächst wird eine Rekrutirung von 150,000 Mann vorgenommen und den Altersklassen von 19-30 Jahren ohne Schonung zu Leibe gegangen werden. — Die nach Ungarn bestimmten Truppen erhalten, sobald sie die dortige Grenze überschritten, außer ihrer Feldgebühr noch Brod, Wein, Fleisch, Holz etc. Den Offizieren wird dafür baares Geld gezahlt, was für den Lieutenant immerhin monatlich 25. fl. betragen wird. Alle diese Auslagen soll Ungarn, sobald es niedergetreten und gefesselt ist, aufgehalst bekommen. Aber woher vorläufig die Gelder zu diesen Ausgaben nehmen? Das ist ein Räthsel, welches sich wahrscheinlich durch einen kolossalen Staatsbankrott lösen wird.
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Kremsier, 27. November.
In der heutigen zweiten Sitzung des Reichstags brach der Sturm, den die czechischen Abgeordneten längst vorbereitet, los. Nachdem Abg. Paul bemerkt hatte: die stenographischen officiellen Berichte der vorigen Sitzung führen dieselbe als 52ste auf, betrachten also die in Wien stattgefundenen Sitzungen nach dem Austritte der Minorität als nicht geschehen und dies werde wohl ein Druckfehler sein, versichert der Präsident Smolka, er habe bereits Schritte zur Abstellung dieses Druckfehlers gethan und wollte nun die Protokolle der wiener Sitzungen vom 28., 29., 30. und 31. Oct. verlesen lassen. Abg. Hellriegel (aus Tyrol) erhob sich dagegen, indem diese Sitzungen nach der kaiserl. Prorogation vom 22. Oct. gehalten worden, folglich illegal seien. Abg. Rieger begnügte sich nicht damit, sondern erhob sich, um die in Wien verbliebenen Abgeordneten geradezu als Hochverräther anzuklagen. In einer einstudirten, überaus boshaften Rede entblödete sich Abg Rieger nicht, über die in Wien Hingerichteten Witze zu machen und daneben den ritterlichen Helden Jellachich zu preisen. Hierauf nahm Abg. Schuselka das Wort und erklärte, daß er es unter seiner und seiner Partei Würde halte, auf des Abg. Rieger Denunciantenrede etwas Anderes zu erwidern, als daß die Mitglieder, welche vom 6 Oct. bis 1. Nov. in Wien getagt, Alles, was sie gethan, zu verantworten bereit wären, daß namentlich er (Schuselka) nicht den geringsten Anstand nähme, sich vor das Standrecht des Fürsten Windischgrätz zu stellen. Dem Abg. Hellriegel entgegnete er, daß der Kaiser den Reichstag am 22. Oct. nicht sofort vertagt, sondern die alsbaldige Vertagung dem Präsidenten überlassen habe, daß ferner der Reichstag noch am 25 Oct. eine Protestationsadresse beschlossen und durch eine Deputation nach Olmütz gesendet, und daß diese Deputation noch am 26. Oct. vom Kaiser als eine Reichstagsdeputation empfangen worden sei. Abg. Brauner sprach dagegen im Sinne des Abg. Rieger und suchte die Versammlung dadurch einzuschüchtern, daß er vorgab, durch Verlesung der genannten Protokolle würde man die Revolution des 6. Oct. anerkennen. Dies hatte die Wirkung, daß die Lesung mit 143 gegen 124 Stimmen verweigert wurde. Nach dieser Debatte kündigte der Präsident den Eintritt des neuen Ministeriums an, und Fürst Schwarzenberg las von der Tribüne das Programm desselben. Gleichberechtigung aller Nationen und Staatsbürger, demokratisch-constitutionelle Verfassung, ein einiges mächtiges Oesterreich, inniger Verband mit Deutschland, aber erst herzustellen, nachdem Oesterreich und Deutschland für sich die neue Form ihres Staatslebens gefunden haben würden, bis dahin aber würde Oesterreich seine Bundespflicht gewissenhaft erfüllen. Dies die Hauptpunkte des Programms, welches mit rauschendem Beifall der ganzen Versammlung aufgenommen wurde. Hierauf erhielt Abg. Schuselka das Wort zu einer Interpellation an das Ministerium. Er begann damit, im Allgemeinen für das Programm zu danken; dennoch müsse er im Interesse der Monarchie seine Interpellation vorbringen Er stellte folgende Fragen:
1) Ob das Ministerium die Verantwortlichkeit übernähme für Alles, was jetzt in Wien, Lemberg etc. geschieht und in Ungarn geschehen wird, oder ob Oesterreich noch ferner unter der Soldatendiktatur bleiben solle? Eine solche sei nicht nur dem Begriff einer constitutionellen Monarchie völlig zuwider, sondern auch der Monarchie überhaupt höchst gefährlich, wie die Geschichte Oesterreichs in einem warnenden Beispiele (Wallenstein) deutlich beweise.
2) Ob das Blutgericht in Wien fortdauern solle? Es sei nicht nur unmenschlich, sondern noch nichts habe eben der Dynastie mehr geschadet als dieses Blutgericht.
Abg. Schuselka fragte hier zunächst den Justizminister Bach, ob er nicht für seine Vaterstadt Wien dasselbe thun werde, was er für Prag gethan?
3) Welche Stellung das Ministerium in der traurigen Angelegenheit wegen Robert Blum zum deutschen Parlament und deutschen Volke einzunehmen gedenke.
Der Redner ließ die Frage, ob Blum schuldig oder unschuldig gewesen, bei Seite und nahm blos den politischen Standpunkt ein, welcher hätte gelten müssen, selbst wenn Blum Mitglied einer ganz fremden Nationalversammlung gewesen wäre. Der Ministerpräsident Schwarzenberg bat um schriftliche Mittheilung der Fragen und versprach ausführlich motivirte Antwort.
[(D. A. Z.)]
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@facs0844
[ * ] Prag, 28. Nov.
Ein Kremsierer Korrespondent des „C. Bl. a. B.“ stellt unter Andern über das jetzige Ministerium folgende Betrachtungen an:
Die politische Welt erinnert sich wohl, daß der Reichstag „ein volksthümliches Ministerium“ begehrte, es war eines schönen Abends am 6. Oktober. Der Kaiser versprach ein solches. — Man urtheile nun, ob das jetzige Ministerium „ein volksthümliches“ ist?! F. Schwarzenberg ist ein Diplomat aus der alten Schule, Stadion ein Gouverneur des alten Systems, Cordon ein General des alten Hofkriegsraths, Bach und Krauß sind Mitglieder des gestürzten Kabinets, und Thienfeld ist ein homo ignotus. Dies ist das neue „volksthümliche“ Ministerium! Zwei Generäle, ein Graf, ein paar Barone — das ist „volksthümlich!“ — Welche Haltung wird jener Theil der Kammer diesem Ministerium gegenüber einnehmen, welcher ein volksthümliches Ministerium als einziges Rettungsmittel aus den Oktoberwirren und für alle Zukunft dem Kaiser in Schönbrunn anempfahl?! Sollte man auf den Punkt gekommen sein, jedes Ministerium zu stützen, um nur irgend eine Regierung zu haben?
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@facs0844
[ !!! ] Frankfurt, den 30. Nov.
Sitzung der National-Versammlung. Präsident Riesser.
Die ersten drei Punkte der Tagesordnung sind:
1) Ergänzungswahl in den Ausschuß für Geschäftsordnung.
2) Fortsetzung der Berathung über den vom Abgeordneten Löw aus Posen, Namens des Ausschusses für die österreichischen Angelegenheiten erstatteten Berichts über verschiedene Anträge und eingebrachte Petitionen
3) Berathung über den vom Abgeordneten Francke erstatteten Bericht:
ein Wahlausschreiben des Landguberniums in Mähren betreffend.
Nach Verlesung des Protokolls sind ungefähr 100 Abgeordnete im Saal. Riesser läßt zählen, ob die Anzahl beschlußfähig. (Dies geschieht heut zum erstenmal) Venedey beantragt Namensaufruf. (Links: Ja! Ja!) Man entscheidet sich endlich für Stimmzettel.
Während der confusen Zählungen, ist die Gesellschaft vollzählig geworden, und genehmigt das Protokoll, was kein Mensch gehört hat.
Es erweist sich nachträglich, daß doch nur 195 Mitglieder da sind.
Es kommen noch fünf. Man ist wieder beschlußfähig.
Der Verfassungsausschuß zeigt die revidirten Grundrechte nebst Einführungsgesetz an, worauf man zur Tagesordnung übergeht, und zuerst Ergänzungswahlen für die Geschäftsordnung vornimmt. Gewählt wird Edel aus Würzburg.
Hierauf Berathung über die östreichische Angelegenheit. Es spricht nach geschlossener Debatte der Berichterstatter der Minorität des Ausschusses, deren Anträge ich Ihnen bereits gestern gab.
Venedey. Er erklärt, daß das Votum der Minorität ein doppeltes Mißtrauensvotum ist, eins für die Reichscommissäre, eins für das Ministerium. Die Nothwendigkeit dieser Mißtrauensvoten weist Venedey nach. Der Nachweis enthält viel Wahres, aber nichts Neues Was das Ministerium anbelangt, so beweist er, daß das Ministerium die Versammlung verhöhnt. — So z. B. hat das Ministerium ewig ein Programm versprochen, nie eins gegeben, dies mag der Versammlung genügen, der Nation genügt es nicht. Die Nation will wissen, was die Minister wollen!
Der Ton des Herrn Ministers ist humoristisch und le style c'est l'homme! Die englischen Minister wagen bisweilen einen solchen Ton gegen die Minorität, aber das sind mindestens Männer, die eine Geschichte für sich haben — aber unsre 6 monatlichen Minister — sie haben Deutschland auf einen Standpunkt gebracht, wohin es noch nie gekommen!
Das Ministerium hat das Reich gemißbraucht zur östreichischen Hauspolitik.
Venedey behauptet unter großen Störungen, daß das Reichsministerium und die berühmten Commissäre den Sieg des Windischgrätz absichtlich herbeigeführt haben.
Am 12. wurden von hieraus die Reichscommissäre nach Ollmütz geschickt, während noch kein Mensch wußte, daß der Kaiser daselbst sei. — Also das Ministerium wußte es, wo der Kaiser hingehen würde. (Links: hört!) (Während Venedey's Anklage beschäftigt sich das Ministerium mit Zeitungslesen. — Das ganze Centrum achtet nicht auf die Rede. — Es will nichts hören gegen das Ministerium!) „Machen Sie ein Ende mit diesem Ministerium!“ ruft Venedey unter Bravo links, „schicken Sie diesen Minister nach Oestreich, wohin er gehört, mag er Minister unter Windischgrätz sein. Sie sind nicht einverstanden mit diesem Ministerium, aber Sie haben nicht den Muth, es fortzuschicken. Alle Worte des Ministeriums widersprechen offenbar seinen Thaten“ (Schmerling liest im rechten Centrum die Zeitung, aber er wird sehr blaß. — Links Bemerkungen, Präsident Riesser nennt diese Bemerkungen unanständig. Links: Lärm.) Während Sie, schließt Venedey, Königthum und Reaktion stützen, wird Republik und Anarchie über Sie weggehen wie der Wind über die Wüste. (Langer Beifall links.)
Löw aus Posen spricht für die Anträge der Majorität des Ausschusses als Berichterstatter. Er bringt nichts Neues.
Folgt Abstimmung. v. Gold's Antrag auf einfache Tagesordnung wird fast einstimmig verworfen. Phillips motivirte Tagesordnung ebenso. (Kaum 30 auf der Rechten standen auf.)
Die Anträge des Abgeordneten Wiesner und Genossen.
Ich stelle den Antrag, die hohe Nationalversammlung möge beschließen:
I. der über Wien verhängte Belagerungszustand ist sofort aufzuheben, und zwar:
a) weil die österreichischen Gesetze zwar das außerordentliche Verfahren des Standrechts, keineswegs aber ein außerordentliches Verfahren des Belagerungszustandes kennen ein solches Verfahren somit in Oesterreich ganz ungesetzlich ist;
b) weil die ungesetzliche Maaßregel von keinem der constitutionellen Regierungsorgane verhängt oder bestätigt wurde;
II. die österreichische Reichsversammlung ist von allen inconstitutionellen Einflüssen zu befreien und in das Recht der freien Volksvertretung wieder einzusetzen;
III. alle in Wien von der Militärgewalt eingeleiteten, noch schwebenden Untersuchungen wegen der letzten Ereignisse sind sofort aufzuheben und zwar:
1) weil die Proclamationen des Fürsten Windischgrätz, durch welche man sie zu begründen versucht, von keinem der verantwortlichen Regierungsorgane ausgingen, und es dem Geiste des constitutionellen Prinzips widerspricht, daß es mit Uebergehung der verantwortlichen Regierungsorgane dem bloßen Ermessen eines k. k. Generals anheimgestellt werden könnte, Proclamationen zu erlassen, durch welche den Staatsbürgern die gewährten Freiheiten entzogen werden;
2) weil diese Proclamationen des Fürsten Windischgrätz dem Manifeste Sr. Majestät vom 19. November wiedersprechen, ja dasselbe gänzlich aufheben, folglich auch in einem absolut regierten Staate vollkommen ungesetzlich wären;
3) weil selbst das in dem österreichischen Gesetzbuche über Verbrechen begründete außerordentliche Verfahren des Standrechts, nach welchem das Verbrechen auf das Kürzeste untersucht, der Schuldige sogleich verurtheilt, und die Strafe auf der Stelle vollzogen wird, nach gestillter Unruhe weder angefangen, noch, wenn es schon im Zuge wäre, fortgesetzt werden darf, da es nur in einem dringenden Nothfalle verfügt werden kann.
Aus den oben angeführten Gründen ist auch:
IV. die Wiederaufnahme der Untersuchung von Seite des außerordentlichen Richters gegen alle Jene einzuleiten, die von der Militärgewalt auf Grund der erwähnten Proclamation zu Kerkerstrafen verurtheilt wurden, da es in den Principien des Strafprocesses gegründet ist, daß wenn durch ein gefälltes, und in Vollzug gesetztes Urtheil Einzelne verletzt erscheinen, den Verletzten Abhülfe verschafft werden müsse.
wird verworfen.
Die ganze Linke stimmte dafür.
Der Antrag der Minorität des Ausschusses (s. gestr. Sitzung) wird in nmentlicher Abstimmung mit 270 Stimmen gegen 185 verworfen. (Also 85 Stimmen fürs Ministerium).
Hierauf erhebt sich eine stürmische Debatte von einer vollen Stunde über die weitere Abstimmung, wobei sich manches Komische ereignet, u. a. Jordan aus Berlin von der Tribüne getrommelt wird, oder vielmehr auf derselben ein musikalisches Mißtrauensvotum von bedeutender Ausdehnung erhält.
Ein Amendement von Vischer (Linke) wird verworfen.
Eins dito von Wagner:
„Zugleich fordert die konstituirende Reichsversammlung die Centralgewalt auf, zu erwirken, daß die von der Reichsversammlung erlassenen Gesetze und Beschlüsse, namentlich das Gesetz vom 23. Sept. d. J., betreffend die Kundmachung der Reichsgesetze und der Verfügungen der provisorischen Centralgewalt in Deutsch-Oesterreich landesüblicher Weise verkündet werden,“
wird mit 224 Stimmen gegen 221 verworfen.
Also die Gesetze sollen in Oesterreich nicht promulgirt werden.
Die Anträge der Majorität des Ausschusses (s. gestr. Sitzung) werden in namentlicher Abstimmung mit 220 Stimmen gegen 210 ebenfalls verworfen.
Das rechte Centrum, die Rechte, das Ministerium und die äußerste Linke stimmten mit Nein, Zehn Abgeordnete, u. a. Jordan von Berlin, enthielten sich der Abstimmung. Eine Menge von Erklärungen über die Motive zu den Abstimmungen werden verlesen. Sie sind des verschiedensten Inhalts. Unter andern haben ungefähr 80 Abgeordnete von der Linken gegen den Antrag gestimmt, weil er nichts als ein Vertrauensvotum für Windisch-Grätz ist.
Der Antrag des Abg. Osterrath:
„Die National-Versammlung wolle beschließen:
„Die vorliegenden, das Verhältniß der Centralgewalt zu Oesterreich berührenden Anträge und Petitionen der provisorischen Centralgewalt mit dem Auftrage zu überweisen,
1. dahin zu wirken, daß die über Wien verhängten Ausnahmsmaßregeln nach wiederhergestellter Ordnung und Ruhe alsbald aufgehoben werden;
2. die Ausführung des Beschlusses vom 3. November d. J. nachdrücklich zu beschleunigen und über den Erfolg der desfallsigen Verhandlungen ehebaldigst der National-Versammlung Vorlage zu machen,“
wird ebenfalls verworfen. (Links langer Beifall).
Also ist kein einziger Antrag angenommen und eine gewaltsame Tagesordnung nach 2 Sitzungen herbeigeführt. (Ha, ha, ha!)
Der Präsident will die Anträge zu nochmaliger Begutachtung an den Ausschuß zurückweisen.
Graf Deym spricht dagegen, Rösler dafür.
Die Anträge werden an den Ausschuß zurückgewiesen zu neuer Antragstellung.
Punkt 3 der Tagesordnung (s. oben) wird durch Annahme des nachfolgenden Ausschußantrages erledigt:
„In Erwägung, daß bei Wahlhandlungen, als nothwendige Bedingung des Vertrauens in die Wahl, die Wahlbehörde eines jeden Einflusses sich zu enthalten hat, der Erlaß des mährisch-schlesischen Landesgubernium zu Brünn vom 20. v. M. aber die Wahlbehörde zu einem Einflusse auffordert, erklärt die National-Versammlung: daß der genannte Erlaß zu mißbilligen ist und fordert das Reichsministerium auf, in diesem Sinne das Erforderliche wahrzunehmen.“
Gegen den Antrag sprach Graf Deym, ein sehr entschiedenes und ehrenhaftes Mitglied der äußersten Rechten. Er wollte Tagesordnung. Er erklärte frank und frei, daß Oesterreich nur das von der Reichsversammlung und Centralgewalt annehmen werde was ihm gut dünkt und beliebt. So werde Oesterreich stets handeln. Wenn die Centralgewalt anders wolle, solle sie ein Heer aufstellen. (Lautes Bravo links. Die Centren entsetzen sich.) Entweder — oder, sagt Deym, wir brauchen uns keine Illusionen zu machen. Alle Reichskommissäre und Beschlüsse, welche Oesterreich betreffen, sind vorläufig von Oesterreich gar nicht beachtet worden. — Einen Mißbrauch, wie den gegenwärtigen, herauszugreifen, ist müßig, es finden noch eine Masse solcher Mißbräuche Statt, setzen Sie also das ganze Gubernium ab, oder gehen Sie zur Tagesordnung über. Meine Herren, solche einzelne Mißbräuche herauszureißen, und Phrasen dagegen loszulassen, führt zur Anarchie, und Anarchie ist, die Wiege der Reaktion. — Zum Schluß entwickelte der Redner noch seine Ansicht über das Verhältniß Deutschlands zu Oesterreich freimüthig. Sie können sich dieselbe denken. Wenn Sie
Hierzu eine Beilage.