[0913]
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 170. Köln, Samstag den 16. Dezember. 1848.
Keine Steuern mehr!!!
Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Die Bourgeoisie und die Contrerevolution. Fortsetzung. — Der Belagerungszustand.) Weßlingen. (Verhaftungen. — Belagerungszustand.) Dortmund. (Mirbachs Verhaftung.) Bielefeld. (Die Verhaftungen und ihr Motiv. — Tumult zu Paderborn.) Münster. (Die Reactionswirthschaft.) Berlin. (Die Nachrichten aus Paris und die Russen. — Verbot der Nationalzeitung. — Polizeiwirthschaft. — Dowiats Prozeß. — Das Ministerium Brandenburg und die englische Presse. — Kladdaradatsch.) Darmstadt. (Die Centralgewalt. — Standrechtliches) Mainz. (Ein Beschluß des hiesigen Bezirkraths.) Eßlingen. (Adresse an einen Reichstagsdeputirten)
Belgien. Lüttich. (Gründung eines demokratisch-socialen Vereins).
Französische Republik. Paris. (Die Wahl Louis Napoleons. — Volksaustritte. — Stimmung der Mobilen. — Napoleon, Raspail, Ledru Rollin. — Die Wahlurne. — Girardin, Lamartine. — Die Wahllisten. — Verbindung der Rothen mit den Napoleonisten. — Vermischtes. National-Versammlung.)
Italien. Oestreichische Truppenbewegungen. — Neue Schinderei Radetzki's. — Neapel. — Venedig. (Eindruck der römischen Nachrichten. — Papiergeld).
Portugal. Lissabon. (Das Saldanhasche Kabinet und die Finanzen).
Großbritannien. London. (Fleming der Prophet. — Louis Philippe als Kläger vor dem Polizeigericht. — Der Morning Advertiser über die octroyirte preußische Verfassung. — Chartistische Parlamentskandidaten. — An die Wähler von Leicester. — Chartistenprozesse. — Lügen der reaktionären deutschen Journale über die englische Presse). Manchester. (Der Markt).
Amerika. (Neueste Nachrichten aus den Vereinigten-Staaten, Mexiko, Yucatan, Hayti, Havannah, Venezuela und Bogota. — Das californische Eldorado). Rio-Janeiro. (Rosa's Rüstungen).
Afrika. (Zustand am Cap der guten Hoffnung).
Deutschland.
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[ * ] Köln, 15. Dezember.
(Fortsetzung.)
Die Vereinbarungstheorie, welche die im Ministerium Camphausen zur Regierung gelangte Bourgeoisie sofort als „breiteste“ Grundlage des preußischen contrat social proklamirte, war keineswegs eine hohle Theorie; sie war vielmehr gewachsen auf dem Baume des „goldnen“ Lebens.
Die Märzrevolution hat den Souverän von Gottes Gnaden keineswegs dem Volssouveräne unterjocht. Sie hat nur die Krone, den absolutistischen Staat, gezwungen, sich mit der Bourgeoisie zu verständigen, sich mit ihrem alten Rivalen zu vereinbaren.
Die Krone wird der Bourgeoisie den Adel, die Bourgeoisie wird der Krone das Volk opfern. Unter dieser Bedingung wird das Königthum bürgerlich und die Bourgeoisie königlich werden.
Nach dem März giebt es nur noch diese zwei Mächte. Sie dienen sich wechselseitig als Blitzableiter der Revolution. Alles natürlich auf „breitester demokratischer Grundlage“.
Das war das Geheimniß der Vereinbarungstheorie.
Die Oel- und Wollhändler, welche das erste Ministerium nach der März-Revolution bilbeten, gefielen sich in der Rolle, die blosgestellte Krone mit ihren plebejischen Fittigen zu decken. Sie schwelgten in dem Hochgenusse, hoffähig zu sein und widerstrebend, von ihrem rauhen Römerthum aus reiner Großmuth ablassend — von dem Römerthum des vereinigten Landtags — die Kluft, welche der Thron zu verschlingen drohte, mit dem Leichnam ihrer ehemaligen Popularität zu schließen. Wie spreizte sich der Minister Camphausen als Wehmutter des konstitutionellen Thrones. Der brave Mann war offenbar über sich selbst, über seine eigne Großmuth gerührt. Die Krone und ihr Anhang duldete widerstrebend diese demüthigende Protektorschaft, sie machte bonne mine à mauvais jeu in Erwartung bess'rer Tage.
Die halb aufgelöste Armee, die für ihre Stellen und Gehalte zitternde Bureaucratie, der gedehmüthigte Feudalstand, dessen Führer sich auf konstitutionellen Studienreisen befand, übertölpelten leicht mit einigen süßen Worten und Knixen den Bourgeois Gentilhomme.
Die preußische Bourgeoisie war nomineller Besitzer der Herrschaft, sie zweifelte keinen Augenblick, daß die Mächte des alten Staats ohne Hinterhalt sich ihr zu Gebot gestellt und in eben so viele devote Ableger ihrer eignen Allmacht verwandelt hätten.
Nicht nur im Ministerium, in dem ganzen Umfang der Monarchie war die Bourgeoisie von diesem Wahn berauscht.
Die einzigen Heldenthaten der preußischen Bourgeoisie nach dem März, die oft blutigen Chikanen der Bürgerwehr gegen das unbewaffnete Proletariat, fanden sie nicht in der Armee, in der Büreaucratie und selbst in den Feudalherrn willig unterwürfige Helfershelfer? Die einzigen Kraftanstrengungen, wozu sich die lokalen Vertreter der Bourgeoisie aufschwangen, die Gemeinderäthe — deren zudringlich [unleserlicher Text]servile Gemeinheit von einem Windischgrätz, Jelachich und Welden später in angemessener Weise befußtrittet wurde — die einzigen Heldenthaten dieser Gemeinderäthe nach der Märzrevolution, ihre patriarchalischernsten Warnungsworte an das Volk, wurden sie nicht angestaunt von den verstummten Regierungspräsidenten und den in sich gegangenen Divisionsgeneralen? Und die preußische Bourgeoisie hätte noch zweifeln sollen, daß der alte Groll der Armee, der Bureaucratie, der Feudalen, in ehrfurchtsvoller Ergebenheit vor dem sich selbst und die Anarchie zügelnden großmüthigen Sieger, der Bourgeoisie, erstorben sei?
Es war klar. Die preußische Bourgeoisie hatte nur noch eine Aufgabe, die Aufgabe, sich ihre Herrschaft bequem zu machen, die störenden Anarchisten zu beseitigen, „Ruhe und Ordnung“ wieder herzustellen und die Zinsen wieder einzubringen, die während des Märzsturms verloren gegangen waren. Es konnte sich nur noch darum handeln, die Produktionskosten ihrer Herrscheft und der sie bedingenden Märzrevolution auf ein Minimum zu beschränken. Die Waffen, welche die preußische Bourgeoisie in ihrem Kampfe gegen die feudale Gesellschaft und deren Krone unter der Firma des Volks in Anspruch zu nehmen sich gezwungen sah, Assoziationsrecht, Preßfreiheit etc., mußten sie nicht zerbrochen werden in den Händen eines bethörten Volks, das sie nicht mehr für die Bourgeoisie zu führen brauchte und gegen sie zu [unleserlicher Text] denkliche Gelüste kund gab?
Der Vereinbarung der Bourgeoisie mit der Krone, davon war sie überzeugt, dem Markten der Bourgeoisie mit dem alten, in sein Schicksal ergebenen Staate, stand offenbar nur noch ein Hinderniß im Wege, ein einziges Hinderniß, das Volk — puer robus[unleserlicher Text]us sed maliciosus, wie Hobbes sagt. Das Volk und die Revolution!
Die Revolution war der Rechtstitel des Volkes; auf die Revolution gründete es seine ungestümmen Ansprüche. Die Revolution war der Wechsel, den es auf die Bourgeoisie gezogen hatte. Durch die Revolution war die Bourgeoisie zur Herrschaft gelangt. Mit dem Tage ihrer Herrschaft war der Verfalltag dieses Wechsels angebrochen. Die Bourgeoisie mußte gegen den Wechsel Protest einlegen.
Die Revolution — das bedeutete im Munde des Volks: Ihr Bourgeois seid das Comité du salut public, der Wohlfahrtsausschuß, dem wir die Herrschaft in die Hand gegeben, nicht damit ihr euch über eure Interessen mit der Krone vereinbart, sondern damit ihr gegen die Krone unsere Interessen, die Interessen des Volks durchsetzt.
Die Revolution war der Protest des Volkes gegen die Vereinbarung der Bourgeoisie mit der Krone. Die mit der Krone sich vereinbarende Bourgeoisie mußte also protestiren gegen — die Revolution.
Und das geschah unter dem großen Camphausen. Die Märzrevolution wurde nicht anerkannt. Die Berliner Nationalrepräsentation konstituirte sich als Repräsentation der preußischen Bourgeoisie, als Vereinbarerversammlung, indem sie den Antrag auf Anerkennung der Märzrevolution verwarf.
Sie machte das Geschehene ungeschehen. Sie proklamirte es laut vor dem preußischen Volke, daß es sich mit der Bourgeoisie nicht vereinbart, um gegen die Krone zu revolutioniren, sondern daß es revolutionirt, damit sich die Krone mit der Bourgeoisie gegen es selbst vereinbare! So war der Rechtstitel des revolutionären Volkes vernichtet und der Rechtsboden der konservativen Bourgeoisie gewonnen.
Der Rechtsboden!
Brüggemann, und durch ihn die „Kölnische Zeitung,“ haben so viel geplaudert, gefabelt, gewimmert vom „Rechtsboden,“ so oft den „Rechtsboden“ verloren, wiedergewonnen, den Rechtsboden durchlöchert, geflickt, von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt nach Berlin geschleudert, verengt, ausgedehnt, aus einem einfachen Boden in einen getäfelten Boden, aus einem getäfelten Boden in einen Doppelboden, — bekanntlich ein Hauptwerkzeug der schauspielernden Escamoteurs — aus einem Doppelboden in eine bodenlose Fallthüre verwandelt, daß der Rechtsboden sich für unsre Leser mit Recht schließlich in den Boden der „Kölnischen Zeitung“ verwandelt hat, daß sie das Schiboleth der preußischen Bourgeoisie mit dem Privatschiboleth des Herrn Joseph Dumont, einen nothwendigen Einfall der preußischen Weltgeschichte mit einer willkührlichen Marotte der „Kölnischen“ Zeitung verwechseln können und im Rechtsboden nur noch den Boden sehn, auf dem die „Kölnische Zeitung“ wächst.
Der Rechtsboden und zwar der preußische Rechtsboden!
Der Rechtsboden, auf dem sich nach dem März der Ritter der großen Debatte Camphausen, das wiedererweckte Gespenst des Vereinigten Landtags und die Vereinbarerversammlung bewegen, ist er das Konstitutionsgesetz von 1815, oder das Landtagsgesetz von 1820, oder das Patent von 1847, oder das Wahl- und Vereinbarungsgesetz vom 8. April 1848?
Nichts von alledem.
Der „Rechtsboden“ bedeutete einfach, daß die Revolution ihren Boden nicht gewonnen und die alte Gesellschaft ihren Boden nicht verloren habe, daß die Märzrevolution nur ein „Ereigniß“ sei, welches den „Anstoß“ zu der längst innerhalb des alten preußischen Staats vorbereiteten „Verständigung“ zwischen dem Throne und der Bourgeoisie gegeben, deren Bedürfniß die Krone selbst in frühern allerhöchsten Erlassen schon ausgesprochen und nur vor dem März für nicht „dringlich“ erachtet habe. Der „Rechtsboden“ bedeutete mit einem Worte, daß die Bourgeoisie nach dem März mit der Krone auf demselben Fuße unterhandeln wolle wie vor dem März, als ob gar keine Revolution stattgefunden, und der Vereinigte Landtag ohne die Revolution sein Ziel erreicht hätte. Der „Rechtsboden“ bedeutete, daß der Rechtstitel des Volkes, die Revolution, in dem contrat social zwischen Regierung und Bourgeoisie nicht existire. Die Bourgeoisie leitete ihre Ansprüche aus der altpreußischen Gesetzgebung her, damit das Volk keine Ansprüche aus der neupreußischen Revolution herleite.
Es versteht sich, daß die ideologischen Cretins der Bourgeoisie, ihre Zeitungsschreiber u. dgl., diese Beschönigung des Bourgeoisinteresses für das eigentliche Interesse der Bourgeoisie ausgeben und als solches sich und andern einbilden mußten. Im Kopfe eines Brüggemann verwandelte sich die Phrase des Rechtsbodens in eine wirkliche Substanz.
Das Ministerium Camphausen hatte seine Aufgabe gelöst, die Aufgabe der Vermittlung und des Uebergangs. Es bildete nämlich die Vermittlung zwischen der auf den Volks- [Fortsetzung]
[Feuilleton]
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Die heilige deutsche Reichsarmee.
Die heilige deutsche Reichsarmee
Ist auf den Strumpf gekommen:
Sie hat aus Schwaben und Hessen sich
Die besten Jungens genommen.
Die heilige deutsche Reichsarmee
Die sollte die Schweiz berücken:
Schon rückte sie aus, da mußte sie, ach
Die verfluchten Hosen noch flicken.
Die heilige deutsche Reichsarmee
Die sollte ganz Limburg fressen:
Schon rückte sie aus, da hatte sie, ach
Das verfluchte Pulver vergessen.
Die heilige deutsche Reichsarmee
Die war zum Kampfe entschlossen:
Da haben die Preußen und Dänen, ach
Den verfluchten Frieden geschlossen.
Die heilige deutsche Reichsarmee,
Die sollte auch Wien erlösen:
Da ist, ach Gott, der Herr Windisch-Grätz
So verflucht bei der Hand gewesen.
Die heilige deutsche Reichsarmee
Die lebt ohn' viele Sorgen:
Die Lanzknechte traun auf den lieben Gott —
Kommst du heute nicht, kommst du morgen.
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@facs0913
Wien.
Ein kaiserl. kgl. Soldat schickt der „Red. der N. Rh. Ztg.“ die folgende Skizze zu. Wir nehmen sie mit Rücksicht auf den Absender trotz ihres Pathos auf:
Die nächtliche Schildwache im Belagerungsheer vor Wien.
Schaurig rückt die Mitternachtsstunde herauf, die Stunde meiner Ablösung. Sie werden kommen mich abzulösen — doch wer kann mich erlösen von der innern Unruh, die mich ängstigt und foltert. Es schwindelt der Kopf mir vom ewigen Auf- und Abschreiten der müden Füße. Halt! Halt! Doch in mir tobt ein Höllenruf: Marsch! Marsch!
Was ist es denn, was mir keine Ruhe läßt? Ach, es ist der heiße Kampf des Tages, der mir noch mit allen seinen Schrecknissen vor Augen steht, und dort im Hintergrunde die steigenden Feuersäulen der brennenden Kaiserstadt drohen wie zischende Schlangen den Schleuderern des Brandes, und rufen: Fluch den Brandstiftern! Fluch den Brüder- und Vatermördern! …
Wild und furchtbar ist der Krieg in seinem Toben, aber schrecklich ist der Moment des Austobens. Der Mensch hört auf Thier zu sein und er übersieht mit einem Blicke die Masse seiner Greuelthaten. Die Wunden, die er mit bestialischer Wuth seinen Nebenmenschen geschlagen, starren ihn klaffend an und er frägt sich, warum dies Alles geschah? …
Ach, warum, warum war ich heute ein wildes Thier? Und wer war denn das Wild, gegen das wir wie Jagdhunde gehezt wurden? Waren es etwa Feinde des Landes, die wir mit grimmiger Wuth zerfleischten? … Ach, es waren ja die Söhne des Landes wie wir selbst, es waren ja die Bürger der ersten Stadt des Reichs! Welch' eine Satansmacht hat uns gegen unsere Brüder, gegen unsere Väter gehetzt?
Wehe! Mein Blick verwirrt sich — das Schlachtfeld mit den Gefallenen wird regsam — die Todten mit ihren klaffenden Wunden richten sich auf — kommen auf mich zu — Marsch! Marsch! …
Ha, Geister meiner Erschlagenen, was wollt Ihr von mir? Wollt Ihr den Kampf von neuem beginnen? Kehrt um! Kehrt um! … Doch, was seh' ich! O, gräßlich, gräßlich! die Erschlagenen sind ja meine Brüder, meine wirklichen Brüder, meiste leiblichen Brüder! …
Max und Karl! — o Gott! — seid ihr es denn wirklich, die ich heute im blinden teuflischen Kampf erschlagen? Ha, wie sie ihre starren Häupter bejahend schütteln — Weh' mir, sie sind es, es sind meine leiblichen Brüder, die ich erschlagen — ach, sie eilten in den Kampf für Freiheit, für Vaterstadt — Und ich? — Und ich? — ich folgte dem starren Kommando: gegen Freiheit, gegen Vaterland, gegen Vaterstadt! … Fluch! ewiger Fluch! diesem Kommando zum Brudermord!
Wohin winkt Ihr mir, Ihr theuren Erschlagenen? Wollt Ihr, daß ich euch folge in die flammende Kaiserstadt, auf den Kirchhof der Freiheit? Aber dort kommen schon die Söldner um mich abzulösen — Gewehr an! ‥ Ha, wie sie winken, die geliebten Erschlagenen … Wohlan, ich folge eurem Bruderwink — Keine Ablösung durch die Feinde des Vaterlands! Nur Erlösung suche ich durch den Tod für's Vaterland! L. M.
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@facs0913
Theater in Köln.
Jeder Mensch hat seine Nachtheile und seine Vortheile — so auch Herr Barth. Herr Barth hat alle Nachtheile, aber leider nur den Vortheil, daß die guten Kölner eine wahrhaft himmlische Geduld mit ihm haben. Herr Barth muß sich nicht wundern, daß wir weniger nachsichtig mit ihm sind als andere Leute; wir gestehen es grade heraus, wir tadeln ihn in unserm eignen Interesse, denn wir gönnen uns gern einen erträglichen Abend. — — Sehen [0914] wir Herrn Barth, zackig wie eine Blitzröhre, auf die Bühne stolpern, hören wir ihn, ganz nach Belieben, bald wie einen verschnupften arkadischen Schäfer kläglich winseln und bald wie einen englischen Porterbrauer schreien und toben, und müssen wir es gar erleben, daß Herr Barth wohl noch bei der geringsten Störung unwohl wird und mit Eclat die Bühne verläßt — wir gestehen: da thut es uns leid um das gute Geld des Herrn Gerlach und um die schöne Zeit, die wir selbst vertödelten. Wir wünschen Herrn Barth von Herzen glückliche Reise. Möchte Fräulein J. ihn begleiten und nach Kräften trösten. Als neulich in der Jüdin dies liebenswürdige Paar zusammen musicirte, da war es uns nicht anders, als ob wir alle Wetterfahnen der heiligen Stadt Köln schwirren hörten.
Hoffentlich wird Herr Gerlach das erwähnte künstlerische Rebut bald durch etwas besseres zu ersetzen wissen. Mit wenigen Ausnahmen sind wir jetzt wirklich mit so vielen Nasen-, Röchel- und Wimmer-Stimmen gesegnet, daß einem nicht selten alle Schauer des jüngsten Gerichtes dabei einfallen.
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@facs0914
Eine ungeheure Thätigkeit herrscht in der Möblirung des Palastes (Elysée-National) der für die Wohnung des neuen Präsidenten bestimmt ist. Marrast ist bekanntlich ein sehr feiner Mann, mit seinem Geschmack, und in der sichern Voraussicht, seine Partei an's Ruder zu bringen, hatte er sich mit der Meublirung schon längst beschäftigt. Der Geschmack Marrast's stimmt aber nun keineswegs mit dem Geschmack Napoleons überein. Seit gestern wird der Palast auf's neue meublirt, im kaiserlichen Geschmacke. Die Präsidentenwahl ist noch nicht zu Ende, und schon ist eine Präsidentengarderobe wieder in die Rumpelkammer gefallen, aus der man sie hervorgeholt hatte.
[Deutschland]
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@facs0914
[Fortsetzung] schultern emporgehobenen Bourgeoisie und der Bvurgeoisie, die nicht mehr der Volksschultern bedurfte; zwischen der Bourgeoisie, welche scheinbar das Volk der Krone und der Bourgeoisie, die wirklich die Krone dem Volke gegenüber vertrat; zwischen der Bourgeoisie, die sich von der Revolution losschälte und der Bourgeoisie, die als Kern der Revolution herausgeschält war.
Seiner Rolle gemäß beschränkte sich das Ministerium Camphausen in jungfräulicher Schamhaftigkeit auf den passiven Widerstand gegen die Revolution.
Es verwarf sie zwar in der Theorie, aber in der Praxis sträubte es sich nur gegen ihre Anmuthungen und duldete nur die Rekonstituirung der alten Staatsgewalten.
Die Bourgeoisie glaubte unterdeß auf dem Punkte angelangt zu sein, wo der passive Widerstand in aktiven Angriff übergehen müsse. Das Ministerium Camphausen trat ab, nicht weil es diesen oder jenen Mißgriff begangen, sondern aus dem einfachen Grunde, weil es das erste Ministerium nach der Märzrevolution, weil es das Ministerium der Märzrevolution war und seinem Ursprung gemäß den Repräsentanten der Bourgeoisie noch unter dem Volksdiktator verstecken mußte. Diese seine zweideutige Entstehung und sein doppelsinniger Charakter legten ihm noch gewisse Convenancen, Rückhalte und Rücksichten gegen das souveräne Volk auf, die der Bourgeoisie lästig wurden, die ein zweites direkt aus der Vereinbarerversammlung hervorgegangenes Ministerium nicht mehr zu beobachten hatte.
Sein Rücktritt war daher ein Räthsel für die Wirthshauspolitiker. Das Ministerium der That, das Ministerium Hansemann folgte ihm, weil die Bourgeoisie aus der Periode des passiven Verraths des Volks an die Krone in die Periode der aktiven Unterwerfung des Volks unter ihre mit der Krone vereinbarte Herrschaft überzugehen gedachte. Das Ministerium der That war das zweite Ministerium nach der Märzrevolution. Das war sein ganzes Geheimniß.
(Fortsetzung folgt.)
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@facs0914
[ * ] Köln, 13. Dezember.
Vor Kurzem prophezeiten wir, daß nach und nach ganz Preußen in Belagerungszustand versetzt werden würde. Diese Voraussagung scheint eintreffen zu wollen. Aber der Belagerungszustand ist auch eine der famosesten Erfindungen!
Wie sollte Manteuffel-Brandenburg sich nicht beeilen, den größtmöglichsten Nutzen aus ihr zu ziehen?
Bisher begnügte man sich, einzelnen Städten und deren 2 meiligen Umkreis die Wohlthaten jener Erfindung zuzuwenden. Bei uns dagegen tritt das Belagerungs-Ministerium schon großartiger auf.
Es läßt sofort durch seine Schergen einen ganzen Kreis in Belagerungszustand erklären — den Kreis Kreutzburg, Regierungsbezirk Oppeln. Und weshalb? Weil in 2, sage in zwei, Dörfern die Bauern ein gutsherrliches Schloß angegriffen und einen gnädigen Gutsherrn mißhandelt haben. Natürlich, so lange Leute aus dem Volk von „gnädigen“ Herrn zerschlagen, bis auf den Tod gepeitscht, wie das wilde Vieh malträtirt und erschossen wurden: da dachte von den hohen Herrn Niemand daran, die betreffenden Distrikte in Belagerungszustand zu versetzen. Mochte ein Baron von Falkenhausen (in der Grafschaft Glatz) unter dem Schein polizeilicher Autorität bürgerliches Pack immerhin mißhandeln: das schadete nichts. Er wurde zwar verurtheilt, aber seine Strafe war die königliche Begnadigung. Der Kreis, in dem er lebte, blieb von jeder Belagerung verschont. Der bekannte Unmensch, Graf Reichenbach in Goschütz (nicht zu verwechseln mit seinem Gegensatz, dem Abgeordneten Reichenbach) durfte verschiedene Leute fast bis zum Tode malträtiren: es krähte kein Hahn danach. Mochte der Lieutenant Herr v. Carnap immerhin einen Pferdeknecht erschießen, der Kreis Trebnitz blieb durchaus mit jeglichem Belagerungszustande verschont. Herr v. Schweinichen prügelte seinen Amtmann aus reiner adliger Wollust dergestalt, daß der, welcher Jahre lang für ihn gearbeitet, bald darauf an den Folgen der Mißhandlung starb. Der Kreis, welcher die Ehre hat, den Hrn. v. Schweinichen zu beherbergea, erfuhr nicht das Mindeste von einem Belagerungszustand.
Jetzt aber, nach den März- und November-„Errungenschaften“ des Jahres 1848 bedarf es nur eines kleinen Bauerntumults in 2 Dörfern und der Mißhandlung eines gnädigen Herrn v. Gladis: und flugs beschließen die Herrn v. Schleinitz, Reaktions-Oberpräsident von Schlesien, und Herr v. Lindheim, Generallieutenant, „den Kreis Kreutzburg mit folgendem Umkreise und Demarkationslinie (preußisches deutsch!) hiermit in den Belagerungszustand“ zu erklären. Der Leser denkt vielleicht, daß also zwar ein ganzer Kreis, aber doch nur dieser Kreis belagert wird. Er irrt sich. Herr Schleinitz und Monsieur Lindheim dehnen in ihrer Demarkationslinie die Belagerung auch auf einen Theil der angrenzenden Kreise: Namslau, Oppeln und Rosenberg aus. So lautet die desfallsige Bekanntmachung vom 11. d. Mts. Mit Ausführung des Belagerungszustandes wird ein Husaren-Oberst, Herr v. Bonin, beauftragt. Das von letzterem am 12. dieses M. veröffentlichte Publikandum ist so ziemlich eine Kopie des Wrangel'schen. Es muß blos noch hervorgehoben werden, daß der Bürger und königl.-preuß. Kommunist Drigalski einen Plagiarius gefunden hat. Auch Herr v. Bonin hat sofort die Censur wiederhergestellt. Zum Censor ist der Ober-Regierungs-Rath Kieschke von ihm ernannt worden. Und nun spreche einer noch von Reaktion! Jetzt wage es noch Einer, gegen die neue Verfassung zu schimpfen. Die schönste Preßfreiheit auf dem Papier in Berlin, Erfurt, Düsseldorf und im Kreuzburger Kreise nebst Demarkationslinie; und zu gleicher Zeit die vortrefflichste Censur, wie sie je vor den März-„Errungenschaften“ bestanden! Alle Geschmäcker befriedigt! Sage, was willst Du mehr?
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@facs0914
[ * ] Weßlingen, 15. Dez.
Biesinger, Präsident des hiesigen demokratischen Vereins, Johnen und Esser, Mitglieder desselben, sind durch 6 Gensdarmen, 4 Dragoner und 12 Infanteristen nach Bonn escortirt worden. Als Grund wird angegeben, es sei auf den Bürgermeister geschossen worden. Indeß behaupten die Bewohner des Dorfes, der Herr Bürgermeister selbst habe dies veranlaßt, um den demokratischen Verein auflösen zu können.
Die Pointe ist die Versetzung von Weßlingen in Belagerungszustand. Werden Nippes und Todtenjuden bald nachfolgen?
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@facs0914
[ 105 ] Dortmund, 13. Dez.
Vorgestern wurden die Herren v. Mirbach und Graumann hier verhaftet und nach Münster abgeführt. Als Grund der Verhaftung nennt man keinen andern als die Theilnahme an dem Provinzialkongresse in Münster. Die beiden vorläufig in dem Rathhausgebäude Aufbewahrten hatten die schwache Genugthuung, den Tag über von anströmenden Volkshaufen begrüßt zu werden. Ueber die Verfolgung des Herrn von Mirbach sprach sich bei der sonst so ruhigen Bürgerschaft allgemeine Entrüstung aus. — Abends gegen 10 Uhr wurden die Volksmassen von der sogenannten Dortmunder Bürgerwehr auf ächt märkische Weise von dem Marktplatze vertrieben. Die beiden Verhafteten wagte man jedoch erst am folgenden Morgen auf der Eisenbahn nach Münster zu eskortiren.
Seegen der octroyirten Verfassung!
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@facs0914
[ 41 ] Bielefeld, 14. Dezbr.
In Westphalen wird's immer bunter; die Verhaftungen häufen sich; aus sicherer Quelle kann ich Ihnen mittheilen, daß beabsichtigt wird, etwa 120 einflußreiche Leute einzustecken. In Paderborn wurde der Redakteur der „Westfälischen Zeitung“, Referendar Löher, eingezogen, ein gleiches Schicksal traf den allgemein geachteten Justizrath Groneweg in Gütersloh, einen Mann, der schon seit längerer Zeit sich von politischen Bewegungen ziemlich fern gehalten hat. In Essen arretirte man den Lehrer Mühlfeld, in Dortmund die Herren v. Mirbach und Graumann, in Soest den Kanonikus v. Schmitz. Sie wurden sämmtlich nach Münster geschleppt. Viele andere Männer, welche keine Neigung hatten, die Süffigkeit der Untersuchungshaft und das Inquisitionsverfahren nach dem „Allgemeinen Landrechte“ kennen zu lernen, haben sich der Haft durch die Flucht entzogen, darunter der Oberlandesgerichts-Assessor Möllenhof in Münster, der Redakteur des „Volksfreundes“, Kaufmann Rempel in Bielefeld, der Artillerielieutenant Hentze aus Hamm.
Die Verhafteten sind zum Theil ganz zahme Konstitutionelle, denen man keinen andern Vorwurf machen kann, als daß sie von ihrem Associationsrechte Gebrauch gemacht und einen Kongreß in Münster besucht haben. Es sind Leute darunter, welche in Münster nicht ein Wort gesprochen, sich nur ein paar Stunden daselbst aufgehalten haben.
Der Grund zu diesen fabelhaften „Maßregeln“ ist aber darin zu suchen, daß in Münster ein Centralausschuß gebildet wurde, der auf die Wahlen in Westphalen einwirken sollte. Da in Münster 65 Vereine und Korporationen, sowohl konstitutionelle, als auch demokratische vertreten waren und sich über gemeinschaftliche Operationen einigten, so fürchtet wahrscheinlich die Regierung den Ausfall der nächsten Wahlen in Westphalen. Auch unterlag es Keinen Zweifel, daß dieselben ein ganz anderes Resultat liefern wurden, als die Wahlen zu der Vereinbarungsversammlung, wenn nicht durch die Verhaftung aller einflußreichen Männer das Volk wiederum den Umtrieben der Pfaffen und Beamten widerstandslos preisgegeben würde. Man fürchtet das Erwachen der Westphalen, weil sie zäher und hartnäckiger Natur sind. Da liegt der Hase begraben. Hoffen wir, daß trotz alledem die Manöver der Reaction nicht gelingen werden.
Wem aber jetzt die Augen noch nicht aufgehen über die Zwecke des Ministeriums Brandenburg-Manteufel und über die liberalen Phrasen und das Verfassungs-Blendwerk, dem werden sie wohl für immer geschlossen bleiben.
Nachschrift. Die Verhaftung Löhers zu Paderborn veranlaßte drohende Volksdemonstrationen und selbst Barrikadenbau. Auf Ersuchen des Instruktionsrichters erschien Löher, beruhigte das Volk und erklärte, daß er sich freiwillig stelle, worauf sich der Tumult legte. Es sind Husaren requirirt. Brandenburg-Manteuffel macht unendlich bessere Propaganda für die Demokraten als der westphälische Demokraten-Congreß es je vermocht hätte.
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@facs0914
[ 30 ] Münster, 12. Dezbr.
Münster scheint unter dem direkten Einfluß des Czaaren von Rußland und seines Freundes Manteuffel zu stehen. Alle freisinnigen Männer von einigem Einfluß werden verhaftet, unter dem Vorwande, „aufrührerische“, d. h. das Recht der aufgelös'ten Nationalversammlung gegen die Uebergriffe der Krone vertheidigende Schriften verbreitet zu haben. Es zweifelt hier Niemand daran, daß man diese Männer nur unschädlich machen und ihnen namentlich auch allen Einfluß auf die bevorstehenden Wahlen entziehen will; denn unter den Verhafteten befinden sich angesessene und begüterte Familienväter, die schon durch ihre Geschäfte an Münster gebunden sind und unter keinen Umständen sich entfernen würden, so der Justizkommissar Gierse und der Stadtverordnete Kaufmann Hartmann. Ersterer steht aber bei den Landbewohnern des Münsterlandes, die er stets gegen den übermüthigen bauernschinderischen Adel geschützt hat, und letzterer bei der arbeitenden Klasse Münsters, um die derselbe sich sehr verdient gemacht, in hohem Ansehen und hatten beide die größte Aussicht, bei den bevorstehenden Wahlen zu Deputirten gewählt zu werden, was man nunmehr hintertrieben hat. Man sagt hier ganz laut, daß hauptsächlich feige Rachsucht hoher reaktionärer Beamten die Ursache dieser unerhörten Verfolgung ist, und wie weit jene geht, erhellt daraus, daß man, ungeachtet der Justizkommissar Gierse erkrankt ist, seinem Arzte den Zutritt zu ihm verwehrt. Ob diese rachsüchtige Maßregel vom Gerichte oder nur vom Direktor der Strafanstalt, Herrn Pohlmann, einem blasirten Menschen, dessen anmaßende Eitelkeit häufig vom Justizkommissar Gierse gekränkt worden ist, ausgeht, lasse ich dahingestellt. Die Seele dieser Verfolgungen sind die Gebrüder von Olfers, der Oberlandesgerichts-Vize- und interimistische Chefpräsident, der die Absicht hat, wirklicher Chefpräsident zu werden, ein kalter Mensch ohne Herz, mit ewig lächelnder Miene, und der Stadtrath und interimistische Oberbürgermeister, der für einen gnädigen Blick von einem hohen Herrn zehn schlaflose Nächte gibt. Die Referendare Bensi und Jakobi, die sich der Haft durch die Flucht entzogen haben und steckbrieflich verfolgt werden, sollen in Kopenhagen sein; auf viele andere wird noch gefahndet. Bei einem Referendar, der auf Urlaub ist, hat man eine Haussuchung gehalten, aber nichts Verdächtiges vorgefunden. Man hofft übrigens, daß Temme, dessen Ankunft erwartet wird, und der Direktor des Kriminalsenats, dieser saubern Reactionswirthschaft ein Ende machen werden. Es ist jetzt so weit hier gekommen, daß man nicht mehr wagt, ein freies Wort zu sprechen, ja daß man selbst die russische Knute als eine Erleichterung ansehen würde. — Wir haben mit einem Worte, wenn er auch, weil nicht einmal ein Scheingrund vorliegt, nicht ausgesprochen ist, den Belagerungszustand. Ja der Belagerungszustand von Berlin ist gegen unsern Zustand noch Freiheit.
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@facs0914
[ X ] Berlin, 13. Dez.
Für den Augenblick weiß ich nichts zu sagen, als daß vorgestern nach eingetroffenen Depeschen aus Paris die ganze Nacht hindurch Ministerrath gewesen; in Folge dessen an die Verwaltungsbehörden der Provinzen Posen und Preußen Verhaltungsbefehle abgegangen sein sollen, die in Bezug auf den freundlichen Empfang der russischen Truppen gestanden haben sollen. Dieses Gerücht ist wenigstens heute hier allgemein verbreitet.
Nachdem gestern die Zeitungshalle auf's neue verboten, hat die Nationalzeitung heute ein gleiches Verbot getroffen.
Die Ausweisungen, Verhaftungen, Denunziationen dauern ununterbrochen fort, und die alte Polizeiwirthschaft ist toller, als sie es jemals gewesen. Das Militär, im Anfang als es einrückte, vor Angst und Furcht zitternd, fängt an übermüthig zu werden. Schlägereien zwischen Civil und Militär sind an der Tagesordnung. Wie ich Ihnen noch aus zuverlässiger Quelle versichern kann, beabsichtigt der Hof diesen Winter einen großartigen Pomp zu entfalten, um dadurch den Gewerbestand für sich zu gewinnen.
Seitdem wir Einsicht in die preußischen Extraordinaria erhalten, wissen wir quibus auxiliis wovon der preußische Hof seinen Pomp bezahlt.
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[ 68 ] Berlin, 13. Dezember.
Dowiats Prozeß. Erster Tag. Heute Vormittag um 2 Uhr begannen vor der ersten Abtheilung des Kriminalgerichts, aus neun Richtern bestehend — die Anklage muß demnach eine sehr schwere sein — unter Vorsitz des Kriminalgerichtsdirektors Harrossewitz, die Verhandlungen gegen Dowiat und 16 Mitangeklagte. Der Staatsanwalt Sethe wird die Anklage begründen. Der einzige Vertheidiger für alle Angeklagten ist der Referendar Meyer. Die Angeklagten werden einzeln aufgerufen. Dowiat erklärt, daß er nur Literat sei, seine Stelle als deutschkatholischer Prediger habe er längst aufgegeben. In Untersuchung habe er sich bereits zwei Mal befunden. Die eine sei eine fiskalische gewesen, auf Veranlassung des Domkapitals in Culm eingeleitete, von der er aber, in Folge des geltend gemachten Beweises der Wahrheit, freigesprochen; die zweite Untersuchung war, auf Denunziation des östreichischen Gesandten, von der Danziger Regierung, wegen einer von ihm in Süddeutschland angezettelt sein sollenden Konspiration, eingeleitet aber wieder niedergeschlagen worden.
Vor Verlesung der Anklage-Akte erhebt der Vertheidiger einen Präjudizialeinwand, da nach § 95 der Verfassung alle politischen Vergehen von Geschwornengerichten abgeurtheilt werden sollen. Der Vorsitzende erklärt jedoch, daß der Gerichtshof sich gestern dahin entschieden, daß er bis zur erfolgten Einsetzung der Geschwornengerichte seine Funktionen fortzusetzen habe. Der Vertheidiger bemerkt hierauf, daß er seinen Einwand bei der Schluß-Vertheidigung dennoch geltend zu machen suchen werde. Hierauf wird der allgemeine Theil der Anklage-Akte verlesen. In Folge der am 20. Aug. in Charlottenburg vorgefallenen Exzesse gegen den dortigen demokratischen Klub war hier eine große Aufregung entstanden, welche durch ein Plakat des demokratischen Klubs vom 21. Aug. noch mehr genährt wurde. Zum 21. Abends 7 Uhr war eine Volksversammlung vor dem Opernhause angesetzt. (Die Anklage-Akte behauptet, daß dies vom demokratischen Kongreß geschehen sei, dem wird aber von den später vernommenen Zeugen widersprochen). Von der Treppe des Opernhauses herab sprachen mehrere Redner. Der Angeklagte Dowiat habe dem Volke zugerufen: „Die Bourgeoisie ist an Allem schuld und außerdem noch das aus Krämern zusammengesetzte Ministerium. Wir müssen daher das Ministerium stürzen.“ Hierauf sei das versammelte Volk vor das Ministerium des Innern gezogen. Das Thor wurde vom Volke mit Gewalt gesprengt, da der Minister Kühlwetter aber nicht anwesend war, zog man vor das Palais des Ministerpräsidenten in der Wilhelmstraße. Eine Deputation, bestehend aus Dowiat, Edgar Bauer und Andern, begab sich zu den Ministern und verlangte von ihnen Freilassung der politischen Gefangenen, Entlassung der Schutzmänner und strenge Untersuchung der Charlottenburger Ereignisse. Währenddessen erschienen eine Abtheilung Schutzmänner, welche (die Anklage-Akte sagt, nach geschehener mündlicher Aufforderung zum Räumung des Platzes, wovon aber die Zeugen nichts gehört haben wollen) mit blanker Waffe auf die Rampe vor dem Ministerhotel stürzten. In Folge dessen warf man die Schutzmänner mit Steinen, wodurch viele verwundet wurden, warf sämmtliche Fenster ein und brach die eisernen Gitter der Rampe und der Einfassung unter den Linden ab. Auch wurde der Anfang zum Bau einer Barrikade gemacht.
Dowiat hielt hierauf eine Rede, worin er den Richtern seinen Standpunkt klar darlegte, auch beinahe alle Anschuldigungen der Anklage-Akte zugestand.
Hierauf werden eine Menge Zeugen vernommen. Unter den Vorgeladenen befinden sich: der Regierungsrath v. Hasenkamp, die Kriminalaktuarien Stein und Thiele, Dr. Stieber und viele andere Beamte. Auch viele Schutzmänner sind unter den Zeugen. Die Zeugenverhöre werden morgen und übermorgen fortgesetzt werden.
Aus glaubwürdiger Quelle wird uns mitgetheilt, daß am Tage der Veröffentlichung der Verfassung, französische und englische Uebersetzungen derselben nebst raisonnirenden Artikeln von Seiten unserer Machthaber nach Paris und London an die dortigen reaktionären Blätter, wie Journal des Debats, Morning Chronicle etc. zur Aufnahme gesandt wurden. Der Staatsanzeiger hat nun das angenehme Geschäft, diese Reklamen der Pariser und Londoner Zeitungen ins Deutsche zurück zu übersetzen und täglich abzudrucken. Eine hohe Person legt auf die Artikel der englischen Zeitungen über unsere Verhältnisse einen besonders hohen Werth.
Nach den unausgesetzten Verfolgungen, welchen unser „Kladderadatsch“ vom General Wrangel ausgesetzt war, kam es gestern um so überraschender, als derselbe, ohne jede weitere Veranlassung, gestern dem Verleger dieses Witzblattes anzeigen ließ, daß dem Erscheinen desselben während des Belagerungszustandes nichts mehr im Wege stehe. In Folge dessen ist schon heute eine neue Nummer erschienen. Auch die „Locomotive“ und der „Publizist“ sind wieder erlaubt.
Held's Weihnachtsstube ist gestern Abend, ebenfalls mit Erlaubniß Wrangels, dem zahlreich zuströmenden Publikum geöffnet worden.
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[ * ] Berlin, 13. Dezember.
In einer der letzten Nummern der vom Hrn. Wrangel abermals unterdrückten „Zeitungshalle“ lesen wir Nachstehendes:
Einige Worte eines Ausländers, der für deutsche Freiheit zweimal sein Blut vergossen hat und jetzt nach einer preußischen Festung abgeführt wird.
Wenn Ihr Arbeiter, Freunde, die Ihr mit mir in der Königstadt an den Barrikaden für Eure Freiheit gekämpft und mein Blut habt fließen sehen, wenn Ihr Kammeraden, die Ihr mit mir in Schleswig-Holstein gefochten habt, diese Zeilen leset, so habe ich bereits den Berliner Kerker mit den Kasematten zu Magdeburg vertauscht und werde vielleicht von einem Schwarz-Weißen verhöhnt.
Beklagt mich nicht, mein Loos ist das der freien Männer. Nicht die Qualen des Kerkers werden meine Gesinnung und die Liebe zu Euch ändern. Ich werde getrost in meinem Kerker verharren; vielleicht dringt bald der Schall der großen Posaune zum letzten glorreichsten Kampf für die wahre Freiheit durch meine Mauern, vielleicht springen meine Riegel vor [0915] der Zeit; dann eile ich zu Euch und stelle mich in die ersten Reihen der Kämpfer und helfe Euch den einfarbigen Banner der goldenen Freiheit aufpflanzen.
Lebt wohl deutsche Brüder und denkt an den 18. März.
F. Feenburg, Studiosus.
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[ 14 ] Darmstadt, 11. Dez.
Die Centralgewalt schießt nicht allein Böcke in Frankfurt, sie schießt auch Schweine und Schnepfen in unserer nächsten Umgebung. Der Mann, den die Tyroler Hans nennen, besucht sehr häufig unsern Großherzog; in seinem Gefolge sieht man Bediente in schwarz-gelber Livree. Was die häufigen Besuche am hiesigen Hofe betrifft, so bringt man diese hier mit den in neuester Zeit so vielfach auftauchenden Gerüchten von süddeutschen, antipreußischen Intriguen in Verbindung, welche bald ein permanentes, aus Oestreich, Preußen und Baiern (denn Baiern ist die Seele dieses Getriebes) bestehendes Direktorium, bald die fortdauernde Reichsverweserschaft des österreichischen Erzherzogs, bald nichts Geringeres als eine neue Auflage des alten Rheinbundes zum Zwecke haben sollen.
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[ 34 ] Darmstadt, 12. Dez.
Die Demokratisirung unseres Militärs macht gute Fortschritte, bei der Wühlerei unseres Ministeriums ist das aber auch kaum anders möglich. Längst hat man die Soldaten unzufrieden gemacht durch Verweigerung der Kriegszulage für die badischen Feldzüge — nur die Tapferkeit der Offiziere fand die gebührende Anerkennung — durch ungleiche Einquartirung, durch das viele Herumjagen im Dienste der Reichspolizeigewalt, wodurch besonders die Unteroffiziere die oft sehr bedeutenden Nebenverdienste in ihrem Garnisonorte verlieren, und endlich durch ihre Verwendung als Polizeibüttel gegen Leute, die sich keines andern Verbrechens schuldig gemacht haben, als daß sie mit den Ansichten der Regierung nicht einverstanden sind. Der Kriegsminister, Graf Lehrbach, hatte aber doch immer noch eine gewisse Popularität bei ihnen behalten, seine Zustimmung zu einem Antrage des „vaterländischen Vereins“ in Bezug auf das preußische Militär und der dadurch veranlaßte Streit mit dem Chef der Kamarilla hatten ihm sogar ein Ständchen des verrufenen 2. Regiments eingetragen; er beeilt sich, sich dieser Popularität zu entkleiden. In der heutigen Sitzung der 2. Kammer verlangte der Auditeur Hoffmann „im Namen des Kriegsministeriums die Ermächtigung, auch in Friedenszeiten für die hessischen Truppen das Standrecht eintreten lassen zu können. Jeder Anführer einer Abtheilung soll nach dieser Vorlage das Recht haben, das Standrecht auf vier Wochen zu proklamiren, und nach Ablauf dieser Frist zu verlängern! d. h. also in infinitum zu proklamiren. Als Gründe für die ungeheuerlichen Maßregeln werden die Vorfälle vom 26. Nov. — einige Katzenmusiken und Ständchen, ein Sturm auf die inzwischen verschlossene Kaserne und die Befreiung eines Gefangenen: Akteure die Soldaten des 2. Regiments — und „die verbrecherischen Bestrebungen einer wühlerischen Partei“ angeführt.
Das Militär ist unser einziges konzentrirtes Proletariat, seine Demokratisirung daher für uns von noch größerer Wichtigkeit als bei Ihnen.
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Mainz, 12. Dezember.
Die gestrige elfte Sitzung des rheinhessischen Bezirksraths ließ in hohem Grade die Wichtigkeit dieses neuen Instituts erscheinen. Schon in einer der ersten Sitzungen hatte ein Mitglied des Bezirksraths, Dr. Wittmann, den Antrag auf „Entfernung des jetzigen Dirigenten der rhein-hessischen Regierungs-Kommission, Freiherrn von Dalwigk, von seiner Stelle, da er das Vertrauen der Provinz nicht besitze“, gestellt, und dieser Antrag wurde gestern vor einem zahlreichen Publikum, das sich auf dem engen Zuhörer-Raum zusammen gedrängt hatte, verhandelt und einstimmig angenommen. Obgleich der Präsident, Dr. Zitz, mehrmals die Zuhörer zur Ruhe ermahnt und ihnen jede laute Beifallsbezeugung verwiesen hatte, so war das Resultat der Abstimmung doch Allen so aus der Seele gesprochen, daß ein stürmischer Zuruf erfolgt.
[(Fr. J.)]
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[ * ] Eßlingen.
Adresse an einen Reichstagsabgeordneten.
Der vaterländische Verein von Eßlingen erließ folgende Adresse an den Reichstags-Abgeordneten Wurm: „Verehrter Herr! Die Zeit ist gekommen, wo es die Pflicht des Volkes wird, seine Stimme wiederum zu erheben, um denen gegenüber, welche seine Angelegenheiten ordnen und leiten, seinen Willen freimüthig und entschieden in Erinnerung zu bringen, damit nach diesem und keinem andern Willen gehandelt werde. Eingedenk dieser Pflicht geben wir Ihnen, unserm Vertreter, ein Zeugniß von der Stimmung und Ansicht, die in unserm Kreise herrscht. Wir halten uns dadei nach bestem Wissen von jeder Uebertreibung und Einseitigkeit frei. Dies vorausgeschickt, müssen wir Ihnen erklären, daß nicht nur in unserem kleinen Vereine, sondern in der ganzen Gegend, die wir zu überschauen vermögen, eine tiefgehende Mißstimmung gegen die Nationalversammlung verbreitet ist, die über kurz oder lang zum Uebel führen wird. Wir haben seiner Zeit — Sie selbst sind Zeuge — die Nationalversammlung mit ehrlichem Vertrauen begrüßt. Ihr Beginn war uns der Aufgang eines neuen segenbringenden Gestirns und unsere Augen hingen glaubensvoll an seinem Gange. Aber wir sagen es mit Schmerz, es wird Nacht vor unsern Augen und wir fragen uns, ob das ein Blendwerk war, was ein Gestirn schien? Es ist ein böser Thau über unsere Saaten gegangen und die treuesten Freunde des Vaterlandes senken ihr Haupt.
Die Nationalversammlung hat die Aufgabe, den Grund einer wahrhaften Einheit im Vaterlande zu legen und dem Volke die Einrichtungen und Sicherungsmittel einer würdigen Freiheit zu geben. Wir waren Mann für Mann bereit, für diesen Zweck die schwersten Opfer zu bringen. Wir nehmen Sie selbst zum Zeugen dieser Stimmung und erinnern Sie darin, daß unser Land bis jetzt jeder Reichspflicht vollkommen und ohne Widerrede nachgekommen ist. Betrachten wir aber den Gang, den die Nationalversammlung genommen hat, so müssen wir es aussprechen: Es fehlt ihr an innerer Kraft, ihre Aufgabe zu erfüllen. Wir haben keine Hoffnung, daß sie die deutsche Einheit und die deutsche Freiheit schaffen werde, wenn sie auf dem betretenen Wege bleibt. Wir sind der Ansicht, daß durch diese Versammlung Unwiderbringliches versäumt und Unverantwortliches gethan ist.
Sagen Sie nicht, wir hätten überspannte Erwartungen gehegt. Wir erwarteten das, was auch Sie sich versprachen, als Sie hier zu uns redeten. Sagen Sie uns nicht, wir seien zu ungeduldig und wollten schon jetzt, was die Zukunft erst bringe. Die Ungeduld ist auch bei uns ausgebrochen und die Gefängnisse unseres Staates sind überfüllt mit solchen Ungeduldigen. Wir haben Andere gezügelt und haben selbst Maaß gehalten. Sprechen Sie uns nicht von den Schwierigkeiten, die sich der Nationalversammlung in den Weg stellen. Wir waren auf dieselben vorbereitet. Sie selbst und andere Männer unter uns haben es stets für ihre Pflicht gehalten, auf dieselben aufmerksam zu machen. Wir glauben, daß deren täglich neue entstehen, weil es der Versammlung an Entschiedenheit fehlt, sie tüchtig anzufassen. Hätte dieselbe sich muthig an den Volksgeist angeschlossen, sie hätte wie jener Titan aus der Berührung seiner Mutter, der Erde, immer neue Kräfte zur Besiegung aller Schwierigleiten geschöpft. Trösten Sie uns nicht mit dem Verfassungswerke, das seiner Vollendung mehr und mehr entgegen gehe. Wir fürchten, von dieser Versammlung werde den Deutschen keine lebensfähige Form der Einheit gegeben werden. Wenn endlich diese Verfassung fertig sein wird, wird sie vielleicht keine Parthei mehr annehmen und gebrauchen wollen Und selbst wenn trotz aller Verkümmerungen noch eine gute Verfassung zu Stande kommt, so wird bis dahin unter den Augen der Nationalversammlung die Macht der Fürsten wieder so erstarkt sein, daß die Verfassung nicht zur segensreichen Uebung kommen wird. Ein großer Theil der Deutschen hat zu lange unter Verfassungen gelebt, die nicht gehalten wurden, als daß er das nicht fürchten müßte. Als die Nationalversammlung an die Spitze der provisorischen Centralgewalt einen unverantwortlichen Fürsten setzte, da begann der Zweifel, ob diese Versammlung ihrer Aufgabe gewachsen sei. Viele Herzen wandten sich schon damals von ihr entschieden ab. Wir getrösteten uns, weil damit endlich ein sichtbarer und thatsächlicher Beginn der Einheit gemacht war. Seitdem erfolgte eine Anzahl Beschlüsse, welche mehr und mehr in das System des alten Bundestags einlenkten. Das Mißtrauen wuchs. Die Genehmigung des Vertrages von Malmö brachte die Versammlung mit dem Volke in entschiedenen Widerspruch. Das junge Ehrgefühl der neu belebten Nation ward verletzt, und die Versammlung verlor die Sympathie des Volkes, wir fürchten für immer. Es erfolgte die Erhebung des Volkes von Wien, um ein Netz zu zerreißen, das eine freiheitsfeindliche, undeutsche Aristokratie mit der Camarilla gesponnen hatte, um einen Volksstamm durch den andern zu unterjochen. Es war viele Unklarheit in dieser Bewegung und unreine Elemente mischten sich ein. Aber doch war es ein richtiger Instinkt, der die Massen zur Erhebung leitete. Es gab keine lohnendere Aufgabe für die Centralgewalt, als in dieses Chaos ein klares und reines deutsches Element zu bringen. Den natürlichen Anknüpfungspunkt bot der österreichische Reichstag. Ein Mann wie geschaffen zum Erlöser aus allen diesen Wirren steht an der Spitze der Centralgewalt. Eine Gelegenheit, wie sie so bald nicht wiederkehren wird, war vorhanden, Oesterreich zu retten und dadurch an Deutschland zu bringen. Dazu bedurfte es Energie. Davon aber sahen wir das Gegentheil: Eine verunglückte Sendung von Reichskommissären mit einer dürftigen Instruktion und halbe verspätete Maßregeln der Nationalversammlung. Oesterreich ist dadurch auf lange für Deutschland verloren. Oesterreich, ein deutsches Land, verlor nicht allein seine Freiheit, auch seine Civilisation ist barbarisch geschändet. Selbst die Gräuel von Wien, selbst die schauderhafte That, welche an einem Volksvertreter durch soldatische Willkür verübt worden ist, vermögen die Nationalversammlung nicht von dem Abgrund zurückzureißen, dem sie sich auf dem betretenen Pfade naht.
Sie sollte der Ausdruck werden der ganzen Macht des verjüngten Deutschlands, und sie ward der Ausdruck der ganzen Unmacht Deutschlands, wie es war vor dem März dieses Jahres. Im mächtigen Staate Deutschland, in Preußen, beginnt auf das Zeichen vom Falle Wiens die Contre-Revolution Mit unerhörter Frechheit tritt die Reaktion alle Freiheiten des Landes, Ordnung und Gesetz vor sich nieder und schwingt den Säbel der Willkür über der Hauptstadt, weil deren Pöbel einzelnen Mißbrauch mit der neuen Freiheit getrieben. Die Vertreter des preußischen Volks ermannen sich und thun ihre Schuldigkeit mit einer Würde, welche ganz Deutschland mit Bewunderung erfüllt. Von der Brutalität auf jede Weise gekränkt, von der rohen Gewalt aufs Aeußerste getrieben, greifen sie zum Letzten, was das Recht den Vertretern eines Volkes in allen freien Ländern erlaubt, sie verweigern den hochverrätherischen Ministern die Steuer. Zum erstenmale hat die Nationalversammlung Gelegenheit, das abgesonderte und auf seines Staates Bestand eifersüchtige Volk in Preußen das Bestehen einer höheren Reichsgewalt fühlen zu lassen und durch die Beschutzung seiner Freiheit und seiner Vertreter für immer mit dieser neuen Gewalt zu versöhnen und mit Deutschland zu verbinden. Das Recht und die Staatsklugheit fordern gleich dringend eine Entscheidung zu Gunsten des preußischen Volkes. Die Nationalversammlung faßt den einseitigen und ungerechten Beschluß, wodurch die Steuerverweigerung der preußischen Volksvertreter für null und nichtig erklärt wird, ohne daß sie Gleiches ausspricht über die Willkürlichkeiten, welche von Seiten der Krone verübt sind. Könnte Preußen je für Deutschland verloren gehen, so wäre nun auch dieses dahin. Diese Nichtigkeits-Erklärung fühlen wir im Süden so tief, als unsere Brüder in Preußen, wenn sie uns auch nicht unmittelbar trifft. Die Steuerverweigerung ist bei uns keine Märzerrungenschaft, sie ist ein altes Recht unserer Verfassung. In den trübsten Zeiten, die hinter uns liegen, betrachtete sie bei uns das Volk stets als seinen letzten Hort, als das Kleinod seiner Rechte. Und nun ist auch dieses heilige Nothrecht der Völker durch die Nationalversammlung umgestürzt, durch dieselbe Versammlung, die bestimmt war, uns neue, lange vorenthaltene Freiheiten zu gewähren. Was sollen wir von dieser Versammlung noch erwarten? Verehrter Herr! Was wir Ihnen hier gesagt, es ist der treue Ausdruck der hier und allenthalben in unserem Lande ausgesprochenen Gesinnung. Wir konnen es nicht so gut wie Sie ermitteln, wie weit diese Stimmung in Deutschland verbreitet ist, aber das wissen Sie von uns, daß es uns aufrichtig und redlich um das Wohl des Vaterlandes zu thun ist, und daß u[unleserlicher Text]er Ihren Wählern gemäßigte Ansichten und Bestrebungen stets die vorber[unleserlicher Text]schenden waren. Auch von Ihnen sind wir überzeugt, daß Sie bei Ihrem Verhalten in der Nationalversammlung stets das Wohl des Vaterlandes im Auge haben und ihm dadurch zu dienen meinen. Daher versuchen wir es uns mit Ihnen zu verständigen. Eine Hauptursache, weshalb die Nationalversammlung in ihre jetzige beklagenswerthe Richtung gekommen ist, scheint uns, daß ein großer Theil ihrer Mitglieder auf die gegebenen Schwierigkeiten und auf etwaige dem neu zu schaffenden Gebäude drohende Gefahren zu große Rücksicht genommen und sich dadurch die klare Offenheit der Anschauung und den kecken Muth des Schaffens hat rauben lassen.
Es sind ihrer zu viele in der Nationalversammlung, welche sich einbilden Staatsmänner sein zu müssen, während sie eitle Pfuscher in der Staatskunst sind, engbrüstige Stubengelehrte, die den frischen Athem der Revolution nicht ertragen können. Die Versammlung aber folgt zu viel den Rathschlägen solcher Stimmen. Das Ministerium, welches den Reichsverweser umgiebt, ist wesentlich noch dasselbe, welches sich mit dem Vertrage von Malmö identifizirte. Dieses Ministerium, hat alles Vertrauen im Volke verloren und das Gefühl der Nation mehr als einmal verletzt. Wir halten es daher für einen großen Fehler, wenn aus Klugheitsgründen und Rücksichten ein solches Ministerium gestützt und getragen wird. So lange es an der Spitze der Centralgewalt steht, ist kein Heil für Deutschland zu hoffen, dies ist unsere feste Ueberzeugung. Es ist einer großen Nation nicht würdig, ihre Angelegenheiten in den Händen eines Mannes zu sehen, der mit einem Alltagsspruche über den Mord eines Volksvertreters wegschlüpft. Wir bitten Sie, verwenden Sie Ihren Einfluß bei Ihren Freunden dahin, daß dem Ministerium Schmerling jede parlamentarische Unterstützung entzogen werde. Uebergeben Sie der Auflösung, was des eigenen zeugenden Lebens nicht fähig und des Erhaltens nicht werth ist. Dies soll dem Volke ein Pfand sein, daß die Versammlung seiner Vertreter sich zum Besseren wende. Wir haben es in Berlin erlebt, daß eine große Versammlung sich mit einem Male aufraffen und sich weit über ihre bisherigen Leistungen erheben kann. Tragen Sie dazu bei, daß die Nationalversammlung in ein solches neues Stadium trete und mit Muth und Entschlossenheit ihre Versäumnisse einbringe, ehe auch ihr die Weltgeschichte ein „zu spät“ entgegenhält. Auf der vereinigten linken Seite der Nationalversammlung beruht jetzt allein unser Vertrauen und unsere Hoffnung. Sie ist allein der Anker, der die Versammlung noch mit dem festen Volksboden verkettet. Bricht auch dieser Halt, wird die Linke gezwungen, hoffnungslos das Parlament aufzugeben und vereint die Versammlung zu verlassen, alsdann ist das Zeichen gegeben zum zweiten Akte der deutschen Revolution. Wir haben zu Ihnen gesprochen, so lange es noch Zeit war. Alsdann werden wir wie Männer zu handeln wissen. Verehrtester Herr! Es ist die Stimme von Freunden, die Sie hier vernommen haben. Schließen Sie sich an das Volk an, aus dem Sie hervorgegangen sind. Es wird seine Freunde ehren. Dienen Sie der Freiheit, Sie werden Ihren Lohn in sich selbst finden. Wir hoffen, daß es von diesen unsern herzlichen Worten nicht heißen möge. daß wir die Luft erschüttert, weiter nichts gewonnen haben.
Mit deutschem Gruß.
Belgien.
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[ X ] Lüttich, 14. December.
Im Anfange dieses Monats hat sich hier ein demokratisch-sozialer Verein gebildet, der zu großen Hoffnungen berechtigt. Der Kern der Gesellschaft besteht, wie in diesem Lande der Bourgeois nicht anders zu erwarten, aus Arbeitern. Die erste Sitzung war sehr interessant. Der Präsident eröffnete dieselbe mit einer Rede, in der er die Republik als die erste Bedingung zu jedem sozialen Fortschritt schilderte und sodann das angeborne Recht des Menschen auf Arbeit nachwies. Ein Mitglied sprach hierauf über die fraternité und bewies in einer glänzenden Rede, daß die soziale Republik das einzige Mittel sei, um Belgien aus der kritischsten Lage, in der sich jemals ein Land befunden, zu retten. Ein anderes Mitglied gab ein herzzerreißendes Gemälde von dem Elende in Belgien, namentlich in Flandern und prieß gleichfalls die soziale Republik als einziges Abhülfemittel. Endlich sprach noch ein Mitglied sehr bündig über das Recht zu leben, das Recht auf Arbeit und das Recht, als ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft behandelt zu werden. „Es steht nicht in der freien Wahl des Menschen — sprach er — geboren oder nicht geboren zu werden; seine Geburt begreift das Recht zu leben in sich. Zu dem Alter gelangt, wo er Gebrauch von seinen Kräften machen kann, hat der Arme kein anderes Hülfsmittel, als seine Arme; sein Eigenthum ist seine Arbeit; darf man dem Reichen sein Eigenthum nicht nehmen, wie darf man's dem Armen? Das Recht auf Arbeit entspringt aus der Nothwendigkeit, zu existiren, ein Jeder in seiner Sphäre und nach seinen Mitteln. Dieses Recht nicht anerkennen wollen, ist um so ungerechter, als die Arbeit des Arbeiters die Quelle des Reichthums der Eigenthümer und der Fabrikherrn ist. Diesen Zustand der Dinge verewigen wollen, heißt, für die Arbeiter nur Arbeit ohne Lohn, und für die Reichen nur Lohn ohne Arbeit wollen. Arbeiter, vereinigt euch!“
Die Sitzungen dieser Gesellschaft finden jeden Montag in dem Gesellschaftslokal, rue Peronstréé Nr. 83 statt.
Französische Republik.
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[ 12 ] Paris, 12. Decbr.
Louis Napoleon wird Präsident; das ist die allgemeine Stimmung in Paris, und die Wahlen, soweit sie aus einzelnen Ortschaften und Abschätzungen bekannt sind, bestätigen vollkommen dieses Resultat. In gewissen Distrikten des Somme-Departements hat Louis Napoleon fast alle Stimmen; das 18. Regiment in Versailles hat bis auf wenige Mann ganz für ihn gestimmt, und selbst in Paris läßt er an Stimmenzahl Cavaignac weit hinter sich. Gervais, der Polizeipräfekt will allein an dieses Resultat nicht glauben und läßt der Börse ein Bülletin zugehen, worin er von den ungeheuren Chancen seines Freundes und Gönners Cavaignac spricht. Aber die Börse hat in diesen Dingen einen weit richtigern Takt als der ehemalige Arzt und jetzige Polizeipräfekt, sie weigerte sich, das Bulletin an der Börsenhalle anheften zu lassen, weil sie selbst schon die Gewißheit hat von der bevorstehenden Wahl Napoleon's zum Präsidenten. Die Bauern ziehen mit Fahnen und Trommeln in ihren betreffenden Canton und stimmen alle wie ein Mann für den Mann, der ihnen die Steuerlast abnehmen will. Die Soldaten, in der Alternative wo sie gestellt sind, zwischen Cavaignac und Louis Napoleon zu stimmen, geben allgemein Letzterem den Vorzug. Auf einem ungeheuren Karren, mit riesenhaften Ballen beladen, witterte das Volk Stimmzettel für Cavaignac. Auf der Stelle warf die immerwachsende Volksmenge die Ballen vom Karren, öffnete sie, und in einem Nu waren die Boulevards mit diesen Papierschnitzeln wahrhaft beschneit: mit einem Schwefelhölzchen steckte ein Junge diese zündbaren Cavaignac's an; das Feuer theilte sich mit Blitzesschnelle der ganzen Papiermasse mit, und mit Jauchzen sah die umstehende Menge den Cavaignae auf diesem ungeheuren Scheiterhaufen verbrennen. Die Dynastie des Nationals sieht ihren Untergang vor Augen. Der Hohn folgt ihrem Falle; denn schon wird Cavaignac als der Einzige bezeichnet, den Louis Napoleon füglicher Weise zu seinem Vizepräsidenten erwählen könnte. Die Bestürzung im Lager des Nationals ist groß. Cavaignac, der so viel für Frankreich und noch mehr für die honnette Republik gethan hat, muß das Feld räumen vor einem Neulinge.
In den Kasematten und Pontons der Marine schmachten 10,000 Republikaner, Arbeiter, Proletarier. Diese 10,000 Proletarier wurzeln ein in die Familien von wenigstens 100,000 andern Proletariern und diese Familien der 100,000 andern Proletarier sind von Wuth entbrannt gegen die Republik die sie gegründet! Für diese handelt es sich zunächst um einen Umsturz, um den Sturz der ehrlichen Bourgeois-Republik, um den Sturz von Cavaignac, Marrast u. Consorten, die, nachdem sie das Proletariat niedergeschmettert und die Männer, welche es vertraten, wie Louis Blanc, Barbés und Raspail verbannt oder verhaftet hatten, nun sich einzuwurzeln suchten in die Rothschild's und Consorten. Der Sturz dieser Republik ist nahe. Die Schlange reckt sich. Die Schlange Napoleon's ist die Riesenschlange, welche ihren Leib über ganz Frankreich ausdehnt, und die nun die Cavaignac'sche in ihren unendlichen Krümmungen umstrickt hält. Napoleon ist nicht das Kaiserthum, sondern es ist zunächst die Vernichtung der königlichen Reste und königlichen Pratendenten, es ist die Rache, welche sich jetzt erst vollstreckt an den Bourbons und Orleans. Louis Napoleon ist nicht das Kaiserthum, sondern es ist die Vernichtung der „honnetten Republik,“ welche die ganze Nation in die Gränzen des Nationals umstricken wollte. Louis Napoleon ist nicht das Kaiserthum; sondern es ist die Vernichtung des Kaiserthums; denn schon regt und wegt sich der lange Schweif: schon zuckt er in furchtbaren Schwingungen bis zu den äußersten Gränzen des ganzen Frankreich's. Die Franzosen sind wieder die alten Franzosen geworden, sie hüpfen, tanzen und springen, aber nicht um den Kaiser; sondern in dem Vorgefühle, in der Luft, aus dem engen Raume herauszutreten, und niederzustürzen alle die feigen Berechnungen bürgerlicher Klugheit und Staatsweisheit. Napoleon, der Name Napoleon, an dessen Deutung sich alle Köpfe zerbrachen, Napoleon der vielgedeutete und niebegriffene, ist nicht das Kaiserthum. Napoleon ist die Vernichtung des Kaiserthums, Napoleon ist die Vernichtung Napoleons, die Vernichtung seiner selbst. Napoleon ist die rothe Republik, die ihren Anfang nimmt in den Pontons der Marine und den verzweifelten Arbeitern, um sich fortzusetzen mit dem abgelösten Schweife der napoleonischen Riesenschlange.
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[ 19 ] Paris, 13. Dez.
Gestern Abend zwischen 7 und 8 Uhr begannen auf den Boulevards St. Denis, St. Martin und St. Antoine wieder dieselben Attroupements wie an den vorigen Abenden. Im Faubourg St. Antoine zog ein Trupp mit einer rothen Fahne, unter dem Geschrei: Vive la Republique rouge! durch die Straßen. Um 8 Uhr waren die Boulevards von der Porte St. Denis bis zum Bastillenplatz mit Volksmassen bedeckt, welche die Losungsworte: „Droit au travail! Du pain ou du plomb! ausstießen. Zwei Puppen, die eine Louis-Napoleon, die andere Cavaignac vorstellend, wurden im Triumph herumgetragen und dann im Faubourg verbrannt. Später zog ein Trupp von mehreren Hundert Gamins nach dem Vendome-Platz, wo das Hotel des Prinzen ist, und in die aristocratischen Faubourgs St. Germain und St. Honoré, wobei sie nach der Melodie der „Lampions“
Cavaignac
S'en ira,
Cavaignac
Ou l' pendra.
Auf dem Vendome-Platz, unter der Säule des Kaisers, fand eine kolossale Prügelei zwischen den Freunden des Londoner Constablers und den republikanischen Polizisten, den „Tyroliens“ statt, wie sie das Volk nach ihren spitzen Freischäler-Hüten nennt. Auch in den Gallerien des Palais-Royal zeigten sich starke, drohende Gruppen; Patrouillen von Mobilen wurden zu ihrer Vertreibung beordert und die Bourgeois schlossen ihre Läden. Sämmtliche Clubs waren geschlossen.
Ueber die Stimmung der Mobilen giebt folgender Brief Aufschluß, den ein Sergeant des 15. Bataillons derselben an die Redaktion des „Peuple“ richtet. „Bürger Redakteur! Nach einem Kampf, den wir nicht provozirt haben, sind wir ein Gegenstand des Hasses der Parteien geworden, die sich gegen uns schlugen. Wir glaubten unsere Pflicht zu thun, wenn wir die Republik vertheidigten, für welche wir im Februar die Barrikaden errichtet hatten. Wir werden sie auch ferner mit derselben Energie vertheidigen, wenn Ränkemacher und Trabanten der Könige es wagen sollten, einen Thron wieder aufzurichten, den wir unter den Ruf: „Es lebe die Republik!“ verbrannt haben. Konnten wir im Juni anders handeln, da man uns versicherte, daß sich die Barrikaden nur im Ramen und durch das Geld der uns blutig verhaßten Prätendenten erhoben? Als freie Republikaner beklagen wir den Irrthum, der das Blut von Republikanern vergießen ließ‥‥ Mögen sich die Demokraten nicht über uns täuschen: wir sind Niemandes prätorianische Leibgarden, sondern nur die Soldaten der Zukunft, und wir werden mit Aufopferung unseres Lebens jedem monarchischen Attentat zu begegnen wissen!“
In den Wahlen scheint, wie nach dem gestern Abend bekannt gewordenen Stimmenverhältniß fast alle Morgenblätter zugestehen, Louis Napoleon die absolute Majorität über alle Concurrenten davon getragen zu haben. Der „Prinz“ soll bereits Hrn. Pagés zum Vize-Präsidenten designirt haben. Wie ein rothes Blatt dazu bemerkt, wäre dies ein Beweis von Dankbarkeit, denn Hr. Garnier-Pagés hat als Erfinder der 45 Centimen-Steuer nicht wenig dazu beigetragen, die Bauern gegen die Republik einzunehmen.
Was Hr. Ledru-Rollin und Raspail betrifft, so haben sich die Stimmen wider Erwarten getheilt; am ersten Tage der Wahl [0916] hatten mehrere Sectionen noch in dem Verhältniß von 100 gegen 30 für Raspail gestimmt: die gestrigen Vota geben das Verhältniß von 18 zu 10 für Ledru-Rollin. Morgen die amtliche Zählung.
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[ 12 ] Paris, 13. Decbr.
Girardin triumphirt: „Louis Napoleon springt aus allen Urnen wie die Flamme eines Lauffeuers‥‥ Louis Napoleon, wir haben die mathematische Gewißheit, wird der Auserlesene der Demokratie:“ Und Girardin? Was wird Girardin werden, der Todfeind des Nationals, der unter Louis Philipp dem National den besten Redakteur Carrel todt schoß und unter der Herrschaft des Nationals den besten General des National's Cavaignac todtschrieb?… Girardin, der jetzt seinem Hasse gegen die gestürzte Dynastie freien Lauf lassen kann, was wird Girardin unter Napoleon werden? Girardin triumphirt und aus seinem Jubel leuchtet nur ein Gedanke hervor: Frankreich hat Cavaignac gestürzt, um Girardin zu rächen!
In allen Listen, die bisheran bekannt geworden, ist Lamartine immer der Letzte: Lamartine, der während den ersten Elektionen zur Repräsentanten-Kammer, die Stimmen und Sympathien von fast ganz Frankreich für sich hatte, wird von allen Parteien gleichzeitig ausgestoßen: die einzelnen Stimmen, die sich für ihn noch aussprechen, sind die verlornen Flötenstimmen einiger verschollenen Poeten und Litteraten. Selbst die wohlmeinende philantropische Bourgeoisie hat den Soldaten Cavaignac dem Poeten Lamartine vorgezogen. Mit den Stimmen der Demokraten hat es ein anderes Bewandniß: zwischen Raspail und Ledru-Rollin getheilt, theilen alle gemeinsam den Haß gegen Cavaignac, gegen die Dynastie des Nationals und empfinden alle gleich schmerzlich die Niederlage im Juni.
Louis Napoleon vereinigte die meisten Chancen mit Hülfe der Bauern, die 2/3 der Bevölkerung ausmachen, an's Ruder zu gelangen. Ledru-Rollin als Mitglied der prov.-Regierung hatte es mit den Bauern durch die 45 Centimen Steuer und mit einem Theile der Demokraten durch seine lauen Maßregeln verdorben. Raspail war hauptsächlich nur dem Pariser und Lyoner Proletariat bekannt: Louis Napoleon, wie gesagt hatte die meisten Chancen, und jeder Wechsel, jede Bewegung war dem gekränkten Proletariat willkommen, um den arabischen Zuständen ein Ende zu machen.
Die dem Raspail zugefallenen Stimmen sind daher keineswegs maßgebend für die Stärke des Proletariats, so wenig als die dem Napoleon zugekommenen Stimmen den Maßstab abgeben können für die Stärke der königlichen oder kaiserlichen Gesinnungen in Frankreich. Ein großer Theil der Stimmen für Napoleon kommt der demokratischen Partei zu Gute. Dies geht offenbar aus der Art und Weise der Abstimmung in sehr vielen Departements hervor, die anerkannter Weise ganz für Ledru-Rollin sind, und in denen dessenungeachtet Ledrü-Rollin keine einzige Stimme erhalten hat, weil eben die Frage gestellt war zwischen Cavaignac und Louis Napoleon, d. h. zwischen dem Tode oder dem Leben Cavaignac's.
In Paris, wo Raspail bisheran eine große Anzahl von Stimmen erhalten hat, weiß man, daß die Anhänger Raspails für ihn gestimmt haben, nicht um ihn als Präsidenten zu haben, sondern um durch die ihm gegebenen Stimmen gegen jede Präsidentschaft zu protestiren. So weiß man ferner, daß die Anhänger Cabets, deren Anzahl eben nicht unbedeutend ist, halb für Raspail, halb für Louis Napoleon stimmten. Unter den verlorenen Stimmen heben wir hervor: 3 oder 4, die Abd-el-Kader zum Präsidenten erwählen. Araber für Araber, Abd-el-Kader oder Cavaignac? Eine einzige Stimme nannte Proudhon, eine andere Berenger, und wieder eine andere den Prinzen von Joinville. Das 10. Arrondissement zeichnet sich besonders durch seine Phantasieen aus.
Als der Londoner Napoleon an Frankreich anklopfte, es war, glaub' ich im Mai, sagten wir gleich: die Demokraten werden ihm die Thüre öffnen, nicht aus Liebe für Napoleon, sondern aus Trotz gegen die Bourgeois. Als der Konstabler Napoleon an die Deputirtenkammer von Marrast und Konsorten anklopfte, sagten wir gleich: dem Konstabler Napoleon werden die Demokraten ein Plätzchen eröffnen auf der Bank des Nationals, neben Marrast, neben Thiers, neben allen dynastischen und bürgerlichen Republikanern, nicht dem Napoleon zu Liebe, sondern den Bourgeois zum Trotze, um sie zu geißeln auf ächt Konstabler Weise.
Als der kaiserliche Napoleon nun noch gar die erste Stelle in der Republik des Nationals beanspruchte, als der verschmähte Sprößling des Kaisers dieselben Prätentionen machte auf die Republik als Cavaignac und Konsorten, sagten wir: Recht so! Die Demokraten müssen die bürgerliche Staatsklugheit und die republikanisch-bürgerliche Staatsweisheit auf alle Weise geißeln.
Die Republikaner wollen einen Schurken; gebt ihnen einen Ochsen. Die bürgerlichen Republikaner brauchen einen Windischgrätz, um ihre Positionen zu beschützen; die ehrlichen Banquiers wollen einen Schurken, um die Verhältnisse im Auslande durch Traktate festzusetzen, und die Verhältnisse im Innern mit Kugeln festzunageln: gebt ihnen einen Ochsen, der im Stande ist, Alles durcheinander zu werfen. Gebt ihnen einen Mann, der kaiserliches, königliches, Schweizer- und Konstablerblut in sich hat: Ihr Demokraten, sagten wir, Ihr habt Furcht vor einem Napoleon dem Zweiten; denkt doch, daß die Demokratie sogar vor einem zweiten Napoleon nichts zu fürchten braucht. Die Furcht ist die Sache des Auslandes und der Bourgeoisie. Ihr müßt die Nägel ausreißen, sowohl von außen als von innen. Und da Napoleon jedenfalls die Majorität erhalten wird, da Napoleon ferner vor allen Dingen eine negative Bedeutung hat, da Napoleon bedeutet: kein Cavaignac, kein Marrast, kein Rothschild, keine Steuern, kein Windischgrätz, da mit einem Worte Napoleon alles bedeutet, nur nicht Napoleon, so schreibt Napoleon und les't Raspail.
Und so ist es dann geschehn: Napoleon ist so gut wie gewählt; und wer zittert, das ist die Demokratie nicht!
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@facs0916
[ 12 ] Paris, 13. Dez.
Die Augen aller Franzosen sind in diesem Momente nur auf Einen Punkt geheftet: auf den Boden der ungeheuren Urne, worin die Namen der Kandidaten fallen. Die Blicke durchbohren ordentlich die Wände des Gefäßes; in der fieberhaft-aufgeregten Phantasie beleben sich die geschriebenen Bülletins; der Wahlprozeß geht mysteriöser Weise vor sich, und die Franzosen erblicken unter dem transparenten, krystallenen Gefäße das wundersamste „Krippel“.
In der Mitte erheben sich zwei Figuren, mit herausfordernden Blicken sich anschauend: Cavaignac und Napoleon. Letzterer ist in kaiserlicher Tracht: der enorme Hut, unter welchem früher der ganze Louis Napoleon dargestellt wurde, hat jetzt die Proportionen eines gewöhnlichen Bonaparts-Hutes angenommen. Der Kaiser ist stiefel- und spornfertig, wie er eben hervorgegangen ist aus den immer mehr zunehmenden Bülletins. Cavaignac steht neben ihm, mit zornentbrannten Blicken: er hat die Arabermütze auf, und Napoleon scheint im Bewußtsein des treu seinem Onkel entlehnten Kostüms, dem zornigen Cavaignac zu sagen: du siehst, daß du neben mir nicht ankommen kannst.
Theilnahmlos und in sich versunken sitzt Lamartine neben ihnen auf dem Boden. Er hält die verstimmte Cyther in seiner Hand, und um das ziemlich lang gewordene Gesicht hängt der alte verwelkte Lorbeer, den er vergessen hatte wegzunehmen. Ihm fallen die wenigsten Stimmen zu, und das sind noch dazu die Stimmen einzelner verlassener Poeten, „verschmähte Blüthen“. Immer noch träumte er von liebevoller „Vereinbarung“. Sein hageres Gesicht drückt den tiefsten Schmerz aus. Im Hintergrunde stehen Raspail und Ledru-Rollin. Raspail ist fortwährend bemüht, alle ihm zufallenden Stimmzettel auf den Hut Louis Napoleon zu lenken, während Ledru-Rollin mit aller Gewalt seinen Nachbar davon abhalten will, damit er sie ihm zuwende. Aber sein Bemühen ist vergebens, und Raspail (das Kampfer-narcoticum in einer Bouteille schwenkend) lacht über die stolze Haltung des Kaisers.
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@facs0916
Paris, 13. Dezbr.
Stadt und Umgebung sind vollkommen ruhig. Einige Berauschte rufen in den Straßen: Es lebe Napoleon! Bei der nächsten Revue soll das Militär: „Es lebe der neue Kaiser!“ schreien und bereits in diesem Sinne bearbeitet werden.
— Cavaignac hat es offenbar noch auf ein kleines Bombardement abgesehen; denn sein Präfekt ließ gestern Abend 7 Uhr das berüchtigte Marie'sche Attroupementsgesetz vom 7. Juni 1848 anschlagen. Der heutige „Moniteur“ sagt unter Bezugnahme hierauf: „Die Ruhe und Würde, mit welcher laut aller Depeschen aus den Departements die Wahl geschlossen worden, beweisen zur Genüge, daß die Völkerschaften sehr wohl verstehen, bis zu welcher Gränze die Wahlagitation gehen darf und in wieweit sie mit der öffentlichen Ordnung verträglich. Jetzt, wo die Wahl geschehen, muß die Agitation aufhören. Der Vorwand zu Wahlversammlungen und Abhaltung von Klubs, deren Daseinsbedingung und Sprache sie ohnehin vor das Gesetz rief; ebenso wie zu Versammlungen unter freiem Himmel, deren geringster Nachtheil die Störung der Cirkulation ist, fällt jetzt weg. Der Polizeipräfekt hat darum das Gesetz gegen die Attroupements anheften lassen und die Regierung ist entschlossen, die Ausführung desselben zu sichern. Es kann dies nur der Wille aller Bürger sein.“
Die Nationalversammlung, von der Nothwendigkeit geleitet, so rasch wie möglich aus dem Provisorium herauszukommen, hat ihre Wahlprüfungskommission aufgefordert, ihr sobald Bericht zu erstatten, als sämmtliche Wahlprotokolle aus den Departements eingetroffen. Sie hat beschlossen, dann den Präsidenten sofort zu proklamiren, wenn der betreffende Kandidat eine solche Stimmenzahl vereinigt, welcher selbst die algerischen und corsischen Resultate kein Gegengewicht zu halten im Stande wären.
— Das Cavaignacsche Kabinet kann als aufgelöst betrachtet werden. Sämmtliche Minister empfangen nicht mehr. Nur der Staatsbautenminister Vivien gibt heute Abend noch einen Zirkel.
— Die Nationalversammlung hat dem neuen Präsidenten das Elysée-National (Bourbon) zur Wohnung angewiesen. Dieses Schloß war die letzte Wohnung des alten Kaisers. Von hier aus warf er sich in die Arme der Engländer, die ihn nach St. Helena führten.
— Marschall Bugeaud,. der unsichtbare Nachfolger Cavaignac's, ist in Paris eingetroffen und am Quai Malaquais, dem Louvre gegenüber, abgestiegen.
— Es zirkulirt eine solche Menge neuer Ministerlisten, daß wir sie nicht alle kopiren können. Auf keiner einzigen figuriren Bugeaud, Thiers oder Molé, sondern nur deren Strohmänner.
— L. v. Girardin ist, heißt es, zum Präfekten von Paris bestimmt. Exkönig Jerome wird Gouverneur der Invaliden und Peter Bonaparte erhält Algerien zum Paschalik.
— Dufaure, Minister des Innern, beantragt heute die Schließung aller Klubs etc. Die Polizei machte gestern Abend schon den Anfang, indem sie den gefürchteten Kommunistenklub „La Revolution“ bei Montesquieu schloß.
— Der englische Generalpostmeister Clanricarde ist seit vorgestern hier und hält häufige Zusammenkünfte mit dem Kabinet. Er verließ London am Schlusse eines Ministerraths und man hält ihn mit einer geheimen Sendung beauftragt, über deren Charakter wir bisher noch nichts erfuhren.
— Die beiden Cavaignacschen Moniteure „National“ und „Siecle“ machen heute ihr Testament. Beginnen wir mit dem National. Der Vorrang gebührt immer dem Unglück.
Gleich dem verscheidenden Herkules in der Iliade wimmert er mit dem geborgten Löwenpelze sein Sterbelied.
„Das Wahlresultat ist gegen unsere Wünsche ausgefallen — weint es — doch flößt uns dasselbe keinen Zorn ein und läßt uns vorzüglich nicht an der Zukunft verzweifeln.“
Nach einigem Seelenschmerz ermannt sich der sterbende Held noch einmal und sagt: „Wir werden die neue Staatsgewalt beobachten, sie überwachen — mit Mißtrauen selbst! wir haben ein Recht hiezu — doch ohne vorgefaßten Groll etc.“
Kann man elender sterben? Da schnaubte der Vater Duchesne ganz anders! O Marrast, wie elend trittst du von der Bühne.
„Siecle“ gibt die Hoffnung noch nicht auf, daß die Nationalversammlung sich ttotz allem kolossalem Mehr das Recht zusprechen werde, den Präsidenten zu ernennen und zwischen Bonaparte und Cavaignac zu wählen. Sollte aber Cavaignac wirklich abtreten müssen, so zweifelt „Siecle“ nicht, daß ihm alle Minister in das Grab folgen werden. Sanft ruhe ihre Asche!
— Das „Journal des Debats“ will sich es zur Pflicht machen, die Zahlen möglichst scharf zu kontrolliren, um seinen Lesern die Schreckenspost so langsam als denkbar beizubringen.
— Aus Rom und Neapel laufen so eben, wie wir hören, sehr ernste Depeschen ein.
— Im Operngange steigt das Entzücken immer höher. Die 3proz. Rente wollen diese Herren Spekulanten bis auf 46 und die 5proz. Rente bis auf 76 treiben.
— (Wahrscheinliches neues bonapartisches Ministerium.) 1) Odilon Barrot, Konseilpräsident und Justiz; 2) Leon de Malleville, Inneres; 3) Oudinot oder Rulhiere, Krieg; 4) Leon Faucher, Handel; 5) Bineau, Staatsbauten; 6) A. Fould, Finanzen; 7) Admiral Dupetit Thouars, Marine; 8) Drouhyn de L'huys, Auswärtiges; 9) Falloux, Unterricht (noch?)
— Das römische Geschwader liegt noch vor Marseille, wo es sich, wie der „Nouvelliste“ vom 10. Dez. meldet, in Evolutionen und Scheingefechten, kriegerischen Landungen etc. einübt. Der Geist (welcher?) der Truppen ist vortrefflich.
— Um sich einen Begriff von der Riesenmajorität Napoleons zu machen, setzen wir die neuerdings (bis 5 Uhr) bekannte Wahlstatistik fort:
Departementfür Napoleon Cavaignac Stimmen.
Calvados34,4476941
Cher47,7406865
Maine und Loire26,2137255
Yonne22,2802195
Indre (hier hat Ledru-Rollin 5874)23,4364514
Aisne22,8772079
Nievre12,8591548
Loiret49,9076967
Somme (bis 8 U. Abds.)45,7103540
Ardennes (erst bekannt)4,8231865
Haute Vienne9,000700
Eure30,0005500
Nord28,00047,000
National-Versammlung. Sitzung vom 13. Dezember. Anfang 2 Uhr. Marrast läßt das Protokoll vorlesen, aber kein Mensch leiht dem Vorleser Aufmerksamkeit. Alle Deputirten disputiren in lebhaften Gruppen neben und unter einander. Man sieht viele leere Bänke und lange Gesichter. Die Versteinerung über die enormen Ziffern, welche der Hr. Alexandre stündlich aus der Telegraphenkammer meldet, ist allgemein. Man verliert sich in Betrachtungen über das neue Ministerium.
Marrast verliest einen Gesetzentwurf, der die Stadt Roanne zur Uebersteuerung Behufs Beschäftigung ihres Proletariats ermächtigt. (Genehmigt).
Marie (Justizminister) legt einen Entwurf vor, der abermals ein Dekret der provisorischen Regierung vom 29. März (über Wechselfristen) abschafft. Woher kommen doch alle diese Dekrete der provisorischen Regierung? Es sind unmöglich noch viele derselben abzuschaffen.
Die Versammlung genehmigt 80,000 Fr. für die Todesfeier des 4. März und 130,000 Fr. für den Transport der Juniräuber.
Dann will sie die bereits früher beschlossene Abschaffung des Dekrets vom 9. März über die Leibhaft durch Votirung der noch davon übrig gelassenen Artikel beginnen.
Vorher votirt sie ein Gesetz, wonach das Kreditverlangen rücksichtlich der fremden politischen Flüchtlinge ihr jährlich gestellt werden soll.
Die nachträgliche Debatte über das Schuldhaftgesetz bietet wenig Interesse.
Einige Advokaten, wie z. B. I. Favre, Briller, Bravard-Verriere etc. nehmen daran Theil und stellen Unteramendements.
Auch Bourbourron, Dahirel und Boudet ergreifen das Wort.
Favre trägt darauf an, daß die Schuldhaft kein Jahr überschreiten dürfe.
Favre's Antrag, die Haft auf ein Jahr zu beschränken, wird verworfen und die Bestimmungen im Entwurf beibehalten, wie sie das Gesetz vom 17. April feststellte.
Der ganze Entwurf zählt 6 Abschnitte und 15 Artikel, die eine förmliche Broschüre bilden.
Nur wenige Artikel geben zu erheblichem Widerspruch Veranlassung.
Marrast liest einen Artikel nach dem andern ab und bringt sie zur Abstimmung.
St. Priest nimmt einmal das Wort, um darauf anzutragen, daß man die verhaftsfähige Summe für die Departementsstädte erhöhe. Er fällt damit durch.
Marrast liest mechanisch fort und erklärt nach Artikel 15, daß er nun über das Gesammtgesetz abstimmen lasse.
Ehe man zur Abstimmung schreitet, wird beschlossen, daß sich die Wahlprüfungskommission von morgen an täglich um 11 Uhr versammle und bis 3 Uhr sitze.
Darum beginnen die öffentlichen Sitzungen erst um 3 Uhr.
Es sind bereits viele Wahlprotokolle eingetroffen.
Nun schreitet Marrast zur Abstimmung über die Schuldhaft. Wird allgemein angenommen.
Die Versammlung trennt sich um 6 Uhr.
Italien.
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@facs0916
[ * ]
Die östreichischen Truppen bewegen sich fortwährend in der Richtung von Modena nach der römischen Gränze. Man spricht auch von einer Invasion in der Richtung von Bologna. Gewiß ist, daß der östreichische Armeelieferant zu Modena angewiesen worden ist, für zwei bis drei neue Regimenter, die täglich eintreffen können, die Verpflegung bereit zu halten. Die herzogl. Soldaten erzählen sich, daß sie nächstens mit ein paar Tausend Kroaten nach Massa und Carrara marschiren würden.
Ein neues Pröbchen von Radetzky'scher Schinderei! Der Feldmarschall hatte dem Munizipalrath von Mailand aufgetragen, alle Bäume, welche die öffentliche Promenade um das Schloß zieren, wegschaffen zu lassen. Die Behörde bat ihn, nicht auf einem Befehle bestehen zu wollen, dessen Ausführung die Stadt, die schon so viel gelitten habe, noch ärmer machen würde. Radetzky gab darauf zur Antwort: er sei nicht gewohnt, daß man seinen Befehlen sich widersetze, und er wiederhole drum aufs Bestimmteste seine Ordre. Bis zum 15. Dez. habe die Behörde Zeit. Bis dahin wolle er, daß alle bereits früher bezeichneten Bäume auf Kosten des Munizipalraths gefällt und weggeschafft seien. Für jeden Verzugstag habe der Munizipalrath eine Buße von 5000 Lire zu bezahlen.
Neapel soll sich in einem Zustande dumpfer Gährung befinden
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@facs0916
Venedig, 22. Nov.
Die heute hier eingelaufene Nachricht von der römischen Revolution machte eine ungeahnte Wirkung, die wenigstens in das ohnedieß monotone Leben eine Abwechselung brachte. Wer Venedig jetzt besucht, würde hier wahrscheinlich nicht eine kriegführende, belagerte Stadt finden. Man lebt in der größten Sicherheit und Ruhe, und politisirt des Abends in irgendeinem der Kaffehäuser über die anglo-französische Vermittlung, über das Frankfurter Parlament gegenüber Oesterreich, über das schändliche Benehmen des Verrätherkönigs Karl Albert etc. Auch wir Deutschen können uns jetzt über den Aufenthalt in Venedig und das Benehmen der Italiener gegen uns nicht im geringsten mehr beschweren. Ich hasse bis in den Tod alles Parteiwesen, doch muß ich mit aller Ruhe offen und ehrlich gestehen, daß wir mit aller Zuvorkommenheit behandelt werden. Die Kriegsbulletins sprechen nicht mehr von Tedeschi, sondern von Austriaci oder Croati. Mit Freuden nahmen wir auch die herzliche Theilnahme an dem Schicksal der heldenmüthigen aber unglücklichen Wiener, und an dem traurigen Ende Robert Blums wahr. Nie vielleicht, nie so wahr und aufrichtig blickte man nach Frankfurt… Die hiesige Regierung gibt neuerdings um zwölf Millionen Zwanziger Papiergeld heraus, das durch die Steuern sämmtlicher Besitzer des lombardisch-venezianischen Königreichs garantirt ist. Durch diese Maßregel ist Venedig bis Ende Aprils mit Geld versorgt. Der Circolo Italiano ist neuerdings zum Leben erwacht, und seine Abendversammlungen im Nedoutensaal a San Moisé werden jetzt stark besucht. Uebrigens kann ich nicht umhin über die Ihnen von Triest aus über Venedig zugesanten Berichte meinen gerechten Tadel auszusprechen, da die meisten derselben grund- und bodenloses Gerede sind. Von der verzweifelten Lage Venedigs, dem Mangel an Lebensmitteln, dem Mißtrauen gegen die Regierung und den übrigen Märchen ist keine Sylbe wahr. Lebensmittel sind jetz die Fülle vorhanden, indem nicht nur die Landseite, wo die Oesterreicher ihren Cordon mehr landeinwärts gezogen, sondern auch zur See, die stets offen ist, dieselben mehr als hinreichend eintreffen. Was die Regierung betrifft, so könnte sich jede glücklich schätzen die das Zutrauen in dem Maße genösse als die hiesige, was die wahrhaft großen Opfer die von den Venezianern auf jedes Gubernialdecret bereitwilligst gebracht werden, thatsächlich beweisen.
[(A. Z.)]
Portugal.
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@facs0916
[ * ] Lissabon, 29. Nov.
Saldanha's Stellung wird mit jedem Tage schwieriger. Seine erbittertsten Gegner sind die Cabralisten, an deren Spitze Jose Cabral und die beiden Fronteira stehen. Auch die Königin wünscht Saldanha los zu sein, und er wäre schon beseitigt, fürchtete man nicht seinen Einfluß auf die Soldaten. Kürzlich entsetzte er den Herrn Pereira das Reis, Büreauchef im Justizministerium, eins der thätigsten Werkzeuge der Cabralistenpartei, seines Postens. Man sagt, es sei eine cabralistische Verschwörung zum Umsturz des jetzigen Kabinets entdeckt worden. Der Marschall, der sich zur Bestrafung der Anstifter dieses Komplotts nicht stark genug fühlte, hat zwei ihm völlig ergebene Regimenter in Lissabon einrücken lassen. Es sind dies das 7. und 12., die 1847 unter der Junta von Oporto dienten. Auch das die Hauptstadt beherrschende Schloß St Georg ist von Truppen besetzt, auf die er rechnen kann. Es wird bald zwischen ihm und den Cabralisten zu einer Entscheidung kommen müssen. Inzwischen wird die Finanznoth immer größer. Armee und Beamte sind seit Monaten nicht bezahlt worden. Die Regierung hat die Pressen des Journal Estendarte versiegeln lassen, unter dem Vorwande, daß es keine hinreichende Kaution bestellt, in der That aber, weil es unter allen cabralistischen Journalen am feindlichsten gegen das Ministerium auftrat.
Hierzu eine Beilage.