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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 188. Köln, Samstag den 6. Januar. 1849.
@typejExpedition
@facs1013
Bestellungen auf die „Neue Rheinische Zeitung“ für das jetzige Quartal, Januar bis März 1849, wolle man baldigst machen und zwar in Köln bei der Expedition der Zeitung (unter Hutmacher Nr. 17), auswärts bei allen Postanstalten Deutschlands.
Für Frankreich übernimmt Abonnements Herr A. Havas, Nr. 3 Rue Jean Jacques Rousseau in Paris und das königl. Oberpostamt in Aachen.
Durch den Wegfall des Stempels wird der Abonnementspreis ermäßigt und beträgt von jetzt ab für Köln nur 1 Thlr. 7 Sgr. 6 Pf., bei allen preußischen Postanstalten, (das Porto einbegriffen) nur 1 Thlr. 17 Sgr. vierteljährlich; für Abonnenten im übrigen Deutschland tritt ein verhältnißmäßiger Postaufschlag hinzu.
Die Redaktion bleibt unverändert.
Die bisherigen Monatsgänge der „Neuen Rheinischen Zeitung“ sind ihr Programm. Durch ihre persönlichen Verbindungen mit den Chefs der demokratischen Partei in England, Frankreich, Italien, Belgien und Nordamerika ist die Redaktion in Stand gesetzt, ihren Lesern die politisch-soziale Bewegung des Auslandes richtiger und klarer abzuspiegeln, als irgend ein anderes Blatt. Die „N. Rh. Ztg.“ ist in dieser Beziehung nicht blos das Organ der deutschen, sondern der europäischen Demokratie.
Inserate: Die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 1 Sgr. 6 Pf.
Anzeigen aller Art erlangen durch die großen Verbindungen unseres Blattes eine sehr weite Verbreitung.
Die Gerantur der „Neuen Rheinischen Zeitung.“
Uebersicht.
Deutschland. Wien. (Verurtheilungen. — Preßverfolgung. — Standrechtliche Korrespondenz aus Leipzig und Hamburg. — Welden als Klubbist. — Der §. 1. der Kremsier Grundrechte und Herr Schuselka. — Die Ruthenisirung. — Curiosum aus Neapel. — Verurtheilung. — Standrechtliches. — Der Kampf mit Ungarn. — Welden. — Herzog Albrecht. — Neue Heldenthat des starken Ministeriums. — Der hohe Clerus.) Düsseldorf. (Eine Ausweisung.) Berlin. (Ministerielle Erläuterung des Wortes „selbstständig.“ — Eine Wahlbestimmung wegen der Truppen.) Pritzwalk. (Geschichte eines Preußenvereins.) Frankfurt. (Nationalversammlung.)
Französische Republik. (Journalschau. — Pariser Aerzte. — Simon Bernards Prozeß. — Arbeiterassociationen. — Bilanz Frankreichs. — Louis Napoleon. — Die Salzsteuer. — Der Congreß zu Brüssel. — Debats und Constitutionel. — Die revolutionären Blätter über Preußen. — Bilanz Frankreichs. — Vermischtes. — National-Versammlung.)
Italien. Aus Rom. (Die außerordentliche Steuer und die Stimmung zu Mailand. — Desertion ungarischer Truppen nach Piemont. — Toskana's Vertretung beim Brüsseler Congreß. — Vertagung der Turiner Kammer. — Handelsverbot Radetzki's.)
Spanien. Madrid. (Der Adreßentwurf.)
Amerika. Liverpool. (Eine neue Goldregion entdeckt. — Das Parktheater abgebrannt.)
New-York. (Elektrotelegraphen.)
Deutschland.
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[ 14 ] Wien, 31. Dez.
Theodor Ganz, vom Infanterieregiment Deutschmeister, ist „in Erwägung seines sehr beschränkten Verstandes“ (wörtlich) zu 10jähriger Schanzarbeit in schwerem Eisen, Bartholomäus Hofstätter aber „wegen hartnäckig beharrlicher Theilnahme an dem bewaffneten Aufruhr“ zu sechsjährigem schwerem Kerker verurtheilt worden. Der Einwand, daß Reichstag und Gemeinderath den bewaffneten Widerstand nicht nur gutgeheißen, sondern dazu aufgefordert haben, wird von unsern Henkern natürlich gänzlich ignorirt. Wie mögen diese Scheusale, mit denen die französischen Bourgeois in so brüderlicher entente cordiale stehen, erst in dem armen, erbarmungslos hingewürgten Ungarn verfahren, um welches sich Niemand kümmert! — Gegen den Redakteur und Herausgeber des Villacher Volksblatts ist ein Preßprozeß eingeleitet, und es findet nun eine unbeschreibliche Aufhetzung der Geschwornen zur Verurtheilung dieser „Individuen“ in den hiesigen Standrechtsblättern statt, die bei der bekannten Gesinnung der österreichischen Bourgeoisie natürlich nicht ausbleiben wird. Um den Folgen der „irreleitenden Presse“ wirksam zu begegnen, hat der Ritter Friedrich von Mites es unternommen, einen Verein zur Verbreitung als empfehlungswürdig anerkannter Schriften (Gebet-, Erbauungs- und Kinderbücher, oder wenn's hoch kommt, Abhandlungen z. B. über die beste Zubereitung von Käse, Siegellack u. dgl.) im Bereich der „Gesammtmonarchie“ in's Leben zu rufen. — Mit Jubel wird aus Leipzig gemeldet: „Die Individuen, welche das Wappen des hiesigen österr. General-Konsulates abgerissen und demolirt haben, sind in erster Instanz zu 10jähriger Zuchthausstrafe verurtheilt worden. (Also selbst die Leipziger Richter stehen unter dem Einfluß unseres windischgrätzischen Standrechts!) Dann aber folgt: „Die Landtagswahlen sind in den meisten Bezirken beendigt, das Resultat ist leider für alle Freunde der Ordnung, Gesetzlichkeit und des überlegten Fortschritts (aus dem neuesten Staatslexikon des Henker-Mandarinenthums) sehr niederschlagend; denn sämmtliche Wahlen sind wohl zu [unleserlicher Text]/4 auf entschieden Radikale und Republikaner gefallen.“ (Lloyd.)
Die Berichte aus Berlin halten denselben Tenor. Ueberhaupt reisen die östreichischen offiziellen Spione in halb Europa herum, um dann meist zu berichten, welchen Respekt alle Völker vor dem „jugendlichen“ Dalai-Lama haben. Wenn sie etwas entschieden Antidemokratisches aufschnappen, so wird es stets mit gesperrter Schrift abgedruckt. Als z. B. in der konstituirenden Versammlung Hamburgs der Eid durchgegangen war, schrieb der dortige Spion v. Pretis sofort: „So ist die Versammlung gehindert, die Regierungsgewalt in die Hände zu nehmen und sich zu einem Konvent aufzuwerfen.“ Mit allen Mitteln wird überall dahin gearbeitet, die Regierungen Deutschlands im Metternichschen Schlepptau zu halten, und jedes Abweichen vom östreichischen Dalai-Lamismus zu verhindern. Auch fährt man fort, die fremden Blätter mit offiziellen Aufsätzen zu überfluthen und wenn man einmal in einem französischen Blatte einen östreichisch klingenden (d. h. idiotischen) Artikel findet, so wird er hier sofort hundertmal fettgedruckt in allen Blättern der Gesammtmonarchie aufgetischt. Diese Ehre widerfuhr zuletzt noch einem abgeschmackten Aufsatze der Opinion publique vom 23. Dezember. — Die Kaiserin-Mutter will sich mit ihrem dienstthuenden Hofrath und einigen Loyolanern in Prag niederlassen; ebenso der Verräther der Magyaren: Erzherzog Stephan. Holbein, ein Literat von dem Verdienste der Saphir und Bäuerle, hat die oberste Leitung des Hofburgtheaters erhalten und wird viele chinesische Mährchen darin aufführen lassen. — Daß ein Pariser Schneider den Ludwig Bonaparte bereits als Kaiser anerkannt hat, wird heute mit unbeschreiblichem Jubel durch die hiesigen Blätter verbreitet. Es ist standrechtlich untersagt, zu denken, daß das französische Volk ohne kaiserlich-königlichen Götzen zu athmen vermöge. Man beeilt sich darum in Olmutz, den Pariser Schneiderwitz vor Oestreichs Gesammtochsen als den Ausdruck des französischen Volkes darzustellen.
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[ 121 ] Wien, 31. Dezbr.
Während es in Olmütz fortwährend standrechtlich bestellte Loyalitäts-Adressen und Deputationen regnet, läßt Frau Sophie sich über die neuliche Kundmachung des Klubbisten Welden also vernehmen: „Daß ein abermaliger Ausbruch, wiewohl er natürlich nicht die kleinste Möglichkeit eines auch nur augenblicklichen Erfolgs haben kann, doch einen traurigen Rückschlag nicht nur auf die Zustände der schwer geprüften Stadt, sondern auf die freiheitliche Gestaltung (da ist der Pferdefuß!) des Staates ausüben würde, sieht wohl jeder ein. Daß unter solchen Umständen von einer Aufhebung des Belagerungszustandes in nächster Zukunft, nicht die Rede sein könne, ist wohl natürlich.“
Welden wird der Frau Sophie zu Liebe noch manchen Klub durch die Polizei erfinden lassen. So läßt er gestern das Gerücht verbreiten, am Dienstag würde die Bank, wider welche die Regierungsblätter selbst das Volk aufgehetzt haben, erstürmt. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß dieser Welden um des ewigen Standrechts willen, in den nächsten Tagen in der That einen Krawall veranlassen wird, dessen Folgen bei der plump-blutdürstigen Wuth dieser Bestie nicht abzusehen sind.
Man ist in Olmütz sehr aufgebracht gegen §. 1 der kremsier Grundrechte, welche lauten: „Alle Staatsgewalten gehen vom Volke aus, und werden auf die in der Konstitution festgesetzte Weise ausgeübt.“ Olmütz ruft daher den Reichstagsleuten zu: „Weder die Monarchie, noch der Monarch sind überhaupt vom Volke kreirt worden. Der Kaiser von Oesterreich ist, besteht, lebt, wer will ihm die Macht entwinden? In der konstitutionellen Monarchie ist das Volk nicht souverain.“ Schuselka, der durchaus ein Amt haben will, hat versprochen, den §. 1 zu beseitigen. — Die Zeitungen sind voll langer Aufsätze über ruthenische Zustände. Ich habe Ihnen geschrieben, was es damit für ein Bewenden hat. Diese Ruthenisirung (Germanisirung) der Polen wird selbst von den czechischen Blättern verdammt. So sagt die „Slowanska lipa“ vom 18.:
„Die ruthenische Hauptversammlung verlangt die Einführung der deutschen Sprache in die Schulen, mit Ausschluß der eigenen Muttersprache, die studirende Jugend selbst verlangt die polnische Unterrichtssprache, alle gelehrten Ruthenen sind polnisirt, die jüngere Geistlichkeit sehnt sich nach der polnischen Nationalität und folgt der ruthenischen blos aus Gehorsam gegen die absolute Gewalt ihres Konsistoriums.“ (österr. Büttelstall!)
So sprechen die Feinde der Polen. Man ruthenisirt in Galizien, wie man in Posen verpreußte, mit Höllenstein und Schrapnells.
Ist Ihnen folgendes Kuriosum, das ein hiesiges Standrechtsblatt mittheilt, schon bekannt geworden? Es lautet:
Neapel, 14. Dezember. Drei Kouriere langten im Laufe dieser Woche aus St. Petersburg an, und einer derselben war Ueberbringer eines eigenhändigen Briefes des Kaisers von Rußland [Fortsetzung]
[Feuilleton]
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Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski.
Drittes Buch. — Kapitel II.
Ehe wir unserm Ritter auf dem dornenvollen Pfade der Politik folgen, müssen wir noch eine Episode seines Lebens berühren, die zu merkwürdig ist, als daß sie übergangen werden dürfte. Es thut uns nur leid, daß wir etwas weit von dem bisherigen Schauplatz der Begebenheiten abschweifen müssen. Schon einmal begleiteten wir unsern Helden bis nach Spanien; heute müssen wir ihm nach Italien folgen. Damals begleiteten wir ihn bis in das Leihhaus von Pampeluna; heute folgen wir ihm bis zu den Füßen des heiligen Vaters.
Wir haben nämlich nichts mehr und nichts weniger zu erzählen als die Römerfahrt unsres Ritters.
Alle großen Sünder verrauschter Jahrhunderte hielten es für ihre Pflicht, wenigstens einmal im Leben, wenn auch nicht nach dem heiligen Grabe, so doch nach Rom zu wallfahrten, um dort von allen Skrupeln erlöst, desto ruhiger in einen neuen Sündenabschnitt ihres Lebens hineinzusteuern.
Jede Zeit hatte ihre Sitte; so auch die damalige. Die Griechen brachten den Göttern Hekatomben; das Mittelalter pilgerte nach Rom; wir sündigen Menschen der Jetztzeit pilgern höchstens nach Paris.
Nach Paris dem welschen Babylon! Nach der heiligen Stadt der schönen Babylonierinnen! Auf den Boulevards zu spazieren, zu tanzen in den Champs Elisées, und zu Mittag zu speisen bei Very für 48 Fr. — O welches Vergnügen! Wie ein Araber in Mecca, wenn er die Arme kreuzend und blumenreiche Gebete murmelnd in die heilige Kaaba tritt, so trat ich Mabille in Deinen Garten und neigte mich, o Babylon, vor Deinen Frauen!
Die Rosen dufteten, die Seide rauschte
„Hörner Pauken und Trompeten
Tönten jubelnd die Fanfare
Und wir riefen Alle: Heil!
Heil der Königin Pomare!“
Herr von Schnapphahnski hielt aber fest an den Sitten der Väter; Se. Hochgeboren waren ein guter Katholik — Niemand wird ihm dies verdenken.
Die protestantische Religion ist eine Religion für Kaufleute und Fabrikanten — — Herr von Schnapphahnski war weder Kaufmann noch Fabrikant, sondern, wie gesagt, ein guter Katholik. Nichtsdestoweniger machte er aber von Zeit zu Zeit seine Bilanz, d. h. seine geistige, oder Seelen-Bilanz, indem er sich dann jedes Mal den Saldo seiner Sünden von der guten Mutter Kirche quittiren ließ. Eine materielle Bilanz brauchte der Ritter um so weniger zu machen, da ja die Herzogin von S. seine sämmtlichen Schulden bezahlt hatte.
Mit der geistigen oder Seelen-Bilanz unseres Helden sah es diesmal schlimm aus. Der edle Ritter hatte viel auf dem Herzen. Seit mehreren Jahren hatte er die Sünden-Conti seines Gewissens nicht abgeschlossen, und wenn er die Folio-Seiten seines Gedächtnisses durchblätterte, so fand er nur gar zu viele dittos in seinem Debet — höchst wenige im Kredit.
Unser Ritter ging daher eines Tages sehr ernstlich mit sich zu Rathe; er zerbrach fünf Federmesser und er zerschnitt zehn Bleistifte. Nachdem er aber die fünf Federmesser zerbrochen und die zehn Bleistifte zerschnitten hatte, schnitt er mit dem sechsten Federmesser den eilften Bleistift, und entwarf die folgende:
Geistige oder Seelen-Bilanz
des berühmten Ritters Schnapphahnski.
Soll.
Abenth. in O. in Schlesien 1 Sünde
Abenth. in Troppau 1 Sünde
Abenth. mit Carlotten 1 Sünde
Abenth. mit den Diamanten 1 Sünde
Abenth. mit der Tochter Atta Trolls 1 Sünde
Abenth. in Brüssel 1 Sünde
Abenth. in München 1 Sünde
Abenth. in Wien 1 Sünde
Abenth. in Berlin 1 Sünde
Abenth. auf einer Insel der Nordsee 1 Sünde
Abenth. Verschiedene 20 Sünde
Summa: 30 Sünd.
Saldo Vortrag 30 Sünd.
Haben.
Tugenden 00
Saldo der Sünden 30 Sünd.
Summa: 30 Sünd.
Mögliche Absolution 30 Sünd.
[1014]
Unsere Leser werden gestehen, daß diese Abrechnung eben nicht sehr günstig für unsern Ritter ausfiel. Wenn nicht der Pabst ebenso großmüthig war, wie die Herzogin von S., so ließen sich die geistigen Angelegenheiten unseres Helden bei weitem nicht so leicht ordnen, als es eben erst mit seinen materiellen Verhältnissen geschah. Herr von Schnapphahnski wollte aber nichts unversucht lassen, und so trat er denn eines Morgens in das Zimmer der Herzogin und sprach in der Weise Ritter Tannhäusers, die folgenden berühmten Worte:
„Mein Leben das ist worden krank,
ich mag nit lenger pleiben;
nun gebt mir urlob, frewlin zart,
von eurem stolzen leibe!“
Die Herzogin erschrack natürlich im höchsten Grade und begriff nicht gleich, was die Geschichte zu bedeuten hatte. Sie war erst eben so gefällig gewesen, die Schulden ihres Freundes mit baaren 200,000 Thalern zu bezahlen, die Ablösung vieler kleinen Hypotheken ungerechnet; und nun wollte der Ritter schon wieder fortziehn: das war nicht recht! Es fiel ihr im Traume nicht ein, daß der Ritter zur Buße seiner Sünden nach Rom pilgern wollte — — Ohne sich daher an die altdeutsche Sprachweise ihres Freundes zu stören, fuhr die Herzogin in der Manier der Frau Venus fort zu reden und erwiederte:
„Danhauser, nit reden also!
ir tund euch nit wol besinnen;
so gen wir in ain kemerlein
und spilen der edlen minne!“
Die Herzogin lispelte diese Worte gerade so verführerisch, wie sie einst Frau Venus gesprochen haben mag. Der Ritter schien aber wenig davon erbaut zu sein; er schüttelte mit dem schönen schwarzlockigen Kopfe und ohne von den Thränen Notiz zu nehmen, die aus den Augen der hohen Dame in den rothen Kaschmirshawl rieselten, öffnete er zum zweiten Male den holdseligen Mund und antwortete, indem er die Hände in die Hosentaschen steckte, mit sehr accentuirtem Tone:
„Eur minne ist mir worden laid,
ich hab in meinem Sinne:
fraw Venus, edle fraw so zart!
ir seind ain teufelinne.“
Hierüber entsetzte sich die Herzogin nur um so mehr, so daß sie unwillkürlich ein Kreuz schlug, was sie seit dem Einzug der Alliirten in Paris nicht mehr gethan hatte. Tödtlich wäre es der Herzogin gewesen, ihren Schnapphahnski zu verlieren; hätte sie nicht ihren kahlen Kopf gefürchtet, sie würde die Perrücke vor Verzweiflung unter die Decke geschleudert haben. Mit den Zähnen konnte sie ebenfalls nicht knirschen, denn, wie unsern Lesern bekannt ist, waren sie mehr ein Produkt des Zahnarztes als der Mutter Natur. Das Rollen der gewaltigen Augen durfte daher einzig und allein den Zorn ihres Innern zu erkennen geben und dies Augengeroll war entsetzlich: zwei Roulette-scheiben glaubte man in wilder Bewegung zu sehn.
Vergebens waren aber alle Anstrengungen: der Ritter beharrte auf seinem Vorhaben und die Herzogin würde sich gewiß mit einer Haarnadel den Tod gegeben haben, wenn der muntere Schnapphahnski nicht plötzlich den Schluß des berühmten Tannhäuser Liedes gesprochen und ihr erklärt hätte:
„Ich will gen Rom wol in die statt,
gott well mein immer walten!
zu einem bapst der haist Urban
ob er mich möcht behalten — —“
Als nemlich der Ritter diesen Vers citirt hatte, trocknete die Herzogin ihre Thränen aus beiden Roulette-scheiben und sprang empor mit dem Schrei des Entzückens.
„Ja, zum Pabst! zum Pabst Urban!“ rief sie — „wenn er dich auch nicht behalten soll, so soll er dich wenigstens erlösen. Ja, nach Rom, zum Pabst! ich werde dich begleiten — — “ mit beiden Armen umschlang die Herzogin ihren geliebten Ritter.
Am nächsten Morgen waren sie auf dem Wege nach Italien.
Meine Leser können unmöglich verlangen, daß ich Ihnen die Abentheuer dieser italienischen Reise haarklein erzähle. Ich dachte damals noch nicht an den Ritter Schnapphahnski, und bestach daher weder einen Kutscher noch eine Kammerfrau, um mir alle die süßen Geheimnisse mitzutheilen, die zwischen der kalten Jungfrau und dem feurigen Vesuv vorgefallen sein mögen. Genug, unser glückliches Paar reiste von der Jungfrau bis fast an den Vesuv, d. h. bis nach Rom. — Es versteht sich von selbst, daß unsere Pilger nicht wie die Pilger von ehedem, zu Fuß, in härenem Gewande, ihre Straße zogen. Nein, sowohl Frau Venus als Ritter Tannhäuser stimmten in der Ansicht überein, daß der religiöse Fanatismus mit einer bequemen Karosse wohl zu vereinbaren sei. Indem sie nicht nur bequem, sondern höchst elegant reisten, befolgten sie sogar recht eigentlich das Prinzip des Katholizismus, denn die katholische Religion ist die Religion des Glanzes und der Pracht.
Gerade das macht den Katholizismus liebenswürdig, daß er ein Auge für das Schöne, für das Sinnliche hat. Alles was sinnlich ist, ist aber ewig und so glaube ich auch an die Ewigkeit des Katholizismus. Man lache mich ja nicht aus! In keinem Falle muß man mir aber mit den Griechen kommen. Man könnte mir nämlich vorwerfen, die Griechen seien auch im höchsten Grade sinnlich gewesen, und trotzdem wären ihre Götter verschwunden und Niemand denke und Niemand glaube mehr an sie — — dummes Zeug! die Griechengötter leben bis auf den heutigen Tag.
O, ich habe das einem meiner alten Lehrer an der Nase angesehen. Am Morgen gab er uns nämlich den nüchternen protestantischen Religionsunterricht und dann war er ledern, zum verzweifeln. Steif wie ein Stockdegen stand er vor uns, seine Ohren
[Deutschland]
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@facs1014
[Fortsetzung] an den König von Neapel. Der Kaiser geht darin auch in nähere Details, betreffend die britisch-französische Intervention, den Rechten eines freien Herrschers gegenüber, ein, und bemerkt, daß nur die Entfernung und die Unmöglichkeit physische Hülfe zu leisten, ihn abhielten, entschiedener über diesen Gegenstand zu sprechen. Seinen Gesandten in Paris und London habe er übrigens Befehl ertheilt, ganz energisch gegen die Fortdauer solcher Interventionen zu remonstriren und besonders seine Indignation über das Verfahren der beiden Admiräle, welche dem königl. General in der Ausführung seiner militärischen Dispositionen hindernd in den Weg getreten seien, auszusprechen.“
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@facs1014
[ 24 ] Wien, 31.Dezbr.
Kein Tag ohne Verurtheilungen; kein Tag ohne neue Verhaftungen. Sie sind unser tägliches Brod und die Wollust unserer Henker. So ist gestern wiederum der 28 Jahre alte Kutscher Hofstädter „wegen seiner beharrlichen Ausdauer und Hartnäckigkeit“ in der Barrikadenvertheidigung kriegsrechtlich zu 6jährigem schweren Kerker verurtheilt worden.
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@facs1014
[ 121 ] Wien, 1. Jan.
Zuerst das gewöhnliche standrechtliche Frühstück, woran Neujahr durchaus nichts ändert, nämlich: Joh. Grünzweig aus Böhmen, Joh. Furchtmayer aus Wien, Ignaz Szilaczky aus Schlesien, Proletarier, sind nicht etwa „wegen Zusammentreffen von Umständen“, nein, ohne alle Umstände, zu drei- und zweijährigem schwerem Kerker verurtheilt worden. Die Verurtheilungen auf den Grund eigenen Geständnisses oder des Zusammentreffens von Umständen sind als zu umständlich eingestellt worden. Das eigene Geständniß war ohnehin in den allermeisten Fällen bloses Fabrikat der zu Gericht sitzenden Henker, dem zu widersprechen der Verurtheilte durchaus keine Mittel besitzt, da ihm nicht einmal ein Vertheidiger gestattet ist. In den energischsten Augenblicken des so verschrienen französischen Terrorismus beobachtete man bekanntlich wenigstens die äußere Form, aber in Oesterreich!!!!
Lasciate ogni speranza, voi, che'ntrate!
Für den 29. Dezember hatte Windischgrätz die Erstürmung der Festung Leopoldstadt in Ungarn angesagt, ohne daß die Heldenthat bis heute jedoch hier bekannt geworden ist. Ueberhaupt ist seit dem 26. keine neue gloire hier eingetroffen, was beweist, daß die Magyaren sich tapfer wehren. Aber der Heldenmuth von Rebellen darf zur Ehre der k. k. Banditen nicht bekannt werden, das Standrecht dekretirt seine Unmöglichkeit. — Raab ist keine Festung, sondern eine offene Stadt, die nur verschanzt war, und von deutscher Bourgeoisie bewohnt ist. Dennoch war der Kampf um Raab ein furchtbarer, und wurde erst nach drei Tagen entschieden, indem sich die Magyaren zurückzogen. Windischgrätz hat damit noch wenig gewonnen, solange die Festungen Leopoldstadt, Komorn und Ofen in der Gewalt der Magyaren sind, und deren siegreiches Vordringen im Süden nicht von Türken und Russen aufgehalten wird. Wenn die französisch-englischen Reklamationen ankommen, wird die russische Armee die Sache schon entschieden haben; das ist alles schon so abgekartet. Die französischen Bourgeois unterstützen den asiatischen Despotismus, und helfen Ungarn, Wien, Berlin, Rom, und Neapel wieder zu den äußersten Vorposten der Knutenmajestät von Irkutz und Tobolzk machen. Sehr ehrenhaft — erbaulich!
In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag mußte die ganze Garnison in den Kasernen unter den Waffen bleiben. Welden hoffte einen kleinen Anlaß benützen zu können, um loszuschlagen und seine neuliche Klub-Kundmachung zu bewahrheiten. Man rührte sich jedoch nicht. Die Zündlöcher der auf den Basteien stehenden Geschütze sind so vortrefflich mit Blech und Riemen bewahrt, und diese selbst der Art bewacht, daß das Vernageln seine bedeutenden Schwierigkeiten hat, und nur unter großer Masseerhebung vielleicht ausführbar würde.
Uebrigens werden die Kasernen, Basteien und sonstige vom Militär besetzte Punkte durch Telegraphenlinien in Verbindung gesetzt.
Erzherzog Albrecht ist aus Italien hier angekommen und wird, wie es heißt, an Welden's Stelle, Gouverneur von Wien werden, Welden aber in Italien oder Ungarn verwendet werden. Dieser Erzherzog Albrecht spielte unter Metternich in der Armee die Rolle, welche Erzherzog Ludwig in der Verwaltung spielte. Beide wurden im März sammt ihrem Patron leider nur verjagt. Albrecht hatte damals in's Volk schießen lassen. Ein anderer Zug von ihm ist aber dieser. In Oesterreich haben bekanntlich von jeher alle Wachen geladen; kein Posten ohne geladenes Gewehr. Nun hatte Albrecht das Tabackrauchen in den Straßen untersagt, und den einzelnen Posten auf's strengste einschärfen lassen, nach einmaligem Auffordern auf jeden zu schießen, der sich mit einer Cigarre oder Pfeife im Munde, ihnen nähere. Da der Nationalhaß immer bestand, so schoß der Czeche auf den Deutschen, der Italiener auf den Czechen, der Deutsche auf alle u. s. w., fast je nach Belieben. Die Sache wurde endlich selbst dem damaligen Wiener zu arg; man wandte sich an den kommandirenden General von Niederösterreich, und dieser befahl dem ihm untergebenen Albrecht, die Verordnung zu mildern, besser, ganz aufzuheben. Albrecht gehorchte nicht, aber der kommandirende General hatte nicht den Muth, diese Insubordination wider einen Erzherzog und metternich-sedlnitzky'sches Schooßkind zu rügen. Er brachte daher den Fall vor den sogenannten Staatsrath, dem der Kaiser präsidirte. Dort wurde lange hin- und herdebattirt, aber kein Resultat erzielt, da Albrecht nicht nachgeben wollte, die anwesenden Metternich-Sedlnitzky wohlweislich aber schwiegen. Ebenso der Kaiser. Endlich aber nahm letzterer seinen Hut, näherte sich befangen der Thüre, und, indem er in der halbgeöffneten stehen blieb, rief er angstvoll in den Staatsrath: „Beschließt, was ihr wollt, aber meiner Meinung nach sollen meine Unterthanen einer Cigarre wegen nicht zusammengeschossen werden!“ Damit machte er sich durch, wie ein Holländer, der das Standrecht verwirkt hat. Ohne daß Albrecht's Befehl darauf annullirt worden wäre, wurde dem Kaiser zu lieb das Tabackrauchen ohne Zusammenschießen von nun an, aber immer nur nach Belieben der Posten geduldet. — Ein solches Unthier befindet sich jetzt wieder in unserer standrechtlichen Atmosphäre!
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@facs1014
[ 14 ] Wien, 1. Jan.
Das „starke Ministerium der That des alt-ehrwürdigen mächtigen Oesterreich's“ hat endlich außer dem gewöhnlichen standrechtlichen Heroismus zum Neujahr eine Großthat ersten Rangs begangen. Es hat die Censur, ja noch weit schlimmeres, wieder eingeführt. „Um das politische Recht der freien Presse den Staatsbürgern unverkümmert zu erhalten (ein solcher Hohn ist doch nur hier noch möglich, er ist gar zu plump selbst für Idioten!) und nicht durch fortgesetzten Mißbrauch beim bessern Theile (d. h. bei den eigentlichen Thieren) des Publikums um Ansehn und Theilnahme zu bringen, hat sich das Ministerium des Innern (Stadion) ‥… um wenigstens in der äußern Form der Veröffentlichung die am meisten Aergerniß gebenden Uebergriffe (möglich unter dem Standrecht?) abzustellen, bestimmt gefunden:
1) Das Anheften von Plakaten politischen Inhalts ist bei 100 Fl. Strafe verboten.
2) Die Redakteure von Zeitungen müssen jedes Blatt eigenhändig unterschrieben, vor dem Druck täglich mit Bezeichnung von Tag und Stunde der Abgabe der Stadthauptmannschaft überweisen, bei jedesmaliger Strafe von 100 Fl. C.-M. für Versäumniß.
Wien, den 28. Dez. 1848.
Niederösterreichisches Regierungspräsidium: Bamberg.
Was wird Europa dazu sagen? seufzt man in seiner Verzweiflung hier bei solcher Gelegenheit immer. Aber Europa schweigt. Paris und Frankfurt halten kaiserlichen Fasching, den sie wider alle Kalendersitte schon zwei Monate früher begonnen. Blut und Verrücktheit steht auf den Bajazzomützen Europa's.
Doch ich habe Sie noch mit einem andern ähnlichen Aktenstück bekannt zu machen.
Der hohe Klerus in Oesterreich, nämlich im Erzherzogthum ob und unter der Ems, der Fürsterzbischof von Wien, „Vinzenz Eduard“, der Bischof von Linz, „Gregor“, und der Bischof von St, Pölten, „Anton Buchmayr“, protestiren in einer Denkschrift vom 12. Dez. wider §. 16 des Entwurfs der österreich. Grundrechte, lautend: „Eine Staatskirche gibt es nicht.“ Sie protestiren ferner gegen §. 19 daselbst, welcher heißt: „Keiner religiösen Gesellschaft darf ein leitender Einfluß auf öffentliche Lehranstalten eingeräumt werden.“
Sie verwahren sich sodann gegen jeden Eingriff in das Eigenthum der Kirche, und verlangen eine Entschädigung für die durch kaiserl. Ukas vom 7. Sept. aufgehobenen Zehnten und Urbarial-Bezüge. Endlich donnern sie wider den „Unfug“ der Preßfreiheit.
Der Ton der Schrift ist ungemein uhuächzend. Unter anderm kommt vor: „Nicht nur Robespierre fand sich veranlaßt, das Dasein Gottes zu proklamiren u. s. w.“ Der Reichstag wird als ein Scheusal dargestellt, größer als nach dem Krummstab Robespierre es war.
Kuranda droht, die Juden würden aus Oesterreich alle nach Preußen auswandern, wenn der Reichstag sie nicht emanzipire. Er sieht die Juden-Antipathie nicht ohne Absicht durch das Glas des Religionshasses, obwohl dieser Grund auch bei dem albernsten Oesterreicher zur Lächerlichkeit geworden ist.
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@facs1014
[ 109 ] Düsseldorf, 3. Januar.
Auch für Düsseldorf bringt das neue Jahr erfreuliche Gaben. Während man sich von vielen Seiten noch der naiven Hoffnung hingiebt, den Belagerungszustand bald quitt zu sein, lassen sich die hiesigen Behörden unter demselben im neuen Jahre erst recht wohl sein. Nicht genug, daß man sich erlaubt, die Versammlungsfreiheit im Angesicht der bevorstehenden Wahlen aufzuheben, ohne irgend den „Rechtsboden“ zu berücksichtigen — diejenigen, von denen die wohllöbl. Polizeiinspektion vermuthet, daß sie bei der Ansagung jener verbotenen Versammlung betheiligt seien, werden ausgewiesen. Dies ist an und für sich nichts wunderbares. Aber der heutige Fall — die erste Ausweisung seit dem Belagerungszustand — wird lehrreich durch die Person, die er getroffen. Es wurde nämlich der Lieutenant a. D. v. Lilljestroem zum Polizeiinspektor beschieden und ihm eröffnet, daß er auf Befehl „höhern Orts“ vom 31. Dezember v. J. binnen 24 Stunden Düsseldorf zu verlassen habe. Als Grund wurde angegeben, daß v. Lilljestroem die erwähnte Versammlung ausgeschrieben, „oder doch wenigstens dabei betheiligt sei.“ (!!) Zu bemerken ist, daß v. Lilljestroem sich hier zum Vergnügen aufhält, und sich durchaus nicht mit Politik beschäftigt. Man sieht, für die hiesigen Behörden ist die Zeit der „Vermuthung“ und des „dringenden Verdachts“ wieder glücklich da. Wenigstens wird Herr Manteuffel mit der pflichtgetreuen Ausführung seiner „Andeutungen“ zufrieden sein können. Hr. v. Lilljestroem wird morgen beim Regierungspräsidenten über dieses durch nichts gerechtfertigte Verfahren Beschwerde einlegen. (Wird natürlich ungeheuer viel helfen!)
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@typejArticle
@facs1014
[ * ] Berlin, 8. Jan.
Wie viel von den 16 Millionen Preußen wissen wo Dramburg liegt? und wie viele von diesen so Hochgelehrten haben je das Dramburger Kreisblatt gelesen oder kennen nur dessen Existenz? Wer aber von Allen hätte je vermuthet, daß die vielgewünschte ehrliche und offene Erklärung des Ministeriums über den vieldeutigen Begriff „selbstständig“ gerade in diesem obscuren Blatt eines obscuren pommerschen Landstädtchens sich finden würde? und doch ist dem so. Die heut hier angelangte Ostseezeitung Nro. 1 bringt als Auszug aus dem Dramburger Kreisblatt einen Ministerial-Erlaß vom 20. Dezember, wonach das Wort „selbstständig“ bei den diesmaligen Wahlen einen noch weitern Kreis umfaßt, als die landrechtliche Kategorie der Dispositionsfähigen. Das Ministerium erklärt nämlich ausdrücklich, daß „volljährige, aber in väterlicher Gewalt stehende Söhne, um dieser Eigenschaft willen von den Wahlen nicht unbedingt auszuschließen seien.“
Ferner wird eben so ausdrücklich erklärt, es sei „vor erfolgter gesetzlicher Feststellung des Begriffs der politischen Selbstständigkeit die Führung eines eigenen Haushaltes als Bedingung des aktiven Wahlrechtes nicht anzusehen,“ es seien also Dienstboten als Urwähler zulässig. Nur offenbar unselbstständige Personen, wie z. B. Wahnsinnige, gerichtlich erklärte Verschwender und Gefangene seien von den Wahlen auszuschließen. Ueberhaupt sollen die „Ortsbehörden bei der Aufstellung der Wahllisten sich jeder ängstlicher Prüfung der Frage enthalten, ob einem, die sonstigen gesetzlichen Bedingungen des aktiven Wahlrechts erfüllenden Einwohner, die erforderliche Selbstständigkeit beiwohne;“ es soll vielmehr das Vorhandensein der letztern angenommen werden, bis der Beweis des Gegentheils irgendwie vorliegt.
Wie richtig und zuverlässig unsere unter dem 28. Dez. gemachte Mittheilung über die eigenthümliche Interpretation war, welche das Ministerium der Verfassungsbestimmung über den sechsmonatlichen Aufenthalt in einer Gemeinde, der zum Urwähler qualifizire, betreffs der vielfach dislocirten Truppen geben wolle — das beweist ein amtliches Circular des hiesigen Magistrats, das jetzt an alle Hauptbesitzer verschickt wird. Dasselbe trägt das Datum vom 25. Dezbr., dem Tage der Ausfertigung des damals von uns erwähnten Ministerialbefehls und bemerkt ausdrücklich, daß „die früher hier garnisonirten, inzwischen aber etwa dislocirten, seitdem jedoch wieder eingerückten Truppen ihr Wahlrecht für Berlin behalten.“ Auch ist in der That in den letzten Tagen mit Heranziehung früher hier garnisonirt gewesenen Truppentheile der Anfang gemacht worden. —
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@facs1014
[ 80 ] Pritzwalk, 1. Jan.
Die Märzerrungenschaften haben uns so viel Komisches und Humoristisches gebracht, daß die misanthropischste Weltanschauung hieran noch einige Erlustigung finden kann. Zu diesen komisch-humoristischen Märzerrungenschaften gehören vor Allem die sogenannten Preußenvereine, deren Entstehung, weitere Entwicklung und Ausbeutung durch Potsdam'sche Diplomatie gewiß in der Zukunft das reichste Material zu scherz- und ernsthaften Darstellungen bieten wird. In der Hoffnung, daß diese Preußenvereine ihren Thucidides finden werden, hier einen kleinen historischen Beitrag über Entstehung und Aufführung unseres hiesigen Preußenvereins.
Mitte November des Revolutionsjahres 1848 bildete sich hier ein Klub unter dem Namen eines demokratisch-konstitutionellen Vereins, in welchem vorläufig alle politischen Farben vertreten waren; der Verein sprach sich schon in seinen ersten Sitzungen entschieden für die im November verfolgte Nationalversammlung aus. Sofort sonderten sich die Schlacken des Vereins von demselben, um demnächst als Preußenverein mit Gott für König und Vaterland zu gerinnen. Während der demokratisch-konstitutionelle Verein, dessen Mitglieder jetzt circa 200 Bürger, in seinen Berathungen über die Oktroyirte sich für Abschaffung des Adels, der Orden und Titel, für das Recht der Landwehr, als solche sich zu berathen, für eine von der Volksvertretung festgesetzte Civilliste und suspensives Veto des Königs, für das Urwählerrecht des 24jährigen Staatsbürgers, abgesehen von der Selbstständigkeit, für direkte Wahlen ohne Census und für eine in derselben Weise wie die zweite Kammer gewählte erste etc. etc. entschied, beschäftigte sich der Preußenverein mit ganz andern Dingen in harmlos-witziger Weise. Zuerst hielt er Umschau über die Häupter seiner Lieben und erblickte unter ihnen hauptsächlich Freiheitshelden von 13-15 mit der schwarzen Medaille der Nichtcombattanten, Braunbiergäste eines geldsackigen Brauers, einen pietistischen Stadt- und einige verbauerte Landpfaffen — Alles in Allem 30-40 „gute Bürger“ mit Gott für König und Vaterland. Die Geranten des Vereins faßten sich hierauf an die Köpfe, schüttelten sie und sannen, wie sie ihre Zahl mehreten. In dunkler Ahnung dessen, was die Breslauer Deputation später in Potsdam offiziell erfahren hat: daß der Thron vor Allem sich auf das platte Land stütze, entschlossen sie sich, die Massen des platten Landes, vulgo Bauern, heranzuziehen.
Der Priegnitzer Bauer ist strammer Natur,
Er pflügt seinen Acker, bestellet das Land
Mit Gott für König und Vaterland.
Also heißt es in einem schönen Gedichte, eigens für den hiesigen Preußenverein von einem patriotisch-politischen Landpastor fabrizirt. Wie aber Bauern heranziehen? Wohl war es bekannt, daß die „stramme Natur“ derselben auch zugleich zähe ist und absonderlichen Reiz verlangt. Der Reiz wurde gefunden in einem sogenannten Baron Seld, vom Volke „Rübengraf“ genannt, weil er in irgend einem Winkel des berühmten Teltower Kreises sein Nest und seine Jungen hat; Baron Seld reist in hiesiger Gegend für den Preußenverein in Berlin und macht auf Volksversammlun- [1015] gen und in seelenverwandten Klubs in Branntweinreden als Mäßigkeitsvereinter, in Gesängen und frommen Betrachtungen als Pietist, und in fulmianten Aufrufen mit Gott für König und Vaterland als Patriot Geschäfte. Bezahlung erhält er auf einem jedesmal für ihn angestellten Brudermahle durch Kollekte und rekommandirt bei dieser Gelegenheit ein unter seinem Namen herausgegebenes Volksblatt.
Also Baron Seld! Hollah! Baron Seld! hierher nach Pritzwalk! Allez ici! — Und er kam. —
Durch Landpfaffen, Bier- und Schnaps-Wirthe und vagabondirende wühlende Patrioten war die „stramme Natur“ der Priegnitzer Bauern hinreichend erregt und am festgesetzten Tage, einem Wochenmarkte, erschien die Legion, um den „Boten des Königs“ zu sehen und zu hören. Diese denkwürdige Sitzung des Preußenvereins begann auf Baron Seld's Veranlassung mit fromm-erhebendem Gesange (seitdem hat der Verein diese Sitte beibehalten, nur daß er weltlicher geworden und „heil dir im Eichenlaub“ und „der Priegnitzer Bauer ist strammer Natur“ vorzieht) und dann erschien Seld, der Held, auf der Tribüne. Seine Rede gehört der Geschichte der Preußenvereine; reich an Unterthanentreue, Gottes- und Christusliebe, Gut- und Blutopferung für König und Vaterland schloß er sie damit, daß er die Bauern Brüder nannte, sie umarmte, küßte und aufforderte, die Statuten des Pritzwalker Preußenvereins zu unterschreiben. König und Vaterland scheinen dem hiesigen Bauer noch unverdächtig und er unterhaute die Statuten.
Dieser Verein ist es, der in einer Adresse in dem preuß. Staatsanzeiger vom 31. Dezbr. 1848, sich dankend Sr. Majestät zu Füßen legte für die geschenkte Verfassung. Die Adresse wurde von drei Wesen menschlicher Gestalt, einem Dr. med., einem Dr. phil. und einem Candid. theol., zuerst dem Minister Brandenburg, dann dem General „Druf“ als Legitimation vorgelegt und zuletzt die 3 Wesen Sr. Majestät vorgeführt. Die 3 Wesen theilten nun in der letzten Preußen-Sitzung mit, daß Brandenburg sie umarmt, Wrangel sie geküßt und Se. Majestät ihnen herzlich die Hand gedrückt habe. Se. Majestät hat auch gesagt, daß er Pritzwalk wohl kenne, daß er bereits dort gewesen und von den Schützen begrüßt worden (Anno 41), daß er der Dörfer und Umgegend sich wohl erinnere und herzlich, recht herzlich grüßen lasse. Darauf hat auch der Prinz von Preußen dem Dr. med. stark die Hand gedrückt, daß er fast Schwielen davon bekommen und so könne die Deputation denn ihrem Vereine versichern, daß Alles in Preußen in schönster Ordnung sei. Mit 3mal 3maligem Hurrahruf mit Gott, für König und Vaterland wurde diese denkwürdige Sitzung geschlossen.
Das Verhängniß will es aber, daß an denselben Tagen, an welchen die Preußengesellschaft ihre Sitzungen hat, auch der democratisch-constit. Verein tagt und der „stramme Priegnitzer Bauer“ zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt — er kommt auch in den democratisch-constit. Verein.
Schrecklich! Der Bauer kommt auf die Idee, daß hier doch von Staats- und gelehrten Sachen gesprochen wird, was dort, in der Preußen-Gesellschaft wenig oder gar nicht der Fall ist; der eine Bauer wird besorgt, daß er durch Namensunterschrift des Preußen-Vereins-Statuts sich schaden könne, der andere weiß nicht, was seine Unterschrift zu bedeuten hat, der dritte findet, daß in der Preußen-Gesellschaft zu toll geschimpft wird auf die Demokraten, der vierte läßt sich in den democratisch-constitut. Verein aufnehmen — kurz der Zweifel ist in dem Preußenverein durchgebrochen und die „schönste Ordnung“ im Staate ist gefährdet.
So aber sind die Säulen des preuß. Staates beschaffen, wie sie in langzeiligen Adressen des preuß. Staatsanzeigers sich recken! —
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@facs1015
[ 15 ] Frankfurt, 3. Januar 1849.
Die National-Versammlung wird heute abermals um 5 Mitglieder, unter denen keine hervorragende Individualitäten von Intelligenz, deren es ja überhaupt nur äußerst wenig gibt, geschwächt (!)
Der Vorstand hat nicht versäumt, einen Neujahrswunsch beim Reichsverweser herunterzubeten, der eine für die Versammlung — welches Glück — wohlwollende Antwort zur Folge gehabt hat. Beide Dokumente werden gedruckt und vertheilt werden, natürlich weit lieber als die zerzausten Grundrechte des deutschen Volkes! Als Neujahrsgeschenk beantwortet der „Edle“ einige Interpellationen, und fürwahr, er ist ein einziger, würdiger Nachkomme des Herrn Anton von Schmerling, Ritter p. p.
Wenn Zimmermann aus Spandau interpellirt hat, warum die hohen Herren nicht öffentlich bekannt gemacht würden, welche zu Amt und Würde bei der Central-Gewalt (Central-Ohnmacht) gelangen, so ist darauf ein „Darum“ zu antworten nicht nöthig. Genug, der „Edle“ erklärt, es werde dies künftig geschehen, vorausgesetzt, daß es sich nicht um blos vorübergehende Aufträge handle.
Wir wollen aus dem Innersten unserer Seele mit dem deutschen Volke hoffen, daß der ganze Central-Schatten, mit allen seinen ekelhaften Anhängseln nur etwas Vorübergehendes gewesen sein wird. Finis coronat opus!
Auf die Interpellation Würth's von Sigmaringen: was das Ministerium gegen die Uebertragung der Regierung des Fürsten von Hohenzollern an die Krone Preußens — der König von Volkes Gnaden — resp. zur Wahrung der Rechte der Betheiligten thun werde (weil nämlich eine solche Uebertragung der Regierung ohne Genehmigung des Volkes nicht stattfinden darf und auch die Majorität der undeutschen National-Versammlung vorläufig von Mediatisirungen nichts wissen will), antwortet der Edle: Das Reichs-Ministerium wisse nichts (das ist auf's Evangelium zu glauben). Eine Absicht solcher Uebertragung sei ihm nicht angezeigt worden (wird auch niemals für nöthig erachtet werden) und habe somit (wie gewöhnlich zu Zeiten Weiland Schmerlings) keine Veranlassung, auf die Erwägung der Interpellation einzugehen.
Roßmäßler hat bezüglich der Verletzung des Briefgeheimnisses interpellirt, welche Schritte das Ministerium zum Schutze dieses heiligsten Rechtes des Volkes thun werde.
v. Gagern meint: Aus der Thatsache, daß ihm, dem Interpellanten ein Brief eröffnet worden, lasse sich noch nicht ein Verdacht der Verletzung durch die Beamten begründen, auch sei es ihm zu überlassen, wenn er die Sache weiter verfolgen wolle, sich an die zur sicheren Beförderung der Briefe berufenen Personen zu wenden. (Die Rechte freut sich wie ein besch — — Kind.)
Die Interpellationen Nauwerk's und Martiny's, bezüglich der italienischen Frage, der Interpellation Venedey's: warum immer noch in Italien die kriegsrechtlichen Executionen fortdauerten, sowie die Interpellation Schultze's, die Schützung der östlichen Grenzen betreffend, kann der „Edle“ nicht beantworten, weil sie in zu genauer Beziehung mit der Stellung Oestreichs zur Central-Gewalt stehen, und wird er daher warten, bis diese Frage principaliter entschieden sein wird, um dann specialiter und eventualiter — Nichts zu sagen. —
Roßmäßler ist nicht befriedigt, und behält sich seinen Antrag noch vor.
Man geht zur
Tagesordnung.
1) Wahl des Präsidenten und der beiden Vicepräsidenten.
Simson wurde mit 242 Stimmen zum Vorsitzenden gewählt.
Simon, Hch., aus Breslau, erhielt 79 — Kirchgeßner 27 und der Weiland Reichskommissair Welker seeligen Andenkens 10 Stimmen.
Und Simson sprach: — (nicht der mit den Eselskinnbacken? —)
„In dem Augenblicke, wo ich zur Leitung der Geschäfte berufen werde, ist zwar ein Theil der Aufgabe dieser Versammlung erfüllt, aber der andere Theil ist nicht minder wichtig. — Nicht ohne banges Zogern folgt er nun diesem Rufe, das Schatzbare des Vertrauens der Majorität dieser Versammlung keineswegs verkennend. Ich begreife, fährt er fort, daß dadurch die stolzesten Wunsche, selbst des ehrgeizigsten Mannes befriedigt (!!!) sein können, und werde ich dies als das edelste Erbe meinen Kindern überlassen (2000). Mit gerechter Sorge aber frage ich mich, ob die hohe National-Versammlung, die an die Leitung eines so hervorragenden (breitschultrigen) Mannes gewöhnt ist, sich mit dem guten Willen einer sorgfältigen, parteiischen Handhabung der Geschäfts-Ordnung begnügen wird. Endlich hofft er, wie alle, auf Nachsicht und Unterstützung, und wird sich bemühen, den an ihn gestellten Wunschen entgegen zu kommen. (Uebliches Bravo.)
Bei der Wahl des ersten Vicepräsidenten erhält Beseler mit Fonds 172 Stimmen, Hch. Simon 80, Kirchgeßner 66, Welcker (Reichskommissair) seel. Andenkens 44 — u. s. w.
Beseler hat aber nicht die absolute Stimmenmehrheit. Es muß nochmals gewählt werden.
Nun erhält Beseler 190, Hch. Simon 70, Kirchgeßner 65, Welcker (Reichskommissair [unleserlicher Text]seel. Andenkens) 14 u. s. w.
Und Beseler sagt:
„Meine Herren, ich danke Ihnen für den neuen Beweis des Zutrauens, welches Sie mir schon einmal geschenkt haben.
„Sollte ich in die Lage kommen, nochmals präsidiren zu müssen, so hoffe ich Ihnen wenigstens zu beweisen, daß mir in einer solchen Stellung nichts mehr am Herzen liegt, als ohne alle Rücksichten auf Partheien die Geschäfts-Ordnung zu handhaben. (Wie bisher?) Die Lage, in der sich Deutschland befindet, ist zwar ein Punkt von großer Wichtigkeit, aber was in meinen Kräften steht für Deutschland zu wirken, werde ich zu thun für meine heiligste Pflicht halten. Es ist Zeit, ja hohe Zeit, die geisterhafte, machtlose Existenz (die bitterste Wahrheit) in welcher sich Deutschland befindet, zu vertauschen und in eine lebensfrische, kräftige Gegenwart zu dringen. — Das deutsche Volk muß in der allernächsten Zeit aus dem provisorischen Zustande, in welchem es sich befindet, in ein definitives Staatsleben treten oder wir müssen befürchten, daß sich die Geschicke Deutschlands in einer Weise erfüllen, die uns nur Kummer bringen können.
„Darum Macht, Macht und nochmals Macht, um die Freiheit nach Innen und Außen zu schutzen.“ (Bravo aus den Centren.)
Als zweiter Vicepräsident wird Kirchgeßner mit 161 Stimmen gewählt, Welcker hatte 43, Simon 56, Schwerin 24, Graf von Gierke 14 u. s. w.
Kirchgeßner dankt mit wenigen Worten, man geht zu
2) Ergänzungswahl dreier Mitglieder in den Ausschuß für Begutachtung der Wahlen in den badischen Bezirken Thiengen und Constanz.
Die Zettel werden eingesammelt.
3) Berathung des vom Abgeordneten Friedrich, Namens des Finanzausschusses erstatteten Berichts, über das Verzeichniß der Kosten der aus der Reichsversammlung entsendeten Deputation an den Reichsverweser, auf der Reise nach Wien.
Die Kosten ad 2839 Gulden werden genehmigt.
4) Berathung über die Berichte des Abgeordneten Compes:
a) Die Ausweisung des Literaten Diezel betreffend;
b) über die Eingabe des Mechanicus J. J. Graß zu Düsseldorf, die Gefangenen zu Bruchsal betreffend;
c) über die Eingabe des Obergerichtsanwalts Sternberg in Marburg, die Wahlen zur Reichsversammlung betreffend.
Ausschuß-Anträge angenommen.
5) Berathung des vom Abgeordneten Böcler, Namens des Ausschusses für Gesetzgebung, erstatteten Berichts, über den Antrag der Abgeordneten Wiesner, Brentano und Genossen, sofortige Aufhebung der Strafe der körperlichen Züchtigurg bei den Reichstruppen betreffend.
Wiesner empfahl seinen Antrag nochmals der Bericht-Erstattung, wies aber darauf hin, daß schon durch die Grundrechte die körperliche Züchtigung abgeschafft sei 6) Berathung der vom Abgeordneten Pagenstecher, Namens der siebenten Unterabtheilung des volkswirthschaftlichen Ausschusses, erstatteten Berichte:
a) über eine an die Reichsversammlung sub Nr. 897 gelangte Petition der Versammlung der 106 homöopathischen Aerzte aus Rheinland und Westphalen;
b) über die von dem Vereine practischer Aerzte und Wundärzte zur Forderung der Gesammtinteressen des Heilpersonals etc., eingereichte Petition,
IV. und V. wird unter Verwerfung der Ausschuß-Anträge die Tages-Ordnung angenommen.
7) Berathung des vom Abgeordneten Langerfeldt, Namens des Ausschusses für Geschäftsordnung erstatteten Berichts, über einen vom Abgeordneten Wesendonk gestellten Antrag: den Schluß der Debatten betreffend.
VI. a) angenommen, b) verworfen.
8) Berathung des vom Abgeordneten Schulze aus Potsdam, Namens des Ausschusses für Wehrangelegenheiten, erstatteten Berichts über verschiedene Anträge und Petitionen.
VII. Tagesordnung angenommen.
Morgen kommt endlich nach kurzer Debatte der Bericht über die octroyirte Verfassung für Preußen und über Abschaffung der Spielhöllen.
Der österreichische Ausschuß ist mit seiner Berathung am Ende, hat aber einen Beschluß gefaßt, weil ihm inzwischen die Erklärung des österreichischen Ministeriums bekannt geworden ist. Der Beschluß wird heute wohl gefaßt werden
Um 1 Uhr läuft man nach Hause.
[Feuilleton]
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@facs1015
waren länger als gewöhnlich, seine Gesichtsfarbe war bleiern fahl und die Worte haspelten sich aus seinem Munde los, wie ein dünner langweiliger Zwirnsfaden von einer unbeholfenen Spuhle — o, es war entsetzlich, wie man uns peinigte! Da kam der Abend; und derselbe Mann, der uns Morgens den Katechismus einpaukte, er schlug den Homer auf und las uns einen Gesang der Odüsse vor. Anfangs holprig und poltrig. Man merkte, daß der arme Mann erst das Christenthum vergessen mußte, um ganz wieder Heide zu werden. Aber allmälig ging es besser, mit jeder Strophe gewann seine Stimme an Wohlklang. Es war, als wenn der ganze Mensch von Minute zu Minute anders geworden wäre. Der Rücken hörte auf steif zu sein, die Ohren wurden kleiner, sein Gesicht belebte sich, seine Augen funkelten; der Schulmeister war ein Mensch geworden, ja, der arme Teufel war plötzlich ein schöner Mann und er riß uns fort und athemlos horchten wir, und war er zu Ende und blitzten Freudenthränen in seinen Wimpern, da stürzten wir auf ihn los und warm drückte er uns die Hände und heiter eilten wir in die Nacht hinaus, wo die Sterne am dunkeln Himmel heraufzogen, feierlich, prächtig — ach, und wir glaubten an die alten Götter.
Der Mann, der uns zu Christen machen sollte, er machte uns zu Heiden. Ich werde ihm das nie vergessen. Dankbar will ich seiner gedenken.
Herrn von Schnapphahnski erwartete in Rom der beste Empfang. Frau Venus protegirte ihn herrlich und zum Lohn für seine Sünden schmückte man seine Brust mit einem der höchsten Orden der Christenheit.
Französische Republik.
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@facs1015
[ 17 ] Paris, 1. Jan.
Nichts amüsanter als die Fratze, die Monsieur Véron (Constitutionnel) seit einer Woche schneidet. An diesem verworfenen Blatte der Ausbeuter können wir, wie in animali vili auf dem Anatomirtisch, die Leiden und Freuden, die geheimen Lüste und Aengsten, die Phantasien und Syllogismen der gesammten Herrscherkaste Frankreich's studiren. Heute beglückt es sein Publikum mit einer ellenlangen Heulpredigt gegen die „durch wahrhaft beklagliche Zufälle dem Lande auferlegte Februarrepublik“, und liest danach den „deutschen Doktoren des Unglaubens und der Umsturzsophistik“ den Text; nur ihnen sei die Aufrührerei in Berlin und Wien zuzuschreiben, während die „brave, gutherzige Majorität daselbst auf ruhigem Fortschrittspfade begriffen gewesen.“ Deutschland's Fürsten werden ermahnt, auf diese Kerls wachsam zu sein; Ungarn's und Rom's Besiegung werde hoffentlich das Signal zu energischerm Auftreten des „Ordnungsheeres“ in ganz Europa sein. Das Blatt kann die deutschen Demokraten in specie nicht verdauen; neulich brachte es die Rede auf „intellectuelle, moralische und materielle Einigung Frankreich's mit Deutschland“, die auf dem deutsch-französischen Sozialdemokratenbankett (dem notabene ein zweites am 21. Januar zur freudigen Gedächtnißfeier der Kopfabschneidung des gottbegnadeten Königs Louis XVI. folgen wird) besprochen wurde und die Herren Véron „ebenso unreligiös als antisozial“ erschien, wie er seufzend bevorwortet. Zur Erbauung der „Neuen Preußischen Zeitung“ dient, daß deren Sonntagsblättlein aus dem Feuilleton der „Neuen Rheinischen Zeitung“ in diverse französische Blätter übergegangen, den „Peuple souverain“ zu der Frage veranlaßte: „Haben denn die tückischen Pedanten in schwarzen Fräcken und weißen Handschuhen, welche den Thron des Enkels des unsterblichen Friedrich — des Königs der sterbend sagte: ich habe lang genug Sklaven beherrschen müssen — umstehen, und die flachsgelben Bramarbasse mit dem Schleppsäbel, diese Herren würdig dem Magister Guizot und Kartätschenvater Bügeaud den Arm zu reichen, haben sie denn den Champagnerzug, die republikanischen Kanonen von Valmy vergessen? Von Jena wollen wir Republikaner nicht reden, aber wir bitten die vermoskowitterten Herren der preußischen Kamarilla, zu glauben, daß die 1848ger französischen Demokraten mit Plaisir Valmy wiederholen werden.“ Es wird die Preuß. „Galgenzeitung“ (wie sie im Toulouser „Constituant“ und Lyoner „Peuple souverain“ dermalen heißt) vielleicht vergnügen, folgende Probe aus jener, Herrn Véron verdrießenden, Rede zu genießen: „Deutsche, französische Demokraten, die Stunde naht, wo eine heilige Völkerallianz der unheiligen, heillosen Kabinetsallianz, die sich lang genug Sainte Alliance titulirte, entgegentreten muß; dann wird die infame Allianz der Kabinette ersticken in den Zuckungen der Tollwuth und Verzweiflung und in den Strömen des eignen unreinen Blutes. Seit Juni hat die deutsche Hochbourgeoisie sich wieder recht innig den deutschen Dynastieen in den Arm geworfen; so in Wien und Berlin; in Mailand spielte sie den Judas Ischarioth; Franzosen, paßt auf, daß diese Kaste dieselbe Rolle nicht auch anderswo spiele. Reaktion ist das in der Bourgeoisie- und Aristokratenklasse verkörperte Privilegium, das trotz 1793, 1830 und 1848 noch aufrecht steht. Impertinenter als je ist jetzt diese deutsche Reaktion … seht wie die Kamarillaknechte Henkerbeil und Galgenstrick bereiten … wie der große Dänensieger rheinwärts geschickt wird, um mit Pulver und Blei gegen deutsche Demokraten daselbst zu verfahren, die etwa auf Frankreichs Republik hinblicken … Französische Demokraten! die Kannibalenhorden Rußlands werden gen Westen dringen, unsere germanischen Gauen werden noch ein Mal das weite Kampfgefilde der Barbarei und Bildung … Ihr werdet noch einmal nach Deutschland ziehen, aber kommt nie als Eroberer. Kommt als Soldaten der echten, der Proletariatsdemokratie, der Republik des Arbeitsrechts … und wir, mit Euch die Vorhut der Menschheitsbefreiung im Klassenkampf bildend, werden unsere Zwingmeister und Scharfrichter niederschlagen. Und wenn sie stolzhöhnend zu Roß sitzen am Rhein, dann stehen Deutschlands Demokraten auf hinter ihrem Rücken an Elbe und Oder, und die Götzen fallen … Es lebe der Terrorismus, der muß gegen die Ungerechten in Deutschland organisirt werden; ein Hochauf St. Just, Robespierre, Couthon, Marat! ein Hoch auf das demokratisch sociale Deutschland und Frankreich.“
Die pariser deutschen Demokraten und Flüchtlinge sehen sich genöthigt, eine Erklärung zu publiciren: „Die franz. Demokraten wurden von gewissen Individuen, die sich Märtyrer der deutschen Demokratie nennen, exploitirt; kein echter deutscher Demokrat spekulirt auf die Dienste, die er der guten Sache erwiesen; sie protestiren also feierlich gegen alle derartige Spekulation. Dies bezieht sich unter andern auf einen wiener Exlegionär, der unsinnig genug geradezu an öffentliche Mildthätigkeit appellirt.
Gestern war das Neujahrsbankeitt des deutschen Vereins; eine Reihe Toaste und deutsche Lieder folgten einander.
— Für Mediziner interessant dürfte sein, daß 1389 Aerzte in Paris prakticiren, also weniger als 1847; 56 sind dies Jahr gestorben; 9 sind Volksrepräsentanten: Trelat, Büchez, Lelut, Vecurt, Trousseau, Macssiat, Gerdy, Bixio, Deseimeris. Minister waren Bixio, Vecurt, Trelat. Kammerpräsident 1 (Büchez am 15. Mai), Vicepräsident Bixio, Trelat; Direktor der Spitäler Thierry, der Gesundheitsmaßregeln Berryer-Fontaine. Polizeipräfekt: Ducoux und Gervais.
Unser lieber Freund und Bruder, B. Simon Bernard aus Carcassonne, ist bekanntlich zu fünf Jahren Haft und 6000 Fr. von den Assisen der Seine am 30. Dez. verurtheilt worden. Die Wichtigkeit des Mannes und die ungeheure Niedertracht dieser Bourgeois-Jury, die noch obendrein sich eine nach demokratischem Maaße reformirte nennt, erheischen näheres Eingehen. Nach vielen wackern Sturmreden dieses talentvollen, rastlosen Kluborganisirers vor und nach dem Juniunglück, nach energischen Attaquen auf Thiers und Cavaignac in dem zur Wahlversammlung umgeschaffenen Klub „Bonne Nouvelle“ (wodurch auch Frauen der Zutritt gegeben war) und nach mehrmaligen Scharmützeln mit Polizei und Parket, ward er angeklagt in den Klubs des Weichbildes zu Belleville und Monceaux (den Bourgeois doppelt schmerzhaft, da die Bauern des Weichbildes bisher vom sozial-demokratischen Pesthauch unberührt geblieben waren) „zu Klassenhaß, zu Vernichtung der Familie und des Eigenthums, zum Haß gegen Regierung und Republik (über letztere Anklage war er schmerzhaft bewegt, ich sagte ihm tröstend: über die Bourgeoisrepublik sei allerdings, von unserm Standpunkt, nur ein fortwährendes Caeterum censeo Carthaginem u. s. w. auszurufen) zum Ungehorsam gegen das Gesetz, zum Umsturz der Regierung und Staatsform, zur Aufhetzung der Bürger gegen einander, zur Anreizung zu Plündern und Brennen, zum Haß gegen die Autorität der Nationalversammlung Anlaß gegeben zu haben;“ Summa neun Punkte. Bernard erkannte dem Gericht nicht die Befugniß, über Worte in einer Wahlversammlung zu entscheiden, zu; „das Volk der Republik, wenn es zusammentritt, um sich über Wahlkandidaturen aufzuklären, hat das Recht, über die Gestaltungen des Eigenthums, der Familie u. s. w. zu diskutiren, und das menschenunwürdige, infame was in den dermaligen Gestaltungen liegt, diskutirend hervorzuheben; und ich freue mich sehr, daß ich in meinem Urtheil darüber von Ihnen, mein Herr, abweiche.“ Präsident: „Sie verlieren sich ins Allgemeine.“ Bernard: „Dazu bin ich hier.“ Präs.: „Sie thäten wohl besser, statt dessen zu beweisen, daß in einer Wahlversammlung das gesprochene Wort mit keiner Verantwortlichkeit belastet sei.“ Bernard: „Auf den Rechtspunkt möge mein Anwalt erwiedern, ich bleibe dabei, ich durfte sagen, was ich gesagt, das absolute Recht stand auf meiner Seite; so ist meine Ansicht und die aller ächten Staatsmänner.“ Präs.: „Ich entziehe Ihnen das Wort.“ Bernard: „Ich entziehe Ihnen meine Gegenwart.“ (Geht fort).
Der Gerichtshof erbebt vor Wuth, läßt Bernard durch die Diener zurückholen, und der Präsident schreit: „Sie haben den Hof beleidigt durch Ihre letzte Phrase.“ Bernard: „Nicht doch, ich mag keine Seele beleidigen, aber ich bilde mir ein, ich habe das Recht, wegzugehen.“ Präs.: (mit glühendem Gesicht und schäumender Lippe) „Freilich, freilich, das dürfen Sie, Sie dürfen défaut machen, fortgehen, aber mit Anstand.“ Bernard geht mit Anstand fort. Generaladvokat de Boyer fordert strengste Applicirung der Strafe, was auch geschieht.
Dieselben Volksfeinde verurtheilten am selbigen Tage den Ladenhändler Delente zu 1 Jahr und 1000 Fr. wegen seiner Klubrede; er hatte schon 1 Monat und 500 Fr. Strafe für eine frühere, „das Eigenthumsrecht verunglimpfende“ Klubrede bekommen.
„Wie sie sich krümmt vor Wuth und Schmerz (Peuple souverain) die alte Gesellschaft, wie sie Blut und Geifer um sich spritzt und heult und um sich haut gleich dem angeschoßnen Wildschwein; aber nur standhaft, ihr tapfern Hunde und Jäger! die Bestie wird zu Tode gehetzt vor Ablauf des Jahrzehn's. Die Associationen der Arbeiter sind ebensoviele Giftpfeile die der Bestie, die man privilegirte, aristokratische, plutokratische Klasse nennt, in die Rippen gejagt werden.“
Wir finden auf der Liste der pariser Associationen folgende: [1016] Posamentirer Rue neuve Chabrol 14; Barbiere und Haarkräusler Rue de Gravilliers 18; Schuhmacher Rue Rambutean 108 und Place de Louvre 26; Schneider Rue Clichy 68; Sattler Rue des petits Hotels 23 und Rue neuve Fontaine St. Georges 8; Wäscherinnen Rue St. Honoré 66; Formirer Rue du Cadran 12; Hutmacher Rue des trois Pavillons 5; Knopfmacher Rue Fontaine au roi 20; Papierkrämer Rue du grand Prieuré 10; Bäcker Rue d'Enfer 7; Köche oder Restaurants boulevard Pigale 36; Rue Simon le Franc 18; Chaussée du Maine. Das Arbeitsvolk kann jetzt bei Arbeitern also sich billig und gut nähren und kleiden; in der associrten Küche ißt man vortrefflicher für einen Franken als anderswo für drei. Die Preise der Waaren in allen übrigen Associationen sind ebenso erniedrigt. Das Nettoeinkommen ist bei Haarkräuslern, Köchen und Bäckern schon so bedeutend, daß die Bourgeois der respectiven Gewerbe vor Wuth und Kummer schier ganz abmagern und entweder die Bude schließen, oder in die Association werden treten müssen; es sei denn daß die reichen faulen Spitzbuben in der Kammer Verbotgesetze wider die Associationen schmieden, womit freilich ein Socialkrieg entbrennte „gegen den die Juniaffaire ein Sommernachtstraum“ (Citoyen de Dijon.)
„Ein neuer Horizont geht auf für diese Arbeiterwelt, unter deren Riesenfüßen bald das verfluchte Gehirn der Menschheitsfeinde zerquetscht verspritzen wird (Democrate in Toulouse). Es ist herrlich anzuschauen, wie das junge Leben sich durchbricht und die alten Institutionen in das kalte, trockene Absterben hineintreibt, auf medizinisch der kalte Brand geheißen, wogegen kein Kraut gewachsen ist; daß nöthigenfalls auch chirurgisch nachgeholfen werden darf, versteht sich von selber, siehe 1793“ (Peuple souverain). Guizot kommt nächste Woche nebst Duchatel und Hebert und den sonstigen vom Obergericht der Republik außer Schuld gesprochenen, Exministern Louis Philipps nach Paris. Ein Italiener lächelte als er dies hörte: „aber warum machen die guten Französchen es nicht wie wir mit Signor Nossi?“ — „Das widerstrebt der Ritterlichkeit und Großmuth der Franzosen,“ war der Bescheid. „Han perduto 'l ben del intelletto“ lächelte der Italiener achselzuckend mit Dante's Worten (sie haben die Wohlthat der Vernunft eingebüßt.)
Bilanz Frankreichs.
(Fortsetzung.)
Die Prahlerei mit der starken Anzahl von Proprietäten in Frankreich wird gar komisch, wenn man Hrn. Dupin und Blanqui (Bruder des Revolutionärs) fragt, ob sie diesen stattlichen Namen auch auf arme Schlucker appliciren wollen, die 2-3 Stückchen Land oder ein Häuschen mit 1, 2, 3, 4 Oeffnungen haben. Dupin sagte 1832 in der Kammer: „Die Masse der Steuern des Bodens ruht auf der Masse der Gesellschaft, des Volks; wollen Sie die große Agrikultur, die großen Besitzer belasten? so sage ich Ihnen, daß unter den 4 Millionen französischer Grundbesitzer volle 3,900,000 sind, die keine Pächter haben, keinen Zoll breit über 2-3 Hektars, die sie mit dem Schweiß ihrer Stirn benetzen Will man auf diese Leute erhöhte Abgaben schlagen? womit sollen sie dann ihren Nothbedarf und ihre seltenen, demüthigen Vergnügungen herbeischaffen?“ Und auch Hr. Blanqui, sonst kein Pessimist, sagt: „Viele, viele s. g Grundbesitzer besitzen nichts, um sich zu kleiden, zu speisen, und dennoch lastet die grimmige Steuer auf ihnen, sie stehen eingeschrieben in Rubrik und Linie ins unerbittliche Buch des Einnehmers, sind aber zu arm, um das Dach und die Mauer in Stand zu setzen.“ Unser berühmter Statistiker Lullin Chateauvieux sagt: „Wir haben 46 Millionen kultivirtes und kultivirbares Land; die Einzelperson braucht mittlermaßen zur Existenz, beim heutigen Standpunkt des Bodenbaus, die ziemlich große Quantität von 1 Hektar und 23 Aren, und trotz diesem unleugbaren Satze haben die 9,900,000 s. g. Kleinbesitzer mittlermaßen weniger als 1 Hektar 23 Aren. Folglich hungern sie.“
Hier ist die Tabelle:
8000 Familien haben 355 Hekt jede, also im Ganzen 2840000 Hekt.
15000 Familien haben 180 Hekt jede, also im Ganzen 2700000 Hekt.
67000 Familien haben 84 Hekt jede, also im Ganzen 5628000 Hekt.
110000 Familien haben 56 Hekt jede, also im Ganzen 6160000 Hekt.
220000 Familien haben 35 Hekt jede, also im Ganzen 7700000 Hekt.
480000 Familien haben 14 Hekt jede, also im Ganzen 6720000 Hekt.
3900000 Familien haben 3 u. 64 Ar. jede, also im Ganzen 14252000 Hekt.
4800000 Familien haben 46000000 Hekt.
Also die Familie zu 5 Individuen, formiren diese 3,900,000 Eigenthümer eine Sektion von 20 Millionen Franzosen und Französinnen, die schlechthin eben so elendiglich existiren wie die in der ersten und zweiten Kategorie.
Was man auch durch folgendes erhärten kann:
2602705 Familien haben nicht über 50 Fr. Einkommen
873997 Familien haben nicht über 100 Fr. Einkommen
737126 Familien haben nicht über 200 Fr. Einkommen
369603 Familien haben nicht über 300 Fr. Einkommen
342082 Familien haben nicht über 500 Fr. Einkommen
276615 Familien haben nicht über 1000 Fr. Einkommen
170579 Familien haben nicht über 2000 Fr. Einkommen
23777 Familien haben nicht über 5000 Fr. Einkommen
16578 Familien haben nicht über 10000 Fr. Einkommen
6681 Familien haben über 10000 Fr. Einkommen
In der Schön'schen Statistik heißt es:
8000 Grundstücke haben 1200 Arpents Inhalt
90000 Grundstücke haben 283 Arpents Inhalt
200000 Grundstücke haben 160 Arpents Inhalt
600000 Grundstücke haben 83 Arpents Inhalt
3400000 Grundstücke haben 15 Arpents Inhalt
4300000
Kurz, man kommt in den verschiedenen Tabellen, bei differirenden Ziffern, stets auf ein gemeinsames Ergebniß. Schön zählt jener unglücklichen Kleinbesitzer 3,400,000 die nur 5 Hektaren oder 15 Arpents haben, während andere Tabellen auf 3,476,708 die Zahl derer ansetzen, die per Familie 75 Fr. jährlich, à Person also 15 Fr, genießen. Und diese Personen nennt man keck: „Eigenthümer.“ Es gehört ein besonderer Muth dazu. Und Rubichon und Mounier haben Recht, diese Leute „die hungernden Bauern“ zu nennen, circa 10-12 Mill. was sie so ausdrücken: „in Frankreich leben zwei Millionen Familien Bauern, welche, um sich vom Tode entfernt zu halten, gezwungen sind, zu verzehren was sie produciren.“ Im Code steht bekanntlich das famose Gesetz: „Wenn der Eigenthümer die Grundauflagen nicht zahlen kann, so ist es ihm erlaubt, sein Grundstück der Regierung zu überlassen.“ Dies Gesetz brachte neulich der Präfekt der Niederalpen seinen Provinzialen als ein gutes Mittelchen in Erinnerung, sich ihres Besitzes auf eine bequeme Art zu entledigen.
Von 1 Fr. bis 20 Fr. zahlen 8000000 Grundstücke
Von 21 Fr. bis 30 Fr. zahlen 600000 Grundstücke
Von 101 Fr. bis 300 Fr. zahlen 300000 Grundstücke
Von 301 Fr. bis 400 Fr. zahlen 34000 Grundstücke
Der Fiskus weist uns ebenfalls hiebei auf den richtigen Pfad. Durchschnittlich zahlt ein Haus 4 Fr. 76 Cent Grundsteuer, und 1 Hektar zahlt 2 Francs 46 Centimen. Durch die so genannten Additionellcentimen steigt die Haussteuer meist auf 8, die Hektarsteuer auf 4 Fr. Die Finanzverwalter nehmen an, daß die Grundsteuer etwas unter einem Siebentel des Netto-Ertrags ausmachen, also sich zum Netto-Ertrag verhalte wie 1 zu 6 Fr. 92 Cent. Folglich ist ein Hektar darnach auf 17 Fr. Jahresertrag netto veranschlagt. Und wir hatten Recht, deucht uns, oben nicht viel Aufhebens zu machen von den unter 20 Fr. zahlenden Grundstücken, denn ein Acker, der 20 Fr. an den Fiskus zahlen muß, stellt als Netto-Ertrag nur die trübselige Summe von 136-140 Fr. dar. Soll davon eine aus 5 Häuptern bestehende Bauernfamilie ein Jahr vegetiren, so hat das doch Schwierigkeiten. Dem wird freilich auf allerlei Manieren abzuhelfen probirt, z. B. der Junge wird ins Militär oder ins Handwerk gesteckt, das Mädchen als Dienstbotin nach dem Schloß oder ins nächste Städtchen, wenns Glück gut, nach Paris spedirt. Aber man muß auf diese Abhülfmittel doch nicht all zu stolz sein, wenn man eine civilisirte Nation sein will. Zu dem bitte ich zu bemerken, daß alle Hütten mit 1-3 Oeffnungen weniger denn 5 Fr. Steuer zahlen, folglich können die 3 1/2 Millionen hüttenbewohnender Franzosen in den Landgemeinden nur jeder einige Hunderttheile von einem Are Bodenbesitz haben. Es ist wohl zu erwägen, daß sogar Morogus, ein sehr vorsichtiger Statistiker, zu unserm Resultat kommt, indem er schreibt:
Nicht salariirte 850000 Einwohner
Dem Staat zur Last 750000 Einwohner
Salariirte, Arbeiter 30900000 Einwohner
Summa 32500000 Einwohner.
So stand es vor 15 Jahren.
Die Salariirten theilt er ein wie folgt:
1. Klasse mit 400,000 Personen à 400 Fr. per Kopf im Jahre, haben [t]äglich 1 Fr. 10 Cent.;
2. Klasse mit 1,000,000 Personen à 350 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 96 Cent.;
3. Klasse mit 2,000,000 Personen à 300 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 82 Cent.;
4. Klasse mit 2,000,000 Personen à 250 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 69 Cent.;
5. Klasse mit 3,000,000 Personen à 200 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 50 Cent.;
6. Klasse mit 7,500,000 Personen à 150 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 41 Cent.;
7. Klasse mit 7,500,000 Personen à 120 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 33 Cent.;
8. Klasse mit 7,500,000 Personen à 91 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich 25 Cent.;
30,900,000 Personen mit durchschnittlich 232 Fr. per Kopf im Jahre, haben täglich durchschnittlich 63 Cent.
Die Summe der Löhne beläuft sich auf 4920 Milliarden, womit Dupin übereinzustimmen pflegte.
Die 4 letzten Klassen dieser Salariirten enthalten 25 1/2 Millionen Menschen beider Geschlechte und jedes Alters; sie kommen also an Zahl ziemlich den 26 Millionen gleich, die nach unsern obigen Berechnungen in der 1. und 2. Kategorie des Darbens standen.
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[ 12 ] Paris, 3. Jan.
Napoleon ist ein Vagabund, Vagabund seinem Wesen nach, seiner Natur nach, seiner Geburt nach, und nun will man, daß dieser Vagabund sich an ein regelmäßiges Leben gewöhne, daß er feste Stunden zum Aus- und Einfahren habe, damit man besser auf seine persönliche Sicherheit wachen könne, damit man wisse, zu welcher Stunde man Wache auszustellen und den Tambour schlagen zu lassen habe. Das Alles ist dem Präsidenten Napoleon sehr unbequem. Feste Stunden zum Ausfahren! Das klingt ja beinahe wie Louis Philipp, wenn es nicht klingt wie Festung Hamm.
Napoleon ist ein Vagabund, geboren und erzogen als Vagabund, aber nicht Vagabund im Sinne des Kaisers Napoleon, der durch Europa vagabundirend, das Kriminal-Gesetzbuch mit Füßen tritt und einen neuen Code, einen Code-Napoleon schafft, sondern ein Vagabund im praktischen Sinne, ein Vagabund, der jedes Mal anstreift an den Code-Napoleon, seines Onkels und Kaisers, und mit mehr oder weniger Glück den Strafen entschlüpft, die sein Onkel und Kaiser für ungezogene und mißrathene Neffen anberaumt hat. Wie kann dieser Vagabund, der sein ganzes Leben in Europa und seinen Gasthäusern herumgefahren ist, sich an das Regime seiner Minister binden? Nun hätte man aber auch sehen sollen, wie dieser ex-jeune-homme einen Streich nach seinem Kopfe ausgeführt hat; wie er gestern der ministeriellen Etiquette zum Trotze ausgerissen ist aus seinem Hotel, hoch zu Roß, gedrängt von der spöttisch-jubelnden Menge, die ihn erkannt und genöthigt, sich nach Hause zu retiriren, angeblich, um sich den Hurrah's zu entziehen; in der That aber, weil er fürchtete, stante pede zum Kaiser gestempelt zu werden. Der Zulauf und der Wirrwarr war so groß, daß der Gouverneur des Hotels vor lauter Schrecken dem Napoleon die Thüre seines eigenen Hauses nicht öffnen wollte. Dies sind kleine Zufälle, Abentheuer, wie sie einem Braunschweiger leicht begegnen können.
Von Napoleon zum Salze. Man weiß, daß die fast gänzliche Abschaffung der Salzsteuer, die von der Kammer beschlossen worden, eine unwiderrufliche Maßregel ist; das Journal des Débats warf bei diesem Gedanken einen Blick der Sehnsucht und der Wehmuth auf die frühere Pairskammer, die wenigstens jeden „voreilig und zu rasch gefaßten Beschluß“ berichtigen konnte.
Dupin hatte denselben Gedanken in einer andern Form ausgedrückt. Die Constitution, sagte er, müsse die Revision gestatten und er appellire von Philipp dem trunkenen an Philipp den nüchternen. Luther hatte appellirt de papa male informato ad papam melius informandum. Dupin appellirt von der trunkenen Kammer an die nüchterne; und er besteht heute abermals auf die Annahme eines Gesetztentwurfes in Bezug auf die Revision. Der Abbé Fayet beleuchtet die wahre Absicht des Herrn Dupin. „Er will von dem trunkenen Philipp an einen nüchternen appelliren? Ich habe bisheran immer gesehen, daß Philipp der trunkene das Budget, und Philipp der nüchterne das Volk ist.“
Derjenige, der die meiste Bitterkeit von dieser Salzfrage einschlürfte, ist Marrast. Man warf ihm vor, daß er nicht zu präsidiren wisse. Marrast will beweisen, daß er von jeher ein vortrefflicher Präsident gewesen, und zwar dadurch, daß er Präsident bleiben will. Er gibt diese seine Absicht kund in einem Briefe an das Journal „Evenement“: Marrast, die Ruine der Regierung vom National, die jetzt an das „Siecle“ (Odilon-Barrot) übergegangen. — Der Kongreß zu Brüssel wird nicht statt finden; das Vermittelungprojekt ist so gut wie aufgegeben. Die „Patrie“, ein offizielles Blatt, theilt diese Nachricht mit, mit folgender Bemerkung: „Oestreich hatte, wie man weiß, nur gezwungener Weise den Kongreß angenommen. Der Vorwand, der sich ihm bietet, den Kongreß als unnütz zu bezeichnen, ist das Programm Gioberti's. Letzterer sagte, daß Sardinien nicht aufhören würde, sich zum Kriege vorzubereiten. Oestreich will in dieser Aeußerung eine Kriegserklärung erblicken, und sagt jetzt, daß der Kongreß keinen Sinn habe vom Augenblicke, wo Sardinien nicht an den Frieden dächte.“
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@facs1016
[ 17 ] Paris, 3. Jan.
Die Zeitung des Ober-Börsenwolfs Bertin, Expair von Frankreich, interessirt sich immer noch auf rührende Weise für das „kleine Heldenvolk der Dänen,“ für „die dem germanischen Stammwesen eingeborne und folglich ihm natur- und heilgemäße Zerstückeltheit Deutschlands,“ für die „ebenso tapfern als edeln“ Kroaten, für die 40 tyrannischen Kardinäle, kurz für alles, was menschheitsfeindlich. Aus Köln läßt sie sich melden: „Ich schreibe Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen, daß der König von Würtemberg und Herzog von Nassau sich dem König von Preußen als erblichem deutschen Kaiser unterwerfen zu wollen erklärt haben. Gerade jetzt sehen wir in West- und Süddeutschland, besonders Gießen, Mainz, selbst in Mannheim, wie Klubs und Vereine aller Art in dem nämlichen Sinn sich aussprechen. Auch die einstimmige Beipflichtung des braunschweiger Landtags ist bedeutsam, und so dürfte denn der Widerstand von gewisser Seite her, enden.“ Vorige Woche noch jubilirte Bertin über die „zur Mythe verflüchtigte“ deutsche Einheit. Dasselbe Ehrenblatt ließ und läßt bekanntlich seit zehn Jahren sich keine Sympathie anmerken für die vielen Hundert in Buenos-Ayres von dem Blutsäufer und Golderpresser Rosas ruinirten und todtgeschlagenen französischen Familien, und jedesmal, wenn der „große Staatsmann“ Guizot (dessen fröhliche Heimkehr seine Pariser Freunde in diesen Tagen erwarten) in der Kammer interpellirt, wenn das dicke Paket privater und korporativer Klagebriefe, von den Platafranzosen nach der Heimath geschickt, durch Oppositionsmitglieder dem „großen Staatsmann“ unter die Nase gehalten ward, dann drechselte er einige rhetorische Phrasen und die Ministerialmeute schlug ihr offizielles Geheul auf Tagesordnung an, und diese ging auch jedesmal mit Glanz durch. Die Schmutzigkeit der französischen Börsenrace zeigte sich immer recht deutlich dabei; wie hätte die englische drein gedonnert, wären des Rosas Schlachtopfer Engländer gewesen! Wohlan, dieses Bertin'sche Blatt fährt plötzlich aus seinem Stoicismus heraus und schluchzt und droht mit „öffentlicher Acht“ und „vielleicht mit juristischem Einschreiten,“ weil die von Cabet nach Texas gesandten Kolonisten, laut Bericht des ehemaligen Kommunisten Dubuisson, in schlechter Lage sich befinden. Neulich citirte Bertin, bei Gelegenheit eines Proudhon'schen Ausfalls gegen Frauen-Emanzipation, alte und neue Testamentsverse; diesmal ergeht er sich in jupiterartigen Rumore. Schade nur, daß seine Zeugnisse aus dem „New-York Herald“ und „Echo de la Lousiane“ entnommen sind; zwei sattsam der demokratischen Presse Europa's bekannten Bourgeois- und Jesuitenblättchen. Uebrigens wird man bald den wahren Sachbestand anderswoher hören; ich werde ihn mittheilen. Auch Monsieur Véron ertobt in heiligem Eifer und schimpft auf Cabet. Wer ist Mons. Véron? ein Millionär und Besitzer des Constitutionnel, ein Börsenluchs, der 150,000 Fr. erhaschte durch die „sachkundige“ Ausbeutung der Journalannoncen, ein reicher heiterer Mann, der einst für Fräulein Rachel, als sie noch fast ein Kind, Wohlgefallen empfand und dem Papa ein fast 35,000 Fr. kostendes Halsband für Töchterchen als Trinkgeld in die Hand drückte, worauf das Weitere sich ergab; ein moralischer Mann, der vor Amnestie warnt, ein Gönner der Romanoff und Orleans und in seinen Leitartikeln dem Jellachich manches Kußhändchen, dem Windischgrätz manches Lorbeerkränzchen zuwerfend. Dieserlei Brut befehdet hier zu Lande den Kommunismus. „Die Drohung, die General Wrangel, das Weinglas erhebend, auf einem Bankett ausstieß, macht keinen französischen Demokraten stutzig. (Peuple souverain in Lyon). Wir wissen, daß der einköpfige schwarze Adler mit den goldenen Kleestengeln eine ebenso wilde Bestie ist ald der zweiköpfige an der Donau und an der Newa; alle diese Raubvögel sind zu vertilgen mit Stumpf und Stiel, sammt Brut und Horst, und thut's Noth, kriegt man diese gefährlichen Raubthiere nicht anders herunter, nun so haut man den Baum ab oder sengt ihn ab mit demokratischer Flamme. Herr Wrangel, der große Dänentriumphator, erscheint uns auf derselben Stufe wie unser wüster Bugeaud und Rulhières, wie Windischgrätz u. s. w. Er trank in Berlin auf einen baldigen Feldzug am Rhein, wohin er als Oberkommandant der heiligen Allianz geht, im Namen des Vaters, Sohns und h. Geistes. Glück auf! Deutschlands Socialdemokraten, unsere theuern Brüder auf dem Kampfgefilde für die Menschheit, werden wissen, was sie hinterm Rücken der Kriegsknechte zu thun haben, wie das ja auch von einem uns bekannten deutschen Demokraten auf dem französisch-deutschen Bruderbankett zu Paris am 24. Dezember mit einfachen sonnenklaren Worten ausgesprochen ward. Aber auch wir französische Socialdemokraten, die wir keine Eroberungs- sondern Propagandakriege führen wollen, wissen was wir zu thun haben, wenn unser gutes Blut auf Kommando unserer Kartätscher und Arbeitermassakrirer von der Straße Transnonain und Grenoble, unter der phantastischen Fahne des Ruhmes à la Napoleon oder à la Louis XIV. verspritzt werden soll. Platz da! Kopf weg! Hut ab! Die Volksjustiz ist los! Wer nicht bei Seite springt, wird zermalmt! Es lebe das Proletariat und die Verbrüderung desselben in allen Ländern!“
Bilanz Frankreichs.
(Fortsetzung.)
Die Malthusschüler sagen und singen bekanntlich schrecklich viel von dem Sparkassensystem, wodurch der Arbeiter beseligt werde. Laßt uns diese Seligkeit unter dem Vergrößerungsglase einmal betrachten; denn obwohl die Malthusianer meist bebrillte Professoren sind, scheint ihnen doch das Nähere zu entschlüpfen. Am 31. Dec. 1843 lagen 242 Mill. Fr. in den Departementssparbüchsen; 408,000 Personen hatten diesen Schatz niedergelegt, und zwar laut Bericht des louis-philipp'schen Ministers Cunin Gridaine:
Verschied. Professionen hatten 102,221 Büchlein mit 82,044,061 Fr.
Ouvriers — — — 107,157 Büchlein mit 58,780,000 Fr.
Dienstboten — — — 85,151 Büchlein mit 43,713,255 Fr.
Bergleute — — — 71,699 Büchlein mit 24,871,889 Fr.
Soldaten und Seeleute 20,823 Büchlein mit 18,005,757 Fr.
Angestellte — — — 20,198 Büchlein mit 13,350,538 Fr.
Gegenseitige Hülfsgesellsch. 1,232 Büchlein mit 1,930,447 Fr.
Oder: [unleserlicher Text] 408,482 — 242,246,180 Fr.
252,680 Büchlein von 1 Fr. bis 500 Fr. betrugen 45,561,723 Fr.
76,178 Büchlein von 501 Fr. bis 1,000 Fr. betrugen 53,095,997 Fr.
51,875 Büchlein von 1,001 Fr. bis 2,000 Fr. betrugen 70,841,192 Fr.
19,994 Büchlein von 2,001 Fr. bis 3,000 Fr. betrugen 48,297,412 Fr.
7.757 Büchlein von 3,001 Fr. und drüber 24,449,855 Fr.
408,482 Total 242,246,180 Fr.
Also über die Hälfte der Büchlein war nur auf 500 Fr. und weniger. Näher besehen findet man: (immer nach Cunin Gridaine's offiziellem Aktenstücke)
In Lyon deponirten 18,197 Leute; 13,029 nicht über 500 Fr.
Bordeaux deponirten 13,925 Leute; 6,579 nicht über dito
Metz deponirten 11,733 Leute; 8,205 nicht über dito
Marseille deponirten 11,700 Leute; 4,670 nicht über dito
Rouen deponirten 9,537 Leute; 5,098 nicht über dito
Nantes deponirten 8,699 Leute; 5,540 nicht über dito
Lille deponirten 7,166 Leute; 4,644 nicht über dito
Tours deponirten 2,670 Leute; 2,105 nicht über dito
Nun galt damals, vor 5 Jahren, 1 Pf. Brod 17 Centimes, und 500 Fr. in der Sparkasse trugen etwa 5 Centimes tägliche Zinsen. Woraus das jämmerliche Faktum folgt, daß damals der Sparkassenmann für seine 500 Fr. Depositum etwa 1/3 Pf. Brod kaufen konnte.
Wer 3000 Fr. liegen hatte, konnte schon zwei volle Pfunde kaufen, wodurch man freilich sich vor Todhungern schützt. Aber dieser Glücklichen gab es nur etliche Tausende.
Wieviel Spiegelfechtens die Herren Malthusianer sich dabei erlauben, erhellt schon aus dem einzigen Faktum, daß in Lille von 70,000 Einwohnern zwar ein Zehntel etwas auf der Sparkasse hatte, aber ein Drittel der Einwohner im Armuthsregister eingezeichnet stand. Im sog. reichen Norddepartement hatte
Dünkirchen auf 24,517 — — 4,880 Arme
Douai 12,880 — — 4,300 Arme
Valenciennes 19,841 — — 4,304 Arme
Cambray 17,031 — — 5,147 Arme
Bailleul 9,462 — — 2,390 Arme
Nach der Schrift condition des ouvriers de Paris v. J. 1840 lebten in Paris 335 bis 350,000 Ouvriers und Ouvrieren jedes Alters; und es hatten die Hälfte der Familienväter noch keine 20 Fr. wöchentlich.
Wir wollen einige Schlüsse aus dem Bisherigen ziehen.
Kategorie I. und II. (Noth, Elend, Armuth, gemäßigte Armuth) zählen 26,390,000 Personen. Herr Thiers findet das sehr schön, Herr Guizot absolut nöthig.
Die 7 1/2 Mill. Darbender und Bettlender stammen offenbar geradeswegs von den uralten Bagauden (die schon 300 Jahre nach Christus), von den feudalen Serfs und Jaques Bonhomme's (die im 13. und 14. Jahrhundert) großartig rebellirten; das J. 1789 brach den Bann des feudalen Gesetzbuchs und machte Bagauden und Serfs dem Namen nach damals frei. Seht jetzt wo ihre Freiheit sie hin geführt hat. Auch nicht einen Fuß breit dem materiellen, moralischen und intellektuellen Wohlergehen zu. Im Mittelalter legten die Gesetzeskundigen den dreifachen Fluch auf diese Vagabunden. Sie tragen noch immer den Fluch, trotz Herrn Adolf Thiers und Kompagnie.
Die übrigen 18,800,000 Leute der ersten beiden Kategorieen haben durch Zufälligkeiten aller Art (meist „Segnungen des Himmels“ titulirt) und rastlosen, viel hunderjährigen Fleiß und fast grenzenloses Sparen und Knausern und Geizen und Schar-
Hierzu eine Beilage.