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Beilage zu Nr. 202 der Neuen Rheinischen Zeitung.
Organ der Demokratie.
Montag 22. Januar 1849.
[Französische Republik]
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[Fortsetzung] Aber wenn ihr eigensinnig dem Allgemeinen widerstrebt, wenn ihr glaubt, das Gesetz des Fortschritts der Welt biegen und brechen zu können, wenn ihr nicht selbstständig, sondern als Diener Habsburgs, unter der Fahne der Meuchler Galliziens, der Todtschläger Lombardien's, der Plünderer Wiens, der Brandmörder Krakau's, Lemberg's, ja eures Prag selbst, existiren wollt: dann täuscht ihr uns nicht über eure Thorheit, und versichertet ihr auch, um euch selbst etwas vorzulügen, ihr wolltet Oestreich hinters Licht führen. Unser Herz würde bluten vor Gram über unsere Stammbrüder, aber verführen könntet ihr uns mit alledem doch nicht. Und trotz euch blieben wir getreu bei der Standarte eines Bruderthums, hoch über alle Racenverwandtschaft, eines Bruderthums vor Gott und Menschengeschlecht.
Früher suchten euch diplomatische Agenten andershin zu locken; dieselben Diplomaten, die den schon freigeschlagenen Serbiern das türkische Joch wieder aufluden und als Herrscher den Dienstmann des Czaren, den Milosch Obrenowitsch, aufdrangen, den Mörder des populärsten, patriotischsten Helden, Georg des Schwarzen, von Serbien. Man versprach euch damals Nationalität mit czarischer Oberaufsicht. Aber wir und andere warnten euch bei Zeiten, und ihr schluget den Antrag aus. Und heute stellt man euch einen ebenso hinterlistigen, als könne und wolle Habsburg euch gegen Moskau schirmen.
O Brüder, hört noch ein Mal unser Freundeswort: hinter dem Oesterreicher lauert der Moskowiter, sein Bundesgenoß und Mitverbrecher. Der Oestreicher verräth euch, und dann sinket ihr ohne Rettung in die Arme des Russen; denn wahrhaftig, es ist nicht abzusehen weshalb ihr nicht dem bluts- und sprachverwandten Russen als Knechte unterthan sein solltet, nachdem ihr euch einem Tyrannen verkauft hattet, den weder sprachliche noch stammliche Bande mit euch verknüpfen. Seht, dahin kann es mit euch bald kommen, wenn ihr fortfahrt auf dem Wege des Mißtrauens gegen euch selber. Zum Zarismus, ja zum Zarismus führt euch gradezu der Abhang an dem ihr steht; folglich dürft ihr uns nicht von Freiheit, von Bruderliebe reden; diese hohen Worte sind eure Verdammung: O, weit, weit hinweg die Romanow und die Habsburger. Ein andres, ein besseres Schlachtwort bieten wir euch an, wohlverstanden von allen Völkern des Westens und Ostens, von Franzosen, Deutschen, Italienern, Ungaren: es ist Polen.
Dieses Land hat Einheit wenn in ihm auch Verschiedenheit der Rasse und jetzt Territorialzerstückelung verhanden ist; von Ausländern niedergejocht, fraternisirt es dennoch mit den Völkern des Auslands, und gar nie hat es den unfreien-Völkern die Greuel ihrer tückischen, betrügerischen Regierungen untergeschoben. Polen ist vorläufig zu Grabe gegangen ebenso sehr an seiner inländischen Aristokratie als an den Einbrüchen der Ausländer; es ist so zusagen die Personificirung des dreieinigen Prinzips welches einst die Welt beherrschen wird: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und um bei der Allegorie zu verweilen: eure Schwester Polonia wird, wenn Habsburg und Romanow am Boden sich krümmen, aus dem Grabe steigen; und wie Christus der Heiland auferstanden hinter sich die auferweckten und alten Patriarchen führte in die Wohnungen seines himmlischen Vaters: so wird Polen, auferstanden, die übrigen slawischen Schwestern allesammt bei Namen rufen und neben sich setzen am großen Bankette der in heiligem Bruderbunde vereinten Nationen. Polen wird nicht die Gebieterin der andern Slawenvölker sein. Es wird aber zu ihrem Gebrauche die aufgehäuften Früchte seiner Arbeiten, seines hundertjährigen Schmerzes, stellen; seiner geschichtlichen Erfahrnisse und selbst seiner Schwächen und Gebrechen. Seine durch Nationalerhebung verjüngten Kräfte wird es zur gemeinsamen Vertheidigung der gemeinsamen Interessen anwenden.
Wenn an jenem großen Tage allseitigen Bruderthums noch finstere Erinnerungen auftauchten von einem slawischen Widerstreben gegen die allgemeine Fortschrittsbewegung: wenn der Deutsche, der Italiener, der Magyar erbebte beim Anblicke seines Blutes auf der Hand des Kroaten, des Tschechen, des Moskowiters: dann werden wir polnische Demokraten mit unserem für die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit so lange verströmten Blut, mit unserem Märtyrium dazwischen treten und die Sünden der Stammesbrüder lösen mit dem Aufweisen unserer Wunden für die Menschheit; wir wollen dann die Vermittler, die Versöhner sein und der Bundesknoten in der unstörbaren, wahrhaft heiligen Völkerallianz zwischen Aufgang und Niedergang. Wohlan, wenn ihr wollt, daß unsere Vermittlung wirksam sei und wir zum Menschengeschlechte sprechen können: „Vergieb diesen da, sie wußten ja nicht, was sie thaten, o Mutter der Völker!“ so müßt ihr vom heutigen Tage ab genau unterscheiden lernen zwischen der Sache der Nationen und den Schandthaten ihrer Regierungen. Ihr dürfet fortan in den deutschen Beamten, wie wir in den russischen und tschechischen, nicht mehr Vertreter des Volks erblicken, welches eben sie von sich stößt, sondern Werkzeuge der Hierarchie des Bureaukratenthums, wodurch jene Beamten nach seinem Ebenbilde geknetet worden sind. Ihr müßt fortan die Hand geben dem Volke, und wo es unterdrückt wird, dahin eilt und helft, wie wir den Ungarn und Italienern zu Hülfe gezogen, und wie wir auch euch zum Beistande eilen würden, wenn euer gutes Recht bedroht wäre und ihr nicht die Hand nach dem Recht des Nebenmenschen ausgestreckt. Ihr müßt schlechterdings mit uns für die Fehler eines Volkes selbst Verzeihung haben und sprechen: „sie wissen nicht, was sie thun.“ Vor Allem aber haben wir Polen Befugniß zu fordern, daß ihr euern vollen Zorn auf den Stifter allen Unheils, auf das verruchte Haupt der verbrecherischen Bande, auf den k. k. östreichischen Thron, entladet, der euch einst so namenlos elend machte und so lange in der Verzweiflung am Boden liegen ließ; diesen ehrlosen Thron, der unter der Wucht seiner Greuel und unter dem Fluche des Menschheitsgenius bereits knackt und Risse bekommt, ja schon sich senkt. Wahrlich er wäre bereits zusammengebrochen in einen Haufen Getrümmer, hätte allen euren slawischen Nationalitäten die Freiheit des Sichentfaltens gewährt, wenn ihr zu eurem und der Welt Unglück ihn nicht mit euren Schultern gestützt hättet!
Slawische Brüder! ihr wollt Freiheit. Gut, laßt euren Kerker in Ruinen fallen. Wisset, der slawische Namensbund der Völker wird nur auf dem Schutte dieses Kerkers. Wisset, knechtische Völker sind durch die Glieder ihrer Kette, an die sie geschmiedet, verbunden. Freie Völker verbindet die Bruderliebe.
Im Namen der polnischen Demokratie:
Miroslawski. Worcell. Darasz. Ordenga. Chrystowski.
Die Adresse der Londoner Fraternal Democrats an das Proletariat von England, signirt Julian Harney, Kydd u. s. w., erhält in mehrern departementalen Demokratenblättern großes Lob. Ein Toulouser Blatt sagt: „In dieser Weise wird das englische Volk nicht nur uns, sondern der ganzen Menschheit lieb und theuer, und der englische Name, bisher ein Gräuel, ja ein Fluch für jedes französische Ohr, wird groß und schön. Wir freuen uns mehr als unsre Zunge es auszudrücken vermag, über diese Glorie der englischen Nationalität, in deren Schooß, tief im Grunde des schauerlichsten Privilegiumswustes, die Blume reinster Humanität, energischster Revolutionskraft, sinnigster Emancipation und edelster Sympathie für nachbarliche Leiden und Freuden emporgewachsen ist. Möge dieses Gewächs erstarken, möge der Konflikt der äußerlichen Umstände ihm freundlich entgegenkommen und durch einen starken politischen See- wie Landkrieg, worin die verruchte, gottselige englische Aristokratie und Plutokratie verwickelt werden muß, das englische bisher unterdrückte Proletariat in Manchester, Birmingham, Leeds, Liverpool, Glasgow u. s. w. endlich in die Möglichkeit gesetzt werden, das impertinenteste Joch das je auf einer Arbeitsklasse gelastet, mit einem socialistischen Rucke zu sprengen. Frankreich's, Europa's Proletariat würde dafür dem englischen ewig erkenntlich sein“ u. s. w. — Mehrere Artikel der Neuen Rheinischen Zeitung über diesen Gegenstand findet man gleichfalls in der französischen Presse wiedergegeben. — Die Wühlerei der Völkeraufhetzer ist im besten Gange; in der That breiten die hiesigen Royalisten wieder aus, Deutschland's Demokraten stachelten gegen Frankreich. Nur durch immer genaueres, energischeres Sympathisiren der Demokratieen dies- und jenseits des Rheines kann diesen schuftigen Insinuationen des Herrn Véron, Capo de Feuillide, Armand Bertin, Lavalette (auch an dem Blatt „Assemblée nationale“ angestellt) und Delamare von „La Patrie“ begegnet werden. Dazu ist jedwedes mündliches wie schriftliches Mittel zu benutzen. Mit dem Blatte des Herrn Alexander Weill indeß, dem „hundsföttischen Corsaire“ (wie „Peuple souverain“ neulich meinte), „muß man sich weiter auf keine ernste Widerlegung einlassen, denn wer Unrath angreift, besudelt sich unnützerweise“. — Jetzt ist es hier soweit gekommen, daß man in Café's z. B. ganz laut die ehedem so plattgeschlagenen Königs- und Klerusknechte auf „die Demokraten“ losziehen, das Wort „Demokrat“ in maliziöser Anwendung mißbrauchen, Hunde und Stubenkatzen „Kommissär“ (zur angenehmen Rache post festum an den Ledrü-Rollin'schen Revolutionsemissären und Departementalkommissären) taufen hören kann. Haben diese Schurken doch neulich durch Bestechung — denn dazu wissen sie stets klingendes Geld aufzutreiben — sich in das Gitter der ehemaligen Reiterstatue des Herzogs Orleans, auf dem Hofe des Louvrepalastes, hineinzuschleichen und dort Nachts die Halfte der auf dem Piedestal eingegrabenen bescheidenen Inschrift: „den am 23. und 24. Februar 1848 für die Freiheit verbluteten Bürgern das erkenntliche Vaterland“ abzumeißeln verstanden. Die Erklärung, das Winterwetter sei allein Schuld am Abfallen der Steinmasse, ist nicht stichhaltig. Jetzt setzt man den Schaden wieder in Stand, aber an eine scharfe Untersuchung wird nicht gedacht; und doch wäre sie so leicht! Den reichen dickbäuchigen Herrn Pförtner des Louvre beim Kragen gepackt und auf 24 Stunden „bei Seite gesperrt“, den wachhabenden Herrn Nationalgardenoffizier citirt, und das Ding durch die Presse in's gehörige Schandlicht gestellt: — in 24 Stunden wäre der Thäter entdeckt. Aber du lieber Himmel, wir sind weit vom Februar 1848, und der Februar 1849 ist noch nicht angelangt. Also Geduld. Nebenbei naturlich Umsicht, Auge und Ohr uberall, die Personen sich gemerkt, die Sachen beobachtet, damit, wenn die Reihe wieder an uns kommt, wir's besser machen als im Februar 1848. — Das Kunststuck, worauf heute freilich sehr viel, um nicht zu sagen Alles, ankommt, ist, die französischen Bauern zu gewinnen. Es geschieht gewissermaßen den Herrn Ideo-Demokraten ganz recht, wenn besagter Jaques Bonhomme (uralter Beinamen des gallischen Landmanns) wie'n Stier jetzt durch ihre rührenden Syllogismen und Sentimentalitäten rennt, und diese holdselige zarte Jungfrau République francaise démocratique (das ist laut Marrast'schem Konstitutionstaufzettel jetzt ihr liebwerthester Name) mit den druidischen Hörnern unsanft bei Seite schiebt. Um solchem Jammer abzuhelfen, geschieht jetzt viel, aber noch lange nicht genug; die neue Societät Propagande socialiste (Nr. 15 Straße Coquillière) sendet regelmäßig große Pakete von bereitsgelesenen Pariser Demokratenblättern, die jetzt nur einen Sou kosten (Peuple, Republique, Revolution u. s. w.) an ihre Freunde in den Provinzen die sie sofort an die Bauergemeinden gratis vertheilen; was Geld kostet, liest nämlich kein französischer Bauer. Uebrigens stellen sich sehr böse Schwierigkeiten dabei heraus; es finden sich z. B. im Dorf manchmal nur drei Menschenkinder, die lesen können, Priester, Schulz und not' bourgeois, d. h. „unser wohlhabender Nachbar,“ wie die Bauern den Hauptgläubiger im Dorf nennen, der obendrein wohl gar ein Notar ist; dieses Kleeblatt ist schwerlich sehr geeignet, den Bauern demokratische Zeitungen vorzulesen. Zudem schindet sich der französische Bauer, bei dem zerstückelten Privatbesitz, durch meist fruchtloses Arbeiten dermaßen ab, daß er fortwährend mürrisch, vor dem Hypothekenzinstage zitternd, und Abends todtmüde auf seine Spreu schleicht. Wenn man, im Falle einer glücklichen Proletariatsinsurrektion zu Paris, diesem Menschenschlage z. B. Ablösung der Hypotheken durch Staatspapier u. dgl. unter Trommelschlag und rother Fahne verkündete, so ist noch sehr die Frage, ob der unglücklige Stier das Ding glauben, und nicht vorläufig in Berserkerwuth auf die rothe Fahne losgehen würde. Der Plan aber ist löblich, durch die von Pariser und andern großstädtischen Arbeitern bereits gelesenen Demokratenjournale vor dem Verschleudertwerden zu retten und nochmals zu benutzen; er verdient in Deutschland Nachahmung. Bernard, Hervé, Macé und andere tüchtige Klubpräsidenten sind Stifter dieser Propaganda.
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[ 17 ] Paris, 19. Januar.
Die Bourgeoisrache zittert, schnaubt und geifert; das Proletariat aber, rechtsbewußt und über den nächsten Kriegsplan, der besser sein muß denn der im Juni, nachsinnend, steht in gesammelter Haltung wie der marmorne Spartakus im Tuileriengarten. An Einzelheiten ist dies erkennbar genug; z. B. in folgender Zuschrift der Juniverurtheilten an Bonaparte: „Bürger Präsident, Unterzeichnete, die politischen Gefangenen im Kerker St. Pelagie, guten Muthes und reinen Gewissens, hegen noch immer die Ansicht, in den französischen Landen sei, trotz aller reaktionärer Bestrebungen, sogar heute noch etwas Gerechtigkeit zu finden. Und so nehmen sie sich die Ehre, Ihnen, Präsident der Republik, zu sagen, daß nach einer jetzt beispiellosen (nur im Mittelalter geschah ähnliches) und von Martern mannichfachster Art durchwebten Haft, allem menschlichen Gesetze entgegen, kraft eines in ihrer Kompetenz von ihnen geleugneten Militärgerichts, sie im Begriff stehen, von ihren Frauen und Kindern Abschied nehmen zu müssen. Fast alle sind hülflos, und viele dieser Kinder liegen in der Wiege, der öffentlichen Mildthätigkeit anheimgegeben. Wir wandern dermalen in das Bagno (Galeeren) oder werden bei lebendigem Leibe, sozusagen, eingescharrt in den Todeslöchern des Mont Saint Michel. Schon hat man elf unsrer Brüder heimlich abgeholt, ohne sie zum letzten Händedruck der ihnen theuersten Personen zuzulassen. Wohlan, Präsident, ist das das Ende von dem schönen Liede, welches Sie, als Kandidat der Präsidentur, unsern Angehörigen vorgesungen: nun, so allerwärmsten Dank! ‥ Unsere Weiber und Kinder werden auch ohne Sie Kraft zum Dulden und Hoffen finden, und über das künftige Geschick der Republik seufzen. Wir protestiren folglich vor Frankreich, vor ganz Europa gegen das Urtheil. Gruß und Bruderschaft: Racarie, zu den Galeeren auf Lebenszeit verurtheilt; Guérineau, Largillière, Gros: zu den Galeeren auf 10 Jahre; Mauras, Cornu, Husson, Chamel, Maupilet, Vandeberghen, Vosier, Jaquot, Couderc, Guèrin, Bisson (Historienmaler)“ u. s. w. Und aus demselben Pelagiegefängniß erscheint folgender Brief vom 17. Jan.: „Elf Monate sind verflossen seit Neugründung der französischen Republik, und seit 8 Monaten schmachten ihre Gründer im Kerker. Erst jetzt bekümmert man sich um sie, indem man sie auf die Galeeren und in die Centralgefängnisse versendet. In das Bagno der Galeerensträflinge zu Rochefort kommen die auf Lebenslang und auf 20 Jahre verdammten. In Rochefort nämlich stapelt man seit lange alle sogenannten unverbesserlichen Galeerensklaven von Toulon und Brest zusammen; Krankheiten der schlimmsten Sorte grassiren somit im Rocheforter Bagno und tödten selbst den stärksten Körper. Auf diese schlaue Weise bändigt man Kraft des Fiebers diese künstlich krankgemachten wilden Männer. Und aus dem nämlichen Motiv schickt man eben nach Rochefort uns politische Verurtheilte. Doch ist man so gnädig, uns zu verheißen, die nur zu 10 Jahren verdammten kämen auf die Galeeren von Brest und Toulon. Ein alter Kniff ist, niemals zwei politische Gefangene, sondern einen politischen und einen kriminellen Gefangenen, also einen Juniinsurgenten und einen Wegelagrer, oder Dieb, oder Nothzüchtler, oder Mordbrenner, oder Schriftfälscher, oder Falschmünzer, an eine und die nämliche Kette zu schmieden. Man nennt das eine Maßregel von allgemeiner Sicherheit! Nichts also wird gespart, wie man sieht, um die ehernen Charaktere zu bändigen und wo möglich zu brechen, die für die Republik in die Schranken getreten waren, und deren Name allein schon Uebelkeiten und Gliederzappeln bei den heute triumphirenden Feinden des Volkes erregt, und diesen den Spaß des Sieges schnöde verleidet. Gegen Abend gingen auf die Bagno's unsre Kampfgenossen Milon, Husson, Vo[i]sombrot, Jaquot, Lefevre, Chamel, Racarie, Largillière, Guérineau. Auch Testulat und der Exgraf Fouchecourt sollten mit, doch ist jener zu krank, und der Herr Graf ist ein feuriger Legitimist, hat folglich höchste Ansprüche auf Gnade, und so kam dann wirklich Nachts 2 Uhr der Befehl, den Herrn Grafen, diesen Erzfeind der Republik, mit der Galeerenstrafe höflichst zu verschonen; sie ist in zwanzig Jahre Ketten umgewandelt.“ (Es versteht sich am Rande, daß so ein Herr Graf sehr bald durch hohe Verwendung der Ketten entledigt und in angenehme Zimmer gesetzt, nach einem Jährchen ganz entlassen wird). „Mit großem Muth hielten unsre Leidensgenossen die schaurige Prüfung des Abschiednehmens von Weib und Kind im Kerkerhofe aus, ja spendeten noch ganz besonders Worte des Trostes. Dies gewaltige und zugleich rührende Schaustück hätte vielleicht sogar auf die allerfrechsten und cynischsten unserer Feinde, der Reactionäre, seine Wirkung nicht verfehlt. Die Reactionäre salbadern bekanntlich gern von Heiligkeit der Familie; vermuthlich eben deshalb wüthen sie mit fanatischen Richtersprüchen gegen das Familienglück der Junimänner, und murmeln geifernd sich in's Ohr: das Volk hat uns die Republik auf den Hals geworfen, Fluch, dreimal Fluch diesem Pöbel! Und oben drein Louis Philipp's letzter Minister, verschwand er nicht lächerlich zwischen zwei Barrikaden? Das mag Herr Odilon Barrot nimmer verzeihen. — Um 4 Uhr früh kam der Zellenwagen; man legte die Eisen an die Füße der Abreisenden. Um 5 Uhr trabten die Pferde schleunig fort. Wir folgen ihnen bald. Also Muth und Hoffnung! G. D.“ Geht das so weiter, nur noch ein Jahr, und frißt der Krebs des Handelssiechthums noch ein Jahr in's Fleisch der Bourgeoisie, so wird letztere total nicht nur ruinirt, sondern auch demoralisirt, „bis zu Krämpfen geängstigt und bis zum Wahnsinn geärgert“; dann ist die Stunde des Sieges der Arbeiter da, und es wird sich keiner mehr finden, der den Volksvertheidigern Ketten um's Bein schmieden oder Kutscher sein will auf dem Zellenwagen der sie in die Bagnos führen soll. Die Bourgeoisie ist krank durch und durch; obige Phrase des „Peuple souverain“ von Lyon ist richtig. Die Arbeiterassociationen blühen empor, und die Associ[i]rten agiren mit merkwürdigem Taktgriff, wie alte Militärs, z. B. die Association der Sattler in der Straße Fontaine St. Georges hatte wegen verspäteter Einzahlungen keinen Heller in der Kasse, sollte aber 4000 Fr. abtragen; sie rief die Mitglieder durch Circulare auf und siehe, man schleppte Wäsche und Kleider aufs Leihhaus, die Weiber gaben ihren Schmuck, und in 3 Stunden agen 2000 Fr. mehr als erforderlich da. „In Gegenwart solcher einfachen, jetzt schon zahlreichen, Thatsachen kneift die Bourgeoisie die Augen zu wie der Vogel Strauß, aber trotz dem bleibt das Faktum. Diese Bourgeoisie in Paris ist in ihren höhern Regionen, als Finanzerie durch und durch verderbt und zukunftsuntauglich; gegen diese Familien, deren Patriarchen im Verwaltungsrath der Bank Frankreichs thronen, 4/5 der großen Eisenbahn- und Industriekapitalien in der Tasche haben und damit über die Hypothekbelasteten Kleinbauerngütchen, auf denen die kleine Summe von nur elftausend Millionen ruht, vollständig verfügen, gegen diese großen Nichtsthuer und reichen Faulenzer wird sich die Volksjustiz zunächst richten. Sie sind unverbesserlich: grausam, eigensinnig, bornirten Fassungsvermögens, und hoffärthig. Wir haben unter Louis-Philipp schon nicht an sogenannte friedliche Bekehrungen unter diesem reichen Adels- und Bourgeoisgesindel geglaubt, wenn die Cabetisten und Fourieristen gottesfürchtigen Choralgesang anhuben und sanftmüthiglich und brüderlich unter den Reichen, die ja viel schwerer zu behandeln als ein Kameel, Propaganda machten, wie sie meinten.‥ Unter jener -rein reactionären, maliziösen Pluto-Aristo- und Bureaukratie höherer Region, dehnt sich die Mittelbourgeoisie aus und die Kleinbourgeoisie, die letztere ist mit der Arbeitsklasse bereits vielfach verzweigt. Diese untern Theile der Bourgeoisie sind die Ladenmiether die unter Louis Philipp zuletzt von der Hochbourgeoisie sehr gequält, die Wahlreformbanketts in allen 86 Departements zu Wege brachten und am 24. Februar auf fatale Weise statt eines gemüthlichen Reförmchens die Republik zu genießen bekamen, Abends sechs Uhr auf dem Hotel de Ville-Platz beim Flackern der angezündeten Wachthäuser der geschlagenen Polizei-Soldateska.
Daß in dieser Mittel- und Kleinbourgeoisie gar manche Demokraten sind, wissen wir, aber wir leugnen von vorherein, daß sie in Masse socialistisch sei und sein werde. Möglich, daß wenn durch kommerzielle und Bankieroperationen wieder mehrere tausend Familien aus ihr hinab zum Proletariat geschleudert worden, diese die Sache des Proletariats zur ihrigen machen, aber was sonst bei noch wohlhäbigen Bourgeois sich von Socialismus, d. h. Eigenthumsreform, zeigt, ist und bleibt unseres Dafürhaltens nur rare Ausnahme.“ (Constituant.)
Interessant und belehrend für die Charakterisirung der obern pariser Finanzokratie und ihrer Domestiken (zu letztern rechne man ja auch alle Courtiers, Zwischenhändler, Arbeitszersplitterer und [1106] Arbeitsverschleuderer aller Sorten) ist es, in diesem Augenblick eins der Theater zu besuchen, wo sie am liebsten sich recken und strecken und Orangen fressen und ihre Bourgeoisdamen lorgnettiren und zwischen ein an der Foyerthür der Schauspielerinnen mit Gold klimpernd Reihe stehen und sich stoßen.
Dies Vaudevilletheater, auf dem Platze der Börse, zwischen Wechselläden, in deren jedem geladene Pistolen hängen, und reichen Kuchenbäckern und Annoncebureaus, die 100,000 Fr. per annum „machen“, spielt zum hundert und achten Male die Posse La propriété c'est le vol (Eigenthum ist Diebstahl) worin Proudhon, mit wenig verändertem Namen, allabendlich unter endlosem Jubel des Publikums verhöhnt, das Proletariat verspottet, die Bourgeoisie vergöttert wird. Zwar erklärt ein Prolog, Aristophanes habe ja auch lebende Personen auf die Bühne gebracht, aber es bleibt wohlweislich unerwähnt, ob der Autor an die Verspottung Kleon des Gerbers, oder an die des Sokrates gedacht wissen wolle. Der Aberwitz des Stücks gibt ein, uns Demokraten ganz erwünscht kommendes Maaß von der Seelenkonstitution der Klasse, für die es expreß verfertigt ward; diese Klasse, deren politische Blüthe in der Koterie des Constitutionnel, Corsaire, Journal des Debats und La Presse, deren Aesthetik in diesem Vaudevillestück und im Tanzlokal St. Cécile, deren Gelehrsamkeit und Moral in Guizot's neuer Broschüre zu finden, ist unrettbar im Sinken, mögen auch ihre Fonds an der Börse steigen. Sie ist ist nichts mehr als ein leeres Gehäuse, gegen welches das Volk nur noch ganz einfach mit der Pulvermine und Congreve zu verfahren hat; und es wird geschehen.
Die Pointe des Stücks ist — bezeichnend genug für den Gaumen des pariser Bourgeois — eine heiße Pastete. Ein Normalbourgeois, ein Tugendheld sonder Gleichen, der durch Arbeit ein Hausbesitzer, Besitzer einer jungen Ehefrau, aber keiner Kinder — wieder echt parisisch — geworden und nunmehr dem Nichtsthun sich ergibt, fühlt sich natürlich unangenehm betroffen durch die Proklamirung des Dekrets vom Arbeitsrecht Aller.
„Dummköpfe und Philanthropen, rief der Citoyen de Dijon neulich, warum proklamirt ihr nicht die Arbeitspflicht Aller? ihr wußtet also nicht, daß die Schlange Bourgeoisie euch stechen, würde, wenn ihr ihr auf den Schwanz trätet? und nicht stechen wenn ihr ihr den Kopf abhiebet? und der Wolf Privilegium, dem ihr das Ohr kniffet, hätte er euch beißen können, wenn ihr ihm statt dessen eine Kugel ins Ohr geschossen? Euer Arbeitsrecht hat eure Tyrannen erbittert und erschreckt; Arbeitspflicht, wonach der reiche Faulenzer nothfalls durch körperliche Züchtigung zum produktiven Arbeiten gezwungen wird, hätte sie höchstens zu einer verzweiflungsvollen, krampfhaften Emeute getrieben, aber es wäre, bei Gott! ihre erste, ihre letzte gewesen, und winselnd hätte sich diese Finanzokratie der social-demokratischen Republik zu Füßen gelegt.“ (La Voix du Peuple v. Marseille.)
Genug, in jenem Machwerk wird der tugendhafte nicht arbeitende Bourgeois durch die, ihre Arbeit ihm aufdringenden, Arbeiter mit Quittungen überschüttet und ruinirt; zum Beispiel der Stiefelfuchs wichst und bürstet fortwährend an dem reinlichen Tugendmann herum, ein Zahnarzt zieht dem widerstrebenden einen gesunden Backzahn aus, die Möbelträger bringen ihm neues Hausgeräth wider seinen Willen. Der Minister des Innern, Corsetfabrikant Proudhon (nur Kopf und Gesicht nebst Brille ist naturgetreu) verfolgt diesen Edeln mit besonderm Nachdruck, wegen seiner Gemalin scheint es — allerdings drollig, wenn man dabei Proudhon's und seines Krakehls mit socialistischen schönen Damen gedenkt — und läßt seine Güter konfisciren und ihn auf 10 Jahre in die Karre verdonnern, weil er „mein“ Haus, „meine“ Frau gesagt.
Der Blödsinn des nicht arbeitenden Bourgeois ist aber allein Anlaß, denn er wurde arretirt wegen Holzerei mit dem Exminister Proudhon, der, in dem so eben eingeführten Tauschsystem, ihm eine Pastete wegnimmt und eine Mütze gibt. In diesem System des Vaudeville muß Jeder direkt tauschen und kann nichts zurückweisen, folglich war die Pastete leicht zu ersetzen. Aber so weit räsonnirt der Biedermann nicht. Im letzten Akt ist Frankreich eine Wüstenei voll tätowirter Wilder geworden; ein Ruinenhaufen bezeichnet den Platz der Börse. Proudhon erscheint wieder als Mephisto, nachdem er im ersten Akt als Mephisto die Eva zum Apfelbiß verführt, auch in Mitten des Stücks ein höhnisches Gelächter ausstieß, als er reiche Bourgeois und Bourgeoisen auf einem Reformbankett Champagner genießen sah: „ihr wollt Reform, ihr Bourgeoisthoren? ich gebe euch Republik.“ Dies ist alles dummes Zeug, das Beste ist die Erscheinung der Eva, einer sehr schönen Belgierin in Naturkostüm, und völlig entsprechend dem ebenso moralischen als gesinnungsreinen Publikum, welches wie toll applaudirt bei jeder Gebehrde dieser Eva, und bei Sätzen wie: „Das Arbeitsrecht liegt in jedes guten Menschen Busen, wehe dem Staate der es als Motto öffentlich macht, d. h. entweiht.“ Und bei jeder Scene zischeln die Lions: „ha, er muß sich wieder erkennen, sich getroffen fühlen — hast du ihn gesehen diesen Proudhon? ist er nicht ganz ähnlich? diese Brillen- und Klapperschlange.“ So unglaublich es klingt: ich sprach einige Philister, die steif dran glauben, dies Stück bekehre vom Sozialismus und dissipe les mauvaises rêveries des communistes (zerstreue die bösen Träume der Kommunisten). In demselben Vaudevillehause beklatschen diese reichen Faulenzer und ihre Knechte allabendlich ein Zauberstückchen, worin Mademoiselle „Frankreich“ singt: die Kammermitglieder möchten nur endlich nach Haus reisen und wieder Familienglück genießen, sie könne sie nicht mehr ernähren mit 25 Frs. per Tag, und wenn sie nicht gutwillig abzögen, dann würde sie sie jagen. Was jedesmal wiederholt werden muß; die zarten Bengels im Parterre und in dem ersten Range nicken und wedeln und schwenken den Hut und brüllen: c'est ca, c'est vrai (so ist's recht). Das ist die „vergoldete Jugend,“ die berüchtigte jeunesse dorée die 1795 Robespierre's und Marrat's Büsten aus den Theatern warf. Mademoiselle „Brüderlichkeit“ erscheint und singt dito Provokationen auf die Republik. Monsieur „Kapital“ erzählt, er habe wieder etwas Muth gekriegt, aber es müsse noch besser kommen, was wieder behurraht wird. Ein Freund von mir widersprach im Zwischenakt der Behauptung dreier Kerle, deren vertrakte Physionomien auf ihre Spezialbeschäftigung schließen lassen; in der That war der alte ein Banquier, der mittlere ein Laufbursch des Banquiers, der junge ein Lion; diese Anspielung auf Kammerauflösung entspreche vollkommen dem voeu général (Wünsche Aller), und als der Demokrat hinzufügte: alle Sozialisten — da schrieen die drei Zetermordio, sagten aber in einem Athem, der Handel geht noch immer nicht, so darf es nicht bleiben.“ Zur Vervollständigung dieses Gemäldes diene, daß viele Philister hierselbst unerschütterlich auf die baldige Einführung der Regentin Helene v. Orleans mit dem Grafen von Paris harren; wie denn auch ihr getreuer Kämpe Odilon-Barrot die schleunige Herausgabe ihrer sequestrirten Landgüter an sie durchgesetzt hat, mit der lügnerischen Floskel, die Hälfte der Einkünfte sei für die Mildthätigkeitskassen.
Nationalversammlung. Sitzung vom 19. Januar. General Bedeau führt als Vizepräsident den Vorsitz. Er eröffnet um 2 1/2 Uhr die Sitzung.
Albert de Luynes stattet über eine Menge interesseloser Petitionen unter allgemeiner Unaufmerksamkeit Bericht ab
Die Versammlung geht nach Anhörung eines Petitionsberichts zur Tagesordnung und Bestimmung des Gehalts und der Wohnung des morgen zu wählenden Vizepräsidenten über.
Gouin, Banquier und Berichterstatter des Finanzausschusses über den Antrag Etienne's, welcher dem Vizepräsidenten der Republik Klein-Luxemburg zum Wohnsitz anweist und 60,000 Franken als Gehalt vorschlägt.
Der Finanzausschuß theilt diese Ansicht, nur findet er die Summe etwas klein, indessen, meint er, würden sich wohl später Repräsentationsgelder hinzufügen lassen. (Oh! Oh! vom Berge.)
Rabeaud Laribiere findet diese Summe für die Funktionen eines Supernumerarius viel zu hoch. (Gelächter.) Man solle sie bedeutend herabsetzen. (Nein! Nein! zur Rechten.)
Antony Thouret schlägt 40,000 Franken vor. (Lärm zur Rechten.)
Etienne vertheidigt seine Ziffer.
Chavassin schlägt 48,000 Franken vor.
Gent will nur 24,000 Franken bewilligen.
Perrée vom Siecle hält das unter aller Würde.
Marrast läßt endlich über die höchste Summe (60,000 Franken) abstimmen.
Dieselbe wird 472 gegen 270 verworfen.
Chavassin's Vorschlag geht dagegen unter allgemeinem Erstaunen mit 516 gegen 233 Stimmen durch. (Agitation.)
Artikel II., der Klein-Luxemburg zur Wohnung bestimmt, geht nach einigem Widerspruch Gent's (vom Berge) ebenfalls durch.
Die Appanage wäre somit erledigt.
Lacrosse, Staatsbautenminister, bekämpft nachträglich die Absicht, dem Vizepräsidenten Klein-Luxemburg als Staatswohnung anzuweisen. Er schlägt vor, den Artikel also zu fassen:
„Der Vizepräsident ist auf Staatskosten zu logiren.“
Diese Redaktionsweise wird angenommen. Es ist mithin beliebig, welchen Palast man ihm später zur Wohnung anweise.
An der Tagesordnung befindet sich demnächst das Colonial- (Pflanzer) Entschädigungsgesetz.
Die Versammlung beschließt, nach fünf Tagen eine zweite Deliberation.
Hienächst wird ein neuer Stoß von Petitionen verlesen.
Die Versammlung würdigt keine einzige ihrer Berücksichtigung und schreitet über alle zur Tagesordnung.
Die Bänke leeren sich allmälig. Wir hören gelegentlich, daß Persigny wegen gewisser Zerwürfnisse mit dem Petersburger Cabinet nach Berlin geschickt worden sei.
Damit zerfielen die ihm untergeschobenen Heirathsmäklergeschäfte in Nichts.
Mehrere Urlaube werden bewilligt.
Morgen die Getränkesteuer; dann die Maigefangenen!
Die Sitzung wird um 6 Uhr geschlossen.
Belgien.
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[ 27 ] Lüttich, 18. Januar.
Der „Musterstaat“ fängt an zu begreifen, daß er doch noch hinter Preußen zurück ist; er bescheidet sich übrigens ganz gern, dies offiziell anzuerkennen und beeilt sich dies auch durch die That zu beweisen. In der ersten Häfte des verwichenen Dezembers berichtete ich Ihnen, daß sich hier ein demokratisch-sozialer Arbeiterverein gebildet habe. Präsident derselben ist der Rentier Esselens, der sich um die Demokratie in Belgien sehr verdient gemacht und deren Zwecken er einen großen Theil seines nicht unbeträchtlichen Vermögens opfert, wofür er denn auch bereits die Ehre gehabt hat, vor längerer Zeit aus Brüssel ausgewiesen zu werden, obgleich er dort nicht nur geboren, sondern auch angesessen war. Kaum hatte die Regierung die Existenz des ihr gefährlich dünkenden Vereins erfahren, als sie einen ihrer hiesigen Spione zu einer Konferenz mit dem Polizeiministerium nach Brüssel berief. Wie der Spion selbst einem Freunde als Geheimniß, — welches so gut bewahrt wärd, daß es bald nachher die Betreffenden selbst erfuhren — anvertraut hat, wurde in jener Konferenz beschlossen, den Verein noch eine kurze Frist gewähren zu lassen, dann aber (eigene Worte des dummen Spions) es gerade so zu machen, wie in Preußen, und die Führer des Vereins gefänglich einzuziehen, um sie unschädlich zu machen. Wie muß Manteuffel und Rintelen nicht das Herz im Leibe lachen, wenn sie hören, daß selbst der für vollendet gehaltene „Musterstaat“ bei ihnen in die Schule geht. Gesagt, gethan! Vorgestern Morgen fielen der königliche Prokurator, der Bürgermeister, ein Polizeikommissär und nicht weniger als fünf Gensd'armen (o das böse Gewissen!) bei Esselens in's Haus und durchschnüffelten fesch volle Stunden alle Kisten und Kasten von oben bis unten. Sie mogten gehofft haben, wichtige Papiere zu finden, aus denen sie das Dasein einer weitverzweigten Verschwörung herauserfinden könnten. Aber wie groß war ihr Erstaunen und Aerger, als sich auch nicht ein einziges verdächtiges oder brauchbares Schriftstück vorfand, was ihre ungesetzliche Handlung hätte beschönigen können. Jedoch Polizisten wissen sich immer zu helfen. In Ermangelung eines Bessern nahmen sie Kupferfäden und blaue und weiße Baumwolle, welche Gegenstände Esselens bei seinen chemischen Studien und Versuchen gebrauchte als corpora delicti mit. Aus jenen Fäden werden sie eben so viele Fäden einer großartigen Verschwörung und aus der Baumwolle, die ja zu Schießbaumwolle präparirt werden kann, die Absicht, alle Palläste und Fabriken in die Luft zu sprengen, deduziren. Der Polizei und den Gerichten ist ja nichts unmöglich. Hat man doch in und von Münster aus Mitglieder eines konstitutionellen Provinzialkongresses mit dem ausdrücklich ausgesprochenen Zweck, die derzeit bestehende Verfassung gegen Manteuffel'sche Umsturzattentate zu schützen, wegen beabsichtigten gewaltsamen Umsturzes der bestehenden Verfassung zur Untersuchung gezogen und inhaftirt: der gräßlichste Hohn, den je ein Gericht gegen sich selbst ausgesprochen! Es soll mich nur doch wundern, ob man nach dem mißlungenen Versuch bei Esselens auch die übrigen Führer des Arbeitervereins inkommodiren, ob man es namentlich wagen wird, ersteren dem in Brüssel gefaßten Beschlusse gemäß zu verhaften. Die Polizei hat sich gräßlich blamirt, aber gerade das wird sie nie vergessen und gerade deßhalb wird sie sich zu rächen suchen. Wir wollen's abwarten, was sie aus den Kupferfäden und aus der Baumwolle herausfinden wird.
Zu Braine-le-Comte im Hennegau fand dieser Tage ein Bankett der Gemeinen und Unteroffiziere der Garde civique statt, auf welchem sämmtliche Gäste die von einigen ihrer Kameraden entwickelten demokratischen Ideen mit Applaus aufnahmen. Es wurden Toaste ausgebracht: auf das Recht auf Arbeit! auf die Vereinigung der Völker! auf das allgemeine Stimmrecht! Am Schlusse ward eine Kollekte zu Gunsten des edlen Märtyrers (noble martyr) Robert Blum abgehalten, deren Ertrag an die „Nation“ in Brüssel einzuschicken beschlossen ward.
Das Correctionellgericht zu Brüssel hat so eben einen alten Vikar wegen Gaunerei (escroquerie) zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt; er behauptete, ein Geheimmittel gegen Krankheiten der Weiber, Mädchen, Kühe, Pferde etc. zu besitzen und kurirte gegen gutes Geld auf alle möglichen Krankheiten los; auch exorzisirte er die vom Teufel besessenen Personen.
Da die Presse seit längerer Zeit das ungebührliche Verfahren des Brügger Parquets gegen den Redakteur des „Brugsche Vrye“ (Beckmann), dessen in Beschlag genommene Papiere das Parquet seit 9 Monaten zurückgehalten hatte, in derben Ausdrücken rügte, hat dasselbe sich bewogen gefunden, in einem Brüggeschen Journale zu erwidern, daß es Beckmann's Sache sei, seine Papiere wiederzuholen. Man muß gestehen, eine größere Hundsfötterei begeht selbst ein preußisches Gericht nicht.
Seit einigen Tagen hat hier in Lüttich die Cholera ihren Sitz aufgeschlagen und bereits viele Opfer geholt. Hauptsächlich trifft dies Loos die arbeitende Klasse. Um die Bourgeoisphilister nicht zu sehr in Schrecken zu setzen, hat man an die Geistlichkeit die Weisung ergehen lassen, bei dem Tode eines solchen armen Schlachtopfers nicht läuten zu lassen.
[Redakteur en chef: Karl Marx. ]
[Leserbrief]
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[ 068 ] Ukermark.
Hier circulirt folgender Erlaß:
Lieben Landleute!
Ihr werdet's wohl schon gehört haben, und die es noch nicht wissen denen thun wir's hiermit kund, daß am 20. Decbr. v. J. auf dem Passowet Bahnhofe ein Bauern-Verein von zwischen 3 bis 400 Personen gestifte, worden ist, mit dem Wahlspruch: mit Gott, für König und Vaterland um uns gegenseitig in der Treue gegen den König zu stärken und uns hülfreiche Liebe untereinander zu erweisen. Der Verein hat sich den Namen gegeben: Ukermärkscher Bauern-Verein, theils weil er geglaubt hat, daß er in der Ukermark der erste dieser Art sei, theils weil er hofft, daß nach und nach alle Ukermärker sich zu Einem großen Verein zusammenthun werden, um im Vertrauen auf den lebendigen Gott, der unsere feste Burg und einzige Zuversicht ist, eine lebendige Mauer zu bilden zu Schutz und Trutz für König und Vaterland gegen alle offenkundige und versteckte Wühler. Das brüderliche und fröhliche Beisammensein neulich in Passow hat den lieben Vereinsmitgliedern so absonderlich gefallen, daß sie auf der Stelle den Wunsch aussprachen: wir wußten uns recht bald wiedersehen und dann von Zeit zu Zeit so oft, als es irgend thunlich sei. Nun, wir haben uns das nicht umsonst gesagt sein lassen, sondern schon den nächsten Krönungstag, nämlich den 18. Januar ausersehen, wo wir uns Vormittags 11 Uhr auf dem Amtshofe zu Gramzow im neuem Jahr mit neuem frischen Muthe in alter Treue von Angesicht zu Angesicht sehen und uns die Hände drücken wollen. Wir laden dazu die braven Ukermärker sammt und sonders ein; wer kommt ist willkommen, weß Standes er sei:
Ob Bürger, ob Soldaten,
Ob Bauer oder Rath,
Ob Brot er oder Braten
Zum Mittagsmahle hat,
Ob's Kleid schon abgetragen,
Ob's altmod'sch oder neu,
Darnach woll'n wir nicht fragen,
Wir fragen: bist du treu?
Aber bei Leibe keine Demokraten, die Dinger können wir nicht brauchen, von denen heißt's bei uns:
Ihr saubern Demokraten
Bleibt unserm Bunde fern,
Laßt euch im Guten rathen
Und zweifelt nicht, ihr Herrn,
Am Ukermärk'schen Geiste;
Die Herzen schlagen ächt,
Und — seht mal unsre Fäuste,
Die schlagen auch nicht schlecht.
Sollten sich in der Ukermark bereits ähnliche Vereine gebildet haben oder dergleichen noch bis zum 18. Januar gestiftet werden, was wir dringend an's Herz legen, so bitten wir dieselben, Deputirte nach Gramzow zu schicken. Wir wollen hier mit einander berathschlagen, wie es anzugreifen ist, daß überall in der Ukermark solche Vereine zusammentreten und daß alle diese besondern Vereine doch nur einen großen Ukermärk'schen Verein ausmachen; denn wir Ukermärker müssen nun einmal zusammenhalten wie Stahl und Eisen.
Gott befohlen!
Halt, noch eins! Jeder der diese Einladung zu Gesicht bekommt und besonders die Herren Ortsschulzen, werden sehr gebeten, diese möglichst bekannt zu machen, vorzüglich durch Vorlesen in den versammelten Gemeinden.
Noch eins! Jeder, der her kommt, muß mit einem tüchtigen Frühstück eine gute Unterlage legen, damit wir einige Stunden hintereinander singen, springen und jubiliren können.
Prosit Neujahr!
Gramzow, am 2. Januar 1849.
Der Vorstand des Ukermärk'schen Bauern-Vereins.
Temperatur des Rheinwassers [unleserlicher Text] 1,5.
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Liegnitz, 16. Januar.
In der heutigen Nummer der „Silesia“ gib der Redakteur derselben folgende Erklärung: „Viele warten sicherlich darauf, daß auch ich meine Stimme über die Vorfälle am 9. d. M. erhebe. So will ich dies versuchen, mich aber dabei so kurz als möglich fassen, weil es mich jederzeit anwidert von mir selber reden zu müssen. Wohl weiß ich es, daß ich mich auf einem ewig grollenden Vulkane niedergelassen habe, und ich habe richtig geweissagt, daß man noch vor den Wahlen einen hochherzigen Streich gegen mich, als den „Redakteur der verschrienen Silesia“ und den „demokratischen Oberwühler“ führen werde. So leichtgläubig bin ich nicht, daß ich annehmen sollte, die Soldaten hätten mich ohne irgend welchen äußeren Antrieb, ohne den vielseitigen Rath guter Freunde, blos aus eigener Urtheilskraft und aus verletztem Ehr- und Rechtsgefühl aus dem Wege schaffen wollen. Im Gegentheil nehme ich mir hiermit die Freiheit, gerade sie als die verblendeten Werkzeuge derjenigen Partei, durch deren Ränke ich schon im Sommer aus meiner friedlichen Behausung hinaus gegen die Polen geschleudert werden sollte, von der Schuld des Attentates frei zu sprechen. „Wenn man die Gemeinen nicht vorher gegen mich gehetzt hätte, so wüßte ich mir wahrlich nicht die Masse Vorwürfe zu deuten, die mitten unter ihren Schlägen auf mich herunter hagelten. Da sollte ich König und Vaterland verrathen haben und deshalb in 17 Prozessen verwickelt sein, da warf man mich in die zweite Klasse des Soldatenstandes und legte mir die unwürdigsten Schimpfwörter auf die Soldaten, wie „Mörder, Räuber, Spitzbuben etc.“ in den Mund. Wer hat die Soldaten mit solchen erbärmlichen Lügen zum Aufruhr gestachelt? — Ja, ich bin nicht nur verläumdet worden, sondern man muß auch Geld vertheilt haben, denn ich hörte mehrere Soldaten sagen: „für 6 Sgr. hätten sie genug zugehauen.“ Wenn der Artikel in der Silesia an dem ganzen Vorfalle die alleinige Schuld tragen soll, so beweiset mir doch erst, daß der Unwille, der sich allerdings darin ausspricht, ungerecht und voreilig, ehe ihr mir die Rechtfertigung meiner Worte abtrotzt! Ziemt es sich für einen gerechten König, daß er zum Neujahre nur Glückwünsche für den bewaffneten Theil seiner Nation hat! Hat die Demokratie, und das ist gar kein unwesentlicher Bestandtheil unseres Vaterlandes, wirklich alle die Gemeinheiten und Niederträchtigkeiten begangen, die ihr aufgebürdet werden? Wie ist es nur möglich, daß man einer Partei die bloße Lust am Zerstören, am Umsturze, an der Verwirrung und dem Elende zutrauet. Wie kommt es denn, daß man von uns Demokraten verlangt, wir sollen schweigen, wenn man uns auf jedem Blatte anklagt und höhnt, während die sogenannten „Guten“ sich sogar der Bajonette als Waffen bedienen dürfen? Was die „dänischen Hasen“ übrigens angeht, habt Ihr denn, Ihr Zwanziger, die Dänen noch niemals „Hasen“ genannt und würdet Ihr wohl Einen unter Euch, der dies thäte, mit Knütteln anfallen und schlagen, bis ihm Hören und Sehen verginge? Da wäret Ihr ja schlimmer wie die Henker, die den Verbrecher doch wenigstens mit einem oder zwei Schlägen abthun. Aber noch einmal, Ihr seid nicht für Eure That verantwortlich, sondern diejenigen, welche durch Eure Kühnheit ihre eigene Feigheit und Schande decken und ihre gekränkten Vorrechte und vereitelten Begierden rächen wollen. Ich hege darum keinen Groll gegen Euch; aber Euch guten Bürgern und Konsorten sage ich, daß, so lange noch ein Trdpfen Blutes in mir ist, ich nicht aufhören werde, gegen Euch offen und ehrlich zu kämpfen, wie ich dies immer gethan habe. Mit Euch will ich niemals Harmonie und Frieden, nur das Eine, daß Ihr mir den Dolch nicht in den Rücken, sondern vorn in die Brust stoßt von Angesicht zu Angesicht. — Cunerth.“
Handelsnachrichten.
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