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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 211. Köln, Freitag den 2. Februar 1849.
Uebersicht.
Deutschland. Solingen. (Eine amtliche Berichtigung des Hrn. v. d. Heydt.) Barmen. (Birschel.) Düsseldorf. (Ein schwarz-weißes Abentheuer. — v. Faldern. — Verkleidete Gensdarmen.) Jülich. (Wahlbülletin.) Kreuznach. (Wahlbülletin. — Verurtheilung.) Paderborn (Ein interessantes Aktenstück.) Berlin. (Wahlen zur ersten Kammer. — Waldeck. — Milde'sche Staatsgelderverwendung. — Aus der Kreuzritterin.) Posen. (Wahlen — Cholera.) Aus dem Kreise Pleschen. (Mobilmachung des 5. Armeecorps.) Landsberg. (Wahlen.) Wien. Preußens Verhältniß zu Oestreich. — Vorbereitungen zum Empfange Metternich's. — Die Anleihe. — Verurtheilungen. — 18. Bülletin. — Der telegraphische Leitungsdraht und das Standrecht. — Eine Niederlage der Kaiserlichen bei Szolech.) Frankfurt. (National-Versammlung.) Darmstadt. (v. Gagern's Proceß gegen Dr. Löhr.) Kassel. (Ministerkrisis beendigt.)
Italien. Florenz. (Die Absendung von 37 Deputirten zur italienischen Constituante beschlossen. — Der Volkszirkel und die Schweizersöldlinge.) Neapel. (Revolutionäre Symptome.) Rom (Die Revolution marschirt.) Mantua. (Kein Abgeordneter zum östreichischen Landtag.)
Schweiz. Bern. (Eine Erfindung des Professor Gerber:) Zürich. (Die Güter des Klosters Rheinau.) Neuenburg. (Chambrier und Calame nicht verhaftet.)
Französische Republik. Paris. (Die Association in Paris. — Changarnier und Aladenize — Gensdarmen im Palais Royal — Club der Montagnards. — Heinrich V. — Vermischtes. — National-Versammlung).
Belgien. Brüssel. (Demokr.-social. Bankett).
Großbritannien. London (Julian Harney über die armen Kinder zu Tooting — Die Vancouvers Insel im stillen Ocean).
Donaufürstenthümer. Bukarest. (Russische Wirthschaft).
Amerika. New-Yor. (Kosten der Regierung in der Union. — Vergleich mit Deutschland).
Deutschland.
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[ 18 ] Solingen, 31. Jan.
Sie erinnern sich, daß vor einiger Zeit die Börsennachrichten der Ostsee mittheilten, der Parlaments-Korrespondenz sei portofreie Beförderung auf den preußischen Posten zugestanden, und daß der Handelsminister v. d. Heydt diese Mittheilung als gänzlich aus der Luft gegriffen, amtlich wiederlegt hat. Nun ist es wirklich der Fall gewesen, daß besagte Korrespondenz bis vor Kurzem Seitens der Redaktion den Interessenten sous bande franco übermacht werden; erst in neuerer Zeit haben die Herren Meusebach-Harkort angefangen, diese unnütze Ausgabe zu sparen und durch einen Kniff ihr sauberes Machwerk ohne Kosten zu verbreiten. Hören Sie, wie dies angefangen. Daß natürlich die Postbehörde dabei mit unter der Decke steckt, liegt auf der Hand. Bei einem Freunde, einem eifrigen Verehrer dieser Lekture, der dieselbe früher ebenfalls franco erhielt, hatte ich Gelegenheit, ein Exemplar derselben nebst folgendem Begleitschreiben zu Gesichte zu bekommen:
„Das unterzeichnete Comptoir benachrichtigt, daß die Parlaments-Korrespondenz ein Zeitungsdebits-Gegenstand ist. Das beifolgende Kreuzcouvert, wofür die Gebühr zur Kasse bezahlt worden ist, war beim Herausgeber unmittelbar bestellt worden, und um die Ueberkunft desto schneller bewirken zu können, hat das Hohe General-Postamt genehmigt, die Beförderung als einen Zeitungsgegenstand bewirken zu können. An Gebühr ist nichts zu entrichten, vielmehr wird die pünktlichste Weiterbeförderung angelegentlichst empfohlen.
Berlin, den 13. Jan. 1849.
Königl. Zeitungs-Comptoir.
Die aufmerksamste Recherche in dem Zeitungs-Preiscourante des Generalpostamtes, so wie in den dazu gelieferten Nachträgen bestätigt diese Angaben nicht, vielmehr weigern sich die Postanstalten Bestellungen auf diese Korrespondenz anzunehmen.
Entweder handelt nun das kgl. Zeitungs-Comptoir eigenmächtig in der Art und Weise. wie es diese Korrespondenz expedirt, ohne Vorwissen des Generalpostmeisters und des Hrn. v. d. Heydt und dann müssen diese Herren es Ihnen Dank wissen, daß Sie dieselben hierauf aufmerksam machen oder es thut dieses mit Genehmigung derselben. Dann wissen Sie, was Sie von den amtlichen Berichtigungen des Hrn. v. Heydt zu halten haben.
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[ X ] Barmen, 31. Januar.
In ihrer heutigen Zeitung befindet sich ein Abdruck einer von Mettmann aus an den hiesigen „Zweiwochendemokraten“ J. W. Birschel gerichteten Adresse, worin demselben der Dank für sein kürzliches Auftreten als Vorsitzer des Steuerreformvereins ausgesprochen wird. Da nun wahrscheinlich das hiesige Lokalblättchen in Mettmann nicht gelesen wird, und es den Absendern jener Adresse doch interessant sein dürfte, die neueste volksthümliche Handlung des Herrn B. zu erfahren, so theile ich sie hierdurch mit: Herr B. erklärte nämlich zur unendlichen Belustigug der hiesigen Heulerschaft, zur öffentlichen Charakteristik seiner Reformbestrebungen, daß er, da der Reformverein die Politik ebenfalls zum Gegenstand seiner Diskussionen mache, sich nicht mehr zum Mitglied desselben bekennen könne!!
O logisch-wundervolle Ansicht! Also Steuerreform und Politik ist bei dem Herrn B. zweierlei, oder besser gesagt, Steuerreform gehört in's Bereich der Naturwissenschaft!
Man kann sich jetzt kaum, wenn man nicht lange Zeit unter hiesigen frömmelnden, klüngelnden und heulenden Bourgeois gelebt hat, deren freudiges Naserümpfen und nachbarlich-pietistisches Kopfnicken vorstellen, wenn sie den Triumph ihrer geheimen Intriguen und ihrer gemeinsamen Bündelei feiern. — Ein ehemaliger Bäcker hierselbst, der jetzt von der gottbegnadeten Missionsgesellschaft ein ansehnliches Gehalt bezieht und der neulich beim Erscheinen des B.'schen Aufrufs mit melancholisch-verdrießlicher Miene einherzog und weit und breit seinen Jammer über solche Wühlerei ausheulte, der schleicht jetzt mit gefaltenen Händen von einem Gleichgesinnten zum Andern, um seine Freude über die Reue des Herrn B. auszusprechen.
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[ Z ] Düsseldorf, 28. Jan.
Halbwegs von hier und Elberfeld liegt an der Eisenbahn, da, wo sie den Berg hinauf läuft, das große Kirchdorf Erkrath, nahe den berühmten Neandershöhlen. Hier beginnt das eigentliche bergische Land und sowie der Boden dem am Rheine unähnlich zu werden beginnt, so auch die Meinungen und Ansichten des Volkes. Erkrath, ein wichtiger Vorposten des fürchterlichen Wupperthales, war bis dahin verschlossen gegen alle liberalen Ideen. Dieser Vorposten mußte von unserer Opposition genommen werden, und dies gelang den Führern derselben im ersten Anlauf, den sie an Ort und Stelle in einer Volksversammlung gegen die Schwarzweißen ausführten. Somit hätten wir die Spitze eines Keiles in das Land der Berge geschlagen, der hoffentlich noch weiter hineindringen wird. — Dies aber verdroß die hiesigen Constitutionellen über die Maßen, und sie beschlossen, das Vorwerk wieder zu nehmen. Am verflossenen Sonntage also begaben sich mit demselben Zuge, welcher uns nach Vohwinkel, der nächsten Station vor Elberfeld zu einer Volksversammlung brachte, unsere Herren Constitutionellen, die Herren Doktoren, Professoren, auch viele höhere Offiziere in Uniform nach Erkrath um Volksversammlung zu halten. Aber es dauerte nicht lange, als sich eine Masse Jung und Alt vor dem Sitzungslokale versammelte und ein sehr unangenehmes Geschrei und Gepfeife vollführte. Dieses zu beschwichtigen, griffen die Constitutionellen zu einem bei ihnen sehr beliebten Mittel, zu dem der Bestechung. Es erschien sofort ein Offizier bei der hoffnungsvollen Jugend und dem versammelten souveränen Volke, und theilte den Buben Geldmünzen aus. Dann aber begann der Lärm desto ärger, denn die Jungen hofften vielleicht dadurch noch mehr zu erhalten. Indessen wichen die Schwarzweißen der Stimme des Volkes noch nicht. Da erinnerten sich die Dorfbewohner, wie einmal in älterer Zeit in der ehrwürdigen Stadt Hameln ein Mann durch Getöse die unzähligen Ratten aus den Gassen hinter sich her lockte, so daß die Stadt von Stund an von dem Ungeziefer befreiet war, welche Historie zum ewigen Andenken noch heute an einem der Thore jener Stadt ausgehauen zu sehen ist. Also auch beschlossen die Erkrather ihren Ort von den ungebetenen Gästen zu befreien.
Sie gingen heim und holten mancherlei schrillklingende Instrumente, ja man will behaupten es wäre keine Kuchenpfanne des Ortes unthätig geblieben, und vollführten eine so gräßliche Katzenmusik, daß selbst die Ohren eines T. — sich davor gefürchtet haben müßten. Nun hielten die Schwarzweißen nicht länger Stand, ihre Schlachtordnung wankte, die Linie wich, sie zogen sich zurück, und zwar mit dem Feinde auf dem Nacken, immer schneller, bis ihr Rückzug in wörtlich regellose Flucht sich auflöste. Zwar deckte der Konstabler des Ortes mit gezogenem Schwerte den Rückzug, aber auch er, der Tapferste der Tapfern, mußte Fersengeld geben. So ward der Ort befreit.
Hier am Platze hat uns die v. Faldern'sche Geschichte köstlich amüsirt. Er hat zwar unsere Sitzungen nicht weiter gestört, allein die Oberprokuratur breitet ihre Schwingen über den Polizeimann. Man citirt ein vorsündfluthliches Gesetz — obgleich ein allgemeines Gesetz vom vorigen Frühjahre alle frühern dahin bezüglichen außer Kraft setzt; weiß das Hr. v. Ammon vielleicht nicht? — vom Jahre 1807, wonach der Polizei das Recht zusteht in die Räume öffentlicher Wirthshäuser zu dringen. (Also auch in vermiethete, oder in die Schlafzimmer der Hausfrauen?) — Wir haben in der That jetzt viele Gesetze in Preußen, multa, sed non multum. — Die Wahlen für die erste Kammer hierorts sind den unzähligen Machinationen gegenüber noch leidlich ausgefallen: von 8 Wahlmännern 2 Oppositionnelle, 5 Schwarzweiße und 1 Schwankender. — Man erwartet als hiesigen Regierungspräsidenten den Bruder des Ministers Camphausen an Stelle v. Möllers. — A propos; bei den neulichen Aufläufen in v. Faldern's Sachen, will man unter der Masse von Gensd'armen viele verkleidete Unteroffiziere wiederholt Abends bemerkt haben. Wiederum ein neues Manöver zur Verstärkung der Polizei.
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[ 14 ] Jülich.
Auch hier in unserm kleinen Städtchen sind die Wahlen der Mehrzahl nach oppositionell ausgefallen trotz aller List und allen Versammlungen der Schwarz-weißen und Aristokraten sogar bei verschlossenen Thüren. In dem zweiten Wahlbezirk fielen sämmtliche 8 aristokratische Kandidaten mit Glanz durch, während sie in dem ersten Bezirk mit aller Mühe und allen Umtrieben drei der Ihrigen durchbringen konnten. Nachdem bis 4 Uhr schon 5 Wahlmänner gewählt worden waren, wobei der Herr Wahlkommissar das hohe Vergnügen hatte, durchzufallen, fiel es den Herren ein, daß es wohl besser wäre, die Wahl am folgenden Tage fortzusetzen. Als aber hiergegen die Bürger mit aller Macht protestirten, sahen sie sich genöthigt, dem gesetzlichen Wunsche Folge zu leisten. Doch jetzt wurde von der aristokratischen Partei Unterstützung geholt. Während bei den 6 vorigen Wahlen die Stimmzettel nur die Zahl 250 erreicht hatten, stiegen sie bei der vorletzten Wahl schon bis auf 260 und bei der letzten, der Wahl des Bürgermeisters bis auf 324, trotzdem daß sehr viele Bürger sich schon entfernt hatten. Ein Protest eines Bürgers gegen die Gültigkeit der letzten Wahl, indem Personen mitstimmten, die nicht zum Stimmen berechtigt wären, wurde von dem Vorsitzenden mit ächt preußisch-büreaukratischer Grobheit erwiedert.
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[ 132 ] Kreuznach, 30. Jan.
Die Freude der Geld- und Beamtenaristokratie ist groß. Sie haben ihre Kandidaten zur ersten Kammer durchgesetzt. In Kreuznach waren ungefähr 300 Urwähler. Berechnet man die Masse Beamten, verbunden mit dem Geldsack, so war an ihrem Siege nicht zu zweifeln. Außerdem hatten sich die demokratischen Urwähler gespalten. Die einen wollten aus Grundsatz nicht wählen, weil sie eine erste Kammer nicht anerkennen könnten; die andern brachten dagegen den Nützlichkeitsgrund vor, ein demokratischer Wahlmann sei der beste Protest. Die Büreaukratie und Bourgeoisie, gereizt durch ihre Niederlage bei den Wahlen zur zweiten Kammer, bildeten eine kompakte Masse und setzten ihre drei Kandidaten durch, ein Kleeblatt, welches man nicht besser hätte heraussuchen können. Als die Demokraten es erfuhren, brachen sie in ein homerisches Gelächter aus. — Die Kluft zwischen Aristokratie (Büreaukraten und Geldmänner) und Demokratie (Mittelstand und Arbeiter) wird immer größer. Wie jene vor den Wahlen kein unsauberes Mittel scheute, sogar Geld und Wein anwandte, so sucht sie sich jetzt durch Arbeitsentziehung zu rächen. — G. Würmle, der Redakteur des Kreuznacher Demokraten, wurde am 26. Oktober wegen Aufreizung gegen die Obrigkeit zu drei Monaten Gefängniß, und in alle Kosten verurtheilt. Das Urtheil wurde dadurch motivirt, daß die Nationalversammlung vertagt und ihr Beschluß nicht auf dem ordentlichen Wege bekannt gemacht gewesen sei.
Heute Nacht war die ganze Polizei und Gensd'armerie auf den Beinen; außerdem durchzogen Soldaten die Stadt mit „Kugeln im Lauf“. Die Häuser der Wahlmänner waren besetzt. Weshalb? Weil man eine Demonstration von Seiten des Volks befürchtete. Es geschah aber — nichts; die Polizei fand leider keine Arbeit.
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Paderborn, 28. Jan.
Die „Westphälische Ztg.“ hat heute eine Extra-Beilage mit einem merkwürdigen Aktenstück der königl. preuß. Regierung ausgegeben. Es ist ein von der k. Regierung zu Minden an die Landräthe gerichtetes Schreiben und lautet: „Das durch die Verfassungs-Urkunde vom 5. v. M. von Neuem verbürgte Recht der freien Versammlung ist an verschiedenen Orten aus Unkunde oder übler Absicht so gedeutet worden, als ob dadurch die Stellung der Behörden und Corporationen, welche zur Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten gesetzlich berufen sind, wesentlich verändert worden sei. Auf Veranlassung einzelner Privatpersonen sind mehr oder minder zahlreiche Zusammenkünfte abgehalten worden, um im Namen des Volks oder einer Gemeinde Beschlüsse zu fassen oder Wünsche auszudrücken. Es liegt am Tage, daß die Behörden einem solchen Treiben nicht ruhig zusehen und am wenigsten demselben durch Ertheilung der Erlaubniß zu solchen ungesetzlichen Unternehmungen oder gar durch Einräumung von Gemeindelokalen — wie es mitunter geschehen ist — Vorschub leisten dürfen. Sofern dergleichen Ungehörigkeiten in dem dortigen Kreise vorgekommen oder zu besorgen sein möchten, muß denselben durch geeignete Belehrung entgegengewirkt, und nöthigenfalls mit Nachdruck und Strenge unter Anwendung der gesetzlichen Exekutivmittel dagegen eingeschritten werden. Hiernach sind die Unterbehörden (Magistrate, Amtmänner, Bürgermeister und Vorsteher) Ihres Kreises zu instruiren, zu welchem Zwecke wir die für Ihren Kreis erforderlichen Exemplare dieser Verfügung beifügen. Minden, am 16. Jan. 1849. Königl. Regierung, Abtheilung des Innern. Rüdiger.“
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[ X ] Berlin, 30. Jan.
Man kennt heute das ganze Resultat der gestrigen Urwahlen für die erste Kammer; sie sind hier sämmtlich entschieden reaktionär ausgefallen. Die größere Hälfte der Wahlmänner sind hohe Beamte, Bureaukraten vom reinsten Wasser. Die andere Hälfte Geistliche, Banquiers und Aristokraten der Fabrik und des Comptoirs. Alle miteinander sind mehr oder minder die Geschlagenen des 22., und dieser Umstand beweist am besten, in welchem Verhältniß die zukünftige erste Kammer zur großen Mehrheit des Volkes und zu den eigentlichen Volksvertretern stehen wird. Es stellt sich, sowohl aus den hiesigen Wahlen, so wie aus denen, die man bis jetzt aus der Provinz kennt, immer klarer eine erste Kammer in Aussicht, welche ganz und gar aus Aristokraten jeder Art und aus Bureaukraten zusammengesetzt sein dürfte. Männer wie Bornemann, Grabow würden die äußerste Linke in dieser Versammlung bilden. Diese äußerste Linke aber wird in sehr vielen Fällen und namentlich in den Fragen über Aufhebung der feudalen Vorrechte, Steuergleichheit u. dgl. mehr, nicht die Opposition gegen die etwaigen Vorschläge der Regierung sein; sondern diese Opposition wird auf der äußersten Rechten sitzen und aus den Erkorenen des Junkerparlaments und der Preußenvereine bestehen. Im übrigen ist für die demokratische Partei, wenn es ihr nun einmal nicht gelingen konnte, eine entschiedene liberale Majorität, oder eine imposante Minorität zu erlangen, diese reine reaktionäre Zusammensetzung der ersten Kammer insofern kein Nachtheil als eben jener Tag der unausbleiblichen Entscheidung um so schneller herbeigeführt wird, an dem es sich zeigen wird, ob das preußische Volk in seiner Mehrheit ein Volk ist oder eine Heerde von Schafen, die sich eben geduldig scheeren lassen.
Waldeck's Wahl ist in wenigstens drei der hiesigen Wahlbezirken sicher; dem vierten Bezirke ist er etwas zu gemäßigt. Dagegen kann Jacoby im letztern auf die große Majorität rechnen. Von neuen Kandidaten, die sich en masse melden, haben die wenigsten Aussicht bei den ersten Wahlen durchzukommen, da es gelungen ist, auch den Handwerkern die Ueberzeugung beizubringen, daß die Befriedigung ihrer, auf sociale Reformen gerichteten Wünsche und Bedürfnisse erst nach gründlicher Umgestaltung unserer politischen Zustände, möglich ist. Sie haben daher auch ihre Sondergelüste auf Vertretung durch Mitglieder ihres eigenen Standes aufgegeben.
Ueber die Art und Weise, wie der saubere Herr Baumwollen-Milde aus Breslau als Minister mit den Staatsgeldern gewirthschaftet hat, führt die „N. Pr. Ztg.“ Folgendes an:
„Wir hören, daß Herr Milde zur Begründung der „deutschen Reform“ 40,000 Thaler aus Staatsfonds verbraucht hat; Zinsen und Dividende wird es schwerlich geben, und doch ist das Geld gut angewandt, denn schon Comienz sagte: „Wenn ich keine Opposition hätte, so kaufte ich mir eine.“
Beruht diese Angabe auf Wahrheit, so ersieht man daraus, daß zum Verschleudern der Pfennige des Armen nicht gerade 14ahnige Junker (Bodelschwingh und Consorten) gehören, daß vielmehr auch ein ganz hohler, baumwollen-bürgerlicher Bursche, wie jener Bres- [1156] lauer Intriguant Milde ist, dergleichen Kunststückchen in kurzer Zeit nachzumachen im Stande ist.
[unleserlicher Text]* — Die neueste Nro. der „Galgenzeitung“, des gottbegnadeten Organs der Charlottenburger Hofpartei und des auf sie gestützten Ministeriums, enthält folgende Aussprüche, die, trotz der unreinen Quelle, aus der sie stammen, doch auch von den Demokraten, namentlich von den Wahlmännern am 5. Februar, beherzigt zu werden verdienen. Es heißt nämlich:
„Wer Charakter hat, bleibt bei dem, was er für Recht erkann hat, und wer das nicht thut, ist ein Lappe oder ein Schuft.
Im Augenblicke aber liegt eine solche Cardinalfrage vor, eine Frage um Erhalten oder Niederreißen, um Sein oder Nichtsein.
Wer die Verfassung einen Entwurf nennt, geht auf's Einreißen los; wer sie Gesetz nennt, will sie aufrechthalten.
Da gibt's kein Mittelding, kein Drittes; es wäre denn ein Blendwerk, ein Prätext, um die Dümmeren zu täuschen und zu kirren. Wer Haare auf den Zähnen und seinen Verstand beisammen hat, der hält fest und weicht nicht, keinen Zoll breit!
Da gibt's kein Centrum! Nicht, wo die Deputirten sitzen werden, sondern darauf, wo die Männer in den heißen Stunden Stand halten werden, darauf kommt's an.
Rechts oder links! Weiß oder schwarz! Ja oder Nein! Freund oder Feind! Das ist die Frage. Wer schwankt, ist ein halber Verräther!
Ein halber Verräther ist schlimmer als ein ganzer Feind. Wer nicht für uns ist, der ist wider uns.
Es ist ein Kampf auf Tod und Leben! Das wissen wir, die Conservativen; und eben so gut wissen's die Demokraten. Nur daß wir keine Katzenpfötchen machen, sondern Hand am Griff rufen: „Nichts von Verträgen! Nichts von Uebergabe!“
Das ist wenigstens offen geredet! Gäbe es eben nicht so viele Duselwesen in der Mitte, Schwachköpfe von Natur wie aus feiger Berechnung: dem Schwanken und Zaudern, dem halben Wollen und Nichtwollen wäre längst zu einem seligen oder unseligen Ende verholfen und die entschiedenen Parteien auf den entgegengesetzten Seiten wüßten bereits, woran sie wären. Obengedachtes Blättchen schließt seinen Artikel mit nachstehenden ganz richtigen Grundsätzen:
„Zahn um Zahn! Auge um Auge! Blut um Blut! Wie's Euch gefällt und wie wir müssen. Wehe dem, von dem das Aergerniß kommt.
Wir haben keine Rettung ohne Sieg, keinen Sieg ohne Schlacht. So steht's.
Und weil's keine Wahl mehr giebt, giebt's auch keine Versöhnung.“
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Posen, 27. Januar.
Nachdem nun auch die Wahlen in dem Landkreise bekannt sind, stellt sich folgendes Gesammtresultat heraus. Unter den 280 Wahlmännern des gesammten Distrikts, welcher drei Abgeordnete zu wählen hat, befinden sich nur 33 Deutsche mehr als Polen. Schon diese Zusammenstellung giebt von vorne herein die Gewißheit, daß nur liberale Candidaten eine Aussicht auf Erfolg haben. Schließt sich — wie nicht zu erwarten ist — die reaktionäre Partei nicht auf Gnade oder Ungnade an die deutsch-demokratische an, so werden wir hier 2 Polnische und einen Deutschen Demokraten zu Deputirten erhalten. Nicht belehrt durch seine Niederlage bei den Urwahlen, überschüttet der Preußenverein die Stadt schon wieder mit seinen Zurufen u. s. w. an die Wahlmänner und bewirkt dadurch nur, daß alle Schwankenden zu seinen Feinden gemacht werden. Die Polen stellen den Dr. Libelt und den Grafen Cieczkowski als ihre Kandidaten auf, Männer, gegen deren Charakter und geistige Gaben die Deutsche Demokraten-Partei keinerlei Einwendungen erheben wird. Seit drei Tagen ist im hiesigen Militär-Lazareth die Cholera wieder ausgebrochen und hat schon 12 Opfer gefordert.
[(Osts. Ztg.)]
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Aus dem Kreise Pleschen, 25. Januar.
Einem Schreiben aus einem Regiments-Büreau zufolge, werden die geeignetsten Vorkehrungen zur Mobilmachung des 5. Armeecorps getroffen.
[(Pos. Z.)]
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@facs1156
Landsberg a. W., 26. Januar.
Die Wahl der Wahlmänner innerhalb der Stadt ist, wie sich das in Folge des Wühlens des demokratischen Clubs nicht anders erwarten ließ, vollständig zu Gunsten der Demokratie ausgefallen und unter 48 Wahlmännern sind 44 entschieden demokratisch gesinnt. Unter denselben befinden sich Demokraten vom reinsten Wasser, wie der frühere Abgeordnete und Steuerverweigerer, Oekonomie-Kommissarius Maaß, und der wegen Anregung zur Steuerverweigerung vom Amt suspendirte und in Untersuchung befangene Kreis-Steuer-Einnehmer Böhm, der bekannte Dr. Eduard Boas.
[(Neue Preuß.-Ztg.)]
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[ 61 ] Wien, 27. Jan.
Das bedeutungsvollste Ereigniß des Tages ist die Wiederunterwerfung des metternich-östreichischen Vice-Königreichs Preußen. Dieselbe ist wichtiger, als selbst die Pazifikation Ungarn's, das sich noch nicht ergeben hat. Dadurch, daß Preußen sich ihr wiederum zur Verfügung stellt, erhält die Gesammtmonarchie Metternich ihren eigentlichen Schwerpunkt wieder. Dieser Schwerpunkt ist Deutschland, Oestreichs Cochin-China. Die Habsburger schienen ihn für immer verlieren zu wollen, da griffen sie zu den rechten Mitteln, zur Verachtung, zu satanischen Fußtritten, zu allen Teufelssprüngen. Die deutsche Erbärmlichkeit und fabelhafte Bornirtheit konnte dem nicht widerstehen, wie ich Ihnen in einer meiner frühern Korrespondenzen bereits vorausgesagt, als Blum erschossen wurde. Juden, Hunde und Deutsche werden bekanntlich um so zuvorkommender, je mehr man sie tritt.
Der Berliner Vice-König soll in Olmütz mit der reumüthigsten Naivetät zu erkennen gegeben haben, daß er nichts mehr bedauere, als sein initiatives Spiel von 1846, und daß es ihm damals eingefallen, den vereinigten Landtag wider Willen Metternich's zu berufen und so aus der östreichischen Sonnenbahn herauszufallen, um eigene Wege, die Wege der fürstlichen Rebellion, zu betreten. Er begreife nun, daß er dadurch die Könige von Sardinien und Baiern verführt habe, Aehnliches zu versuchen, sich aus dem Zauberkreise des „Satan-Meister“ entfernen zu wollen. Was den deutschen Kaiser betreffe, so könne er übrigens die heilige Versicherung geben, daß es ihm nie eingefallen sei, diesen nach Frankfurt verpflanzten ursprünglich Berliner Straßenwitz vom 20. März im Ernste zu meinen, und von den dort nur mehr zur Feier des Faschings versammelten Harlekins Neu-Germaniens eine Krone in Empfang zu nehmen, die von Rebellen geschmiedet worden.
Der jugendliche Tamerlan nebst Sultanin-Mutter sollen bei diesen Betheuerungen um so mehr in ein unbeschreibliches Entzücken gerathen sein, als die Vicekönigin-Landesmutter dieselben noch mit herrlichen Arabesken ausgeschmückt habe, nach welchen Fritz für die Zukunft den strengsten Gehorsam und Vermeidung aller gottbegnadeten „Reden“ versprochen habe.
Dieser vicekönigliche Vorgang dürfte weitere Folgen haben, und man erwartet namentlich von Karl Albert nächstens eine ähnliche „Nachfolge“, wenn der Umstände wegen vorläufig auch nur erst eine geheime.
Auch sollen hinsichtlich der „oktroyirten Verfassung“ die beruhigendsten Bemerkungen beigefügt worden sein, und der Vicekönig erklärt haben, um aller Weiterungen überhoben zu werden, nöthigenfalls zu Gunsten des Sohnes Nebukadnezars auch abdanken zu wollen. — Das Ministerium Brandenburg-Manteuffel hat inmittelst direkten Befehl von Metternich erhalten, auf dem Posten zu bleiben, um die wider die Nationalversammlung erlangte Uebung im Wrangeln demnächst gegen die neue Demokraten-Kammer abermals zu erproben.
Das „Reich der Mitte“ will sich fester als jemals konsolidiren, weil die großen Vicekönigreiche ihm mehr als jemals gehorchen werden. Die Frankfurter Ochsen haben ihre Bereitwilligkeit bereits ausgesprochen, den deutschen Bundeskarren wieder herbeischleppen zu helfen.
Man trifft hier bereits alle Anstalten den „Satan-Meister“ wiederum als offiziellen „Lenker der Geschickte Oestreichs“ zu empfangen. In der Staatskanzlei, auf dem Minoritenplatz und in der Villa Metternich auf dem Rennwege herrscht deshalb die lebhafteste Thätigkeit. Die Spione, denen bisher über Metternich zu schimpfen erlaubt war, sind angewiesen worden, alle diejenigen zu denunziren, welche sich ungeziemend oder hochverrätherisch über „Satan-Minister“ zu äußern wagen sollten.
Der jugendliche Tamerlan strengt schon sein Gehirn an, für „Satan-Meister“ eine neue Würde zu erfinden, soll von demselben jedoch dahin verwiesen worden sein, sich solcher Eigenmächtigkeit zu enthalten.
Sonderbar erscheint's, daß unter so äußerst günstigen Aspekten die Juden noch ferner mißtrauen, und die 80 Millionen nicht beschaffen. — „Satan-Meister“, der auch Faust's zweiten Theil kennt, weiß sich indessen, wie dort geschieht, zu helfen. Unter Nikolausens Geheimadresse Stieglitz und Komp. bezieht er die 80 Millionen nächstens direkt aus den Bergwerken des Ural.
Daß unter solchen Bewandnissen die Reichstagskretinen von Kremsier — ein würdiges Pendant zu Frankfurt — alle Bedeutsamkeit verlieren, und schon längst zum Spott geworden sind, bedarf wohl keiner nähern Auseinandersetzung.
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@facs1156
[ 24 ] Wien, 28. Jan.
In Preßburg ist ein gewisser Dreßler, gewesener Seifensieder, weil er Mitglied des dortigen demokratischen Vereins war und später, nach dem Einrücken der k. k. Truppen auf den Kaiser geschimpft hat, zum Strange verurtheilt, aber zu Pulver und Blei begnadigt und am 18. d. Mts. „zum abschreckenden Beispiele für alle Bösgesinnten“ — wie's in der standrechtlichen Bekanntmachung heißt — erschossen worden. Hier in Wien genügt, wie ich schon früher sagte, keineswegs Ein Opfer täglich. Drei werden mindestens per Tag verlangt. Die Begnadigung zu Pulver und Blei bildet den Hauptspaß eines Welden und ähnlichen Scharfrichtergesindels. So wurden gestern Vincenz Wilhelm, „befugter Schneider,“ wegen nicht eingeständiger Theilnahme am Oktoberaufstande, wegen Verheimlichung von Waffen etc. und Otrusina, Soldat, wegen des Oktoberkampfes durch Pulver und Blei hingerichtet.
Nun, laßt nur erst den in der Tiefe kochenden Vulkan losbrechen, das soll eine Lavagluth geben, in welcher die standrechtlichen Hunde nebst ihren saubern Spießgesellen, den Herren vom Geldsack und vom Schmeerbauche, zu Tausenden zum Schmoren werden begnadigt werden.
Es ist heute das 18. standrechtliche „Sieges“-Bülletin erschienen. Es lautet:
Den aus Ungarn einlaufenden Mittheilungen zu Folge erfreuen sich unsere Waffen allenthalben (!) eines glänzenden (!) Erfolges.
Vom F. M. L. Baron Csorich, welcher mit einem Theile des 2ten Armee-Corps der Görgey'schen Rebellen-Armee-Abtheilung in der Richtung gegen die Bergstädte gefolgt war, langt so eben der Bericht ein, daß er am 21. d. die starke feindliche Stellung auf dem Plateau vor Schemnitz mit der Brigade Wyß mit Sturm genommen, den Feind auf allen Punkten vertrieben habe, und des andern Tages nach einem kurzen Gefechte mit der Arrieregarde des Feindes in Schemnitz eingerückt sei.
Bei diesen Gefechten wurden von unsern tapfern Truppen 12 Kanonen, 10 Mörser, mehrere Munitionskarren, sehr viele Waffen und Gepäck erobert, von den dort aufgestellten 12ten, 23sten und 33sten Honvèd-Bataillons, das letztere ganz zersprengt, über 500 Gefangene gemacht, worunter 1 Offizier und 145 Mann von Alexander-Infanterie und der Chef des General-Stabs Görgey's, der ehemalige Oberstlieutenant Pustelnik. Außerdem verlor der Feind 60 Todte und 120 Verwundete.
Unserer Seits beträgt der Verlust 2 Offiziere, 6 Mann an Todten und 13 Mann Verwundete.
4 Compagnien des 2ten Jäger-Bataillons haben den wiederholten Sturm auf Windschacht mit ausgezeichneter Bravour ausgeführt; eben so das 12te Jäger-Bataillon unter Oberst Collery, gefolgt von einer Pionnier-Compagnie bei Hodritz mit großer Tapferkeit gefochten, und allein 5 Kanonen von obengedachter Gesammtzahl erbeutet.
Der Feind zog sich auf der Sohler-Straße, verfolgt von unserer Truppe, zurück.
Gleichzeitig beabsichtigte General-Major Götz von Mossocz aus Kremnitz über Oberstuben und Turzek in Verein mit der von Rudno anrückenden Colonne des General-Majors Sossay anzugreifen. Da aber letzter Herr General-Major am Tage vor dem Angriff, von dem Herrn Feldmarschall-Lieutenant Simunich den Befehl erhielt, nach Neutra zurückzukehren, um daselbst zur Pacifikation des bereits occupirten Landtheiles mitzuwirken, so mußte sich Herr General-Major Götz begnügen seine Stellung bei Mo[unleserlicher Text]focz zu behaupten, um das Turoczer-Comitat vor den durch Feldmarschall-Lieutenant Esorich geschlagenen und zerstreuten Insurgenten zu schützen.
Die endlich anzuhoffende Einnahme Leopoldsstadts und die Besetzung von Neuhäusl durch die Brigade Neustädter dürften hinreichen, um den guten Geist, der sich allenthalben im Trentschiner Comitate zu entwickeln anfängt, zu kräftigen, die Gemüther zu beruhigen und zur Herstellung der gesetzlichen Ordnung beizutragen.
Bei Szolnok benützten die an der Theiß sich sammelnden Insurgenten das Zufrieren des Flusses, um die Avantgarde des Generals Ottinger, welcher die Brücke besetzt hatte, zu umgehen. Da nun eine längere Besetzung der Brücke — bei dem Umstande, als der zugefrorne Fluß allenthalben zu passiren war — unnöthig geworden, so ließ General Ottinger diese nur aus Cavallerie bestehende Avantgarde gegen Czegled abrücken, bei welcher Gelegenheit die Majors 2. Escadron von Graf Hardegg-Kürassier, auf eine sie verfolgende Division von Kaiser-Husaren, eine so glänzende Attaque machte, daß diese Husaren-Division ganz geworfen wurde, mehrere Leute todt auf dem Platze liegen ließ, und ein Rittmeister mit 18 Mann gefangen genommen wurde. Nachdem General-Major Ottinger durch die nachgesandte Infanterie verstärkt bei Szegled eine geeignete Position genommen, um die Insurgenten zu empfangen, zogen sich Letztere in aller Eile bei Szolnok über die Theiß zurück.
Feldzeugmeister Graf Nugent, welcher gegen Fünfkirchen vorzugehen beabsichtigt, hat durch General-Major Baron Dieterich und seine aus Infanterie, Cavallerie und Artillerie bestehende starke Brigade Kaposvar besetzen lassen, um durch diese Vorrückung das Sumegher- und Baranyer-Comitat von den noch daselbst herumirrenden Honvéd und Rebellen, die ein gewisser Damjavich — gestützt auf den Zufluchtsort, welche ihnen Essegg bietet — zu sammeln sucht, zu säubern, und daselbst, wie es Oberst Baron Horvath im Stuhlweissenburger-Comitate gethan, die gesetzliche Ordnung wieder herzustellen, und das Wirken der Regierungs-Commissäre möglich zu machen.
Feldmarschall-Lieutenant Dahlen organisirt die im Lande entbehrlichen Gränztruppen und wird demnächst auf dem rechten Donau-Ufer gegen Essegg vorrücken.
Aus Verschetz meldet General Todorovich vom 20. Jänner: In Folge eines heftigen Gefechtes mit den Rebellen, habe ich mit den Truppen des Oesterreichisch-Serbischen Armeecorps gestern den 19. Jänner l. J. Nachmittag Verschetz eingenommen und um 11 Uhr Nachts mein Hauptquartier dahin verlegt.
Am 18. Abends war das Corps zu dieser Unternehmung zwischen St. Michály und Alibunar versammelt und hatte noch während der Nacht Zi[unleserlicher Text]sidorf besetzt.
Mit frühestem Morgen wurde in 2 Colonnen gegen Verschetz vorgerückt und zwar der Serbische Oberst Knicanin mit dem Hilfs-Corps und Deutschbanater 2 Bataillons über Zi[unleserlicher Text]sidorf, der Rest des Corps unter meiner persönlichen Führung über Nicolincze Flachawatz.
Der Feind, welcher um 7 Uhr Früh mit der Hälfte seines Corps nach Zi[unleserlicher Text]sidorf abmarschirt war, kehrte auf die Kunde von der Besetzung dieses Ortes durch unsere Truppen um 10 Uhr nach Verschetz zurück, zog den Ueberrest seines Corps an sich, und marschirte um Mittag neuerdings gegen Zi[unleserlicher Text]sidorf ab. Als ich gegen 2 Uhr Nachmittags mit der Colonne in die Nähe von Verschetz kam, bemerkte ich den Rückzug der starken feindlichen Colonnen auf der Straße gegen Becskerek und machte sogleich die Anstalt zu seiner Verfolgung und Eroberung der noch vom Feinde besetzten Stadt.
Mittlerweile erfolgte aber schon der Angriff des Obersten Knicanin gegen die ihm entgegenkommende feindliche Colonne. Ich eilte unverzüglich mit einem Theile meiner Truppen zu seiner Unterstützung herbei und der Feind wurde durch diesen Angriff in seinem Rücken gezwungen seine Richtung zu ändern und den Rückzug auf der Straße nach Morawitza zu nehmen, wohin er bis zur einbrechenden Nacht lebhaft verfolgt wurde.
Wir haben über 20 Wagen mit Munition, Kupfer und Blei erbeutet, viele Waffen erobert und Gefangene gemacht.
Oberst v. Mayerhofer hat durch seine guten Dispositionen und thätige Mitwirkung bei der Ausführung wesentlich zum Erfolge des Unternehmens beigetragen. Eben so ausgezeichnet waren die Leistungen des Serbischen Obersten Knicanin, des Hauptmannes Michael Ivanovich des Peterwardeiner und des Capitän-Lieutenants Milekics desselben Regiments. Hauptmann Kosavich und Oberstlieutenant Stephanovich haben mit dem 3ten Deutschbanater-Bataillone Beweise der größten Tapferkeit gegeben.
Unser Verlust ist, so viel ich bisher erfahren konnte, nicht bedeutend, jener des Feindes an Todten, Gefangenen und Ausreißern ansehnlich.
Wien am 27. Jänner 1849.
F M. L. Welden, Militär- und Civil-Gouverneur.
Herr Welden macht ferner kund, daß der Leitungsdraht längs der Telegraphenlinie wiederholt beschädigt oder zerstört worden. Wer sich noch ferner dergleichen Verbrechen zu Schulden kommen lasse, gegen den solle ohne Weiteres die kriegsrechtliche Behandlung eintreten.
Die „Ostdeutsche Post“ erscheint zum ersten Male wieder am 30. Januar.
Briefe aus Pesth vom 23. Januar, die wir so eben erhalten, sprechen gerüchtweise von einem Gefecht bei Szolnok, wo die Kaiserlichen eine bedeutende Schlappe sollen erhalten haben und in Folge dessen bis 8 Meilen vor Pesth zurückgedrängt worden seyen.
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@facs1156
[ !!! ] Frankfurt, 30. Jan.
National-Versammlung. Simson präsidirt.
Tagesordnung: Gewähr der Verfassung.
Vor derselben zeigt der Präsident der Versammlung an, daß unterm 27 d. M. das Protokoll der Temme'schen Wahl nebst dessen (Temmes) Annahme dieser Wahl angelangt sind, und die übrigen Akten folgen werden.
Fehrenbach interpellirt den Kriegsminister, warum immer noch 4000 Mann Reichstruppen in Baden liegen, während doch längst alles ruhig ist
Reichensperger kündigt den Ausschußbericht über die Wahl des Kreises Thiengen (Hecker) an.
Man nimmt Ergänzungswahlen für den Geschäftsordnungsausschuß vor. Gewählt werden: Deym und Brodtheim.
Tagesordnung: Amendements zu § 1 der „Gewähr der Verfassung“ werden verlesen.
Art. 1, § 1 lautet:
„Bei jedem Regierungswechsel tritt der Reichstag, falls er nicht schon versammelt ist, ohne Berufung zusammen, in der Art, wie er das letzte Mal zusammengesetzt war. Der Kaiser (?), welcher die Regierung antritt (im Monde?), leistet vor den zu einer Sitzung vereinigten beiden Häusern des Reichstags einen Eid auf die Reichsverfassung. Der Eid lautet: „Ich schwöre, das Reich und die Rechte des deutschen Volkes zu schirmen, die Reichsverfassung aufrecht zu erhalten und sie gewissenhaft zu vollziehen; so wahr mir Gott helfe.“ (Ja, Gott helfe ihm.) Erst nach geleistetem Eide ist der Kaiser berechtigt, Regierungshandlungen vorzunehmen.“
Hierzu zwei Minoritätserachten.
Die allgemeine Diskussion wird abgelehnt, dagegen dieselbe über den vorstehenden § 1 beschlossen.
Dagegen spricht Mölling (Oldenburg). Schrenk dafür.
Hierauf wird § 1 angenommen. Ebenso ohne Diskussion § 2:
„Die Reichsbeamten haben beim Antritt ihres Amtes einen Eid an die Reichsverfassung zu leisten. Das Nähere bestimmt die Dienstpragmatik des Reichs,“
und § 3:
„Die Verpflichtung auf die Reichsverfassung wird in den Einzelstaaten mit der Verpflichtung auf die Landesverfassung verbunden und dieser vorangesetzt.“
Art. 2, § 4:
„Keine Bestimmung in der Verfassung oder in den Gesetzen eines Einzelstaates darf mit der Reichsverfassung in Widerspruch stehen.“
Buß spricht wieder. Er will hinter „Reichsverfassung“ einschalten:
„oder den Reichsgesetzen, oder den unter der Autorität des Reichs abgeschlossenen Verträgen.“
Buß's Einschaltung wird von Links unterstützt, aber verworfen.
Der § 4 wird angenommen.
§ 5:
„Eine Aenderung der Regierungsform in einem Einzelstaate kann nur mit Zustimmung der Reichsgewalt erfolgen. Diese Zustimmung muß in den für Aenderung der Reichsverfassung vorgeschriebenen Formen (s. § 6) gegeben werden“
Diesen Paragraph will eine Minorität (Wigard, Ahrens, Schüler etc.) gestrichen wissen
Schüler von Jena spricht für die Streichung.
Soiron (der Weinrepublikaner, der immer in der Nüchternheit für die Fürsten kämpft) empfiehlt den Paragraphen.
Professor Hagen hält einen Vortrag gegen den Paragraphen. Unter Anderm erzählt er uns, daß der Vorredner (der Republikaner Soiron) im März zu seinen Wählern gepredigt, es hinge nur vom Volke ab, alle Dynasten zum Teufel zu jagen. (Soiron wird ausgelacht) Hagen meint, man solle doch einmal einen Versuch machen mit der Republik (große Heiterkeit. Gallerien Bravo!), dann könne man (im Fall der Versuch mißlingt) doch mit Recht zum Volk sagen, die Republik passe nicht für Deutschland.
Buß spricht schon wieder gegen den Paragraphen.
Wiegard erklärt, ihm und seinen politischen Freunden sei bei Soirons Rede ganz schauerlich zu Muthe geworden. Er spricht auch gegen § 5, dagegen für einen Zusatzparagraphen der Minorität:
„Ueber die Verantwortlichkeit der Reichsminister wird ein besonderes Reichsgesetz erlassen.“
Noch spricht Gompard für § 5 und Schwarzenberg aus Kassel dagegen.
Endlich Brutus-Bassermann, worauf man die Debatte schließt.
Die Linke blieb sitzen, Vogt wollte noch sprechen.
Waiz spricht als Berichterstatter, und meint, der § 5 sei äußerst wichtig (doch nur für Waiz, Beseler, Dahlmann?), er empfiehlt den Antrag der Majorität des Ausschusses, wie ich ihn oben gab.
Zum Schluß der Waiz'schen Phrasen raffte sich die rechte Hälfte des Hauses mit aller Gewalt auf und klatschte krampfhaft Beifall — aber das Zischen der Linken und das Trommeln der Gallerien dauerte noch länger.
Hierauf wird der erste Satz des § 5:
„Eine Aenderung der Regierungsform in einem Einzelstaat kann nur mit Zustimmung der Reichsgewalt erfolgen,“
in namentlicher Abstimmung mit 294 Stimmen gegen 137 angenommen.
Der 2. Satz desselben Paragraphen (s. oben) wird ebenfalls in namentlicher Abstimmung mit 237 Stimmen gegen 189 angenommen.
Der Minoritätszusatz von der Ministerverantwortlichkeit wurde angenommen (Die ganze rechte Hälfte blieb sitzen).
Hierauf Vertagung bis Donnerstag. Tagesordnung: Fortsetzung des heutigen Entwurfs.
Schluß um 1/2 3 Uhr.
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@facs1156
[ 48 ] Darmstadt, 30. Jan.
Im September v. J. erschienen in der von dem Dr. v. Löhr in Worms redigirten Zeitschrift: „Die neue Zeit“ mehrere Artikel, welche schwere Anklagen gegen Heinrich v. Gagern, Bestechung von Seiten der russischen Staatsregierung u. s. w. enthielten, so daß sich derselbe entschloß, bei dem kompetenten Gericht, dem Kreisgericht in Alzei, auf Bestrafung des Redakteurs anzutragen. Das Kreisgericht fand sich auch veranlaßt, eine Untersuchung einzuleiten, und erließ ein Zwischenerkenntniß, gegen welches der Angeklagte die Appellation an das Obergericht zu Mainz zur Hand nahm. Da dieses Gericht das Urtheil bestätigte, so ergriff der Angeklagte das Rechtsmittel der Kassation, das indessen gestern Abend von dem Kassationshof dahier verworfen wurde. Ein zahlreiches Publikum hatte die Räume, für das Auditorium angefüllt. Für den Kassationskläger war kein Anwalt erschienen.
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@facs1156
[ 068 ] Kassel, 28. Januar.
Die Ministerkrisis ist schon beendigt. Herr Eberhard theilte der Ständeversammlung heute mit, daß die Mißhelligkeiten zwischen Ministerium und Kurfürsten ausgeglichen [1157] seien. Er habe die Ueberzeugung gewonnen, setzte er hinzu, daß in Zukunft die Vorschläge des Ministeriums beim Kurfürsten geeignete Berücksichtigung finden würden. (Gewiß, so lange die ministeriellen Vorschläge dem kurfürstlichen Geschmack nicht zu unangenehm werden und namentlich, so lange für die kurhessische Contrerevolution noch nicht die rechte Stunde geschlagen hat.)
Italien.
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@facs1157
[ 068 ] Florenz, 22. Jan.
Die Kammer ist heute Morgen zusammengetreten und hat das Dekret des Ministeriums über die unmittelbare Absendung von toskanischen Deputirten zur italienischen Constituante mit einstimmigem Beifall begrüßt. Diese Deputirten, 37 an der Zahl, sollen durch allgemeine und direkte Wahlen ernannt werden und ein unumschränktes Mandat erhalten. Der Enthusiasmus des Volkes über diesen Beweis von Patriotismus Seitens des Ministeriums ist unbeschreiblich.
Der hiesige Volkszirkel beantragt so eben einen italienischen Protest gegen das Verfahren, welchem der schweizerische Bundesrath die in den Kanton Tessin geflüchteten lombardischen Insurgenten geopfert hat. Alle italienischen Clubs sollen aufs Energischste ihre Regierungen auffordern, die Zurückberufung der neapolitanischen Schweizerregimenter innerhalb der peremptorischen Frist eines Monats vom Bundesrath zu verlangen. Entspricht der Bundesrath diesem Verlangen nicht, so werden sich die in den italienischen Staaten domicilirten Schweizer alle Maßregeln, die man gegen sie ergreifen wird, gefallen lassen müssen. Wenn die Schweiz in Betreff Tessin's ihre Neutralität so äußerst scrupulös behauptet, so darf sie noch viel weniger erlauben, daß Schweizer-Bajonette, die schon mit italienischem Blute gefärbt sind, im Dienste des Tyrannen zu Neapel bleiben.
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@facs1157
[ * ] Neapel.
Briefe aus Neapel vom 15. Januar melden, daß eine Aushebung von 18,000 Soldaten, die durch's Loos bestimmt und nach Rom geschickt werden sollten, nicht bewerkstelligt werden konnte. Zu Neapel sah sich die Regierung genöthigt, die Ziehung zu suspendiren; in der Provinz Avelino und vornämlich in der Valle Claudina wurden die Urnen zerbrochen und ein feierlicher Protest erlassen. Zu Salern und in Calabrien die nämlichen Auftritte. Truppen mußten hingeschickt werden, um die Ruhe nothdürftig wieder herzustellen Die Requisitionen von Pferden und Maulthieren sind gleichermaßen abgefahren; nicht ein Huf ist geliefert worden. Die Finanzen sind in einem kläglichen Zustande; die Steuern werden nicht bezahlt, und der Schmuggel, auf's Großartigste organisirt, wird nimmer noch von honetten Leuten, die sich für sehr gute Bürger halten, protegirt. In der Toledostraße kein einziger Raucher mehr, und auch dies einzig aus dem Grunde, um gegen die Regierung zu protestiren. Welcher Unterschied zwischen Neapel und Palermo! In Neapel raucht man nicht, um der Regierung keine Steuer zu zahlen; in Palermo hat die Regierung Geld nöthig, und in Einem Tage bewilligen ihr die Bürger eine Million.
Das Ministerium, durch alle diese Symptome erschreckt, hat der Kammer einige Vorschläge gemacht, welche dieselbe indessen im Interesse der italienischen Nationalität nicht annehmen zu können glaubte.
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@facs1157
[ * ] Rom, 19. Jan.
Unter diesem Datum wird dem „Journ. des Deb.“ von seinem Korrespondenten Folgendes geschrieben:
„Während man in Gaeta über Nichts zur Entscheidung kommt, während man dort die absichtlich herbeigeführten Gelegenheiten zum Handeln unbenutzt läßt und Zeit und Stellung in unerklärlicher Zögerung verbraucht und abnutzt: schreitet hier die Revolution immer mehr vorwärts. Nachdem sie die Massen durch Versprechungen anzulocken gesucht, strebt sie gegenwärtig, sie durch die Furcht zu beherrschen. Unsere Schreckenszeit beginnt, ein Terrorismus im kleinen Maßstabe, mehr krakehlig als blutdürstig. Sterbini hat von diesem Augenblicke an die Leitung der Bewegung in Händen; er hat der Revolution die bis dahin mangelnde Energie aufgedrückt. Armellini unterstützt ihn mit einer fieberhaften Thätigkeit und Campello ist bemügt, hinter seinen beiden Kollegen nicht zurückzustehen. Seit 14 Tagen ist denn auch Rom über die Fluth ministerieller Verordnungen erstaunt, die in allen Branchen der Verwaltung mit erschreckender Schnelligkeit einander folgen. „Auf jeden Akt in Gaeta,“ sagte neulich in einer vertraulichen Unterredung Sterbini, „werde ich durch eine Steuerverminderung oder Bewilligung eines Volksrechtes antworten.“
Die Constituante und die Wahlen des 21. Bezirks bilden den Hauptstoff in dieser Woche. Der Pabst hat das Wählen verboten, das Ministerium hat es dekretirt und will es. Wer von Beiden den Sieg davon tragen wird?
Am 15. hätte ich noch behauptet: Gaeta! Heute sage ich: Rom! ‥. In Folge der Wahlen wird sich die Lage (der Reaktionärs!) ganz eigenthümlich verschlimmern, besonders wenn, dem ministeriellen Dekret gemäß, die römische Constituante auch den Titel als „italienische“ Constituante annimmt, und Toskana, Sizilien, Venedig, vielleicht auch Piemont, ihre Repräsentanten hieherschicken.“
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@facs1157
[ * ] Mantua.
Der Munizipalrath von Mantua hat sich geweigert, einen Deputirten für den österreichischen Reichstag zu ernennen.
Schweiz.
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@facs1157
Bern, 28. Januar-
Wie der „Bern. V. Fr.“ mittheilt, hat der hiesige Professor Gerber eine Maschine erfunden, die eine gänzliche Revolution in der Konstruktion aller hydraulischen, Dampf- und Gebläsmaschinen hervorbringen soll, indem dieselbe nicht nur ihrer Einfachheit wegen, sondern auch weil sie einen verhältnißmäßig sehr kleinen Raum einnimmt und bedeutend geringern Kraftaufwand als alle Maschinen, welche gegenwärtig den Zweck erfüllen, erfordert, allen vorzuziehen ist. Herr Professor Gerber, welcher die Sache noch als Geheimniß bewahrt, hat dieselbe den Direktoren der öffentlichen Bauten und des Innern, auch zweien Sachverständigen anvertraut. Alle sprechen sich darüber gleich günstig aus.
Bekanntlich hat Herr Gerber lange vor Daguerre sogenannte Lichtbilder gemacht, aber die arme Schweiz, welche dem Erfinder keinen Schutz gewährt, ist nicht im Stande, den tiefen und gründlichen Denker und unermüdlichen Arbeiter zu honoriren, wie Frankreich seinen Daguerre und England seinen Stephenson honorirt hat.
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@facs1157
Zürich.
Der Regierungsrath hat beschlossen, den Bundesrath zu ersuchen, bei der badischen Regierung wegen des schon im Jahr 1836 auf die Güter des Klosters Rheinau gelegten Beschlags neuerdings Beschwerde zu erheben und die Aufhebung dieser widerrechtlichen Maßregel zu verlangen.
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@facs1157
Neuenburg.
Die Verhaftung der HH. Chambrier und Calame bestätigt sich nicht, hingen mußten wegen ausgebrochener Unruhen Truppen nach Verrieres geschickt werden.
Französische Republik.
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@facs1157
[ 103 ] Paris, 28. Jan.
Jeden Tag entstehen neue Associationen, wovon ich vorläufig nur folgende erwähnen will:
1) Association für di allgemeine sozialistische Propaganda. Nro. 1. Rue des bons Enfans, Ecke der Straße St. Honoré.
2) Association der sozialistischen Arbeiter. Nro. 9. Rue Martel, Faubourg St. Denis. Salle de la Fraternité (Saal der Brüderschaft). Hier ist jeden Abend ein Klub, oder eigentlich eine soziale Börse, wo die geistigen und materiellen Geschäfte, die politischen und merkantilischen Verhältnisse besprochen werden. Jeden Abend wird hier für die Verurtheilten und Transportirten und deren Familien gesammelt. Jeden Sonntag Nachmittags wird ein großes Konzert von den Kindern von Paris (enfans de Lutèce), einem ausgezeichneten Sängerchor ausgeführt, mit einer Instrumentalbegleitung von 200 Instrumenten. Der Eintritt zu dem Konzert, welches etwa 2 Stunden und länger dauert, kostet 25 Ct. oder 2 Sgr. für alle Plätze, weil hier völlige Gleichheit herrscht. Nach dem großen Konzert ist sozialistisches Banket. Man hat dafür 1/2 Flasche trinkbaren Wein, ein Stück gutes Rostbeef und ein tüchtiges Stück Brod und Käse. Während des Essens abermals Musik, Gesang und Toaste ausgebracht von den ausgezeichnetsten Rednern der Nationalversammlung (von der Montagne) und den besten Klubrednern. Patriotische Lieder werden gesungen, Gedichte deklamirt und das Volk über Religion und Nationalökonomie, Politik etc. belehrt.
Diese Bankets kosten 1 Fr. oder 8 Sgr. Nach Beendigung derselben wird nochmals, für unglückliche Brüder, an der Thür gesammelt, auch dann, wenn schon während des Mahles gesammelt wurde. Frauen und Kinder nehmen Theil; erstere singen und halten auch Reden. Die Kinder zahlen nur 50 Ct. oder 4 Sgr. für das Ganze.
Wie ist dies möglich? wird man fragen. Die Antwort ist einfach diese: Der Saal der Brüderschaft ist auf gemeinschaftliche Kosten errichtet in Bons für 0,25, 0,80, 1,00 und 5,00 Francs. Jeder Bons-Inhaber ist Miteigenthümer. Dieser Saal kann, wenn er ganz fertig ist, 6000 Menschen fassen, die in brüderlicher Eintracht einander im Unglück und im Glück zur Seite stehen. Am vorigen Sonntage, wo ich und einige andere Deutsche, Engländer, Schweizer, Italiäner, Polen etc. zugegen waren, konnten, weil der Saal noch nicht vollendet war, nur 4000 Personen Theil nehmen, und die Rue Martel, Rue des petites Ecuries bis zur Rue Faubourg St. Denis, waren noch mit Arbeitern, Gardes Mobiles, Gardes Nationeaux und Kleinbürgern angefüllt, welche alle noch hinein wollten. Wer bis Freitags keine Karten löset, kömmt Sonntags nicht mehr in den Saal.
Es wurden unter andern Toasten folgende ausgebracht: allen Franzosen in Frankreich, in Berlin, Wien, Pesth, Warschau, Prag, Krakau, Petersburg, Breslau, Köln, und wo sich irgend einer befindet (d. h. allen Sozialisten und Demokraten), welche alle zu der großen demokratisch-sozialen Republik Frankreichs als Brüder gehören. Ein satyrischer Toast auf Guizot und Thiers.
Das Lied der Tochter des Transportirten wurde von einer guten Sängerin gesungen und mit ungeheuerm Beifall begrüßt. Mir fiel dabei die Petition ein, welche der Landwehrverein in Breslau an die feudale Nationalversammlung in Frankfurt richtete, um die deutschen Transportirten zu reklamiren, und Rechenschaft über die füsilirten Deutschen in Paris zu verlangen. Ich frage bei den Feudalherrschern von Gottes Gnaden, ob die Gnade Gottes durch sie irgend einen transportirten Deutschen befreit und die nicht befreiten unterstützt hat. Hier weiß man nichts davon!!!
Zu dieser Association haben sich also alle Nationen verbunden.
3) Association der Krämer, Nr. 7 Rue du Cadran. Hier hat man unverfälschen Zucker, Kaffee, Wein, Butter, Käse, Rosinen, Feigen, Syrop, Hülsenfrüchte und was der Arbeiter sonst noch zu seinem Lebensunterhalte bedarf, in natürlicher Güte und zu billigen Preisen; ich selbst hole mir meine kleinen Bedürfnisse dort, und bin sehr zufrieden. Wer da weiß, welchen Verfälschungen diese Waaren in Paris unterworfen werden, und wieviel gefährliche Krankheiten sich dadurch unter der ärmern Klasse in Paris entwickeln, wird diese Association mit Freuden begrüßen. Sie ist eine Filiale der unter Nr. 2 behandelten Association, deren belebender Geist der Professor De Bonard ist. (Welch ein Unterschied zwischen einem sozialistischen Professor und einem Feudalprofessor von Gottes Gnaden in Deutschland).
4) Association des Boulangers. Diese liegt jetzt im schweren Kampfe mit den Bäckermeistern, welche ihre Beute eben so wenig losgeben wollen, als die zahmsten Deutschen und Juden, um derentwillen die Frankfurter Feudalgesellschaft in der Paulskirche eine neue Theilung Polens vornehmen mußte, um derentwillen Krakau östreichisch wurde, gegen alles Völkerrecht. Die Meister beuteten im Einverständniß mit den Kommissionsbureaux die Gesellen aus, kauften ihre Konzessionen für 30—50,000 Fr., und der Arbeiter, das Volk mußte das Brod um so theurer bezahlen. Tout comme chez nous — sagte der hinkende Teufel. Um diesem Mißstand zu steuern, bildete sich diese Association, welche gute Geschäfte macht, aber eben deshalb von ihren Ausbeutern verfolgt wird und trotz ihres guten Rechts zum Theil im Gefängniß sitzt.
4) Association der Posamentirer, Rue neuve Chaknal Nr. 11.
5) Association de Coiffure et Barbe, Rue des Gravilliers Nr. 18 und Rue de la Montagne St. Généviève.
6) Association des Chaussures, Rue Rambuteau Nr. 108.
Wer gute dauerfeste Stiefeln, Schuhe und Pantoffeln haben will, läßt sie jetzt dort machen, der Preis ist nicht so hoch als für dieselbe Waare in den Kaufläden oder bei Meistern.
7) Association pour Vetemens (Schneider), Rue de Clichy Nr. 69, Rue Faubourg St. Denis Nr. 25.
Eine Kleiderbude nach der andern wird im Palais Royal und den Straßen der Stadt eingehen, wenn die ganze Gesellschaft gebildet ist, oder diese Kaufleute müssen sich mit der Association, welche die Bedingungen stellen kann, verbinden.
8) Association der Sattler.
Die Association hatte 75,000 Frs. und 40,000 Frs. bei der Regierung zu Gute, konnte diese Summe aber nicht erhalten, bis die kontraktliche Lieferung beendigt war. Ein Wechsel von 4000 Frs. mußte aber am 15. Januar gezahlt werden. Die Bank des Staates, wie Banquiers wollte aus guten politischen Gründen den Socialisten auf ihr Guthaben Zahlung geben, wodurch sich die Unzweckmäßigkeit dieser Feudalinstitute am besten bekundet. Die Sattlergesellen holten am 14. Januar ihre kleine Baarschaft, versetzten was sie konnten im Pfandhause und hatten Abends 7000 Frs. statt 4000 Frs. so daß sie noch einem ihrer Lieferanten, der ebenfalls von einem Kapitalisten bedroht wurde, aus der Noth helfen konnten. Das heißt Brüderlichkeit.
9) Association de l'Arconnerie, Nr. 32 Rue des petits Hotels Faubourg St. Denis.
10) Association der Köche (Restaurans), Nr. 36 Boulevard Pigale, Rue Simon le Franc Nr. 18 (Rue Rambuteau und Rue St. Martin).
Diese kochen auch für die Banketts-Fraternels, an der Barrière du Maine, Rue Martel Nr. 9 etc.
Wer früher längere Zeit in Paris lebte, wird begreifen, welche Wohlthat dies für die Arbeiter ist. Man erhält dort reinen Wein, gutes Bier, gute Suppe, gutes Rindfleisch mit Gemüse, und einen Teller voll Gemüse zu äußerst billigen Preisen. Ein mäßiger Esser kann sich für 4 Sous Suppe, 4 Sous Rindfleisch, 2 Sous Gemüse, 1 Sous Brod vollkommen satt essen, also für 11 Sous oder 4 Sgr. 4 Pf. Die Anstalten sind außerordentlich besucht, und ich sehe daselbst täglich mehrere deutsche Flüchtlinge, welche die preußische Contrerevolution hieher verschlagen hat.
11) Association der Knopfmacher Nro. 20. Rue Fontaine au roi.
12) Papiermacher. Nro. 10. Rue du grand Prieuré.
13) Association der Wäscherinnen und Bleicher Nro. 66. Rue St. Honoré.
14) Association der Hutmacher, Rue des trois Pavillons Nr. 5. Diese haben schon mehrere Kaufläden, und ihr Geschäft geht trefflich, ungeachtet sie Anfangs weder Geld noch Kredit hatten.
15) Association der Aerzte, Chirurgen, Hebammen und Krankenwärter etc. Rue des Prouvaires Nr. 8.
Dies ist eine Filiale von Nr. 2 und verspricht viel zum Heil der Pariser. Sie werden eine Arbeiter-Charité mit Gärten, Wiesen, in der Umgegend von Paris in Argenteuil bilden, woselbst alte Aerzte etc. ihre Versorgung finden, und die Kranken der Arbeiter, Bürger etc. gute billige Consultations-Behandlung und Pflege finden, wo Kinder mit Ammen erzogen werden, welche Mütter nicht selbst nähren können, wo die Arbeiter etc. Väter und Mütter, ihre Kinder Sonntags sehen und sich selbst erholen können. Um den Saal der Fraternite zu erstehen und einzurichten, war 150,000 Fr. nöthig, und man hatte nur 200 Fr. zur Anzahlung, 47 Fr. zum Beginn des Baues. Die Arbeiter haben ihn vollendet ungeachtet der Hindernisse. Eben so wird es mit der Anstalt in Argenteuil gehen, wo das Lokal vorhanden ist
16) Association des Fermiers. Rue du Cadran Nr. 12.
17) Association de l'Ebénisterie. Rue Charonne Nr. 7 Cour St. Joseph.
18) Association der Maler für Bauten. Rue des Arcis Nr. 52.
19) Association der Leinwandarbeiter. Rue de la Corderie St. Honoré, Rue Richelien Nr. 14.
20) Association de Chauffonnerie. Rue St. Martin Nr. 212. Hier befindet sich auch die Association générale der Delegirten des Luxembourg. Eine Association der Baumeister, Ingenieure, Bauhandwerker und Arbeiter jeder Art, wird sich unter dem Schutze dieser Association ebenfalls bilden, um die Bauarbeiter gegen die Ausbeutung durch Bauherrn, Unternehmer und Meister zu schützen, und sie dem Hungertode zu entziehen, eben weil diese am meisten ausgebeutet werden.
21) Association der Stuhlfabrikanten. Rue Charonne Nr. 7.
22) Association des Ouvriers réunis. Rue Philippeux Nr. 27.
23) Association der Hemdearbeiter. Rue de Corderie, St. Honoré Nr. 7. Rue de l'Arbre sec. Rue St. Honoré. Männer und Frauen vereint, erhalten gleichen Lohn.
24) Association der Uhrmacher. Rue des Enfans rouges Nr. 7.
25) Association der Bürstenmacher. Rue de Bondy Nr. 76.
26) Association der Blousenarbeiter. Rue Mondeton Nr. 3.
27) Association der Körnerhändler. Rue du Four St. Honoré Nr. 6.
28) Association de la Solidarité, Banque d'Echange. Hält ihre Sitzung in Vauxhall, Rue de la Douane.
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@facs1157
[ 24 ] Paris, 30. Januar.
In allen Abtheilungen fand gestern die Diskussion über die Schließung der Klubs statt. Die Majorität bekämpft heftig den Gesetzvorschlag, der nur schwach durch die Royalisten unterstützt wurde.
Im 3. Büreau erklärte Th. Bac geradezu, die Klubs seien jetzt unentbehrlich als Gegengewicht gegen die frechen Contrerevolutionsversuche der Regierung.
Während die große Majorität der Kommission unbedingt gegen die Schließung der Klubs entschied, wagten selbst die Ministeriellen nur die Regulirung der Klubs in englischer Manier zu beantragen.
Der Bataillonschef der Mobilgarde, Baillot, giebt folgende nähere Details über die Scene zwischen Changarnier und Aladenize:
Alle Bataillonschefs der Mobilgarde empfingen die Ordre, sich am 27. Februar 9 Uhr Morgens bei Changarnier einzufinden, ohne daß ihnen ein Grund angegeben worden wäre.
Changarnier redete sie sofort in brutalster Weise an; flüchtig glitt er hinweg über die bevorstehende Reorganisation der Mobilgarde und fügte dann folgende Worte hinzu: „Ich weiß, meine Herren, daß einige unter ihnen, aus persönlichem Interesse, ihre Soldaten, die sie zur Pflichterhaltung anzuhalten — verbunden sind, aufzuwiegeln suchen. Ich weiß, daß heute eine Vereinigung der Mobilgarden aller Bataillone auf dem Carrè de Marigny stattfinden soll, zum Behufe, gegen das Dekret der Regierung zu protestiren. Ich sage ihnen voraus, meine Herren, daß ich die Mobilgarde niedersäbeln lassen werde, wenn sie diesen Vorsatz ausführt.“ Hierauf wandte sich Changarnier an mehrere Bataillonschefs und apostrophirte sie wie folgt: „Sie, Meine Herrn, so und so, sie werden zur Abtei abgeführt werden für ihre frühere Aufführung … Sie, mein Herr, werden gleichfalls dahin spazieren, weil Sie einen General nicht grüßten, dem Sie heute Morgen begegnet sind … Was Euch angeht, Kommandant Aladenize, Ihr kennt das spezielle Interesse, das der Präsident der Republik an Euch nimmt, und hättet schon deswegen nicht als Advokat eurer Kameraden auftreten dürfen. Ihr werdet gleichfalls auf die Abtei spazieren.“ Da Aladenize antworten wollte, gebot ihm der General Schweigen mit einem Winke der Hand … Sie gebieten mir Schweigen, General? fragte der Kommandant. „Bis zum Augenblicke, wo ich Euch den Mund öffnen werde“, antwortete der General. Nach einigen Augenblicken gänzlichen Stillschweigens sagte ihm der General: „Jetzt, Kommandant, könnt Ihr sprechen.“ Der letztere trat einige Schritte vor und rief aus:
„Ich werde Ihnen General hier nicht als Kommandant, sondern als Bürger antworten, denn ich erkenne Ihnen nicht das Recht zu, mich in einer Weise zu interpelliren, die Ihnen dem ersten besten Korporal gegenüber nicht zusteht. Sie, General, verrathen das Vaterland und die Republik! Nicht nur das, Sie verrathen den Präsidenten! Ich besitze die Beweise, ich werde sie zu geeigneter Zeit liefern. Ich habe höher gestellten Personen als Ihnen die Wahrheit gesagt. Sie wollten die Mobilgarde enthaupten, weil Sie euch zu republikanisch war. Sie zu tödten, wird euch nicht gelingen. Ich habe 10 Jahre im Gefängnisse gesessen für meine Meinungen, ich bin bereit, für sie noch länger zu sitzen. Aber nehmt Euch in Acht, Herr Changarnier, wir werden uns bald noch einmal treffen, aber ich werde dann hinter einer Barrikade stehen — dann werden wir sehen!“
Kaum war das Wort „Verrath“ ausgesprochen, so stürmten Gensd'armen auf den Wink des Generals in den Salon, und die früher Ihren Lesern mitgetheilten Scenen ereigneten sich.
Charakteristisch ist es, daß gestern der Hof des Ex-Palais-Royal den Gensd'armen des Seinedepartements anvertraut war. Es ist dies das erste mal, daß dies Korps in den Pariser Wirren eine Rolle spielt, Der Hof des Palais war übrigens dem Publikum verschlossen.
Gestern Morgen wurden die Büreau's des Centralwahlcomite's von Polizeidienern überschwemmt, die Schränke erbrochen und Haussuchung gehalten. Am Abende des 29. fanden polizeiliche Nachforschungen im Lokal der „Solidarité Républicaine“ Statt. 17 Mitglieder dieser Gesellschaft wurden verhaftet.
Die Repräsentanten des Berges konnten am 29. ihren Klub nicht eröffnen, da sie den von ihnen in der Rue Martel gemietheten Saal geschlossen fanden. Nichtsdestoweniger wird in den nächsten Tagen dieser Klub eröffnet und seine erste Sitzung durch die Journale vorher angekündigt werden.
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@facs1157
[ 12 ] Paris, 30. Jan.
Die legitimistische Partei fängt an, mit ihren Hoffnungen an's Tageslicht zu treten; es wird daher nicht uninteressant sein, den Gegenstand dieser Hoffnungen zu beleuchten; dieser Gegenstand ist nun aber kein anderer, als Heinrich V.
Der Herzog v. Bordeaux bewohnt das Schloß Frohnsdorff, zwei Meilen von der Neustadt; er ist 28 Jahre alt und hinkt ein wenig in Folge seines Sturzes vom Pferde; Größe 5 Fuß 1 Zoll; [1158] Gesicht bourbonisch, Gesichtsfarbe gesund und roth; Anlagen zum Bauche; Bart wenig, kleiner blonder Schnurrbart.
Der Prinz wird von seiner Umgebung mit Majestät angeredet, und als Majestät behandelt. Jeden Morgen geht er in die Messe, welche in der Schloßkapelle vom Abbé Trebuquet gelesen wird. Nach der Messe geht er auf die Jagd bis 12 Uhr, wo gefrühstückt wird. Nach dem Frühstück Lektüre der französischen Journale und Briefe aus Paris; das dauert bis zum Diner. Abends wird Whist gespielt.
Hr. v. Barante leitete die Erziehung des Herzogs v. Bordeaux bis zum Jahre 1830. Nach der Julirevolution wurde diese anfänglich dem Hrn. v. Blacas und dann dem Hrn. v. Levi anvertraut. Letzterer ist ein alter, eingerosteter Gentilhomme. Der Abbé Trebuquet, Vendeer und in dem Vendeer Aufstand von 1832 kompromittirt, Kreatur der Herzogin v. Berry, hat die Seelsorge des Herzogs v. Bordeaux zu leiten. Als eingefleischter Jesuit hat der Abbé seinem Zöglinge die größte Antipathie gegen Alles Moderne einzuimpfen gewußt. Der Prinz mit seinen Ideen paßt weit eher in ein Kloster des 15. Jahrhunderts, als in unsere moderner Gesellschaft. Alles trägt an dem Hofe von Frohnsdorf das Gepräge der Vergangenheit: die Etiquette bis in ihren geringfügigsten Details wird auf's strengste beobachtet, ganz wie am Hofe Karls des Zehnten.
Familienverhältnisse. Die Herzogin v. Berry, die Mutter des Herzogs, hat jetzt bereits vier andere Kinder von dem Grafen Luchezi; sie ist sehr stark beleibt und lebt im Schlosse von Brunvie, sechs Meilen von Gratz. Der Herzog kann es seiner Mutter nicht verzeihen, daß sie ihm einen Bruder in der Vendee gegeben hat; sie unterhält mit dem Herzog einen rein politischen Briefwechsel.
Die Herzogin v. Angouleme, die sehr fromm ist, nährt in dem Prinzen die eben nicht liebevolle Gesinnung gegen seine Mutter.
Die Frau des Herzogs v. Bordeaux ist zwei Jahre älter als er; sie hat also über 30 Jahre; ist groß, mager, dürr, häßlich, zänkisch und ihren Mann beherrschend. Sie ist übrigens sehr gebildet und fein in ihrem Benehmen, sogar etwas gelehrt. An diesem Puppenhofe gibt es eine Camarilla, die sich um die Herzogin und nicht um den Herzog gruppirt. Des Letztern vollkommene Nullität weiß Jeder gehörig zu würdigen.
Der Prinz hat 500,000 Fr. jährliche Rente, die ihm Karl X. vermacht hat; bei dem Tode seiner Tante, der Herzogin v. Angouleme, wird er noch 300,000 Fr. erben.
Umgebung des Prinzen: Der Herzog von Levi, ein alter Mann, der 400,000 Fr. Renten zu verzehren hat, lebt am Hofe des Herzogs, nach strenger alter Etiquette, und dies einzig und allein, um den Prinzen zu überwachen und zu beherrschen. Niemand kann zum Prinzen vordringen, ohne erst bei dem Herrn von Levi angemeldet zu werden. Außer dem Herrn von Levi sehen wir noch am Hofe und in der nächsten Umgebung des Prinzen den alten Minister von Montbel, der unter Karl X. die Ordonnanzen mit unterzeichnet hat. Herr von Montbel ist ein Mann von Geist, der anfänglich beabsichtigte, der Erziehung des Prinzen eine freisinnigere Form zu geben; aber selbst schwach, ohne Vermögen und Einfluß, sah er sich genöthigt, seine guten Absichten dem Herrn von Levi zum Opfer zu bringen. Er hat sich kürzlich zum dritten Male verheirathet und hat eine zahlreiche Familie.
Von Nicolai, Schwiegersohn des Herrn von Levi, von Blancar und seine Frau, von Menti und d'Oguerty bilden am Hofe von Frohnsdorff die Partei, welche, in Uebereinstimmung mit der Herzogin von Berry, eine Restauration mittelst der Waffen will. — Der Herzog von Levi hält den Prinzen in beständiger Vormundschaft, und der Abbé Trebuquet beherrscht ihn ausschließlich. — Der Herzog von Bordeaux hat jetzt schon die näschige Gefräßigkeit Karls X. — Das Personal des Hofes besteht aus 25 Dienern.
Seit den neuen Ereignissen fängt der Hof von Frohnsdorff wieder an, aufzuleben. Den ganzen Tag beschäftigt man sich damit, die Ministerstellen und Präfektenplätze zu vertheilen.
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@facs1158
Paris, 30. Jan.
Paris ist vollkommen ruhig. Der gesammte militärische Troß, mittelst welchem man die demokratische Partei in die Pfanne zu hauen gedachte, ist wieder verschwunden: Paris hat seine gewöhnliche Physiognomie an diesen Morgen. Wir können den 29. Januar mit vollem Recht nennen la journée des dupes, und die Dupirten sind die Contrerevolutionäre.
— Die Nationalversammlung endigte gestern Abend so spät, daß wir das Resultat nicht mittheilen konnten.
Der Namensruf mit Kugelabstimmung konstatirte die Theilnahme von 821 Gliedern, von denen 405 für die Grevyschen Conclusionen d. h. unbedingte Verwerfung aller Auflösungsanträge stimmten, aber 416 dagegen.
Das Journal des Debats sagt zu diesem Votum:
„Die Ausschuß-Konklusionen sind mit einer Majorität von 11 Stimmen verworfen worden. Aber das bezeichnet noch nicht, daß die Rateausche Proposition angenommen wäre. Wir glauben selbst, um aufrichtig zu sprechen, daß sie verworfen worden wäre, wenn sie ganz allein stände. Das Votum bezeichnet also nur, daß sich über die drei andern Propositionen, sowie über die Amendements, die dazu gestellt werden dürften, eine zweite Deliberation eröffnen werde. Die Kammer hat nur die unbedingten und schneidenden Conklusionen des Rapports verworfen; sie behält sich eine neue Prüfung vor.
Ihr Votum hat keine andere Bedeutung. Indessen ist es ein Beweis (und wir sind glücklich, ihn hervorzuheben), daß die Kammer, wie wir dessen überhaupt sicher waren, keineswegs daran denke, sich auf die Bahn unbegränzter Diktatur zu werfen. Die Kammer hat durch ihr Votum dem Lande zeigen wollen, daß sie geneigt sei, ihrem Mandate selbst eine Grenze zu setzen.“
Der Jubel der übrigen konservativen Blätter ist bei weitem mäßiger, als es sich nach einem so aufgeregten Tage voraussetzen ließe. Ihre Freude (selbst die Schmeichelei des Constitutionnel) ist erkünstelt und macht sich in allerlei schwülstigen Phrasen Luft, die eine heimliche Ueberzeugung naher Niederlage verrathen.
— Als gestern Abend 8 1/2 Uhr Marrast das Stimmenresultat verkündete, klatschten viele Deputirte der Rechten in die Hände. Die äußerste Linke rief ihnen zu: Nieder mit den Royalisten! Eine Stimme von der Journalistenbühne ergänzte: C'est la Convention!
— Als Andenken an den unsterblichen 29. Jan. mag folgende Proklamation des Barrotkabinets hier einen Platz finden, mit der dasselbe gestern Abend sich vor der Pariser Bürgerschaft wegen des Militärspektakels zu rechtfertigen suchte:
Proklamation des Ministers des Innern.
Bürger von Paris! Wir haben die Bürgerwehr unter die Waffen gerufen. Dies geschah zur Vertheidigung der gesellschaftlichen Ordnung, welche noch einmal von denselben Feinden bedroht war, die sie in den Junitagen angriffen. Die Pläne dieser Menschen haben sich noch nicht geändert. Was sie wollen, das ist: zu jedem Preise die Etablirung einer geregelten und honetten Regierung zu hindern. Was sie bedürfen, das ist: fortwährende Agitation, Anarchie, Zerstörung des Eigenthums, Umsturz aller Prinzipien. Den Despotismus der Minoritäten hoffen sie zu gründen, indem sie wie ein Privilegium das gemeinschaftliche Eigenthum, den heiligen Namen der Republik usurpiren. Um die Widerspenstigkeit gegen die Gesetze zu färben, sagen sie, daß wir die Verfassung verletzt haben und daß wir die republikanische Regierung zerstören wollen. Das ist eine verächtliche Verläumdung. Die Republik hat keine festere Stützen als diejenigen, welche sie gegen die ultrarevolutionären Exzesse zu bewahren suchen, mit denen man diese Regierungsform nur zu sehr verwechselte. Was die Verfassung betrifft, so hat der Herr Präsident der Republik geschworen, sie zu respektiren und respektiren zu lassen: er wird seinen Schwur halten. Seine Minister haben eine Vergangenheit, welche Niemanden das Recht gibt, ihre Intentionen zu verdächtigen und sie können keine größere Probe ihrer Anhänglichkeit an die republikanischen Staatseinrichtungen geben, als die Energie, mit welcher sie entschlossen sind, jede Ruhestörung zu unterdrücken, von welcher Proportion sie auch immer sein möge.
Bewohner von Paris, es genügt nicht, daß die Gesellschaft stark sei; sie muß auch ihre Stärke zeigen. Ruhe und Sicherheit sind zu diesem Preise. Mögen darum alle guten Bürger die Regierung in Unterdrückung der Unordnungen unterstützen, welche auf öffentlichem Platze entstehen könnte. Die Republik, die Gesellschaft selbst, die ewigen Grundlagen der Regierungsgewalt sind es, welche die Perturbatoren in Frage stellen. Der Sieg der Ordnung muß entscheidend und unwiderruflich sein. Möge also Jeder seine Pflicht thuen; die Regierung wird die ihrige nicht versäumen.
Paris, den 29. Januar 1849.
Der Minister des Innern. (gez.) Leon Faucher
Auf diese (offenbar schon am 28. Jan. verfaßte und gänzlich fehlgeschlagene Proklamation des Hrn. Ministers) bringt die Ledru Rollinsche Revolution eine sprühende Erwiderung, worin sie den Hrn. Leon Faucher und „die übrigen Malthusianer“ der Lüge und Verläumdung zeiht, wofür sie ihr vor der Nat.-Versammlung bald Rechenschaft stehen müssen. Wahrscheinlich lassen die Malthusianer diese Nummer wegnehmen.
— „Peuple“ erläßt an der Spitze seiner Nummer eine Proklamation an die Republikaner, worin es ihnen für die edele Haltung am gestrigen Tage dankt. „Künftig ist der Bürgerkrieg unmöglich. Ihr sahet ein, daß Ihr, wenn Ihr losgeschlagen hättet, nur der Reaktion in die Hände gearbeitet haben würdet. Das Volk marschire stets mit seinen Vertretern Hand in Hand und es wird Alles durchsetzen. Neulich zählte die Demokratie nur 288, heute zählt sie schon 405‥‥ Verlasset nicht wieder Euere Werkstätten, bis wir Euch rufen. Lasset Militär und Bürgerwehr, Mouchards und Polizei allein spazieren gehen und geht nicht auf die Straße… Die eigentliche Frage lag nicht im Rateau'schen Antrage, sondern in einem Staatsstreiche‥‥ Wohlan, der Sieg, den sich das Ministerium auf der Straße versprach, kommt Euch zu Gute; Ihr habt ihn Euch durch Eure feste Haltung angeeignet. Wie dürftig ist der Lohn des Kabinets? Eine Majorität von sechs Stimmen!
Paris, 30. Januar 1849.
(Unterschriften der Red.)
— Das Ministerium wird in jedem Falle sehr bald gewechselt. Als Bonaparte gestern um 2 Uhr Nachmittags die Truppen auf dem Concordienplatze und einem kleinen Theil der westlichen Boulevards zu Pferde besuchte, rief ihm das Volk zu: Es lebe die Republik! Es lebe die Amnestie! Weg mit Changarnier! Wir wollen andere Minister etc.! „Ihr sollet sie haben!“ antwortete der Präsident auf dem Pferde und ritt rasch weiter.
— Marrast versuchte gestern seinen Liebling Lamoricière an die Stelle Changarnier's zu schmuggeln, fiel aber mit seinem Vorschlage bei Bonaparte durch. Uebrigens versprach ihm Bonaparte einige neue Portefeuilles‥‥ in nächster Zukunft.
— Bugeaud ist zur Alpenarmee abgereist.
— Thomas ist noch nicht todt, sondern auf dem Wege der Besserung.
— Gegen 2 Uhr sollen gestern bei hellem Tage einige verkleidete Polizeispione an dem Place de Chatelet wirklich das Pflaster aufzureißen und eine Barrikade zu bauen vorgeschlagen haben. Aber die Arbeiter selbst jagten sie zum Teufel. Kein Mensch sah sie wieder.
Sonst melden die Journale zahlreiche Verhaftungen.
— Aus Toulon erhalten wir eben die Blätter vom 25. Januar. Die Flotille liegt vernachläßigt im Hafen; einige Fahrzeuge sind abgelöst und von „Expedition“ ist keine Rede mehr.
— D'Alton Shee ist verhaftet.
— Montrol und etwa fünfzig sonstige Cavaignacisten und Marrastianer beabsichtigen, diesen Nachmittag zu Bonaparte zu gehen und ihn zu ersuchen, wenn nicht sein ganzes Ministerium, jedoch wenigstens Faucher zu entlassen.
Ob der Schritt geschehen, haben wir noch nicht erfahren können; aber soviel wird man aus den Verhandlungen der Nationalversammlung ersehen, daß Faucher von der Bergpartei heftig interpellirt wurde.
Die Nationalversammlung hat nach stürmischer Debatte eine parlamentarische Untersuchung der gestrigen Komödie beschlossen.
— Am 1. Januar 1845 betrug die Gesammtsumme des in Frankreich gemünzten Goldes und Silbers ungefähr 5 Milliarden, d. h. 5000 Millionen Francs. Darunter befinden sich 2,508,359,530 Fr. in Fünffrankenthalern.
— Mazzini, eines der Häupter der republikanischen Partei, befindet sich seit einigen Tagen in Marseille.
Nationalversammlung. Sitzung vom 30. Jan. Aller militärischer Lärm ist verschwunden; Vicepräsident Billaut eröffnet um 1 1/4 Uhr die Sitzung. Das gestrige Protokoll wird verlesen.
Mole überreicht einen neuen Stoß von Bittschriften für die Auflösung der Nationalversammlung.
Kerdrel thut desgleichen.
Degeorge überreicht drei Petitionen gegen die Auflösung.
Ihm folgt eine lange Reihe von Abgeordneten mit ähnlichen Petitionen. Jeder will dabei sprechen.
Stimmen links: Deponirt! Keine Explikationen! (Lärmen zur Rechten.)
Sarrans verlangt das Wort vor der Tagesordnung zu Interpellationen an den Minister des Innern. Forestier, Oberst der 6. Legion, beginnt er, sei gestern im Mairieamte verhaftet worden, angeblich weil er einen Brief an Marrast, Präsidenten der Nationalversammlung, gerichtet habe, in welchem er ihm die 6. Legion zum Schutz der Nationalversammlung anbot und ihm den Vorschlag machte, mit der ganzen Linken die Sitzung in das Rue St. Martin gelegene Kunst- und Gewerbe-Conservatorium zu verlegen, falls man das bisherige Gebäude stürmen sollte. Ich frage den Minister, ob Forestier aus diesen Gründen von ihm arretirt wurde? —
Stimmen: Changarnier ließ ihn verhaften!
Sarrans: Ware das etwa ein Verbrechen, sich zum Schutze der Nationalversammlung zu stellen? Eine zweite Veranlassung, warum ich den Minister interpellire, liegt in dem Gerücht, daß Changarnier einen unziemlichen Brief an Marrast richtete, um ihm das unerhörte Truppenaufgebot anzuzeigen. Ich verlange, daß dieser Brief auf den Tisch gelegt werde. Einen dritten Grund, weshalb ich den Minister interpellire, fand ich in der Proklamation, die Faucher an die Pariser richtet und worin er von Conspiration spricht. Ja, es herrscht Verschwörung, aber gegen die Republik … ich verlange eine parlamentarische Untersuchung über diese Thatsachen. (Ja, Ja!)
Faucher, Minister: Zwei Punkte verdienen Widerlegung 1) Changarnier solle einen unehrbietigen Brief an den Präsidenten Marrast geschrieben haben. Ist dieser Brief wirklich unehrbietig, so glaube ich ist Hr. Marrast ein zu eifersüchtiger Wächter der Ehre seines Amts, um eines Fürsprechers zu bedürfen. Warum klagte Marrast nicht selbst? Er schwieg aber. — 2) Forestier wäre sicher nicht verhaftet worden, wenn er nur jenen Brief geschrieben hätte. Aber es liegt gegen ihn eine Anklage auf Truppenverführung vor; es ist eine gerichtliche Untersuchung gegen ihn eingeleitet; man wolle also ihrem Erfolge nicht vorgreifen. Was endlich 3) die Vorsichtsmaaßregeln, Proklamation u. s. w. betrifft, so waren wir von Komplotten unterrichtet, geheime Gesellschaften warteten nur auf das Zeichen zum Losbruch. (Oh, Oh!) Es sind mehr als 100 Personen verhaftet worden; die Untersuchungen werden das Nähere herausstellen. (Ah!) Wären wir überrascht worden, wie sehr würde man das Cabinet getadelt haben. (Unterbrechung, Lärm.)
Marrast: (tiefe Stille) Ich besteige die Bühne, um gegen die Behauptung zu protestiren, daß Changarnier einen unziemlichen Brief an mich geschrieben. Hier ist derselbe (Marrast liest ihn vor). Was Forestier betrifft, so hat der Brief, den er an mich richtet, seine Haft nicht hervorgerufen. (Marrast liest auch diesen Brief vor.)
Bac (vom Berge): Ich unterstütze den Antrag auf Untersuchung. Die gestrige Kriegskomödie muß untersucht werden. Die Sache war offenbar vorher abgekartet. (Der Redner liest das Journal de la Gironde vor, das den ganzen Putsch vorherkündete.) Lärm und Sensation. Einer sagt, daß die Proklamation den Berg angreife.
Malleville untelbricht ironisch: Ah, ah ! Getroffen.
Faucher erklärt, daß er das J. de la Gironde nicht kenne.
Guinard und Quinet erheben sich mächtig für Forestier und bieten sich als Caution an.
Flocon sagt energisch zur Rechten und zu den Ministern: Ihr habt einen Staatsstreich ausführen wollen. (Er tritt in Details.) Zum Schluß, zum Schluß! Nach zweimaliger Probe wird eine Enquète entschieden. (Große Agitation.) Die Versammlung geht zur Erbschafts- oder Goudchaux'schen Invention über.
Die allgemeine Diskussion über Goudchaux's neue Steuer bietet wenig Interesse, doch verdient sie Erwähnung.
Goudchaux schlägt vor, die Einschreibegebühren folgendermaßen zu dekretiren:
Auf Mobilien: Auf Immobilien:
Bei Erbschaften in direkter Linie 1 Fr. — 1 Fr.
Bei Erbschaften zwischen Ehegatten 2 1/2 Fr. — 5 Fr.
Die Commission, der sein Antrag zur Prüfung überwiesen wurde, schlägt vor:
Auf Mobilien: Auf Immobilien:
In direkter Linie 75 Centimes — 1 Fr. 50 Cent.
Zwischen Ehegatten 2 1/2 Franks — 5 Fr. 0 Cent.
Zwischen Brüdern, Schwestern, Onkeln und Neffen 5 Franks — 7 Fr. 50 Cent.
Marcel Barthe bekämpft den Entwurf. Seit 1720 greife der Fiskus fortwährend die Erbschaften an. Dieser Appetit des Fiskus sei intolerable. Zuletzt werde er sich in den Nachlaß der Bürger ganz theilen. (Allgemeine Heiterkeit.)
Lerembource findet dies ebenfalls unerhört. Man solle nicht die Einnahmen des Staates, sondern die Ausgaben mindern.(Oh, Oh!)
Perré (vom Siècle) widersetzt sich dem Gesetzentwurf; er phantasirt zu Gunsten des kleinen Grundbesitzers; wird aber wenig gehört.
Boursat schlägt niedrigere Sätze vor, fällt aber durch. Aber auch Goudchaux's Chiffern erleiden eine Aenderung.
Parrieu vertheidigt als Rapporteur besonders die Sätze auf Immobilien (1 1/2 Prozent.)
Passy, Finanzminister, prophezeit Böses. Man verdreifache die Lasten der ärmeren Klasse. (Oh, Oh!) In Frankreich habe der Grund und Boden den höchsten Werth von allen Ländern, (Oh, Oh! Haha!) aber schon die indirekten Steuern lasten zu hart auf dem Landmanne. Es solle der Entwurf noch einmal erwägt werden. Die Sitzung wird um 6 1/2 Uhr aufgehoben.
Belgien.
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[ 43 ] Brüssel, 28. Januar.
Die hier schon seit einiger Zeit bestehende Société „démocratique fraternelle“, deren Präsident Advokat Faider ist, hatte heute ein wirklich großartiges Bankett dem großen Saale des Estaminet Palais royal außerhalb dem Namür'schen Thore veranstaltet, woran sich mehr als tausend Personen betheiligten. Ein Beweis, wie sehr die Demokratie hier an Ansehen gewonnen hat, liegt darin, daß man sich gar keiner Affichen und sonstigen Ausposaunungen bedient hat, und dennoch der Saal nicht alle Theilnehmer fassen konnte. Unter den vielen gediegenen Reden und Toasten, die dort gebracht wurden, sind besonders bemerkenswerth: der Toast des Präsidenten Faider: „es lebe die demokratische sociale Republik!“ Diese Worte fanden ein derartiges Echo, daß nicht allein der Saal, sondern auch die benachbarten Straßen davon erdröhnten. In einer späteren Rede entwickelte derselbe Redner die jetzige günstige Stellung der Demokratie in ganz Europa, unter andern gedachte er der jetzt in Preußen stattgefundenen demokratischen Wahlen, trotz aller Reaktion; von Frankreich her berichtete er, daß Ledru-Rollin einen Anklageakt gegen das Ministerium Odilon-Barrot und Faucher in der Nationalversammlung deponirt habe u. s. w. Ferner sprachen Mathieu und noch einige andere Demokraten über die soicale Frage, der Organisation der Arbeit, und wußten dieselben mit einer solchen Beredsamkeit auseinanderzusetzen, daß selbst der unbewußte Proletarier daraus recht gut vernehmen konnte, daß nur der Umsturz der jetzigen Organisation der Gesellschaft dem Proletarier sein Recht bringen könne. Es hatten sich auch eine Menge deutscher Demokraten an diesem Bankett betheiligt, und gern hätte Einer der Deutschen das Wort genommen, um den belgischen Demokraten zu beweisen, daß auch sie dieselbe Sympathie für die Demokratie hegten, allein, leider! unterliegt der Fremde hier noch so sehr der Reaktion, denn der Redner würde jedenfalls expulsirt worden sein. — Ein belgischer Demokrat Gigot nahm das Wort im Namen der Deutschen, und sagte, daß wir Alle nach demselben Ziele strebten, und auch dahin gelangten, wo wir alsdann keine Grenzen und keine Nationalfarben mehr kennen würden, und überhaupt alle Demokraten, deutsche, französische, belgische etc. nur die rothe Farbe als die allgemeine anerkennten. Ein außerordentlicher Applaus erfolgte. Hierauf wurde ein Schreiben von dem allgemein beliebten Tedesco, der im Kerker sitzt und also nicht an dem Bankett Theil nehmen konnte, vorgelesen, woraus sich ergab, daß trotz der langen Kerkerhaft noch immer derselbe Geist ihn beseele und er noch eifrig betheuert, daß selbst vom Kerker aus er noch immer so viel wie mögtich für die gute Sache wirken werde. — Bemerkenswerth ist, daß bei dieser Masse Menschen die größte Ruhe und Ordnung herrschte, und nach einer 5 stündigen Sitzung begab man sich ruhig ohne Störung nach Hause.
Da dieses Bankett eine so zahlreiche Theilnahme gehabt und überhaupt sich viel Sympathie für die Volkssache zeigte, so ist für den 25. Februar ein zweites demokratisch soziales Bankett festgestellt.
Großbritannien.
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@facs1158
[ * ] London, 29. Jan.
„Den armen Mann zerschmettert das Gesetz, und reiche Männer regeln die Gesetze!“ Mit diesem Motto leitet der treffliche Harney seinen 31. Brief an die arbeitenden Klassen in der vorletzten Nummer des „Northern Star“ ein, einen Brief, dessen Thema so wichtig und dessen Form und Haltung so ausgezeichnet sind, daß ich denselben um so lieber seiner ganzen Länge nach folgen lasse, als der politische Moment zu anderen Mittheilungen aus London so gut wie gar keinen Anlaß bietet. Der Fall, an welchen Harney seine Betrachtungen anknüpft, ist Ihren Lesern durch meine früheren Berichte zur Genüge bekannt geworden.
„Brüder Proletarier! Die Zerstörung von Menschenleben in dem Armenkinder-Asyl zu Tooting ist ein neues abschreckendes Beispiel des saubern Systems, welches man kürzlich als „die Bewunderung der Welt und den Neid der Nachbarnationen“ so oft gepriesen hat. Unter dem „System“ verstehe ich nicht blos das Regiment von Königin, Lords, Commons, Federbett-Feldmarschällen, Ehrendamen, Richtern, Bischöfen, Soldaten, Polizisten und Spionen. Ich meine das System in seinem sozialen sowohl, als in seinem politischen Charakter, und nenne es ein niederträchtiges, ein mörderisches System. „Gehen Sie doch,“ sagte die Times vor einigen Monaten in ihrer Ansprache an Louis Blanc, gehen Sie doch durch Regent-Street und blicken dort auf die Läden, die vom Kunstfleiße Englands und vom Reichthum der Welt voll sind bis zur Ueberfülle! Sehen Sie sie an und halten Sie die halb ruinirte Hauptstadt dagegen, welche Sie verlassen haben, und Sie werden [Fortsetzung]
Hierzu eine Beilage.