[1491]
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 265. Köln, Freitag, den 6. April. 1849.
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Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. ‒ Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Hovas, 3 Rue Jean Jacques Rousseau.
Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet. ‒ Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis. ‒ Nur frankirte Briefe werden angenommen. ‒ Expedition in Aachen bei Ernst ter Meer; in Düsseldorf bei F. W. Schmitz, Burgplatz; in Köln unter Hutmacher Nro. 17.
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Uebersicht.
Deutschland. Köln. (Lohnarbeit und Kapital. Fortsetzung.) ‒ Der ungarische Krieg. ‒ Willich.) Berlin. Die Kaisermacher. ‒ Kammerdebatten.) Breslau. (Der Föderalismusprediger Franz) Wien. (Welden abgereist.) Frankfurt. (Simonie.)
Ungarn. Angebliche Fortschritte Görgey's.
Donaufürstenthümer. Jassy. (Der Terrorismus.)
Franz. Republik. Paris. (Die Moralität Faucher's. ‒ Barrot. ‒ Demokratisches Bankett. ‒ Vermischtes. ‒ National-Versammlung. ‒ Antibes. ‒ Karl Albert.) Bourges. (Prozeßverhandlungen.)
Großbritannien. London. (Parlament.)
Italien. Der Kommandant des Forts in Brescia gefangen. Turin. (Vertagung der Kammern. ‒ Die piemontesische Armee. ‒ Vermittlungskomödie.) Genua. (Die piemontesische Aristokratie. ‒ Besetzung der Forts durch die Nationalgarde.) Mailand. (Radetzky wieder zurück.) Florenz. (Die Oestreicher aus der Lomellina geschlagen. ‒ Reaktionsversuch zu Arezzo.) Rom. (Militärisches.) Neapel. (Spanische Hülfstruppen.)
Amerika. Liverpool. (Vermischtes.)
Deutschland.
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@facs1491
Edition: [Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital, vorgesehen für: MEGA2, I/9. ]
[ * ] Köln, 5. April.
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@facs1491
I. Welche Römische Keyser und Königen in Aach im Gotteshauß gekrönet seyen.
Ich lade meine Leser ein, mit mir hinabzutauchen in den Sumpf der deutschen Vorzeit, und die Aachener Chronik aufzuschlagen, aus deren vergilbten Seiten derselbe müssige Duft hervordringt, der uns verwesungsfeucht aus der ganzen deutschen Geschichte anweht.
„Die Aacher Chronick“ ist: „Eine Kurze Historische Beschreibung aller gedenkwürdigen Antiquitäten und Geschichten, sampt zugefügten Privilegien und Statuten des Königlichen Stuls und H. Römischen Reichs Statt Aach. Zusammengetragen und publizirt von erster Stifftung und Fundation obmelter Statt bis an das Jahr unsres Erlösers 1630. Auctore Joanne Noppio Doctore et Advocato. Getruckt zu Cölln, in Verlegung deß Authors Anno 1632.“
Es versteht sich von selbst, daß der würdige Doktor Noppius die Geschichte seiner Stadt mit Karl dem Großen beginnt.
„Von seiner Geburt steht geschrieben, der Heilig Keyser Carolus seye den 28. Januarii Anno 742 geboren, also ungefehr umb selbige Zeit dessen Groß Vatter Carolus Martellus gestorben, und seye damalen ein ungewöhnlicher heller und glantzender Stern etliche Stunden lang vor seiner Geburt am Himmel erschienen und gesehen worden.
Das Ort aber seiner Geburt ist under den History Schreibern streitig, jedoch hälts der mehrertheil davor, daß er sei zu Ingelheimb am Rhein nicht weit von Maynz geboren.
Dieses unsres hochlöblichen Keysers Vatter ist gewesen Pipinus, der erst seines Geschlechtes König in Frankreich.
Dann, nachdem Childericus König von Frankreich zum Königreich länger undüchtig, sich mit seinen Underthanen im geringsten nicht, als allein mit Unsauberkeiten, mit Fressen, Sauffen, und anderen Leibs Wollüsten bedragen, sich nur einmal im Jahr, Nemblich auf den ersten Tag May von dem Volke sehen ließe, Ist er durch die Stände deß Königreiches, mit gefolgnuß Päbstlichen Gewalts abgesetzt und in ein Kloster verschafft, und an dessen platz Anno 760 obgemelter Pipinus, Erb- und Groß Hoffmeister deß Hauses und Königreichs Frankreich, zum König gemacht, vom Erzbischoffen zu Maynz Bonifacio gesalbet, und vom Pabst Stephano confirmiret und er sampt seinen Kindern, ja alle dessen Posterität und Abkömpst erblich und ewig an der Kron Frankreich befestiget worden.“
Nachdem der Doktor mit diesen Worten den Fall der Merovinger und das Emporkommen der Karolinger geschildert hat, fährt er fort: „Er ist, und wird genannt Carolus Magnus, daß ist gesagt: Carolus der Große, zweierlei Ursachen halber, Erstlich, dieweil er große Thaten gewürcket, dann auch zum andern, dieweil er groß von Leib gewesen, gleich ein jedweder auß dem Gebein seines Armes Pythagorico more kan abschließen, und zwaren, wie Eginhardus, dessen Secretarius sagt, ist er sieben seiner Schuh lang gewesen, schon von Leib, und mächtig sehr stark, dergestalt, daß er einen geharnischten Mann, mit oder auff einer Handt von der Erden bis an sein Haupt hat mögen aufheben.
Im Essen, und sonderlich im Trinken war er sehr mäßig, Also daß er ordinarie nur dreymal über Tisch pflegte zu trincken, und sonsten sich auch mehr nicht, als 4 Gerichter auffsetzen lassen, Ruhete über Tag 2 oder 3 Stunden, über Nacht pflegte er vier oder fünffmal auffzustehen. Streitige Partheyen entscheidet er mündlich, ohne alles procediren. Allmusen sendet er den Christen bis in Aegyptum, Syriam, Alexandriam und Afrikam.“
Das Leben und die Thaten Karl's werden weitläufig geschildert: „Dann dem wie ihm wolle, es ist dieser Unser H. Keyser in allen Dingen reichlich gesegnet worden und ist gewürdiget nicht allein der Aller Christlichste König in Frankreich, sondern auch der erst Keyser Occidentis, das ist, nach Sonnen Niedergang zu seyn, und das heilige Römische Reich, welches in Griechenland nach Sonnen Auffgang sich mit der Zeit zum Fall neigen, und vergehen würde, bei den Teutschen zu erhalten, und dardurch ihre Esse zu verlängern, als welche nunmehr ihren Fuß in die letzte Monarchy hineingesetzet.
Dann auff den heiligen Christtag, andere vermeinen auff Christ Abend, als der H. Keyser Carolus in die Kirchen kommt zu betten, im Jahre 800, oder wie etliche wollen 801, ist er vom Pabst Leon III unversehens mit einer güldinen Kronen gekrönet worden, und hat das Römische Volk dreymal nacheinander geschrieen: Carolo, von Gott gekrönet, dem Großen und dem Friedsamen Römischen Keyser langes Leben und Victory. Nachmals ist er auch gesalbet worden und ist gewesen ein Vaß voller Heiligkeit, Weiß- und Starkmüthigkeit, ein Instrument und Handgezeug Gottes auff Erden, darmit Er allenthalben seinen Göttlichen Willen volnzogen und volbracht hat.
Nachdem er nun aber 72 Jahre alt worden und 47 Jahr König in Frankreich, und 13 Jahre Keyser gewesen, ist er endlich den Weg aller Menschen eingangen, und gestorben im Jahr Christi 814, den 28 Tag Januarij.
Unter den Römischen Keysern und Königen, welche nun in Aachen gekrönt wurden, ist zum ersten: Ludovicus Pius, oder der Milte, Caroli Magui Sohn; ferner Lotharius, der ältest Sohn Ludovici Pij, und sonst wohl niemand mehr aus dem Geblüt deß H. Caroli Magni. Conradus I folgte und ward zu Aach gekrönt, Henricus auß Sachssen, der Vögler oder Auceps genant, und nach ihm Ottho Magnus, welcher, und die folgende Otthones das Römisch Reich beständig bei den Teutschen erhalten. Mit Otthonis III Bewilligung hat Pabst Gregorius V diese Ordnung im Reiche gemacht, daß die Wahl eines Röm. Königs allein von 7 Churfürsten geschehen sollte, welche jetzund jedermenniglichen genugsamb bekannt seynd.
[1492]
[Deutschland]
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@facs1492
Edition: [Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital, vorgesehen für: MEGA2, I/9. ]
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@facs1492
Edition: [Friedrich Engels: Der ungarische Krieg, vorgesehen für: MEGA2, I/9. ]
[ * ] Köln, 5. April.
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@facs1492
[ * ] Köln, 5. April.
Wir haben unseren Lesern bereits vor einigen Tagen die Verhaftung Willich's in Lyon mitgetheilt. Die nähern Details dieser Angelegenheit waren damals unserm Pariser Correspondenten noch nicht bekannt; seitdem aber haben die deutschen demokratischen Flüchtlinge in Paris eine Protestation an das Gouvernement gerichtet, aus welcher die ganze polizeiliche Bourgeois-Gemeinheit „Odilon-Faucher's“ erhellt, dieser honetten Bauchredner des Liberalismus, die in demselben Augenblick von der Nationalversammlung ihrer ganzen gravitätischen Kleinbürgermoral entkleidet und des alten orleanistischen Corruptionssystems überführt werden.
Willich wurde in Lyon nächtlicher Weile im Wirthshaus verhaftet, seiner Papiere, darunter mehrerer Briefe an die Chefs der französischen Demokratie, beraubt, und dann mit eisernem Halsband gefesselt auf der Route der Schweizergrenze forttransportirt. Willich selbst schreibt darüber drei Stunden von Lyon an den ehemals preußischen Offizier Hentze in Paris:
„Mein lieber Freund, ich muß dir französisch schreiben, damit mein Wächter es lesen kann. Ich bin heute, mit dem Eisen um den Hals, aber umgeben von wahren Freunden und Brüdern, von Lyon abgegangen. Die Schmach wird hier eine Ehre. Es ist kalt, und meine Handschrift wird dir fast unleserlich sein. Ich hatte gehofft, sofort an die Schweiz abgeliefert zu werden, allein man transportirt mich sehr langsam von Station zu Station. Diese Mittheilung wird dir, wie ich glaube, genügen; du wirst thun, was du thun kannst. Ich bin zufrieden, mich dieser letzten Feuerprobe für die gute Sache der Völker zu unterziehen. Tausend Grüße. Dein August Willich.
„N. S. Der Präfekt ändert so eben meine Route; ich werde nach der Genfer Gränze gebracht.“
Der feiste Bourgeois-Minister des englischen Constablers hat auf die entrüsteten Interpellationen der sämmtlichen demokratischen Blätter noch nichts erwidert. Die Art aber, wie jetzt überall, in den Prozessen von Bourges und Limoges, auf den Pontons der Juni-Transportirten, in der italienischen Frage, in der Behandlung der fremden Flüchtlinge Schmach auf Schmach gehäuft wird, bürgt uns mehr als alles Andere für eine baldige, neue Wendung der Dinge in Frankreich. [Fortsetzung]
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@facs1492
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@facs1492
[Fortsetzung] Zufolge obgesagter Ordnung ist am allersten durch 7 Churfürsten zu Frankfurt erwöhlet worden der H. Henricus der II, ein Hertzog in Beyern, welcher auch, aber auß unzweifflichen Groß- und ehafften Verhindernussen, nicht alhie an seinem gebürenden Ort, sondern zu Frankfurt gekrönet. Dieser Keyser ist folgens zu Meylan gekrönet mit einer eisernen und zu Rom von dem Pabst Benedicto VIII mit einer güldinen Kronen. Zu Bestätigung dieses Keysers Heiligkeit kann auch nicht unterlassen zu erzehlen, was vor grosse Gutthat Gott der Herr demselben auff dem Berg Cassino bewiesen, indem er wunderbarlich im Schlafe vom Stein operirt ward. Dieser Keyser hat mit seiner Hausfrawen der H. Cunigunde ewige Keuschheit gehalten, also, da er sterben sollen, zu seinen Edlen gesprochen: Eine Jungfraw habt ihr mir geben, eine Jungfraw gibe ich euch wider.
Auf diesen Kaiser ist gefolgt Conradus II. Ein Hertzog in Francken, welcher seinen Sohn Henricum III, dieser seinen Sohn Henricum IV, und dieser gleichfalls seinen Sohn Henricum V allhie zu Aach bei ihren Leben haben krönen lassen. Anno 1153 den 11 Martij ist Fridericus Barbarossa deß Namens der erste, ein Hertzog in Schwaben allhie zu Aach, und folgens auch vom Papst Pachali zu Rom gekrönet worden ‥‥ Eine Spaltung von drei andern Kaysern ware im längstvergangenen Jahre 1207 durch die damaln am Himmel geseehne 3 Sonnen praesignirt gexvesen ‥‥
Hierauff stehet das Römisch Reich eine Weil still, biß in Anno 1273 zu Frankfurt einhellig erwöhlet Graff Rudolff von Habspurg, den 29 Septembris auf S. Michaelis Tag, und folgenden Jahrs allhie zu Aach gekrönet. Dieser hat nachmals Oesterreich under sich bracht, und ist der zweite gewesen, so allhie zu Aach mit einer ganz güldinen Kron ist gekrönet worden. Dann es schreiben die Historici, daß die Röm. König allhie mit einer silbern, zu Meylan mit einer eisernen, und zu Rom mit einer pur güldinen Kronen pflegen gekrönet zu werden. Under seiner Krönung ist gleich der Scepter nicht beyhanden gewesen, derowegen er in dessen platz ein Crucifix ergriffen.
Nach Todt Kaysers Ludwichen wird Carolus IV, eines Königs Sohn aus Boheimb, nachdem er noch bei Leben Kaysers Ludwichen erwöhlet gewesen, allhie sampt seinem Gemahl gekrönet, Anno 1349 auff St Jacobi Tag. Dieser Keyser hat hin und wieder die Zöll im Reich beschwäret und damit seine patrimonial Landen reich gemacht. Das best doch, so er gethan, ist dieses, daß er in so großer Confusion des Reichs die güldine Bull hat auffgerichtet.
Anno 1376 ist noch bei Leben Caroli IV dessen Sohn Wenceslaus zu Frankfurt erwöhlet und zu Aach allhie gekrönet durch den Erzbischoff von Cölln Fridericum à Sarwerden. Ist aber Anno 1400 wieder abgesetzt, als welcher zum Regiment unbequämb geschätzt worden und starb in seines Bruders Gefängnuß im 20 Jahr, und im Jahre Christi 1419. Nach Sigismundum ward allhie gekrönet Fridericus III am 17 Juny Anno 1452. In welchem Jahr auff Pfingstabend die mächtige Statt Constantinopel in die Hand deß grausamen Türcken gerathen, und als damaln Ihre Keys. May. solche betrübte Zeitung auff dem Rathhaus allhie vernommen, hat alsbald geantwortet, daß man unwiderbringlicher Sachen nützlich thue zu vergessen, welchen deß Keysers Spruch ein erhb. Rath nachderhand mit güldinen Buchstaben vor dem Rathhaus hat schreiben lassen.“ ‒ Der würdige Doctor Noppius erwähnt dann noch Maximilian's I und schildert hierauf ausführlich die Krönung Kaiser Carl's V. Der Duft des alten Schweinslederbandes hat uns so sehr berauscht, daß wir dieses Capitul erst morgen geben werden.
[1493]
[Deutschland]
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@facs1493
[Fortsetzung] Die Frankfurter Linke aber fordern wir auf, wenn sie noch einen Funken von Schamgefühl besitzt, in dieser Sache ihre Pflicht zu thun, und einen, wenn auch bei der deutschen Reichsohnmacht vergebenen Versuch für einen mißhandelten Demokraten zu machen, der an Bedeutung sowohl über der Masse der deutschen Ausländer wie über dem ganzen Frankfurter Volksvertreterthum steht.
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@facs1493
[ * ] Berlin, 3. April.
Wir brauchen die Einzelheiten der gestrigen sogenannten Empfangsfeierlichkeiten nicht zu geben, da unsere Morgenblätter ein Langes und Breites darüber schwatzten. Wir wollen mit dem, was wir hier geben, nur den Gerüchten entgegentreten, welche Voß und Consorten verbreiten, um zu beweisen, wie freudig das Berliner Volk die mit Katzenmusiken Beehrten empfangen habe.
Vor allen Dingen erkannte man das gesunde Urtheil der Kölner an, welche in ihrer Beantwortung der Kaiser-Farce den Nagel auf den Kopf trafen.
Von Volk war bei Ankunft der Frankfurter natürlich nicht die Rede. Wäre das Volk da gewesen, so würde Herr Biedermann seine frechen Reden wohl gebüßt haben. So waren einige Bourgeois, vielbezahlte Schreier u. dgl. m. am Bahnhofe, aus deren Mitte ein ziemlich dünnes Hurrah erscholl. Die Berliner Kammerdeputirten machten sehr viel Spaß und besonders die Pseudo Demokraten des linken Centrums, wie Herr v. Berg, begrüßten ihre Collegen mit sichtlicher Freude. Die Reden waren natürlich abgeschmackt und strotzten von eckelhaftesten Phrasen der Frankfurter Deutschthümler.
Der Magistrat hatte die Bedeutung der Deputation richtig erkannt. Statt der Gallawagen schickte er zum großen Gelächter der Vernünftigen Fuhrwerke, welche unsern bekannten Droschken sehr ähnlich sahen. Als die Herren durch die Leipziger und Wilhelms-Straße in ihre Hotels fuhren, wo sie „freie Zehrung“ erhalten, war alles still, einzelne Hurrahs klangen wie Hohn. Keine deutsche Fahnen, Wrangel hatte es verboten!
Heute begaben sich die Frankfurter zum König. Sie wurden sehr kalt empfangen und der neue Kaiser sagte mit fester Stimme die Antwort (siehe die Kammerverhandlung) auf die Unverschämtheit der Paulskirche her. Sehr betrübt kehrten die armen Leute zurück. Gierke und der deutschthümliche Dyhrn erwarteten sie und hörten nun auch schweren Herzens die traurige Mähr.
Das ist der würdigste Ausgang des Lustspiels.
Offen sind heute die absolutistischen Absichten des Königs und seiner intimen Freunde Wrangel und Manteuffel hervorgetreten, wie ein Lauffeuer geht die Antwort des Königs durch die Stadt.
Vinke saß ganz vergnügt und lachend in der Kammer. Plötzlich wurde er hinausgerufen und bekam die Nachricht der Antwort. Blaß vor Wuth und zitternd vor innerer Aufregung stellte er den Antrag gegen das Ministerium. Bismark wollte widersprechen, der Unwille der gesinnungsvollen Rechten erdrückte ihn. ‒ Getäuscht, grob getäuscht! Das sprach das Gesicht Vinkes.
‒ Alles ist einig darüber, daß der König die Frankfurter Usurpation und das Gebild Dahlmannscher Phantasie ‒ Klein-Deutschland genannt, mit gleichem Hohn zurückgewiesen hat.
‒ Unbeschreiblich war der Hohn auf den Gesichtern Manteuffel's, Arnim's etc. als Vinke wie ein Stier wüthete. Man las darin die ganze Verachtung dieses überklugen Junkers, der das ganze Ministerium in der Tasche zu haben glaubte und nun in der gröbsten, einfachsten Intrigue gefangen ist. Die Minister waren dabei noch gestern frech genug in aller Unschuld für den Vinkeschen Entwurf zu stimmen, als der Arnimsche verworfen war, und Vinke ward gefangen in den Leimruthen Manteuffels des Vogelstellers!
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@facs1493
Berlin, 2. April.
Sitzung der zweiten Kammer.
Der dringende Antrag des Abgeordneten Kinkel:
„Die beiden Strafprozesse, in welchen der Abg. Kinkel in zweiter Instanz auf den 18. d. M. vor das Landgericht zu Köln geladen ist, vorläufig zu sistiren und die Einforderung der Akten zu verlangen,“ wird ohne Debatte fast einstimmig angenommen.
Der ehemalige Kanzleidirektor Schürmann zu Unna hat darauf angetragen, das geh. Obertribunal zu veranlassen, seine Richtigkeitsbeschwerde gegen ein Urtheil des zweiten Senats des Oberlandesgerichts zu Münster vom 28. Februar 1848, wodurch das Erkenntniß des Strafsenats zu Hamm vom 1. September 1847 bestätigt worden, zu prüfen und darüber zu entscheiden. Bittsteller ist durch diese Erkenntnisse seines Amtes entsetzt worden. Da die Richtigkeitsbeschwerde nach den bestehenden Gesetzen nicht zulässig ist, so trägt die Petitionskommission auf Tagesordnung an, welche auch angenommen wird.
Drei Bauern aus Rosen bei Striegau, welche zu einer sechswöchentlichen Gefängnißstrafe verurtheilt sind, weil sie angeblich durch Drohungen ihren Gutsherrn genöthigt haben sollen, auf verschiedene, demselben von ihnen zu leistenden Dienste zu verzichten. Sie bitten um Befürwortung eines beigelegten Begnadigungsgesuch an den König, und wenigstens die Strafvollstreckung bis nach beendeter Saatzeit auszusetzen. Auf den Antrag der Kommission beschließt die Kammer, daß das Gesuch nebst Beilage dem Justizminister zur geeigneten Veranlassung schleunigst übergeben werde.
Wentzel als Berichterstatter verliest den Bericht des Centralausschusses über den Parrisius'schen Antrag:
„Das Staatministerium aufzufordern, die Ausführung der Organisation der Gerichtsbehörden und der Schwurgerichte auf Grund der provisorischen Gesetze vom 2. und 3. Januar c. bis dahin zu sistiren, daß sich die Volksvertretung über diese Gesetze entschieden haben wird.“
Der Centralausschuß hat mit 5 gegen 2 Stimmen beschlossen, der Kammer vorzuschlagen, über den Antrag von Parrisius und Genossen zur Tagesordnung überzugehen und diesen Beschluß in folgender Art zu motiviren:
In Erwägung
1. daß die Kammer Gelegenheit hat, ihre verfassungsmäßigen Rechte sowohl im Allgemeinen als in Beziehung auf die einzelnen Bestimmungen der Verordnung vom 2. und 3. Januar auszuüben, wenn ihr diese, der ersten Kammer bereits zur Genehmigung vorgelegten, Verordnungen zur Erklärung zugehen werden;
2. daß die Ausführung der Verordnungen bereits vorgeschritten ist, daß es mit den größten Schwierigkeiten verbunden sein würde, die alten Gerichte, insbesondere die Patrimonialgerichte, wieder in Wirksamkeit zu setzen;
3. daß es vorzugsweise darauf ankommt, der Rechtsunsicherheit vorzubeugen, daß aber eine Annahme des Antrages von Parrisius und Genossen eine auch noch vorläufige Genehmigung der Verordnungen wesentlich behindern würde,
geht die Kammer über den Antrag zur Tagesordnung über.
Mehrere Amendements werden verlesen und finden nöthige Unterstützung, besonders eine motivirte Tagesordnung von Bucher und Genossen (Linke), welche zahlreich unterstützt wird.
Einige Redner sprechen gegen den Antrag des Centralausschusses und gegen das Ministerium.
Der geh. Justizrath Bischof, bekannt vom vereinigten Landtage, wo er den famosen Strafgesetzentwurf vertheidigte, vertritt den Justizminister und das ganze Ministerium und vertheidigt die Octroyirung der Gesetze vom 2. und 3. Januar in sehr ungeschickter Weise.
Bucher vertheidigt seine Tagesordnung, welche wörtlich lautet:
In Erwägung
1. daß dem Staatsministerium die Befugniß nicht zustand, die Verordnungen vom 2. und 3. Januar c. ohne Zustimmung der Volksvertreter zu erlassen und sogar zur Ausführung zu bringen;
2. daß das Staatsministerium für diese Handlungen verantwortlich;
3. daß es von den Volksvertretern abhängig sein wird, jene Verordnungen zu modifiziren oder aufzuheben, bevor dies aber geschehen, ein bestimmter Antrag an das Ministerium nicht dienlich erscheint, geht die Kammer zur Tagesordnung über.
Dieses Amendement, ein förmliches Mißtrauensvotum für das Ministerium, wird mit 153 gegen 142 Stimmen angenommen.
Während der Stimmzählung treten die Minister ein und es wird folgende Antwort des Königs an die Frankfurter Deputation verlesen:
„Meine Herren! Die Botschaft, als deren Träger Sie zu mir gekommen sind, hat mich tief ergriffen; sie hat meinen Blick auf den König der Könige gelenkt und auf die heiligen und unantastbaren Pflichten, welche mir als dem Könige meines Volkes und als einem der mächtigsten der deutschen Fürsten obliegen. Solch ein Blick macht das Auge klar und das Herz gewiß.
„In dem Beschluß der deutschen National-Versammlung, welchen Sie, meine Herren, mir überbringen, erkenne ich die Stimme der Vertreter des deutschen Volkes. Dieser Ruf giebt mir ein Anrecht, dessen Werth ich zu schätzen weiß und fordert, wenn ich ihm folge, unermeßliche Opfer von mir. Er legt mir die schwersten Pflichten auf. Die deutsche National-Versammlung hat auf mich vor Allem gezählt, vor Allem, wo es gilt, Deutschlands Einheit und Kraft zu gründen. Ich ehre ihr Vertrauen und sprechen Sie ihr meinen Dank dafür aus. Ich bin bereit, durch die That zu beweisen, daß die Männer sich nicht geirrt haben, welche ihre Zuversicht auf meine Hingebung, auf meine Treue, auf meine Liebe zum gemeinsamen deutschen Vaterlande stützen. Aber, meine Herren, ich würde Ihr Vertrauen nicht rechtfertigen, ich würde dem Sinne des deutschen Volkes nicht entsprechen, ich würde Deutschlands Einheit nicht aufrichten, wollte ich mit Verletzung heiliger Rechte und meiner frühern ausdrücklichen und feierlichen Versicherungen ohne das freie Einverständniß der gekrönten Häupter der Fürsten und der freien Städte Deutschlands eine Enschließung fassen, welche für sie und für die von ihnen regierten deutschen Stämme, die entschiedensten Folgen haben muß.
„An den Regierungen der einzelnen deutschen Staaten wird es jetzt sein, in gemeinsamer Berathung zu prüfen, ob die Verfassung dem Einzelnen wie dem Ganzen frommt, ob die mir zugedachten Rechte mich in den Stand setzen würden, mit starker Hand, wie ein solcher Beruf es von mir fordert, die Geschicke des deutschen Vaterlandes zu leiten und die Hoffnungen seiner Völker zu erfüllen. Dessen aber möge Deutschland gewiß sein, und das, meine Herren, verkünden Sie in allen seinen Gauen: bedarf es des preußischen Schildes und Schwertes gegen äußere und innere Feinde, so werde ich auch ohne Ruf nicht fehlen, ich werde dann getrost den Weg meines Hauses und meines Volkes gehn, den Weg der deutschen Ehre und Treue.“
Sogleich stürzt Vinke auf die Tribüne und stellt folgenden dringlichen Antrag:
In Erwägung, daß die Antwort, welche die Minister Sr. Majestät dem Könige angerathen und welche an die Deputirten der Frankfurter National-Versammlung ertheilt worden ist, mit den von der hohen Kammer in der gestrigen Adresse ausgesprochenen Ansichten nicht im Einklange steht und daß das deutsche Vaterland den größten Gefahren ausgesetzt ist, eine Kommission zu ernennen, welche mit Bezug auf diese Antwort eine Adresse an Se. Majestät zu entwerfen hat, worin die Ansicht der Kammer über die jetzige Lage des Landes ausgesprochen wird.“
Die Kommission wird nach einer kurzen Motivirung des Antragstellers, der von einem Fürstenbund, der die deutsche Verfassung oktroyiren soll, faselt, sogleich in den Abtheilungen gewählt. Von der Rechten gehören ihr an: Vinke, Werdeck, Wolf, Wenzel (Ratibor), Pelze, Fubel, Wiethaus, v. Schlottheim, Ulrich, v. Auerswald; ‒ von der Linken: Ziegler, Berends, Schramm, Grün, Moritz, v. Berg, v. Kirchmann, Dörk, Pape, Dahne, Phillips.
Nun aber beginnt ein entsetzlicher Spectakel. Auerswald als Präsident war das Bild des trostlosesten Jammers, Vinke hatte über seinen heroischen Antrag den Katzenjammer bekommen und wollte von seinem Antrage unter jeder Bedingung befreit werden, indem er die Diskussion der Anträge bis zum grünen Donnerstage verschieben wollte. Die Ultramontanen dagegen, weil das ein Festtag ist, Alles schreit und tobt, endlich wird gegen die Geschäftsordnung ein Antrag angenommen, morgen Nachmittag eine Sitzung ohne Tagesordnung zu halten.
Die Kommission hält so eben 6 Uhr Abends unter Grabow's Vorsitz Sitzung.
Bei der Abstimmung über den Bucher'schen Antrag, entfernten sich Manteuffel und v. d. Heydt, welche Rintelen unter jeder Bedingung los sein wollen.
Kisker mußte auf der Tribüne alle Lobsprüche über seine Organisation von Bucher und Evelt anhoren.
Grabow war während der Sitzung in Bellevue bei dem König und telegraphirte mit der Rechten. Deshalb wollte diese den Vinke'schen Antrag vertagen.
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@facs1493
[ 117 ] Breslau, 2. April.
Seit etwa 6 Wochen treibt sich in hiesiger Stadt ein Hr. Franz umher, der im demokratischen Verein etc. für den sogenannten „Föderalismus“ Propagande treibt. Machen Sie einen Absud aus den Duseleien und christlichen Liebesseufzern eines Schirges und aus den kleinbürgerlich-feudalen Gelüsten Marotten und Pedantereien eines Winkelblech; so haben sie Herrn Franz als Emissär des Föderalismus vor sich. Eine andere Seite desselben werde ich später berühren. Zunächst gedenke ich eines charakteristischen Pumpbriefes, den Hr. Franz von Posen aus an den hiesigen Gesellen-Verein richtete. Der Brief besagte: „Ich bin, wie Ihr aus beiliegendem Diplom ersehen werdet, der „Föderalisten“-Emissär Franz, befinde mich zur Zeit in Geldverlegenheit und bitte Euch um ein Darlehn von zehn Thalern, die ich Euch bei meiner nächsten Anwesenheit in Breslau, wohin ich komme, um den Föderalismus zu lehren, entweder baar oder in Kokarden, wovon ich Euch, das Stück zu 2 Sgr., Muster beilege, zurückerstatten werde. (In der That lagen einige Dutzend lackirte und geöhrte Bleiknöpfe, von denen das Stück etwa 1 1/2 Pfg. werth sein mochte, dem Briefe bei). Da Ihr nun nicht wissen werdet, was der Föderalismus will, so erfahret denn, daß er das Monopol sowie die Gewerbefreiheit und den nichtigen Kommunismus bekämpft und daß er die Lösung der sozialen Frage, mit Ausschließung der Politik (!!), blos auf friedlichem Wege erstreben will (!!)' Nach einigen salbaderischen Herzensergießungen gegen den Kommunismus schloß der Brief in der famos-konsequenten Weise, daß Hr. Franz eine große blutige Revolution prophezeite, um damit zu beweisen, daß die Lösung der sozialen Frage keine Chimäre sei.
Aus dem Pump wurde nichts. Der Verein glaubte sein Geld besser anwenden zu können. Indeß kurze Zeit nachher traf Hr. Franz in eigner Person am hiesigen Orte ein und hat seitdem im demokratischen Verein wie in den Gesellen-Versammlungen den Föderalismus 'rauszubeißen versucht. Ist es ihm gelungen, Anhänger zu gewinnen, so kann das nur Den befremden, der nicht weiß oder vergißt, daß es der Urtheilslosen, der Denkfaulen und Denkunfähigen genug gibt, für welche Charlatane, wie Hr. Franz, recht eigentlich gemacht sind. Was ihm hilft, ist eine geläufige Zunge und eine sehr starke Portion Frechheit. Miene und Stimme sind schwindsüchtig und provoziren zum Mitleid. Geist: leer und wüste. Kenntnisse: vacat! Dafür hat er seinen Winkelblech auswendig gelernt und kann ihn am Schnürchen herleiern.
In dem oben citirten Briefe spricht Hr. Franz von der Lösung der sozialen Frage auf „friedlichem Wege.
In den Sitzungen des demokratischen Vereins etc. schimpft er nicht blos auf Sozialisten und Kommunisten, sondern er weiß durch wüthend revolutionäres Bramarbasiren sich in den Geruch eines entschiedenen Revolutionärs zu bringen und darin zu erhalten. Auf der einen Seite gegen die Assoziation geifernd, auf der andern die Rothesten der „Rothen“ im Revolutionspredigen überbietend.
Die Preußenvereine müssen ihre Freude an dem Mann haben. Steht er nicht direkt in ihrem Solde, so ist wenigstens so viel außer Zweifel, daß die reaktionäre Partei kein besseres Werkzeug auftreiben konnte.
Wären die von ihm gewonnenen Anhänger weniger blind und vernagelt: so hätten sie die Hülfeleistung, welche der „Kreuzritterin“ und ihrer gottbegnadeten Coutrerevolutions-Partei aus den föderalistisch-Winkelblechianischen Faseleien und Spießbürgerlichkeiten zu Theil wird, längst durchschaut. Der geistige Staar dieser Leute ist aber nicht auf gewöhnlichem Wege zu stechen. Es fällt den Föderalismus-Wüthigen nicht einmal der Umstand auf, daß, hätte ein Sozial-Demokrat auch nur eine halb so stark revolutionäre Rede gehalten, wie Hr. Franz deren schon mehrere vom Stapel gelassen, er mindestens schon in den nächsten 8 Tagen ein halb Dutzend Criminalprozesse am Halse gehabt hätte.
Nach Allem, was ich bei den Vorträgen des Hrn. Franz gehört und außerdem über denselben Gegenstand gelesen, habe ich so deutlich ersehen, wie 2 mal 2 gleich 4, daß der sogenannte „Föderalismus“ nichts weiter ist, als der alte Klein-Reichs- und Spießbürgerliche Meisterknochen mit einer anscheinend sozialen Sauce übergossen. Er ist eine verdeckt angelegte Mine, um den allgemeinen Verband der sozial-demokratischen Arbeiter-Vereine zu sprengen. Ganz im Interesse der Reaktion treibt sich der Föderalismus wie ein Keil nach und nach in die demokratischen und Arbeiter-Vereine hinein, um die kompakte Masse in zwei Lager zu zerspalten. Trotz alledem hoffen wir, daß die föderalistischen Hundstage höchstens so viel Monate, als die astronomischen zu ihrem Verlauf an Wochen gebrauchen, andauern und bald wieder einiger temperirten Besinnung über Ursprung, Inhalt und Zweck des Winkelblech-Franzianismus bei der Mehrzahl seiner jetzigen Anhänger weichen werden.
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@facs1493
[ * ] Wien, 31. März.
Gestern ist Gouverneur Welden von hier abgereist, um, wie man versichert, die Belagerung Comorn's zu leiten und den Windischgrätz abzulösen, der bereits nach Olmütz gereist sein soll. Man hält den Abgang Weldens für definitiv und bezeichnet als dessen Nachfolger F.M.L. Böhm.
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@facs1493
[ 43 ] Frankfurt, 3. April.
„Gott helfe uns, wir können nicht anders,“ ruft die „Simonie“ im Frankfurter Journal voll sentimentaler Rührung über die Gewissenhaftigkeit ihrer kaiserlichen Abstimmung. Wer sich entschuldigt, klagt sich an! Schon deshalb taugt eure Abstimmung nichts, weil ihr einen Bogen braucht, um eure „Rechtlichkeit“ und „Unbestechlichkeit“ mit Ostentation zu reserviren. Daß ihr aber von den Zeitungen, die eure Schwachheit der Oeffentlichkeit preisgaben, verlangt, eure Gegenreden zu inseriren im Interesse eures honetten Rufes, das ist des Guten zu viel. Nicht in eurem Interesse, auch nicht weil wir irgend welches Gewicht auf eure Abstimmungen in der Paulskirche legen, sondern aus Ueberdruß vor der verbrauchten Manier, die Schuld dem Volke zuzuschieben, werfen wir einen Blick auf dieses in der That schwachsinnige Machwerk.
Uns aber lag an sich die Berechtigung (!!), einen Kaiser zu wählen, in dem deutlich ausgesprochenen Willen des deutschen Volkes. In keiner (??) der Revolutionen, die im März des vorigen Jahres durch die deutschen Lande gingen, beseitigte das Volk eine der 34 Dynastieen, wir nehmen an, und die Presse (!?) unterstützt diese Ansicht, daß das Volk das, was es im Momente seiner Revolution nicht gewollt, auch jetzt in seiner großen Majorität nicht wolle: daß ein ‒ Kaiser somit dieselbe Berechtigung (!!) habe, wie 34 andere Fürsten, und (hört! hört!) daß ein Kaiser von Volkes (??) Gnaden demokratischer sei, als jeder der 34 Fürsten von Gottes Gnaden.“
Ferner: „Einen andern Weg wußte uns keiner unserer politischen Freunde anzugeben!“
In diesen beiden faulen Fischen konzentrirt sich die ganze Jämmerlichkeit des liberalen Standpunktes.
Warum beseitigt das Volk bis jetzt keine Dynastie? ‒ Weil dergleichen Herrn wie dasSimon'sche Brüder- oder Vetterpaar mit ihrem süßen, friedlichen Rechtsbodenliberalismus das Volk, das sie zu führen zu muthlos waren, vertröstet und getäuscht. Ihr, die allein Weisen, verweiset jetzt auf die Geduld des Volkes als Entschuldigung für eine unverzeihliche, bei euch erklärliche Prinziplosigkeit, nachdem ihr jede Gelegenheit benutztet, um die wuthentbrannten, zum thätigen Widerstand bereiten Massen, unter dem Applaus der interessirten Bourgeoisie zur Ruhe und zum Zögern zu bethören, bis endlich die Reaktion immer kecker geworden und alle feilen Kräfte gesammelt hat. ‒ Nie war euch das Volk Autorität, wenn es vor dem Kampf nach den Männern des Wortes umherblickte, und sie nirgends sah. Nie war euch das Volk der Maaßstab der politischen Wahrheit, wenn sein Wunsch eure Entschlossenheit herausgefordert. Aber als unschuldiger Sündenbock für euren Kaiserakt, dazu ist es euch gut genug!
Nur dagegen verwahren wir uns, daß ihr euer 4 Mal mißglücktes Wahlkind den Kaiser von „Volkes Gnaden“ nennt. Das Volk ist sehr wenig gnädig auf diesen Kaiser, wenn ihr eure große „Volks-Majorität“ nicht in der 1. Steuerklasse sucht. ‒ Diese „Majorität“ würde aber nicht minder jauchzen, wenn ihr den Pascha von Janina oder einen Ableger der reussischen Dynastie als Schirmherr der deutschen Freiheit auf die Grundrechte „vereidet“!! hättet. Sie jauchzt aber jetzt nur, weil ihr ja eben keinen Andern als einen Gottbegnadeten für des Volkes Gnade auswählen durftet, um nicht von den Fürsten verlacht zu werden ‒ und das wurdet ihr doch! Wir machen auch keine Distinktion zwischen demokratischen und nicht demokratischen Kaisern. Derartige Rothzucht mit dem ehrlichen Worte Demokratie treibt die Rechtsboden-Partei von Vinke herab bis zu Heinrich Simon nachgerade lange genug, daß wir es nur ungern gebrauchen. ‒ Die Büßer vor der öffentlichen Meinung versichern uns, ihre politischen Freunde wußten ihnen keinen andern Weg zu zeigen; das glauben wir ihnen aufs Wort; den können die politischen Freunde Heinrich Simons auch nicht wissen und wir bekennen mit Offenheit, daß die Abstimmung gegen den Kaiser bei den Meisten uns nicht viel mehr Achtung einflößt, als die des Herrn Simon dafür. ‒ Nur politische Gegner der Rechtsboden-Meubles können wissen, was es bedeutet, in einem Kampfe zwischen fürstlicher Anmaßung und der Herrschaft des Volkes festzuhalten an den Bedingungen der Freiheit. ‒ Noch nie, so lange die Welt steht, hat eine Sache gesiegt, die von ihren zitternden Aposteln halb aufgegeben ward, um vielleicht die andere Hälfte zu retten. Hätte Luther, mit dessen Worten diese schwächligen Parlamentsseelen sich schmücken, mit seiner Glaubensreformation geschachert, so wäre er eben so spurlos vorübergegangen, wie diesen Grundrechtshändlern es vermuthlich begegnen wird. ‒ Die Republik läßt sich nur von denen und durch Die erringen, die sie wirklich wollen, und an die Reife des Volkes glauben. ‒ Sie verwahrt sich aber gegen die principiellen Liebhaber, die zu jeder Zeit oben schwimmen wollen, wie der Schaum auf dem Wasser und ihre „unentbehrlichen“ Personen meist vor der Zeit wagen wollen. ‒ „Ich kann nicht anders; Gott helfe mir! Amen.“ ‒
Aber wir sehen schon im Geiste die Herren Simon mit langem Gesicht sich davonstehlen, wenn die Ritter von der Rechten trotz Unterschrift auf die Abänderungsvorschläge der Majestät gehorsamst eingehen werden. Wenn das Frankfurter Parlament durch Schuld dieser von ihrem kaiserlichen Gewissen gehetzten Ueberläufer die Katze im Sacke gekauft, so mag es die Folgen auf sich nehmen, wenn sie ihnen vor der Krönung noch die Augen auskratzt.“
Ungarn.
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@facs1493
Edition: [Friedrich Engels: Angebliche Fortschritte Görgey's, vorgesehen für: MEGA2, I/9. ]
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Donaufürstenthümer.
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@facs1493
Jassy, 18. März.
Der Terrorismus steht bei uns in voller Blüthe wie in den frühern Monaten, ohne daß sich Jemand dies erklären könnte. Unsere Regierung will wieder mehre Bojaren verhaften. Der Aga (Polizeidirektor) soll die diesfälligen Verhaftsbefehle bereits in der Tasche haben. Vor wenigen Tagen ward der Hetmann Aleko Aslan wieder verhaftet und in Eisen in das Kloster Kaschinu abgeführt. ‒ Fortwährend rücken rus- [1494] sische Truppen ins Land, was uns als Vorbereitung zu irgend einem Kriege vorkommt.
[(Buk.)]
Französische Republik.
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@facs1494
[ 12 ] Paris, 3. April.
Der Geist Guizot's schwebt bereits über der Bougeois-Kammer, schwebt über dem Ministerium, und bekundet sich auf dieselbe skandalöse Weise, wie unter weiland Louis Philipp, wo Minister-Audienzen und Fürsprache bei Ministern für große Summen sich kaufen ließen. Bekanntlich erhalten nur diejenigen Präfekten eine Pension von 6 bis 7000 Franken, die zu ferneren Diensten auf die eine oder andere Weise unfähig geworden. Nun hatte die provisorische Regierung mit einem Schlage 16 Präfekten destituirt, die unter Duchâtel und Guizot noch lange Zeit Präfektendienste hätten thun können. Unter der provisorischen Regierung dachten diese Leute nicht daran, eine Pension zu reklamiren. Unter Faucher finden sie sich plötzlich als Invaliden mit mehr oder weniger Gebrechlichkeiten in Folge ihrer Dienste angeführt, und erhalten Pensionen. Wer hat ihnen das Krankenzeugniß ausgestellt? Der honette Barrot! Wann hat er ihnen dieses Invalidenzeugniß ausgestellt?
Am 21. Februar 1849. Wann sind diese Leute invalide geworden? etwa am 24. Februar, in Folge empfangener Wunden? Nein; sie werden invalide unter dem jeune Faucher und dem honnetten Barrot im Augenblicke, wo sie erst physisch geheilt werden von der moralischen Krankheit des Februar, im Augenblicke wo sie wieder als gesunde, wohlgenährte Präfekten frei an's Tagelicht treten. Drei dieser invaliden Präfekten werfen sogar ihre Krücken weg, und erhalten ihre neue Anstellung gleichzeitig mit ihrer Pension.
Guizot als konsumirter Doktrinär hatte doch wenigstes sein Corruptionssystem glänzend zu vertheidigen gewußt; aber der junge, unerfahrene Faucher that uns wirklich leid, wie er die elendigsten Entschuldigungen vorbrachte; bald sagte er, er habe die drei Präfekten wieder angestellt, um die Staatsgelder zu ökonomisiren, und der Zahlung einer Pension enthoben zu sein; dann gibt er vor, die drei Präfekten hätten während des Jahres Zeit gehabt, sich zu erholen u. s. w. Aber wer hätte geglaubt, daß der honnette Barrot noch dem jungen Faucher zu Hülfe kommen würde, um das Guizot'sche Corruptionssystem vertheidigen zu helfen! Wer hätte ferner geglaubt, daß unter diesen geheilten Präfekten sich ein leibhafter Schwager des Herrn Barrot befindet.
Wer hätte endlich gedacht, daß alle diese Bettel-Präfekten schon ein Privatvermögen von 30 bis 40,000 Fr. Renten besitzen? Und das Journal des Debats, das ganz andere Korruptionsgeschichten zu beschönigen hatte, als diese Lappalien, erstaunt sich, wie man in der Kammer einen solchen Skandal darüber erheben konnte. Die Liquidation dieser Pensionen habe ja in der gehörigen Form stattgefunden; die Anfragen seien dem Staatsrath überwiesen worden, der Staatsrath habe sein Gutachten darüber ausgestellt, und auf dieses Gutachten hin habe das Ministerium die Pensionen bewilligt. O, dieses Bettelvolk von Präfekten, die, nicht zufrieden nach der Februarrevolution ihr Leben, ihre Freiheit und ihre 30,000 Fr. Renten gerettet zu haben, sich von Faucher noch nachträglich das durch die Februarrevolution Verlorene auszahlen lassen. Außer dem Schwager des Hrn. Barrot, befindet sich auch der Bruder des Hrn. Duchatel unter den pensionirten Präfekten. In Geldfragen hört die Ehrlichkeit auf.
Von heute an hat also Leon Faucher auch seine politischen Antezedentien. Er stand gar zu bloß und zu „blanc“ da. Jules Favre trat mit einer Tagesordnung auf, die den Fall des Ministeriums nach sich ziehen mußte: das Gesetz von 1790, in Bezug auf die Pensionen ist formell und die Gesetzesüberschreitung unläugbar. Faucher hat das Gesetz überschritten, und die „Moral“ der Politik untergeordnet. Die Kammer, nach der brillanten Rede des Hrn. Favre, ist einen Augenblick entrüstet, weniger wegen der Verletzung der Moral, als wegen der Unverschämtheit der dickleibigen Präfekten, die sich von ihren Aerzten Krankheitszeugnisse ausstellen lassen, um auf dieses Zeugniß hin 6000 Fr. Renten zu erschleichen und unter Faucher und Barrot plötzlich wieder so gesund zu werden, daß sie ihre Stellen von 20,000 Fr. reklamiren und erhalten. Barrot zittert einen Augenblick für seinen Schwager und für Duchatel: er besteigt die Tribune, redet stottertt und endet mit dem traurigen Geständnisse: Faucher habe vielleicht nicht ganz Unrecht; aber nicht die Moral, nicht Korruption sei hier im Spiele, sondern die Politik! Man solle sich hüten, für den Antrag Favre's zu stimmen, der eine politische Revolution verberge. Und die Kammer geht in sich; sie läßt den reichen Präfekten die schwache Pension, zumal ein Duchatel und da ein Schwager Barrots sich unter den Präfekten befinden und sie stimmte mit 6 Stimmen Majorität für Verweisung an eine Kommission!
Die Korruption der Kammer geht gleichen Schritt mit den Banketts der Demokraten; heute galt es den Delegirten vom Luxembourg: die Soldaten waren zahlreich vertreten und Felix Pyat hat ihnen einen Toast gebracht.
Seine Rede war darauf berechnet, den Soldaten fühlbar zu machen, wer ihre Feinde sind: Er erinnert mit Geschicklichkeit an den Meuchelmord der treu gebliebenen plebejischen Generale Ney, Lagarde, Labedoyere etc. „Eure Feinde haben kein anderes Vaterland als die Börse; kein heiligeres Interesse als die Rente, die steigt, wenn Frankreich fällt, und die am besten stand, als Ihr zu Waterloo fielt‥‥ Die Männer, die Ihr an der Spitze seht, thäten nichts lieber, als Eurem Frankreich eine Kosacken-Infusion zum Einnehmen zu geben, um es zum Erbrechen der Republik zu bringen. Diese Männer haben sich heute hypokritisch dem Neffen des Mannes angeschlossen, den sie selbst proscribirt haben, und dieser Neffe, der die Zeit seines Exils damit zugebracht hat, die Adler seines Onkels zu zähmen, sieht ruhig zu, wie seine Minister sich die Taschen anfüllen, und die Köpfe Eurer Brüder abschneiden.“
Die Rede Pyat's wird zu tausenden von Exemplaren abgezogen und bringt in die Kasernen ungeachtet aller Verbote der Bugeaud's und Changarnier's.
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@facs1494
Paris, 3. April. 2 Uhr.
Eben bringt der Eisenbahnzug das Urtheil aus Bourges, das noch drakonischer ausgefallen ist, als man selbst von diesem Mörderhof bezahlter Beamten-Geschwornen erwartete. Barbes und Albert sind zu lebenslänglicher Deportation (!!!), Blanqui zu zehnjährigem Gefängniß (!!!), Sobrier zu siebenjährigem Gefängniß, Raspail (!!!) zu sechsjährigem Gefängniß, Flotte zu fünfjährigem Gefängniß und Quentin ebenfalls zu fünfjährigem Gefängniß verurtheilt worden.
General Courtais, Degré (genannt le pompier), Borme und Villain sind freigesprochen. Ueber Huber, der sich erst vorgestern stellte, ist Separatprozeß eingeleitet. Die übrigen Angeklagten sind in contumaciam verurtheilt. Der Urtheilsspruch erfolgte gestern Abend 11 Uhr. Keiner der Angeklagten verzog auch nur eine Miene bei Anhörung des Urtheils. Raspail sagte: „Es ist in dieser Sache besser, verurtheilt zu werden, als zu verurtheilen.“ Als die Gefangenen aus dem Sitzungssaale geführt wurden, drückten mehrere von ihnen ihren Vertheidigern die Hände. Barbes und Sobrier riefen: Es lebe die demokratisch-sociale Republik! So endigte der große Staatsprozeß des 15. Mai 1848. Um 11 1/2 Uhr verlief sich die Menge; die Säle des mittelalterlichen Finanzjuden Jacques-Coeur wurden geleert; starke Patrouillen durchziehen die Stadt Bourges.
‒ Die Nationalversammlung, mit dem Budget des Ministeriums des Innern beschäftigt, hat auf den Vorschlag Ledru-Rollin's das Gehalt von 50,000 Fr. für den Oberkommandanten der Pariser Bürgerwehr und Divisionskommandanten des Seinedepartements etc. gestrichen! Das ist ein harter Schlag für Changarnier. Man will ihn durch Collekte entschädigen.
Ebenso verwarf die Versammlung einen Antrag Pierre Bonaparte's, 25,000 Fr. zur Errichtung eines Denkmals für Ney auf der Stelle im Luxembourg, wo er erschossen wurde, zu bewilligen.
‒ Abbé Fayet, der bekannte voltairianische Bischof und Volksvertreter von Orleans (Anhänger Cavaignac's), ist gestorben.
‒ Präsident Bonaparte besichtigte heute Vincennes.
‒ Gioberti wird heute mit außerordentlichen Aufträgen aus Turin im Elysée erwartet. Er hat Taschen voll Radetzki'scher Geheimnisse!
‒ Das bonapartistische Morgenblatt „La Liberté“ meldet: Auf außerordentlichem Wege erfahren wir, daß sich die kriegerisch gesinnte zweite Kammer aus Turin nach Genua zurückgezogen und dort die Republik proklamiert habe.
Ein ähnliches Gerücht geht an der Börse.
‒ Abbé Genoude überraschte uns gestern Abend in seiner Gazette de France mit einer Ministerkrisis. Er zeigte an, daß sich das Barrot-Faucher-Kabinet nach der gestrigen Kammerschlappe zurückzöge. Fehlgeschossen! Bonaparte ist durch seine Schuldscheine gezwungen, mit diesem Ministerium die Wahlschlacht durchzumachen.
‒ Das Wahlmanifest der demokratisch-sozialistischen Partei (der Rothen), das alle monarchischen Blätter für diesen Morgen verkündeten, ist heute noch nicht erschienen. Es zirkulirte bereits gestern unter der äußersten Linken und floß aus der Feder Felix Pyat's. Einige Stellen sind noch zu ändern.
‒ Die Wahllisten werden am 10. d. geschlossen.
‒ Nachdem die Nationalversammlung gestern den Hrn. Odilon-Faucher (wie ihn Charivari nennt) so unbarmherzig für gewisse administrative Corruptionen gezüchtigt, wird sie wahrscheinlich heute dem edlen Herrn v. Falloux auf den Leib rücken. Das Unterrichtsbüdget beträgt 20,760,318 Frs. und wird zu nicht minder heftigen Debatten führen.
‒ Der Schluß der gestrigen Sitzung zog sich bis nach 7 Uhr und endigte mit einem Tadelsvotum gegen den Minister Faucher, der sich nun vor der Büdgetkommission wegen administrativer Corruption zu rechtfertigen hat. Das Votum ging mit 363 gegen 350 Stimmen durch. Faucher stellte z. B. alte Beamte Louis Philipp's als Präfekten im Januar an, die bis dahin als erblindet, schwere Pensionen bezogen haben etc.
‒ Das vielbesprochene Primar- und Sekundar-Unterrichtsgesetz wird in gegenwärtiger Kammersession das Licht der Welt erblicken. Hr. Thiers, Cousin und die übrigen Freunde der Gesellschaft Jesu wollen dasselbe erst der nächsten Kammer vorlegen.
‒ Kardinal Giraud ist aus Gaëta zurückgekehrt; dagegen hat der aus Freiburg im Uechtlande geflüchtete Bischof Marilley vom Ministerium Pässe nach Gaëta verlangt, die ihm dasselbe ohne Zweifel ertheilt.
Vom Bischof von Rennes sind neue 20,000 Frs. als Pabststeuer nach Gaëta gewandert.
‒ Buvignier (vom Berge) überreichte gestern der Nationalversammlung fünfzehn Petitonen für Restution der Milliarde.
‒ Gestern sahen wir zwei Legionen von Savoyarden, Piemontesen, Sardiniern und sonstigen Italienern, denen sich ein Häuflein Ex-Mobilgardisten beigesellt hat, nach den Alpen abmarschiren. Unter dem hundertfachen Rufe: Es lebe die französisch und italienische Republik! zogen die beiden Legionen, die Marseillaise singend, ab.
‒ Es scheint gewiß, daß Taschereau dem Thiers den auf letzteren bezüglichen Theil des Ludwig Philippschen Portefeuilles verkaufthai. Man ist diesem Schurkenstreiche auf der Spur.
(Revolution.)
National-Versammlung. Sitzung vom 3. April. Anfang 12 1/2 Uhr. Marrast läßt durch Stimmzettel die Zahl der Anwesenden ermitteln Sie beträgt 530 Glieder.
An der Tagesordnung ist das Büdget des Ministeriums des Innern. Die Debatte rückte gestern Abend bis Kapitel 3.
Kapitel 4 wird ohne Diskussion angenommen.
Kapitel 5 (geheime Polizei-Ausgaben) wird bestritten. Der Ausschuß schlägt eine Ersparniß von 100,000 Franken vor.
Faucher, Minister, hält dieselbe für den Generalpolizeidienst nachtheilig.
Pierre Leroux unterstützt nicht nur die Reduktion, sondern eifert überhaupt fürchterlich gegen die Polizei. Ihr ursprünglicher Zweck, die Bürger zu bewahren, werde gänzlich verfehlt und sie sei nur noch da, um die Bürger zu quälen, Bankette zu stören. (Rechts: daran thut sie sehr wohl!) Das ehrenwerthe Glied benutzt diese Gelegenheit, um die Wuth zu geisseln, mit der Herr Faucher die Clubs des Volkes verfolge. (Zur Abstimmung! zur Abstimmung! von der Rechten.)
Die Ersparniß wird angenommen. (Agitation.)
Kapitel 6 und 7 gehen ohne viel Federlesens durch.
Kapitel 8 (Ausgaben für die Bürgerwehren) erregt großen Skandal. Der Ausschuß schlägt eine Ersparniß von 97,000 Franken vor.
Deludre, unterstützt von Ledru-Rollin, tragen darauf an, das Gehalt von 50,000 Franken für den Oberbefehlshaber der Bürgerwehr des Seine-Departements, General Changarnier, zu streichen Derselbe sei zugleich Deputirter, mithin Cumul vorhanden.
Faucher verspricht, die Regierung werde die ausnahmsweise Militärgewalt Changarnier's ändern, sobald es die Umstände erlauben. (Ah! Ah!)
Degoussée und Cremieux unterstützen die Ersparniß.
Dieselbe wird mit 361 gegen 304 Stimmen Mehr angenommen. (Sensation)
Während der Operation des Stimmens liest Marrast ein Urlaubsgesuch Proudhon's vor. Proudhon verlangt einen einmonatlichen Urlaub, um ein Memoire auszuarbeiten.
Der Urlaub wird bewilligt, aber das Gerücht geht, Proudhon sei nach Belgien geflüchter, um sich einem Handstreich der Reaktion zu entziehen.
Die Büdget-Debatte wird wieder aufgenommen. Die Streichung des Gehalts Changarniers macht solches Aufsehen, daß Listen zur freiwilligen Subscription Behufs Deckung jener 50,000 Fr. circuliren.
Kapitel 18 (Ermunterungsprämien für Literatur und Theater) führt Favre auf die Bühne. Er beklagt sich, daß das Ministerium ruhig zusehe, wie man die republikanische Regierungsform jeden Tag insultire und auf der Bühne lächerlich mache. Gegen den Socialismus nur zu Felde ziehe.
Faucher appellirt an die Meinungs-Freiheit (Ah! Ah! zur Linken) und willigt in die beantragte Ersparniß von 100,000 Fr.
Bei Kapitel 22 wurde die Debatte abgebrochen und somit das Ministerium des Innern noch nicht erledigt.
Die Sitzung wird um 6 Uhr geschlossen.
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@facs1494
[ * ] Antibes, 27. März.
Der Ex-König Karl Albert ist in unsrer Stadt: er reist unter dem Namen eines Grafen von Bargo. Die Autorität der Stadt hat Alles Mögliche gethan um seine Anwesenheit verborgen zu halten. Aber der Ex-König hat schon dafür gesorgt, daß dieselbe ruchbar werde, und da hat er dann die hypokritische Phrase ausgesprochen: „Ich habe Alles gethan, um von den Kugeln getroffen zu werden, aber die Kugeln haben mich unglücklicher Weise vermieden.“ Karl Alb rt hat von der französischen Regierung ein Schiff verlangt, um sich nach Lisabon zu begeben.
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@facs1494
[ * ] Bourges, 31. März.
(Schluß der Rede Blanqui's.)
… Was mich betrifft, so bin ich unbekümmert um einen Ausgang, der für Niemand hier definitiv sein kann; ich acceptire den Kampf nicht nur auf dem Boden der Thatsachen, der nur zum Schein und zur Verdeckung des wahren Angriffs hier behauptet wird, sondern vor Allem in der politischen Frage, welche die einzig ernsthafte in dieser Sache ist.
Niemand glaubt mehr, daß man wirklich Rechenschaft von mir über das angebliche Attentat vom 15. Mai verlangt; die Parole dieses Prozesses ist für Niemanden ein Geheimniß mehr. Man behauptet den monomanen Verschwörer vernichten zu müssen, wie das Requisitorium sich ausdrückt, welches seine Sprache den Freibeutereien des Charivari entlehnt; den monomanen Verschwörer, d. h. den Mann, welcher unbeirrt um die Abschweifungen der Parteien den Triumph einer Idee, niemals aber die Interessen persönlichen Ehrgeizes verfolgt. Ja, ich verfolge meine Idee, die Wegräumung der letzten Ruinen auf dem Wege der Zukunft, und wenn ich hier vor einer erbärmlichen Prozedur darüber Rechenschaft zu geben habe, so mag das Land entscheiden, nicht über mich, sondern über euch und meine Feinde, über meine Bestrebungen für das Volk, und über diejenigen, welche sie vernichten.
… Welchen Werth haben schriftliche Prozeßakten, welche niemals der wörtliche Ausdruck offener und natürlicher Depositionen sein können? Wenn die Zeugen selbst nicht mehr ihre volle Freiheit haben, was will man dann von der Stellung eines Angeklagten sagen? Ich weiß, man wird mir antworten, daß ich die Gerechtigkeit in ihrem Kampf gegen das Verbrechen entwaffnen wolle, indem ich sie des sichersten Instruktionsmittels beraube. Das aber ist das nämliche Argument, welches so lange Jahre zur Vertheidigung der Tortur gegen den Schrei der entrüsteten Gesellschaft diente, und doch hat die Tortur endlich dem allgemeinen Fluch erliegen müssen. Glauben Sie vielleicht auch hierin eine geschichtliche Ausnahme zu sein, meine Herren Ausnahme-Richter?! Zwischen Ihnen und uns wird die Zukunft niemals schwanken, und unter uns Beiden sind Sie es nicht, der rufen kann: „Für mich die Zukunft!“ …
Man sagt soeben, daß dies Mißtrauen gegen die geheime Instruktion eine Beleidigung der Beamten sei. In diesem Fall sind alle Seiten des Kriminalgesetzbuchs offizielle Beleidigungen der Beamten. Ist nicht die Jury, die Oeffentlichkeit der Verhandlung, jede in unsern Gesetzen angeordnete Formalität ein offenes Mißtrauen gegen die Beamten? Jeder den Angeklagten bewilligte Schutz ist dann eine Beleidigung des Gerichts. Möge das Land von diesen Ansichten, welche den „hohen Gerichtshof“ erfüllen, Kenntniß nehmen und danach unsern Prozeß beurtheilen.
… Ich habe Ihnen ein Muster des Instruktionsverfahrens versprochen; ich komme jetzt darauf, mein Versprechen zu erfüllen.
Es ist des gegenwärtigen Gerichtes würdig, die längst gefallene Untrüglichkeit des Pabstes, durch die neue Untrüglichkeit der Beamten zu ersetzen. Aber diese Untrüglichkeit reicht nur so weit, als es sich gegen die Angeklagten handelt. Man hat vor acht Tagen eine gesetzlich legitimirte Deposition zu meinen Gunsten von Brest an den Generalprokurator gesendet; ich habe nichts davon zu Gesicht bekommen. (Der Generalprokurator bestreitet den Vorfall; Blanqui produzirt Briefe, wonach die amtlich legalisirte Deposition allerdings abgesendet worden.)
Man hat ferner ganz Paris während voller sechs Monate umgekehrt, um die kleinsten und frivolsten Dinge gegen die Angeklagten hervorzusuchen, während man den Gefangenen selbst nur fünf Tage zur Beschaffung ihrer schwachen Hülfsmittel gewährte.
Was Lacambre betrifft, so hat man ihn wohl oder übel außer Verfolgung setzen müssen. Ich will hier nicht von dem elenden Gewebe reden, durch welches man ihn durch die Hölle der Kriegsgerichte vom Juni zog; diese Geschichte wird noch später mit all ihren blutigen Beweisen an den Tag gebracht werden. Wenn Lacambre am 15. Mai nur von einem der so zahlreichen und so gefälligen Zeugen gesehen worden wäre, welche Anklagen hätte man nicht über seinem Haupte gesammelt! Ein Glas Wasser in seinen Händen würde hingereicht haben, ihm die Beschuldigung eines Vergiftungsversuches der Assemblée zuzuziehen. Ja, dieser denkwürdige Rapport des Herrn Bertrand wird als ein doppeltes Aktenstück für die geheime Prozedur und politische Tendenzprozesse in der Geschichte bleiben. Lacambre ist ein „Freund Blanqui's,“ … es liegt nichts gegen ihn vor, aber „er soll die Bewegung organisirt haben,“ und das genügt für die keusche Anklage des Generalprokurators, um die Freundschaft Lacambre als Belastung gegen mich vorzubringen.
Ich will nicht in die ganze Leidensgeschichte der Verfolgungen und niederträchtigen Verleumdungen eingehen, zu deren Opfer man mich erkoren. Lassen Sie mich einfach eine einzige der von meinen wüthenden Feinden erfundenen Büßungen erzählen; das Aktenstück, welches zu dieser modernen Tortur diente, befindet sich in dem Prozeß; es ist ein an mich adressirter Brief.
Sie erinnern sich, daß die Polizei nach dem 15. Mai einige Zeit brauchte, um mich aufzufinden. Und was gebrauchte man dabei für Mittel? Man legte auf der Post auf alle Briefe Beschlag, die an mich eingingen. In demjenigen, von welchem ich sprechen will, las man, daß die Sozialisten den Taucher machen wollten; daß sie für den Augenblick nicht hoffen dürften, durch den offenen Kampf zu siegen: „Arme geheime Gesellschaften,“ hieß es höhnisch, „was werdet ihr jetzt anfangen?“ Und dann folgten satyrische Rathschläge, die Gesellschaft durch fortwährende Agitationen zu beunruhigen, die Bourgeoisgemüther durch eingebildete Gefahren zu ängstigen, den Handel zu stören, den Kredit zu untergraben und die Gesellschaft endlich durch den Hunger zur Uebergabe zu zwingen.
Dieser Brief wurde sofort im Constitutionnel, diesem platten Verleumdungsblatt abgedruckt, jedoch mit weiser Weglassung des zweiten Satzes, aus dem klar hervorging, daß dieser Brief von einem schadenfrohen, honetten Feind kam. Noch nicht genug; einige Tage später schlug man diese Fälschung des Constitutionnel an allen Straßenecken unter der fast unleserlich kleinen Ueberschrift an: „Ein Brief an Blanqui.“ Auf diese Weise alarmirten die Gewalthaber der honetten Republik, denn nur von ihnen konnte die Publikation ausgehen, die Bürger gegen mich; sie benutzten sogar die anonymen Briefe meiner Feinde, um sie zu verfälschen und an den Straßen anzuschlagen, damit die Blödsinnigen, welche die kleingedruckte Ueberschrift noch übersehen, dies Polizeiwerk für einen Aufruf meiner Freunde zum Bürgerkrieg halten.
Man blieb aber selbst hierbei noch nicht stehen. Die offiziellen Verschwörer, die Männer der Regierung, welche die Wahrheit besser wissen mußten, acceptirten gleichwohl diese elenden Verleumdungen als Wahrheit, sie acceptirten sie nicht passiv, durch ihr Stillschweigen, nein, sie verbreiteten die Lüge wissentlich, offiziell von der Tribüne der Nationalversammlung herab. Lesen Sie in den Berichten des Moniteur die Worte, welche ein Repräsentant, ein Minister, der honette, durch die Reaktion von 1839 zuerst emporgekommene Dufaure bei Gelegenheit dieses Briefes sprach. Dieser Elende präsentirte das Aktenstück als ein bereits berühmt gewordenes Manifest der Demokraten, und klagte mich der moralischen Mitschuld an, mich, der ich damals Gefangener war, und mich nicht vertheidigen konnte, er produzirte seine perfiden Verleumdungen unter der doppelten feigen Sicherheit seiner Unverletzlichkeit als Abgeordneter, den ich nicht einmal gerichtlich verfolgen konnte, da er über seine Lügen in der Assemblée Niemanden Rechenschaft zu geben braucht!
Wenn die Verleumdung schon mit solcher Schamlosigkeit in Sachen auftritt, die so leicht, so sicher enthüllt werden konnten, welche Schranken standen ihr dann wohl bei jenen Machinationen im Wege, die Mann an Mann gar nicht zu erfassen sind, die dem gefangenen Opfer nichts als den Schrei der Verzweiflung übrig lassen: „Elender, du lügst!?“
„Warum sich geniren? Gegen Blanqui, diesen Verworfenen, diesen Tiger, ist die Verleumdung eine Schuldigkeit, der Dolch eine Tugend! Ein Stoß gegen Blanqui ist eine Bitte zu Gott!“ Und somit ist der Sturm von allen Seiten des Horizonts gegen [Fortsetzung] Hierzu eine Beilage.