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Arnim, Achim von; Brentano, Clemens: Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Heidelberg, 1806.

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Er nahm sie bey ihrem seidenen Schopf
Und schwung sie hinter sich auf sein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.
Und da sie zu dem Wald 'naus kamen,
Das Rößlein das will Futter han.
"Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
"Das Rößlein, das will Futter."
Er spreit sein Mantel ins grüne Gras,
Er bat sie, daß sie zu ihm saß,
"Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen,
"Mein gelbkrauß Härlein durchzausen."
Des härmt sich des Königs sein Töchterlein,
Viel heiße Thränen sie fallen ließ,
Er schaut ihr wohl unter die Augen,
"Warum weinet ihr, schöne Jungfraue?"
"Warum sollt ich nicht weinen und traurig seyn,
"Ich bin ja des Königs sein Töchterlein;
"Hätt ich meinem Vater gefolget,
"Frau Kayserin wär ich geworden."
Kaum hätt sie das Wörtlein ausgesagt,
Ihr Häuptlein auf der Erden lag,
"Jungfräulein hättst du geschwiegen,
"Dein Häuptlein wär dir geblieben."
Er kriegt sie bey ihrem seidenen Schopf,
Und schlenkert sie hinter den Hollerstock:
Er nahm ſie bey ihrem ſeidenen Schopf
Und ſchwung ſie hinter ſich auf ſein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.
Und da ſie zu dem Wald 'naus kamen,
Das Roͤßlein das will Futter han.
„Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
„Das Roͤßlein, das will Futter.“
Er ſpreit ſein Mantel ins gruͤne Gras,
Er bat ſie, daß ſie zu ihm ſaß,
„Feins Liebchen, ihr muͤſſet mich lauſen,
„Mein gelbkrauß Haͤrlein durchzauſen.“
Des haͤrmt ſich des Koͤnigs ſein Toͤchterlein,
Viel heiße Thraͤnen ſie fallen ließ,
Er ſchaut ihr wohl unter die Augen,
„Warum weinet ihr, ſchoͤne Jungfraue?“
„Warum ſollt ich nicht weinen und traurig ſeyn,
„Ich bin ja des Koͤnigs ſein Toͤchterlein;
„Haͤtt ich meinem Vater gefolget,
„Frau Kayſerin waͤr ich geworden.“
Kaum haͤtt ſie das Woͤrtlein ausgeſagt,
Ihr Haͤuptlein auf der Erden lag,
„Jungfraͤulein haͤttſt du geſchwiegen,
„Dein Haͤuptlein waͤr dir geblieben.“
Er kriegt ſie bey ihrem ſeidenen Schopf,
Und ſchlenkert ſie hinter den Hollerſtock:
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[38/0047] Er nahm ſie bey ihrem ſeidenen Schopf Und ſchwung ſie hinter ſich auf ſein Roß. Sie ritten in einer kleinen Weile Wohl vier und zwanzig Meilen. Und da ſie zu dem Wald 'naus kamen, Das Roͤßlein das will Futter han. „Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen, „Das Roͤßlein, das will Futter.“ Er ſpreit ſein Mantel ins gruͤne Gras, Er bat ſie, daß ſie zu ihm ſaß, „Feins Liebchen, ihr muͤſſet mich lauſen, „Mein gelbkrauß Haͤrlein durchzauſen.“ Des haͤrmt ſich des Koͤnigs ſein Toͤchterlein, Viel heiße Thraͤnen ſie fallen ließ, Er ſchaut ihr wohl unter die Augen, „Warum weinet ihr, ſchoͤne Jungfraue?“ „Warum ſollt ich nicht weinen und traurig ſeyn, „Ich bin ja des Koͤnigs ſein Toͤchterlein; „Haͤtt ich meinem Vater gefolget, „Frau Kayſerin waͤr ich geworden.“ Kaum haͤtt ſie das Woͤrtlein ausgeſagt, Ihr Haͤuptlein auf der Erden lag, „Jungfraͤulein haͤttſt du geſchwiegen, „Dein Haͤuptlein waͤr dir geblieben.“ Er kriegt ſie bey ihrem ſeidenen Schopf, Und ſchlenkert ſie hinter den Hollerſtock:

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Zitationshilfe: Arnim, Achim von; Brentano, Clemens: Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Heidelberg, 1806, S. 38. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnim_wunderhorn01_1806/47>, abgerufen am 07.03.2021.