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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835.

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verwachsenen Wegen hin und her, und eile zurück, weil
ich glaub' jetzt bist Du da; dann bricht plötzlich der
Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und das
ist mein Erwachen. Dann färbt sich's schon im Osten,
ich rücke mir den Tisch an's Fenster, die Dämmerung
verschleiert noch die ersten Zeilen; bis ich aber das
Blatt zu Ende geschrieben habe, scheint schon die Sonne.
Ach, was schreib' ich Dir denn? -- Ich hab' selbst kein
Urtheil drüber, aber ich bin allemal neugierig, was kom-
men wird. Laß andre ihre Schicksale bereichern durch
schöne Walfarthen in's gelobte Land, laß sie ihr Jour-
nal schreiben von gelehrten und andern Dingen, wenn
sie Dir auch einen Elephantenfuß oder eine versteinerte
Schneck mitbringen, -- darüber will ich schon Herr wer-
den, wenn sie sich nur nicht in ihren Träumen in Dich
versenken, wie ich. Laß mir die stille Nacht, nimm keine
Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem schönen Frieden,
den ich Dir bereite, ich bin ja auch so glücklich in Dir!
Es ist freilich schön wie Du sagst, sich in dem Labyrinth
geistiger Schätze mit dem Freund zu ergehen; aber darf
ich nicht bitten für das Kind, das stumm vor Liebe ist?
Denn eigentlich ist dieses geschriebene Geplauder nur
eine Nothhülfe -- die tiefste Liebe in mir ist stumm: es
ist, wie ein Mückchen summt um deine Ohren im Schlaf,

verwachſenen Wegen hin und her, und eile zurück, weil
ich glaub' jetzt biſt Du da; dann bricht plötzlich der
Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und das
iſt mein Erwachen. Dann färbt ſich's ſchon im Oſten,
ich rücke mir den Tiſch an's Fenſter, die Dämmerung
verſchleiert noch die erſten Zeilen; bis ich aber das
Blatt zu Ende geſchrieben habe, ſcheint ſchon die Sonne.
Ach, was ſchreib' ich Dir denn? — Ich hab' ſelbſt kein
Urtheil drüber, aber ich bin allemal neugierig, was kom-
men wird. Laß andre ihre Schickſale bereichern durch
ſchöne Walfarthen in's gelobte Land, laß ſie ihr Jour-
nal ſchreiben von gelehrten und andern Dingen, wenn
ſie Dir auch einen Elephantenfuß oder eine verſteinerte
Schneck mitbringen, — darüber will ich ſchon Herr wer-
den, wenn ſie ſich nur nicht in ihren Träumen in Dich
verſenken, wie ich. Laß mir die ſtille Nacht, nimm keine
Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem ſchönen Frieden,
den ich Dir bereite, ich bin ja auch ſo glücklich in Dir!
Es iſt freilich ſchön wie Du ſagſt, ſich in dem Labyrinth
geiſtiger Schätze mit dem Freund zu ergehen; aber darf
ich nicht bitten für das Kind, das ſtumm vor Liebe iſt?
Denn eigentlich iſt dieſes geſchriebene Geplauder nur
eine Nothhülfe — die tiefſte Liebe in mir iſt ſtumm: es
iſt, wie ein Mückchen ſummt um deine Ohren im Schlaf,

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[270/0302] verwachſenen Wegen hin und her, und eile zurück, weil ich glaub' jetzt biſt Du da; dann bricht plötzlich der Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und das iſt mein Erwachen. Dann färbt ſich's ſchon im Oſten, ich rücke mir den Tiſch an's Fenſter, die Dämmerung verſchleiert noch die erſten Zeilen; bis ich aber das Blatt zu Ende geſchrieben habe, ſcheint ſchon die Sonne. Ach, was ſchreib' ich Dir denn? — Ich hab' ſelbſt kein Urtheil drüber, aber ich bin allemal neugierig, was kom- men wird. Laß andre ihre Schickſale bereichern durch ſchöne Walfarthen in's gelobte Land, laß ſie ihr Jour- nal ſchreiben von gelehrten und andern Dingen, wenn ſie Dir auch einen Elephantenfuß oder eine verſteinerte Schneck mitbringen, — darüber will ich ſchon Herr wer- den, wenn ſie ſich nur nicht in ihren Träumen in Dich verſenken, wie ich. Laß mir die ſtille Nacht, nimm keine Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem ſchönen Frieden, den ich Dir bereite, ich bin ja auch ſo glücklich in Dir! Es iſt freilich ſchön wie Du ſagſt, ſich in dem Labyrinth geiſtiger Schätze mit dem Freund zu ergehen; aber darf ich nicht bitten für das Kind, das ſtumm vor Liebe iſt? Denn eigentlich iſt dieſes geſchriebene Geplauder nur eine Nothhülfe — die tiefſte Liebe in mir iſt ſtumm: es iſt, wie ein Mückchen ſummt um deine Ohren im Schlaf,

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835, S. 270. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835/302>, abgerufen am 04.08.2021.