Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite
An Goethe.

Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer,
ich war am Rhein und reiste später mit einer heiteren
Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser
bis Köln; als ich zurückgekommen war verbrachte ich
noch die letzten Tage mit deiner Mutter, wo sie freund-
licher, leidseeliger war wie je. Am Tag vor ihrem Tod
war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebe-
wohl in deinem Namen. Denn ich hab' Dich in keinem
Augenblick vergessen; ich wußte wohl, sie hätte mir gern
deine beste Liebe zum Erbtheil hinterlassen.

Sie ist nun todt, vor welcher ich die Schätze mei-
nes Lebens ausbreitete; sie wußte wie und warum ich
Dich liebe, sie wunderte sich nicht drüber. Wenn andre
Menschen klug über mich sein wollten, so ließ sie mich
gewähren und gab dem Wesen keinen Namen. Noch
enger hätte ich damals deine Kniee umschließen mögen,

II. 1
An Goethe.

Da ich Dir zum letztenmal ſchrieb, war's Sommer,
ich war am Rhein und reiſte ſpäter mit einer heiteren
Geſellſchaft von Freunden und Verwandten zu Waſſer
bis Köln; als ich zurückgekommen war verbrachte ich
noch die letzten Tage mit deiner Mutter, wo ſie freund-
licher, leidſeeliger war wie je. Am Tag vor ihrem Tod
war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebe-
wohl in deinem Namen. Denn ich hab' Dich in keinem
Augenblick vergeſſen; ich wußte wohl, ſie hätte mir gern
deine beſte Liebe zum Erbtheil hinterlaſſen.

Sie iſt nun todt, vor welcher ich die Schätze mei-
nes Lebens ausbreitete; ſie wußte wie und warum ich
Dich liebe, ſie wunderte ſich nicht drüber. Wenn andre
Menſchen klug über mich ſein wollten, ſo ließ ſie mich
gewähren und gab dem Weſen keinen Namen. Noch
enger hätte ich damals deine Kniee umſchließen mögen,

II. 1
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0011" n="[1]"/>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <opener>
            <salute>An Goethe.</salute>
          </opener><lb/>
          <p>Da ich Dir zum letztenmal &#x017F;chrieb, war's Sommer,<lb/>
ich war am Rhein und rei&#x017F;te &#x017F;päter mit einer heiteren<lb/>
Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft von Freunden und Verwandten zu Wa&#x017F;&#x017F;er<lb/>
bis Köln; als ich zurückgekommen war verbrachte ich<lb/>
noch die letzten Tage mit deiner Mutter, wo &#x017F;ie freund-<lb/>
licher, leid&#x017F;eeliger war wie je. Am Tag vor ihrem Tod<lb/>
war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebe-<lb/>
wohl in deinem Namen. Denn ich hab' Dich in keinem<lb/>
Augenblick verge&#x017F;&#x017F;en; ich wußte wohl, &#x017F;ie hätte mir gern<lb/>
deine be&#x017F;te Liebe zum Erbtheil hinterla&#x017F;&#x017F;en.</p><lb/>
          <p>Sie i&#x017F;t nun todt, vor welcher ich die Schätze mei-<lb/>
nes Lebens ausbreitete; &#x017F;ie wußte <hi rendition="#g">wie</hi> und <hi rendition="#g">warum</hi> ich<lb/>
Dich liebe, &#x017F;ie wunderte &#x017F;ich nicht drüber. Wenn andre<lb/>
Men&#x017F;chen klug über mich &#x017F;ein wollten, &#x017F;o ließ &#x017F;ie mich<lb/>
gewähren und gab dem We&#x017F;en keinen Namen. Noch<lb/>
enger hätte ich damals deine Kniee um&#x017F;chließen mögen,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#aq">II.</hi> 1</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[1]/0011] An Goethe. Da ich Dir zum letztenmal ſchrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiſte ſpäter mit einer heiteren Geſellſchaft von Freunden und Verwandten zu Waſſer bis Köln; als ich zurückgekommen war verbrachte ich noch die letzten Tage mit deiner Mutter, wo ſie freund- licher, leidſeeliger war wie je. Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebe- wohl in deinem Namen. Denn ich hab' Dich in keinem Augenblick vergeſſen; ich wußte wohl, ſie hätte mir gern deine beſte Liebe zum Erbtheil hinterlaſſen. Sie iſt nun todt, vor welcher ich die Schätze mei- nes Lebens ausbreitete; ſie wußte wie und warum ich Dich liebe, ſie wunderte ſich nicht drüber. Wenn andre Menſchen klug über mich ſein wollten, ſo ließ ſie mich gewähren und gab dem Weſen keinen Namen. Noch enger hätte ich damals deine Kniee umſchließen mögen, II. 1

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/11
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/11>, abgerufen am 26.02.2021.