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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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weder er beschämt Euch alle, oder er wird's Euch gar-
stig eintränken.


Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht
wiederstehen, der warme mailiche Sonnenstrahl der das
harte, eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war über-
raschend, es hat mich hinaus getrieben in den kahlen,
englischen Garten, ich bin auf alle Freundschaftstempel,
chinesische Thürme, und Vaterlands-Monumente ge-
klettert um die Tyroler Bergkette zu erblicken, die tau-
sendfach ihre gespaltnen Häupter gen Himmel ragt;
auch in meiner Seele kannst Du solche große Bergmas-
sen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind,
und kalt und kahl ihre hartneckige Zacken in die Wol-
ken strecken. Bei der Hand möcht ich Dich nehmen und
weit wegführen, daß Du Dich besinnen solltest über
mich, daß ich Dir in deinen Gedanken aufginge als et-
was merkwürdiges dem Du nachspürtest, wie zum Bei-
spiel einem Intermaxilarknochen über den Du dein Recht
in so eifriger Correspondence gegen Soemering behaup-
test, sag mir aufrichtig werde ich Dir nie so wichtig sein
als ein solcher todter Knochen? -- Daß Gott alles wohl-

weder er beſchämt Euch alle, oder er wird's Euch gar-
ſtig eintränken.


Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht
wiederſtehen, der warme mailiche Sonnenſtrahl der das
harte, eiſige Neujahr ganz zuſammenſchmolz, war über-
raſchend, es hat mich hinaus getrieben in den kahlen,
engliſchen Garten, ich bin auf alle Freundſchaftstempel,
chineſiſche Thürme, und Vaterlands-Monumente ge-
klettert um die Tyroler Bergkette zu erblicken, die tau-
ſendfach ihre geſpaltnen Häupter gen Himmel ragt;
auch in meiner Seele kannſt Du ſolche große Bergmaſ-
ſen finden, die tief bis in die Wurzel geſpalten ſind,
und kalt und kahl ihre hartneckige Zacken in die Wol-
ken ſtrecken. Bei der Hand möcht ich Dich nehmen und
weit wegführen, daß Du Dich beſinnen ſollteſt über
mich, daß ich Dir in deinen Gedanken aufginge als et-
was merkwürdiges dem Du nachſpürteſt, wie zum Bei-
ſpiel einem Intermaxilarknochen über den Du dein Recht
in ſo eifriger Correſpondence gegen Soemering behaup-
teſt, ſag mir aufrichtig werde ich Dir nie ſo wichtig ſein
als ein ſolcher todter Knochen? — Daß Gott alles wohl-

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[13/0023] weder er beſchämt Euch alle, oder er wird's Euch gar- ſtig eintränken. Am 31. Februar. Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht wiederſtehen, der warme mailiche Sonnenſtrahl der das harte, eiſige Neujahr ganz zuſammenſchmolz, war über- raſchend, es hat mich hinaus getrieben in den kahlen, engliſchen Garten, ich bin auf alle Freundſchaftstempel, chineſiſche Thürme, und Vaterlands-Monumente ge- klettert um die Tyroler Bergkette zu erblicken, die tau- ſendfach ihre geſpaltnen Häupter gen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannſt Du ſolche große Bergmaſ- ſen finden, die tief bis in die Wurzel geſpalten ſind, und kalt und kahl ihre hartneckige Zacken in die Wol- ken ſtrecken. Bei der Hand möcht ich Dich nehmen und weit wegführen, daß Du Dich beſinnen ſollteſt über mich, daß ich Dir in deinen Gedanken aufginge als et- was merkwürdiges dem Du nachſpürteſt, wie zum Bei- ſpiel einem Intermaxilarknochen über den Du dein Recht in ſo eifriger Correſpondence gegen Soemering behaup- teſt, ſag mir aufrichtig werde ich Dir nie ſo wichtig ſein als ein ſolcher todter Knochen? — Daß Gott alles wohl-

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/23>, abgerufen am 27.02.2021.