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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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Ach könnt ich noch einmal ihn fragen! -- er ist fort;
-- lass ihn ziehen, zu andern die auch sich sehnen, ich
wende mich zu ihm der allein mein Herz ergreift mein
Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch seiner
Worte *)


Frag nur nicht nach dem Datum, ich hab keinen
Kalender, und ich muß Dir gestehen, es ist als ob sich's
nicht schicke für meine Liebe, daß ich mich um die Zeit
bekümmere. Ach Goethe! ich mag nicht hinter mich se-
hen und auch nicht vor mich. Dem himmlischen Augen-
blick ist die Zeit ein Scharfrichter das scharfe Schwert
das sie über ihm schwingt, seh ich mit scheuer Ahnung
blitzen; nein ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich
fühle, daß die Ewigkeit mir den Genuß nicht über die
Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch
wenn Du wissen willst, über's Jahr vielleicht, -- oder
in späterer Zeit, wann es doch war daß mich die Sonne
braun gebrannt hat, und ich's nicht spürte vor tiefem
Sinnen an Dich; so merk Dir es ist grade wo die Jo-

*) Suleika 180.

Ach könnt ich noch einmal ihn fragen! — er iſt fort;
— laſſ ihn ziehen, zu andern die auch ſich ſehnen, ich
wende mich zu ihm der allein mein Herz ergreift mein
Leben erneut mit ſeinem Geiſt, mit dem Hauch ſeiner
Worte *)


Frag nur nicht nach dem Datum, ich hab keinen
Kalender, und ich muß Dir geſtehen, es iſt als ob ſich's
nicht ſchicke für meine Liebe, daß ich mich um die Zeit
bekümmere. Ach Goethe! ich mag nicht hinter mich ſe-
hen und auch nicht vor mich. Dem himmliſchen Augen-
blick iſt die Zeit ein Scharfrichter das ſcharfe Schwert
das ſie über ihm ſchwingt, ſeh ich mit ſcheuer Ahnung
blitzen; nein ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich
fühle, daß die Ewigkeit mir den Genuß nicht über die
Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch
wenn Du wiſſen willſt, über's Jahr vielleicht, — oder
in ſpäterer Zeit, wann es doch war daß mich die Sonne
braun gebrannt hat, und ich's nicht ſpürte vor tiefem
Sinnen an Dich; ſo merk Dir es iſt grade wo die Jo-

*) Suleika 180.
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[223/0233] Ach könnt ich noch einmal ihn fragen! — er iſt fort; — laſſ ihn ziehen, zu andern die auch ſich ſehnen, ich wende mich zu ihm der allein mein Herz ergreift mein Leben erneut mit ſeinem Geiſt, mit dem Hauch ſeiner Worte *) Montag. Frag nur nicht nach dem Datum, ich hab keinen Kalender, und ich muß Dir geſtehen, es iſt als ob ſich's nicht ſchicke für meine Liebe, daß ich mich um die Zeit bekümmere. Ach Goethe! ich mag nicht hinter mich ſe- hen und auch nicht vor mich. Dem himmliſchen Augen- blick iſt die Zeit ein Scharfrichter das ſcharfe Schwert das ſie über ihm ſchwingt, ſeh ich mit ſcheuer Ahnung blitzen; nein ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fühle, daß die Ewigkeit mir den Genuß nicht über die Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch wenn Du wiſſen willſt, über's Jahr vielleicht, — oder in ſpäterer Zeit, wann es doch war daß mich die Sonne braun gebrannt hat, und ich's nicht ſpürte vor tiefem Sinnen an Dich; ſo merk Dir es iſt grade wo die Jo- *) Suleika 180.

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 223. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/233>, abgerufen am 27.02.2021.