Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite
An Bettine.

Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich
nicht mehr Fassung und Ruhe, als Dir zu sagen, fahre
fort so lieb und anmuthig zu sein. Laß mich nun bald
taufen! Adieu.


G.
Mein theuerster Freund.

Ich kenne Dich nicht! nein, ich kenne Dich nicht!
ich kann deine Worte mißverstehen, ich kann mir Sor-
gen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast über
aller Sclaverei, da doch dein Antlitz nie vom Unglück
überschattet war, und ich kann Furcht haben bei dem
edelsten Gastfreund des Glückes? -- die wahre Liebe
hat kein Bekümmerniß. Ich habe mir oft vorgenommen,
daß ich Dich viel zu heilig halten will, als elende Angst
um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Trost und
Freude hervorbringen sollst. Sei es wie es mag, hab
ich Dich auch nicht, so hab ich Dich doch, -- und nicht
wahr, in meinen Briefen da fühlst Du daß ich Wahr-
heit rede? da hast Du mich, -- und ich? -- weissagend
verfolge ich die Züge deiner Feder, die Hand, die mir

An Bettine.

Hier die Duette! In dieſem Augenblick habe ich
nicht mehr Faſſung und Ruhe, als Dir zu ſagen, fahre
fort ſo lieb und anmuthig zu ſein. Laß mich nun bald
taufen! Adieu.


G.
Mein theuerſter Freund.

Ich kenne Dich nicht! nein, ich kenne Dich nicht!
ich kann deine Worte mißverſtehen, ich kann mir Sor-
gen um Dich machen, da Du doch Freiheit haſt über
aller Sclaverei, da doch dein Antlitz nie vom Unglück
überſchattet war, und ich kann Furcht haben bei dem
edelſten Gaſtfreund des Glückes? — die wahre Liebe
hat kein Bekümmerniß. Ich habe mir oft vorgenommen,
daß ich Dich viel zu heilig halten will, als elende Angſt
um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Troſt und
Freude hervorbringen ſollſt. Sei es wie es mag, hab
ich Dich auch nicht, ſo hab ich Dich doch, — und nicht
wahr, in meinen Briefen da fühlſt Du daß ich Wahr-
heit rede? da haſt Du mich, — und ich? — weiſſagend
verfolge ich die Züge deiner Feder, die Hand, die mir

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0255" n="245"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <salute>An Bettine.</salute>
          </opener><lb/>
          <p>Hier die Duette! In die&#x017F;em Augenblick habe ich<lb/>
nicht mehr Fa&#x017F;&#x017F;ung und Ruhe, als Dir zu &#x017F;agen, fahre<lb/>
fort &#x017F;o lieb und anmuthig zu &#x017F;ein. Laß mich nun bald<lb/>
taufen! Adieu.</p><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">12. November 18<supplied>1</supplied>0.</hi> </dateline><lb/>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#et">G.</hi> </salute>
          </closer>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <opener>
            <salute>Mein theuer&#x017F;ter Freund.</salute>
          </opener><lb/>
          <p>Ich kenne Dich nicht! nein, ich kenne Dich nicht!<lb/>
ich kann deine Worte mißver&#x017F;tehen, ich kann mir Sor-<lb/>
gen um Dich machen, da Du doch Freiheit ha&#x017F;t über<lb/>
aller Sclaverei, da doch dein Antlitz nie vom Unglück<lb/>
über&#x017F;chattet war, und ich kann Furcht haben bei dem<lb/>
edel&#x017F;ten Ga&#x017F;tfreund des Glückes? &#x2014; die wahre Liebe<lb/>
hat kein Bekümmerniß. Ich habe mir oft vorgenommen,<lb/>
daß ich Dich viel zu heilig halten will, als elende Ang&#x017F;t<lb/>
um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Tro&#x017F;t und<lb/>
Freude hervorbringen &#x017F;oll&#x017F;t. Sei es wie es mag, hab<lb/>
ich Dich auch nicht, &#x017F;o hab ich Dich doch, &#x2014; und nicht<lb/>
wahr, in meinen Briefen da fühl&#x017F;t Du daß ich Wahr-<lb/>
heit rede? da ha&#x017F;t Du mich, &#x2014; und ich? &#x2014; wei&#x017F;&#x017F;agend<lb/>
verfolge ich die Züge deiner Feder, die Hand, die mir<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[245/0255] An Bettine. Hier die Duette! In dieſem Augenblick habe ich nicht mehr Faſſung und Ruhe, als Dir zu ſagen, fahre fort ſo lieb und anmuthig zu ſein. Laß mich nun bald taufen! Adieu. 12. November 1810. G. Mein theuerſter Freund. Ich kenne Dich nicht! nein, ich kenne Dich nicht! ich kann deine Worte mißverſtehen, ich kann mir Sor- gen um Dich machen, da Du doch Freiheit haſt über aller Sclaverei, da doch dein Antlitz nie vom Unglück überſchattet war, und ich kann Furcht haben bei dem edelſten Gaſtfreund des Glückes? — die wahre Liebe hat kein Bekümmerniß. Ich habe mir oft vorgenommen, daß ich Dich viel zu heilig halten will, als elende Angſt um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Troſt und Freude hervorbringen ſollſt. Sei es wie es mag, hab ich Dich auch nicht, ſo hab ich Dich doch, — und nicht wahr, in meinen Briefen da fühlſt Du daß ich Wahr- heit rede? da haſt Du mich, — und ich? — weiſſagend verfolge ich die Züge deiner Feder, die Hand, die mir

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/255
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 245. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/255>, abgerufen am 26.02.2021.