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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

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ich in meinem Wesen sie an Dich erinnere, sie habe auch
dein Sorgenbrecher sein müssen. Sie baute auf mein
Herz. Man konnte ihr nicht weis machen, daß ich falsch
gegen sie sei, sie sagte: der ist falsch der mir meine Lust
an ihr verderben will, ich war stolz auf ihre Liebe.

Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärst!
ach ich würde keine Hand mehr regen. Ach es regen
sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus.
Wenn ich nur manchmal bei Dir sitzen könnte eine halbe
Stunde lang; -- da wird vielleicht auch nichts draus,
mein Freund!! --


In den wenig Wochen die ich in Landshut zubrachte
hab' ich trotz Schnee und Eis nah und ferne Berge be-
stiegen, da lag mir das ganze Land im blendendsten Ge-
wand vor Augen; alle Farben vom Winter getödtet
und vom Schnee begraben, nur mir röthete die Kälte
die Wangen; -- wie ein einsames Feuer in der Wüste
so brennt der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt,
während die ganze Welt schläft. Ich hatte so kurz vor-
her den Sommer verlassen, so reich beladen mit Frucht.
-- Wo war's doch wo ich den letzten Berg am Rhein

ich in meinem Weſen ſie an Dich erinnere, ſie habe auch
dein Sorgenbrecher ſein müſſen. Sie baute auf mein
Herz. Man konnte ihr nicht weis machen, daß ich falſch
gegen ſie ſei, ſie ſagte: der iſt falſch der mir meine Luſt
an ihr verderben will, ich war ſtolz auf ihre Liebe.

Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärſt!
ach ich würde keine Hand mehr regen. Ach es regen
ſich ſo viel tauſend Hoffnungen und wird nichts draus.
Wenn ich nur manchmal bei Dir ſitzen könnte eine halbe
Stunde lang; — da wird vielleicht auch nichts draus,
mein Freund!! —


In den wenig Wochen die ich in Landshut zubrachte
hab' ich trotz Schnee und Eis nah und ferne Berge be-
ſtiegen, da lag mir das ganze Land im blendendſten Ge-
wand vor Augen; alle Farben vom Winter getödtet
und vom Schnee begraben, nur mir röthete die Kälte
die Wangen; — wie ein einſames Feuer in der Wüſte
ſo brennt der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt,
während die ganze Welt ſchläft. Ich hatte ſo kurz vor-
her den Sommer verlaſſen, ſo reich beladen mit Frucht.
— Wo war's doch wo ich den letzten Berg am Rhein

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[16/0026] ich in meinem Weſen ſie an Dich erinnere, ſie habe auch dein Sorgenbrecher ſein müſſen. Sie baute auf mein Herz. Man konnte ihr nicht weis machen, daß ich falſch gegen ſie ſei, ſie ſagte: der iſt falſch der mir meine Luſt an ihr verderben will, ich war ſtolz auf ihre Liebe. Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärſt! ach ich würde keine Hand mehr regen. Ach es regen ſich ſo viel tauſend Hoffnungen und wird nichts draus. Wenn ich nur manchmal bei Dir ſitzen könnte eine halbe Stunde lang; — da wird vielleicht auch nichts draus, mein Freund!! — Am 3. Februar. In den wenig Wochen die ich in Landshut zubrachte hab' ich trotz Schnee und Eis nah und ferne Berge be- ſtiegen, da lag mir das ganze Land im blendendſten Ge- wand vor Augen; alle Farben vom Winter getödtet und vom Schnee begraben, nur mir röthete die Kälte die Wangen; — wie ein einſames Feuer in der Wüſte ſo brennt der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt, während die ganze Welt ſchläft. Ich hatte ſo kurz vor- her den Sommer verlaſſen, ſo reich beladen mit Frucht. — Wo war's doch wo ich den letzten Berg am Rhein

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 16. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/26>, abgerufen am 27.02.2021.