Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite
An Goethe.

Der Kronprinz von Baiern ist die angenehmste un-
befangenste Jugend, ist so edler natur, daß ihn Betrug
nie verletzt, so wie den gehörnten Siegfried nie die Lan-
zenstiche verletzten. Er ist eine Blüthe auf welcher der
Morgenthau noch ruht, er schwimmt noch in seiner eig-
nen Atmosphäre, das heißt: seine besten Kräfte sind
noch in ihm. Wenn es so fort ginge und daß keine bö-
sen Mächte seiner Meister würden? -- Wie gut hatten's
doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen
Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feuri-
gen Drachen und ungeschlachten Riesen nach dem tan-
zenden Wasser des Lebens oder nach goldnen Liebes-
äpfel ausgesandt waren, und eine in Marmor ver-
wünschte Prinzessin, so roth wie Blut, so weiß wie
Schnee, schön wie das ausgespannte Himmelszelt über
dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlösung Lohn ihnen zu
Theil wurde. -- Jetzt ist die Aufgabe anders: die un-
bewachten Äpfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige
über den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke
um den Ritter selbst zu fangen, und diesem allem soll

An Goethe.

Der Kronprinz von Baiern iſt die angenehmſte un-
befangenſte Jugend, iſt ſo edler natur, daß ihn Betrug
nie verletzt, ſo wie den gehörnten Siegfried nie die Lan-
zenſtiche verletzten. Er iſt eine Blüthe auf welcher der
Morgenthau noch ruht, er ſchwimmt noch in ſeiner eig-
nen Atmoſphäre, das heißt: ſeine beſten Kräfte ſind
noch in ihm. Wenn es ſo fort ginge und daß keine bö-
ſen Mächte ſeiner Meiſter würden? — Wie gut hatten's
doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen
Talismanen verſehen wurden, wenn ſie zwiſchen feuri-
gen Drachen und ungeſchlachten Rieſen nach dem tan-
zenden Waſſer des Lebens oder nach goldnen Liebes-
äpfel ausgeſandt waren, und eine in Marmor ver-
wünſchte Prinzeſſin, ſo roth wie Blut, ſo weiß wie
Schnee, ſchön wie das ausgeſpannte Himmelszelt über
dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlöſung Lohn ihnen zu
Theil wurde. — Jetzt iſt die Aufgabe anders: die un-
bewachten Äpfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige
über den Weg, und Liebchen lauſcht hinter der Hecke
um den Ritter ſelbſt zu fangen, und dieſem allem ſoll

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0069" n="59"/>
        <div n="2">
          <opener>
            <salute>An Goethe.</salute><lb/>
            <dateline> <hi rendition="#et">18. Mai.</hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Der Kronprinz von Baiern i&#x017F;t die angenehm&#x017F;te un-<lb/>
befangen&#x017F;te Jugend, i&#x017F;t &#x017F;o edler natur, daß ihn Betrug<lb/>
nie verletzt, &#x017F;o wie den gehörnten Siegfried nie die Lan-<lb/>
zen&#x017F;tiche verletzten. Er i&#x017F;t eine Blüthe auf welcher der<lb/>
Morgenthau noch ruht, er &#x017F;chwimmt noch in &#x017F;einer eig-<lb/>
nen Atmo&#x017F;phäre, das heißt: &#x017F;eine be&#x017F;ten Kräfte &#x017F;ind<lb/>
noch in ihm. Wenn es &#x017F;o fort ginge und daß keine bö-<lb/>
&#x017F;en Mächte &#x017F;einer Mei&#x017F;ter würden? &#x2014; Wie gut hatten's<lb/>
doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen<lb/>
Talismanen ver&#x017F;ehen wurden, wenn &#x017F;ie zwi&#x017F;chen feuri-<lb/>
gen Drachen und unge&#x017F;chlachten Rie&#x017F;en nach dem tan-<lb/>
zenden Wa&#x017F;&#x017F;er des Lebens oder nach goldnen Liebes-<lb/>
äpfel ausge&#x017F;andt waren, und eine in Marmor ver-<lb/>
wün&#x017F;chte Prinze&#x017F;&#x017F;in, &#x017F;o roth wie Blut, &#x017F;o weiß wie<lb/>
Schnee, &#x017F;chön wie das ausge&#x017F;pannte Himmelszelt über<lb/>
dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlö&#x017F;ung Lohn ihnen zu<lb/>
Theil wurde. &#x2014; Jetzt i&#x017F;t die Aufgabe anders: die un-<lb/>
bewachten Äpfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige<lb/>
über den Weg, und Liebchen lau&#x017F;cht hinter der Hecke<lb/>
um den Ritter &#x017F;elb&#x017F;t zu fangen, und die&#x017F;em allem &#x017F;oll<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[59/0069] An Goethe. 18. Mai. Der Kronprinz von Baiern iſt die angenehmſte un- befangenſte Jugend, iſt ſo edler natur, daß ihn Betrug nie verletzt, ſo wie den gehörnten Siegfried nie die Lan- zenſtiche verletzten. Er iſt eine Blüthe auf welcher der Morgenthau noch ruht, er ſchwimmt noch in ſeiner eig- nen Atmoſphäre, das heißt: ſeine beſten Kräfte ſind noch in ihm. Wenn es ſo fort ginge und daß keine bö- ſen Mächte ſeiner Meiſter würden? — Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen Talismanen verſehen wurden, wenn ſie zwiſchen feuri- gen Drachen und ungeſchlachten Rieſen nach dem tan- zenden Waſſer des Lebens oder nach goldnen Liebes- äpfel ausgeſandt waren, und eine in Marmor ver- wünſchte Prinzeſſin, ſo roth wie Blut, ſo weiß wie Schnee, ſchön wie das ausgeſpannte Himmelszelt über dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlöſung Lohn ihnen zu Theil wurde. — Jetzt iſt die Aufgabe anders: die un- bewachten Äpfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige über den Weg, und Liebchen lauſcht hinter der Hecke um den Ritter ſelbſt zu fangen, und dieſem allem ſoll

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/69
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 2. Berlin, 1835, S. 59. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe02_1835/69>, abgerufen am 27.02.2021.