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Arnim, Bettina von: Die Günderode. Bd. 2. Grünberg u. a., 1840.

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An die Günderode.

Ja! das beweißt die Musik, jeder Ton spricht sei¬
nen Accord aus, jeder Accord spricht seine Verwandt¬
schaften aus, und durch alle Verwandtschaft strömt der
ewig wechselnde Gang der Harmonieen zu, der ewig
erzeugende Geist Gottes. Denken ist Gott-aussprechen,
ist sich gestalten in der Harmonie, -- ich wage nicht
einen Seitenblick zu thun, aber ich fühls daß im Be¬
greifen der Geist Gottes sich erzeugt im Menschengeist,
und zu was wär dieser Keim der Gotterscheinung im
Menschengeist, wenn er nicht durch ewiges Streben ihn
ganz entwicklen sollte? -- der einzige Zweck alles Le¬
bens, Gott fassen lernen! und das ist auch unser inne¬
rer Richter. Was Gott nicht entwickelt das bliebe lie¬
ber ungeschehen, denn es ist nicht Melodie, -- was aber
unmelodisch ist, das ist Sünde denn es stört die Har¬
monie Gottes in uns, es klingt falsch an aber alle
große Handlung weckt die Harmonie, alle Sterne klin¬
gen mit ein, drum ist groß Denken groß Handlen auch
so selbst befriedigend, es löst die gebundnen Accorde in
uns auf in höhere Harmonieen und steigern sich die
musikalischen Tendenzen durch allseitiges Erklingen al¬

An die Günderode.

Ja! das beweißt die Muſik, jeder Ton ſpricht ſei¬
nen Accord aus, jeder Accord ſpricht ſeine Verwandt¬
ſchaften aus, und durch alle Verwandtſchaft ſtrömt der
ewig wechſelnde Gang der Harmonieen zu, der ewig
erzeugende Geiſt Gottes. Denken iſt Gott-ausſprechen,
iſt ſich geſtalten in der Harmonie, — ich wage nicht
einen Seitenblick zu thun, aber ich fühls daß im Be¬
greifen der Geiſt Gottes ſich erzeugt im Menſchengeiſt,
und zu was wär dieſer Keim der Gotterſcheinung im
Menſchengeiſt, wenn er nicht durch ewiges Streben ihn
ganz entwicklen ſollte? — der einzige Zweck alles Le¬
bens, Gott faſſen lernen! und das iſt auch unſer inne¬
rer Richter. Was Gott nicht entwickelt das bliebe lie¬
ber ungeſchehen, denn es iſt nicht Melodie, — was aber
unmelodiſch iſt, das iſt Sünde denn es ſtört die Har¬
monie Gottes in uns, es klingt falſch an aber alle
große Handlung weckt die Harmonie, alle Sterne klin¬
gen mit ein, drum iſt groß Denken groß Handlen auch
ſo ſelbſt befriedigend, es löſt die gebundnen Accorde in
uns auf in höhere Harmonieen und ſteigern ſich die
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[17/0031] An die Günderode. Ja! das beweißt die Muſik, jeder Ton ſpricht ſei¬ nen Accord aus, jeder Accord ſpricht ſeine Verwandt¬ ſchaften aus, und durch alle Verwandtſchaft ſtrömt der ewig wechſelnde Gang der Harmonieen zu, der ewig erzeugende Geiſt Gottes. Denken iſt Gott-ausſprechen, iſt ſich geſtalten in der Harmonie, — ich wage nicht einen Seitenblick zu thun, aber ich fühls daß im Be¬ greifen der Geiſt Gottes ſich erzeugt im Menſchengeiſt, und zu was wär dieſer Keim der Gotterſcheinung im Menſchengeiſt, wenn er nicht durch ewiges Streben ihn ganz entwicklen ſollte? — der einzige Zweck alles Le¬ bens, Gott faſſen lernen! und das iſt auch unſer inne¬ rer Richter. Was Gott nicht entwickelt das bliebe lie¬ ber ungeſchehen, denn es iſt nicht Melodie, — was aber unmelodiſch iſt, das iſt Sünde denn es ſtört die Har¬ monie Gottes in uns, es klingt falſch an aber alle große Handlung weckt die Harmonie, alle Sterne klin¬ gen mit ein, drum iſt groß Denken groß Handlen auch ſo ſelbſt befriedigend, es löſt die gebundnen Accorde in uns auf in höhere Harmonieen und ſteigern ſich die muſikaliſchen Tendenzen durch allſeitiges Erklingen al¬

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Die Günderode. Bd. 2. Grünberg u. a., 1840, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_guenderode02_1840/31>, abgerufen am 04.03.2021.