Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Allgemeine Zeitung. Nr. 70. Augsburg, 10. März 1840.

Bild:
erste Seite

Augsburger Allgemeine Zeitung.
Mit allerhöchsten Privilegien.
Dienstag
Nr. 70.
10 März 1840
Spanien.

Die Scenen vom 23 hatten die Leute neugierig gemacht zu sehen, was in der Sitzung vom 25 und besonders am Ausgange derselben vorfallen würde. Es fanden sich daher zahlreiche Gruppen meistens gutgekleideter Leute auf dem Cortesplatz ein; es waren aber auch einige Infanterie- und Cavalleriepikete in den nächsten Gassen und Plätzen aufgestellt. Die Debatten wurden mit ziemlicher Kaltblütigkeit über die Wahlen von Oviedo fortgesetzt, und fingen erst, nachdem sie schon gegen vier Stunden gedauert hatten, etwas hitziger zu werden an, als der Präsident die Sitzung aufhob. Aber zu gleicher Zeit hörte man Getöse von außen; einige Deputirte, die schon aufgebrochen waren, kehrten zurück und sagten, die Leute drängten sich in den Säulengang, wo gewöhnlich die Deputirten ein- und ausgehen. Der politische Chef von Madrid habe sie mit gezogenem Degen abwehren wollen, aber sich genöthigt gesehen, von seinem Vorhaben abzustehen. Die bloße Ueberlegung, daß, wenn eine übelgesinnte Menge wirklich in den Säulengang eingedrungen war, Niemand sie hätte abhalten können, zugleich mit den Flüchtlingen im Saale zu erscheinen, hätte die Deputirten beruhigen können; allein die Furcht in den meisten und die Gewohnheit anderer, die parlamentarischen Verhandlungen zu dramatisiren, brachte nun eine Scene hervor, die, je nachdem man sie von der einen oder der andern Seite nimmt, in einem Drama oder in einer Komödie einen guten Platz finden würde. Auf der Galerie waren etwa 15 oder 20 Zuschauer geblieben, und da einer dem Deputirten Lopez von der Opposition Beifall zu geben schien, so rief man gleich, vermuthlich um Festigkeit zu zeigen: auf diesen, auf diesen! Er wurde verhaftet. Einige Deputirte declamirten über die Dolche der Meuchelmörder, andere, unter andern Toreno, beklagten sich, daß die Regierung sie verwaist lasse, obgleich der Minister des Innern da war, der den Deputirten anrieth, die Meuchelmörder (sicarios) auf ihren curulischen Stühlen zu erwarten, er werde mit ihnen leben und sterben! Allein es war ihnen viel lieber, in diesem Augenblick den Justizminister Arrazola erscheinen zu sehen; dennoch stellten seine Nachrichten die Zuversicht nicht her, und der Deputirte Simon Roda, derselbe, der sich als politischer Chef und Intendant in Barcelona und Sevilla so compromittirt hatte, rief gar aus: "Ich höre ja noch keinen Kanonenschuß!" worauf ihm der Minister nicht ohne Ironie wiederholte, daß es die Cavallerie sey, welche das Volk chargiren müsse. Endlich um 6 Uhr, nachdem alle Gruppen völlig zerstreut waren, gingen die Deputirten ruhig nach Hause. Nun müssen wir aber sehen, was außen vorging. Ich ging über den Platz ungefähr zur Stunde, als die Sitzung suspendirt wurde. Ich sah, daß die Wache von der Nationalgarde sich vor dem Eingange des Gebäudes aufgestellt hatte; in der Mitte bei der Säule des Cervantes standen die Kutschen der fahrenden Deputirten, die dießmal zahlreich genug sind, und die Leute, wie gesagt, meistens gut gekleidet, standen an den Seiten des Platzes. Man sah keine Bewegung und hörte keine Stimme, das kann ich bezeugen. Ich hielt mich ein paar Minuten auf, als der Gouverneur von Madrid, Isidro, mit einem Piket Gardecuirassiere vom Prado heraufkam und die Leute im Namen des Gesetzes aufforderte, wegzugehen. Ich hatte bereits meinen Weg durch eine Seitengasse genommen, und sah bloß, daß ein Adjutant sich ziemlich grob betrug. Allein während dem kam der Generalcapitän Villalobos mit einem Piket Lanciers von der Garde von der Puerta del Sol durch die Straße San Geronimo herab. Wo diese Straße in den Cortesplatz ausläuft, steht das Gebäude des Deputirtencongresses, und dort hatten sich viele Leute, die vom Platz zurückgewiesen worden, zusammengedrängt, doch ohne alle feindliche Stellung. Der Generalcapitän zerstreute sie, und recognoscirte dann eine Seitengasse, wo sich noch ein kleiner Haufen aufhielt. Einer aus dem Haufen erwiederte auf die Aufforderung des Generalcapitäns: "Ja, mein General, aber es lebe die Freiheit." Er glaubte vermuthlich das Recht zu haben, so zu reden, denn er war Lieutenant von der Nationalgarde, aber nicht in Uniform. Der Generalcapitän rief wie die Deputirten im Saale: "Auf diesen! auf diesen!" Die Soldaten verfuhren mit Gelindigkeit, aber unter ihnen fand sich einer, roher oder bösartiger als die übrigen, der den Bürger mit der Lanze mitten durch den Leib stieß, so daß er wenige Minuten darauf starb. Die Cavalleriechargen wurden in der Puerta del Sol und der Calle de la Montera fortgesetzt, und die Gassen blieben in kurzer Zeit leer. Wer immer Madrid unter ähnlichen Umständen gesehen hat, der muß sich völlig überzeugt haben, daß am 24 durchaus nicht von einer Rebellion oder von einem Verschwörungsplan die Rede war, nur die Neugierde, durch den Militärapparat noch vermehrt, hatte die Leute zusammengehäuft, und es ist kein Wunder, daß bei dem rohen Angriff der Truppen einiges Geschrei statt gefunden hat, obgleich ich selbst zu Anfang nichts dergleichen hörte. Die Minister hielten während


Augsburger Allgemeine Zeitung.
Mit allerhöchsten Privilegien.
Dienstag
Nr. 70.
10 März 1840
Spanien.

Die Scenen vom 23 hatten die Leute neugierig gemacht zu sehen, was in der Sitzung vom 25 und besonders am Ausgange derselben vorfallen würde. Es fanden sich daher zahlreiche Gruppen meistens gutgekleideter Leute auf dem Cortesplatz ein; es waren aber auch einige Infanterie- und Cavalleriepikete in den nächsten Gassen und Plätzen aufgestellt. Die Debatten wurden mit ziemlicher Kaltblütigkeit über die Wahlen von Oviedo fortgesetzt, und fingen erst, nachdem sie schon gegen vier Stunden gedauert hatten, etwas hitziger zu werden an, als der Präsident die Sitzung aufhob. Aber zu gleicher Zeit hörte man Getöse von außen; einige Deputirte, die schon aufgebrochen waren, kehrten zurück und sagten, die Leute drängten sich in den Säulengang, wo gewöhnlich die Deputirten ein- und ausgehen. Der politische Chef von Madrid habe sie mit gezogenem Degen abwehren wollen, aber sich genöthigt gesehen, von seinem Vorhaben abzustehen. Die bloße Ueberlegung, daß, wenn eine übelgesinnte Menge wirklich in den Säulengang eingedrungen war, Niemand sie hätte abhalten können, zugleich mit den Flüchtlingen im Saale zu erscheinen, hätte die Deputirten beruhigen können; allein die Furcht in den meisten und die Gewohnheit anderer, die parlamentarischen Verhandlungen zu dramatisiren, brachte nun eine Scene hervor, die, je nachdem man sie von der einen oder der andern Seite nimmt, in einem Drama oder in einer Komödie einen guten Platz finden würde. Auf der Galerie waren etwa 15 oder 20 Zuschauer geblieben, und da einer dem Deputirten Lopez von der Opposition Beifall zu geben schien, so rief man gleich, vermuthlich um Festigkeit zu zeigen: auf diesen, auf diesen! Er wurde verhaftet. Einige Deputirte declamirten über die Dolche der Meuchelmörder, andere, unter andern Toreno, beklagten sich, daß die Regierung sie verwaist lasse, obgleich der Minister des Innern da war, der den Deputirten anrieth, die Meuchelmörder (sicarios) auf ihren curulischen Stühlen zu erwarten, er werde mit ihnen leben und sterben! Allein es war ihnen viel lieber, in diesem Augenblick den Justizminister Arrazola erscheinen zu sehen; dennoch stellten seine Nachrichten die Zuversicht nicht her, und der Deputirte Simon Roda, derselbe, der sich als politischer Chef und Intendant in Barcelona und Sevilla so compromittirt hatte, rief gar aus: „Ich höre ja noch keinen Kanonenschuß!“ worauf ihm der Minister nicht ohne Ironie wiederholte, daß es die Cavallerie sey, welche das Volk chargiren müsse. Endlich um 6 Uhr, nachdem alle Gruppen völlig zerstreut waren, gingen die Deputirten ruhig nach Hause. Nun müssen wir aber sehen, was außen vorging. Ich ging über den Platz ungefähr zur Stunde, als die Sitzung suspendirt wurde. Ich sah, daß die Wache von der Nationalgarde sich vor dem Eingange des Gebäudes aufgestellt hatte; in der Mitte bei der Säule des Cervantes standen die Kutschen der fahrenden Deputirten, die dießmal zahlreich genug sind, und die Leute, wie gesagt, meistens gut gekleidet, standen an den Seiten des Platzes. Man sah keine Bewegung und hörte keine Stimme, das kann ich bezeugen. Ich hielt mich ein paar Minuten auf, als der Gouverneur von Madrid, Isidro, mit einem Piket Gardecuirassiere vom Prado heraufkam und die Leute im Namen des Gesetzes aufforderte, wegzugehen. Ich hatte bereits meinen Weg durch eine Seitengasse genommen, und sah bloß, daß ein Adjutant sich ziemlich grob betrug. Allein während dem kam der Generalcapitän Villalobos mit einem Piket Lanciers von der Garde von der Puerta del Sol durch die Straße San Geronimo herab. Wo diese Straße in den Cortesplatz ausläuft, steht das Gebäude des Deputirtencongresses, und dort hatten sich viele Leute, die vom Platz zurückgewiesen worden, zusammengedrängt, doch ohne alle feindliche Stellung. Der Generalcapitän zerstreute sie, und recognoscirte dann eine Seitengasse, wo sich noch ein kleiner Haufen aufhielt. Einer aus dem Haufen erwiederte auf die Aufforderung des Generalcapitäns: „Ja, mein General, aber es lebe die Freiheit.“ Er glaubte vermuthlich das Recht zu haben, so zu reden, denn er war Lieutenant von der Nationalgarde, aber nicht in Uniform. Der Generalcapitän rief wie die Deputirten im Saale: „Auf diesen! auf diesen!“ Die Soldaten verfuhren mit Gelindigkeit, aber unter ihnen fand sich einer, roher oder bösartiger als die übrigen, der den Bürger mit der Lanze mitten durch den Leib stieß, so daß er wenige Minuten darauf starb. Die Cavalleriechargen wurden in der Puerta del Sol und der Calle de la Montera fortgesetzt, und die Gassen blieben in kurzer Zeit leer. Wer immer Madrid unter ähnlichen Umständen gesehen hat, der muß sich völlig überzeugt haben, daß am 24 durchaus nicht von einer Rebellion oder von einem Verschwörungsplan die Rede war, nur die Neugierde, durch den Militärapparat noch vermehrt, hatte die Leute zusammengehäuft, und es ist kein Wunder, daß bei dem rohen Angriff der Truppen einiges Geschrei statt gefunden hat, obgleich ich selbst zu Anfang nichts dergleichen hörte. Die Minister hielten während

<TEI>
  <text>
    <front>
      <pb facs="#f0001" n="0553"/><lb/>
      <titlePage type="heading">
        <docTitle>
          <titlePart type="main">Augsburger Allgemeine Zeitung.</titlePart><lb/>
          <titlePart type="jImprimatur">Mit allerhöchsten Privilegien.</titlePart>
        </docTitle><lb/>
        <docImprint>
          <docDate>Dienstag</docDate>
        </docImprint><lb/>
        <titlePart type="volume">Nr. 70.</titlePart><lb/>
        <docImprint>
          <docDate>10 März 1840</docDate>
        </docImprint>
      </titlePage>
    </front>
    <body>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Spanien.</hi> </head><lb/>
        <div n="2">
          <byline>
            <docAuthor>
              <gap reason="insignificant"/>
            </docAuthor>
          </byline>
          <dateline><hi rendition="#b">Madrid,</hi> 27 Febr.</dateline>
          <p> Die Scenen vom 23 hatten die Leute neugierig gemacht zu sehen, was in der Sitzung vom 25 und besonders am Ausgange derselben vorfallen würde. Es fanden sich daher zahlreiche Gruppen meistens gutgekleideter Leute auf dem Cortesplatz ein; es waren aber auch einige Infanterie- und Cavalleriepikete in den nächsten Gassen und Plätzen aufgestellt. Die Debatten wurden mit ziemlicher Kaltblütigkeit über die Wahlen von Oviedo fortgesetzt, und fingen erst, nachdem sie schon gegen vier Stunden gedauert hatten, etwas hitziger zu werden an, als der Präsident die Sitzung aufhob. Aber zu gleicher Zeit hörte man Getöse von außen; einige Deputirte, die schon aufgebrochen waren, kehrten zurück und sagten, die Leute drängten sich in den Säulengang, wo gewöhnlich die Deputirten ein- und ausgehen. Der politische Chef von Madrid habe sie mit gezogenem Degen abwehren wollen, aber sich genöthigt gesehen, von seinem Vorhaben abzustehen. Die bloße Ueberlegung, daß, wenn eine übelgesinnte Menge wirklich in den Säulengang eingedrungen war, Niemand sie hätte abhalten können, zugleich mit den Flüchtlingen im Saale zu erscheinen, hätte die Deputirten beruhigen können; allein die Furcht in den meisten und die Gewohnheit anderer, die parlamentarischen Verhandlungen zu dramatisiren, brachte nun eine Scene hervor, die, je nachdem man sie von der einen oder der andern Seite nimmt, in einem Drama oder in einer Komödie einen guten Platz finden würde. Auf der Galerie waren etwa 15 oder 20 Zuschauer geblieben, und da einer dem Deputirten Lopez von der Opposition Beifall zu geben schien, so rief man gleich, vermuthlich um Festigkeit zu zeigen: auf diesen, auf diesen! Er wurde verhaftet. Einige Deputirte declamirten über die Dolche der Meuchelmörder, andere, unter andern Toreno, beklagten sich, daß die Regierung sie verwaist lasse, obgleich der Minister des Innern da war, der den Deputirten anrieth, die Meuchelmörder (sicarios) auf ihren curulischen Stühlen zu erwarten, er werde mit ihnen leben und sterben! Allein es war ihnen viel lieber, in diesem Augenblick den Justizminister Arrazola erscheinen zu sehen; dennoch stellten seine Nachrichten die Zuversicht nicht her, und der Deputirte Simon Roda, derselbe, der sich als politischer Chef und Intendant in Barcelona und Sevilla so compromittirt hatte, rief gar aus: &#x201E;Ich höre ja noch keinen Kanonenschuß!&#x201C; worauf ihm der Minister nicht ohne Ironie wiederholte, daß es die Cavallerie sey, welche das Volk chargiren müsse. Endlich um 6 Uhr, nachdem alle Gruppen völlig zerstreut waren, gingen die Deputirten ruhig nach Hause. Nun müssen wir aber sehen, was außen vorging. Ich ging über den Platz ungefähr zur Stunde, als die Sitzung suspendirt wurde. Ich sah, daß die Wache von der Nationalgarde sich vor dem Eingange des Gebäudes aufgestellt hatte; in der Mitte bei der Säule des Cervantes standen die Kutschen der <hi rendition="#g">fahrenden</hi> Deputirten, die dießmal zahlreich genug sind, und die Leute, wie gesagt, meistens gut gekleidet, standen an den Seiten des Platzes. Man sah keine Bewegung und hörte keine Stimme, das kann ich bezeugen. Ich hielt mich ein paar Minuten auf, als der Gouverneur von Madrid, Isidro, mit einem Piket Gardecuirassiere vom Prado heraufkam und die Leute im Namen des Gesetzes aufforderte, wegzugehen. Ich hatte bereits meinen Weg durch eine Seitengasse genommen, und sah bloß, daß ein Adjutant sich ziemlich grob betrug. Allein während dem kam der Generalcapitän Villalobos mit einem Piket Lanciers von der Garde von der Puerta del Sol durch die Straße San Geronimo herab. Wo diese Straße in den Cortesplatz ausläuft, steht das Gebäude des Deputirtencongresses, und dort hatten sich viele Leute, die vom Platz zurückgewiesen worden, zusammengedrängt, doch ohne alle feindliche Stellung. Der Generalcapitän zerstreute sie, und recognoscirte dann eine Seitengasse, wo sich noch ein kleiner Haufen aufhielt. Einer aus dem Haufen erwiederte auf die Aufforderung des Generalcapitäns: &#x201E;Ja, mein General, aber es lebe die Freiheit.&#x201C; Er glaubte vermuthlich das Recht zu haben, so zu reden, denn er war Lieutenant von der Nationalgarde, aber nicht in Uniform. Der Generalcapitän rief wie die Deputirten im Saale: &#x201E;Auf diesen! auf diesen!&#x201C; Die Soldaten verfuhren mit Gelindigkeit, aber unter ihnen fand sich einer, roher oder bösartiger als die übrigen, der den Bürger mit der Lanze mitten durch den Leib stieß, so daß er wenige Minuten darauf starb. Die Cavalleriechargen wurden in der Puerta del Sol und der Calle de la Montera fortgesetzt, und die Gassen blieben in kurzer Zeit leer. Wer immer Madrid unter ähnlichen Umständen gesehen hat, der muß sich völlig überzeugt haben, daß am 24 durchaus nicht von einer Rebellion oder von einem Verschwörungsplan die Rede war, nur die Neugierde, durch den Militärapparat noch vermehrt, hatte die Leute zusammengehäuft, und es ist kein Wunder, daß bei dem rohen Angriff der Truppen einiges Geschrei statt gefunden hat, obgleich ich selbst zu Anfang nichts dergleichen hörte. Die Minister hielten während<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0553/0001] Augsburger Allgemeine Zeitung. Mit allerhöchsten Privilegien. Dienstag Nr. 70. 10 März 1840 Spanien. _ Madrid, 27 Febr. Die Scenen vom 23 hatten die Leute neugierig gemacht zu sehen, was in der Sitzung vom 25 und besonders am Ausgange derselben vorfallen würde. Es fanden sich daher zahlreiche Gruppen meistens gutgekleideter Leute auf dem Cortesplatz ein; es waren aber auch einige Infanterie- und Cavalleriepikete in den nächsten Gassen und Plätzen aufgestellt. Die Debatten wurden mit ziemlicher Kaltblütigkeit über die Wahlen von Oviedo fortgesetzt, und fingen erst, nachdem sie schon gegen vier Stunden gedauert hatten, etwas hitziger zu werden an, als der Präsident die Sitzung aufhob. Aber zu gleicher Zeit hörte man Getöse von außen; einige Deputirte, die schon aufgebrochen waren, kehrten zurück und sagten, die Leute drängten sich in den Säulengang, wo gewöhnlich die Deputirten ein- und ausgehen. Der politische Chef von Madrid habe sie mit gezogenem Degen abwehren wollen, aber sich genöthigt gesehen, von seinem Vorhaben abzustehen. Die bloße Ueberlegung, daß, wenn eine übelgesinnte Menge wirklich in den Säulengang eingedrungen war, Niemand sie hätte abhalten können, zugleich mit den Flüchtlingen im Saale zu erscheinen, hätte die Deputirten beruhigen können; allein die Furcht in den meisten und die Gewohnheit anderer, die parlamentarischen Verhandlungen zu dramatisiren, brachte nun eine Scene hervor, die, je nachdem man sie von der einen oder der andern Seite nimmt, in einem Drama oder in einer Komödie einen guten Platz finden würde. Auf der Galerie waren etwa 15 oder 20 Zuschauer geblieben, und da einer dem Deputirten Lopez von der Opposition Beifall zu geben schien, so rief man gleich, vermuthlich um Festigkeit zu zeigen: auf diesen, auf diesen! Er wurde verhaftet. Einige Deputirte declamirten über die Dolche der Meuchelmörder, andere, unter andern Toreno, beklagten sich, daß die Regierung sie verwaist lasse, obgleich der Minister des Innern da war, der den Deputirten anrieth, die Meuchelmörder (sicarios) auf ihren curulischen Stühlen zu erwarten, er werde mit ihnen leben und sterben! Allein es war ihnen viel lieber, in diesem Augenblick den Justizminister Arrazola erscheinen zu sehen; dennoch stellten seine Nachrichten die Zuversicht nicht her, und der Deputirte Simon Roda, derselbe, der sich als politischer Chef und Intendant in Barcelona und Sevilla so compromittirt hatte, rief gar aus: „Ich höre ja noch keinen Kanonenschuß!“ worauf ihm der Minister nicht ohne Ironie wiederholte, daß es die Cavallerie sey, welche das Volk chargiren müsse. Endlich um 6 Uhr, nachdem alle Gruppen völlig zerstreut waren, gingen die Deputirten ruhig nach Hause. Nun müssen wir aber sehen, was außen vorging. Ich ging über den Platz ungefähr zur Stunde, als die Sitzung suspendirt wurde. Ich sah, daß die Wache von der Nationalgarde sich vor dem Eingange des Gebäudes aufgestellt hatte; in der Mitte bei der Säule des Cervantes standen die Kutschen der fahrenden Deputirten, die dießmal zahlreich genug sind, und die Leute, wie gesagt, meistens gut gekleidet, standen an den Seiten des Platzes. Man sah keine Bewegung und hörte keine Stimme, das kann ich bezeugen. Ich hielt mich ein paar Minuten auf, als der Gouverneur von Madrid, Isidro, mit einem Piket Gardecuirassiere vom Prado heraufkam und die Leute im Namen des Gesetzes aufforderte, wegzugehen. Ich hatte bereits meinen Weg durch eine Seitengasse genommen, und sah bloß, daß ein Adjutant sich ziemlich grob betrug. Allein während dem kam der Generalcapitän Villalobos mit einem Piket Lanciers von der Garde von der Puerta del Sol durch die Straße San Geronimo herab. Wo diese Straße in den Cortesplatz ausläuft, steht das Gebäude des Deputirtencongresses, und dort hatten sich viele Leute, die vom Platz zurückgewiesen worden, zusammengedrängt, doch ohne alle feindliche Stellung. Der Generalcapitän zerstreute sie, und recognoscirte dann eine Seitengasse, wo sich noch ein kleiner Haufen aufhielt. Einer aus dem Haufen erwiederte auf die Aufforderung des Generalcapitäns: „Ja, mein General, aber es lebe die Freiheit.“ Er glaubte vermuthlich das Recht zu haben, so zu reden, denn er war Lieutenant von der Nationalgarde, aber nicht in Uniform. Der Generalcapitän rief wie die Deputirten im Saale: „Auf diesen! auf diesen!“ Die Soldaten verfuhren mit Gelindigkeit, aber unter ihnen fand sich einer, roher oder bösartiger als die übrigen, der den Bürger mit der Lanze mitten durch den Leib stieß, so daß er wenige Minuten darauf starb. Die Cavalleriechargen wurden in der Puerta del Sol und der Calle de la Montera fortgesetzt, und die Gassen blieben in kurzer Zeit leer. Wer immer Madrid unter ähnlichen Umständen gesehen hat, der muß sich völlig überzeugt haben, daß am 24 durchaus nicht von einer Rebellion oder von einem Verschwörungsplan die Rede war, nur die Neugierde, durch den Militärapparat noch vermehrt, hatte die Leute zusammengehäuft, und es ist kein Wunder, daß bei dem rohen Angriff der Truppen einiges Geschrei statt gefunden hat, obgleich ich selbst zu Anfang nichts dergleichen hörte. Die Minister hielten während

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: Lautwert transkribiert; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: Lautwert transkribiert; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert; Vollständigkeit: teilweise erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_070_18400310
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_070_18400310/1
Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 70. Augsburg, 10. März 1840, S. 0553. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_070_18400310/1>, abgerufen am 25.05.2022.