Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Allgemeine Zeitung. Nr. 91. Augsburg, 31. März 1840.

Bild:
<< vorherige Seite

überfließend und verschwenderisch, daß sie allerdings mancher Ungeduld ein Strom erhabener Geschwätzigkeit scheinen mögen; alle Gewebe der Natur webt er ihr bis auf den kleinsten Faden, all ihre Gebäude baut er ihr bis auf die winzigste Linie nach, doch ist er nie kalter Beschreiber, nie bloß zierlicher Nachbildner des Gesehenen; des geringsten Juwels in dem Schmucke der reichen Schöpfung gedenkt er mit warmer Theilnahme, so wie der Gärtner die unscheinbarste seiner Blumen dem Fremden mit stets erneuerter Sympathie zeigt. Und nicht bloß um ein buntwechselndes Panorama der Phantasie seiner Leser zu entrollen, macht er sich zum Maler der blühenden Erde und der Erscheinungen des Himmels; in diesem ewigen, ewig neuen und doch stets sich gleichen Schauspiel, das scheinbar nur unsern Sinnen, wie die Gefechte des Circus den Müßiggängern der entarteten Roma zum Besten gegeben wird, sieht er mit geistigem Auge einen verhüllten Sinn, wie auch ernstere Denker in jenen Kämpfen der Bestien und Gladiatoren nicht bloß einen grausamen Zeitvertreib, sondern auch den baldigen Tod einer Welt sehen mochten, zu deren Ruin sich alle Gräuel der Barbarei mit jeder Ausgeburt der Ueberfeinerung in gemeinschaftlicher Arbeit verbunden hatten. Wenn er nun alles Sichtbare nur als eine Veranschaulichung eines unsichtbaren Lebens darstellt, so ist es ihm gleichfalls unmöglich, das Bild einer Seele ohne die genaueste Statistik des sie umschließenden Körpers zu geben. Besonders lästig ist diese dichterische Untugend den Frauengestalten seiner größeren Gedichte, die er, wie den Helden eines Steckbriefs, der umständlichsten Personalbeschreibung unterwirft; keine Modistin könnte den Wuchs der D'Haida in seinem gefallenen Engel, kein Maler die Schattirung ihrer Hautfarbe, kein Zahnarzt die Beschaffenheit ihres Alabastergebisses, keine Schuhkünstlerin den Umfang ihres kleinen Fußes gewisserhafter bestimmen, als er es that. Lord Byron schon treibt mit den Kenntnissen, die er in dem Fache schöner Haare und voller Busen hat, nicht unansehnlichen Mißbrauch, aber Lamartine treibt das Geschäft mit einer Ueppigkeit und Breite, die man kaum den redseligsten Dichtern des Orients zutrauen würde. Doch manchmal weiß er durch sinnige Anmuth, liebliche Leichtigkeit und melodischen Erguß der Sprache die geschmacklosen Längen, die aus solcher Ausmalerei körperlicher Reize entstehen, so glücklich zu kürzen und zu mildern, daß man ihm die Sünde gern verzeiht. Vorzüglich ist es die Musik seiner Verse, durch die er Vieles ausgleicht und gutmacht; hierin kommt ihm kein Dichter seiner Nation, selbst Racine und Andre Chenier, diese letzte der attischen Bienen, nicht gleich, und das französische Idiom, nach dem Urtheile Vieler nur für kokette oder rhetorische Prosa brauchbar, gewinnt unter seiner Herrschaft einen so geschmeidigen Rhythmus, und eine solche Fülle euphonischer Bewegungen, wie sie bisher nur ihre südlichen Schwestern gekannt. Nirgendwo aber übt dieser Vorzug eine vollere und siegreichere Magie, als in seinen Gesängen der Liebe. Es ist eine so weiche Strömung der Worte, eine so einschmeichelnde Harmonie in einigen dieser Elegien, daß man ihre Musik nur den sanftesten Tondichtungen Italiens vergleichen kann; es ist, um mit dem Dichter selbst zu reden:

Une voix qui cadence, une langue divine,
Et d'un accent si doux, que l'amour s'y devine.
Diese Verse gehören dem schönen Gedichte "Novissima Verba" an, wo sein Geist durch die finstern Gewirre aller Zweifel und durch alle Qualen der Verzweiflung sich windet, um endlich auf den Erinnerungen jugendlicher Liebe von seinen Mühen sorglos auszuruhen; es ist eine Symphonie, in der die seltsamsten Motive und schwierigsten Accorde sich durchkreuzen und verstricken, dann in gemeinsamen Wohllaut aus einander fließen, und endlich im leisesten Adagio sich verlieren. Hier findet sich auch jene für den Biographen Lamartine's geschichtlich bedeutende Stelle:
"All unser Leben war ein einzig Lieben."
Schon in dem engern Kreise des Collegs mehr mit dem Kampfspiele seines Innern, als mit den gleichzeitigen Schlachten des Kaisers beschäftigt, und für Eindrücke zarter Natur mehr als hinlänglich im voraus empfänglich gemacht, ward er sogleich beim Eintritt ins Leben von jener Elvira gefesselt, die er in seinen frühesten Reimen feierte, und als ihm dieß Ideal entrissen war, gewann er durch den Zauber seiner Verse, wie man sagt, das Herz der hochgebildeten Brittin, die später die Gefährtin seines Lebens wurde.

Ebenso sehr aber, als mit dem Stillleben seines lieberfüllten Herzens, ist Lamartine's Muse mit den Vorgängen und Leidenschaften, welche das Forum des Jahrhunderts füllen, beschäftigt, und wenn man von ihm sagte, er sey als Politiker etwas zu sehr Dichter, so kann man auf der andern Seite behaupten, er sey als Dichter schon Politiker. Jeder Freudenruf und Nothschrei, jeder Plan und Traum der Mitwelt fand ein Echo in seinen Versen; Fragen, deren Lösung der nächsten Stunde angehört, begegnen hier dem Bilde des fernen Utopiens, von dem noch Keiner weiß, ob es mehr als ein lustiges Fabelland ist; an die Menschen der alten Zeit mögen ihn gewisse Sympathien knüpfen, die Sache der Gegenwart nimmt er ohne Rückhalt an. Die Revolution ist ihm ein riesiger Fortschritt; dem Riesen, den sie geboren, vermag er jedoch nicht zu huldigen, und sein Gedicht "Bonaparte" wird wohl Niemand für einen Päan auf den Helden des Jahrhunderts halten. Für die Fasces der unbeschränkten Plebejerherrschaft ist er eben so wenig eingenommen; die Freiheit, die ich liebe, sagt er in seiner geistvollen Epistel an Barthelemy, ist mit unserer Seele geboren an dem Tage, da der Gerechtere dem Stärkeren Trotz geboten. Und diesem Wahlspruch blieb er auch treu als Staatsmann; die Schwachen und Unterdrückten fanden ihn immer als Fürsprecher ihrer Wünsche, als Anwalt ihrer Noth bereit; die Habe des geringen Besitzers, die Entfesselung der Sklaven und das verschämte Unglück sündiger Mütter haben an ihm ihren eifrigsten Vertreter. Mag er über das, was recht ist, sich manchmal irren, mocht' er das Selbstgefühl eines edlen Volks gewaltsam beleidigen, als er bei dem Zerfall eines Reichs, der ihm unvermeidlich scheint, neben den Ansprüchen Europa's die Forderungen Frankreichs geltend machte: so läßt sich doch nicht sagen, daß er je aus Ehrgeiz oder nationeller Hoffart etwas verlangt oder empfohlen habe, was seinem Bewußtseyn als ein unbilliges Begehren vorgekommen wäre. Auch in dem parlamentarischen Hader der letzten Jahre hat Lamartine die Sache staatsmännischer Umsicht und Mäßigung gegen den meuterischen Geist der Parteien und die ungeduldige Herrschsucht der Einzelnen ritterlich vertheidigt; in den jüngsten Tagen jedoch scheint ihn die Krankheit, die er bekämpfte, selbst ergriffen zu haben, und der Rath gekränkten Stolzes, so wie die Begier nach dem zerbrechlichen und zweideutigen Ruhm eines Condottiere mehr als die Rücksicht auf die allgemeine Nützlichkeit seines Handelns zu leiten. Ob er auf diesem Wege fort, und wie weit er gehen wird, darüber ist bis jetzt eine Entscheidung schwer; klar ist nur der Groll des berühmten Dichters gegen den berühmten Geschichtschreiber, der jetzt am Steuer sitzt, und die Möglichkeit, daß der Einfluß, den der Deputirte von Macon in der Kammer schon ausübt, ihm Luft zu noch größerm gebe. Das dreifache Ansehen, das er als großer Gutsherr, als ein Fürst der Litteratur und als glänzender Redner genießt, stellen

überfließend und verschwenderisch, daß sie allerdings mancher Ungeduld ein Strom erhabener Geschwätzigkeit scheinen mögen; alle Gewebe der Natur webt er ihr bis auf den kleinsten Faden, all ihre Gebäude baut er ihr bis auf die winzigste Linie nach, doch ist er nie kalter Beschreiber, nie bloß zierlicher Nachbildner des Gesehenen; des geringsten Juwels in dem Schmucke der reichen Schöpfung gedenkt er mit warmer Theilnahme, so wie der Gärtner die unscheinbarste seiner Blumen dem Fremden mit stets erneuerter Sympathie zeigt. Und nicht bloß um ein buntwechselndes Panorama der Phantasie seiner Leser zu entrollen, macht er sich zum Maler der blühenden Erde und der Erscheinungen des Himmels; in diesem ewigen, ewig neuen und doch stets sich gleichen Schauspiel, das scheinbar nur unsern Sinnen, wie die Gefechte des Circus den Müßiggängern der entarteten Roma zum Besten gegeben wird, sieht er mit geistigem Auge einen verhüllten Sinn, wie auch ernstere Denker in jenen Kämpfen der Bestien und Gladiatoren nicht bloß einen grausamen Zeitvertreib, sondern auch den baldigen Tod einer Welt sehen mochten, zu deren Ruin sich alle Gräuel der Barbarei mit jeder Ausgeburt der Ueberfeinerung in gemeinschaftlicher Arbeit verbunden hatten. Wenn er nun alles Sichtbare nur als eine Veranschaulichung eines unsichtbaren Lebens darstellt, so ist es ihm gleichfalls unmöglich, das Bild einer Seele ohne die genaueste Statistik des sie umschließenden Körpers zu geben. Besonders lästig ist diese dichterische Untugend den Frauengestalten seiner größeren Gedichte, die er, wie den Helden eines Steckbriefs, der umständlichsten Personalbeschreibung unterwirft; keine Modistin könnte den Wuchs der D'Haida in seinem gefallenen Engel, kein Maler die Schattirung ihrer Hautfarbe, kein Zahnarzt die Beschaffenheit ihres Alabastergebisses, keine Schuhkünstlerin den Umfang ihres kleinen Fußes gewisserhafter bestimmen, als er es that. Lord Byron schon treibt mit den Kenntnissen, die er in dem Fache schöner Haare und voller Busen hat, nicht unansehnlichen Mißbrauch, aber Lamartine treibt das Geschäft mit einer Ueppigkeit und Breite, die man kaum den redseligsten Dichtern des Orients zutrauen würde. Doch manchmal weiß er durch sinnige Anmuth, liebliche Leichtigkeit und melodischen Erguß der Sprache die geschmacklosen Längen, die aus solcher Ausmalerei körperlicher Reize entstehen, so glücklich zu kürzen und zu mildern, daß man ihm die Sünde gern verzeiht. Vorzüglich ist es die Musik seiner Verse, durch die er Vieles ausgleicht und gutmacht; hierin kommt ihm kein Dichter seiner Nation, selbst Racine und André Chenier, diese letzte der attischen Bienen, nicht gleich, und das französische Idiom, nach dem Urtheile Vieler nur für kokette oder rhetorische Prosa brauchbar, gewinnt unter seiner Herrschaft einen so geschmeidigen Rhythmus, und eine solche Fülle euphonischer Bewegungen, wie sie bisher nur ihre südlichen Schwestern gekannt. Nirgendwo aber übt dieser Vorzug eine vollere und siegreichere Magie, als in seinen Gesängen der Liebe. Es ist eine so weiche Strömung der Worte, eine so einschmeichelnde Harmonie in einigen dieser Elegien, daß man ihre Musik nur den sanftesten Tondichtungen Italiens vergleichen kann; es ist, um mit dem Dichter selbst zu reden:

Une voix qui cadence, une langue divine,
Et d'un accent si doux, que l'amour s'y devine.
Diese Verse gehören dem schönen Gedichte „Novissima Verba“ an, wo sein Geist durch die finstern Gewirre aller Zweifel und durch alle Qualen der Verzweiflung sich windet, um endlich auf den Erinnerungen jugendlicher Liebe von seinen Mühen sorglos auszuruhen; es ist eine Symphonie, in der die seltsamsten Motive und schwierigsten Accorde sich durchkreuzen und verstricken, dann in gemeinsamen Wohllaut aus einander fließen, und endlich im leisesten Adagio sich verlieren. Hier findet sich auch jene für den Biographen Lamartine's geschichtlich bedeutende Stelle:
„All unser Leben war ein einzig Lieben.“
Schon in dem engern Kreise des Collegs mehr mit dem Kampfspiele seines Innern, als mit den gleichzeitigen Schlachten des Kaisers beschäftigt, und für Eindrücke zarter Natur mehr als hinlänglich im voraus empfänglich gemacht, ward er sogleich beim Eintritt ins Leben von jener Elvira gefesselt, die er in seinen frühesten Reimen feierte, und als ihm dieß Ideal entrissen war, gewann er durch den Zauber seiner Verse, wie man sagt, das Herz der hochgebildeten Brittin, die später die Gefährtin seines Lebens wurde.

Ebenso sehr aber, als mit dem Stillleben seines lieberfüllten Herzens, ist Lamartine's Muse mit den Vorgängen und Leidenschaften, welche das Forum des Jahrhunderts füllen, beschäftigt, und wenn man von ihm sagte, er sey als Politiker etwas zu sehr Dichter, so kann man auf der andern Seite behaupten, er sey als Dichter schon Politiker. Jeder Freudenruf und Nothschrei, jeder Plan und Traum der Mitwelt fand ein Echo in seinen Versen; Fragen, deren Lösung der nächsten Stunde angehört, begegnen hier dem Bilde des fernen Utopiens, von dem noch Keiner weiß, ob es mehr als ein lustiges Fabelland ist; an die Menschen der alten Zeit mögen ihn gewisse Sympathien knüpfen, die Sache der Gegenwart nimmt er ohne Rückhalt an. Die Revolution ist ihm ein riesiger Fortschritt; dem Riesen, den sie geboren, vermag er jedoch nicht zu huldigen, und sein Gedicht „Bonaparte“ wird wohl Niemand für einen Päan auf den Helden des Jahrhunderts halten. Für die Fasces der unbeschränkten Plebejerherrschaft ist er eben so wenig eingenommen; die Freiheit, die ich liebe, sagt er in seiner geistvollen Epistel an Barthélémy, ist mit unserer Seele geboren an dem Tage, da der Gerechtere dem Stärkeren Trotz geboten. Und diesem Wahlspruch blieb er auch treu als Staatsmann; die Schwachen und Unterdrückten fanden ihn immer als Fürsprecher ihrer Wünsche, als Anwalt ihrer Noth bereit; die Habe des geringen Besitzers, die Entfesselung der Sklaven und das verschämte Unglück sündiger Mütter haben an ihm ihren eifrigsten Vertreter. Mag er über das, was recht ist, sich manchmal irren, mocht' er das Selbstgefühl eines edlen Volks gewaltsam beleidigen, als er bei dem Zerfall eines Reichs, der ihm unvermeidlich scheint, neben den Ansprüchen Europa's die Forderungen Frankreichs geltend machte: so läßt sich doch nicht sagen, daß er je aus Ehrgeiz oder nationeller Hoffart etwas verlangt oder empfohlen habe, was seinem Bewußtseyn als ein unbilliges Begehren vorgekommen wäre. Auch in dem parlamentarischen Hader der letzten Jahre hat Lamartine die Sache staatsmännischer Umsicht und Mäßigung gegen den meuterischen Geist der Parteien und die ungeduldige Herrschsucht der Einzelnen ritterlich vertheidigt; in den jüngsten Tagen jedoch scheint ihn die Krankheit, die er bekämpfte, selbst ergriffen zu haben, und der Rath gekränkten Stolzes, so wie die Begier nach dem zerbrechlichen und zweideutigen Ruhm eines Condottiere mehr als die Rücksicht auf die allgemeine Nützlichkeit seines Handelns zu leiten. Ob er auf diesem Wege fort, und wie weit er gehen wird, darüber ist bis jetzt eine Entscheidung schwer; klar ist nur der Groll des berühmten Dichters gegen den berühmten Geschichtschreiber, der jetzt am Steuer sitzt, und die Möglichkeit, daß der Einfluß, den der Deputirte von Macon in der Kammer schon ausübt, ihm Luft zu noch größerm gebe. Das dreifache Ansehen, das er als großer Gutsherr, als ein Fürst der Litteratur und als glänzender Redner genießt, stellen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0010" n="0722"/>
überfließend und verschwenderisch, daß sie allerdings mancher Ungeduld ein Strom erhabener Geschwätzigkeit scheinen mögen; alle Gewebe der Natur webt er ihr bis auf den kleinsten Faden, all ihre Gebäude baut er ihr bis auf die winzigste Linie nach, doch ist er nie kalter Beschreiber, nie bloß zierlicher Nachbildner des Gesehenen; des geringsten Juwels in dem Schmucke der reichen Schöpfung gedenkt er mit warmer Theilnahme, so wie der Gärtner die unscheinbarste seiner Blumen dem Fremden mit stets erneuerter Sympathie zeigt. Und nicht bloß um ein buntwechselndes Panorama der Phantasie seiner Leser zu entrollen, macht er sich zum Maler der blühenden Erde und der Erscheinungen des Himmels; in diesem ewigen, ewig neuen und doch stets sich gleichen Schauspiel, das scheinbar nur unsern Sinnen, wie die Gefechte des Circus den Müßiggängern der entarteten Roma zum Besten gegeben wird, sieht er mit geistigem Auge einen verhüllten Sinn, wie auch ernstere Denker in jenen Kämpfen der Bestien und Gladiatoren nicht bloß einen grausamen Zeitvertreib, sondern auch den baldigen Tod einer Welt sehen mochten, zu deren Ruin sich alle Gräuel der Barbarei mit jeder Ausgeburt der Ueberfeinerung in gemeinschaftlicher Arbeit verbunden hatten. Wenn er nun alles Sichtbare nur als eine Veranschaulichung eines unsichtbaren Lebens darstellt, so ist es ihm gleichfalls unmöglich, das Bild einer Seele ohne die genaueste Statistik des sie umschließenden Körpers zu geben. Besonders lästig ist diese dichterische Untugend den Frauengestalten seiner größeren Gedichte, die er, wie den Helden eines Steckbriefs, der umständlichsten Personalbeschreibung unterwirft; keine Modistin könnte den Wuchs der D'Haida in seinem gefallenen Engel, kein Maler die Schattirung ihrer Hautfarbe, kein Zahnarzt die Beschaffenheit ihres Alabastergebisses, keine Schuhkünstlerin den Umfang ihres kleinen Fußes gewisserhafter bestimmen, als er es that. Lord Byron schon treibt mit den Kenntnissen, die er in dem Fache schöner Haare und voller Busen hat, nicht unansehnlichen Mißbrauch, aber Lamartine treibt das Geschäft mit einer Ueppigkeit und Breite, die man kaum den redseligsten Dichtern des Orients zutrauen würde. Doch manchmal weiß er durch sinnige Anmuth, liebliche Leichtigkeit und melodischen Erguß der Sprache die geschmacklosen Längen, die aus solcher Ausmalerei körperlicher Reize entstehen, so glücklich zu kürzen und zu mildern, daß man ihm die Sünde gern verzeiht. Vorzüglich ist es die Musik seiner Verse, durch die er Vieles ausgleicht und gutmacht; hierin kommt ihm kein Dichter seiner Nation, selbst Racine und André Chenier, diese letzte der attischen Bienen, nicht gleich, und das französische Idiom, nach dem Urtheile Vieler nur für kokette oder rhetorische Prosa brauchbar, gewinnt unter seiner Herrschaft einen so geschmeidigen Rhythmus, und eine solche Fülle euphonischer Bewegungen, wie sie bisher nur ihre südlichen Schwestern gekannt. Nirgendwo aber übt dieser Vorzug eine vollere und siegreichere Magie, als in seinen Gesängen der Liebe. Es ist eine so weiche Strömung der Worte, eine so einschmeichelnde Harmonie in einigen dieser Elegien, daß man ihre Musik nur den sanftesten Tondichtungen Italiens vergleichen kann; es ist, um mit dem Dichter selbst zu reden:<lb/><lg type="poem"><l>Une voix qui cadence, une langue divine,</l><lb/><l>Et d'un accent si doux, que l'amour s'y devine.</l></lg><lb/>
Diese Verse gehören dem schönen Gedichte &#x201E;Novissima Verba&#x201C; an, wo sein Geist durch die finstern Gewirre aller Zweifel und durch alle Qualen der Verzweiflung sich windet, um endlich auf den Erinnerungen jugendlicher Liebe von seinen Mühen sorglos auszuruhen; es ist eine Symphonie, in der die seltsamsten Motive und schwierigsten Accorde sich durchkreuzen und verstricken, dann in gemeinsamen Wohllaut aus einander fließen, und endlich im leisesten Adagio sich verlieren. Hier findet sich auch jene für den Biographen Lamartine's geschichtlich bedeutende Stelle:<lb/>
&#x201E;All unser Leben war ein einzig Lieben.&#x201C;<lb/>
Schon in dem engern Kreise des Collegs mehr mit dem Kampfspiele seines Innern, als mit den gleichzeitigen Schlachten des Kaisers beschäftigt, und für Eindrücke zarter Natur mehr als hinlänglich im voraus empfänglich gemacht, ward er sogleich beim Eintritt ins Leben von jener Elvira gefesselt, die er in seinen frühesten Reimen feierte, und als ihm dieß Ideal entrissen war, gewann er durch den Zauber seiner Verse, wie man sagt, das Herz der hochgebildeten Brittin, die später die Gefährtin seines Lebens wurde.</p><lb/>
          <p>Ebenso sehr aber, als mit dem Stillleben seines lieberfüllten Herzens, ist Lamartine's Muse mit den Vorgängen und Leidenschaften, welche das Forum des Jahrhunderts füllen, beschäftigt, und wenn man von ihm sagte, er sey als Politiker etwas zu sehr Dichter, so kann man auf der andern Seite behaupten, er sey als Dichter schon Politiker. Jeder Freudenruf und Nothschrei, jeder Plan und Traum der Mitwelt fand ein Echo in seinen Versen; Fragen, deren Lösung der nächsten Stunde angehört, begegnen hier dem Bilde des fernen Utopiens, von dem noch Keiner weiß, ob es mehr als ein lustiges Fabelland ist; an die Menschen der alten Zeit mögen ihn gewisse Sympathien knüpfen, die Sache der Gegenwart nimmt er ohne Rückhalt an. Die Revolution ist ihm ein riesiger Fortschritt; dem Riesen, den sie geboren, vermag er jedoch nicht zu huldigen, und sein Gedicht &#x201E;Bonaparte&#x201C; wird wohl Niemand für einen Päan auf den Helden des Jahrhunderts halten. Für die Fasces der unbeschränkten Plebejerherrschaft ist er eben so wenig eingenommen; die Freiheit, die ich liebe, sagt er in seiner geistvollen Epistel an Barthélémy, ist mit unserer Seele geboren an dem Tage, da der Gerechtere dem Stärkeren Trotz geboten. Und diesem Wahlspruch blieb er auch treu als Staatsmann; die Schwachen und Unterdrückten fanden ihn immer als Fürsprecher ihrer Wünsche, als Anwalt ihrer Noth bereit; die Habe des geringen Besitzers, die Entfesselung der Sklaven und das verschämte Unglück sündiger Mütter haben an ihm ihren eifrigsten Vertreter. Mag er über das, was recht ist, sich manchmal irren, mocht' er das Selbstgefühl eines edlen Volks gewaltsam beleidigen, als er bei dem Zerfall eines Reichs, der ihm unvermeidlich scheint, neben den Ansprüchen Europa's die Forderungen Frankreichs geltend machte: so läßt sich doch nicht sagen, daß er je aus Ehrgeiz oder nationeller Hoffart etwas verlangt oder empfohlen habe, was seinem Bewußtseyn als ein unbilliges Begehren vorgekommen wäre. Auch in dem parlamentarischen Hader der letzten Jahre hat Lamartine die Sache staatsmännischer Umsicht und Mäßigung gegen den meuterischen Geist der Parteien und die ungeduldige Herrschsucht der Einzelnen ritterlich vertheidigt; in den jüngsten Tagen jedoch scheint ihn die Krankheit, die er bekämpfte, selbst ergriffen zu haben, und der Rath gekränkten Stolzes, so wie die Begier nach dem zerbrechlichen und zweideutigen Ruhm eines Condottiere mehr als die Rücksicht auf die allgemeine Nützlichkeit seines Handelns zu leiten. Ob er auf diesem Wege fort, und wie weit er gehen wird, darüber ist bis jetzt eine Entscheidung schwer; klar ist nur der Groll des berühmten Dichters gegen den berühmten Geschichtschreiber, der jetzt am Steuer sitzt, und die Möglichkeit, daß der Einfluß, den der Deputirte von Macon in der Kammer schon ausübt, ihm Luft zu noch größerm gebe. Das dreifache Ansehen, das er als großer Gutsherr, als ein Fürst der Litteratur und als glänzender Redner genießt, stellen<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0722/0010] überfließend und verschwenderisch, daß sie allerdings mancher Ungeduld ein Strom erhabener Geschwätzigkeit scheinen mögen; alle Gewebe der Natur webt er ihr bis auf den kleinsten Faden, all ihre Gebäude baut er ihr bis auf die winzigste Linie nach, doch ist er nie kalter Beschreiber, nie bloß zierlicher Nachbildner des Gesehenen; des geringsten Juwels in dem Schmucke der reichen Schöpfung gedenkt er mit warmer Theilnahme, so wie der Gärtner die unscheinbarste seiner Blumen dem Fremden mit stets erneuerter Sympathie zeigt. Und nicht bloß um ein buntwechselndes Panorama der Phantasie seiner Leser zu entrollen, macht er sich zum Maler der blühenden Erde und der Erscheinungen des Himmels; in diesem ewigen, ewig neuen und doch stets sich gleichen Schauspiel, das scheinbar nur unsern Sinnen, wie die Gefechte des Circus den Müßiggängern der entarteten Roma zum Besten gegeben wird, sieht er mit geistigem Auge einen verhüllten Sinn, wie auch ernstere Denker in jenen Kämpfen der Bestien und Gladiatoren nicht bloß einen grausamen Zeitvertreib, sondern auch den baldigen Tod einer Welt sehen mochten, zu deren Ruin sich alle Gräuel der Barbarei mit jeder Ausgeburt der Ueberfeinerung in gemeinschaftlicher Arbeit verbunden hatten. Wenn er nun alles Sichtbare nur als eine Veranschaulichung eines unsichtbaren Lebens darstellt, so ist es ihm gleichfalls unmöglich, das Bild einer Seele ohne die genaueste Statistik des sie umschließenden Körpers zu geben. Besonders lästig ist diese dichterische Untugend den Frauengestalten seiner größeren Gedichte, die er, wie den Helden eines Steckbriefs, der umständlichsten Personalbeschreibung unterwirft; keine Modistin könnte den Wuchs der D'Haida in seinem gefallenen Engel, kein Maler die Schattirung ihrer Hautfarbe, kein Zahnarzt die Beschaffenheit ihres Alabastergebisses, keine Schuhkünstlerin den Umfang ihres kleinen Fußes gewisserhafter bestimmen, als er es that. Lord Byron schon treibt mit den Kenntnissen, die er in dem Fache schöner Haare und voller Busen hat, nicht unansehnlichen Mißbrauch, aber Lamartine treibt das Geschäft mit einer Ueppigkeit und Breite, die man kaum den redseligsten Dichtern des Orients zutrauen würde. Doch manchmal weiß er durch sinnige Anmuth, liebliche Leichtigkeit und melodischen Erguß der Sprache die geschmacklosen Längen, die aus solcher Ausmalerei körperlicher Reize entstehen, so glücklich zu kürzen und zu mildern, daß man ihm die Sünde gern verzeiht. Vorzüglich ist es die Musik seiner Verse, durch die er Vieles ausgleicht und gutmacht; hierin kommt ihm kein Dichter seiner Nation, selbst Racine und André Chenier, diese letzte der attischen Bienen, nicht gleich, und das französische Idiom, nach dem Urtheile Vieler nur für kokette oder rhetorische Prosa brauchbar, gewinnt unter seiner Herrschaft einen so geschmeidigen Rhythmus, und eine solche Fülle euphonischer Bewegungen, wie sie bisher nur ihre südlichen Schwestern gekannt. Nirgendwo aber übt dieser Vorzug eine vollere und siegreichere Magie, als in seinen Gesängen der Liebe. Es ist eine so weiche Strömung der Worte, eine so einschmeichelnde Harmonie in einigen dieser Elegien, daß man ihre Musik nur den sanftesten Tondichtungen Italiens vergleichen kann; es ist, um mit dem Dichter selbst zu reden: Une voix qui cadence, une langue divine, Et d'un accent si doux, que l'amour s'y devine. Diese Verse gehören dem schönen Gedichte „Novissima Verba“ an, wo sein Geist durch die finstern Gewirre aller Zweifel und durch alle Qualen der Verzweiflung sich windet, um endlich auf den Erinnerungen jugendlicher Liebe von seinen Mühen sorglos auszuruhen; es ist eine Symphonie, in der die seltsamsten Motive und schwierigsten Accorde sich durchkreuzen und verstricken, dann in gemeinsamen Wohllaut aus einander fließen, und endlich im leisesten Adagio sich verlieren. Hier findet sich auch jene für den Biographen Lamartine's geschichtlich bedeutende Stelle: „All unser Leben war ein einzig Lieben.“ Schon in dem engern Kreise des Collegs mehr mit dem Kampfspiele seines Innern, als mit den gleichzeitigen Schlachten des Kaisers beschäftigt, und für Eindrücke zarter Natur mehr als hinlänglich im voraus empfänglich gemacht, ward er sogleich beim Eintritt ins Leben von jener Elvira gefesselt, die er in seinen frühesten Reimen feierte, und als ihm dieß Ideal entrissen war, gewann er durch den Zauber seiner Verse, wie man sagt, das Herz der hochgebildeten Brittin, die später die Gefährtin seines Lebens wurde. Ebenso sehr aber, als mit dem Stillleben seines lieberfüllten Herzens, ist Lamartine's Muse mit den Vorgängen und Leidenschaften, welche das Forum des Jahrhunderts füllen, beschäftigt, und wenn man von ihm sagte, er sey als Politiker etwas zu sehr Dichter, so kann man auf der andern Seite behaupten, er sey als Dichter schon Politiker. Jeder Freudenruf und Nothschrei, jeder Plan und Traum der Mitwelt fand ein Echo in seinen Versen; Fragen, deren Lösung der nächsten Stunde angehört, begegnen hier dem Bilde des fernen Utopiens, von dem noch Keiner weiß, ob es mehr als ein lustiges Fabelland ist; an die Menschen der alten Zeit mögen ihn gewisse Sympathien knüpfen, die Sache der Gegenwart nimmt er ohne Rückhalt an. Die Revolution ist ihm ein riesiger Fortschritt; dem Riesen, den sie geboren, vermag er jedoch nicht zu huldigen, und sein Gedicht „Bonaparte“ wird wohl Niemand für einen Päan auf den Helden des Jahrhunderts halten. Für die Fasces der unbeschränkten Plebejerherrschaft ist er eben so wenig eingenommen; die Freiheit, die ich liebe, sagt er in seiner geistvollen Epistel an Barthélémy, ist mit unserer Seele geboren an dem Tage, da der Gerechtere dem Stärkeren Trotz geboten. Und diesem Wahlspruch blieb er auch treu als Staatsmann; die Schwachen und Unterdrückten fanden ihn immer als Fürsprecher ihrer Wünsche, als Anwalt ihrer Noth bereit; die Habe des geringen Besitzers, die Entfesselung der Sklaven und das verschämte Unglück sündiger Mütter haben an ihm ihren eifrigsten Vertreter. Mag er über das, was recht ist, sich manchmal irren, mocht' er das Selbstgefühl eines edlen Volks gewaltsam beleidigen, als er bei dem Zerfall eines Reichs, der ihm unvermeidlich scheint, neben den Ansprüchen Europa's die Forderungen Frankreichs geltend machte: so läßt sich doch nicht sagen, daß er je aus Ehrgeiz oder nationeller Hoffart etwas verlangt oder empfohlen habe, was seinem Bewußtseyn als ein unbilliges Begehren vorgekommen wäre. Auch in dem parlamentarischen Hader der letzten Jahre hat Lamartine die Sache staatsmännischer Umsicht und Mäßigung gegen den meuterischen Geist der Parteien und die ungeduldige Herrschsucht der Einzelnen ritterlich vertheidigt; in den jüngsten Tagen jedoch scheint ihn die Krankheit, die er bekämpfte, selbst ergriffen zu haben, und der Rath gekränkten Stolzes, so wie die Begier nach dem zerbrechlichen und zweideutigen Ruhm eines Condottiere mehr als die Rücksicht auf die allgemeine Nützlichkeit seines Handelns zu leiten. Ob er auf diesem Wege fort, und wie weit er gehen wird, darüber ist bis jetzt eine Entscheidung schwer; klar ist nur der Groll des berühmten Dichters gegen den berühmten Geschichtschreiber, der jetzt am Steuer sitzt, und die Möglichkeit, daß der Einfluß, den der Deputirte von Macon in der Kammer schon ausübt, ihm Luft zu noch größerm gebe. Das dreifache Ansehen, das er als großer Gutsherr, als ein Fürst der Litteratur und als glänzender Redner genießt, stellen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Deutsches Textarchiv: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-06-28T11:37:15Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: Lautwert transkribiert; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: Lautwert transkribiert; Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert; Vollständigkeit: teilweise erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_091_18400331
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_091_18400331/10
Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 91. Augsburg, 31. März 1840, S. 0722. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_091_18400331/10>, abgerufen am 21.04.2024.