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Allgemeine Zeitung. Nr. 130. Augsburg, 9. Mai 1840.

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gemeinen, sondern des erlesenen, mit besonderer Sorgfalt bereiteten und mit sinniger Kunst geschmückten, wie es in den früheren Zeiten, ehe das Metall überwog, nicht nur für das Haus des Begüterten, sondern auch für den Dienst der Götter oder zur Ehrung bei Hochzeiten, bei Siegen in den öffentlichen Spielen, bei Beerdigungen, endlich als Freundesgabe gesucht und gebraucht wurde.

Gemäß dieser Allgemeinheit des alten Thongeschirres erscheint es bei einer so reichen Auswahl wie die vor uns liegende, in der mannichfachsten Größe, von den kolossalen Vasen an, die bei Canosa gefunden wurden, bis zu den kleinsten Bechern, Schalen und Krügen, und in dem vielfältigsten Wechsel der Formen, die Tassen, die Teller, die Schalen, die Krüge, Becher, Flaschen u. s. w., jedes in seiner Art geschmackvoll, schön, manche Gattungen, wie z. B. die Schalen (phialai, paterae), von einem Reichthum und einer Schönheit der Formen, die in ihrer Vereinigung alles übertrifft, was bis jetzt der Art gesehen worden.

Bei weitem die größte Zahl dieser unvergleichlichen Sammlung kommt aus den reichen Fundgruben von Bulci; eine besondere, durch den classischen Werth mehrerer Hauptstücke ausgezeichnete Sammlung stammt aus Akragas (Girgenti) in Sicilien, andere sind aus dem Besitz der Gräfin Lipona, der Schwester Napoleons, erworben, die als Königin von Neapel das Schönste besaß, was dort zu erlangen war; andere sind aus Nola und Basilicata, nicht wenige der seltensten aus attischen Gräbern und einzelne von den griechischen Inseln, so daß sich auch in Rücksicht auf die Fundorte und die dadurch bedingten Gattungen und Stylarten dieser Schatz classischer Kunst als mit kluger Wahl und einem dieser Klugheit entsprechenden Glück gebildet darstellt. Gedenken aber müssen wir dabei, außer des Monarchen, dessen Alles umfassende Kunstliebe keine Gelegenheit vorüberließ auch auf diesem Gebiet sich einen unschätzbaren Besitz zu erwerben, der unverdrossenen Thätigkeit des Hrn. Generalsecretärs unserer Akademie der Künste, Martin Wagner in Rom, welcher die Restauration der aus den Nachgrabungen von Vulci erworbenen Gefäße mit einer Einsicht und Geduld geleitet hat, die allein im Stande waren, das, was sich bei jenem Vorrath in Zerrüttung fand (und das sind zum Theil die schönsten Exemplare), ohne Alterirung oder Fälschung allein aus den ächten und wiedervereinigten Bruchstücken herzustellen. Es sind dadurch dieser Sammlung kostbare Stücke zu Hunderten erhalten oder gewonnen worden.

Am zahlreichsten sind die Gefäße, auf welchen die Malerei noch ihren uralten hieratisch überlieferten Typus ungeändert oder in geringer Ermäßigung zeigt, vorzüglich die aus Vulci; und obwohl es mißlich ist, in Ermangelung bestimmter chronologischer Angaben, die Zeit ihres Ursprungs allein nach dem Styl zu bestimmen, so scheint doch aus diesem selbst offenbar, daß hinter ihm ein älterer nicht bestanden hat, und der Typus der griechischen Kunst, wie er hier sich darstellt, ist wohl derselbe gewesen, der den Homerischen und Hesiodischen Schilderungen von Kunstwerken zum Grunde liegt, und der an den ältesten historisch bekannten Werken, wie an dem Kasten des Kypselos, am Throne des amykläischen Apollo gesehen wurde. Es ist bekannt, daß derselbe bis zur 50sten Olympiade und den Zeiten des Solon unerschüttert geblieben ist, und die ältesten Gefäße dieser Sammlung, welche jenen hieratischen Typus in ursprünglicher Strenge zeigen, gehen offenbar über jene Zeit und in dieselbe zurück, so daß sie ein Alter von nahe an dritthalbtausend Jahren und darüber haben, vorausgesetzt, daß in einzelnen Fabriken diese altüberlieferten Formen nicht auch noch später, nach Erfindung der bessern, beibehalten wurden, was, wie bei den attischen Münzen gewiß, so bei der attischen ältesten Geschichte nicht unwahrscheinlich ist, z. B. bei jenen zahlreichen Vasen, deren Inschrift sagt, daß sie zu den Kampfpreisen von Athen gehören, von welchen diese Sammlung allein sechs schöne Exemplare besitzt. Zu ihrem hohen Alter kommt noch der Umstand, daß sie meist neu und ungebraucht, zum Theil unmittelbar aus der Fabrik in das Grab gekommen sind, und da ihr Material, dazu die treffliche Härtung im Feuer sie in jenen Orten der Sicherheit gegen alle Alterirung schützte, so ist es geschehen, daß nach einem Verlauf von 25 Jahrhunderten und darüber, seit ihrem Ursprung, sie noch so neu, glänzend und zierlich sind, als ob sie aus der Hand ihrer sinnreichen Urheber, der Altmeister der griechischen Keramographie, unmittelbar in die neue Sammlung übergegangen wären. Die Sicherheit ihres Alterthums aber, welche bei weniger Kundigen den Anblick dieser Neuheit verdächtigen könnte, ist durch die Vortrefflichkeit des Materials, durch ihre Leichtigkeit, durch den fast glockenhellen Klang, wenn man an sie schlägt, durch die ausnehmende Feinheit und Festigkeit des Firnisses, durch die bei aller Schlichtheit doch unverkennbare Sicherheit der Ausführung und die noch übrigen Reste des ächtantiken Tartaro auf eine Weise verbürgt, daß sie jeden Zweifel an ihrem Herkommen und hohen Alterthum ausschließen.

An sie reihen sich in beschränkterer Zahl, aber immer noch auch durch Menge bedeutend, die Werke der bewegteren, aber von der Schlichtheit und dem mehr geradlinichten Charakter der älteren Epoche noch nicht freien Kunst, welche offenbar jener Periode angehören, wo durch Zusammenfluß günstiger äußerer und innerer Schicksale im Jahrhundert zwischen Solon und Perikles die griechische Kunst aus dem hieratischen Styl sich in den vollendeten oder idealen Typus entwickelte, und auch in der Keramographie Werke hervorbrachte, die sich durch Großartigkeit der Erfindung und der Ausführung hervorthun. Dahin gehören vorzüglich mehrere agrigentinische Gefäße, wie jener eimerähnliche Krug, auf dessen gebogenem Deckel der Aufzug der olympischen Götter zum Kampfe gebildet ist, und ein durch wiederholte Herausgabe und Beschreibungen schon seit längerer Zeit als eines der bedeutendsten Werke dieser Classe berühmtes Gefäß. Ebenso das seltsame Gefäß, dessen vordere zwei Gestalten, stehend und mit einer Leyer, ein Mann und eine Frau, die Namen Alkaos und Sappho angeschrieben zeigen. Vorzüglich dieser Kunstperiode ist die Ueberzahl der schönsten und gefälligsten Schalen beizulegen, welche einen so hervorragenden Schmuck dieser Sammlung bilden.

Von den Werken einer in ihren Mitteln und Bewegungen vollkommen freien Kunst sind einige vortreffliche Gefäße aus attischen Gräbern, nämlich von jener Art, die einen weißen Gypsgrund und darauf sehr feine Zeichnung in schwarzen und rothen Linien haben, unter andern ein Lekythos mit dem Bild und dem Kahne des Charon, der den Todten übersetzt, also ein ursprünglich und durch seinen Inhalt für das Grab bestimmtes Gefäß, eines von jenen, für welche, wie uns Aristophanes lehrt, eine eigene Gattung von Malern, oder doch bestimmte einzelne Maler thätig waren. Denn in den Ekklesiazusen (v. 996), wo eine Alte einem Jüngling nachstellt, sagt dieser, er fürchte ihren Bräutigam, den Besten der Maler, der den Verstorbenen die Krüge male ([fremdsprachliches Material - fehlt]), und wir haben demnach unter jenen neuattischen Gefäßen ein Denkmal der Kunst, welche durch Aristophanes bezeugt wird, wie in den oben erwähnten alten attischen Kampf- und Preisgefäßen sich solche erhalten haben, deren mit Angabe ihrer Bestimmung schon Pindarus (Nem. X, 33) gedenkt, wo er sagt, den Theäos

gemeinen, sondern des erlesenen, mit besonderer Sorgfalt bereiteten und mit sinniger Kunst geschmückten, wie es in den früheren Zeiten, ehe das Metall überwog, nicht nur für das Haus des Begüterten, sondern auch für den Dienst der Götter oder zur Ehrung bei Hochzeiten, bei Siegen in den öffentlichen Spielen, bei Beerdigungen, endlich als Freundesgabe gesucht und gebraucht wurde.

Gemäß dieser Allgemeinheit des alten Thongeschirres erscheint es bei einer so reichen Auswahl wie die vor uns liegende, in der mannichfachsten Größe, von den kolossalen Vasen an, die bei Canosa gefunden wurden, bis zu den kleinsten Bechern, Schalen und Krügen, und in dem vielfältigsten Wechsel der Formen, die Tassen, die Teller, die Schalen, die Krüge, Becher, Flaschen u. s. w., jedes in seiner Art geschmackvoll, schön, manche Gattungen, wie z. B. die Schalen (φιάλαι, paterae), von einem Reichthum und einer Schönheit der Formen, die in ihrer Vereinigung alles übertrifft, was bis jetzt der Art gesehen worden.

Bei weitem die größte Zahl dieser unvergleichlichen Sammlung kommt aus den reichen Fundgruben von Bulci; eine besondere, durch den classischen Werth mehrerer Hauptstücke ausgezeichnete Sammlung stammt aus Akragas (Girgenti) in Sicilien, andere sind aus dem Besitz der Gräfin Lipona, der Schwester Napoleons, erworben, die als Königin von Neapel das Schönste besaß, was dort zu erlangen war; andere sind aus Nola und Basilicata, nicht wenige der seltensten aus attischen Gräbern und einzelne von den griechischen Inseln, so daß sich auch in Rücksicht auf die Fundorte und die dadurch bedingten Gattungen und Stylarten dieser Schatz classischer Kunst als mit kluger Wahl und einem dieser Klugheit entsprechenden Glück gebildet darstellt. Gedenken aber müssen wir dabei, außer des Monarchen, dessen Alles umfassende Kunstliebe keine Gelegenheit vorüberließ auch auf diesem Gebiet sich einen unschätzbaren Besitz zu erwerben, der unverdrossenen Thätigkeit des Hrn. Generalsecretärs unserer Akademie der Künste, Martin Wagner in Rom, welcher die Restauration der aus den Nachgrabungen von Vulci erworbenen Gefäße mit einer Einsicht und Geduld geleitet hat, die allein im Stande waren, das, was sich bei jenem Vorrath in Zerrüttung fand (und das sind zum Theil die schönsten Exemplare), ohne Alterirung oder Fälschung allein aus den ächten und wiedervereinigten Bruchstücken herzustellen. Es sind dadurch dieser Sammlung kostbare Stücke zu Hunderten erhalten oder gewonnen worden.

Am zahlreichsten sind die Gefäße, auf welchen die Malerei noch ihren uralten hieratisch überlieferten Typus ungeändert oder in geringer Ermäßigung zeigt, vorzüglich die aus Vulci; und obwohl es mißlich ist, in Ermangelung bestimmter chronologischer Angaben, die Zeit ihres Ursprungs allein nach dem Styl zu bestimmen, so scheint doch aus diesem selbst offenbar, daß hinter ihm ein älterer nicht bestanden hat, und der Typus der griechischen Kunst, wie er hier sich darstellt, ist wohl derselbe gewesen, der den Homerischen und Hesiodischen Schilderungen von Kunstwerken zum Grunde liegt, und der an den ältesten historisch bekannten Werken, wie an dem Kasten des Kypselos, am Throne des amykläischen Apollo gesehen wurde. Es ist bekannt, daß derselbe bis zur 50sten Olympiade und den Zeiten des Solon unerschüttert geblieben ist, und die ältesten Gefäße dieser Sammlung, welche jenen hieratischen Typus in ursprünglicher Strenge zeigen, gehen offenbar über jene Zeit und in dieselbe zurück, so daß sie ein Alter von nahe an dritthalbtausend Jahren und darüber haben, vorausgesetzt, daß in einzelnen Fabriken diese altüberlieferten Formen nicht auch noch später, nach Erfindung der bessern, beibehalten wurden, was, wie bei den attischen Münzen gewiß, so bei der attischen ältesten Geschichte nicht unwahrscheinlich ist, z. B. bei jenen zahlreichen Vasen, deren Inschrift sagt, daß sie zu den Kampfpreisen von Athen gehören, von welchen diese Sammlung allein sechs schöne Exemplare besitzt. Zu ihrem hohen Alter kommt noch der Umstand, daß sie meist neu und ungebraucht, zum Theil unmittelbar aus der Fabrik in das Grab gekommen sind, und da ihr Material, dazu die treffliche Härtung im Feuer sie in jenen Orten der Sicherheit gegen alle Alterirung schützte, so ist es geschehen, daß nach einem Verlauf von 25 Jahrhunderten und darüber, seit ihrem Ursprung, sie noch so neu, glänzend und zierlich sind, als ob sie aus der Hand ihrer sinnreichen Urheber, der Altmeister der griechischen Keramographie, unmittelbar in die neue Sammlung übergegangen wären. Die Sicherheit ihres Alterthums aber, welche bei weniger Kundigen den Anblick dieser Neuheit verdächtigen könnte, ist durch die Vortrefflichkeit des Materials, durch ihre Leichtigkeit, durch den fast glockenhellen Klang, wenn man an sie schlägt, durch die ausnehmende Feinheit und Festigkeit des Firnisses, durch die bei aller Schlichtheit doch unverkennbare Sicherheit der Ausführung und die noch übrigen Reste des ächtantiken Tartaro auf eine Weise verbürgt, daß sie jeden Zweifel an ihrem Herkommen und hohen Alterthum ausschließen.

An sie reihen sich in beschränkterer Zahl, aber immer noch auch durch Menge bedeutend, die Werke der bewegteren, aber von der Schlichtheit und dem mehr geradlinichten Charakter der älteren Epoche noch nicht freien Kunst, welche offenbar jener Periode angehören, wo durch Zusammenfluß günstiger äußerer und innerer Schicksale im Jahrhundert zwischen Solon und Perikles die griechische Kunst aus dem hieratischen Styl sich in den vollendeten oder idealen Typus entwickelte, und auch in der Keramographie Werke hervorbrachte, die sich durch Großartigkeit der Erfindung und der Ausführung hervorthun. Dahin gehören vorzüglich mehrere agrigentinische Gefäße, wie jener eimerähnliche Krug, auf dessen gebogenem Deckel der Aufzug der olympischen Götter zum Kampfe gebildet ist, und ein durch wiederholte Herausgabe und Beschreibungen schon seit längerer Zeit als eines der bedeutendsten Werke dieser Classe berühmtes Gefäß. Ebenso das seltsame Gefäß, dessen vordere zwei Gestalten, stehend und mit einer Leyer, ein Mann und eine Frau, die Namen Alkaos und Sappho angeschrieben zeigen. Vorzüglich dieser Kunstperiode ist die Ueberzahl der schönsten und gefälligsten Schalen beizulegen, welche einen so hervorragenden Schmuck dieser Sammlung bilden.

Von den Werken einer in ihren Mitteln und Bewegungen vollkommen freien Kunst sind einige vortreffliche Gefäße aus attischen Gräbern, nämlich von jener Art, die einen weißen Gypsgrund und darauf sehr feine Zeichnung in schwarzen und rothen Linien haben, unter andern ein Lekythos mit dem Bild und dem Kahne des Charon, der den Todten übersetzt, also ein ursprünglich und durch seinen Inhalt für das Grab bestimmtes Gefäß, eines von jenen, für welche, wie uns Aristophanes lehrt, eine eigene Gattung von Malern, oder doch bestimmte einzelne Maler thätig waren. Denn in den Ekklesiazusen (v. 996), wo eine Alte einem Jüngling nachstellt, sagt dieser, er fürchte ihren Bräutigam, den Besten der Maler, der den Verstorbenen die Krüge male ([fremdsprachliches Material – fehlt]), und wir haben demnach unter jenen neuattischen Gefäßen ein Denkmal der Kunst, welche durch Aristophanes bezeugt wird, wie in den oben erwähnten alten attischen Kampf- und Preisgefäßen sich solche erhalten haben, deren mit Angabe ihrer Bestimmung schon Pindarus (Nem. X, 33) gedenkt, wo er sagt, den Theäos

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gemeinen, sondern des erlesenen, mit besonderer Sorgfalt bereiteten und mit sinniger Kunst geschmückten, wie es in den früheren Zeiten, ehe das Metall überwog, nicht nur für das Haus des Begüterten, sondern auch für den Dienst der Götter oder zur Ehrung bei Hochzeiten, bei Siegen in den öffentlichen Spielen, bei Beerdigungen, endlich als Freundesgabe gesucht und gebraucht wurde.</p><lb/>
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[1034/0010] gemeinen, sondern des erlesenen, mit besonderer Sorgfalt bereiteten und mit sinniger Kunst geschmückten, wie es in den früheren Zeiten, ehe das Metall überwog, nicht nur für das Haus des Begüterten, sondern auch für den Dienst der Götter oder zur Ehrung bei Hochzeiten, bei Siegen in den öffentlichen Spielen, bei Beerdigungen, endlich als Freundesgabe gesucht und gebraucht wurde. Gemäß dieser Allgemeinheit des alten Thongeschirres erscheint es bei einer so reichen Auswahl wie die vor uns liegende, in der mannichfachsten Größe, von den kolossalen Vasen an, die bei Canosa gefunden wurden, bis zu den kleinsten Bechern, Schalen und Krügen, und in dem vielfältigsten Wechsel der Formen, die Tassen, die Teller, die Schalen, die Krüge, Becher, Flaschen u. s. w., jedes in seiner Art geschmackvoll, schön, manche Gattungen, wie z. B. die Schalen (φιάλαι, paterae), von einem Reichthum und einer Schönheit der Formen, die in ihrer Vereinigung alles übertrifft, was bis jetzt der Art gesehen worden. Bei weitem die größte Zahl dieser unvergleichlichen Sammlung kommt aus den reichen Fundgruben von Bulci; eine besondere, durch den classischen Werth mehrerer Hauptstücke ausgezeichnete Sammlung stammt aus Akragas (Girgenti) in Sicilien, andere sind aus dem Besitz der Gräfin Lipona, der Schwester Napoleons, erworben, die als Königin von Neapel das Schönste besaß, was dort zu erlangen war; andere sind aus Nola und Basilicata, nicht wenige der seltensten aus attischen Gräbern und einzelne von den griechischen Inseln, so daß sich auch in Rücksicht auf die Fundorte und die dadurch bedingten Gattungen und Stylarten dieser Schatz classischer Kunst als mit kluger Wahl und einem dieser Klugheit entsprechenden Glück gebildet darstellt. Gedenken aber müssen wir dabei, außer des Monarchen, dessen Alles umfassende Kunstliebe keine Gelegenheit vorüberließ auch auf diesem Gebiet sich einen unschätzbaren Besitz zu erwerben, der unverdrossenen Thätigkeit des Hrn. Generalsecretärs unserer Akademie der Künste, Martin Wagner in Rom, welcher die Restauration der aus den Nachgrabungen von Vulci erworbenen Gefäße mit einer Einsicht und Geduld geleitet hat, die allein im Stande waren, das, was sich bei jenem Vorrath in Zerrüttung fand (und das sind zum Theil die schönsten Exemplare), ohne Alterirung oder Fälschung allein aus den ächten und wiedervereinigten Bruchstücken herzustellen. Es sind dadurch dieser Sammlung kostbare Stücke zu Hunderten erhalten oder gewonnen worden. Am zahlreichsten sind die Gefäße, auf welchen die Malerei noch ihren uralten hieratisch überlieferten Typus ungeändert oder in geringer Ermäßigung zeigt, vorzüglich die aus Vulci; und obwohl es mißlich ist, in Ermangelung bestimmter chronologischer Angaben, die Zeit ihres Ursprungs allein nach dem Styl zu bestimmen, so scheint doch aus diesem selbst offenbar, daß hinter ihm ein älterer nicht bestanden hat, und der Typus der griechischen Kunst, wie er hier sich darstellt, ist wohl derselbe gewesen, der den Homerischen und Hesiodischen Schilderungen von Kunstwerken zum Grunde liegt, und der an den ältesten historisch bekannten Werken, wie an dem Kasten des Kypselos, am Throne des amykläischen Apollo gesehen wurde. Es ist bekannt, daß derselbe bis zur 50sten Olympiade und den Zeiten des Solon unerschüttert geblieben ist, und die ältesten Gefäße dieser Sammlung, welche jenen hieratischen Typus in ursprünglicher Strenge zeigen, gehen offenbar über jene Zeit und in dieselbe zurück, so daß sie ein Alter von nahe an dritthalbtausend Jahren und darüber haben, vorausgesetzt, daß in einzelnen Fabriken diese altüberlieferten Formen nicht auch noch später, nach Erfindung der bessern, beibehalten wurden, was, wie bei den attischen Münzen gewiß, so bei der attischen ältesten Geschichte nicht unwahrscheinlich ist, z. B. bei jenen zahlreichen Vasen, deren Inschrift sagt, daß sie zu den Kampfpreisen von Athen gehören, von welchen diese Sammlung allein sechs schöne Exemplare besitzt. Zu ihrem hohen Alter kommt noch der Umstand, daß sie meist neu und ungebraucht, zum Theil unmittelbar aus der Fabrik in das Grab gekommen sind, und da ihr Material, dazu die treffliche Härtung im Feuer sie in jenen Orten der Sicherheit gegen alle Alterirung schützte, so ist es geschehen, daß nach einem Verlauf von 25 Jahrhunderten und darüber, seit ihrem Ursprung, sie noch so neu, glänzend und zierlich sind, als ob sie aus der Hand ihrer sinnreichen Urheber, der Altmeister der griechischen Keramographie, unmittelbar in die neue Sammlung übergegangen wären. Die Sicherheit ihres Alterthums aber, welche bei weniger Kundigen den Anblick dieser Neuheit verdächtigen könnte, ist durch die Vortrefflichkeit des Materials, durch ihre Leichtigkeit, durch den fast glockenhellen Klang, wenn man an sie schlägt, durch die ausnehmende Feinheit und Festigkeit des Firnisses, durch die bei aller Schlichtheit doch unverkennbare Sicherheit der Ausführung und die noch übrigen Reste des ächtantiken Tartaro auf eine Weise verbürgt, daß sie jeden Zweifel an ihrem Herkommen und hohen Alterthum ausschließen. An sie reihen sich in beschränkterer Zahl, aber immer noch auch durch Menge bedeutend, die Werke der bewegteren, aber von der Schlichtheit und dem mehr geradlinichten Charakter der älteren Epoche noch nicht freien Kunst, welche offenbar jener Periode angehören, wo durch Zusammenfluß günstiger äußerer und innerer Schicksale im Jahrhundert zwischen Solon und Perikles die griechische Kunst aus dem hieratischen Styl sich in den vollendeten oder idealen Typus entwickelte, und auch in der Keramographie Werke hervorbrachte, die sich durch Großartigkeit der Erfindung und der Ausführung hervorthun. Dahin gehören vorzüglich mehrere agrigentinische Gefäße, wie jener eimerähnliche Krug, auf dessen gebogenem Deckel der Aufzug der olympischen Götter zum Kampfe gebildet ist, und ein durch wiederholte Herausgabe und Beschreibungen schon seit längerer Zeit als eines der bedeutendsten Werke dieser Classe berühmtes Gefäß. Ebenso das seltsame Gefäß, dessen vordere zwei Gestalten, stehend und mit einer Leyer, ein Mann und eine Frau, die Namen Alkaos und Sappho angeschrieben zeigen. Vorzüglich dieser Kunstperiode ist die Ueberzahl der schönsten und gefälligsten Schalen beizulegen, welche einen so hervorragenden Schmuck dieser Sammlung bilden. Von den Werken einer in ihren Mitteln und Bewegungen vollkommen freien Kunst sind einige vortreffliche Gefäße aus attischen Gräbern, nämlich von jener Art, die einen weißen Gypsgrund und darauf sehr feine Zeichnung in schwarzen und rothen Linien haben, unter andern ein Lekythos mit dem Bild und dem Kahne des Charon, der den Todten übersetzt, also ein ursprünglich und durch seinen Inhalt für das Grab bestimmtes Gefäß, eines von jenen, für welche, wie uns Aristophanes lehrt, eine eigene Gattung von Malern, oder doch bestimmte einzelne Maler thätig waren. Denn in den Ekklesiazusen (v. 996), wo eine Alte einem Jüngling nachstellt, sagt dieser, er fürchte ihren Bräutigam, den Besten der Maler, der den Verstorbenen die Krüge male (_ ), und wir haben demnach unter jenen neuattischen Gefäßen ein Denkmal der Kunst, welche durch Aristophanes bezeugt wird, wie in den oben erwähnten alten attischen Kampf- und Preisgefäßen sich solche erhalten haben, deren mit Angabe ihrer Bestimmung schon Pindarus (Nem. X, 33) gedenkt, wo er sagt, den Theäos

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Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 130. Augsburg, 9. Mai 1840, S. 1034. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_130_18400509/10>, abgerufen am 07.07.2022.