pba_120.001 Trockenheit und Plattheit, weil die metrische Form mit dem verstandesmäßigen pba_120.002 Jnhalt im Widerspruch steht.
pba_120.003 Ebenso in dem andern Herder'schen, welches "Der Abglanz" pba_120.004 überschrieben ist:
pba_120.005
Hinter Wolken die Sonne zu sehn, gibt trügliche Lichter;pba_120.006 Ohne Wolken sie sehn, blendet und stumpft das Gesicht.pba_120.007 Also schaue du sie hienieden im ruhigen Abglanz;pba_120.008 Thaten lehren uns mehr als ein bezaubernder Blick.
pba_120.009 Jst es nicht, als ob man das matte, kahle Lemma läse zu dem pba_120.010 herrlichen Monologe im Beginne des zweiten Faust?
pba_120.011
Hinaufgeschaut! -- Der Berge Gipfelriesenpba_120.012 Verkünden schon die feierlichste Stunde;pba_120.013 ............pba_120.014 Sie tritt hervor! -- und leider schon geblendetpba_120.015 Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.pba_120.016 ............pba_120.017 So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!pba_120.018 Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,pba_120.019 Jhn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.pba_120.020 ............pba_120.021 Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,pba_120.022 Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,pba_120.023 ............pba_120.024 Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.pba_120.025 Jhm sinne nach und du begreifst genauer:pba_120.026 Am farb'gen Abglanz haben wir das Leben.
pba_120.027 Auch bei Goethe hat der Abschluß etwas Epigrammatisches; aber pba_120.028 das gesamte Bild und der daraus hervorspringende Gedanke ist für das pba_120.029 Epigramm unverwendbar, nicht weil ihm die Einheit fehlt -- diese pba_120.030 ist im strengsten Sinne vorhanden -- sondern weil durch die Einseitigkeit,pba_120.031 welche das Epigramm gebieterisch verlangt, seine ganze mächtige Wirkung pba_120.032 auf die Empfindung, durch die allein er poetisch ist, geraubt werden muß.
pba_120.033 Freilich fehlt den beiden citierten Epigrammen noch mehr: sie ermangeln pba_120.034 zugleich in ihrem ersten Teile der Anschaulichkeit und Gegenwart pba_120.035 der sinnlichen Darstellung; aber auch wo diese in weit höherem pba_120.036 Maße gelungen ist, zeigt sich in Herder's Epigrammen jener entscheidende pba_120.037 Mangel oft genug. Als Beispiel diene das folgende:
pba_120.038
Reformation.pba_120.039
"Wären der Teufel so viel auch als hier Stein' auf den Dächern,pba_120.040 Dennoch wagen wir es!" Also sprach Luther und ging
pba_120.001 Trockenheit und Plattheit, weil die metrische Form mit dem verstandesmäßigen pba_120.002 Jnhalt im Widerspruch steht.
pba_120.003 Ebenso in dem andern Herder'schen, welches „Der Abglanz“ pba_120.004 überschrieben ist:
pba_120.005
Hinter Wolken die Sonne zu sehn, gibt trügliche Lichter;pba_120.006 Ohne Wolken sie sehn, blendet und stumpft das Gesicht.pba_120.007 Also schaue du sie hienieden im ruhigen Abglanz;pba_120.008 Thaten lehren uns mehr als ein bezaubernder Blick.
pba_120.009 Jst es nicht, als ob man das matte, kahle Lemma läse zu dem pba_120.010 herrlichen Monologe im Beginne des zweiten Faust?
pba_120.011
Hinaufgeschaut! — Der Berge Gipfelriesenpba_120.012 Verkünden schon die feierlichste Stunde;pba_120.013 ............pba_120.014 Sie tritt hervor! — und leider schon geblendetpba_120.015 Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.pba_120.016 ............pba_120.017 So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!pba_120.018 Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,pba_120.019 Jhn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.pba_120.020 ............pba_120.021 Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,pba_120.022 Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,pba_120.023 ............pba_120.024 Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.pba_120.025 Jhm sinne nach und du begreifst genauer:pba_120.026 Am farb'gen Abglanz haben wir das Leben.
pba_120.027 Auch bei Goethe hat der Abschluß etwas Epigrammatisches; aber pba_120.028 das gesamte Bild und der daraus hervorspringende Gedanke ist für das pba_120.029 Epigramm unverwendbar, nicht weil ihm die Einheit fehlt — diese pba_120.030 ist im strengsten Sinne vorhanden — sondern weil durch die Einseitigkeit,pba_120.031 welche das Epigramm gebieterisch verlangt, seine ganze mächtige Wirkung pba_120.032 auf die Empfindung, durch die allein er poetisch ist, geraubt werden muß.
pba_120.033 Freilich fehlt den beiden citierten Epigrammen noch mehr: sie ermangeln pba_120.034 zugleich in ihrem ersten Teile der Anschaulichkeit und Gegenwart pba_120.035 der sinnlichen Darstellung; aber auch wo diese in weit höherem pba_120.036 Maße gelungen ist, zeigt sich in Herder's Epigrammen jener entscheidende pba_120.037 Mangel oft genug. Als Beispiel diene das folgende:
pba_120.038
Reformation.pba_120.039
„Wären der Teufel so viel auch als hier Stein' auf den Dächern,pba_120.040 Dennoch wagen wir es!“ Also sprach Luther und ging
<TEI><text><body><divn="1"><p><pbfacs="#f0138"n="120"/><lbn="pba_120.001"/>
Trockenheit und Plattheit, weil die metrische Form mit dem verstandesmäßigen <lbn="pba_120.002"/>
Jnhalt im Widerspruch steht.</p><p><lbn="pba_120.003"/>
Ebenso in dem andern Herder'schen, welches „<hirendition="#g">Der Abglanz</hi>“<lbn="pba_120.004"/>
überschrieben ist:</p><lbn="pba_120.005"/><lg><l>Hinter Wolken die Sonne zu sehn, gibt trügliche Lichter;</l><lbn="pba_120.006"/><l> Ohne Wolken sie sehn, blendet und stumpft das Gesicht.</l><lbn="pba_120.007"/><l>Also schaue du sie hienieden im ruhigen Abglanz;</l><lbn="pba_120.008"/><l> Thaten lehren uns mehr als ein bezaubernder Blick.</l></lg><p><lbn="pba_120.009"/>
Jst es nicht, als ob man das matte, kahle Lemma läse zu dem <lbn="pba_120.010"/>
herrlichen Monologe im Beginne des zweiten Faust?</p><lbn="pba_120.011"/><lg><l>Hinaufgeschaut! — Der Berge Gipfelriesen</l><lbn="pba_120.012"/><l>Verkünden schon die feierlichste Stunde;</l><lbn="pba_120.013"/><l>............</l><lbn="pba_120.014"/><l>Sie tritt hervor! — und leider schon geblendet</l><lbn="pba_120.015"/><l>Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.</l><lbn="pba_120.016"/><l>............</l><lbn="pba_120.017"/><l>So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!</l><lbn="pba_120.018"/><l>Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,</l><lbn="pba_120.019"/><l>Jhn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.</l><lbn="pba_120.020"/><l>............</l><lbn="pba_120.021"/><l>Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,</l><lbn="pba_120.022"/><l>Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,</l><lbn="pba_120.023"/><l>............</l><lbn="pba_120.024"/><l><hirendition="#g">Der</hi> spiegelt ab das menschliche Bestreben.</l><lbn="pba_120.025"/><l>Jhm sinne nach und du begreifst genauer:</l><lbn="pba_120.026"/><l>Am farb'gen Abglanz haben wir das Leben.</l></lg><p><lbn="pba_120.027"/>
Auch bei <hirendition="#g">Goethe</hi> hat der Abschluß etwas Epigrammatisches; aber <lbn="pba_120.028"/>
das gesamte Bild und der daraus hervorspringende Gedanke ist für das <lbn="pba_120.029"/>
Epigramm unverwendbar, nicht weil ihm die <hirendition="#g">Einheit</hi> fehlt — diese <lbn="pba_120.030"/>
ist im strengsten Sinne vorhanden — sondern weil durch die <hirendition="#g">Einseitigkeit,</hi><lbn="pba_120.031"/>
welche das Epigramm gebieterisch verlangt, seine ganze mächtige Wirkung <lbn="pba_120.032"/>
auf die Empfindung, durch die allein er poetisch ist, geraubt werden muß.</p><p><lbn="pba_120.033"/>
Freilich fehlt den beiden citierten Epigrammen noch mehr: sie ermangeln <lbn="pba_120.034"/>
zugleich in ihrem ersten Teile der Anschaulichkeit und Gegenwart <lbn="pba_120.035"/>
der sinnlichen Darstellung; aber auch wo diese in weit höherem <lbn="pba_120.036"/>
Maße gelungen ist, zeigt sich in Herder's Epigrammen jener entscheidende <lbn="pba_120.037"/>
Mangel oft genug. Als Beispiel diene das folgende:</p><lbn="pba_120.038"/><p><hirendition="#c">Reformation.</hi><lbn="pba_120.039"/><lg><l>„Wären der Teufel so viel auch als hier Stein' auf den Dächern,</l><lbn="pba_120.040"/><l> Dennoch wagen wir es!“ Also sprach Luther und ging</l></lg></p></div></body></text></TEI>
[120/0138]
pba_120.001
Trockenheit und Plattheit, weil die metrische Form mit dem verstandesmäßigen pba_120.002
Jnhalt im Widerspruch steht.
pba_120.003
Ebenso in dem andern Herder'schen, welches „Der Abglanz“ pba_120.004
überschrieben ist:
pba_120.005
Hinter Wolken die Sonne zu sehn, gibt trügliche Lichter; pba_120.006
Ohne Wolken sie sehn, blendet und stumpft das Gesicht. pba_120.007
Also schaue du sie hienieden im ruhigen Abglanz; pba_120.008
Thaten lehren uns mehr als ein bezaubernder Blick.
pba_120.009
Jst es nicht, als ob man das matte, kahle Lemma läse zu dem pba_120.010
herrlichen Monologe im Beginne des zweiten Faust?
pba_120.011
Hinaufgeschaut! — Der Berge Gipfelriesen pba_120.012
Verkünden schon die feierlichste Stunde; pba_120.013
............ pba_120.014
Sie tritt hervor! — und leider schon geblendet pba_120.015
Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen. pba_120.016
............ pba_120.017
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken! pba_120.018
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, pba_120.019
Jhn schau' ich an mit wachsendem Entzücken. pba_120.020
............ pba_120.021
Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend, pba_120.022
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, pba_120.023
............ pba_120.024
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. pba_120.025
Jhm sinne nach und du begreifst genauer: pba_120.026
Am farb'gen Abglanz haben wir das Leben.
pba_120.027
Auch bei Goethe hat der Abschluß etwas Epigrammatisches; aber pba_120.028
das gesamte Bild und der daraus hervorspringende Gedanke ist für das pba_120.029
Epigramm unverwendbar, nicht weil ihm die Einheit fehlt — diese pba_120.030
ist im strengsten Sinne vorhanden — sondern weil durch die Einseitigkeit, pba_120.031
welche das Epigramm gebieterisch verlangt, seine ganze mächtige Wirkung pba_120.032
auf die Empfindung, durch die allein er poetisch ist, geraubt werden muß.
pba_120.033
Freilich fehlt den beiden citierten Epigrammen noch mehr: sie ermangeln pba_120.034
zugleich in ihrem ersten Teile der Anschaulichkeit und Gegenwart pba_120.035
der sinnlichen Darstellung; aber auch wo diese in weit höherem pba_120.036
Maße gelungen ist, zeigt sich in Herder's Epigrammen jener entscheidende pba_120.037
Mangel oft genug. Als Beispiel diene das folgende:
pba_120.038
Reformation. pba_120.039
„Wären der Teufel so viel auch als hier Stein' auf den Dächern, pba_120.040
Dennoch wagen wir es!“ Also sprach Luther und ging
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Technische Universität Darmstadt, Universität Stuttgart: Bereitstellung der Scan-Digitalisate und der Texttranskription.
(2015-09-30T09:54:39Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
TextGrid/DARIAH-DE: Langfristige Bereitstellung der TextGrid/DARIAH-DE-Repository-Ausgabe
Stefan Alscher: Bearbeitung der digitalen Edition - Annotation des Metaphernbegriffs
Hans-Werner Bartz: Bearbeitung der digitalen Edition - Tustep-Unterstützung
Michael Bender: Bearbeitung der digitalen Edition - Koordination, Konzeption (Korpusaufbau, Annotationsschema, Workflow, Publikationsformen), Annotation des Metaphernbegriffs, XML-Auszeichnung)
Leonie Blumenschein: Bearbeitung der digitalen Edition - XML-Auszeichnung
David Glück: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung, Annotation des Metaphernbegriffs, XSL+JavaScript
Constanze Hahn: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung
Philipp Hegel: Bearbeitung der digitalen Edition - XML/XSL/CSS-Unterstützung
Andrea Rapp: ePoetics-Projekt-Koordination
Sandra Richter: ePoetics-Projekt-Koordination
Weitere Informationen:
Bogensignaturen: keine Angabe;
Druckfehler: keine Angabe;
fremdsprachliches Material: gekennzeichnet;
Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage;
Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage;
i/j in Fraktur: wie Vorlage;
I/J in Fraktur: wie Vorlage;
Kolumnentitel: nicht übernommen;
Kustoden: nicht übernommen;
langes s (ſ): wie Vorlage;
Normalisierungen: keine;
rundes r (ꝛ): wie Vorlage;
Seitenumbrüche markiert: ja;
Silbentrennung: nicht übernommen;
u/v bzw. U/V: wie Vorlage;
Vokale mit übergest. e: wie Vorlage;
Vollständigkeit: vollständig erfasst;
Zeichensetzung: wie Vorlage;
Zeilenumbrüche markiert: ja;
Baumgart, Hermann: Handbuch der Poetik. Eine kritisch-theoretische Darstellung der Theorie der Dichtkunst. Stuttgart, 1887, S. 120. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/baumgart_poetik_1887/138>, abgerufen am 25.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.