Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bechstein, Ludwig: Der Dunkelgraf. Frankfurt (Main), 1854.

Bild:
<< vorherige Seite

25,000 Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.

Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie Teufel.



12. Das Wiedersehen.


Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre's der berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan's linken Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.

25,000 Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.

Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie Teufel.



12. Das Wiedersehen.


Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0325" n="321"/>
25,000 Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.</p>
          <p>Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie Teufel.</p>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        </div>
        <div n="2">
          <head>12. Das Wiedersehen.<lb/></head>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <p>Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre&#x2019;s der berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan&#x2019;s linken Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[321/0325] 25,000 Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister. Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie Teufel. 12. Das Wiedersehen. Es war Ludwig nicht möglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage nach Hildburghausen zurückzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hülfe zu leisten so viel nur immer möglich war, blieb er bis zur späten Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre’s der berühmte Divisionsgeneral Kleber einrückte, und wo sich Alles in gleicher Weise wiederholte: Fürsprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, so weit sie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei diesen Ueberzügen und Durchmärschen am meisten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beschloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jourdan’s linken Flügel befehligte, und dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmännern mit; so wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern sah es schauderhaft aus, keine Feder schildert die Gräuel dieser Verwüstung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

gutenberg.org: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in HTML. (2013-01-22T14:54:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus gutenberg.org entsprechen muss.
austrian literature online: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2013-01-22T14:54:31Z)
Frederike Neuber: Konvertierung von HTML nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2013-01-22T14:54:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Der Zeilenfall wurde aufgehoben, die Absätze beibehalten.
  • Silbentrennungen über Seitengrenzen hinweg werden beibehalten.
  • Die Majuskel J im Frakturdruck wird in der Transkription je nach Lautwert als I bzw. J wiedergegeben.
  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/bechstein_dunkelgraf_1854
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/bechstein_dunkelgraf_1854/325
Zitationshilfe: Bechstein, Ludwig: Der Dunkelgraf. Frankfurt (Main), 1854, S. 321. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bechstein_dunkelgraf_1854/325>, abgerufen am 22.05.2022.