im Quadrat, der die eigentliche Grabkammer umschloss, auf diesem war von Erde ein hoher Hügel, ähnlich einer abgestumpften Pyramide aufgeschüttet, auf deren oberer Fläche fünf Säulen mit Inschriften, welche die Thaten des Allyates verherrlichten, aufgerichtet waren. Dieses Denkmal ist noch heute sichthar am Gypäischen See auf dem Felde Bin Tepe, d. h. dem Felde der tausend Hügel. Das Material des Unterbaues waren grünliche, gut polierte Marmorquadern, die durch Schwalbenschwänze von Blei zusammengehalten wurden 1). Derselbe Allyates weihte unter vielen anderen Opfergaben, nachdem er von einer Krankheit genesen war, dem Tempel zu Delphi ein silbernes Mischgefäss, das auf einem Untersatze von poliertem Eisen stand. Dieses Gefäss, insbesondere der Untersatz, galt als das grösste Kunst- werk, was in Delphi stand. Glaukos aus Chios hatte es im Auftrage von Allyates gefertigt. Herodot erzählt: "Als er einer Krankheit ent- ronnen war, hatte er nach Delphi einen grossen silbernen Mischkrug geweiht und ein Untergestell dazu von gelötetem Eisen, das sehens- werteste vor allen anderen delphischen Weihgeschenken, ein Werk des Glaukos von Chios, welcher allein unter allen Menschen die Lötung 2) des Eisens erfunden hat." Wird auch der Ruhm der Ausführung dieses Kunstwerkes einem griechischen Künstler zugeschrieben, so dürfen wir doch sicher annehmen, dass die Ausführung nicht ohne Einwirkung des kunstsinnigen Königs geschah, der nach dem Gebrauche jener Zeit das Material zu dem Werke dem Künstler lieferte. Wir wissen, dass die lydische Kunst die Griechen vielfach beeinflusst hat. In der Vorliebe und in der Geschicklichkeit der Verarbeitung der Metalle standen diese mindestens auf der Höhe der Phönizier. Wenn der eiserne Untersatz des silbernen Mischkruges in Delphi so bewundert werden konnte, so lässt sich nichts Anderes annehmen, als dass seine Grundmasse aus poliertem Stahl bestand. Gewöhnliches Eisen hätte sich nicht Jahrhunderte durch so erhalten, dass es noch die Bewunderung der Nachwelt hätte hervor- rufen können. Dass die Lydier Meister der Stahlbereitung waren, geht aus einem erhaltenen Bruchstücke des Daimachos, eines Schriftstellers, der zur Zeit Alexander des Grossen lebte, hervor, in der es heisst: "Von Stahlsorten (Ton stomomaton) giebt es den Chalybischen, den von Synope, den Lydischen und den Lacedämonischen. Der Chalybische ist der beste für Zimmermannswerkzeuge, der Lacedämonische für Feilen, Bohrer, Grabstichel, und Meissel; der Lydische ist ebenfalls geeignet
1) Hamilton Asia minor 144, 145.
2) Griech. kollesis.
Syrien.
im Quadrat, der die eigentliche Grabkammer umschloſs, auf diesem war von Erde ein hoher Hügel, ähnlich einer abgestumpften Pyramide aufgeschüttet, auf deren oberer Fläche fünf Säulen mit Inschriften, welche die Thaten des Allyates verherrlichten, aufgerichtet waren. Dieses Denkmal ist noch heute sichthar am Gypäischen See auf dem Felde Bin Tepe, d. h. dem Felde der tausend Hügel. Das Material des Unterbaues waren grünliche, gut polierte Marmorquadern, die durch Schwalbenschwänze von Blei zusammengehalten wurden 1). Derselbe Allyates weihte unter vielen anderen Opfergaben, nachdem er von einer Krankheit genesen war, dem Tempel zu Delphi ein silbernes Mischgefäſs, das auf einem Untersatze von poliertem Eisen stand. Dieses Gefäſs, insbesondere der Untersatz, galt als das gröſste Kunst- werk, was in Delphi stand. Glaukos aus Chios hatte es im Auftrage von Allyates gefertigt. Herodot erzählt: „Als er einer Krankheit ent- ronnen war, hatte er nach Delphi einen groſsen silbernen Mischkrug geweiht und ein Untergestell dazu von gelötetem Eisen, das sehens- werteste vor allen anderen delphischen Weihgeschenken, ein Werk des Glaukos von Chios, welcher allein unter allen Menschen die Lötung 2) des Eisens erfunden hat.“ Wird auch der Ruhm der Ausführung dieses Kunstwerkes einem griechischen Künstler zugeschrieben, so dürfen wir doch sicher annehmen, daſs die Ausführung nicht ohne Einwirkung des kunstsinnigen Königs geschah, der nach dem Gebrauche jener Zeit das Material zu dem Werke dem Künstler lieferte. Wir wissen, daſs die lydische Kunst die Griechen vielfach beeinfluſst hat. In der Vorliebe und in der Geschicklichkeit der Verarbeitung der Metalle standen diese mindestens auf der Höhe der Phönizier. Wenn der eiserne Untersatz des silbernen Mischkruges in Delphi so bewundert werden konnte, so läſst sich nichts Anderes annehmen, als daſs seine Grundmasse aus poliertem Stahl bestand. Gewöhnliches Eisen hätte sich nicht Jahrhunderte durch so erhalten, daſs es noch die Bewunderung der Nachwelt hätte hervor- rufen können. Daſs die Lydier Meister der Stahlbereitung waren, geht aus einem erhaltenen Bruchstücke des Daimachos, eines Schriftstellers, der zur Zeit Alexander des Groſsen lebte, hervor, in der es heiſst: „Von Stahlsorten (Τῶν στόμωμάτων) giebt es den Chalybischen, den von Synope, den Lydischen und den Lacedämonischen. Der Chalybische ist der beste für Zimmermannswerkzeuge, der Lacedämonische für Feilen, Bohrer, Grabstichel, und Meiſsel; der Lydische ist ebenfalls geeignet
1) Hamilton Asia minor 144, 145.
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Syrien.
im Quadrat, der die eigentliche Grabkammer umschloſs, auf diesem
war von Erde ein hoher Hügel, ähnlich einer abgestumpften Pyramide
aufgeschüttet, auf deren oberer Fläche fünf Säulen mit Inschriften,
welche die Thaten des Allyates verherrlichten, aufgerichtet waren.
Dieses Denkmal ist noch heute sichthar am Gypäischen See auf dem
Felde Bin Tepe, d. h. dem Felde der tausend Hügel. Das Material des
Unterbaues waren grünliche, gut polierte Marmorquadern, die durch
Schwalbenschwänze von Blei zusammengehalten wurden 1). Derselbe
Allyates weihte unter vielen anderen Opfergaben, nachdem er von
einer Krankheit genesen war, dem Tempel zu Delphi ein silbernes
Mischgefäſs, das auf einem Untersatze von poliertem Eisen stand.
Dieses Gefäſs, insbesondere der Untersatz, galt als das gröſste Kunst-
werk, was in Delphi stand. Glaukos aus Chios hatte es im Auftrage
von Allyates gefertigt. Herodot erzählt: „Als er einer Krankheit ent-
ronnen war, hatte er nach Delphi einen groſsen silbernen Mischkrug
geweiht und ein Untergestell dazu von gelötetem Eisen, das sehens-
werteste vor allen anderen delphischen Weihgeschenken, ein Werk des
Glaukos von Chios, welcher allein unter allen Menschen die Lötung 2)
des Eisens erfunden hat.“ Wird auch der Ruhm der Ausführung dieses
Kunstwerkes einem griechischen Künstler zugeschrieben, so dürfen wir
doch sicher annehmen, daſs die Ausführung nicht ohne Einwirkung
des kunstsinnigen Königs geschah, der nach dem Gebrauche jener Zeit
das Material zu dem Werke dem Künstler lieferte. Wir wissen, daſs
die lydische Kunst die Griechen vielfach beeinfluſst hat. In der Vorliebe
und in der Geschicklichkeit der Verarbeitung der Metalle standen diese
mindestens auf der Höhe der Phönizier. Wenn der eiserne Untersatz des
silbernen Mischkruges in Delphi so bewundert werden konnte, so läſst
sich nichts Anderes annehmen, als daſs seine Grundmasse aus poliertem
Stahl bestand. Gewöhnliches Eisen hätte sich nicht Jahrhunderte durch
so erhalten, daſs es noch die Bewunderung der Nachwelt hätte hervor-
rufen können. Daſs die Lydier Meister der Stahlbereitung waren, geht
aus einem erhaltenen Bruchstücke des Daimachos, eines Schriftstellers,
der zur Zeit Alexander des Groſsen lebte, hervor, in der es heiſst: „Von
Stahlsorten (Τῶν στόμωμάτων) giebt es den Chalybischen, den von
Synope, den Lydischen und den Lacedämonischen. Der Chalybische
ist der beste für Zimmermannswerkzeuge, der Lacedämonische für Feilen,
Bohrer, Grabstichel, und Meiſsel; der Lydische ist ebenfalls geeignet
1) Hamilton Asia minor 144, 145.
2) Griech. κόλλησις.
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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 1: Von der ältesten Zeit bis um das Jahr 1500 n. Chr. Braunschweig, 1884, S. 201. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen01_1884/223>, abgerufen am 10.08.2024.
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