Behrens, Georg Henning: Hercynia Curiosa, oder Curiöser Hartz-Wald. Nordhausen, 1703.Das I Capitel diejenigen nur am allernechsten dabey kommen/ welche glauben/ daßdie materia proxima oder näheste Materie des gegrabenen Einhorns eine fette und thonichte Erde sey/ welche zu Latein Marga, auf Deütsch aber Mergel oder Steinmarck genennet/ und an vielen Orten Teütsch-Landes/ sonderlich um den Hartz herum/ häuffig gefunden wird/ wie man denn auch nicht gar weit von der Scharzfel- sischen Höle ein grosse Mergel-Grube antrifft/ daraus die da herum wohnende Land-Leüthe den Mergel holen/ um damit ihre Aecker und Wiesen zu düngen/ weilen sie denselben an statt des Mistes brauchen/ wie vielen bekannt ist. Aus solcher Mergel-Erde wird nun das ge- grabene Einhorn generiret/ wenn nemlich ein durch die Berg-Ritzen fliessendes unterirdisches Stein-Wasser oder steinigter Safft sich mit derselben genau vermischet/ und so flüßig machet/ daß sie von dar in Gestalt einer Milch oder dünnen Masse durch die Erd-Löcher in einen gewissen holen Ort/ als in eine Forme oder Model fliesset/ in welchen solche dünne Materie nach und nach dicker/ auch endlich/ wenn die blosse wässerige Feüchtigkeit sich gäntzlich verzehret hat/ da- selbst coaguliret/ und in einen Stein verwandelt wird/ welches denn auch keine unmügliche Sache ist/ weilen gedachtes Stein-Wasser mehrentheils aus solvirten oder aufgelöseteu Steinen bestehet/ und vermittelst seiner irdischen und saltzigen Theile/ auch darinnen coa- gulirenden salinischen spiritus lapidifici leichtlich dergleichen Ver- steinerung verursachen kan: Was nun vor gemeldete Erd-Mutter oder Patrone vor eine Gestalt hat/ das nimmet auch die darinnen coagulirte Masse an/ denn ist die Mutter nach der Form eines Knochens von Menschen oder Thieren disponiret/ so siehet das Kind derselben sehr ähnlich/ und hat der steinerne Knoche alsdenn die eigentliche Gestalt eines natürlichen Knochens an sich; wenn aber die patrone unförmlich/ so wird auch daraus nicht leichtlich ein gebildetes sondern vielmehr ungebildetes Stück herkommen. Die- sem nach siehet man hieraus/ welcher Gestalt die Beschaffenheit des Ortes/ worinnen der von dem Stein-machenden Wasser solvirte Mergel geflossen/ viel zur Formirung solcher Figuren helffe/ wie- wohl auch einigen/ denen solches nicht genug zu seyn scheinet/ zuge- geben
Das I Capitel diejenigen nur am allernechſten dabey kommen/ welche glauben/ daßdie materia proxima oder naͤheſte Materie des gegrabenen Einhorns eine fette und thonichte Erde ſey/ welche zu Latein Marga, auf Deuͤtſch aber Mergel oder Steinmarck genennet/ und an vielen Orten Teuͤtſch-Landes/ ſonderlich um den Hartz herum/ haͤuffig gefunden wird/ wie man denn auch nicht gar weit von der Scharzfel- ſiſchen Hoͤle ein groſſe Mergel-Grube antrifft/ daraus die da herum wohnende Land-Leuͤthe den Mergel holen/ um damit ihre Aecker und Wieſen zu duͤngen/ weilen ſie denſelben an ſtatt des Miſtes brauchen/ wie vielen bekannt iſt. Aus ſolcher Mergel-Erde wird nun das ge- grabene Einhorn generiret/ wenn nemlich ein durch die Berg-Ritzen flieſſendes unterirdiſches Stein-Waſſer oder ſteinigter Safft ſich mit derſelben genau vermiſchet/ und ſo fluͤßig machet/ daß ſie von dar in Geſtalt einer Milch oder duͤnnen Maſſe durch die Erd-Loͤcher in einen gewiſſen holen Ort/ als in eine Forme oder Model flieſſet/ in welchen ſolche duͤnne Materie nach und nach dicker/ auch endlich/ wenn die bloſſe waͤſſerige Feuͤchtigkeit ſich gaͤntzlich verzehret hat/ da- ſelbſt coaguliret/ und in einen Stein verwandelt wird/ welches denn auch keine unmuͤgliche Sache iſt/ weilen gedachtes Stein-Waſſer mehrentheils aus ſolvirten oder aufgeloͤſeteu Steinen beſtehet/ und vermittelſt ſeiner irdiſchen und ſaltzigen Theile/ auch darinnen coa- gulirenden ſaliniſchen ſpiritus lapidifici leichtlich dergleichen Ver- ſteinerung verurſachen kan: Was nun vor gemeldete Erd-Mutter oder Patrone vor eine Geſtalt hat/ das nimmet auch die darinnen coagulirte Maſſe an/ denn iſt die Mutter nach der Form eines Knochens von Menſchen oder Thieren diſponiret/ ſo ſiehet das Kind derſelben ſehr aͤhnlich/ und hat der ſteinerne Knoche alsdenn die eigentliche Geſtalt eines natuͤrlichen Knochens an ſich; wenn aber die patrone unfoͤrmlich/ ſo wird auch daraus nicht leichtlich ein gebildetes ſondern vielmehr ungebildetes Stuͤck herkommen. Die- ſem nach ſiehet man hieraus/ welcher Geſtalt die Beſchaffenheit des Ortes/ worinnen der von dem Stein-machenden Waſſer ſolvirte Mergel gefloſſen/ viel zur Formirung ſolcher Figuren helffe/ wie- wohl auch einigen/ denen ſolches nicht genug zu ſeyn ſcheinet/ zuge- geben
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Das I Capitel
diejenigen nur am allernechſten dabey kommen/ welche glauben/ daß
die materia proxima oder naͤheſte Materie des gegrabenen Einhorns
eine fette und thonichte Erde ſey/ welche zu Latein Marga, auf
Deuͤtſch aber Mergel oder Steinmarck genennet/ und an vielen
Orten Teuͤtſch-Landes/ ſonderlich um den Hartz herum/ haͤuffig
gefunden wird/ wie man denn auch nicht gar weit von der Scharzfel-
ſiſchen Hoͤle ein groſſe Mergel-Grube antrifft/ daraus die da herum
wohnende Land-Leuͤthe den Mergel holen/ um damit ihre Aecker und
Wieſen zu duͤngen/ weilen ſie denſelben an ſtatt des Miſtes brauchen/
wie vielen bekannt iſt. Aus ſolcher Mergel-Erde wird nun das ge-
grabene Einhorn generiret/ wenn nemlich ein durch die Berg-Ritzen
flieſſendes unterirdiſches Stein-Waſſer oder ſteinigter Safft ſich
mit derſelben genau vermiſchet/ und ſo fluͤßig machet/ daß ſie von dar
in Geſtalt einer Milch oder duͤnnen Maſſe durch die Erd-Loͤcher in
einen gewiſſen holen Ort/ als in eine Forme oder Model flieſſet/ in
welchen ſolche duͤnne Materie nach und nach dicker/ auch endlich/
wenn die bloſſe waͤſſerige Feuͤchtigkeit ſich gaͤntzlich verzehret hat/ da-
ſelbſt coaguliret/ und in einen Stein verwandelt wird/ welches denn
auch keine unmuͤgliche Sache iſt/ weilen gedachtes Stein-Waſſer
mehrentheils aus ſolvirten oder aufgeloͤſeteu Steinen beſtehet/ und
vermittelſt ſeiner irdiſchen und ſaltzigen Theile/ auch darinnen coa-
gulirenden ſaliniſchen ſpiritus lapidifici leichtlich dergleichen Ver-
ſteinerung verurſachen kan: Was nun vor gemeldete Erd-Mutter
oder Patrone vor eine Geſtalt hat/ das nimmet auch die darinnen
coagulirte Maſſe an/ denn iſt die Mutter nach der Form eines
Knochens von Menſchen oder Thieren diſponiret/ ſo ſiehet das
Kind derſelben ſehr aͤhnlich/ und hat der ſteinerne Knoche alsdenn
die eigentliche Geſtalt eines natuͤrlichen Knochens an ſich; wenn
aber die patrone unfoͤrmlich/ ſo wird auch daraus nicht leichtlich ein
gebildetes ſondern vielmehr ungebildetes Stuͤck herkommen. Die-
ſem nach ſiehet man hieraus/ welcher Geſtalt die Beſchaffenheit des
Ortes/ worinnen der von dem Stein-machenden Waſſer ſolvirte
Mergel gefloſſen/ viel zur Formirung ſolcher Figuren helffe/ wie-
wohl auch einigen/ denen ſolches nicht genug zu ſeyn ſcheinet/ zuge-
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