"Das Lumen (man sollte es die Funzel nennen) sagt, Gott sei wie die Luft, die man auch nicht sieht, aber spürt, und ohne die man nicht leben könne. Dann ist die Philosophie wohl eine Luft¬ pumpe. Man setze die Funzel hinein, und sie wird verlöschen. Deshalb hat sie auch so einen Abscheu vor der Philosophie."
[Abbildung]
Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsaus¬ brüche in diesem Tagebuch, so sehr Stilpe auch be¬ müht war, in ihm den scharfen Geist zu posieren, dessen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angst erhaben war. Dann türmte er bedenkliche Jamben- Quadern aufeinander:
Ich bin ein Mensch, und, hat mich Gott gemacht, So soll er einstehn auch für das Gemachte Und soll nicht Sünde heißen, was ich thu, Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern. Ich bin voll Wollust, und ich schreie laut Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit. So gebt sie mir, denn Gott hats so gewollt,
7 *
Zweites Buch, zweites Kapitel.
„Das Lumen (man ſollte es die Funzel nennen) ſagt, Gott ſei wie die Luft, die man auch nicht ſieht, aber ſpürt, und ohne die man nicht leben könne. Dann iſt die Philoſophie wohl eine Luft¬ pumpe. Man ſetze die Funzel hinein, und ſie wird verlöſchen. Deshalb hat ſie auch ſo einen Abſcheu vor der Philoſophie.“
[Abbildung]
Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsaus¬ brüche in dieſem Tagebuch, ſo ſehr Stilpe auch be¬ müht war, in ihm den ſcharfen Geiſt zu poſieren, deſſen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angſt erhaben war. Dann türmte er bedenkliche Jamben- Quadern aufeinander:
Ich bin ein Menſch, und, hat mich Gott gemacht, So ſoll er einſtehn auch für das Gemachte Und ſoll nicht Sünde heißen, was ich thu, Und ſeiner Pfaffen ekelhafte Schaar Auf mich loslaſſen wie ein Heer von Geiern. Ich bin voll Wolluſt, und ich ſchreie laut Nach Wolluſt wie der Hirſch nach Waſſer ſchreit. So gebt ſie mir, denn Gott hats ſo gewollt,
7 *
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><pbfacs="#f0113"n="99"/><fwplace="top"type="header">Zweites Buch, zweites Kapitel.<lb/></fw><p>„Das Lumen (man ſollte es die Funzel nennen)<lb/>ſagt, Gott ſei wie die Luft, die man auch nicht<lb/>ſieht, aber ſpürt, und ohne die man nicht leben<lb/>
könne. Dann iſt die Philoſophie wohl eine Luft¬<lb/>
pumpe. Man ſetze die Funzel hinein, und ſie<lb/>
wird verlöſchen. Deshalb hat ſie auch ſo einen<lb/>
Abſcheu vor der Philoſophie.“</p><lb/><figure/><p>Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsaus¬<lb/>
brüche in dieſem Tagebuch, ſo ſehr Stilpe auch be¬<lb/>
müht war, in ihm den ſcharfen Geiſt zu poſieren,<lb/>
deſſen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angſt<lb/>
erhaben war. Dann türmte er bedenkliche Jamben-<lb/>
Quadern aufeinander:</p><lb/><lgtype="poem"><l>Ich bin ein Menſch, und, hat mich Gott gemacht,</l><lb/><l>So ſoll er einſtehn auch für das Gemachte</l><lb/><l>Und ſoll nicht Sünde heißen, was ich thu,</l><lb/><l>Und ſeiner Pfaffen ekelhafte Schaar</l><lb/><l>Auf mich loslaſſen wie ein Heer von Geiern.</l><lb/><l>Ich bin voll Wolluſt, und ich ſchreie laut</l><lb/><l>Nach Wolluſt wie der Hirſch nach Waſſer ſchreit.</l><lb/><l>So gebt ſie mir, denn Gott hats ſo gewollt,</l><lb/><fwplace="bottom"type="sig">7 *<lb/></fw></lg></div></div></body></text></TEI>
[99/0113]
Zweites Buch, zweites Kapitel.
„Das Lumen (man ſollte es die Funzel nennen)
ſagt, Gott ſei wie die Luft, die man auch nicht
ſieht, aber ſpürt, und ohne die man nicht leben
könne. Dann iſt die Philoſophie wohl eine Luft¬
pumpe. Man ſetze die Funzel hinein, und ſie
wird verlöſchen. Deshalb hat ſie auch ſo einen
Abſcheu vor der Philoſophie.“
[Abbildung]
Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsaus¬
brüche in dieſem Tagebuch, ſo ſehr Stilpe auch be¬
müht war, in ihm den ſcharfen Geiſt zu poſieren,
deſſen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angſt
erhaben war. Dann türmte er bedenkliche Jamben-
Quadern aufeinander:
Ich bin ein Menſch, und, hat mich Gott gemacht,
So ſoll er einſtehn auch für das Gemachte
Und ſoll nicht Sünde heißen, was ich thu,
Und ſeiner Pfaffen ekelhafte Schaar
Auf mich loslaſſen wie ein Heer von Geiern.
Ich bin voll Wolluſt, und ich ſchreie laut
Nach Wolluſt wie der Hirſch nach Waſſer ſchreit.
So gebt ſie mir, denn Gott hats ſo gewollt,
7 *
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend
gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien
von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem
DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.
Bierbaum, Otto Julius: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive. Berlin, 1897, S. 99. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bierbaum_stilpe_1897/113>, abgerufen am 10.08.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.