zücken bei dem Gedanken, die große That im Verein mit Girlinger zu vollführen und wei¬ dete sich an der Vorstellung, welchen Eindruck es machen würde, wenn nicht blos er, der "zweifel¬ hafte Schüler", durchgebrannt und verschwunden war, sondern mit ihm der gepriesene Musterknabe und Primus. Mit besonderem Genusse stilisierte er sich im Geiste die Notizen, die über dieses Er¬ eignis in den Blättern stehen würden. Er kam sogar auf die Idee, eine "Rechtfertigung" abzu¬ fassen, die er auf irgend eine Weise (das Wie über¬ ließ er späterer Überlegung) drei Tage nach ihrer Flucht (Flucht!) von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen lassen wollte. Vielleicht durch den Deklamator? Oder durch Martha? Diese Frage beschäftigte ihn am meisten.
Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in kurzen Worten, aber sehr ernst, daß er bereit sei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen. Denn es sei noch viel zu ordnen und zu be¬ denken. Er könne, Alles in Allem, 250 Mark zusammenbringen, teils durch Bücherverkauf, teils durch seine Schwestern. Mindestens so viel müsse aber Stilpe beschaffen. Diese Summe werde für jeden zur Hinreise genügen (er hatte das Hendschel¬
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Zweites Buch, viertes Kapitel.
zücken bei dem Gedanken, die große That im Verein mit Girlinger zu vollführen und wei¬ dete ſich an der Vorſtellung, welchen Eindruck es machen würde, wenn nicht blos er, der „zweifel¬ hafte Schüler“, durchgebrannt und verſchwunden war, ſondern mit ihm der geprieſene Muſterknabe und Primus. Mit beſonderem Genuſſe ſtiliſierte er ſich im Geiſte die Notizen, die über dieſes Er¬ eignis in den Blättern ſtehen würden. Er kam ſogar auf die Idee, eine „Rechtfertigung“ abzu¬ faſſen, die er auf irgend eine Weiſe (das Wie über¬ ließ er ſpäterer Überlegung) drei Tage nach ihrer Flucht (Flucht!) von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen laſſen wollte. Vielleicht durch den Deklamator? Oder durch Martha? Dieſe Frage beſchäftigte ihn am meiſten.
Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in kurzen Worten, aber ſehr ernſt, daß er bereit ſei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen. Denn es ſei noch viel zu ordnen und zu be¬ denken. Er könne, Alles in Allem, 250 Mark zuſammenbringen, teils durch Bücherverkauf, teils durch ſeine Schweſtern. Mindeſtens ſo viel müſſe aber Stilpe beſchaffen. Dieſe Summe werde für jeden zur Hinreiſe genügen (er hatte das Hendſchel¬
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Zweites Buch, viertes Kapitel.
zücken bei dem Gedanken, die große That im
Verein mit Girlinger zu vollführen und wei¬
dete ſich an der Vorſtellung, welchen Eindruck es
machen würde, wenn nicht blos er, der „zweifel¬
hafte Schüler“, durchgebrannt und verſchwunden
war, ſondern mit ihm der geprieſene Muſterknabe
und Primus. Mit beſonderem Genuſſe ſtiliſierte
er ſich im Geiſte die Notizen, die über dieſes Er¬
eignis in den Blättern ſtehen würden. Er kam
ſogar auf die Idee, eine „Rechtfertigung“ abzu¬
faſſen, die er auf irgend eine Weiſe (das Wie über¬
ließ er ſpäterer Überlegung) drei Tage nach ihrer
Flucht (Flucht!) von Leipzig aus dem Leipziger
Tageblatt zukommen laſſen wollte. Vielleicht durch
den Deklamator? Oder durch Martha? Dieſe
Frage beſchäftigte ihn am meiſten.
Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in
kurzen Worten, aber ſehr ernſt, daß er bereit
ſei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen.
Denn es ſei noch viel zu ordnen und zu be¬
denken. Er könne, Alles in Allem, 250 Mark
zuſammenbringen, teils durch Bücherverkauf, teils
durch ſeine Schweſtern. Mindeſtens ſo viel müſſe
aber Stilpe beſchaffen. Dieſe Summe werde für
jeden zur Hinreiſe genügen (er hatte das Hendſchel¬
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Bierbaum, Otto Julius: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive. Berlin, 1897, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bierbaum_stilpe_1897/145>, abgerufen am 10.08.2024.
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