-- Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht. Wir wollen noch einmal fröhlich sein.
Er gab sich hier sonst gerne frivol, weil er fürchtete, im andern Falle seine Jugend zu ver¬ raten, die ihn in diesem Hause immer etwas ge¬ nierte, aber diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen.
-- Jetzt wird mirs aber ängstlich, Schnutchen. Wer soll mir denn dann Verse vorlesen?
-- Du brauchst nicht so spöttisch zu sein.
-- Aber nee, ich mein's ernst, auf Ehre. Ich kann sie ja auswendig!
Und sie deklamierte mit unverstellter Genug¬ thuung:
Wie jene Ritter in der alten Zeit, Die für die Liebe stritten todbereit, Streit ich für Dich und Deine Edelheit.
Ich liebe Dich und glühe mich Dir an, Vor Deinen Füßen lieg ich, sieh mich an, Ein Knabe bin ich, küsse mich zum Mann!
Nein, bin kein Knabe! Denn ich weiß durch Dich, Was Liebe ist, Dein Blick erweckte mich, Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich!
Stilpe.
— Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht. Wir wollen noch einmal fröhlich ſein.
Er gab ſich hier ſonſt gerne frivol, weil er fürchtete, im andern Falle ſeine Jugend zu ver¬ raten, die ihn in dieſem Hauſe immer etwas ge¬ nierte, aber diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen.
— Jetzt wird mirs aber ängſtlich, Schnutchen. Wer ſoll mir denn dann Verſe vorleſen?
— Du brauchſt nicht ſo ſpöttiſch zu ſein.
— Aber nee, ich mein's ernſt, auf Ehre. Ich kann ſie ja auswendig!
Und ſie deklamierte mit unverſtellter Genug¬ thuung:
Wie jene Ritter in der alten Zeit, Die für die Liebe ſtritten todbereit, Streit ich für Dich und Deine Edelheit.
Ich liebe Dich und glühe mich Dir an, Vor Deinen Füßen lieg ich, ſieh mich an, Ein Knabe bin ich, küſſe mich zum Mann!
Nein, bin kein Knabe! Denn ich weiß durch Dich, Was Liebe iſt, Dein Blick erweckte mich, Drum ſing ich Dank Dir heut und ewiglich!
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Stilpe.
— Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht.
Wir wollen noch einmal fröhlich ſein.
Er gab ſich hier ſonſt gerne frivol, weil er
fürchtete, im andern Falle ſeine Jugend zu ver¬
raten, die ihn in dieſem Hauſe immer etwas ge¬
nierte, aber diesmal konnte er die jugendliche
Feierlichkeit nicht verleugnen.
— Jetzt wird mirs aber ängſtlich, Schnutchen.
Wer ſoll mir denn dann Verſe vorleſen?
— Du brauchſt nicht ſo ſpöttiſch zu ſein.
— Aber nee, ich mein's ernſt, auf Ehre. Ich
kann ſie ja auswendig!
Und ſie deklamierte mit unverſtellter Genug¬
thuung:
Wie jene Ritter in der alten Zeit,
Die für die Liebe ſtritten todbereit,
Streit ich für Dich und Deine Edelheit.
Ich liebe Dich und glühe mich Dir an,
Vor Deinen Füßen lieg ich, ſieh mich an,
Ein Knabe bin ich, küſſe mich zum Mann!
Nein, bin kein Knabe! Denn ich weiß durch Dich,
Was Liebe iſt, Dein Blick erweckte mich,
Drum ſing ich Dank Dir heut und ewiglich!
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Bierbaum, Otto Julius: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive. Berlin, 1897, S. 154. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bierbaum_stilpe_1897/168>, abgerufen am 10.08.2024.
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