ein bischen? Zumal die, die sich so verdorben stellen und so selig in der Einbildung sind, ge¬ waltige und verruchte Sünder zu sein, -- sind sie nicht wirklich beneidenswert? Kerls, die sich noch geißeln können, muß man die nicht beneiden?
Und überhaupt dieses Behagen, sich in Versen auszuschwemmen. Es ist ganz sicher eine ejakula¬ tive Wollust.
Und der Rhythmus ist das Leben, Und die Prosa ist der Tod . . .
Hol sie der Teufel! Sie genieren mich. Sie erinnern mich an Zeiten, da ich gerade so dumm und pueril war wie sie, und ich finde, es ist ungerecht, daß ich leiden muß, weil ich klüger wurde . . .
Also: Ich leide? Sehr schön gesagt. Ein dekoratives Wörtchen. Schon die Stimmgabel zum lyrischen Gesang.
Ich werde mir auch so eine dicke schwarze Hals¬ binde kaufen, die Einem so was Biedermeierisch¬ halbabgewürgtes giebt und zur lyrischen Livree von heute gehört."
[Abbildung]
Viertes Buch, erſtes Kapitel.
ein bischen? Zumal die, die ſich ſo verdorben ſtellen und ſo ſelig in der Einbildung ſind, ge¬ waltige und verruchte Sünder zu ſein, — ſind ſie nicht wirklich beneidenswert? Kerls, die ſich noch geißeln können, muß man die nicht beneiden?
Und überhaupt dieſes Behagen, ſich in Verſen auszuſchwemmen. Es iſt ganz ſicher eine ejakula¬ tive Wolluſt.
Und der Rhythmus iſt das Leben, Und die Proſa iſt der Tod . . .
Hol ſie der Teufel! Sie genieren mich. Sie erinnern mich an Zeiten, da ich gerade ſo dumm und pueril war wie ſie, und ich finde, es iſt ungerecht, daß ich leiden muß, weil ich klüger wurde . . .
Alſo: Ich leide? Sehr ſchön geſagt. Ein dekoratives Wörtchen. Schon die Stimmgabel zum lyriſchen Geſang.
Ich werde mir auch ſo eine dicke ſchwarze Hals¬ binde kaufen, die Einem ſo was Biedermeieriſch¬ halbabgewürgtes giebt und zur lyriſchen Livrée von heute gehört.“
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Viertes Buch, erſtes Kapitel.
ein bischen? Zumal die, die ſich ſo verdorben
ſtellen und ſo ſelig in der Einbildung ſind, ge¬
waltige und verruchte Sünder zu ſein, — ſind ſie
nicht wirklich beneidenswert? Kerls, die ſich noch
geißeln können, muß man die nicht beneiden?
Und überhaupt dieſes Behagen, ſich in Verſen
auszuſchwemmen. Es iſt ganz ſicher eine ejakula¬
tive Wolluſt.
Und der Rhythmus iſt das Leben,
Und die Proſa iſt der Tod . . .
Hol ſie der Teufel! Sie genieren mich. Sie
erinnern mich an Zeiten, da ich gerade ſo dumm
und pueril war wie ſie, und ich finde, es iſt
ungerecht, daß ich leiden muß, weil ich klüger
wurde . . .
Alſo: Ich leide? Sehr ſchön geſagt. Ein
dekoratives Wörtchen. Schon die Stimmgabel zum
lyriſchen Geſang.
Ich werde mir auch ſo eine dicke ſchwarze Hals¬
binde kaufen, die Einem ſo was Biedermeieriſch¬
halbabgewürgtes giebt und zur lyriſchen Livrée von
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Bierbaum, Otto Julius: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive. Berlin, 1897, S. 313. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bierbaum_stilpe_1897/327>, abgerufen am 10.08.2024.
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