Oder auch Verfeinerung und Luxus, worin z. B. die weichen und weibischen Otaheiten so weit über den männlichen und festen Neu-Seeländern stehen.
Nicht von dieser physiognomischen Gesichtsform also, sondern von den Ursachen der Nationalgesich- ter, der eigensten Figur, Verhältniß und Richtung ihrer Theile handeln wir, in welchen Stücken allen die verschiedenen Racen des Menschengeschlechts al- lerdings, wie wir gesehen haben, etwas Eigenthüm- liches und Charakteristisches haben.
Allein die Untersuchung dieser Ursachen hat so große Schwierigkeiten, daß man wohl bloße Wahr- scheinlichkeit durch Muthmaßung herausbringen dürfte.
Mich überzeugen besonders drey Gründe, daß in der That das Klima eine Hauptursache des Na- tionalgesichts sey.
1) Sehen wir, daß das Nationalgesicht bey gewissen Völkern eines gewissen bestimmten Him- melsstriches so gemeinsam, und bey den Menschen verschiedner Stände und Lebensarten immer eins und dasselbe sey, daß man es kaum einer andern Ursache zuschreiben kann. Zum Beyspiel dienen die Sineser, welche alle ihr gleichsam flaches Gesicht eben so gut charakterisirt, als bey uns Europäern die Englän- der und Majorkauer105) ihre symmetrische und unge- meine Schönheit.
2) Auch
105) S. Memoires du Cardinal de Retz. Th. 3. S. 343.
Oder auch Verfeinerung und Luxus, worin z. B. die weichen und weibiſchen Otaheiten ſo weit uͤber den maͤnnlichen und feſten Neu-Seelaͤndern ſtehen.
Nicht von dieſer phyſiognomiſchen Geſichtsform alſo, ſondern von den Urſachen der Nationalgeſich- ter, der eigenſten Figur, Verhaͤltniß und Richtung ihrer Theile handeln wir, in welchen Stuͤcken allen die verſchiedenen Racen des Menſchengeſchlechts al- lerdings, wie wir geſehen haben, etwas Eigenthuͤm- liches und Charakteriſtiſches haben.
Allein die Unterſuchung dieſer Urſachen hat ſo große Schwierigkeiten, daß man wohl bloße Wahr- ſcheinlichkeit durch Muthmaßung herausbringen duͤrfte.
Mich uͤberzeugen beſonders drey Gruͤnde, daß in der That das Klima eine Haupturſache des Na- tionalgeſichts ſey.
1) Sehen wir, daß das Nationalgeſicht bey gewiſſen Voͤlkern eines gewiſſen beſtimmten Him- melsſtriches ſo gemeinſam, und bey den Menſchen verſchiedner Staͤnde und Lebensarten immer eins und daſſelbe ſey, daß man es kaum einer andern Urſache zuſchreiben kann. Zum Beyſpiel dienen die Sineſer, welche alle ihr gleichſam flaches Geſicht eben ſo gut charakteriſirt, als bey uns Europaͤern die Englaͤn- der und Majorkauer105) ihre ſymmetriſche und unge- meine Schoͤnheit.
2) Auch
105) S. Memoires du Cardinal de Retz. Th. 3. S. 343.
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Oder auch Verfeinerung und Luxus, worin z.
B. die weichen und weibiſchen Otaheiten ſo weit uͤber
den maͤnnlichen und feſten Neu-Seelaͤndern ſtehen.
Nicht von dieſer phyſiognomiſchen Geſichtsform
alſo, ſondern von den Urſachen der Nationalgeſich-
ter, der eigenſten Figur, Verhaͤltniß und Richtung
ihrer Theile handeln wir, in welchen Stuͤcken allen
die verſchiedenen Racen des Menſchengeſchlechts al-
lerdings, wie wir geſehen haben, etwas Eigenthuͤm-
liches und Charakteriſtiſches haben.
Allein die Unterſuchung dieſer Urſachen hat ſo
große Schwierigkeiten, daß man wohl bloße Wahr-
ſcheinlichkeit durch Muthmaßung herausbringen
duͤrfte.
Mich uͤberzeugen beſonders drey Gruͤnde, daß
in der That das Klima eine Haupturſache des Na-
tionalgeſichts ſey.
1) Sehen wir, daß das Nationalgeſicht bey
gewiſſen Voͤlkern eines gewiſſen beſtimmten Him-
melsſtriches ſo gemeinſam, und bey den Menſchen
verſchiedner Staͤnde und Lebensarten immer eins und
daſſelbe ſey, daß man es kaum einer andern Urſache
zuſchreiben kann. Zum Beyſpiel dienen die Sineſer,
welche alle ihr gleichſam flaches Geſicht eben ſo gut
charakteriſirt, als bey uns Europaͤern die Englaͤn-
der und Majorkauer 105) ihre ſymmetriſche und unge-
meine Schoͤnheit.
2) Auch
105) S. Memoires du Cardinal de Retz. Th. 3. S. 343.
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
"Über die natürlichen Verschiedenheiten im Mensch… [mehr]
"Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte" ist die überarbeitete Fassung von Blumenbachs Dissertationsschrift "De generis humani varietate nativa" (1. Aufl. 1775 bei Friedrich Andreas Rosenbusch in Göttingen). Die Dissertation erschien in lateinischer Sprache; für das DTA wurde Johann Gottfried Grubers Übersetzung der dritten Auflage von Blumenbachs Dissertation (1795 bei Vandenhoek & Ruprecht) digitalisiert, die 1798 in Leipzig bei Breitkopf & Härtel erschien. Erstmals lag hiermit Blumenbachs Werk "De generis humani varietate nativa" in deutscher Sprache vor.
Blumenbach, Johann Friedrich: Über die natürlichen Verschiedenheiten im Menschengeschlechte. Leipzig, 1798, S. 134. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/blumenbach_menschengeschlecht_1798/168>, abgerufen am 11.09.2024.
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