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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742.

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des deutschen Witzes.
"wenn jemahls der französische Geist auf Nar-
"renpossen verfallen ist, so ist es heut zu Tage.
"Unter hundert Büchern, die zu Paris gedruckt
"werden, ist kaum ein kluges; denn die Ro-
"manenseuche hat alles überschwemmet, so daß
"man fast dencken sollte, die gantze Nation
"sey von einer rechten Kranckheit angesteckt,
"die man die Fabelsucht nennen könnte."

4.)
Jn der 83sten Anmerck. zum 2ten Th.

"Lud-
"wig der XIV. ist über diese Schwachheit weg!
"Es ist ihm gleichviel, ob er mit Betrug oder
"durch Tapferkeit siegt; ob er seine Feinde
"schlägt, oder die Generale besticht; die Ve-
"stungen erobert, oder von verrätherischen Com-
"mendanten erkauffet. Vortrefflicher Ruhm!"

5.) Jn der 105ten Anm.

"Und vielleicht sind
"die Zeiten schon gekommen, da es uns an
"einem so muthigen und lebhaften Geiste unter
"den deutschen Printzen nicht mehr fehlet, dem
"es nur noch an einer gelinden Lenckung
"und Bestimmung fehlet,
sich für die Rechte
"Deutschlands wider Franckreich zu erklären."
6.) "Welcher Franzose ist doch wohl vermögend,
"die sclavische Neigung, seinem Könige zu
"schmeicheln, bey sich zu bändigen: Da man
"so gar auch mit Eckel und Abscheu sehen muß,
"daß sie ihren itzigen König bis an den Himmel
"erheben; der doch, nach aller Vernünftigen
"Geständnisse, sehr wenig von dem guten
"Ludewigs des
XIV. an sich hat."

Zeigen
nicht diese Exempel unwidersprechlich, daß die
hochdeutsche Höflichkeit von der niederträchtigen

Schmei-
des deutſchen Witzes.
„wenn jemahls der franzoͤſiſche Geiſt auf Nar-
„renpoſſen verfallen iſt, ſo iſt es heut zu Tage.
„Unter hundert Buͤchern, die zu Paris gedruckt
„werden, iſt kaum ein kluges; denn die Ro-
„manenſeuche hat alles uͤberſchwemmet, ſo daß
„man faſt dencken ſollte, die gantze Nation
„ſey von einer rechten Kranckheit angeſteckt,
„die man die Fabelſucht nennen koͤnnte.„

4.)
Jn der 83ſten Anmerck. zum 2ten Th.

„Lud-
„wig der XIV. iſt uͤber dieſe Schwachheit weg!
„Es iſt ihm gleichviel, ob er mit Betrug oder
„durch Tapferkeit ſiegt; ob er ſeine Feinde
„ſchlaͤgt, oder die Generale beſticht; die Ve-
„ſtungen erobert, oder von verraͤtheriſchen Com-
„mendanten erkauffet. Vortrefflicher Ruhm!„

5.) Jn der 105ten Anm.

„Und vielleicht ſind
„die Zeiten ſchon gekommen, da es uns an
„einem ſo muthigen und lebhaften Geiſte unter
„den deutſchen Printzen nicht mehr fehlet, dem
„es nur noch an einer gelinden Lenckung
„und Beſtimmung fehlet,
ſich fuͤr die Rechte
„Deutſchlands wider Franckreich zu erklaͤren.„
6.) „Welcher Franzoſe iſt doch wohl vermoͤgend,
„die ſclaviſche Neigung, ſeinem Koͤnige zu
„ſchmeicheln, bey ſich zu baͤndigen: Da man
„ſo gar auch mit Eckel und Abſcheu ſehen muß,
„daß ſie ihren itzigen Koͤnig bis an den Himmel
„erheben; der doch, nach aller Vernuͤnftigen
„Geſtaͤndniſſe, ſehr wenig von dem guten
„Ludewigs des
XIV. an ſich hat.„

Zeigen
nicht dieſe Exempel unwiderſprechlich, daß die
hochdeutſche Hoͤflichkeit von der niedertraͤchtigen

Schmei-
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[31/0031] des deutſchen Witzes. „wenn jemahls der franzoͤſiſche Geiſt auf Nar- „renpoſſen verfallen iſt, ſo iſt es heut zu Tage. „Unter hundert Buͤchern, die zu Paris gedruckt „werden, iſt kaum ein kluges; denn die Ro- „manenſeuche hat alles uͤberſchwemmet, ſo daß „man faſt dencken ſollte, die gantze Nation „ſey von einer rechten Kranckheit angeſteckt, „die man die Fabelſucht nennen koͤnnte.„ 4.) Jn der 83ſten Anmerck. zum 2ten Th. „Lud- „wig der XIV. iſt uͤber dieſe Schwachheit weg! „Es iſt ihm gleichviel, ob er mit Betrug oder „durch Tapferkeit ſiegt; ob er ſeine Feinde „ſchlaͤgt, oder die Generale beſticht; die Ve- „ſtungen erobert, oder von verraͤtheriſchen Com- „mendanten erkauffet. Vortrefflicher Ruhm!„ 5.) Jn der 105ten Anm. „Und vielleicht ſind „die Zeiten ſchon gekommen, da es uns an „einem ſo muthigen und lebhaften Geiſte unter „den deutſchen Printzen nicht mehr fehlet, dem „es nur noch an einer gelinden Lenckung „und Beſtimmung fehlet, ſich fuͤr die Rechte „Deutſchlands wider Franckreich zu erklaͤren.„ 6.) „Welcher Franzoſe iſt doch wohl vermoͤgend, „die ſclaviſche Neigung, ſeinem Koͤnige zu „ſchmeicheln, bey ſich zu baͤndigen: Da man „ſo gar auch mit Eckel und Abſcheu ſehen muß, „daß ſie ihren itzigen Koͤnig bis an den Himmel „erheben; der doch, nach aller Vernuͤnftigen „Geſtaͤndniſſe, ſehr wenig von dem guten „Ludewigs des XIV. an ſich hat.„ Zeigen nicht dieſe Exempel unwiderſprechlich, daß die hochdeutſche Hoͤflichkeit von der niedertraͤchtigen Schmei-

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/31>, abgerufen am 08.08.2022.